Keltische Knochen/Gedelöcke
Keltische Knochen
Festgeregnet!…… Wem steigt nicht bei diesem Worte eine gespenstische
Erinnerung in der Seele auf? eine Erinnerung an eine Stunde — zwei Stunden —
einen Tag — zwei, drei, vier — acht Tage, wo er oder sie ebenfalls festgeregnet
war — festgeregnet an einer Straßenecke, unter einem Torwege, bei einem
Freunde oder einer Freundin, in einer Dorfkneipe, auf dem Brocken, dem
Inselsberge, dem Rigi oder dem Schafberge?
Es ist eine leidige Vorstellung — festgeregnet! Grau, greinend und
griesgrämlich kriecht sie heran, streckt hundert fröstelnd-kalte, feuchte
Fangarme nach dem warmen Herzen aus und ist so schwer los zu werden, wie
alles andere Unbehagliche, Unbequeme, Ungelegene in der Welt.
In Ischl spazierten die schönen Damen auf der Esplanade im glänzendsten
Sonnenschein, als wir ausfuhren, und sämtliche arme Hämorrhoidarier, Drüsen-
und Skrofelkranke hatten ihren Jammer in die freie Luft getragen: auch die
königlich-kaiserliche Familie fuhr spazieren.
In der Nähe von Laufen, im heiligen Bezirk der schönen, holdseligsten Maria
im Schatten zog die allerschönste, aber auch allereigensinnigste Dame Natur den
Nebelschleier über das Gesicht, und als wir auf dem See schifften, wurde dieser
Schleier und unsere Hoffnung auf einen schönen Tag vollständig zu Wasser. Es
scheint eben in den angenehmsten Gegenden am liebsten zu regnen; aber
vielleicht war auch der fromme Dichter, welchen wir mit uns führten und
welcher jedenfalls unter dem Zeichen des Wassermannes geboren war, schuld
daran.
Wir waren unserer drei, und trotz allem war der Dichter der Edelste von uns;
er hieß leider Krautworst und war aus Hannover, sagte natürlich beides nicht
gern, sondern stellte sich meistens als den Verfasser der Lebensblüten vor und
dar; sonst nannte er sich auch wohl, glänzenden aber ebenfalls von der Prosa
ihres Namens oder Geburtsortes erdrückten Beispielen folgend, Roderich von
der Leine. Er hatte uns in Linz im Erzherzog Karl aufgegabelt, hielt krampfhaft
wenigstens an mir fest, schwärmte für Linz und ließ nicht selten geheimnisvolle
Andeutungen fallen, daß er daselbst etwas erlebt habe. Seine öftere
Geistesabwesenheit und Zerstreutheit gab Anlaß zur Vermutung, daß er dieses
Erlebte poetisch zu verwerten im Begriff sei; seine lyrischen Wehen hatten oft
etwas Beängstigendes für mich; affizierten jedoch den dritten in unserm Bunde
weniger. Dieser dritte war, ohne sich dafür zu geben, ein Geheimnis, und ebenso
verschlossen, wie der Poet offenherzig und mitteilungswütig war. In die
Fremdenbücher zeichnete er sich kurz als Zuckriegel; ich hegte aber einigen Zweifel, ob dies wirklich sein Name sei; bis er in Wien in den drei Raben höchst
unmotivierterweise in einen Streit geriet, der ihn und mich vor die königlich-
kaiserliche Polizei führte und ihn zwang, mit seinem Paß herauszurücken. Er
hieß in der Tat Zuckriegel, ohne sich dessen zu schämen, und war Prosektor an
einer kleinen norddeutschen Universität, hatte jedoch in seinem Äußern sowohl,
als in seinem Innern sehr viel vom Scharfrichter. Nur ein schlechter Charakter,
gleich dem seinigen, konnte es über sich gewinnen, einen so guten Menschen
wie den Dichter durch ein ewig wiederholtes Auftischen des gehaßten
Familiennamens Krautworst an allen Nervenenden zu zupfeln und zu kitzeln.
Zuckriegels Reisezweck war, die Knochen des unbekannten Volkes am
Rudolfsturm über Hallstadt zu besuchen und womöglich einen Schädel und
einige sonst überflüssige Gebeine für seine osteologische Sammlung zu stehlen
oder, wie er sich euphemistisch auszudrücken beliebte, an sich zu nehmen.
Er liebte es, irgend etwas an sich zu nehmen, wie zum Beispiel den besten
Platz im Wagen, die besten Stücke an der Wirtstafel, sämtliche Zeitungen nach
Tisch, und so weiter. Auf der Fahrt über den Hallstädter See hatte er im
„Einbaum“ die Bank dicht hinter dem breiten Rücken und den Röcken des
lieblichen Schiffermädchens eingenommen und saß sehr geschützt gegen den
Regen, welchen der Wind uns ins Gesicht trieb.
Unser Kleeblatt hatte in Ischl trotz dem prächtigen Sommerwetter arg gelitten:
der fromme Dichter an den reizenden Toiletten der Damen; Zuckriegel an sich
selber und an einem amerikanischen Reverend nebst Familie, welche, nur durch
eine dünne Wand von ihm getrennt, ihn durch nächtliche unendliche Gebete und
näselnden Lobgesang sehr erbost hatten; ich hatte mich durch die Inschrift am
Kurhause: In sale et in sole omnia consistunt verleiten lassen,
das entsetzliche salzige Gesöff und seine Wirkung auf meine gottlob gute
Konstitution zu versuchen, und hatte mich nicht vergeblich in die Gefahr
begeben.
Die Inschrift an der Hygiea:
„Man nennt als größtes Glück auf Erden
Gesund zu sein —
Ich sage nein!
Ein größres ist, gesund zu werden“
gab mir nur einen mittelmäßigen Trost; das „Gesundwerden“ nach diesem
höllischen Schoppen war längst nicht so angenehm als der behagliche Zustand
vor meinem fürwitzigen Anlecken an den Becher der Hekate. Wir mieteten den
Einspänner, setzten Roderich von der Leine neben den Kutscher auf den Bock, fuhren, wie gesagt, an der holdseligen Jungfrau Maria im Schatten und — Regen
vorüber und durch Goisern und Sankt Agatha zur Gosaumühle, wo wir feucht
abstiegen, und wo Zuckriegel sich in einen Wortwechsel mit dem Kutscher
verwickelte, in welchen wir beiden andern uns nicht einmischten, weil wir dem
Rosselenker recht geben mußten, und dieser sich selber zu helfen wußte.
Wir mieteten den Einbaum, das heißt einen Kahn mit einer dicken Jungfrau
und einem Jungen, und wurden von jener Schifferin, welche der Dichter der
Lebensblüten „sich poetischer gedacht“ hatte, über den See gerudert, und ich für
mein armes Teil bedauerte in diesem Augenblick nicht mehr, daß der Tag dunkel
war, denn er paßte zu der Gegend. Wären meine beiden Begleiter, der Junge und
das Schiffermädchen, nicht gewesen, so würde höchstwahrscheinlich der
Schatten Virgils aus den schwarzen Wassern emporgestiegen sein, um sich mir
als Führer auf dem fernern Wege gegen die gebräuchliche Taxe anzubieten.
Ja, das Wasser des Sees war schwarz; schwarz waren die steilrechten Felsen,
die sich im schwarzen Gewölk verloren; es konnte niemand von uns drei
Touristen wissen, ob nicht hinter dem düstern Nebelvorhang die erweiterte Hölle
mit a l l e n seit dem vierzehnten September Dreizehnhunderteinundzwanzig
hinzugekommenen großen und kleinen Missetätern ihren Anfang nehme und in
Roderich von der Leine ihren neuen Schilderer erwarte. Der Name des
Menschen, Krautworst, konnte dabei nicht hinderlich sein; denn Dante
bedeutet in deutscher Zunge auch nichts weiter als „Hirschleder“; aber
Krautworst selber war hinderlich, denn die wunderlich ergreifende Szenerie
machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn; ihn fror, er sprach vom Wechseln
der Strümpfe, von rheumatischem Zahnschmerz und jammerte nach einer Tasse
Tee.
Zuckriegel war schon ein anderer Mann: die Nähe der keltischen oder
sonstigen Gebeine und der Sitz hinter dem walfischhaften Rücken unseres
weiblichen Charons stimmten ihn milde; er glich in diesem Augenblicke weniger
einem Scharfrichter als einem vazierenden Metzger; ob sein Sitz ihn auch
erotisch stimmte, kann ich nicht bestimmt behaupten, stellenweise schien es so.
Nach einer Fahrt von zwei Stunden gewannen wir die Überzeugung, daß
hinter dem Nebel- und Regenvorhang nicht l’inferno seinen Anfang nehme
und seinen Eingang habe; sondern daß daselbst Hallstadt liege oder vielmehr
klebe, und daß die Taxe für die Fahrt nicht unbillig zu nennen sei. Der Einbaum
schoß beim Seeauer ans Land; und wie erotisch Zuckriegel durch unsere solide
Schifferin gestimmt sein mochte, er fühlte sich keineswegs dadurch gehindert,
beim Zahlen mit ihr in Konflikt zu geraten.
Von einem weiblichen Kellner geleitet, stiefelten wir durch den triefenden
Garten selber triefend in das gastliche Haus, und Roderich bestellte zähneklappernd eine Tasse heißester Kraftbrühe. Hinter ihm rauschte der See,
jedoch ohne ihn als Opfer haben zu wollen; im Gegenteil schien er herzlich froh,
ihn losgeworden zu sein. Ich trank Kaffee, Zuckriegel aber entschloß sich zu
einem starken Grog, dessen Bereitung er dann in der Küche selbst überwachte,
da er diesen abgelegenen Erdenwinkel nicht mit Unrecht der richtigen Mischung
dieses angenehmen Getränkes nicht gewachsen glaubte. Seinen Anzug wechselte
er nicht; e r blieb, wie er war, und fing nur in der Atmosphäre der geheizten
Gaststube an, leise zu dampfen. Der Poet erschien nach einer Pause, während
welcher man ihn nicht vermißte, wie ausgewechselt. In blendendem Weiß vom
Kopf bis zu den Füßen war er von Ischl ausgefahren, jetzt stellte er sich von den
Füßen bis zum Kopfe karriert dar, und wenn es seine Absicht war, in Hallstadt
Aufsehen zu machen, so war dieses Kostüm wahrlich geeignet, ihn seinen
Zweck erreichen zu lassen; auf einem nach der Kirchturmspitze ausgespannten
Seile würde es das Natürlichste von der Welt gewesen sein. Sämtliche in der
Gaststube anwesende Augen sprangen fast aus ihren Höhlungen, und die
Kellnerin sprang mit einem recht unzivilisierten Aufkreisch in die Küche,
worauf einen Moment später ein seltsames Gedränge von plattgedrückten Nasen
an den Scheiben des dunklen Schiebfensters neben dem Ofen zu sehen war. Der
Poet konnte mit dem Eindruck, welchen er hervorbrachte, zufrieden sein. Er war
es auch, und setzte die Gaststube zum zweiten Male dadurch in Verwunderung,
daß er seine Kraftbrühe wie jeder andere, gewöhnliche, nicht karrierte Mensch
trank; jedermann schien das Gegenteil erwartet zu haben.
