Leben und Schicksale des Katers Rosaurus, oder die kleine Prinzessin und ihre Katze

Kapitel 11. Aus der Naturgeschichte des Löwen.

Kapitel 11.

 

A u s d e r N a t u r g e s c h i c h t e d e s L ö w e n .

 

Und herein mit bedächtigem Schritt

Ein Löwe tritt.

Er sieht sich stumm

Ringsum

Mit langem Gähnen.

Er schüttelt die Mähnen.

Und legt sich nieder.

 

Als der letzte Lebensfunke des Löwen verlöscht war, kam der Menageriebesitzer

herbei; er warf sich über die Leiche seines Prachtstückes und weinte laut. Mit

seinen Thieren hatte der arme Mann sein Vermögen verloren. Die kleine

Prinzessin erbot sich, ihm die Haut des Löwen abzukaufen, sie wollte dieselbe

ausstopfen lassen und im Lustschlößchen aufstellen, da ein in dessen Umgegend

erschossener Löwe gewiß zu den Seltenheiten gehöre; dann lud sie den betrübten

Mann ein, seine Affen in Empfang zu nehmen, deren Erscheinen man sich jetzt

erklären konnte. Jetzt bemerkte man auch, daß das kleine Aeffchen an

Brandwunden leide und man verband es mit kühlender Salbe, wobei es ganz still

hielt.

 

Sodann lud man den Menageriebesitzer ein, den Thee mit der Prinzessin zu

trinken; die Kinder gedachten an ihn viele Fragen über seine Thiere zu thun und

sich zu erkundigen, wie er sie erhalten habe.

 

„Den Löwen,“ erzählte er, „habe ich, als er noch ganz klein war, einem Araber

abgekauft. Der Araber hatte nämlich ausfindig gemacht, daß ein Löwenpaar in

einer Höhle seine Jungen groß ziehe. Die Löwen pflegen nun niemals ihre

Jungen allein zu lassen und wachen deshalb abwechselnd bei ihnen. Wenn die

Löwin die Wache hat, ist sie stets mit ihren Kleinen beschäftigt; der Löwe aber,

welcher meist müde von der Jagd nach Hause kommt, benutzt die Zeit der Beaufsichtigung, um zu schlafen, und da schläft er oft sehr fest mit den Kleinen

um die Wette. Diesen Augenblick hatte der Araber nun von einem nahen Baume

erlauert; als die Löwin einige Minuten fort war, kletterte er herab, kroch in die

Höhle und nahm zwei kleine Löwen, die er in seinen Busen barg; sie winselten

etwas und der Vater knurrte im Schlafe so stark, daß der Araber schon meinte, er

sei verloren; er eilte so schnell als möglich fort nach einer Stelle auf einem

Hügel, wo ein Pferd seiner wartete; er hatte solches indeß noch nicht erreicht, als

er die Löwin hinter sich her kommen sah mit dem Ausdruck und dem Gebrüll

der höchsten Wuth. In großen Sätzen durchras’te sie das Thal und der Araber

wäre verloren gewesen, wenn er nicht die Gegenwart des Geistes gehabt hätte,

eines der kleinen Löwen niederzulegen, so daß die Mutter es finden mußte. Dann

bestieg er das Pferd und jagte davon. Als er mir den jungen Löwen brachte, hatte

derselbe ihn mit scharfen Krallen die Brust zerkratzt, so daß das Blut in Strömen

herabrieselte. Ich mußte dem Araber viel Geld für den jungen Löwen zahlen und

hatte dann noch große Mühe, ehe ich ihn groß brachte; da können Sie es sich

wohl denken, wie sehr es mich betrübt, das schöne Thier nun verloren zu

haben.“ Thränen strömten seinen Wangen herab; dann erzählte er weiter:

 

„Es ist schon so viel von den Gewohnheiten des Löwen erzählt worden und

dennoch giebt es noch manchen wenig bekannten Zug in seiner Lebensweise.

