Leben und Schicksale des Katers Rosaurus, oder die kleine Prinzessin und ihre Katze

Kapitel 10. Das große Abenteuer.

Kapitel 10.

 

D a s g r o ß e A b e n t e u e r .

Verliere den Muth nicht in Gefahr,

Gott wacht und schützt dich immerdar.

 

Täglich besuchte die Prinzessin den Löwen und brachte eine Stunde in der

Menagerie zu. Sie war dem Thier sehr dankbar, daß er ihr Kätzchen nicht

gefressen hatte, und wollte ihm ihre Erkenntlichkeit beweisen, indem sie ihm

alle Tage einige Pfund Fleisch brachte. Dieses Fleisch war hübsch in Stücken

geschnitten und auf Papier in einem zierlichen Körbchen geborgen, welches der

Bediente ihr nachtrug. Die Fleischstücken reichte sie selbst dem Löwen durch

das Gitter und sie machte es dabei nicht wie der Menageriebesitzer bei der

Fütterung, welcher ihm das Fleisch, nachdem er es gereicht hatte, mit dem

eisernen Haken so oft wieder entzog, um ihn recht böse zu machen und den

Zuschauern ein Beispiel seiner bestialischen Wuth zu geben. Nein, sie reichte es

dem Löwen recht schnell und ohne sich zu fürchten. Der Löwe kannte auch bald

seine kleine Wohlthäterin, besonders wenn sie Rosaurus mitbrachte, der ihr

gewöhnlich auf der Schulter saß. Wenn sie mit ihrem Gefolge eintrat, legte er

sich ganz sanftmüthig vor das Gitter nieder und empfing dankbar sein Geschenk;

dabei pflegte er mit Rosaurus um die Wette zu schnurren.

 

Im Sommer bewohnte die Prinzessin ein Lustschlößchen in einer kleinen

Entfernung von der Stadt; dort durfte sie recht lustig herumspringen und recht

wenig Stunden haben. Damit sie ihre Gespielinnen nicht entbehre, wurde Lisi

mitgenommen. Joly und Rosaurus durften natürlich nicht fehlen. Das

Schlößchen war von einem hübschen Garten umgeben und an den Garten stieß

ein kleiner Wald. Die Kinder durften sich darin nach Belieben ergehen und

erfreueten sich des Landlebens, indem sie Blumen suchten, Kränze banden oder

Seifenblasen machten. Letztere unterhielten besonders Rosaurus recht gut,

welcher immer danach haschte und sehr verwundert war, wenn sie unter seinen

Sammetpfötchen zerplatzten. Joly war ebenfalls sehr verlegen, wenn die Kinder

ihm ihre Seifenblasen auf die Nase zerplatzen ließen; er bellte dieselben oft an,

zog das Schwänzchen ein und riß vor ihnen aus. Uebrigens vertrug er sich viel

besser als im Anfang mit Rosaurus. Obgleich sich wohl dann und wann bei

Freßgelegenheiten ein Streit zwischen Beiden erhob wegen des Mein und Dein,

so konnten sie doch recht oft niedlich zusammenspielen. — Rosaurus mochte

wohl einsehen, daß Joly im Vergleich mit dem Pudel Kartusch ein sehr wohl

erzogener und höflicher Hund sei.

Eines Tages saß die Prinzessin mit Lisi und Mlle. Gogo am Rand des Wäldchens

auf weichem Rasen und flochten Kränze; Joly und Rosaurus spielten neben

ihnen und sie sprachen, wie das häufig geschah, vom großen Löwen, den sie erst

gestern besucht hatten. Die Prinzessin lobte ihn abermals, daß er dem Rosaurus

nichts zu Leid gethan, worauf Lisi sagte:

 

„Ich habe neulich gelesen, daß der Löwe, obgleich er eigentlich die Einsamkeit

liebt, sich doch leicht an andere Thiere gewöhnen und mit ihnen freundlich

verkehren kann. Noch vor nicht all zu langer Zeit gab es in Paris im Jardin des

plantes eine Löwin, Namens Constantine, welche während mehrerer Jahre mit

einem kleinen Spitz sehr glücklich lebte. Man hatte letzteren, welcher weiß und

schwarz war, in ihren Käfig geworfen, und er hatte sich, an allen Gliedern

zitternd, in einen Winkel verkrochen. Die Löwin erhob sich langsam, brüllte mit

dumpfer Stimme und näherte sich dem armen kleinen Thier, welches ein

klägliches Geschrei ausstieß und eine flehende Stellung anzunehmen schien.

Sein verzweiflungsvoller Blick schien die Löwin zu rühren; denn sie legte sich

ruhig nieder, ohne ihm wehe zu thun. Als man bei der Fütterung Constantine ihre

Nahrung gab, ließ sie etwas für den Spitz übrig; er aber wagte nicht irgend etwas

davon zu berühren; ja der größte Hunger würde ihn nicht vermocht haben,

seinen dunkeln Winkel zu verlassen. Am nächsten Tage fürchtete er sich weniger

und entschloß sich, das zu verzehren, was die Löwin für ihn übrig gelassen hatte.

