Keltische Knochen/Gedelöcke

Wilhelm Raabe · Kapitel 5 von 11

PDF-Seiten

Keltische Knochen/Gedelöcke

II. Von den Herren Doktores Primus et Sekundus, imgleichen der Frau Mette Gedelöcke und dem ehrwürdigen Herrn Hieronymus Moekel von der Trinitatiskirche.

II.

 

Von den Herren Doktores Primus et Sekundus,

 

imgleichen der Frau Mette Gedelöcke und dem

 

ehrwürdigen Herrn Hieronymus Moekel von der

 

Trinitatiskirche.

 

Es war an einem Nachmittag im unfreundlichen Monat Februar des Jahres 1731,

als zwei Ärzte, zu gleicher Zeit eilends herbeibeschieden, vor der Tür des

Kurators anlangten und beim gegenseitigen Anblick die perückenbedeckten

Häupter erhoben und jenes Lächeln erzwangen, welches so viel schwerer zu

prästieren ist, als ein Fußtritt oder ein Faustschlag. Die Namen der beiden Herren

sind unsern genauesten Nachforschungen entgangen; so wollen wir denn jenen,

der in einer Sänfte durch die strömenden Regenfluten heranschwankte, den

Doktor Primus, und jenen, welcher in seiner stattlichen Karosse eine halbe

Minute später anlangte, den Doktor Sekundus nennen. Sie waren beide

glänzende Lichter in ihrer Kunst und Wissenschaft, und es war eine Freude,

ihren gelahrten Diskussionen zuzuhören, vorausgesetzt, daß der Hörer ihnen

nicht selber die Zunge zu zeigen hatte. Wenn Herr Jens Pedersen Gedelöcke sie

beide zu sich gebeten hatte, so konnte dies für ein Zeichen genommen werden,

daß es freilich zum Schlimmsten und Letzten gekommen sei, denn er wußte

sonst ziemlich genau, was er tat; es fand sich aber, daß sie nicht auf seine eigene

Einladung kamen.

Die beiden gelehrten Herren begrüßten einander auf dem Hausflur des

Kurators, wie es sich schickte, mit einem bonus dies, Collega! einem

Serviteur! und quid agis? —, neigeten längere Zeit an der untersten

Stufe der Treppe um den Vortritt die Häupter gegeneinander, hoben und senkten

deprezierend die Achseln und schritten sodann in gleicher Linie nebeneinander

aufwärts zum Zimmer des Patienten, vor dessen Türe sie Madame mit betrübtem

Kompliment in Empfang nahm, und zwar mit dem Finger auf dem Munde, zum

Zeichen, daß Fürsicht und Stillschweigen das erste sei, was sie von den Herren

erbitte. Aus dem Krankenzimmer vernahm man einen merkwürdigen Gesang,

und auf den Zehen schreitend führte die Frau Mette Gedelöcke die beiden

Doktoren in ein Nebengemach, allwo sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung

den Pfarrherrn der Trinitatiskirche, Herrn Hieronymus Moekel, in tiefes kummervolles Nachsinnen und in einen sehr großen Armstuhl versunken, bereits

vorfanden. Da geschah wiederum jenes würdige und zierliche Begrüßen,

welches von dem achtzehnten Jahrhundert zu solcher Blüte und Vollkommenheit

gebracht worden ist, dessen Wissenschaft und Ausübung aber im neunzehnten

Säkulum leider verloren ging und im zwanzigsten vielleicht wiedergefunden

wird. Die beiden hochpreislichen Fakultäten taten einander alle gebührenden

Ehren an, während die hochbetrübte Hausfrau mit dem Nastuch vor den Augen

dazu knixte und sich mit Wimmern und Geschluchz um die große Ehre und

Hilfsbereitschaft, so ihr und ihrem Hause von den Herren erwiesen wurden,

einmal über das andere bedankte. Erst als der Sitte und dem decoro in jeder

Weise genug getan war, konnte, unter fortwährendem Horchen auf den

fremdartigen Gesang hinter der Wand, die Konversation auf das Wichtigere

geleitet werden, und der Doktor Primus tat dieses, indem er bemerkte:

„Brauche ich Madame leider kaum zu befragen, wie es dem Herrn Eheliebsten

am heutigen Tage ergehe. Solches ist das rechte Wetter, die salia zu

koagulieren, solches ist die Witterung derer Podagristen; aber der Herr Kollega

werden mir beifallen, wenn ich Madame die Versicherung gebe, daß der

Patienten Ungebärdigkeit nicht das Schlimmste ist, was der Medikus auf seinem

Wege zu sehen und hören wünschet. Und Madame darf sich keine unnötigen

Sorgen machen, des Herrn Kollegen Sekundi Tinctura solis wird auch

heut schon das Acidum obtundieren; der Herr Ehegemahl befindet sich in guter

Hand.“

„Die da sündigen, werden dem Arzt in die Hände fallen,“ sprach der Herr

Hieronymus, das Haupt mit drohender Betrübnis senkend, während die Doktoren

schnell die Köpfe in die Höhe warfen, und der gelahrte Herr Sekundus die

Gelegenheit nahm, mit einer neuen tiefen Reverenz sich bei Seiner Ehrwürden

nach dem Verlauf des jüngsten Konsistorialessens und der darauf erfolgten

Indigestion zu erkundigen, worauf Herr Hieronymus das Gespräch abermals

näher zum Zweck führte:

„Messieurs belieben doch Platz zu behalten. Madame hat uns zu einer

wichtigen Konsultation zusammenberufen in dieses Haus, allwo leider der Arzt

des Leibes und der Arzt der unsterblichen Seele zu gleicher Zeit zu tun haben.

Wahrlich, Madame hat als ein fromm christlich Eheweib gehandelt und ihre

Bürde mit Tränen auf sich genommen. Dieses ist ein Haus worden, dessen

Lieblichkeit zu übelm Geruch sich wandelte, ein Haus, dessen Tür belagert ist

von unheiligen Geistern, so mit Zähnefletschen, Schweifringeln und Schlagen,

mit verhaltenem Gebell und Geheul bei Tag und Nacht Einlaß begehren,

löblicher Stadt und allem christlich lutherischen Volk zum Skandalum, zum

allerschrecklichsten Ärgernis. Ja, die Herren wissen bereits, daß der böse Feind allbereits eingedrungen ist und neben dem Lager des Hausherrn sitzet und sich

über ihn beuget und die Zähne mit Triumph blecket. Es klinget ein

absonderlicher Sang in unser Ohr; aber Madame möge reden, und Messieurs

mögen hören und uns sodann ihre treffliche Opinion mitteilen.“

„Ich bitte!“ fiel der Doktor Primus vorerst dazwischen. „Es ist vor allem

weitern die Frage zu stellen, ob wir hieher berufen seien als Medici oder als

Theologi? Was saget der Herr Kollega?“

„Ich stimme dem Herrn Kollega bei und stelle mit ihm dieselbe Frage.“

„Messieurs,“ rief der Pfarrherr mit großem Ernst, „wir sind hier in der

dänischen Stadt Kopenhagen, allwo kein Inquisitionsgericht Sitzung hält über

die Meinungen, doch weiß hochehrwürdiges königliches Konsistorium sich auch

verpflichtet vor Gott und Seiner Majestät, unserm königlichen Herrn Christian

dem Sechsten. Man spreche, wie man zu sprechen weiß; es wird an andern

liegen, die Conclusiones zu ziehen.“

„Ihr Herren, ihr liebe Herren,“ jammerte die Frau Mette, „in ganz

Kopenhagen, auf ganz Seeland gibt’s keine unglücklichere, geschlagenere Seele,

denn meine. Sie weisen in der Kirche und in den Gassen mit den Fingern auf

mich: ‚Sehet, da gehet das Weib des christlichen Juden!‘ — ich weiß mir am

Ende nicht mehr zu helfen, und kann’s nur ertragen, weil mich der Herr Jesus

Christus darzu erschaffen hat. Ich bin von lutherischen frommen Eltern allhier

geboren, und mein Mann ist aus Helsingör und auch von christlichen Eltern

geboren, solches ist ja von der Kanzel abgelesen bei unserer Trauung. Ich will

auch in meinem lutherischen Glauben sterben; aber die Zungen der Leute

bringen mich vor der Zeit um, und — drinnen liegt er, und der Juden Vorsänger,

Meister Henrich Israel, sitzet neben seinem Bett und muß ihm psalmodieren, und

es wird von Tage zu Tage schlimmer, wie er mit seiner ewigen Seligkeit

umgehet, und kein christlich Wort mehr annehmen will, und mit den Rabbinern

und jüdischen Schriftgelehrten mehr Gemeinschaft pflegt als mit seinem

ehrlichen Eheweibe, so ihm doch bei Tag und Nacht den Fuß in Wolle schlagen

und des Herrn Doktors Sekundi preiswürdige Medikamente eingeben muß. Ich

habe es getragen, getragen, getragen; aber es hat alles sein Ende, und so habe ich

