Nachbarn, Erzählungen
Die Verlobung
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Die Verlobung 9
Karl Eugen Eiselein 49
Garibaldi 109
Walter Kömpff 137
In der alten Sonne 227
Die Verlobung
In der Hirschengasse, die nur aus sieben Häusern besteht, gibt es einen
bescheidenen, doch anständigen Weißwarenladen, der gleich seiner
Nachbarschaft noch unberührt von den Veränderungen der neuen Zeit in einer
etwas kärglich gewordenen Wohlhabenheit dasteht und hinreichenden Zuspruch
hat. Man sagt dort noch beim Abschied zu jedem Kunden, auch wenn er seit
zwanzig Jahren regelmäßig kommt, die Worte: „Schenken Sie mir die Ehre ein
andermal wieder,“ und es gehen dort noch zwei oder drei alte Käuferinnen ab
und zu, die ihren Bedarf an Band und Litzen in Ellen verlangen und auch im
Ellenmaß bedient werden. Die Bedienung wird von einer ledig gebliebenen
Tochter des Hauses und einer angestellten Verkäuferin besorgt, der Besitzer
selbst ist von früh bis spät im Laden und stets geschäftig, doch redet er niemals
ein Wort. Er kann nun gegen siebzig alt sein, ist von sehr kleiner Statur, hat nette
rosige Wangen und einen kurz geschnittenen grauen Bart, auf dem vielleicht
längst kahlen Kopfe aber trägt er allezeit eine runde steife Mütze mit
stramingestickten Blumen und Mäandern. Er heißt Andreas Ohngelt und gehört
unbestritten zur echten, ehrwürdigen Altbürgerschaft der Stadt.
Dem schweigsamen Kaufmännlein sieht niemand etwas Besonderes an, es
sieht sich seit Jahrzehnten gleich und scheint ebensowenig älter zu werden, als
jemals jünger gewesen zu sein. Doch war auch Andreas Ohngelt einmal ein
Knabe und ein Jüngling, und wenn man alte Leute fragt, kann man erfahren, daß
er vorzeiten „der kleine Ohngelt“ geheißen wurde und eine gewisse Berühmtheit
wider Willen genoß. Einmal, vor etwa fünfunddreißig Jahren, hat er sogar eine
„Geschichte“ erlebt, die früher jedem Gerbersauer geläufig war, wenn sie auch
jetzt niemand mehr erzählen und hören will. Das war die Geschichte seiner
Verlobung.
Der kleine Ohngelt hatte seinen Übernamen von der geringen Höhe seines
Wuchses, doch hätte diese Eigenschaft nicht ganz hingereicht, ihn in den Augen
seiner Mitbürger zu einer interessanten und komischen Figur zu machen. Diese
Art von Beachtung verdankte er vielmehr seiner inwendigen Natur, in welcher
ein schüchtern sanftes Wesen sich mit einem ungemein zärtlichen Gemüte
hübsch und drollig verband.
Der junge Andreas war schon in der Schule aller Rede und Geselligkeit
abgeneigt, er fühlte sich überall überflüssig und von jedermann beobachtet und
war ängstlich und bescheiden genug, jedem andern im voraus nachzugeben und
das Feld zu räumen. Vor den Lehrern empfand er einen abgründigen Respekt,
vor den Kameraden eine mit Bewunderung gemischte Furcht. Man sah ihn nie
auf der Gasse und auf den Spielplätzen, nur selten beim Bad im Fluß, und im Winter zuckte er zusammen und duckte sich, sobald er einen Knaben eine
Handvoll Schnee aufheben sah. Dafür spielte er daheim vergnügt und zärtlich
mit den hinterbliebenen Puppen seiner älteren Schwester und mit einem
Kaufladen, auf dessen Wage er Mehl, Salz und Sand abwog und in kleine
Gucken verpackte, um sie später wieder gegeneinander zu vertauschen,
auszuleeren, umzupacken und wieder zu wägen. Auch half er seiner Mutter gern
bei leichter Hausarbeit, machte Einkäufe für sie oder suchte im Gärtlein die
Schnecken vom Salat.
Seine Schulkameraden plagten und hänselten ihn zwar häufig, aber da er nie
zornig wurde und fast nichts übelnahm, hatte er im ganzen doch ein leichtes und
ziemlich zufriedenes Leben. Was er an Freundschaft und Gefühl bei
seinesgleichen nicht fand und nicht weggeben durfte, das gab er seinen Puppen.
Den Vater hatte er früh verloren, er war ein Spätling gewesen, und die Mutter
hätte ihn wohl anders gewünscht, ließ ihn aber gewähren und hatte für seine
fügsame Anhänglichkeit eine etwas mitleidige Liebe.
Dieser leidliche Zustand hielt jedoch nur so lange an, bis der kleine Andreas
aus der Schule und aus der Lehre war, die er am obern Markt im
Dierlamm’schen Geschäft abdiente. Um diese Zeit, etwa von seinem siebzehnten
Jahre an, fing sein nach Zärtlichkeiten dürstendes Gemüt andere Wege zu gehen
an. Der klein und schüchtern gebliebene Jüngling begann mit immer größeren
Augen nach den Mädchen zu schauen und errichtete in seinem Herzen einen
Altar der Frauenliebe, dessen Flamme desto höher loderte, je trauriger seine
Verliebtheiten verliefen.
Zum Kennenlernen und Beschauen von Mädchen jeden Alters war reichliche
Gelegenheit vorhanden, denn der junge Ohngelt war nach Ablauf seiner Lehrzeit
in den Weißwarenladen seiner Tante eingetreten, den er später einmal
übernehmen sollte. Da kamen Kinder, Schulmädchen, junge Fräulein und alte
Jungfern, Mägde und Frauen tagaus tagein, kramten in Bändern und Linnen,
wählten Besätze und Stickmuster aus, lobten und tadelten, feilschten und wollten
beraten sein, ohne doch auf Rat zu hören, kauften und tauschten das Gekaufte
wieder um. Alledem wohnte der Jüngling höflich und schüchtern bei, er zog
Schubladen heraus, stieg die Bockleiter hinauf und herunter, legte vor und
packte wieder ein, notierte Bestellungen und gab über Preise Auskunft, und alle
acht Tage war er in eine andere von seinen Kundinnen verliebt. Errötend pries er
Litzen und Wolle an, zitternd quittierte er Rechnungen, mit Herzklopfen hielt er
die Ladentür und sagte den Spruch vom Wiederbeehren, wenn eine schöne Junge
hoffärtig das Geschäft verließ.