Der Himmel zeigte jetzt, daß er es gut mit uns gemeint habe; wenn er während
der Fahrt nur leise auf uns herabtröpfelte, so tat er jetzt, da er uns unter Dach und
Fach wußte, seinen Gefühlen keinen Zwang mehr an und zog seine
Reserveschleusen. Es war zwei Uhr, und es regnete entsetzlich; der Wirt freute
sich unseres Daseins in seinem Etablissement, und ein Autochthone tröstete uns
aus einem fernen Winkel, daß wir nicht die ersten seien, die bei solchem Wetter
in Hallstadt anlangten, und daß wir wahrscheinlich auch nicht die letzten sein
würden, die bei ebensolchem Wetter es wieder verließen. Den Faust kannte der
Eingeborene nicht und verwunderte sich deshalb zum drittenmal über den
karrierten Dichter, welcher hohläugig und mit hohler Stimme rezitierte:
„Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen, daß mehr als ein
Geschöpf in die Tiefe dieses Elends versank, daß nicht das erste genug tat für die
Schuld aller übrigen!“
Frech setzte der Prosektor das Geschäft fort und fragte mit den Worten
Mephistos:
„Warum machst du Gemeinschaft mit uns, wenn du sie nicht durchführen
kannst?… drangen wir uns dir auf oder du dich uns? Fahren Sie fort, Herr Krautworst und sehen Sie nicht so mürrisch aus! ich habe Sie doch nicht
k o n t r e k a r r i e r t ?“
Herr Krautworst fuhr nicht fort, er ärgerte sich sehr über das Zitat Zuckriegels,
konnte jedoch nichts dagegen machen und besann sich erst fünf Minuten später,
als der Prosektor dem Wirt das Küchenbulletin abverlangte, auf den empörten
Ausdruck Fausts: „Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen! mir
ekelt’s!“
Es war zu spät, auch dieses Zitat noch anzubringen; — und wir speisten zu
Mittag und es gelang mir, einen mit Messer und Gabel bewaffneten Frieden
zwischen dem Manne der Wissenschaft und dem Manne der Poesie herzustellen.
Als aber nach Tisch der Prosektor bemerkte:
„Wahrhaftig, es regnet wahrhaft musenalmanachartig; das ist ein Wetter für
einen Dichter, Herr Krautworst! wenn es mir nur nicht meine Knochen
fortschwemmt!“ da schob der Poet den Stuhl zurück, griff nach dem
Regenschirm, hing das Plaid über die Schultern und schritt mit einem
vernichtenden Blick auf den Spötter aus der Tür. Es war, als ob Prometheus dem
Geier mit titanenhafter Verachtung den Rücken zeige. „Um Gottes willen, halten
Sie ihn fest!“ rief mir Zuckriegel zu. „Jetzt habe ich ihn in die rechte Stimmung
versetzt; in einer halben Stunde ist er mit seinen gereimten Linzer Erlebnissen
wieder da. Geben Sie Achtung, ob er sich nicht rächt; halten Sie ihn, bringen Sie
ihn zurück, ich will Abbitte tun.“
„Sie lobe ich mir als Reisegefährten,“ sprach ich und ging dem guten
Roderich nach. Solus cum solo war der Prosektor bei solchem Wetter doch
nicht zu ertragen, die Last war zu schwer für die Schultern eines einzelnen
Menschen. Von der Tür aus sah ich noch, wie er sich so gleichmütig als lang auf
drei Stühlen ausstreckte und seine Reiselektüre, einen Band von Avé-Lallemants
Geschichte des deutschen Gaunertums, durch deren Studium er sich mit Eifer
auf sein großes Unternehmen vorbereitete, hervorzog; — durch einen dunkeln
niedern Gang gelangte ich ins Freie, oder das, was man in Hallstadt das Freie
nennen kann, und traf am Ausgang auf den Hospes, den ich fragte, was man bei
solchem Regen „am Hallstädter See sehen“ könne?
„Hallstadt!“ sagte der Wirt, und er hatte recht, dreifach recht; Hallstadt ist bei
jedem Wetter eine Merkwürdigkeit. Nirgends in der Welt vielleicht gibt es so
viel Treppen auf so engem Raume als hier. Der Flecken macht den Eindruck, als
sei er von einer Riesenhand, tüchtig durcheinander gerüttelt und geschüttelt, an
den lotrecht aus dem schwarzen See aufsteigenden Felsen geworfen und kleben
geblieben. Zwei Monate im Jahre soll ihn die Sonne nicht erreichen, und ich
glaube es gern. Wo die Dächer aufhören, fangen die Straßen an; in keiner Stadt
der Erde muß es so gefährlich sein, sich einen Rausch zu trinken, wie hier. Man schwindelt, wenn man empor-, und man schwindelt, wenn man hinuntergeht; —
man fühlt sich selbst ohne Rausch keineswegs sicher auf seinen Füßen, und das
Entzücken, mit welchem man zwischen zwei grauen Hauswänden, oder durch
sonst eine Lücke in dem Mauer- und Felsenwerk auf den Spiegel des Sees und
die Steierschen Alpen am jenseitigen Ufer sieht, ist stets von einer gewissen
Beklemmung, einer nahen Cousine des Alpdrückens, begleitet. Die Häuser
haben in Hallstadt das Recht, betrunken zu sein; die Vorsehung wacht über sie
und behütet sie an den unmöglichsten Orten vor Schaden; wenn aber, was
ebengenannte Vorsehung jedenfalls verhüten wird, einmal eins von diesen
Häusern einfallen sollte, so wird es unzweifelhaft seine sämtlichen Genossen mit
sich in den Abgrund reißen, und das ganze Nest wird zusammenfallen wie ein
Kartenhaus, jedoch mit mehr Gepolter. Sehr richtig bemerkt Baedecker, daß in
Hallstadt weder Pferd noch Wagen zu finden ist, und es kann einen nur wundern,
daß der große Tourist hiesigen Orts danach gesucht hat. Ich erblickte nicht
einmal einen Esel; als ich aber, vom Hospes auf den Mühlbach des Ortes
aufmerksam gemacht, von zarter Hand zurechtgewiesen, an das romantische
Wasser gelangte, stand Roderich von der Leine mit der Brieftasche in der Hand
und dem Silberstift an den melodischen Lippen in einem dunklen Torbogen
neben dem Gesprüh und Geplätscher, umgeben von einem achtungsvollen, aber
erstaunten Kreis älterer und jüngerer Hallstädter von beiden Geschlechtern. Da
ich weder ihm noch mir die Stimmung verderben wollte, so verschob ich die
Besichtigung dieses berühmten Mühlbaches auf eine andere Stunde und ließ den
Dichter für jetzt im unbestrittenen Besitz des Wasserlaufes; — man soll weder
Diana noch den Poeten im Bade stören, so verlockend die Gelegenheit dazu sein
mag.
Scheu wich ich zurück und geriet auf Umwegen zu der neuerbauten Kirche
der Protestanten, die ihren Zweck erfüllte und deren Entstehung nach langem
Kampfe mich sehr befriedigen mußte, welche ich jedoch, da sie verschlossen
war, links liegen ließ, um mich zu der katholischen Kirche zu wenden.
Die katholischen Kirchen sind immer geöffnet, und den Weg zu ihnen findet
man auch, wenn man ihn recht sucht, wozu Roderich von der Leine, oder wie ich
ihn hier nennen darf, Krautworst aus Hannover, merkwürdige Belege aus seinem
Erfahrungskreise liefern konnte.
Treppen, Treppen, Treppen! Hinauf, hinunter, hinauf! Feuchte, mit üppigen,
sehr gesunden Mauerpflanzen bedeckte Mauern, tröpfelndes überhängendes
Gebüsch aller Art — ein Kirchhof mit prächtigem, beperltem Grün, alten und
neuen Denksteinen, Kreuzen, verregneten natürlichen und künstlichen Blumen,
Goldflittern und Bändern, ein Kirchhof mit Aussicht über eine niedere Mauer,
ein Kirchhof mit einer Aussicht über den wunderbarsten See auf das „Tote Gebirge“! — ich freute mich, daß ich kein Gedicht zu machen brauchte und
keinen Ruf aufrecht zu erhalten hatte, wie der Verfasser der Lebensblüten;
sondern nach einem trunkenen Blick auf all die keusch vom Regen verschleierte
Schönheit ruhig meinen Regenschirm und meine ästhetischen Fühlhörner
einziehen konnte, um auch das Innere des trefflichen alten Kirchleins zu
besichtigen. In welchem Jahre und von welchem Künstler der Altarschrein
geschnitzt ist, weiß ich nicht, und es geht mich auch gar nichts an, und das alte
Weib, welches davor kniete, ging’s ebenfalls nichts an. Ich setzte mich in einen
dämmerigen Kirchstuhl und hörte dem Murmeln der Alten und dem Klingen der
Tropfen draußen vor den Spitzbogenfenstern und dem Rauschen des Regens in
den Bäumen zu und duldete es ohne Widerstreben, daß Zuckriegel und
Krautworst in meiner Seele allmählich immer mehr zu mythischen Personen
wurden, und ich selber ein Ding ohne Bedeutung für das reale Leben, die
Geschäftswelt und die Schreibstube. Ich entschwand mir selber in dieser
märchenhaften Minute, verwahre mich übrigens ernstlich gegen jeden Gedanken
an Einschlafen; ganz genau und ohne jedes schreckhafte Auffahren wußte ich,
was es bedeuten sollte, als die Alte nach beendigtem Gebet auf mich zu
humpelte und mir die offene, knöcherne Pfote unter die Nase hielt. Ich habe es
nicht geträumt, daß sie Dominika Schönrammer hieß und ihr Sohn Seppel
Schönrammer, und daß sie mir zur Begründung ihres Anspruchs an mein gutes
Herz und meinen Geldbeutel die ängstliche und tränenvolle Mitteilung machte,
wie genannter Seppel augenblicklich nicht daheim, sondern drüben — hinter den
Bergen, — drunten — in Italien sei, um dem Kaiser das Land zu verteidigen.
Nun wußte ich auf einmal wieder, daß wir Achtzehnhundertneunundfünfzig
schrieben, und daß ich nur deshalb Wien verlassen und mich in die Berge
geflüchtet hatte, um den Jammer wenigstens stundenlang von der Seele
loszuwerden. Dies liederliche Wien! bei allem Elend konnte es einem doch noch
Spaß machen durch die Art, wie es sich unter den sich häufenden Kalamitäten zu
trösten suchte. Während das junge kräftige Kind Italia seine Windeln sprengte
und der alten grämlichen Wartefrau Austria das Saugfläschchen an die Nase
warf, studierte Wien, bekanntlich nicht die sittlichste Stadt der Welt, die
statistisch-moralischen Tabellen Frankreichs, zog Trost aus der Auflockerung
aller sittlichen Bande in der gallischen Nation, und erwartete sein Heil von der
Abnahme der Bevölkerung, welche unausbleiblich die Folge solcher greulichen
Verderbnis war. Was für einen Orden jener kluge Mann erhalten hat, der zuerst
dem denkenden Österreichertum dieses treffliche und einleuchtende Theorem in
die Hände gespielt hat, kann ich leider nicht sagen. Verdient hat er einen.