Wenn der Löwe in Gesellschaft jagt, so wird der älteste immer zuerst das Wild

anfallen. Ist er so glücklich, dasselbe zu erlegen, so streckt er sich während einer

Viertelstunde an dessen Seite nieder, um wieder zu Odem zu kommen, und seine

Gefährten lagern sich um ihn her. Hat er sich genugsam ausgeruht, so erhebt er

sich und verzehrt den Bauch und die Brust des getödteten Thieres; das sind die

Lieblingsbissen des Löwen. Sodann legt er sich abermals nieder, ohne daß seine

Gefährten oder seine Jungen sich die geringste Bewegung erlauben. Erst wenn

sein Hunger vollständig befriedigt ist, fallen sie über das getödtete Thier her und

zerfleischen es. So auch wenn ein junger Löwe auf der Jagd glücklich war, und

ein alter ihm naht, wird er sich stets zurückziehen und warten bis der alte seine

Mahlzeit vollendet hat.“

 

„Ich beobachtete einst einen großen Löwen, welcher im Gebüsch lag, und

verschiedene Mal seinen ungeheuren Satz nach einem alten Baumstamm

richtete, gleichsam um Kräfte und Blick zu üben.“

 

„Ich kannte in Bethanien einen Mann, welcher auf einer Fußreise nach einer

Quelle einlenkte, wo er eine Gazelle zu erlegen hoffte. Die Sonne stand schon

ziemlich hoch, als er diese Quelle erreichte; da er kein Wild bemerkte, legte er die Flinte auf einen, von wildem Dorngebüsch beschatteten Felsen, erfrischte

sich mit einem kühlen Trunk an der Quelle und streckte sich dann auf dem

Felsen nieder, wo er, nachdem er seine Pfeife geraucht hatte, einschlief. Bald

darauf erweckte ihn indeß die Hitze der Sonne, welche die Felsenwände

zurückstrahlte, und als er die Augen aufschlug, erblickte er zu seinen Füßen

einen großen Löwen, welcher in liegender Stellung seine glühenden Augen auf

ihn gerichtet hatte. Er blieb einige Augenblicke regungslos, bis er seine

Geistesgegenwart wieder erhielt; verstohlen blickte er nach seiner Flinte und

machte eine Bewegung dieselbe zu ergreifen. Dem Löwen entging solches indeß

nicht, er richtete das Haupt empor und erhob ein furchtbares Gebrüll. Zu

verschiedenen Malen erneuerte der arme Mann den Versuch seine Waffen zu

fassen und jedes Mal drohte ihm der wüthende Löwe von Neuem mit seinem

Gebrüll. Die Lage des Hottentotten wurde immer peinlicher; der Felsen, worauf

er lag, ward so heiß, daß er kaum seine nackten Füße darauf konnte ruhen lassen.

Tag und Nacht verstrichen, ohne daß der Löwe seine Lage gewechselt hätte.

Abermal ging die Sonne empor und die Gluth ihrer Strahlen ward bald so heftig,

daß die schmerzhaften Füße ganz gefühllos wurden. Gegen Mitte des Tages

erhob sich der Löwe und begab sich an die Quelle, indem er bei jedem Schritt

den Kopf umdrehte, um seinen Gefangenen zu bewachen; und so bald als dieser

nur die kleinste Bewegung mit der Hand machte, drohte das Thier über ihn

herzustürzen; als es getrunken hatte, legte es sich wieder an seinen Platz und es

verstrich eine zweite Nacht, ohne daß sich das Auge des Königs der Wälder von

dem armen Hottentotten abwandte.“

 

„Am nächsten Morgen erhob sich der Löwe abermals, um seinen Durst zu

löschen, als ein fernes Geräusch sein Ohr erreichte; er horchte auf und

verschwand im Gebüsch.“

 

„Der Hottentotte nahm alle seine Kräfte zusammen, um seine Flinte zu ergreifen,

und wollte sich, nachdem dieses ihm gelungen, aufrichten, fiel aber wieder

nieder, da seine Füße ihn nicht tragen konnten. Mit der Flinte kroch er an die

Quelle und trank in langen Zügen; dann erst betrachtete er seine Füße und

entdeckte, daß seine Zehen ganz verbrannt waren. Er setzte sich nieder, um die

Rückkehr des Löwen zu erwarten, entschlossen, sein Gewehr in dessen Hirn zu

entladen, da er ihn aber nicht zurückkehren sah, begann er auf allen Vieren den

Weg nach seiner Wohnung einzuschlagen, in der Hoffnung einem Reisenden zu

begegnen, der ihm weiter helfe, was auch geschah; man brachte ihn an einen

sichern Ort, wo er gepflegt werden konnte. Er verlor indeß die Zehen und konnte niemals wieder sich des vollständigen Gebrauchs seiner Füße erfreuen.“

 

„Der Löwe ist beim Fressen, wenn er Hunger hat, sehr grimmig, gesättigt ist er

aber ganz mild. Bei der Jagd ergreift er nie offenbar die Flucht oder zeigt Furcht.