Um seinen Schönen recht gefällig und angenehm zu sein, gewöhnte Andreas
sich feine und sorgfältige Manieren an. Er frisierte sein hellblondes Haar jeden Morgen auf das Nobelste, hielt seine Kleider und Leibwäsche sehr sauber und
sah dem allmählichen Erscheinen eines Schnurrbärtchens mit leidenschaftlicher
Ungeduld entgegen. Er lernte beim Empfange seiner Kunden elegante
Verneigungen machen, lernte beim Vorlegen der Zeuge sich mit dem linken
Handrücken auf den Ladentisch stützen und auf nur anderthalb Beinen stehen,
und brachte es zur Meisterschaft im Lächeln, das er bald vom diskreten
Schmunzeln bis zum innig glücklichen Strahlen beherrschte. Außerdem war er
stets auf der Jagd nach neuen schönen Phrasen, die zumeist aus Umstandsworten
bestanden und deren er immer neue und köstlichere erlernte oder erfand. Da er
von Hause aus im Sprechen unbeholfen und ängstlich war und schon früher nur
selten einen vollkommenen Satz mit Subjekt und Prädikat ausgesprochen hatte,
fand er nun in diesem sonderbaren Wortschatz eine Hilfe und gewöhnte sich
daran, unter Verzicht auf Sinn und Verständlichkeit sich und andern eine Art von
Sprechvermögen vorzutäuschen.
Sagte jemand: „Heut ist aber ein Prachtswetter,“ so antwortete der kleine
Ohngelt: „Gewiß — o ja — denn, mit Verlaub — allerdings —.“ Fragte eine
Käuferin, ob dieser Leinenstoff auch haltbar sei, so sagte er: „O bitte, ja, ohne
Zweifel, sozusagen, ganz gewiß.“ Und erkundigte sich jemand nach seinem
Befinden, so erwiderte er: „Danke gehorsamst — freilich wohl — sehr
angenehm —.“ In besonders wichtigen und ehrenvollen Lagen scheute er auch
vor Ausdrücken wie „nichtsdestoweniger, aber immerhin, keinesfalls hingegen“
nicht zurück. Dabei waren alle seine Glieder vom geneigten Kopf bis zur
wippenden Fußspitze ganz Aufmerksamkeit, Höflichkeit und Ausdruck. Am
ausdrucksvollsten aber sprach sein verhältnismäßig langer Hals, der mager und
sehnig und mit einem erstaunlich großen und beweglichen Adamsapfel
ausgestattet war. Wenn der kleine schmachtende Ladengehilfe eine seiner
Antworten im Staccato gab, hatte man neben dem Gefühl unendlicher Hingabe
vor allem den Eindruck, er bestehe zu einem Dritteil aus Kehlkopf.
Die Natur verteilt ihre Gaben jedoch nicht ohne Sinn, und wenn der
bedeutende Hals des Ohngelt in einem Mißverhältnis zu dessen Redefähigkeit
stehen mochte, so war er als Eigentum und Wahrzeichen eines leidenschaftlichen
Sängers desto berechtigter. Andreas war in hohem Grade ein Freund des
Gesanges. Auch beim wohlgelungensten Komplimente, bei der feinsten
kaufmännischen Gebärde, beim gerührtesten „Immerhin“ und „Wennschon“ war
ihm vielleicht im Innersten der Seele nicht so schmelzend wohl wie beim
Singen. Dieses Talent war in den Schulzeiten verborgen geblieben, kam aber
nach vollendetem Stimmbruch zu immer schönerer Entfaltung, wenn auch nur
im Geheimen. Denn es hätte zu der ängstlich scheuen Befangenheit Ohngelts
nicht gepaßt, daß er seiner heimlichen Lust und Kunst anders als in der sichersten Verborgenheit froh geworden wäre.
Am Abend, wenn er zwischen Mahlzeit und Bettgehen ein Stündlein in seiner
Kammer verweilte, sang er im Dunkeln seine Lieder und schwelgte in lyrischen
Entzückungen. Seine Stimme war ein ziemlich hoher Tenor, und was ihm an
Schulung gebrach, suchte er durch Temperament zu ersetzen. Sein Auge
schwamm in feuchtem Schimmer, sein schön gescheiteltes Haupt neigte sich
rückwärts zum Nacken und sein Adamsapfel stieg mit den Tönen auf und nieder.
Sein Lieblingslied war „Wenn die Schwalben heimwärts ziehn“. Bei der Strophe
„Scheiden, ach Scheiden tut weh“ hielt er die Töne gar lang und zitternd aus und
hatte manchmal Tränen in den Augen.
In seiner geschäftlichen Laufbahn kam er mit schnellen Schritten vorwärts. Es
hatte der Plan bestanden, ihn noch einige Jahre nach einer größeren Stadt, etwa
Pforzheim oder Heilbronn zu schicken. Nun aber machte er sich im Geschäft der
Tante bald so unentbehrlich, daß diese ihn nicht mehr fortlassen wollte, und da er
später den Laden erblich übernehmen sollte, war sein äußeres Wohlergehen für
alle Zeiten gesichert. Anders stand es mit der Sehnsucht seines Herzens. Er war
für alle Mädchen seines Alters, namentlich für die hübschen, trotz seiner Blicke
und Verbeugungen nichts als eine komische Figur. Der Reihe nach war er in sie
alle verliebt und er hätte jede genommen, die ihm nur einen Schritt entgegen
getan hätte. Aber den Schritt tat keine, obwohl er nach und nach seine Sprache
um die gebildetsten Phrasen und seine Toilette um die angenehmsten
Gegenstände bereicherte.