Aber Seppel? Seppel Schönrammer?! Können wir uns diesen Joseph
Schönrammer entgehen lassen? Ein Kirchhof mit der Aussicht auf den Hallstädter See, eine arme, alte Mutter unter dem weinenden Himmel — eine
bleiche, liebliche, ländliche Braut, welche die Stufen der Kirche emporsteigt, um
der Jungfrau Maria eine geweihte Kerze zu bringen und der alten Mutter für das
Leben des Sohnes bitten zu helfen, — — drei Seiten Manuskript, welche, die
pekuniären Vorteile ganz beiseite gelassen, die Aktien unseres
schriftstellerischen Verdienstes in jeder milden Frauenbrust hochsteigen lassen
würden, — — o Roderich von der Leine, o Rodrigo, Rodrigo!
Es ist traurig, nicht nur für die Damen, sondern auch für mich: eine
novellistische Rührung kann an dieser Stelle nicht statuiert werden. Seppel
schien den schmelzenden Gefühlen der Liebe bis dato gänzlich fremd geblieben
zu sein; auf d i e s e m „unberührten Klavier“ war der „erste einweihende
Silberton“ noch nicht erklungen. Seppel Schönrammer ließ keine in Angst und
Schmerz vergehende Braut hinter sich zurück; aber sakrisch geflucht hat er, als
er mit Knappsack, Kuhfuß und Feldkessel ausziehen mußte, um das zu schützen,
was andere zusammengeheiratet hatten. Böse Ahnungen in betreff des
Feldkessels bewegten seine sonst sehr ahnungslose Brust; ach, sie erfüllten sich,
der Blechtopf sollte leer bleiben wie Seppels Herz und Schädel und nur durch
hohles Geklapper auf dem Tornister seine Unentbehrlichkeit zur
Kriegsausrüstung des tapfren österreichischen miles impeditus auf dem
Marsche wie in der Feldschlacht dartun.
Wenn ich nun auch nicht hoffen darf, durch diese Episode meines Hallstädter
Aufenthalts meine Leser und Leserinnen zu rühren, so rührte mich selber doch
die Erzählung der Alten tief, und ich schenkte ihr einen von jenen Guldenzetteln,
welche die Regierung, wenn auch nicht über den Bedarf, so doch über die
Verabredung hatte drucken lassen.
Mit den besten Wünschen für einander und den Joseph in der Lombardei
nahmen wir Abschied; nach einem letzten Blick über die Mauer des Kirchhofs
verließ ich ihn und stieg wieder abwärts dem Seeauer zu, getrieben von dem
Bedürfnis, mich zu erkundigen, wie Zuckriegel während meiner Abwesenheit
seines Daseins Last ertragen habe. Es regnete selbstverständlich ruhig weiter.
Mein trefflicher Ortssinn, der mir nirgend so sehr zu statten kam wie in
Hallstadt am Hallstädter See, führte mich ohne viele Umwege zum Wirtshaus
zurück, und durch die bereits erwähnte Hinterpforte und den dunkeln Gang
gelangte ich wohlbehalten zur Tür der Gaststube. Aber lauschend stand ich still;
— Zuckriegel hatte drinnen die höchsten Register seiner Stimme gezogen, und
eine andere Stimme sang die Antistrophe mit ihm zu gleicher Zeit, was von
ausgezeichnet unharmonischer Wirkung war. Das Küchenpersonal drängte sich
verschüchtert-exaltiert auf dem Gange; ich aber, der ich bereits wußte, daß unser
Reisegenosse sehr gern und sehr leicht in einen Wortwechsel geriet, öffnete die Stubentür und trat ein. Starr, zweifelnd blieb ich auf der Schwelle stehen und
sperrte den Mund auf, ohne die Türe zu schließen.
Ich habe im Wiener Prater einen Tausendkünstler gesehen, der ein lebendiges
Kaninchen an den Hinterbeinen packte, es in der Mitte durchriß und dem
erstaunten und begeisterten Publiko nunmehr in jeder Hand ein lustig zappelndes
Tierchen präsentierte. Ein ganz ähnliches Experiment schien mit dem Prosektor
Zuckriegel vorgenommen worden zu sein; — er war zum zweitenmal in der
Gaststube beim Seeauer vorhanden und — zankte sich bereits aufs heftigste mit
seinem Doppelgänger. Das Buch vom deutschen Gaunertum war verächtlich zu
Boden geworfen, ebenso zwei von den Stühlen, auf welchen der nicht nur große,
sondern auch lange Mann seine Mittagsruhe gehalten hatte. Mit ihren Brieftafeln
in den Händen gestikulierten beide streitende, hagerne, lederfarbene, grau in
grau kolorierte Gesellen aufeinander ein und suchten sich gegenseitig zu
überschreien. Der Fremde dampfte, wie Zuckriegel gedampft hatte, — ein
Beweis, daß er vor noch nicht langer Zeit eingetroffen sein konnte.
„Um Gottes Willen, Herr Prosektor! meine Herren! meine Herren!“ rief ich
beschwörend, zwischen die beiden erhitzten Kämpfer springend. „Mäßigen Sie
sich doch, Herr Zuckriegel! Was gibt es denn? was ist denn vorgefallen?“
„Und ich sage Ihnen, Sie irren sich durchgängig!“ schrie Zuckriegel. „Ich
widerlege Ihre Aufstellung Punkt für Punkt; — — wollen Sie mich endlich ruhig
anhören?“
„Nein!“ krächzte sein ihm so ähnliches Gegenpart. „Weshalb sollte ich Sie
ruhig anhören, da Sie mich nicht aussprechen lassen wollen? Beharren Sie nur
auf Ihrer Meinung; — — ich werde gegen Sie schreiben; ich werde der Welt Ihre
Hypothesen vorlegen und in der rechten Beleuchtung zeigen.“
Zuckriegel schoß auf und nieder, wie der Kerl mit dem langen Halse im
Puppenkasten. Sein Hals entwickelte eine grauenerregende Dehnbarkeit; er
mußte jedenfalls aus einem elastischeren Stoffe als Gummielastikum bestehen.
„Schreiben Sie, schmieren Sie! Ich werde Sie niederschreiben, ich werde Sie
platt schreiben wie eine Bettwanze. Ich werde Ihren krassen Ignorantismus vor
der Welt ausklopfen, daß die Motten herausfliegen sollen; ich werde —“
Ich faßte den empörten Reisegenossen um den Hals und schob ihn zurück; ich
schob auch den nachrückenden grauen Fremdling zurück und hielt die beiden
Streithähne mit meinem triefenden Regenschirm auseinander.
„Herr Prosektor,“ sagte ich, „ich bitte jetzt höflichst, mir diesen Herrn
vorzustellen — Herr Prosektor, ich bitte Sie, sich zu beruhigen — mein Herr,
lassen Sie mich den Neutralen spielen, lassen Sie mich den Friedenskongreß
eröffnen —“
„Ich bin Professor Steinbüchse aus Berlin,“ sprach der Fremdling. „Professor der Altertumskunde Steinbüchse, auf einer wissenschaftlichen Reise zu den
neuentdeckten Leichenfeldern am Hallstädter See im Salzkammergut begriffen.“
„Ah!“ sagte ich, aber Zuckriegel schrie:
„Er behauptet, es seien keltische Knochen; jedes Kind sieht —“
„Ein Kind sieht hier germanisches Gebein,“ schrie Steinbüchse, „aber jeder
unver—“
„Halt, halt, halt, meine Herren!“ schrie auch ich jetzt mit aller Kraft meiner
Lungen. „Keinen neuen Friedensbruch! keine unnötigen Anzüglichkeiten! keine
gelehrten Redeblumen! Bitte, Herr Professor, kommen Sie soeben von diesen
fraglichen Knochen zurück?“
„Ich bin auf der Reise dorthin begriffen.“
„Also haben Sie eben diese Knochen noch gar nicht gesehen?“
„Nur durch das Medium der öffentlichen Blätter.“
„Und Sie sind auch noch gar nicht oben am Rudolfsturm gewesen, Herr
Zuckriegel?“
„Bei diesem Wetter? Müßte doch ein Narr sein! Die Knochen schwimmen
nicht fort, und ich kann warten. Lag ruhig auf dem Rücken und las den Avé-
Lallemant, als ich überfallen wurde von diesem — — —“
Der Rest der Rede ging in einem undeutlichen Gemurmel verloren, ich glaube
etwas von „böotischem Hochstapler“ vernommen zu haben; heiser wie ein
vermittelnder neutraler Gesandter auf einer Friedenskonferenz rief ich:
„Reichen Sie sich die Hände, meine hochverehrten Herren. Ohne Umstände
— seien Sie Brüder, wie Sie Kollegen sind. Die Wissenschaft schreitet am
besten durch das heitere Bündnis aller Kräfte fort. Lassen Sie uns friedfertig
zusammen zu Abend essen und morgen früh frisch, fromm, froh emporsteigen zu
diesen geheimnisvollen Gebeinen, und den Streit an Ort und Stelle zum Austrag
bringen.“
Durch mehrere verhängnisvolle Augenblicke sahen sich die beiden Gelehrten
grimmig an; dann aber zeigte Steinbüchse, daß er noch nicht ganz dem Prosektor
ähnlich sei; er erklärte sich bereit, Frieden und den Mund zu halten bis morgen
früh; setzte jedoch hinzu, daß er morgen früh bei j e d e m Wetter zum
Rudolfsturm hinaufklettern werde.
Knurrend nahm Zuckriegel sein Gaunerbuch wieder vom Boden auf, zu einem
weitern Zugeständnis in bezug auf diese so mühsam errichtete treuga Dei
ließ er sich nicht herab. Daß der fromme Dichter in diesem Augenblick ins
Zimmer hüpfte, trug mehr als alles übrige dazu bei, die Gemüter zur Ruhe zu
bringen; der besänftigende Zauber der Poesie trat einmal wieder so recht klar
zutage.
Roderich von der Leine war sehr naß, so naß, daß er sich am besten selbst auf die Leine zum Trocknen gehängt hätte. Aber er dachte nicht daran. Seine
Sehorgane rollten in dem bekannten schönen Wahnsinn; auch er hielt seine
Brieftasche in der Hand, und es tröpfelte aus ihr. Die Geburt war vollendet, der
Verfasser der Lebensblüten hatte seine Linzer Erlebnisse unter dem Einfluß des
erfrischenden Gestäubes des Hallstädter Mühlbachs in Reime gebracht;
Zuckriegel stöhnte schwer.
Ich stellte den Professor Steinbüchse und den Dichter einander vor, und der
Professor offenbarte eine neue Unähnlichkeit mit dem Prosektor; er war höflich,
er war duldsam, ja er war sogar zuvorkommend gegen den Poeten und bat ihn
herzlich, sich doch ja nicht durch seine Gegenwart abhalten zu lassen, sein
Gedicht vorzutragen. Vielleicht war und tat er das alles nur, weil er die
Grimassen, das Schnauben, Achselzucken, all die kläglichen Windungen
Zuckriegels bemerkte und deutete.
„Ja, lesen Sie, tragen Sie vor,“ sagte ich, nicht ohne den Spuren des Professors
zu folgen.
