Leben und Schicksale des Katers Rosaurus, oder die kleine Prinzessin und ihre Katze

Ein unterhaltendes Lese- und Bilderbuch für Kinder von Amalie Winter. Mit 1 schwarzem und 5 colorirten Stahlstichen.

Leben und Schicksale

 

des

 

K a t e r s R o s a u r u s ,

 

oder

 

die kleine Prinzessin und ihre Katze.

Ein unterhaltendes Lese- und Bilderbuch für Kinder

von

Amalie Winter.

Mit 1 schwarzem und 5 colorirten Stahlstichen.

 

Leipzig, 1851.

 

B a u m g ä r t n e r s B u c h h a n d l u n g .

 

Kapitel 1.

 

D i e U e b e r r a s c h u n g .

 

M e i n e F r e u d e n .

 

Wollt Ihr meine Freude hören,

Ruft ein Mädchen voller Lust,

Nun ich will sie gern Euch lehren,

Hegt sie auch in reiner Brust.

Meine Freude sind die Blüthen

Und die Blumen groß und klein

Die des Himmels Lust und Frieden

Durch die weite Schöpfung streu’n.

Meine Freuden sind die Thiere,

Schäfchen, Biene, Schmetterling.

Denn in Gottes Lustreviere

Ist mir keines zu gering.

 

Die kleine Prinzessin Marie war 6 Jahr alt und führte ein glückliches Leben. Alle

Welt war ihr gut und Jedermann bemühte sich, ihr Freude zu machen. Täglich

wurden kleine Mädchen eingeladen, mit denen sie im schönen Wagen spatzieren fuhr und mit schönen Spielsachen spielte.

 

Die Spielsachen waren aber ganz außerordentlich schön. Sie hatte unter Anderm

eine Puppenstube, welche so groß war, daß nicht nur die Puppen, sondern auch

deren Besitzerin, nebst zwei ihrer Freundinnen darin Platz fanden. Kanapee,

Stühle und der Tisch waren so eingerichtet, daß die Kinder sich ihrer bedienen

konnten und oft wurde dort in Gesellschaft der Puppen von verschiedener Größe

Chocolade getrunken. Der kleine Hund J o l y wurde bei solchen Gelegenheiten

ebenfalls eingelassen und erhielt einen Platz auf dem Kanapee, von wo aus er

mit wahrhaft menschlicher Grazie, ebenfalls Chocolade trank und Bisquit fraß.

Wenn er sich zuweilen vergaß und sich allzu gefräßig zeigte, so wurde er

ernstlich ermahnt und das Prinzeßchen drohte mit dem Finger.

 

Die Puppen waren indeß von verschiedener Größe und von ganz verschiedener

Art. Da sah man eine große Puppe als Königin angethan, mit einer goldenen

Krone auf dem Kopf und dem Hermelinmantel um die Schultern. Neben ihr saß

das Bauermädchen in der Landestracht, mit Bändermütze, kurzem Rock und

goldgesticktem Latz. Ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen waren in den

kurzen Flügelkleidern und weißen Beinkleidern mit den runden Strohhüten sehr

hübsch anzusehen. — Außerdem gab es auch Puppen in Haus- und Ball-

Kleidern und alle hatten ihre besondere Garderobe. Viele davon besaßen sehr

schönes langes Haar, und es gewährte den Kindern große Freude, solches zu

kämmen und zu flechten; andere hatten blos Locken, was ihnen auch sehr gut

stand.

 

Alle diese Puppen waren aber, in dem Augenblick wo diese Geschichte beginnt,

ganz vergessen und lagen in einer Ecke der Puppenstube über einander gehäuft,

denn die Prinzessin hatte kürzlich eine Puppe erhalten, welche alle anderen aus

ihrem Herzen verdrängte; das war nämlich eine schöne Wickelpuppe. — Kopf,

Arme und Beine waren von Wachs und das Kinderzeug war äußerst vollständig.

Es fehlte nicht an Windeln, Stopfläppchen und Wickelschnuren. Die

Wickelkissen waren mit Bandschleifen versehen und mit Stickereien garnirt. Die

Mützchen waren prächtig, ganz mit Spitzen und Bändern bedeckt. Es gewährte

den Kindern große Freude, das Puppenkind zu wickeln und trocken zu legen,

herum zu tragen und einzuschläfern, und ihm Brei zu geben, mit dem kleinen

silbernen Breilöffel, aus dem vergoldeten Breinäpfchen. Des Abends wurde die

Puppe immer in die Wiege gelegt, welche ebenfalls in der Puppenstube stand;

und das war eine sehr schöne Wiege von Mahagoniholz, wie nur wenig

Menschenkinder sie besitzen. Es schläft sich nun zwar eben so gut in einer einfachen Wiege; aber für die Puppe einer kleinen Prinzessin heißt es doch: „je

schöner, je besser“. An dieser Wiege waren nun reiche Vergoldungen

angebracht; ein vergoldeter Engel schwebte darüber und hielt in seinen Händen

den grünen Vorhang von schwerem rauschenden Seidenstoff: Kopfkissen und

Decke waren von rosa Atlas mit Ueberzug von gesticktem Tüll mit

Spitzenbesatz.

 

Das schönste Eigenthum der Wickelpuppe war aber das Taufzeug. Es bestand

aus einem langen Kleid von Spitzentüll über rosa Atlas. Das Kind lag auf einem

Kissen von rosa Atlas und nun gab es Spitzen und Schleifen in Menge.