Sucht er auch wegen der Menge der Jäger sich zu entfernen, so weicht er doch

nur langsam und Schritt vor Schritt und wendet sich von Zeit zu Zeit um.

Erreicht er einen Wald, so flieht er schnell, bis er wieder ins Freie kommt; dann

geht er wieder schrittweis, oder wird er zu sehr gedrängt auch laufend, aber nie

springend. Er läuft wie ein Hund, gerade und vorgestreckt fort; will er aber selbst

angreifen, so springt er auf den Raub, sobald er ihm nahe ist. Auch ist es wahr,

daß er das Feuer fürchtet. Er hat keine besondere Vorliebe für Menschenfleisch,

und zieht jedes andere demselben vor. Nur wenn er zu alt ist, um Jagd auf die

Thiere zu machen, nähert er sich gern den Städten und fängt Kinder zu seiner

Nahrung. Er giebt den Hottentotten immer den Vorzug vor den weißen

Menschen, vielleicht weil sie unbekleidet sind; er durchbricht oft die Reihen der

Jäger, um sich das erwählte Opfer heraus zu suchen. — Wenn der Löwe alt wird,

verliert er die Zähne; dann hat er wenig Muth und man sah einen Löwen, der vor

einem Schweine floh, welches sich wehrte und die Borsten gegen ihn sträubte.

Er kann übrigens viele Pfeilschüsse aushalten, nur nicht in den Weichen. Am

Kopf ist er am festesten. In Lybien glaubt man, er verstehe das Flehen der

Frauen. Eine Gefangene, welche mit ihrem Kind am Wege stand, sah plötzlich

einen Löwen vor sich liegen; da warf sie sich im Schrecken vor ihm nieder und

bat ihn jammernd, sie und ihr Kind zu verschonen, da soll er aufgestanden und

fortgegangen sein. Die Absicht des Löwen verräth der Schwanz; wenn sich

derselbe nicht bewegt, so ist das Thier guter Laune. Ist es das nicht, so schlägt er

mit dem Schweif auf die Erde, und bei wachsender Wuth sich selbst auf den

Rücken, gleichsam als wollte er seinen Zorn dadurch noch mehr reizen. Kämpft

die Löwin für ihre Jungen, so heftet sie die Augen auf den Boden, um nicht vor

den Waffen zu erschrecken. Wenn man indeß dem Löwen eine Decke über Kopf

und Augen wirft, da ist seine Kraft gebrochen und man kann ihn sogar binden,

so furchtsam ist er.“

 

„Zwei Jäger stießen plötzlich auf einen Löwen, welcher im Gras lag und mit

dem Schweif schlug; Beide sehen ein, daß es um sie geschehen sei; als der Löwe

nun auf den Einen zusprang, wich derselbe schnell aus, packte das Thier an der

Mähne und klammerte sich fest an ihn. Der Löwe schüttelte und wälzte sich mit

dem Unglücklichen, welcher endlich von seinem Halten loslassen mußte. Schon

sah er den Rachen über sich geöffnet, als er mit beiden Händen hineinfuhr und des Löwen Zunge packte. Während dem zielte der andere Jäger nach dem Thier

und traf es tödtlich.“

 

„Sobald ein Pferd einen Löwen riecht, achtet es nicht mehr auf Zaum und Gebiß,

sondern reißt mit dem Reiter aus oder wirft ihn ab. Der Löwe verfolgt indeß das

Pferd und läßt den Reiter liegen.“

 