Eine Ausnahme gab es wohl, allein er bemerkte sie kaum. Das Fräulein Paula
Kircher, das Kircherspäule genannt, war immer nett gegen ihn und schien ihn
ernst zu nehmen. Sie war freilich weder jung noch hübsch, vielmehr zwei Jahre
älter als er und ziemlich unscheinbar, sonst aber ein tüchtiges und geachtetes
Mädchen aus einer anständigen und wohlhabenden Handwerkerfamilie. Wenn
Andreas sie auf der Straße grüßte, dankte sie nett und ernsthaft, und wenn sie in
den Laden kam, war sie freundlich, einfach und bescheiden, machte ihm das
Bedienen leicht und nahm seine geschäftsmännischen Aufmerksamkeiten wie
bare Münze hin. Daher sah er sie nicht ungern und hatte Vertrauen zu ihr, im
übrigen aber war sie ihm recht gleichgültig und sie gehörte zu der geringen
Anzahl lediger Mädchen, für die er außerhalb seines Ladens keinen Gedanken
übrig hatte.
Bald setzte er seine Hoffnungen auf feine, neue Schuhe, bald auf ein nettes
Halstuch, ganz abgesehen vom Schnurrbart, der allmählich sproßte und den er
wie seinen Augapfel pflegte. Endlich kaufte er sich von einem reisenden
Handelsmanne auch noch einen Ring aus Gold mit einem großen Opal daran und
mußte es erleben, daß auch diese Verschönerung ohne Einfluß auf die geringe Wertschätzung der Damenwelt für ihn blieb. Damals war er sechsundzwanzig
Jahre alt.
Als er aber dreißig wurde und noch immer den Hafen der Ehe nur in
sehnsüchtiger Ferne umsegelte, hielten Mutter und Tante es für notwendig,
fördernd einzugreifen. Die Tante, die schon recht hoch in den Jahren war,
machte den Anfang mit dem Angebot, sie wolle ihm noch zu ihren Lebzeiten das
Geschäft abtreten, jedoch nur am Tage seiner Verheiratung mit einer
unbescholtenen Gerbersauer Tochter. Dies war denn auch für die Mutter das
Signal zum Angriff. Nach manchen Überlegungen kam sie zu dem Befinden, ihr
Sohn müsse in einen Verein eintreten, um mehr unter Leute zu kommen und den
Umgang mit Frauen zu lernen. Und da sie seine Liebe zur Sangeskunst wohl
kannte, dachte sie ihn an dieser Angel zu fangen und legte ihm nahe, sich beim
Liederkranz als Mitglied anzumelden.
Trotz seiner Scheu vor Geselligkeit war Andreas in der Hauptsache sofort
einverstanden. Doch schlug er statt des Liederkranzes den Kirchengesangverein
vor, weil ihm die ernstere Musik besser gefalle. Der wahre Grund war aber der,
daß dem Kirchengesangverein Margret Dierlamm angehörte. Diese war die
Tochter von Ohngelts früherem Lehrprinzipal, ein sehr hübsches und fröhliches
Mädchen von wenig mehr als zwanzig Jahren, und in sie war Andreas seit
neuestem verliebt, da es schon seit geraumer Zeit keine ledigen
Altersgenossinnen mehr für ihn gab, wenigstens keine hübschen.
Die Mutter hatte gegen den Kirchengesangverein nichts Triftiges
einzuwenden. Zwar hatte dieser Verein nicht halb so viel gesellige Abende und
Festlichkeiten wie der Liederkranz, dafür war aber die Mitgliedschaft hier viel
wohlfeiler, und Mädchen aus guten Häusern, mit denen Andreas bei Proben und
Aufführungen zusammenkommen würde, gab es auch hier genug. So ging sie
denn ungesäumt mit dem Herrn Sohn zum Vorstande, einem greisen Schullehrer,
der sie freundlich empfing.
„So, Herr Ohngelt,“ sagte er, „Sie wollen bei uns mitsingen?“
„Ja, gewiß, bitte —“
„Haben Sie denn schon früher gesungen?“
„O ja, das heißt, gewissermaßen —“
„Nun, machen wir eine Probe. Singen Sie irgend ein Lied, das Sie auswendig
können.“
Ohngelt wurde rot wie ein Knabe und wollte um alles nicht anfangen. Aber
der Lehrer bestand darauf und wurde schließlich fast böse, sodaß er am Ende
doch sein Bangen überwand und nach einem resignierten Blick auf die ruhig
dasitzende Mutter sein Leiblied anstimmte. Es riß ihn mit und er sang den ersten
Vers ohne Stocken.
Der Dirigent winkte, es sei genug. Er war wieder ganz höflich und sagte, das
sei allerdings sehr nett gesungen und man merke, daß es con amore geschehe,
allein vielleicht wäre er doch mehr für weltliche Musik veranlagt, ob er es nicht
etwa beim Liederkranz probieren wolle. Schon wollte Herr Ohngelt eine
verlegene Antwort stammeln, da legte seine Mutter sich für ihn ins Zeug. Er
singe wirklich schön, meinte sie, und sei jetzt nur ein wenig verlegen gewesen,
und es wäre ihr gar so lieb, wenn er ihn aufnähme, der Liederkranz sei doch
etwas ganz anderes und nicht so fein, und sie gebe auch jedes Jahr für die
Kinderbescherung, und kurz, wenn der Herr Lehrer so gut sein wollte,
wenigstens für eine Probezeit, man werde ja alsdann schon sehen. Der alte Mann
versuchte noch zweimal begütigend davon zu reden, daß das Kirchensingen kein
Spaß sei, und daß es ohnehin schon so eng hergehe auf dem Orgelpodium, aber
die mütterliche Beredsamkeit siegte zuletzt doch. Es war dem bejahrten
Dirigenten noch nie vorgekommen, daß ein Mann von über dreißig Jahren sich
zum Mitsingen gemeldet und seine Mutter zum Beistand mitgebracht hatte. So
ungewohnt und eigentlich unbequem ihm dieser Zuwachs zu seinem Chore war,
machte ihm die Sache im stillen doch ein Vergnügen, wenn auch nicht um der
Musik willen. Er bestellte Andreas zur nächsten Probe und ließ die beiden
lächelnd ziehen.
Am Mittwoch Abend fand sich der kleine Ohngelt pünktlich in der Schulstube
ein, wo die Proben abgehalten wurden. Man übte einen Choral für das Osterfest.
