Leben und Schicksale des Katers Rosaurus, oder die kleine Prinzessin und ihre Katze
Kapitel 2. Wie das Kätzchen in’s Kamin kam.
Kapitel 2.
W i e d a s K ä t z c h e n i n ’ s K a m i n k a m .
In Sonnenschein —
In dunkler Nacht
Für Mensch und Thier
Gottes Auge wacht.
Die Art und Weise, wie das Kätzchen in’s Kamin gelangt war, gewährt dem
aufmerksamen Leser einen Blick in die traurigen Familienverhältnisse der
Katzen. Bei dem Vogelgeschlecht ist das Männchen dem Weibchen beim
Nestbauen, Brüten und Füttern der Jungen behilflich. Der liebenswürdige Gatte
der Nachtigall singt seinem brütenden Weibchen vor und erfreut durch seine
herrlichen Liebestöne das Ohr des lustwandelnden Menschen. Auch bei
manchem vierfüßigen Thier findet man väterliche Zuneigung und Fürsorge für
die Jungen; aber bei den Katzen ist das nicht der Fall. Mancher Katzenpapa hat
sogar die schlechte Gewohnheit, seine Kleinen zu fressen. Vielleicht hält er sie
für Mäuse oder Ratten; vielleicht haßt er sie, weil sie die Katzen zu sehr
beschäftigen und von den Mondscheinpromenaden auf den Dächern, vom
Besuch der Katzengesellschaften und von der Theilnahme an den herrlichen
Katzenconzerten, deren Ihr, lieben Kinder, gewiß schon oft gehört habt,
abhalten. Kurz, der Kater frißt seine Jungen und die liebende Katzenmama ist
genöthigt, dieselben gegen ihn zu vertheidigen oder vor ihm zu verbergen. Das
thut sie nun so gut sie kann, indem sie sich zu ihrem Wochenbett Stellen
aufsucht, wo Niemand so leicht hinkommt. — Kätzchens Mutter war nun
niemand Anders als Mies Mies, die Hofkatze, und sein Vater, der sehr
ehrenwerthe Hofkater, Namens Murr. Beide Eltern erfreuten sich einer sehr
einträglichen Anstellung bei der Küche und erhielten eine reichliche Besoldung
an Hühnerknochen und Fischgräten, die sie blos mit dem Hofraben zu theilen
hatten. Mies Mies fand indeß noch nebenbei Gelegenheit, manche verhungerte Stadtkatze zu unterstützen, denn Mies Mies hatte ein gutes Herz; aber der Kater
Murr und der Hofrabe Hans wollten das nicht leiden und scharrten in die Erde,
was sie nicht fressen konnten, lieber, als andere Thiere damit zu erfreuen. Man
hätte nun meinen sollen, bei so reichlicher Kost würde der Vater seine Kinder
verschonen, aber nein! er hatte von Zeit zu Zeit förmlich Appetit nach jungen
Kätzchen und auch der Hofrabe liebte solche zu verspeisen. Mies Mies kannte
alle diese drohenden Gefahren und war ernstlich darauf bedacht, ihre Kinder
denselben zu entziehen.
Mies Mies hatte auch ein Gespräch der Schloßmagd und des Schloßvoigts
belauscht, worin diese sich vornahmen, keine jungen Kätzchen mehr im Schloß
zu dulden, weil solche Unreinlichkeiten verursachten; alle Kinder der Mies Mies
sollten künftighin ersäuft werden. Man kann sich denken, wie das Herz der
armen Hofkatze schlug, als die Stunde nahte, wo sie Mutter werden sollte.
In ihre traurigen Gedanken vertieft schlich sie auf einem vorragenden Haussims,
in den Fenstern der fürstlichen Gastzimmer vorüber und bemerkte, daß der Wind
eines dieser Fenster aufgerissen hatte, ohne daß irgend Jemand es bemerkt zu
haben schien. Im Fremdenzimmer stand aber ein Himmelbett mit blauseidenen
Vorhängen, worin schon Fürsten und Grafen geschlafen hatten; das mußte sich
vortrefflich zum Wochenbett eignen, es war ganz so weich und sanft, wie Mies
Mies es für ihre jungen Kätzchen nur wünschen konnte; sie schlüpfte also zum
Fenster hinein, sprang auf das Bett, wühlte mit ihren Pfoten eine Art von Nest
zwischen Kopfkissen und Plümeau, und sah sich bald von drei allerliebsten
Kätzchen umgeben, die sie auch während neun Tagen ungestört säugte. Nur ein
Mal täglich verließ sie ihre Kinder, um selbst Nahrung einzunehmen; das that sie
aber nur in der Nacht, damit Niemand erspähen möge, wohin sie ihre Schritte
wendete.