„Würde es nicht besser sein, wenn Sie erst den Anzug wechselten?!“ seufzte
Zuckriegel. „Sie können sich leicht sehr arg erkälten, Herr Krautworst. Es wäre
doch recht schade, wenn Sie durch jugendliche Unbesonnenheit sich selbst um-,
und die Nachwelt um Ihre noch unerschaffenen unsterblichen Werke brächten.“
Da die weißen Gewänder noch immer naß in der Küche am Herde hingen, so
hätte Rodrigo sich nur in das Kostüm Adams werfen können, wenn er den
zärtlichen, besorglichen Ratschlägen Zuckriegels hätte Folge geben wollen. Die
innere Aufregung hob ihn übrigens über alle rheumatischen, katarrhalischen
Befürchtungen hinweg:
Den hohen Göttern war er eigen,
Ihm durft nichts Irdisches sich nahn.
„Wollen Sie nicht wenigstens andere Strümpfe anziehen? ich würde sehr dazu
raten. Junge Dichter sind so schon sehr zu Kongestionen nach dem
Cerebralsystem geneigt,“ sagte Zuckriegel in wahren Flötentönen.
Der Dichter schüttelte nur zerstreut das Haupt; er blätterte heftig in seinem
Notizbuche.
„Nun denn, in drei Teufels Namen, so lassen Sie’s laufen!“ schnauzte
Zuckriegel, zum Äußersten und um seine Kosten in Hinsicht auf die vorige
Höflichkeit und Milde gebracht.
Roderich von der Leine wendete sich zu uns:
„Haben Sie bereits den Mühlbach gesehen, meine Herren?“
„Nein,“ sagte ich, und auch Steinbüchse hatte noch nicht das Vergnügen gehabt.
„Sie müssen ihn sehen!“ rief emphatisch der Poet. „Originell, — romantisch
im höchsten Grade. Da ist ein alter dunkler Bogen mit einer Nische und einem
Bilde, einem Bilde des heiligen — wenn ich nicht irre, des heiligen Sebastian
drin; ich habe über zwei Stunden dort gestanden.“
„Den Mühlbach sah ich nicht; Sie aber sah ich, liebster Freund, wollte Sie
jedoch nicht stören.“
Dankend neigte Roderich das Haupt gegen mich, dann aber fuhr er mit der
Brieftafel ruckartig gegen die Nase und begann, anfangs schüchtern, dann aber
immer mutiger, mit den bekannten Seitenblicken auf die Zuhörerschaft:
„Grau verschleiert schaun die Berge
Auf die fremde Stadt herein,
Unablässig rieselt’s nieder,
Und ich gähne kläglich drein.“
„Grade wie ich!“ knurrte Zuckriegel, der die verdrießliche Nase wieder in seinen
Avé-Lallemant gesteckt hatte.
„Gott, o Gott, ach woll es wenden,
Gott, Erbarmen habe du!
Sende mir in diesem Trübsal
Einen deiner Engel zu!“
„Mir auch! ich bitte dringend!“ seufzte Zuckriegel.
„Goldgelockt, mit blauen Augen,
Schlank und weiß von Angesicht
Laß ihn sein, um mich zu trösten; —
Flügel, — Flügel braucht er nicht.“
„Ich aber könnte sie gebrauchen!“ seufzte Zuckriegel.
„Von dem Dome summt die Glocke,
Und die frommen Christen schleichen
Durch den Schmutz der Stadt zur Messe;
Gott, o Gott, laß dich erweichen!“
„Was solch ein Mensch doch alles verlangt. Selber kennt er kein Mitleid,“
brummte Zuckriegel.
„Einen Engel send hernieder
Oder einen Sonnenstrahl,
Lasse mich nicht untergehen
Hier in dieser Jammerqual!“
„Auch mich nicht; ich flehe inständigst darum!“ sagte Zuckriegel; der Dichter
aber machte uns darauf aufmerksam, daß sein Gedicht durch feine Einschnitte
gegliedert sei, daß nunmehr eine neue Bilderreihe anhebe. Er fuhr fort:
„Bläulich ringelnd, sanft verwehend
Schwindet der Zigarre Duft;
Unablässig rieselt’s nieder,
Und ich schnappe wild nach Luft.“
Zuckriegel ächzte: „Ich nicht weniger.“
„Aus dem Fenster halben Leibes
Häng’ ich jetzt und hör’ die Tropfen
Drunten in der engen Gasse
Auf die Regenschirme klopfen.“
Zuckriegel wußte ganz genau, auf was e r am liebsten klopfen würde.
„Und das Auge schläfrig müde,
An dem Hause gegenüber,
Von dem Keller bis zum Dache,
Kriecht’s hinauf und senkt sich wieder.“
Zuckriegels Auge kroch auch unheilverkündend an dem Poeten in die Höhe und
senkte sich erst wieder, als jener weiter sprach:
„An des Metzgers Tür dem Hammel,
Ausgeweidet, halbzerfetzt,
Ach, wie gleicht ihm schauderhaftig
Meine arme Seele jetzt!“
Zuckriegel brummte: „Ein schauderhaftiger Vers, sonst aber der einzige, der bis
jetzt meine ganze Billigung hat.“ Laut rief er: „Herr Krautworst, ich mache
Ihnen mein Kompliment über Ihre Kenntnis des menschlichen Innern. Bitte,
tragen Sie die letzten Reime noch einmal vor; — wem glich Ihre arme Seele in jenem denkwürdigen Moment und Seelenzustande?“
„Abteilung drei!“ sagte Roderich von der Leine, den Prosektor verachtend.
„Hinter hohen Spiegelscheiben
In dem blanken Messingbauer
Kreischt ein grüner Papageie
Und erweckt mir neue Schauer.“
„Aber es scheint doch eine gute Schule gewesen zu sein!“ akkompagnierte
Zuckriegel.
„Eine Dam in rotem Sammet
Füttert ihn mit Zuckerbrocken.
Merci! kreischt er, klettert, flattert: —
Alle meine Pulse stocken;
Denn ein neues Bild ist er mir
Aus dem wildbewegten Leben;
Denn mit Flattern, Mercisagen
Hab’ auch ich mich abgegeben.“
Die Verachtung Zuckriegels stieg zu einem solchen Grade, daß er sie während
der folgenden Verse nur noch durch Gesten, die nahe an Verrenkungen grenzten,
auszudrücken vermochte.
„Und ’ne Dam in rotem Sammet
Reicht’ auch mir einst Süßigkeiten;
Merci! merci! rasend werd’ ich,
Denk’ ich heute jener Zeiten.
O du grüner Papagoye
In dem blanken Silberringe,
Häng dich auf an deiner Kette:
Sauer werden süße Dinge.“
„Sehr!“ seufzte Zuckriegel und fügte mit wahrhaft sezierenden Blicken hinzu:
„Ja, wenn er sich nur hängen wollte!“
„Vierte Abteilung!“ sagte der Dichter.
„Und von neuem schläfrig gähnend,
Heb’ ich jetzt die Augenlider;
Hoch und höher schweift das Auge,
Nah dem Dache haftet’s wieder.
Nah dem Dache — Gott, was seh’ ich?
Gott, o Gott, kann’s möglich sein?
In des Regens trostlos Plätschern
Schießt ein Sonnenstrahl herein!
Nah dem Dach ein offen Fenster,
Ganz von Bohnenblüt umwoben!
Gott, o Gott, du hast gerettet!
Dank dir, Dichtergott dort oben!“
„Meine Komplimente an ihn,“ grunzte Zuckriegel, „aber er hätte etwas Besseres
tun können.“
„Nah dem Dach ein offen Fenster,
Und darin ein Engelsköpfchen,
Blaue Augen, weiße Arme,
Rosig Mündlein, goldne Zöpfchen!
Nah dem Dach der ganze Himmel;
O wie fern dem Erdenschmutz!
Nah dem Dach die ewge Wonne!
Schöne Heilge, deinen Schutz,
Deinen süßen Schutz erfleh’ ich, —
Nicht mit Winken — kaum mit Blicken;
Schöne Heilge, schöne Selge,
Willst du nicht hernieder nicken?“
„Sie wäre doch rein verrückt, wenn sie dem Narren den Gefallen täte!“ grunzte
Zuckriegel, sich ganz in die Situation versetzend.
„Ach, sie hebt sich von dem Sitze;
Elfenhaft, im Blütenkranz,
Um den Mund ein Engellächeln
Steht sie hold im Sonnenglanz.
Alle Teufel! Tod und Hölle!
Gott, o Gott, was soll das wieder?
Schönster Engel! Süße Heilige!
Gott, sie läßt den Vorhang nieder.“
„Brava! Brava!“ schrie Zuckriegel, grinsend in die Hände klatschend; doch mit
einem triumphierenden Blick auf ihn sprach Roderich von der Leine:
„Abteilung fünf!“ und der Prosektor versank wieder hinter dem deutschen
Gaunertum.
„Unablässig rauscht’s herunter,
Und ich seufze klagend drein;
Grau verschleiert sehn die Berge
Auf die fremde Stadt herein.
Und das rote Reisehandbuch
Greif’ ich auf und sink’ zurück
Schwer und mit gelösten Gliedern
In den Sessel, und der Blick
Sucht die Stelle, wo es lautet:
‚Linz ist eine schöne Stadt,
Die schlecht Pflaster, einige Menschen
Und auch ein Theater hat.‘
Linz, o Linz am Donaustrande,
Ewig, Linz, gedenk’ ich dein;
Deinem Ruhme und Theater
Will ich diese Verse weihn.
Linz, o Linz am Donaustrande,
Linz in Oberösterreich,
Denk’ ich deiner, wird das Auge
Feucht, und wird das Herze weich.
Jener weiße, kleine Vorhang
Vor dem Fenster nah dem Dach, —
Denk’ ich sein, was wird da alles
In dem dummen Herzen wach!
Alle Götter und Göttinnen
Sind dem Dichter stets zur Seit,
Geben ihm durch Blut und Flammen,
Durch den Regen das Geleit.