Die allmählich ankommenden Sänger und Sängerinnen begrüßten das neue
Mitglied sehr freundlich und hatten alle ein so aufgeräumtes und heiteres Wesen,
daß Ohngelt sich selig fühlte. Auch Margret Dierlamm war da und auch sie
nickte dem Neuen mit freundlichem Lächeln zu. Wohl hörte er manchmal hinter
sich leise lachen, doch war er ja gewöhnt, ein wenig komisch genommen zu
werden, und ließ es sich nicht anfechten. Was ihn hingegen befremdete, war das
zurückhaltend ernste Betragen des Kircherspäule, das ebenfalls anwesend war
und, wie er bald bemerkte, sogar zu den geschätzteren Sängerinnen gehörte. Sie
hatte sonst immer eine wohltuende Freundlichkeit gegen ihn gezeigt, und jetzt
war gerade sie merkwürdig kühl und schien beinahe Anstoß daran zu nehmen,
daß er hier eingedrungen war. Aber was ging ihn das Kircherspäule an?
Beim Singen verhielt sich Ohngelt überaus vorsichtig. Wohl hatte er von der
Schule her noch eine leise Ahnung vom Notenwesen und manche Takte sang er
mit gedämpfter Stimme den andern nach, im ganzen aber fühlte er sich seiner
Kunst erbärmlich wenig sicher und hegte bange Zweifel daran, ob das jemals
anders werden würde. Der Dirigent, den seine Verlegenheit lächerte und rührte,
schonte ihn und sagte beim Abschied sogar: „Es wird mit der Zeit schon gehen,
wenn Sie sich dran halten.“ Den ganzen Abend aber hatte Andreas das Vergnügen, in Margrets Nähe sein und sie häufig anschauen zu dürfen. Er dachte
daran, daß bei dem öffentlichen Singen vor und nach dem Gottesdienst auf der
Orgel die Tenöre gerade hinter den Mädchen aufgestellt waren und malte sich
die Wonne aus, am Osterfest und bei allen künftigen Anlässen so nahe bei
Fräulein Dierlamm zu stehen und sie ungescheut betrachten zu können. Da fiel
ihm zu seinem Schmerze wieder ein, wie klein und niedrig er gewachsen war
und daß er zwischen den andern Sängern stehend nichts würde sehen können.
Mit großer Mühe und vielem Stottern machte er einem der Mitsinger diese seine
künftige Notlage auf der Orgel klar, natürlich ohne den wahren Grund seines
Kummers zu nennen. Da beruhigte ihn der Kollege lachend und meinte, er werde
ihm schon zu einer ansehnlichen Aufstellung verhelfen können.
Nach dem Schluß der Probe lief alles davon, kaum daß man einander grüßte.
Einige Herren begleiteten Damen nach Hause, andere gingen miteinander zu
einem Glas Bier. Ohngelt blieb allein und kläglich auf dem Platze vor dem
finsteren Schulhause stehen, sah den andern und namentlich der Margret
beklommen nach und machte ein enttäuschtes Gesicht, da kam das
Kircherspäule an ihm vorbei und als er den Hut zog, sagte sie: „Gehen Sie heim?
Dann haben wir ja einen Weg und können miteinander gehen.“ Dankbar schloß
er sich an und lief neben ihr her durch die feuchten, märzkühlen Gassen
heimwärts, ohne mehr Worte als den Gutenachtgruß mit ihr zu tauschen.
Am nächsten Tag kam Margret Dierlamm in den Laden und er durfte sie
bedienen. Er faßte jeden Stoff an, als wäre er Seide, und bewegte den Maßstab
wie einen Fiedelbogen, er legte Gefühl und Anmut in jede kleine Dienstleistung,
und leise wagte er zu hoffen, sie würde ein Wort von gestern und vom Verein
und von der Probe sagen. Richtig tat sie das auch. Gerade noch unter der Türe
fragte sie: „Es war mir ganz neu, daß Sie auch singen, Herr Ohngelt. Singen Sie
denn schon lang?“ Und während er unter Herzklopfen hervorstieß: „Ja —
vielmehr nur so — mit Verlaub,“ entschwand sie leicht nickend in die Gasse.
„Schau, schau!“ dachte er bei sich und spann Zukunftsträume, ja er
verwechselte beim Einräumen zum ersten Male in seinem Leben die
halbwollenen Litzen mit den reinwollenen.
Indessen kam die Osterzeit immer näher, und da sowohl am Karfreitag wie am
Ostersonntag der Kirchenchor singen sollte, gab es mehrmals in der Woche
Proben. Ohngelt erschien stets pünktlich und gab sich alle Mühe, nichts zu
verderben, wurde auch von jedermann mit Wohlwollen behandelt. Nur das
Kircherspäule schien nicht recht mit ihm zufrieden zu sein und das war ihm
nicht lieb, denn sie war schließlich doch die einzige Dame, zu der er ein volles
Vertrauen hatte. Auch fügte es sich regelmäßig, daß er an ihrer Seite nach Hause
ging, denn der Margret seine Begleitung anzutragen, war wohl stets sein stiller Wunsch und Entschluß, doch fand er nie den Mut dazu. So ging er denn mit dem
Päule. Die drei ersten Male wurde auf diesem Heimgang kein Wort geredet. Das
nächste Mal nahm die Kircher ihn ins Gebet und fragte, warum er nur so
wortkarg sei, ob er sie denn fürchte.
„Nein,“ stammelte er erschrocken, „das nicht — vielmehr — gewiß nicht —
im Gegenteil.“
Sie lachte leise und fragte: „Und wie geht’s denn mit dem Singen? Haben Sie
Freude dran?“
„Freilich ja — sehr — jawohl.“
Sie schüttelte den Kopf und sagte leiser: „Kann man denn mit Ihnen wirklich
nicht reden, Herr Ohngelt? Sie drücken sich auch um jede Antwort herum.“
Er sah sie hilflos an und stotterte.
„Ich meine es doch gut,“ fuhr sie fort. „Glauben Sie das nicht?“
Er nickte heftig.