Am zweiten Tag wagte er es, aus dem Winkel hervorzukriechen und gleich nach

der Löwin zu speisen. Nach acht Tagen erlaubte er der Löwin nicht eher zu

fressen, als bis er selbst sich gesättigt hatte, und wenn sie es wagte, sich früher

dem Fleisch zu nähern, so sprang der Spitz ihr wüthend in’s Gesicht und biß sie

mit allen Kräften.

 

Im Herbst, als es kalt und feucht wurde, brachte der Spitz die Nächte zwischen

den Beinen der Löwin zu, um warm zu liegen, was sie ebenfalls willig

geschehen ließ. Zum Dank dafür biß er sie eines Tages in einem Anfall von

Wuth dermaßen in den Schwanz, daß das Blut strömte und sie zeitlebens eine

Narbe behielt. — Nach einigen Jahren starb der Spitz an Altersschwäche und

Constantine schien untröstlich über diesen Verlust. Man gab ihr verschiedene

andere Hunde, die sie alle erwürgte; endlich ließ sie den einen am Leben, aber

sie zeigte demselben nur die größte Gleichgiltigkeit und erwies ihm nie eine

Gefälligkeit. Sie starb auch bald darauf, wie man meinte, aus Sehnsucht nach

ihrem bösen Spitz.“

 

Als Lisi kaum diese Geschichte vollendet hatte, begann Joly zu bellen, und es erschienen drei wunderliche Wesen, welche unter dem Gestrüpp

hervorgekrochen kamen; es waren drei Affen. Die Affenmutter trug ihr Kleines,

welches krank zu sein schien; die Thiere nahten sich zutraulich und fletschten

die Zähne, und hielten die Hände flehend den Kindern hin, die sie vielleicht

erkannten, weil sie sie öfters gesehen hatten, denn diese Affen gehörten zu der

Menagerie; gewiß waren sie entsprungen. — Die Prinzessin ließ sogleich Milch

und Semmel für sie bringen und mit Aepfeln und Nüssen sie in ein Zimmer

locken, wo sie eingesperrt wurden.

 

Nach diesem Ereigniß, welches die Kinder sehr beschäftigte, da sie sich gar

nicht denken konnten, wie die Affen hatten entspringen können, wandelten sie

zusammen in den Wald. Mlle. Gogo begleitete sie aus der Ferne, Joly und

Rosaurus waren ihnen zur Seite. Letzterer schien ganz besonders gern in dem

Wald zu sein und die Prinzessin befürchtete, das Blut, welches er in des Löwen

Käfig geleckt hatte und sein Antheil an des Löwen Mahlzeit möge in ihm böse

Gelüste entwickelt haben. Jedes Mal, wenn er einen Vogel sah, wurde er stutzig

und er vermochte kaum seinen grausamen Appetit unter einer gleißnerischen

Freundlichkeit zu verbergen. Die Prinzessin pflegte ihn deshalb an einem

rosarothen Atlasband zu befestigen und so an ihrer Seite zu halten, in der

Hoffnung, ihn von seinen sündhaften Begierden zu heilen und ihm gute

Gewohnheiten zu geben.

 

Marie, Lisi und Rosaurus treffen den Löwe im Wald

 

Das große Abenteuer.

 

Als die Kinder nun eine ziemliche Strecke in dem Walde zurückgelegt hatten

und Lisi meinte, sie müßten zurückkehren, indem sie Mlle. Gogo ganz aus dem

Gesicht verloren habe, da vernahmen sie ein ungewohntes Knistern im Dickicht;

die Zweige bogen sich und knickten; Rosaurus spitzte die Ohren und Joly zog

den Schwanz ein und floh eilend dem Schloß zu. Den Kindern fing es an ganz

unheimlich zu werden, sie wußten nicht warum, und doch blieben sie stehen und

blickten regungslos nach der Stelle, woher das Geräusch kam.

 

Aber welch ein Schreck durchrieselte ihre Glieder, als das Gebüsch sich theilte

und niemand anders als der Löwe hervortrat; sehr feierlich und behutsam blickte

er um sich her und schritt mit wahrhaft majestätischem Anstand auf die Kinder

zu. Beiden schlug das Herz heftig und Lisi war so erschrocken, daß sie in

Ohnmacht fiel. Die kleine Prinzessin verlor aber nicht die Gegenwart ihres Geistes, und im Vertrauen auf ihre alte Bekanntschaft nahm sie Rosaurus auf die

Schulter und blieb vor der ohnmächtigen Lisi stehen. Der Löwe kam näher; er

sah gar nicht grimmig aus, sondern wedelte freundlich mit dem Riesenschweif

und legte sich dann vor der Prinzessin nieder. Diese nahm ihren ganzen Muth

zusammen, schaute dem Thier in die Augen und sprach einige freundliche Worte

zu ihm, wie sie es gethan, wenn sie ihm Fleisch in den Käfig brachte.