Jenen weißen, kleinen Vorhang,
Liebchen, Liebchen, laß ihn zu;
In der holden Götterdämmrung,
Liebchen, lieblicher bist du!“
Bedeutungsvoll klappte der Dichter seine feuchte Brieftasche zusammen, und es
begab sich etwas, das einem Wunder glich. Zuckriegel warf das Buch vom
deutschen Gaunertum zum zweitenmal auf den Boden, doch diesmal nicht im
Zorn. Er erhob sich, schritt auf den Poeten los, drückte ihm mit verdächtiger
Zärtlichkeit die Hand und sagte nun wiederum in seinem Flötenton:
„Herr Krautworst, ist dieses Poem wirklich von Ihnen? Haben Sie wirklich
das selbst gemacht, Sie jugendlicher Heinrich Heine, oder wie der Mensch
heißt?! In der Tat, wenn Ihre bis jetzt mir leider gänzlich unbekannten
Kneipenblüt — nein, Lebensblüten sämtlich aus ähnlichem Stoff zugeschnitten
und verarbeitet sind, so bitte ich Sie höflichst, mir ein Freiexemplar derselben zu
schicken. Hier ist meine genauere Adresse — portofrei, wenn ich so frei sein
darf, Sie darum zu ersuchen. Wenn später einmal die Rückenmarksdarre —“
„Herr,“ schrie Roderich jetzt außer sich vor Zorn, „Herr, ich bin so frei, Sie zu
ersuchen, mich ungeschoren zu lassen; Ihre Unverschämtheit überschreitet
allmählich alle Grenzen!“
„Ruhig, ruhig, mein junger Freund,“ lächelte Zuckriegel, „Sie haben freilich
ein treffliches Gedicht hervorgebracht. Genial! Ein funkensprühendes kleines
Meisterwerk! Unser Lob muß Ihnen sehr schmeichelhaft sein; aber ich bitte,
sehen Sie nicht zu verachtend von der Höhe, auf welche unsere Bewunderung
Sie erhebt. Ich weiß, daß dem furor poeticus etwas zu gut zu halten ist; in
unserer Abteilung für Geistesabwesende hatten wir —“
Professor Steinbüchse und ich erkannten zu gleicher Zeit, daß es die höchste
Zeit sei, einzuschreiten. Wir überhäuften den Dichter mit ernstgemeinten und
eben so ernst ausgesprochenen Lobeserhebungen. Ich machte ihn außerdem noch
darauf aufmerksam, wie der Poet im schönen kalten Egoismus die Menschen nur
als einen Ton, der für ihn zum Kneten und Formen geschaffen sei, ansehen
müsse. Ich überzeugte ihn, daß der Prosektor nur als „Stoff“, niemals als
„beleidigen könnendes“ Wesen für ihn Bedeutung und Inhalt haben könne; —
Roderich von der Leine maß seinen Wert an Zuckriegels Unwert, und in erträglicher Harmonie aßen wir vier für einander geschaffene Charaktere zu
Nacht. Aber nach Tisch erhob sich eine ungeheuerliche Schwierigkeit.
Als wir uns nämlich nach unsern Schlafgemächern erkundigten, verkündigte
der Hospes, daß er uns nur zwei Kammern zur Verfügung stellen könne, und daß
die Herren sich drein finden müßten, zu zwei und zwei in einem Zimmer zu
schlafen; die Betten aber seien ausgezeichnet und ließen nichts zu wünschen
übrig; beide Kammern seien auch nur durch eine Wand voneinander getrennt
und hätten beide die Aussicht auf den See.
„Worauf ich huste!“ sagte Zuckriegel. „Herr Krautworst, wir beide schlafen
zusammen, — und am liebsten unter einer Decke. Wir haben uns noch nicht
völlig gegeneinander ausgesprochen und werden nunmehr die angenehmste
Gelegenheit dazu haben; ich pflege gewöhnlich erst gegen Morgen
einzuschlummern.“
Roderich sah auf den Prosektor wie die böse Stiefmutter auf das Faß voll
scharfer Nägel und Ottern, in welches sie gesteckt werden sollte. Entsetzen,
Abscheu, Ekel und Angst malten sich in seinen weichen Zügen.
„Wir übernachten natürlich zusammen,“ flüsterte ich ihm zu. „Sie sollen
gerächt werden, wie Sie es nur wünschen können; Steinbüchse und Zuckriegel
werden zusammengepackt.“
Der Dichter drückte mir gerührt unter dem Tische die Hand und verließ ihn —
nämlich den Tisch — so eilig als möglich, um für mich und sich unter dem
Vorleuchten des Wirtes Besitz von dem einen Schlafgemach zu ergreifen.
„Na, Professor, so müssen wir beide doch wohl zusammenkriechen, ich rieche
es,“ sagte Zuckriegel, einen hohnlächelnden Blick auf mich schießend. „Wir
wollen aber die süßen Hoffnungen dieser beiden jungen Männer zuschanden
machen; wir wollen den abgeschlossenen Waffenstillstand nicht brechen;
schnarchen wollen wir.“
„Versteht sich,“ sprach Steinbüchse, vollkommen von der Festigkeit seines
Willens und Charakters überzeugt. „Ich denke einen guten Schlaf zu tun,“ setzte
er mit Wallensteinschem Glauben an die Sterne hinzu, und ich gestehe, daß ich
mit Bedauern anfing, an den Vorsatz der zwei Gelehrten zu glauben.
Wir wünschten uns gegenseitig eine angenehme Nachtruhe, und als ich mein
Schlafgemach erreichte, fand ich den Verfasser der Lebensblüten bereits
behaglich in seinem Federbett eingekapselt. Nur sein mit einem roten seidenen
Tuch umwickeltes unsterbliches Haupt sah aus dem Kissen hervor.
„Was beginnen sie? Sind sie zu Bett?“ fragte er.
„Jeder hat noch ein Glas Punsch bestellt. Ich fürchte, die Nacht wird ruhiger
vergehen, als wir hoffen.“
„Ich glaube an das Gegenteil; — schlafen Sie wohl, liebster Freund; ich will Sie wecken, wenn’s Zeit ist.“
„Meinen besten Dank im voraus. Gute Nacht!“
Dumpf hörte ich noch im ersten Schlummer den Dichter zitieren:
„Quam iuvat immites ventos audire cubantem,
Et dominam tenero detinuisse sinu;“ —
aber ich ruhte, „vom Geplätscher in den Schlaf gerauscht“, zu sicher, um die
üppigen lateinischen Schulreminiszenzen Roderichs noch weiter zu verfolgen;
der See und der Regen übten denselben beruhigenden Einfluß auf mich, wie der
letztere einst auf den Elegiker Albius Tibullus.
Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht; aber mir hatte schon längere
Zeit geträumt wie dem Ritter Don Quixote, daß ich mich im Lager des Agramant
befinde und gleich dem König Sobrino berufen sei, die ausgebrochene
Verwirrung zu lösen, als ich plötzlich durch das Geflüster Roderichs von der
Leine geweckt wurde:
„Liebster Freund! bester Freund! Sie haben sich! Sie liegen sich in den
Haaren! Horchen Sie! Hören Sie! ah!“
Eben noch hörte ich Messer Ludovico Ariosto beim Schreiben seines rasenden
Rolands lachen und sah ihn sich den dünnen Bart streichen; nun lag ich wieder
beim Seeauer am Hallstädter See im warmen Bett, eine Stunde nach Mitternacht,
hörte den Regen vor dem Fenster, sah beim trüben Schimmer des Nachtlichts
den hannoveranischen Dichter aufrecht auf seinem Lager sitzen und vernahm
hinter der dünnen Bretterwand der Kammer ein Kampfgetöse, das nur von dem
Aufeinanderfahren der Geister Steinbüchses und Zuckriegels herrühren konnte.
Wie viele Gläser Punsch die beiden Trefflichen noch getrunken hatten, mußte
die Rechnung des folgenden Tages ausweisen; jedenfalls hatten sie genug und
warfen sich die Knochen der Kelten und Germanen in einer Weise an die Köpfe,
welche den unbefangenen Lauscher ergötzten, aber den befangenen, wie
Roderich von der Leine, aufs höchste entzücken mußte.
Ob die beiden Helden bereits im Zank die Kammer beschritten hatten, oder ob
der gelehrte Zwist sich erst von den Betten aus angesponnen hatte, weiß ich
nicht; Rodrigo behauptete das erstere; ich jedoch kann nicht recht daran glauben;
denn Zuckriegel war nicht der Mann, der sich ruhig auf den Rücken legte, ehe er
den Gegner darauf hingestreckt hatte, und Steinbüchse, wenn auch in andern
Dingen etwas weicher, milder, menschlicher, gab dem anatomischen
Vorschneider auf dem Felde der Wissenschaft an hartnäckiger Behauptung seiner
Meinungen wenig oder nichts nach.
Jetzt fühlte ich mich nicht mehr berufen, als Vermittler einzuschreiten,
sondern vergnügte mich königlich, und das Gesicht des Verfassers der
Lebensblüten in der gedämpften Beleuchtung des Nachtlichtes war auch der
Betrachtung wert.
Diesmal vernahmen die Horcher hinter der Wand nicht ihre eigene Schande;
die beiden bepunschten Mitglieder der universitas litterarum sagten
sich die entsetzlichsten Grobheiten mit wahrhaft klassischer Naivität. Je
schwieriger es für sie wurde, sich gegenseitig zu überbieten, desto genialer
wurden ihre Eräußerungen, und kein Wort des einen war zu hoch, daß nicht der
andere ein noch höheres darauf setzte. Sie spuckten sich moralisch ins Gesicht,
und ich bin überzeugt, daß Zuckriegel mehrmals nur um die Breite eines Haares
von dem Schicksal, auf Jahrmärkten vor einem moritätlichen Orgelbilde
abgesungen zu werden, entfernt war.
„Jetzt beißt er in den Bettpfosten! So wahr ich lebe, bester Freund, er beißt vor
Wut in den Bettpfosten!“ jauchzte der fromme Dichter in verhaltener Lust.
„Und der andere hat sich die Decke in den Mund gestopft. Wahrhaftig, lieber
Freund, sie werden beide morgen am Gallenfieber krank liegen, wenn wir nicht
mit dem Stiefelknecht an die Wand klopfen.“
„Um alles in der Welt nicht!“ bat der Poet. „Stören Sie ihre Kreise nicht!
Gallenfieber? Bah, sehen Sie nur in die Jahrbücher für Philologie, in ihre
medizinischen Zeitschriften. Sie können viel vertragen, ohne Schaden an ihrer
Gesundheit zu leiden. Hören Sie nur, da geht der Berliner wieder ins Zeug. So
ist’s recht! Faß ihn, Professor — drauf! drauf! Hurrah, der Hieb saß! Das nenne
ich ausgeschmiert!“
Ein Gepolter hinter der Wand folgte auf und unterbrach den Jubel des
Dichters; auf das Gepolter erscholl ein dumpf dröhnender Fall, mit beiden Füßen
fuhren Roderich und ich diesseits aus unseren Betten; denn nun schien es doch
wieder Menschen- und Christenpflicht geworden zu sein, das Blutvergießen zu
verhindern. Aber eine höhere Macht war bereits eingeschritten.
Wohl sang Professor Steinbüchse aus Berlin Io triumphe; doch Prosektor
Zuckriegel faßte ihn nicht mit seinem guten Gebiß an der Kehle. Wohl war
Prosektor Zuckriegel vom Lager aufgesprungen, um den Gegner zu packen;
doch der Geist besiegte den Geist, der wackere Anatom hatte viel zu viel Punsch
getrunken; er maß den Boden seiner ganzen Länge nach und schnarchte wie ein
Kind an der Brust seiner Mutter, nur etwas lauter.
Noch fünf Minuten gluckste der Professor triumphierend, dann
entschlummerte auch er, alle Register seines Nasen-, Kehlkopf- und Gaumen-
Systems ziehend. Nun hielten die beiden Würdigen doch das sich selber und mir
gegebene Versprechen; sie schnarchten, allein erst nach dem Kampfe.