„Also denn! Können Sie denn gar nichts reden als wieso und immerhin und
mit Verlaub und dergleichen Zeug?“
„Ja, schon, ich kann schon, obwohl — allerdings.“
„Ja obwohl und allerdings. Sagen Sie, am Abend mit Ihrer Frau Mutter und
mit der Tante reden Sie doch auch deutsch, oder nicht? Dann tun Sie’s doch auch
mit mir und mit andern Leuten. Man könnte dann doch ein vernünftiges
Gespräch führen. Wollen Sie nicht?“
„Doch ja, ich will schon — gewiß —“
„Also gut, das ist gescheit von Ihnen. Jetzt kann ich doch mit Ihnen reden. Ich
hätte nämlich einiges zu sagen.“
Und nun sprach sie mit ihm, wie er es nicht gewöhnt war. Sie fragte, was er
denn im Kirchengesangverein suche, wenn er doch nicht singen könne und wo
fast nur Jüngere als er seien. Und ob er nicht merke, daß man sich dort
manchmal über ihn lustig mache und mehr von der Art. Aber je mehr der Inhalt
ihrer Rede ihn traurig machte, ja demütigte und entrüstete, desto eindringlicher
empfand er die gütige und wohlmeinende Art ihres Zuredens. Etwas weinerlich
schwankte er zwischen kühler Ablehnung und gerührter Dankbarkeit. Da waren
sie schon vor dem Kircher’schen Hause. Paula gab ihm die Hand und sagte
ernsthaft:
„Gute Nacht, Herr Ohngelt, und nichts für ungut. Nächstes Mal reden wir
weiter, gelt?“
Verwirrt ging er heim und so weh ihm war, wenn er an ihre Enthüllungen
dachte, so neu und tröstlich war es ihm, daß jemand so freundschaftlich und
ernst und wohlgesinnt mit ihm gesprochen hatte.
Auf dem Heimweg von der nächsten Probe gelang es ihm schon, in ziemlich deutscher Sprache zu reden, etwa wie daheim mit der Mutter, und mit dem
Gelingen stieg sein Mut und sein Vertrauen. Am folgenden Abend war er schon
soweit, daß er ein Bekenntnis abzulegen versuchte, er war sogar halb
entschlossen, die Dierlamm mit Namen zu nennen, denn er versprach sich
Unmögliches von Päules Mitwisserschaft und Hilfe. Aber sie ließ ihn nicht dazu
kommen. Sie schnitt seine Geständnisse plötzlich ab und sagte: „Sie wollen
heiraten, nicht wahr? Das ist auch das Gescheiteste, was Sie tun können. Das
Alter haben Sie ja.“
„Das Alter, ja das schon,“ sagte er traurig. Aber sie lachte nur und er ging
ungetröstet heim. Das nächste Mal kam er wieder auf diese Angelegenheit zu
sprechen. Das Päule entgegnete bloß, er müsse ja wissen, wen er haben wolle;
gewiß sei nur, daß die Rolle, die er im Gesangverein spiele, ihm nicht förderlich
sein könnte, denn junge Mädchen nehmen schließlich bei einem Liebhaber alles
in den Kauf, nur nicht die Lächerlichkeit.
Die Bedenken und Seelenqualen, in welche ihn diese deutlichen Worte
versetzt hatten, wichen endlich der Aufregung und den Vorbereitungen zum
Karfreitag, an welchem Ohngelt zum ersten Mal im Chor auf der Orgeltribüne
sich zeigen sollte. Er kleidete sich an diesem Morgen mit besonderer Sorgfalt an
und kam mit gewichstem Zylinder frühzeitig in die Kirche. Nachdem ihm sein
Platz angewiesen worden war, wandte er sich nochmals an jenen Kollegen, der
ihm bei der Aufstellung behilflich zu sein versprochen hatte. Wirklich schien
dieser die Sache nicht vergessen zu haben, er winkte dem Orgeltreter und dieser
brachte schmunzelnd ein kleines Kistlein, das wurde an Ohngelts Stehplatz
hingesetzt und der kleine Mann darauf gestellt, so daß er nun im Sehen und
Gesehenwerden dieselben Vorteile genoß wie die längsten Tenöre. Nur war das
Stehen auf diese Art mühevoll und gefährlich, er mußte sich genau im
Gleichgewicht halten und vergoß manchen Tropfen Schweiß bei dem Gedanken,
er könnte umfallen und mit gebrochenen Beinen unter die an der Brüstung
postierten Mädchen hinab stürzen, denn der Orgelvorbau neigte sich in
schmalen, stark abfallenden Terrassen niederwärts gegen das Kirchenschiff.
Dafür hatte er aber das Vergnügen, der schönen Margret Dierlamm aus
beklemmender Nähe in den Nacken schauen zu können, was ihn ebenfalls nicht
wenig mitnahm. Da der Gesang und der ganze Gottesdienst vorüber war, fühlte
er sich erschöpft und atmete tief auf, als die Türen geöffnet und die Glocken
gezogen wurden.
Tags darauf warf ihm das Kircherspäule vor, sein künstlich erhobener
Standpunkt sehe recht hochmütig aus und mache ihn lächerlich. Er versprach,
sich späterhin seines kurzen Leibes nicht mehr zu schämen, doch wollte er
morgen am Osterfeste noch ein letztes Mal das Kistlein benutzen, schon um den Herrn, der es ihm angeboten, nicht zu beleidigen. Sie wagte nicht zu sagen, ob er
denn nicht sehe, daß jener die Kiste nur hergebracht habe, um sich einen Spaß
mit ihm zu machen. Kopfschüttelnd ließ sie ihn gewähren und war über seine
Dummheit so ärgerlich wie über seine liebe Arglosigkeit gerührt.
Am Ostersonntage ging es im Kirchenchor noch um einen Grad feierlicher zu
als neulich. Es wurde eine schwierige Musik aufgeführt, und Ohngelt balancierte
tapfer und erfolgreich auf seinem Gerüste. Gegen den Schluß des Chorals hin
nahm er jedoch mit Entsetzen wahr, daß sein Standörtlein unter seinen Sohlen zu
wanken und unfest zu werden begann. Er konnte nichts tun, als stillhalten und
womöglich den Sturz über die Terrasse vermeiden. Dieses gelang ihm auch und
statt eines Skandals und Unglücks ereignete sich nichts, als daß der Tenor
Ohngelt unter leisem Krachen sich langsam verkürzte und mit angsterfülltem
Gesichte abwärts sinkend aus der Sichtbarkeit verschwand. Der Dirigent, das
Kirchenschiff, die Emporen und der schöne Nacken der blonden Margret gingen
nach einander seinem Blick verloren, doch kam er heil zu Boden und in der
Kirche hatte außer den grinsenden Sangesbrüdern nur ein Teil der nahesitzenden
männlichen Schuljugend den Vorgang wahrgenommen. Über die Stätte seiner
Erniedrigung hinweg jubilierte und frohlockte der kunstreiche Osterchoral,
während der Versunkene reuig an die guten Ermahnungen der Jungfer Kircher
dachte.