 

Plötzlich aber vernahm man im Gebüsch Hundegebell und menschliche Tritte.

Der Löwe horchte, sprang erschrocken auf und stürzte der andern Seite des

Waldes zu; da fand er aber Hindernisse. Dichtes Gebüsch hemmte seine Flucht.

Jäger kamen herbei und nahten auf Schußweite; vier Schüsse krachten auf ein

Mal und wohlgetroffen, mit furchtbarem kläglichen Gebrüll fiel das edle Thier

nieder und wälzte sich in seinem Blute. Niemand wagte es, sich dem König der

Thiere während seines Todeskampfes zu nähern. — Die Prinzessin aber wandte

sich der ohnmächtigen Freundin zu, welche mit Hilfe der herbeigeeilten Mlle.

Gogo auch bald wieder zu sich kam.

 

Wie aber hatte der große Löwe den Käfig durchbrechen und in den Wald

gelangen können?

 

In der vorhergehenden Nacht waren durch die Kohlen eines Bratwurstfeuers

unter andern Buden auch die Menagerie in Brand gerathen. Das trockene Holz

des Gerüstes hatte rasch die Flammen verbreitet, welche allen

Löschungsversuchen des Menageriebesitzers trotzten. Die Thiere stießen die

schrecklichsten Töne aus; sie liefen angsterfüllt in ihren Käfigen umher; die

Papageien schlugen mit den Flügeln, die Affen sprangen herum und schrieen wie

die kleinen Kinder; aber die Raubthiere waren fürchterlich. Der Tiger fletschte

die Zähne, indem er sich in den Hintergrund des Käfigs zurückzog, er schien das

feindliche Element auffressen zu wollen; — trostlos sprang der Eisbär in seinem

Gefängniß hin und her; die Hitze erschien ihm unerträglich, und als sein schöner

weißer Pelz Feuer fing, da meinte man, die ganze Welt müsse untergehen, so tief

und trostlos war sein Brummen. Der Panther und der Luchs versuchten an den

eisernen Stäben empor zu klettern, sie klammerten sich fest daran, bis dieselben

glühend wurden; heulend ließen sie dann los von ihrem Halten und fielen auf

den Boden des Käfigs herab, wo sie in gewaltigem Todeszucken im Rauch

erstickten und dann verbrannten.

 

Als der Menageriebesitzer sah, daß er das Feuer nicht mehr löschen konnte, war

er darauf bedacht, wenigstens einige seiner Prachtstücken zu retten, und er versuchte den Wagen, worauf der Käfig des Löwen stand, aus der Wagenreihe

herauszuziehen; dabei fiel derselbe aber um, die Thür sprang durch die

Erschütterung auf und der vom Feuer und Todesangst wilde Löwe kam heraus.

Das Thier war keineswegs wüthend, als es seine Freiheit erlangte, im Gegentheil

war es schüchtern und furchtsam und es wäre dem Menageriebesitzer ein

Leichtes gewesen, es wieder einzuschließen, wenn er nicht selbst unter dem

umgestürzten Wagen gelegen hätte. Ehe er sich unter demselben hervorhelfen

konnte, war der Löwe langsamen Schrittes durch die schreiende und fliehende

Menschenmenge, die das Feuer herbeigelockt hatte, dem Walde zugeschritten.

Er hatte sich sogar einige Mal sehr würdevoll umgeschaut und als er die

Feuerflamme sich noch ein Mal betrachtet hatte, war er zögernd in das Dickicht

verschwunden.

 

Nachdem der Menageriebesitzer noch einige andere Thiere in Sicherheit

gebracht hatte, war er seinem Löwen in den Wald gefolgt in der Hoffnung, ihn

zurückzulocken; derselbe hatte aber seitdem die Bekanntschaft einer

Schafheerde gemacht und einen Hammel verspeist. Dadurch war ihm der Sinn

für die Freiheit aufgegangen; sein Instinkt war erwacht und er gehorchte nicht

mehr der bekannten Stimme, sondern entfernte sich von dem rufenden Herrn in

würdevollem Schritt.

 

Man erzählte nun, der Löwe habe auch ein Kind erwürgt und die Polizei hielt es

demnach für ihre Pflicht, sich in die Sache zu mischen. Trotz den dringenden

Bitten des Menageriebesitzers, der so gern seinen Löwen erhalten wollte,

wurden Jäger ausgeschickt, um den gefährlichen Gast der Wälder und Felder zu

erlegen, damit derselbe kein weiteres Unheil anrichten könne.