„Als ich,“ erzählte der Menageriebesitzer, „weiter in der Nähe des kleinen

Sonntagflusses reiste, hörte ich zum ersten Mal die Löwen die ganze Nacht

hindurch brüllen. Das Brüllen besteht aus einem groben unartikulirten Laute, der

etwas Hohles hat, wie der Schall eines Sprachrohrs. Es ist ein Mittelding

zwischen U und O und scheint aus der Erde zu kommen, so daß man die

Richtung nicht errathen kann. Daher wissen die erschreckten Thiere auch nicht,

wohin sie fliehen sollen, sondern laufen im Dunkeln hin und her und fallen dem

Feind in den Rachen. Während des Brüllens hält nämlich der Löwe das Maul

gegen die Erde. An unserm Vieh konnten wir es jedes Mal erkennen, wenn sich

Löwen näherten, selbst wenn sie nicht brüllten. Die Hunde wagten nicht einen

Laut von sich zu geben, die Ochsen und Pferde holten tief Athem und zogen

langsam an den Riemen, womit sie an die Wagen gebunden waren, legten sich

auf die Erde und standen wieder auf, als wenn sie in Todesangst wären. Die uns

begleitenden Hottentotten machten sodann Feuer, legten ihre Wurfspieße neben

sich und die Europäer luden die Flinten mit Kugeln. Obschon die Löwen das

Feuer fürchten, so wußten die Hottentotten doch Beispiele, daß sie Menschen

davon weggeholt und ganz in der Nähe aufgefressen hatten. Sie verboten, zur

Unzeit zu schießen, damit im Finstern nicht ein Mensch getroffen werde und

beschlossen, das Thier mit ihren Spießen anzugreifen, während andere sich ihm

an die Füße hängen sollten. Sie behaupteten, daß der Löwe den Menschen, den

er überwältigt und unter sich liegen hat, nicht sogleich tödte, wofern derselbe

ruhig bleibt, sondern ihm erst später unter fürchterlichem Gebrüll einen Schlag

auf die Brust gebe. Die Hottentotten waren indeß sehr muthig und bezeigten

keine Furcht. Einer der Ochsen zeigte sich ganz besonders ängstlich, so daß es

ihm sogar vor Schreck im Leibe rumpelte; eben so benahm sich auch ein Hengst

und beide Thiere hatten noch nie einen Löwen gesehen. Dagegen scheinen die

gemsenartigen Thiere ihn nicht zu wittern, da sie an seinem Versteck oft so

sorglos vorübergehen, wenn sie an’s Wasser wollen, um ihren Durst zu löschen

und dann auch meist seine Beute werden. Will man durch Flüsse setzen, so

pflegt man mit der großen Ochsenpeitsche so laut als möglich zu klatschen, um

auf diese Weise die lauernden Löwen aus ihrem Hinterhalte zu vertreiben. Das Klatschen der Peitsche tönt weiter als ein Flintenschuß.“

 

„Ein Hottentotte bemerkte eines Tages am obern Sonntagsfluß, daß ihm ein

Löwe zwei Stunden lang nachschlich und schloß daraus, daß derselbe nur die

Nacht abwarte, um über ihn herzufallen. Da er nichts als einen Stock bei sich

hatte, versteckte er sich beim Einbruch der Nacht in eine Kluft an einem

Abgrund, steckte Hut und Wamms auf den Stock, den er aus der Kluft

herausragen ließ, indem er ihn von Zeit zu Zeit bewegte. Der Löwe schlich ganz

leise wie eine Katze herbei, dann sprang er auf den Hut zu und stürzte die Felsen

hinab.“

 

„Es ist merkwürdig, daß der Löwe den Menschen gewöhnlich nur verwundet

oder eine Weile wartet, bis er ihm den tödtlichen Streich giebt, während er die

Thiere augenblicklich tödtet. So hatte einer zwei Ochsen, als sie kaum vom

Wagen ausgespannt waren, auf der Stelle den Rücken entzwei geschlagen. Ein

Mann hatte es mit seinen zwei Söhnen gewagt, Jagd auf einen Löwen zu

machen. Sie waren zu Fuß, und als der Löwe hervorstürzte, hatte er schnell

Einen ergriffen und ihn unter sich geworfen und dennoch hatten die beiden

Andern Zeit, den Löwen zu erschießen und den Unglücklichen zu retten. Ich

habe selbst einen am Backen scheußlich verwundeten Hottentotten gesehen, dem

auf einer Jagd ein Löwe bloß diesen Biß beigebracht hatte, ohne ihm weiter

etwas zu thun. Ein anderer hatte einen Mann bloß in den Arm gebissen. Da er in

der Regel keinen Widerstand begegnet, so scheint er den Muth leicht zu

verlieren, wenn man ihm dergleichen entgegensetzt. In der Berberei, wo er die

Uebermacht des Menschen mehr kennen gelernt hat, soll er sich sogar mit

Stockschlägen von Weibern und Kindern vertreiben lassen.“

 