Als unterm Kehraus des Organisten das Volk die Kirche verließ, blieb der
Verein auf seiner Tribüne noch auf ein paar Worte beinander, denn morgen am
Ostermontag sollte wie jedes Jahr ein festlicher Vereinsausflug unternommen
werden. Auf diesen Ausflug hatte Andreas Ohngelt von Anfang an große
Erwartungen gestellt. Er fand jetzt sogar den Mut, Fräulein Dierlamm zu fragen,
ob sie auch mitzukommen gedenke, und die Frage kam ohne viel Anstoß über
seine Lippen.
„Ja, gewiß gehe ich mit,“ sagte das schöne Mädchen mit Ruhe, und dann fügte
sie hinzu: „Übrigens, haben Sie sich vorher nicht weh getan?“ Dabei stieß sie
das verhaltene Lachen so, daß sie auf keine Antwort mehr wartete und davonlief.
In demselben Augenblick schaute das Päule herüber, mit einem merkwürdig
mitleidigen und ernsthaften Blick, der Ohngelts trostlose Verwirrung noch
steigerte. Sein flüchtig aufgeloderter Mut war nicht minder eilig wieder
umgeschlagen, und wenn er von dem Ausflug nicht schon mit seiner Mama
geredet und diese nicht schon zum Mitgehen aufgefordert gehabt hätte, so wäre
er jetzt am liebsten vom Ausflug, vom Verein und von allen seinen Hoffnungen
still zurückgetreten.
Der Ostermontag war so blau und sonnig wie gemalt und um zwei Uhr kamen
fast alle Mitglieder des Gesangvereins mit mancherlei Gästen und Verwandten oberhalb der Stadt in der Lärchenallee zusammen. Ohngelt brachte seine Mutter
mit. Er hatte ihr am vergangenen Abend gestanden, daß er in Margret verliebt sei
und zwar wenig Hoffnungen hege, dem mütterlichen Beistande aber und dem
Ausflugsnachmittage doch noch einiges zutraue. So sehr sie ihrem Kleinen das
beste gönnte, so schien ihr doch Margret zu jung und zu hübsch für ihn zu sein.
Man konnte es ja versuchen; die Hauptsache war, daß Andreas bald eine Frau
bekam, schon des Ladens wegen.
Man rückte ohne Gesang aus, denn der Waldweg ging ziemlich steil und
beschwerlich bergauf. Frau Ohngelt fand trotzdem Sammlung und Atem genug,
um erstlich ihrem Sohn die letzten Verhaltungsmaßregeln für die kommenden
Stunden einzuschärfen und hernach ein aufgeräumtes Gespräch mit Frau
Dierlamm anzufangen. Margrets Mutter bekam, während sie Mühe hatte im
Bergansteigen Luft für die notwendigsten Antworten zu erübrigen, eine Reihe
angenehmer und interessanter Dinge zu hören. Frau Ohngelt begann mit dem
prächtigen Wetter, ging von da zu einer Würdigung der Kirchenmusik, einem
Lob für Frau Dierlamms rüstiges Aussehen und einem Entzücken über das
Frühlingskleid der Margret und ihre Schönheit über, sie verweilte bei
Angelegenheiten der Toilette und gab schließlich eine Darstellung von dem
erstaunlichen Aufschwung, den der Weißwarenladen ihrer Schwägerin in den
letzten Jahren genommen habe. Frau Dierlamm konnte auf dieses hin nicht
anders, als auch des jungen Ohngelt lobend zu erwähnen, der so viel Geschmack
und kaufmännische Fähigkeiten zeige, was ihr Mann schon vor manchen Jahren
während Andreas’ Lehrzeit bemerkt und anerkannt habe. Auf diese Schmeichelei
antwortete die entzückte Mutter mit einem halben Seufzer. Freilich, der Andreas
sei tüchtig und werde es noch weit bringen, auch sei der prächtige Laden schon
so gut wie sein Eigentum, ein Jammer aber sei es mit seiner Schüchternheit
gegen das Frauenzimmer. Seinerseits fehle es weder an Lust noch an den
wünschenswerten Tugenden für das Heiraten, wohl aber an Zutrauen und
Unternehmungsmut, und wenn schon dies ja in einem gewissen Sinne für ihn
spreche, so komme er doch auf diese Weise in der erwähnten Hauptsache
niemals vorwärts.
Frau Dierlamm, da die Gesellschaft mittlerweile die Hügelhöhe und einen
nahezu ebenen Pfad erreicht hatte, begann mit wiedergewonnenem Atem nun die
besorgte Mutter zu trösten und wenn sie dabei auch weit davon entfernt war, an
ihre Tochter zu denken, versicherte sie doch, daß eine Verbindung mit Andreas
für jede ledige Tochter der Stadt nur willkommen sein könnte. Diese Worte sog
die Ohngelt wie Honig ein und über ihr vom Gehen warm gewordenes Gesicht
leuchtete eine so reine Genugtuung, daß es fast wie Schadenfreude anzusehen
war.
Unterdessen war Margret mit anderen jungen Leuten der Gesellschaft weit
voran geeilt und diesem kleinen Kreise der Jüngsten und Lustigsten schloß sich
auch Ohngelt an, obwohl er alle Not hatte, mit seinen kurzen Beinen
nachzukommen.
Wieder waren alle ausnehmend freundlich gegen ihn, denn für diese
Spaßvögel war der ängstliche Kleine mit seinen verliebten Augen ein
gefundenes Fressen. Auch die hübsche Margret tat mit und zog den Anbeter je
und je mit scheinbarem Ernste ins Gespräch, so daß er vor glücklicher Erregung
und verschluckten Satzteilen ganz heiß wurde.