Die Kätzchen pflegen bis zum neunten Tag blind zu sein, bis dahin leiht die
sorgsame Mutter ihnen ihr Auge und wacht über sie. Mies Mies erwartete
stündlich, daß ihren Kindern das Licht aufgehen werde und hatte fleißig die
geschlossenen Augen geleckt, um ihnen das Aufschlagen derselben zu
erleichtern. Da vernahm sie eines Tages ein Geräusch an der Thür; ein Schlüssel
wurde in’s Schlüsselloch gesteckt, das Schloß gedreht, die Thür ging auf und
herein trat die entsetzliche Schloßmagd, mit einem furchtbaren Besen an einem
langen, langen Stiel. Mies Mies befahl ihren Kindern ganz still zu sein; sie
hoffte, die Hofmagd würde nur kehren und nicht das Bett machen; ängstlich
blinzelte sie durch die Spalten des Vorhangs und verfolgte jede Bewegung der Entsetzlichen. Ach — all ihr Hoffen war vergeblich! — Es waren Gäste angesagt
und die Fremden-Zimmer und Fremden-Betten mußten in Ordnung gebracht
werden. Eine kräftige Hand riß den Vorhang auseinander und das Plümeau in die
Höh’! Welch eine Unthat war da geschehen! —
Die Schloßmagd erhob einen gewaltigen Lärm; sie schrie und tobte gegen die
Katze, sie schimpfte und drohte sie zu verderben mit ihrer ganzen Brut. Mies
Mies ließ sich aber nicht so leicht einschüchtern, sie machte wahre Tigeraugen;
sie zischte, knurrte, pustete, machte einen furchtbaren Katzenbuckel und schien
sich zu einem gewaltigen Sprung nach dem Angesichte der Schloßmagd zu
rüsten; dabei bewegte sie ihren Schwanz wie eine Löwin und zeigte ihre spitzen,
scharfen Zähne wie ein Leopard. Sie erschien in ihrer muthigen Mutterliebe so
furchtbar, daß der Schloßmagd ganz angst und bange wurde für ihre Augen und
für ihre rothen Wangen und sie davon eilte, um den Schloßvoigt als Beistand
herbei zu rufen.
Frau Mies Mies war indeß nicht so dumm, diesen Beistand abzuwarten; sie
dachte: wenn der Schloßvoigt und die Schloßmagd sich mit ihren Besenstielen
über mich hermachen, dann bin ich mit meinen lieben Kleinen verloren, da geht
es uns schlecht. — Sie beschloß also, so schnell als möglich ihre Kätzchen
hinweg zu tragen und ihnen ein anderes Unterkommen zu suchen. So nahm sie
denn ein Kätzchen in’s Maul und trug es auf’s Dach; dann holte sie das zweite,
dann das dritte, und als die Hofmagd und der Hofknecht kamen, fanden sie das
Bett leer. Dasselbe sah aber nicht reinlich aus und der Hofknecht hielt sich die
Nase zu und lief so schnell als möglich davon.
Nun ergriff Mies Mies wieder das Kätzchen, das sie zuerst auf das Dach
niedergelegt hatte; sie, deren Zähne so scharf für die Mäuse waren, sie wußte
dieselben ganz stumpf zu machen, damit ihr Kind den mütterlichen Zahn nicht
fühlte. Sie trug es nach einer Bodenkammer, wo sie sich eines alten Strohsacks
erinnerte; dort waren die Kleinen zwar nicht so weich und vornehm gebettet, wie
früher, doch sicher vor Störung. Dann holte die Mutter das zweite Kind — unser
Kätzchen war aber das dritte, welches bis zuletzt warten mußte.
So lag es denn allein auf dem Dache; es war bis jetzt noch blind gewesen und
wußte eigentlich nicht, was man mit ihm vorgenommen hatte; es fror und ihm
war ganz unheimlich zu Muthe; da berührt ein Strahl der scheidenden Sonne das
arme Thier und suchte dessen geschlossenes Auge, welches sich plötzlich
öffnete und zum ersten Male das Licht der Welt erblickte. Kätzchen verfiel darüber in ein ungeheures Nießen und gerieth durch diese Bewegung in’s
Rollen; es rollte vom Dachgiebel herab, immer weiter, immer weiter; es wäre bis
in den Schloßhof gerollt, wenn das Kamin es nicht aufgenommen hätte. So kam
es denn in des Prinzeßchens Zimmer und gewiß in sehr gute, liebevolle Hände.