„Die Stärke des Löwen ist außerordentlich. Er schleppt ein Rind im Rachen fort,

wie die Katze eine Maus und springt damit sogar über Gräben. Ein Büffel ist ihm

jedoch zu schwer. Am Buschmannsfluß sahen zwei Bauern einmal einen Löwen,

welcher einen Büffel fortschleppte; sie vertrieben aber den Löwen, weil sie

selbst Lust nach dessen Beute hatten. Er hatte dem Büffel das Gedärm aus dem

Leibe gerissen, um ihn leichter fortschaffen zu können. Als sie das Fleisch auf

den Wagen luden und fortfuhren, sah er sich recht oft aus dem nahen Wald nach

ihnen um, ohne Zweifel nicht ohne großen Verdruß. Wenn er den Sieg über den

Büffel davon trägt, so geschieht das bloß durch Ueberfall aus einem Hinterhalte,

nicht durch freien Kampf auf dem Felde. Er springt auf ihn los, setzt ihm die

Klauen an den Hals, schlägt ihn mit der Tatze in’s Gesicht, schlingt sich um den

Kopf, zieht ihn bei den Hörnern zu Boden und sucht ihm Maul und Nase zuzudrücken, bis er erstickt oder an seinen Wunden verblutet.“

 

„Uebrigens wehren sich die Büffel, besonders wenn sie Kälber haben, und ein

Löwe soll von einer Heerde Kühe, welche er bei hellem Tage angriff, todt

gestoßen worden sein.“

 

„Ein Dutzend gewöhnlicher Hofhunde werden übrigens bei Tag auch Meister

des Löwen. Sein Stolz hält ihn nämlich ab, vor ihnen zu fliehen und er setzt sich

blos hin, um sie mit den Tatzen abzuwehren, womit er freilich 2-3 todt schlägt,

aber von den andern zerrissen wird.“

 

„Der Löwe ist viel leichter zu tödten als andere Thiere; Büffel und große

Gemsen laufen mit einem Schuß durch Bauch und Gedärme davon, der Löwe

aber bekommt gleich Erbrechen und wird unvermögend zu laufen. Der Löwe ist

übrigens eines der trägsten Raubthiere und giebt sich nicht gern die Mühe, etwas

aufzusuchen, so lange er nicht vom Hunger gedrängt ist.“

 

„Am Kohmiesberge, im Lande der Nomaden, wollte ein Hottentotte eine Heerde

Vieh in’s Wasser treiben, als er einen Löwen entdeckte. Er floh mitten durch die

Heerde in der Hoffnung, daß der Löwe eher ein Stück Vieh ergreifen würde, als

ihm zu folgen. Keineswegs. Der Löwe brach durch die Heerde und folgte dem

Hottentotten, der jedoch noch so glücklich war, auf einen Aloebaum zu klettern

und sich hinter einen Haufen Nester des grauen Webervogels zu verstecken. Der

Löwe that einen Sprung hinauf, verfehlte aber seinen Zweck und fiel auf den

Boden. In mürrischem Schweigen ging er um den Baum, warf dann und wann

einen schrecklichen Blick hinauf, legte sich endlich nieder und ging 24 Stunden

nicht von der Stelle. Endlich begab er sich nach der Quelle, um seinen Durst zu

löschen; der Hottentotte stieg herunter und lief nach Haus, welches nur eine

halbe Stunde entfernt war. Der Löwe folgte ihm und kehrte erst 300 Schritt vom

Hause um.“

 

