Mein Liederbuch, Volks-, Wander- und Kinderlieder

Alfred Mignon · Kapitel 14 von 57

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Mein Liederbuch, Volks-, Wander- und Kinderlieder

Der Mai ist gekommen

1. Der Mai ist gekommen,

die Bäume schlagen aus.

Da bleibe wer Lust hat,

mit Sorgen zu Haus.

Wie die Wolken dort wandern

am himmlischen Zelt,

so steht auch mir der Sinn in

die Weite, weite Welt.

2. Herr Vater, Frau Mutter,

dass Gott euch behüt'!

Wer weiß, wo in der Ferne

mein Glück mir noch blüht.

Es gibt so manche Straße,

da nimmer ich marschiert;

es gibt so manchen Wein,

den nimmer ich probiert.

3. Frisch auf drum, frisch auf

im hellen Sonnenstrahl,

wohl über die Berge,

wohl durch das tiefe Tal!

Die Quellen erklingen,

die Bäume rauschen all mein

Herz ist wie 'ne Lerche

und stimmet ein mit Schall.

4. Und abends im Städtchen,

da kehr' ich durstig ein:

Herr Wirt, mein Herr Wirt,

eine Kanne blanken Wein!

Ergreife die Fiedel,

du lustiger Spielmann du, von meinem Schatz das Liedel,

das sing' ich dazu.

5. Und find ich keine Herberg',

so lieg' ich zur Nacht

wohl unter blauem Himmel,

die Sterne halten Wacht.

Im Winde, die Linde,

die rauscht mich ein gemach,

es küsset in der Frühe

das Morgenrot mich wach.

6. O Wandern, o Wandern,

du freie Burschenlust!

Da weht Gottes Odem

so frisch in der Brust;

da singet und jauchzet

das Herz zum Himmelszelt:

Wie bist du doch so schön, o,

du weite, weite Welt!

Emmanuel Geibel (1841)