Diesseits der Wand horchten wir noch eine Weile, aber da das Sägen, Blasen
und Raspeln immer regelmäßiger, wenn auch nicht melodischer wurde, so
überließen auch wir uns dem balsamischen Schlaf. Roderich entschlief mit
einem Ach der unsäglichsten Befriedigung. So war Zeus’ Wille für heute vollendet; wie sich aber die Dinge am nächsten Morgen gestalten sollten, das lag
ebenfalls auf dem Schoß des Wolkenversammlers. — Warum regnete er uns fest
am Hallstädter See? —
Ich hatte mir vorgenommen, früh wieder aufzuwachen, um beim ersten
Erscheinen Zuckriegels und Steinbüchses zugegen zu sein und pflichtmäßig als
höflicher und auch jüngerer Mann mich nach der Nachtruhe der beiden Herren
zu erkundigen. Als ich aber die Augen aufschlug, merkte ich, daß auch ich
meine moralischen Kräfte gleich den beiden Gelehrten ein wenig überschätzt
hatte, und als ich halbbekleidet zum Fenster eilte, um mich auch durch den
Augenschein zu überzeugen, daß der Regen noch nicht zu Ende sei, erblickte ich
zu meinem höchsten Erstaunen unter zwei Regenschirmen vier graue Beine,
welche einander entgegen vor dem Gartenpavillon auf- und abliefen. Und als der
Wind zu gleicher Zeit aus den Regenschirmen zwei Tulpen bildete, da sah ich
mit zweifelnder Verwunderung, daß sie es waren — sie — Zuckriegel und
Professor Steinbüchse.
Der Dichter suchte höchstwahrscheinlich in seinem tiefen Morgenschlummer
einen Reim auf Mensch; denn er stöhnte fürchterlich und griff ängstlich mit
krampfhaftem Zucken der Hände auf der Bettdecke umher. Ich fühlte mich nicht
berufen, ihm aus dem Dilemma zu helfen; in beflügelter Eile machte ich Toilette,
um mich den beiden grauen Lustwandlern im Garten anzuschließen und zu
erkunden, welch ein Geist diese Peripatetiker nach solcher stürmischen Nacht in
solcher Weise neben- und gegeneinander am nebelverhangenen Ufer des
Hallstädter Sees auf- und abführte.
Ich eilte die Treppe hinab, rief nach dem morgendlichen Kaffee, trat dann,
ebenfalls unter aufgespanntem Regenschirm, in den Garten und schloß mich mit
unbefangenster Miene den zwei Weltweisen an, um ihnen das, was ich ihnen
freilich nicht geben konnte, zu bieten, nämlich einen guten Morgen.
Sie sahen verstört, übernächtig und verdrießlich genug aus: aber bewundern
mußte sie jeder denkende Mensch; und ich, der ich für jedes geniale Sichfinden
in die Stunde und ihre Verhältnisse einen feinen und freien Blick habe, ich fühlte
plötzlich eine Achtung für sie, von welcher ich bis dahin keinen Begriff gehabt
hatte.
Wie sank Roderichs von der Leine kleinliche, aber unversöhnliche Gereiztheit
vor der wahrhaft großartigen Charakterentfaltung dieser beiden Männer der
Wissenschaft auf ihr rechtes Maß herab! Zuckriegel und Steinbüchse hatten sich
auch gegenseitig gereizt, hatten sich schöne Dinge gesagt; aber was war ihre
Persönlichkeit gegenüber den hohen Zwecken ihres Daseins am Hallstädter See?
Die gelehrten Leidenschaften, welche nächtlicherweise die Seelen der zwei
streitbaren Helden so furchtbar gegeneinander empört hatten, lagen geduckt, so weit es möglich war, am Boden. Die spirituosen Wolken, welche das Gehirn der
Kämpfer füllten, hatten sich bis auf einen leichten, schleierartigen Dunst
verzogen; Zuckriegel war zu groß, die Brausche seiner Stirn an dem Professor zu
rächen, und Steinbüchse aus Berlin war zu geistig-klar, um sich zu erinnern, daß
er um Mitternacht ein „blödsinniger Esel“ genannt worden sei. Von den
Erinnerungen des letzten Tages und der vergangenen Nacht waren nur die
vertraulichen Mitteilungen der behaglichen Abendstunden, als der Punsch noch
nicht gewirkt hatte, übrig geblieben: Steinbüchse hatte Zuckriegel ins Ohr
geflüstert, daß auch er gekommen sei, um auf dem Leichenacker des
unbekannten Volkes am Rudolfsturm sich nach „etwas Brauchbarem
umzusehen“, und im Fall man es nicht willig, billig oder gegen gute Worte
ablassen werde, sich „seines gelehrten Rechtes“ zu bedienen. Da nun des
Professors Blick mehr auf bronzene Fibulae, Nadeln, Schwertgriffe und
Pfeilspitzen gerichtet war, der Prosektor aber nur Knochen, Knochen, Knochen
für seine Sammlung gebrauchen konnte, so kamen die beiden lüsternen Gemüter
einander hier in keiner Weise ins Gehege. Sie hatten sich also über ihren
dampfenden Gläsern innigst die Hände geschüttelt, und um einander die Jagd
nicht zu verderben, gegenseitig geschworen, nur in Gemeinschaft darauf
ausgehen zu wollen, und sich in allen Fährlichkeiten des Unternehmens mit
Beredsamkeit, List, ja mit Gewalt gegenseitig beizustehen. Die Vorgänge der
Nacht konnten an diesem Feldzugsplane nichts ändern, und so liefen die
gelehrten Verschwörer nach eingenommenem Kaffee im Garten am See auf und
ab, und sahen sich bei jedem neuen Vorüberstreifen mit finstern Blicken und
Widerwillen, aber doch ohne Mordlust an.
Um neun Uhr wollte man aufbrechen zu diesem neuen Argonautenzug, Raub
der Helena oder Raubzug ohne Umschweife. Es schlug eben acht, ich hatte also
vollkommen Zeit, in Behaglichkeit ebenfalls Kaffee zu trinken und das
Erwachen des Poeten zu erwarten.
Gegen halb neun Uhr erschien Roderich von der Leine, dieses Mal wieder in
seinem weißen Kostüm. Jetzt hing der karrierte Anzug auf der Leine am
Küchenherde, und wurde von vielen Gebirgsbewohnern, die in ebengenannter
Küche sonst nichts zu suchen hatten, angestarrt, betastet und grinsend
bewundert.
Die Begrüßung zwischen dem Dichter und den beiden andern Herren hatte
ihre Reize für den aufmerksamen Beobachter; aber Zuckriegel hatte seine Galle
und Bosheit in der Nacht so reichlich ausgeströmt, daß er am frühen Morgen
verhältnismäßig matt war; seine Stimmung war ungefähr die einer
Brillenschlange, welcher der fromme, aber schlaue Hindu einen Flanellappen
vor die Zähne geworfen hat, und welche ihr Gift daran losgeworden ist. Als ich jedoch dem trefflichen Jüngling Hannovers meine Absicht, die beiden Gelehrten
auf ihrem gefahrvollen, aber ruhmreichen Wege zu begleiten, mitteilte, da fuhr
er, ohne der Zuckriegelschen Mildigkeit zu trauen, erschreckt vom Stuhle auf,
warf ihn und den Milchtopf um, zog mich in einen Winkel und flüsterte:
„Ich bitte, ich beschwöre Sie! Was wollen Sie tun? Bleiben Sie bei mir, gehen
Sie nicht mit diesen zwei seelenlosen Ungeheuern. Ich habe es mir überlegt, man
kann Hallstadt nicht verlassen, ohne den Schleierfall, den Sprattenfall, den
Waldbachstrub gesehen und einen entzückten Blick auf den Dachstein und das
Karlseisfeld geworfen zu haben. Man würde uns auslachen, wenn wir ohne diese
Erinnerung heimkehrten; — ich flehe Sie an, rennen Sie nicht in Ihr Verderben,
gehen Sie mit mir; ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen, wir sympathisieren so
vortrefflich miteinander. Auf dem Wege nach dem Rudolfsturm regnet es ebenso
sehr wie im Echerntal, o kommen Sie mit mir!“
Wenn mich etwas dazu hätte bringen können, den glänzenden Fußstapfen des
göttlichen Sängers zu folgen, so wäre es die letzte so unbeschreiblich wahre
Bemerkung gewesen. Aber mein Entschluß stand fest; ich wollte mich lieber auf
dem Wege nach den unbekannten Knochen als nach dem Waldbachstrub
auswaschen lassen. Ich ziehe überhaupt der schönen Natur eine schöne
Menschenseele weit vor, und um Zuckriegels und Steinbüchses Gesellschaft an
diesem Morgen hätte ich alle landschaftlichen Herrlichkeiten des
Salzkammergutes samt dem himmlichsten Sonnenscheine mit tausend Freuden
fahren lassen, und alle Singvögel und frommen Tiere des Waldes gratis
zugegeben.
Ich entzog mich also mit bedächtigem Hauptschütteln den umschlingenden
Armen des Verfassers der Lebensblüten und sagte:
„Teuerster Freund, ich kann Sie nicht zwingen, uns zu folgen, aber ich wollte,
ich könnte es. Wann wird Ihnen ein besserer Stoff zu einem Lustspiel wieder vor
die Füße laufen?“
Roderich von der Leine stutzte, sah auf, sah auf mich, sah auf die beiden
Gelehrten, welche eben in grimmiger Entschlossenheit ihre Reisetaschen
packten und Platz für ihre Beute darin ließen; — einen Augenblick glaubte ich,
sein Schicksal an das unsrige gebunden zu haben; aber im nächsten Moment
sank er wieder in sich zusammen und seufzte:
„Ich kann es nicht! Ich vermag es nicht! Ich kann d i e s e n Menschen nicht
länger ertragen. Heute beim Erwachen nach dem Triumph der Nacht glaubte ich
fest, daß es mir möglich sein würde; aber ich habe mich getäuscht; ich bin der
Vogel, und er ist die Schlange, welche mich mit ihren giftigen Blicken
verzaubert. Ich kann den Kerl nicht einmal mehr von hinten ansehen.“
Da ich sah, daß alle weitern Überredungsversuche vergeblich sein würden, überließ ich den nervenschwachen Dichter seinen einsamen Wegen und wandte
mich zu den beiden wissenschaftlichen Abenteurern; ihre wahrhaft antike Ruhe
erfüllte mich mit neuer Bewunderung.
Niemals hatten zwei determiniertere Strauchdiebe sich die Korbflaschen vom
Hospes mit Rum füllen lassen, als diese beiden akademischen Raubgenossen.
Leonidas in den Thermopylen, Curtius, als er in den Schlund sah, ehe er
hinabsprang, und aus neuerer Zeit Blücher, als er auf dem Wege von Ligny nach
Waterloo sagte: „Es ginge eigentlich nicht, aber es muß gehen!“ mochten ähnlich
geblickt haben wie Zuckriegel und Steinbüchse in diesem feierlichen Moment.
Auch ich reichte meine Reiseflasche dem Wirte, und dann — dann brachen wir
im ahnungsgrauen Morgennebel und hartnäckigsten Platzregen todesmutig auf,
und Roderich von der Leine sah uns fröstelnd in unwillkürlicher widerwilliger
Bewunderung nach. Vielleicht war er in seiner Hinfälligkeit einen Augenblick
lang sogar neidisch auf den gehaßten, aber stahlherzigen anatomischen
Reisegegner.
Da Zuckriegel und Steinbüchse jetzt die ersten Schritte in die wunderlichen
Gassen Hallstadts taten (sie hatten es bis jetzt nicht der Mühe wert gehalten, die
Nase aus dem Gasthaus herauszustecken), so äußerten sie ebenfalls einiges
Erstaunen über die Treppen, und Steinbüchse versicherte, so etwas kenne man
gottlob in Berlin nicht. Im steilen Zickzack lief aber die Treppe von den letzten
Häusern aus weiter den Berg hinan, bis sie nach einer Viertelstunde in einen
ebenfalls im Zickzack laufenden dichtbeschatteten Fußweg überging. Der Pfad
nach dem Rudolfsturm ist schwer zu verfehlen, selbst für zwei Gelehrte, deren
Gedanken außerhalb ihres Pfades laufen.