„Der Löwe greift, nach Aussage der Jäger, kein Thier und keinen Menschen an,

wenn sie nicht fliehen, ohne vorher in einer Entfernung von zehn Schritt sich

niedergelegt und seinen Sprung abgemessen zu haben. Daher schießen die Jäger

ihn nicht eher, als bis er sich gelegt hat, weil sie dann richtig vor den Kopf

treffen. — Begegnet man unbewaffnet einem Löwen, so sind Muth und

Geistesgegenwart das einzige Rettungsmittel. Wer entflieht, ist unfehlbar

verloren, wer ruhig stehen bleibt, den greift der Löwe nicht an. Die erhabene

Gestalt des Menschen flößt ihm, vorausgesetzt, daß er den leichten Kampf mit

den Menschen noch nicht versucht hat, eher Furcht und Mißtrauen in seine eigene Kraft ein und eine ruhige Haltung verstärkt diesen Eindruck mit jedem

Augenblick. Wenn er sich auch zum Sprung niederlegt, so wird er denselben

doch nicht wagen, wenn man ihn unbeweglich wie eine Bildsäule in’s Auge

schaut. Man muß sich hüten, durch eine unbedachtsame Bewegung Furcht zu

verrathen. Der Ausgang beweist, daß er selbst sich nicht minder gefürchtet hat

als der Mensch; denn nach einiger Zeit erhebt er sich langsam, geht unter

beständigem Umsehen einige Schritte zurück, legt sich wieder, entfernt sich

abermals in immer größeren Zwischenräumen und nimmt endlich, wenn er ganz

außer dem Wirkungskreis des Menschen gekommen zu sein glaubt, in vollem

Laufe die Flucht. Der Löwe wägt die Gefahr ab, der Panther aber stürzt sich

blindlings auf den Feind, unbekümmert, ob er siegen oder unterliegen werde.“

 

So erzählte der Menageriebesitzer lange den Kindern und von Zeit zu Zeit

brachen immer wieder seine Thränen aus. „O,“ sagte er betrübt, „wo werde ich

wieder einen Löwen bekommen, der so klug ist wie der meinige und so schön

Komödie spielen kann?“

 

„Wie, Komödie?“ riefen die Kinder einstimmig.

 

„Ja, auf einem großen Theater in Paris.“

 

„Man erzählt nämlich eine Geschichte von einer englischen Dame, welche nach

einem andern Welttheil reisen wollte, um ihren Mann zu besuchen. Das Schiff

legte an der Küste von Afrika an, um Wasser einzunehmen und die Frau stieg

mit ihrem Kind an’s Land. Sie setzte letzteres unter einen Baum, um einen Trunk

zu holen, und als sie wieder zurückkehren wollte, erblickte sie mit Schrecken

einen Löwen, welcher um das Kind herumging, es beschnupperte und leckte. Als

das kleine Wesen über die unsanfte Berührung seiner rauhen Zunge zu schreien

begann, stutzte der Löwe und entfernte sich in ruhigem Schritt. Die Mutter eilte

nun herbei; sie hatte schon gemeint, ihren Liebling todt oder verstümmelt zu

finden, aber siehe da, er war unversehrt, und sie sank nieder auf das Knie neben

dem Kinde und dankte Gott, daß er das Herz des Raubthiers gerührt hatte.“

 

„Diese Geschichte wird nun als Singspiel in Paris aufgeführt und mein Löwe

spielte mit. Ich hatte ihn seit seiner frühesten Kindheit darauf abgerichtet.“

 

P r i n z e ß. Aber, wenn er nun wild wird?

 

L i s i. Fürchtet sich denn das Publikum nicht?

 

„Das Publikum weiß wohl,“ versetzte der Menageriebesitzer, „daß mein Löwe

von vier dicken Seilen gebunden ist, die man aber nicht sieht.“

P r i n z e ß. Das Kind ist wohl durch eine Puppe vorgestellt?

 

M e n a g e r i e b e s i t z e r. Nein, es ist ein lebendiges Kind.

 

P r i n z e ß. Aber welche Mutter wird ihr Kind zu so etwas hergeben?

 

M e n a g e r i e b e s i t z e r. Das Kind läuft keine Gefahr, denn es liegt unter

einem Gitter von starkem Draht; dieses schützt vor des Löwen Zahn und Zunge,

während es für das Publikum unsichtbar ist.

 

Als der Menageriebesitzer seine Erzählung beendet hatte, begab er sich auf den

Heimweg. Die Kinder aber plauderten noch lange über das Löwenabenteuer,

über den Löwen und dessen Naturgeschichte.