Allein das Vergnügen dauerte nicht lange. Allmählich merkte der arme Teufel
doch, daß er hinterrücks beständig ausgelacht wurde, und wenn er sich auch
darein zu schicken wußte, so ward er doch niedergeschlagen und ließ alle
Hoffnung wieder sinken. Äußerlich ließ er sich jedoch möglichst wenig
anmerken. Die Ausgelassenheit der jungen Leute stieg mit jeder Viertelstunde
und er lachte angestrengt desto lauter mit, je deutlicher er alle Witze und
Andeutungen als auf ihn selber gemünzt erkannte. Schließlich endete der
Keckste von den Jungen, ein baumlanger Apothekergehilfe, die Neckereien
durch einen recht groben Scherz.
Man kam gerade an einer schönen alten Eiche vorüber und der Apotheker bot
sich an zu versuchen, ob er den untersten Ast des hohen Baumes mit den Händen
erreichen könne. Er stellte sich auf und sprang mehrmals in die Höhe, aber es
reichte nicht ganz, und die im Halbkreise umherstehenden Zuschauer begannen
ihn auszulachen. Da kam er auf den Einfall, sich durch einen Witz wieder in
Ehren und einen andern an die Stelle des Ausgelachten zu bringen. Plötzlich
griff er den kleinen Ohngelt um den Leib, hob ihn in die Höhe und forderte ihn
auf, den Ast zu fassen und sich daran zu halten. Der Überraschte war empört und
wäre gewiß nicht darauf eingegangen, hätte er nicht in seiner schwebenden Lage
Furcht vor einem Sturze gehabt. So packte er denn zu und klammerte sich an;
sobald sein Träger dies aber bemerkte, ließ er ihn los und Ohngelt hing nun unter
dem Gelächter der Jugend hilflos hoch am Aste, mit den Beinen zappelnd und
zornige Schreie ausstoßend.
„Herunter!“ schrie er heftig. „Nehmen Sie mich sofort wieder herunter, Sie!“
Seine Stimme überschlug sich, er fühlte sich vollkommen vernichtet und
ewiger Schande preisgegeben. Der Apotheker aber meinte, nun müsse er sich
loskaufen, und alle jubelten Beifall.
„Sie müssen sich loskaufen,“ rief auch Margret Dierlamm.
Da konnte er doch nicht widerstehen.
„Ja, ja,“ rief er, „aber schnell!“
Sein Peiniger hielt nun eine kleine Rede des Inhalts, daß Herr Ohngelt schon seit drei Wochen Mitglied des Kirchengesangvereins wäre, ohne daß jemand ihn
habe singen hören. Nun könne er nicht eher aus seiner hohen und gefährlichen
Lage befreit werden, als bis er der Versammlung ein Lied vorgesungen habe.
Kaum hatte er gesprochen, so begann Andreas auch schon zu singen, denn er
fühlte sich von seinen Kräften verlassen. Halb schluchzend fing er an: „Gedenkst
du noch der Stunde“ — und war noch nicht mit der ersten Strophe fertig, so
mußte er loslassen und stürzte mit einem Schrei herab. Alle waren nun doch
erschrocken und wenn er ein Bein gebrochen hätte, wäre er gewiß eines
reumütigen Mitleids sicher gewesen. Aber er stand zwar blaß, doch unversehrt
wieder auf, griff nach seinem Hute, der neben ihm im Moose lag, setzte ihn
sorgfältig wieder auf und ging schweigend davon — denselben Weg zurück, den
sie gekommen waren. Hinter der nächsten Wegbiegung setzte er sich am
Straßenrande nieder und suchte sich zu erholen.
Hier fand ihn der Apotheker, der ihm mit schlechtem Gewissen
nachgeschlichen war. Er bat um Verzeihung, ohne eine Antwort zu erhalten.
„Es tut mir wirklich furchtbar leid,“ sagte er nochmals bittend, „ich hatte
gewiß nichts Böses im Sinn. Bitte verzeihen Sie mir und kommen Sie wieder
mit!“
„Es ist schon gut“, sagte Ohngelt und winkte ab, und der andere ging
unbefriedigt davon.
Wenig später kam der zweite Teil der Gesellschaft mit den älteren Leuten und
den beiden Müttern dabei langsam angerückt. Ohngelt ging zu seiner Mutter hin
und sagte:
„Ich will heim.“
„Heim? Ja warum denn? Ist was passiert?“
„Nein. Aber es hat doch keinen Wert, ich weiß es jetzt gewiß.“
„So? Hast du einen Korb gekriegt?“
„Nein. Aber ich weiß doch —“
Sie unterbrach ihn und zog ihn mit.
„Jetzt keine Faxen! Du kommst mit und es wird schon recht werden. Beim
Kaffee setz’ ich dich neben die Margret, paß auf.“
Er schüttelte bekümmert den Kopf, gehorchte aber und ging mit. Das
Kircherspäule versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzufangen und mußte es
wieder aufgeben, denn er blickte schweigend geradeaus und hatte ein gereiztes
und verbittertes Gesicht, wie es niemand an ihm je gesehen hatte.
Nach einer halben Stunde erreichte die Gesellschaft das Ziel des Ausflugs, ein
kleines Walddorf, dessen Wirtshaus durch seinen guten Kaffee bekannt war und
in dessen Nähe die Ruinen einer kleinen Raubritterburg lagen. Im Wirtsgarten
war die schon länger angekommene Jugend lebhaften Spielen hingegeben, Gelächter und laute Rufe klangen hell durch die sonnige Frühlingsluft. Jetzt
wurden Tische aus dem Hause gebracht und zusammengerückt, die jungen Leute
trugen Stühle und Bänke herbei; frisches Tischzeug wurde aufgelegt und die
Tafeln mit Tassen, Kannen, Tellern und Backwerk bestellt. Frau Ohngelt gelang
es richtig, ihren Sohn an Margrets Seite zu bringen. Er aber nahm seines Vorteils
nicht wahr, sondern dämmerte im Gefühl seines Unglücks trostlos vor sich hin,
rührte gedankenlos mit dem Löffel im erkaltenden Kaffee und schwieg
hartnäckig trotz allen Blicken, die seine Mutter ihm sandte. Gleichgiltig hörte er
zu, wie Margret mit ihrem andern Tischnachbarn ein lebhaftes Gespräch begann
und weiterführte, und er nickte nur still vor sich hin, als weiter unten an der Tafel
im Gewirre der Unterhaltungen auch Anspielungen auf sein Abenteuer laut
wurden. Er hörte mehrmals unter Kichern das Wort Zachäus aussprechen und
wußte, wem es galt, und dennoch war er nicht mehr zornig, sondern gab sich
dem Gefühl eines widerstandslosen Untersinkens in Schmach und Unglück mit
einer Art von Wollust hin.