Munter, aber stumm stampften Steinbüchse und Zuckriegel zu; unterhaltend
war ihre Gesellschaft bis jetzt noch nicht. Beide hatten die Hüte so tief als
möglich auf die Nasen herabgezogen, beide hatten die Regenschirme so dicht als
möglich auf die Filzdeckel herabgezogen, beide taten nicht einen einzigen
Fehltritt, obgleich der Weg sehr aufgeweicht und schlüpfrig vom Regen war. —
Beide sahen aber auch nichts von dem, was man durch die Lücken und
Einschnitte in der triefenden Waldung erblicken konnte, nämlich den
großartigsten Teil des Seekessels mit allen kochenden, wallenden Nebeln und
Dünsten. Ihre Gedanken waren bei den Knochen und jeder überdachte bei sich
die verschiedenen Strategeme großer Feldherren, die auch ausgezogen, um etwas
„an sich zu nehmen“ oder sich „ihres Rechtes zu bedienen“.
So eilte ich denn den beiden wundervollen Burschen von Zeit zu Zeit ein
wenig voraus, um dann das Recht zu haben, an der passenden Stelle stehen zu
bleiben und die sich immer mehr erweiternde Aussicht zu genießen. Wenn die
beiden Regenschirme dann allmählich sich zu mir emporarbeiteten, stieg auch ich weiter. Plötzlich fiel auf halbem Weg, nicht des Menschenlebens, sondern
des Saumpfades, mein Blick auf eine sehr nasse Bank, über welche eine, wie es
schien, nicht neue Inschrift zum Lesen und Nachdenken aufforderte; — die
beiden Regenschirme waren wieder ganz in meiner Nähe, und ich stand und las:
„Hier hat gerast der hochlöbliche römische König Maximilian, als er gangen
ist, die Salzperg zu besehen, den fünften Tag Januarii Anno
Fünfzehnhundertundvier.“
„Wer hat hier gesessen? Wo hat wer gesessen? Wann hat wer hier gesessen?“
schrie in demselben Augenblicke Professor Steinbüchse aus Berlin, tigerhaft
heranspringend und mich ohne weitere Umstände beiseite schleudernd, ehe ich
antworten konnte:
„Kaiser Maximilian der Erste, sonst auch der letzte Ritter von Anastasius
Grün in Wien.“
Professor Steinbüchse überzeugte sich von der Wirklichkeit des Faktums,
notierte die Inschrift in seinem Taschenbuch und setzte sich auf die nasse Bank,
um auch diesen Eindruck an und in sich aufzunehmen. Zuckriegel aber schritt
verachtungsvoll vorüber, ohne einen Blick auf die ewig denkwürdige historische
Stelle zu werfen.
„Mir ganz einerlei, wer da gesessen hat, ob Sie, Kollege, oder der König
Maximilianus; wenn ich nur meinen Schädel bekomme,“ sagte er.
Diese Bemerkung trieb auch den Professor frisch wieder vorwärts, und nach
einer halben Stunde weitern Kletterns erreichten wir den Rudolfsturm und damit
den Schauplatz der größten Abenteuer.
An die Rippen pochte das Männerherz, als wir vor dem vom Kaiser Albrecht
errichteten Gemäuer standen und die Glocke des jetzt darin hausenden
königlich-kaiserlichen Salzinspektors zogen, um zuerst in das in dem Turm
angelegte kleine Museum von aufgefundenen Altertümern, Ammoniten und
sonstigen Merkwürdigkeiten eingelassen zu werden. Eine Maid beaufsichtigte
uns dabei, und es interessierten mich vorzüglich in dieser Sammlung die
keltischen oder urgermanischen Punschbowlen, welche mit vielem Geschick und
Geschmack gearbeitet, aber leider sehr verrostet waren. Hier versuchten wir
noch nicht zu stehlen, denn es wäre doch zu gewagt gewesen; aber Zuckriegel
benutzte den Moment, in welchem die Aufmerksamkeit der Gebirgsmaid ganz
von dem Vergnügen an dem über ein grün angelaufenes priapisches Scheusal in
Entzücken geratenen Steinbüchse in Anspruch genommen war, um mich am
Knopf zu fassen und mir zuzuzischeln:
„Mein Bester, von Ihnen allein hängt’s jetzt ab, ob ich den Zweck meiner
Reise erreichen soll. Jedenfalls wird uns dieses Frauenzimmer zu der
Gräberstätte führen; — Sie sind ein hübscher, gewandter Mensch — merken Sie auf — Sie sind mein Freund, Sie sind — die Person guckt her! — kurz, führen
Sie sie ab — halten Sie ihre Aufmerksamkeit nur einen kurzen Augenblick fest
— ich werde Ihnen ewig dankbar sein; — das Mädchen ist gar nicht übel; lassen
Sie sich einen Kuß, nur einen einzigen Kuß geben, wenn wir an den Knochen
der Vorwelt stehen. Auf einen Kuß kann es Ihnen doch nicht ankommen, wenn
es einen so erhabenen Zweck wie die Osteologie gilt.“
„Man sieht doch, daß Sie aus Ihrer Reiselektüre etwas gelernt haben; aber
wollen Sie mich denn ohne alle Gewissensbisse Ihrem wissenschaftlichen
Drange, Ihren wüsten Begierden opfern?“ fragte ich vorwurfsvoll.
„Keineswegs, Verehrtester! Was riskieren Sie? Ich reiße mit meinem Schädel
aus; Steinbüchse mag für sich selber sorgen, und es würde weder Sie noch mich
kränken, wenn man ihn am Kragen nähme. Sie selber, Bester, kommen als
unbeteiligter, harmloser Tourist unschuldig, kühl und langsam nach. Am Seeufer,
beim Seeauer treffen wir wieder zusammen und feiern den Sieg, und zu allem
übrigen schicke ich Ihnen auch gleich nach meiner Heimkehr meine Abhandlung
über die Schädelbildung der ältesten, alten, neuen und neuesten Völkerstämme.
Was sagen Sie d a z u ? Können Sie noch widerstehen?“
„Nein!“ sagte ich. „Hier haben Sie meine Hand darauf; an mir soll’s nicht
liegen, wenn Sie Ihres Herzens Wunsch nicht durchsetzen. Lassen Sie uns denn
gehen.“
„Nun, mein reizendes Kind,“ sagte Zuckriegel kosend, indem er leise wie eine
Blindschleiche zu der bergbewohnenden Schönen schlüpfte, „nun, mein Engel,
diese angenehmen Kleinigkeiten haben wir jetzt zur Genüge betrachtet; wie
wär’s denn nunmehr mit den Gräbern, meine Rose an den Gräbern?“
Er wollte, um sich mehr einzuschmeicheln, der Holden die Wangen streicheln,
doch sie wich böse vor seiner Prosektorhand zurück und suchte aus ihrer unter
der Schürze hängenden Ledertasche einen verrosteten Schlüssel hervor, indem
sie mit einem Trinkgelderblick uns aufforderte, ihr zu folgen.
„Eine wirklich allerliebste Türhüterin an der Pforte der Unterwelt, Herr
Kollege!“ sagte Zuckriegel sehr laut zu dem Gelehrten aus Berlin; aber
Steinbüchse flüsterte nur:
„Jetzt gilt es! Versäumen Sie ja den günstigen Augenblick nicht. Können Sie
laufen?“
„Mit meinem Schädel wie eine telegraphische Depesche.“
„Ich auch! Das übrige liegt in der Hand der Götter,“ sagte Steinbüchse
selbstbewußt, und durch Sumpf und Moos, tropfende Brombeerstauden und
sonstige Hindernisse wanden wir uns dem Leichenacker zu.
Man hat eine eigentümliche Vorrichtung getroffen, um die aufgedeckten
Gräber mit ihren Gerippen zu konservieren und sie dem neu- oder wißbegierigen Publikum gegen eine Gratifikation vorweisen zu können. Über das vorsichtig
aufgegrabene und in seiner Lage unverrückt erhaltene Skelett ist ein hölzerner
Kasten in die Erde gesenkt, ein sargähnlicher Kasten mit einer Klappe und einem
großen Vorlegeschloß. Publikus versammelt sich um diesen Kasten, die
Gebirgsmaid versucht längere Zeit vergeblich, den rostigen Schlüssel in das
Schloß zu zwingen; endlich springt der Deckel auf, Publikus reckt den Hals,
stellt sich auf die Zehen und gibt seine Befriedigung, sein Interesse, seinen
Abscheu und selten sein Mitleid in Worten und Gesten kund. Publika kreischt
natürlich auf, weil sie keine Gerippe sehen kann.
Diese armen toten Krieger, Weiber, Jünglinge und Jungfrauen! Es ist nicht
angenehm, sich nach so vielen Jahrhunderten ruhigen, ungestörten Schlafes von
einem so verzerrten, verkümmerten, närrischen Geschlecht wecken und angaffen
lassen zu müssen. Wie wäre es, wenn plötzlich solch ein tausendjähriges
zerfallendes Gebein sich rasselnd zusammenraffte, aufrichtete, den Schlaf aus
den hohlen Augenhöhlen riebe und ärgerlich nach dem Bronzeschwert griffe, um
unter die Hämorrhoidarier, die Krinolinen, Professoren und gähnenden
Reisebummler zu fahren?
Das würde ein lustiges Laufen und Springen bergab werden; was würde das
neunzehnte Jahrhundert alles verlieren auf dem Schlangenwege nach Hallstadt
hinunter! Was würde der alte Kelte oder Germane alles aufraffen können an
Brillen, falschen Locken, Schnupftabaksdosen, Sonnen- und Regenschirmen,
Gummischuhen, Plaids, Lorgnetten! Hussah, was für eine Reiseerinnerung
würde das sein, meine Herren und Damen, wenn man wieder sicher auf der
Eisenbahn oder zu Hause säße und des vorweltlichen Spukes gedächte!
Aber ich schweife ab; ich habe ja auch noch von einem Bergunterlaufen und
Springen zu erzählen, bei welchem ebenfalls mancherlei auf dem Wege verloren
wurde, was der verfolgende Rächer der Toten von Rechts wegen für gute Beute
erklärte. —
Das Mädchen vom Rudolfsturm kniete neben ihrem Kasten und mühte sich
mit steigendem Verdruß an dem widerspenstigen Schloß.
Zuckriegel griff nach der Hand Steinbüchses, drückte sie bedeutsam und
ermutigend, ließ sie fahren und flüsterte:
„Bruder! Kollege! Jetzt gilt’s! Mut, Mut! Jeder greift nach dem, was er packen
kann — ohne Unterschied der Wissenschaft! Bruder, unten am Berg sortieren
und teilen wir brüderlich!“
Mir rief er laut zu:
„Memento! cedo tibi puellam!“ zu deutsch: „Achtung, mein
Bester! führen Sie die Jungfrau abseits!“ —
Mit einem Krach öffnete sich jetzt das Schloß; die Maid schlug den Deckel des Kastens zurück, mit gierig funkelnden Blicken schossen die zwei Gelehrten
vor, — da lag der Kelte oder Urgermane wohlerhalten, ruhig und behaglich auf
der linken Seite, das Schwert zur Seite, auf der Brust eine grüne Spange, die
einer plattgesessenen Sofasprungfeder ungeheuer ähnlich sah. Es war, als spiele
ein schlaues Lächeln um das entblößte Gebiß des Skeletts, ein Ausdruck, wie:
Komm und küß mich! und Zuckriegel hätte letzteres mit Wonne getan.