Besonders schön waren die Aermelchen gestickt, und das Mützchen erregte

allgemeine Bewunderung. Eine arme Stickerin hatte vier Wochen daran

gearbeitet und von dem Lohn, den sie dafür bekam, ihre ganze Familie erhalten.

Die Wickelpuppe sah aber in diesem Taufzeug gerade so aus, wie das

Prinzeßchen selbst bei der Taufe ausgesehen hatte.

 

„Wir wollen doch Taufens spielen“, sagte L i s i eines Tages, als eine

Gesellschaft kleiner Mädchen bei der Prinzeß versammelt war. Lisi war die

älteste von ihnen und pflegte gewöhnlich die Spiele anzugeben. „Wir wollen die

Wickelpuppe taufen“, sagte sie, „und ich will der Pastor sein“. Die Kinder

nahmen den Vorschlag mit Jubel an; Mademoiselle Gogo, die Bonne, hatte das

Zimmer verlassen wegen eines Besuches und hatte die Kinder gebeten, recht still

zu spielen; nun! bei der Taufe machte man auch gewiß keinen Spectakel. Lisi

wickelte sich in einen schwarzen Shawl und machte sich von Papier Päffchen an

den Hals. Ein kleiner Tisch wurde als Altar angeputzt. Nun putzten sich auch die

Pathen. Das Prinzeßchen setzte ein Diadem ihrer Mama auf, welches diese

wegen dessen Schwere auf einige Stunden bei ihr abgelegt hatte; ein

goldgestickter Longshawl ward ihr als Schleppe angemacht. Die kleine D i a n a

befestigte zwei Blumenkränze der Balldamenpuppe auf den Kopf und band ihren

himmelblauen Mantel um die Taille, so daß er hinten Schleppe bildete; die kleine

A m e l i e hatte eine Echarpe von rosa Flor auf dem Kopfe befestigt und hüllte

sich hinein, so daß sie in einem jener Wölkchen zu stecken schien, welche

Abends vor Untergang der Sonne so schön roth aussehen. Die lange J e n n y

hatte aber die Mütze des kleinen Prinzen aufgesetzt, einen Kindersäbel

umgeschnallt und ein Paar Vorhangsquasten als Epauletten an die Schultern

befestigt und wollte durchaus der Herr Gevatter sein.

 

Nun sollte die Taufe losgehen. Lisi hatte nämlich ihr Schwesterchen taufen

sehen und nahm sich vor, es gerade so zu machen. Joly mußte sich auf die Hinterpfoten setzen, um das Mützchen zu halten, was damals Lisis Amt gewesen

war.

 

Als nun die Vorbereitungen vollendet waren und die Kinder feierlich im Kreise

standen, vernahm man plötzlich ein fremdartiges Geräusch, ein Poltern, Miauen,

Winseln. Die Kinder wußten gar nicht, was es war, — die Wickelpuppe konnte

es doch nicht sein!

 

Das Geräusch kam aus dem Kamin, welches im Sommer zugestellt wurde, damit

der Wind nicht herein fauchen konnte. Die Kinder fürchteten sich und flüchteten

schreiend und um Hülfe rufend in das andere Zimmer und Joly verfiel in ein

fürchterliches Gebell. Ueber dem Lärm kam Mademoiselle Gogo herbei und

frug, was es gäbe? Als die Kinder von dem Spektakel im Kamin erzählten,

schüttelte sie bedenklich den Kopf; sie wußte nicht recht, ob es gerathen sei, das

Kamin zu öffnen, es konnte ja eine Eule oder ein Uhu hineingeflogen sein; diese

Vögel haben aber große Schnäbel und pflegen damit um sich herum zu hacken;

es konnte auch eine Fledermaus sein und Mademoiselle Gogo fürchtete sich vor

Fledermäusen. — Alles stand um das Kamin in horchender Stellung. — Ach, die

Töne waren so leise, so hülfebedürftig, man mußte ahnden, daß ein Geschöpf

Gottes sich sehr unbehaglich darin fühle. Lisi riß geschwind das Kamin auf und

siehe, da lag ein kleines allerliebstes Kätzchen. Es konnte kaum 14 Tage alt sein

und gefiel den Kindern ungemein. Es war ein buntes Cypernkätzchen. Es hatte

einen langen Schwanz, den es anmuthig bewegte, kurze Ohren, die es klug zu

spitzen wußte und ein Fellchen, so weich und glatt wie Seide. Dabei schnurrte es

äußerst lieblich und schien sich im Schooß des Prinzeßchens sehr wohl zu

befinden. Die Kinder holten Milch herbei und es leckte dieselbe mit seinem

rosarothen Züngelchen. Man sah es ihm an, daß es ihm gutschmeckte. — Die

Kinder hatten sich um das Prinzeßchen herumgekauert, um den kleinen

Ankömmling recht betrachten zu können; alle waren davon entzückt, nur nicht

Joly, welcher zur Thüre hinaus gebracht werden mußte, da er Lust zu haben

schien, das arme Kätzchen zu beißen und aufzufressen.

 

Kinder und Frau sehen auf Kätzchen im Kamin

 

Das Kätzchen wird im Kamin entdeckt.

 

Als Lisi aber die Freundinnen aufmerksam machte auf die Sammetpfötchen des

Kätzchens und auf deren rosarothe Sohlen, wurden die Bedienten zum Abholen

gemeldet und man mußte sich trennen. Das Kätzchen war im Schooß des Prinzeßchens eingeschlafen, und wir wollen es schlafen lassen, um zu

erforschen, wie der kleine Gast eigentlich in das Kamin gekommen war.