es zuletzt zum Herrn Hieronymus Moekel von Trinitatis getragen, und vor seiner

Weisheit, Tugend und Gottesfürchtigkeit meine Last abgeleget —“

„Und Madame hat gar wohl daran getan,“ fiel der Pfarrherr wieder ein; „und

die Herren belieben wohl Achtung zu geben und auf jenen Gesang hinter der

Wand mit Bedacht zu horchen. Wahrlich, es handelt sich hier darum, christliche

Gemeinschaft der Heiligen und ein reines Evangelium vor einem großen und

unersetzlichen Schaden und einem stinkenden Ärgernis zu bewahren. Messieurs

haben den Herrn Kuratorem dem Leibe nach in allen frühern Morbis und Hinfälligkeiten behandelt; nunmehro aber handelt es sich um eines angesehenen

und wohlbekannten Mannes besseres Teil, und die Herren mögen wohl in

Obacht nehmen, daß ihr Wort gewogen wird vor einem hochwürdigen

Konsistorio, vor königlicher Majestät erhabenem Thron und zuletzt droben mit

der allerletzten Wagschale. So sprechen denn die Herren und sagen, ob der

Kurator Herr Jens Pedersen Gedelöcke mentis compos, bei gesunden Sinnen

sei und ein verlorener, verruchter Sünder, einer so die Schafe lässet und sich zu

den Böcken gesellet; — oder ob ihn des Herrn Hand mit Wahnsinn geschlagen

und nur das Irrenhaus mit einem Hirntollen abzurechnen habe?!“

„Herr Hieronymus und liebwerte Madame,“ sprachen beide Doktoren mit

bedächtigem Kopfneigen; „es ist unsere feste Überzeugung und Meinung, daß

der Herr Jens Pedersen Gedelöcke nur am Podagra laborieret, und daß, wenn es,

was der Himmel verhüten möge, zum Schlimmsten gehen sollte, viel mehr

Expektanz vorhanden ist, die Krankheit steige ihm in den Magen, denn in den

Kopf; als welchen letzteren es nach unserer Bekanntschaft in dieser erleuchteten

Stadt Kopenhagen kaum einen zweiten gleich hellen gibt.“

„So ist dieses Haus auserlesen, für alle Zeiten im feurigen Lichte des

Verderbens zu scheinen!“ rief der geistliche Herr mit erhobenen Händen; „und

von dem Manne hinter der Wand wird’s heißen:

Die, so den großen Gott und seiner Botschaft spotten,

Verschlingt der Schwefelpfuhl wie Kor- und Satans Rotten!

 

Es ist der Juden Vorsinger, Henrich Israel, so ihm jetzo seine Leibstücklein

vorpfeifet, — wahrlich ein Psalm für einen, so in der reinen Lehre geboren,

erzogen und aufgewachsen ist. Wehe, wer wird ihm singen, wenn die Seele den

körperlichen Leib verlassen hat? O Frau, Fraue, wahrlich ist Ihr ein schwer

Schicksal auferlegt worden!“

Der ehrwürdige Herr redete sich in immer größere Emotion, die Frau Mette

rang mit Wimmern und Winseln die Hände, und beide Doktoren hatten das Kinn

auf den Stockknopf gestützt und starrten ins Graue. Da schwieg die Stimme

Judäas, und still ward’s auch im betrübten Konklave, als ein hager und gelb

Gesicht sich in die leise geöffnete Tür schob und ein breiter Mund sich

vernehmen ließ:

„Madame, der Herr Kurator wünscht die pläsierliche Kompanie, so allhier bei

Ihr versammelt ist, auch bei sich zu bekomplimentieren!“

Sotane Visage eignete Herrn David Bleichfeld, dem Famulo des Herrn

Pedersen Gedelöcke, und zog sich ebenso schnell zurück, als sie sich langsam

vorgeschoben hatte.