Nun aber geschah es wieder einmal, daß ein wohlerdachter, fein zurecht
gelegter Angriffsplan von der Hast und Gewalt des Augenblicks über den
Haufen geworfen wurde. Die Gier der beiden wissenschaftlichen Leichenräuber
litt es nicht, daß ich meinem Versprechen, die Aufmerksamkeit der Jungfrau
durch Liebenswürdigkeit zu fesseln, nachkommen konnte.
Mit einem Schrei, der aus dem Tierreich zu stammen schien, stürzten sich
Zuckriegel und Steinbüchse auf den Kelten und griffen zu. Einen Schrei stieß
aber auch das Mädchen vom Rudolfsturm aus:
„Hilfe! Räuber! Diebe! Heilige Jungfrau! Maria und Joseph! Maxerl! Herr
Inspektor! Franzel! Hilfe um Gott und Jesu, s’ gehet mit’s G’ripp durch!“
Und aus dem Loche sprangen Steinbüchse und Zuckriegel, der erste nach des
Geschickes Willen mit dem Schädel des Kelten in der einen Hand und mit zwei
riesigen Armknochen und einem Rippenstück im andern Arm! der zweite hatte
das Bronzeschwert, die Brustspange und verschiedene sonstige antiquarische
Kleinigkeiten gegriffen. Über Moos, Gestein und Gestrüpp flogen sie, die
Regenschirme zurücklassend und die Hüte verlierend. Ich sank, halb ohnmächtig
vor Entzücken, auf den nächsten Baumstumpf.
Aber ringsumher regte es sich. Von allen Seiten strömten auf den Hilferuf der
Jungfrau rüstige Nachkommen des fraglichen Kelten oder Germanen herzu,
einige mit Äxten, andere mit mächtigen Knüppeln. Einige atemlose Worte der
Maid genügten, um sie den Spuren der Räuber, deren flatternde Rockschöße
eben in der Tiefe des Waldes verschwanden, nachzusenden. Fern verhallte der
Lärm der Flucht und Verfolgung, und ich ließ mich, ohne Widerstand zu leisten,
als verdächtigen Spießgesellen der Knochendiebe durch den Regen vor den
erstaunten Salzinspektor führen.
Nicht leicht wurde es mir, meine Unschuld an dem unglaublichen Vorfall zu
beweisen. Man sprach davon, mich in Eisen nach Salzburg transportieren lassen
zu wollen; man sprach in immer höherem und schärferem Ton, doch ich hielt
gut, blieb kühl und gelassen und verwies auf meine Papiere, welche mich als
einen anständigen Menschen und harmlosen Touristen und keineswegs als einen
Gelehrten oder Leichenräuber darstellten. Es wäre auch sehr merkwürdig
gewesen, wenn sich vor der hohen sittlichen Entrüstung, die auch ich über den
schändlichen Vorgang an den Tag legte, die Zorneswogen des verständigen Mannes und Beamten, der mich verhörte, nicht gesänftigt hätten. Auch die
zurückgelassenen Regenschirme und Hüte, sowie das seidene Taschentuch
Steinbüchses, welches von einem loyal gesinnten Dornstrauch festgehalten war,
trösteten. „Verehrter Herr,“ sagte ich, „Ihr antediluvianischer Leichenacker
scheint sehr ausgedehnt zu sein; lassen Sie einen andern Urgermanen bloßlegen
und Ihren Kasten mit Klappe, Schloß und Riegel darauf setzen. Was liegt Ihnen
an dem e i n e n Kelten? Daß Sie durch ruhiges Nachsehen der Wissenschaft, der
Osteologie und Altertumskunde vielleicht einen unendlichen Dienst leisten, muß
Sie außerdem warm anmuten.“
„Wir wollen sehen, was die Leute zurückbringen,“ sprach der Beamte. „Eher
lasse ich Sie nicht los, Herr …“
Ein rauhes Siegesgeschrei vor der Pforte des Rudolfsturmes unterbrach ihn;
— die Verfolger brachten a l l e s zurück, Schädel und Armknochen, Rippen,
Schwert und Spangen, und außerdem die Perücke Zuckriegels und die Brille
Steinbüchses. Steinbüchse und Zuckriegel selbst hatten sie laufen lassen.
„S’ habet alles hinter sich g’worfen, und d’ Atzel und d’ Brill habet s’
verloren!“ jubelten die Unholde.
„So,“ sprach der fröhlich lächelnde, sehr befriedigte Beamte, „jetzt wollen wir
dem Abgeschiedenen das Seinige zurückerstatten, und dann, mein lieber Herr,
bitte ich, meine gehorsamsten Empfehlungen an Ihre gelehrten Freunde zu
bestellen. Die zurückgelassenen Gegenstände verbleiben natürlich den Leuten
für ihre gehabte Mühe. Küß’ die Hand und bitt’ mir auf ein andermal die Ehr
aus.“
Damit empfahl sich der Inspektor und ging, seinen Kelten wieder
zusammenzuflicken. Ich ging auch und stieg langsam nach Hallstadt hinunter,
mußte aber alle fünf Minuten stehen bleiben, um meiner inneren Heiterkeit Luft
zu machen, und der Phantasie Freiheit zu lassen, sich das demnächstige
Wiederfinden beim Seeauer auszumalen. —
Unter der Hinterpforte des Gasthauses stand Roderich von der Leine und sah,
wie es schien, sehr aufgeregt in den Regen hinaus. Er hatte sich nach seinem
Ausflug zum Waldbachstrub wieder ins karrierte Kostüm werfen müssen und
erwartete mich mit prickelnder Ungeduld. Als er meiner ansichtig wurde, begann
er, mit erhobenen Händen winkend, einen Tanz des Entzückens.
„Da sind Sie! da sind Sie endlich! O Freund, was für eine Geschichte!
Herrlich! prachtvoll, o ich kann nicht mehr!“ schrie er mir entgegen.
„Wo sind die beiden andern Herren?“ fragte ich mit möglichster Gefaßtheit,
doch der Dichter war zu aufgeregt, um einen klaren Bericht erstatten zu können;
nur das verstand ich zu meinem Leidwesen, daß der Professor Steinbüchse aus
Berlin bereits, „naß wie ein Kater und in einer alten Mütze des Wirts“, einen Einspänner gemietet habe und außer sich vor Wut nach der Gosaumühle
abgefahren sei.
„O, wie haben sie sich noch gefaßt! O, was haben sie noch einander gesagt!
O, wie sahen sie aus!“ schrie Roderich, und ich schritt, von ihm gefolgt, in die
Gaststube.
Da saß Zuckriegel! Ein Bild äußerster, menschlicher Wut und ohnmächtigster
Empörung. Er hatte seinen Anzug nicht gewechselt, und nur um den kahlen
Kopf einige bunte Taschentücher gewickelt. Als er mich erblickte, stieß er ein
zischendes Geheul aus und umfaßte besagten Kopf mit beiden Händen;
zähneknirschend, wutwimmernd spie er mir, sozusagen, die Fragen entgegen:
„Wissen Sie’s? Haben Sie’s gehört? Wissen Sie, wie’s abgelaufen ist?“
„Nur im Umriß, Herr Prosektor.“
„O der Halunke, der Halunke, der niederträchtige Berliner Halunke! Ich sage
Ihnen, wir wären durchgekommen; ich sage Ihnen, wir hätten das Unsrige
davongetragen, ohne den Jammermann! Was tut er in seiner erbärmlichen Angst,
als uns das nachsetzende pecus an einer Stelle etwas näher rückt? Meinen
Schädel wirft er den Verfolgern vor, höchstwahrscheinlich, um sie aufzuhalten,
und damit ich mich mit seinem rostigen Blechwerk desto sicherer rette. Wütend
werfe ich natürlich auch das alberne Käsemesser mit demselben Recht zum
Henker und heiße ihn im Rennen und in meiner Verzweiflung und Raserei einen
Hornochsen oder dergleichen. Da schleudert die Bestie auch meine Armknochen
und Rippen von sich und schreit: Hornochse? da! da! so mag denn alles zum
Teufel gehen! Ich werfe ihm natürlich das andere alte Eisen an den Kopf, und
hinter uns brüllen die Lümmel wie der Satan; denn sie scheinen zu wissen, daß
sie nun alles wiederhaben, was wir mit so vieler Mühe aus ihrer verdammten
Wildnis ihnen abgeholt hatten. Sie ließen uns laufen, und — hier — hier sitze
ich, und meine Atzel ist auch zum Teufel. Herrgott, Herrgott, wenn es doch eine
ewige Gerechtigkeit gäbe! Oleum et operam perdidi, das Öl auf dem
verruchten Wege nach dem Rudolfsturm und die Gelegenheit, den Berliner
Ignoranten und Hasenfuß durchzuprügeln, eben jetzt. Den Tag vergesse ich
nicht, und wenn ich tausend Jahre alt würde; — wenn ein Objekt, auf das ich
von Rechts wegen als tot Ansprüche hätte, mir unter dem Seziermesser, vor dem
ersten Schnitt wieder aufleben würde, könnte ich keine blutigeren Tränen
weinen. Ach, es gibt keine Gerechtigkeit — keine Gerechtigkeit in der Welt!“
Der Prosektor Zuckriegel legte den Kopf auf das Buch vom Gaunertum,
welches er bei seinem Ausmarsch zu den keltischen Grabstätten auf dem Tische
hatte liegen lassen, und war von jetzt an für uns tot. Wir nahmen ihn wie ein
Paket wieder mit nach Ischl, wo wir im schönsten Sonnenschein anlangten.
Roderich von der Leine verfiel hier natürlich wieder dem schönen Geschlecht, und ich setzte die Fahrt nach Salzburg allein fort.
Auch Salzburg lag im schönsten Sonnenschein in seinem Kessel und brätelte;
aber man hing soeben die Verlustlisten der ersten italienischen Gefechte an die
Straßenecken, und das warf einen bösen Schatten über die reizende Stadt.
Ich hatte freilich keinen Verwandten oder Bekannten, für welchen ich zu
sorgen brauchte, in der österreichischen Armee, aber es fiel mir auf die Seele, als
ich die unheilvollen Reihen der Toten und Verwundeten überblickte, daß ich
füglich ein Interesse an dem tapfern Jüngling aus Hallstadt, Seppel
Schönrammer, nehmen könne. Es würde mir sehr leid getan haben, wenn ihn der
Tod in der Blüte seiner Jahre dahingerafft hätte; glücklicherweise stand sein
Name jedoch nur unter den Leichtverwundeten. Der junge Held hatte nur eine
unbedeutende Kontusion von einem Schuß durch den Feldkessel in den Tornister
bekommen. Er mußte sich also beim Eintritt dieses nicht allzu bedeutenden
Unglücks bereits auf dem Rückzuge befunden haben.