Nach der zweiten Tasse beschlossen die Anführer der Jungen, einen Gang
nach der Burgruine zu tun und dort Spiele zu machen. Lärmend erhob sich die
Jungmannschaft samt den Mädchen. Auch Margret Dierlamm stand auf und im
Aufstehen übergab sie dem mutlos verharrenden Ohngelt ihr hübsches
perlengesticktes Handtäschlein mit den Worten:
„Bitte bewahren Sie mir das gut, Herr Ohngelt, wir gehen zum Spielen.“ Er
nickte und nahm das Ding zu sich. Die grausame Selbstverständlichkeit, mit der
sie annahm, er werde bei den Alten bleiben und sich nicht an den Spielen
beteiligen, wunderte ihn nicht mehr. Ihn wunderte nur noch, daß er das alles
nicht von Anfang an bemerkt hatte, die merkwürdige Freundlichkeit bei den
Proben, die Geschichte mit dem Kistlein und alles andere.
Als die fröhlichen jungen Leute gegangen waren und die Zurückgebliebenen
weiter Kaffee tranken und Gespräche spannen, verschwand Ohngelt unvermerkt
von seinem Platz und ging hinterm Garten übers Feld dem Walde zu. Die
hübsche Tasche, die er in der Hand trug, glitzerte freudig im Sonnenlicht; er aber
wußte nicht, sollte er das nette Spielzeug mit Küssen bedecken oder weit in die
Büsche schleudern. Vor einem frischen Baumstrunk machte er Halt. Er zog sein
Taschentuch heraus, breitete es über das noch lichte, feuchte Holz und setzte sich
darauf. Dann stützte er den Kopf in die Hände und brütete über traurigen
Gedanken und als sein Blick wieder auf die bunte Tasche fiel und als zugleich
mit einem Windzug die Schreie und Freudenrufe der in der Burg Ballspielenden
herüberklangen, neigte er den schweren Kopf tiefer und begann lautlos und
kindlich zu weinen.
Wohl eine Stunde lang blieb er so sitzen. Seine Augen waren wieder trocken und seine Erregung verflogen, aber das Traurige seines Zustandes und die
Hoffnungslosigkeit seiner sehnlichsten Bestrebungen waren ihm jetzt noch
klarer als zuvor. Da hörte er einen leichten Schritt sich nähern, ein Kleid
rauschen, und ehe er von seinem Sitze aufspringen konnte, stand die Paula
Kircher neben ihm.
„Ganz allein?“ fragte sie scherzend. Und da er nicht antwortete und sie ihn
genauer anschaute, wurde sie plötzlich ernst und fragte mit frauenhafter Güte:
„Wo fehlt es denn? Ist Ihnen ein Unglück geschehen?“
„Nein,“ sagte Ohngelt leise und ohne nach Phrasen zu suchen. „Nein. Ich habe
nur eingesehen, daß ich nicht unter die Leute passe. Und daß ich ihr Hanswurst
gewesen bin.“
„Nun, so schlimm wird es nicht sein —“
„Doch, gerade so. Ihr Hanswurst bin ich gewesen, und besonders noch den
Mädchen ihrer. Weil ich gutmütig gewesen bin und es redlich gemeint habe. Sie
haben recht gehabt, ich hätte nicht in den Verein gehen sollen.“
„Sie können ja wieder austreten und dann ist alles gut.“
„Austreten kann ich schon, und ich tu es lieber heut als morgen. Aber damit
ist noch lange nicht alles gut.“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich zum Spott für sie geworden bin. Und weil jetzt vollends keine mehr
—“
Das Schluchzen übernahm ihn beinahe. Sie fragte freundlich: „— und weil
jetzt keine mehr —?“
Mit zitternder Stimme fuhr er fort: „Weil jetzt vollends kein Mädchen mehr
mich achtet und mich ernst nehmen will.“
„Herr Ohngelt,“ sagte das Päule langsam, „sind Sie jetzt nicht ungerecht?
Oder meinen Sie, ich achte Sie nicht und nehme Sie nicht ernst?“
„Ja, das wohl, das war nicht recht von mir. Aber das war auch eigentlich nicht
das, was ich gemeint habe. Ich glaube schon, daß Sie mich noch achten. Aber
das ist es nicht.“
„Ja, was ist es denn?“
„Ach Gott, ich sollte gar nicht davon reden. Aber ich werde ganz irr, wenn ich
denke, daß jeder andere es besser hat als ich, und ich bin doch auch ein Mensch,
nicht? Aber mich — mich will — mich will keine heiraten!“
Es entstand eine längere Pause. Dann fing das Päule wieder an:
„Ja, haben Sie denn schon die eine oder andre gefragt, ob sie will oder nicht?“
„Gefragt! Nein, das nicht. Zu was auch? Ich weiß ja vorher, daß keine will.“
„Dann verlangen Sie also, daß die Mädchen zu Ihnen kommen und sagen:
Ach Herr Ohngelt, verzeihen Sie, aber ich möchte so schrecklich gern haben, daß Sie mich heiraten! Ja, auf das werden Sie freilich noch lang warten können.“
„Das weiß ich wohl,“ seufzte Andreas. „Sie wissen schon, wie ich’s meine,
Fräulein Päule. Wenn ich wüßte, daß eine es gut mit mir meint und mich ein
wenig gut leiden könnte, dann —“
„Dann würden Sie vielleicht so gnädig sein und ihr zublinzeln oder mit dem
Zeigfinger winken! Lieber Gott, Sie sind — Sie sind —“
Damit lief sie davon, aber nicht etwa mit einem Gelächter, sondern mit Tränen
in den Augen. Ohngelt konnte das nicht sehen, doch hatte er etwas Sonderbares
in ihrer Stimme und in ihrem Davonlaufen bemerkt, darum rannte er ihr nach
und als er bei ihr war und beide keine Worte fanden, hielten sie sich plötzlich
umarmt und gaben sich einen Kuß. Da war der kleine Ohngelt verlobt.
Als er mit seiner Braut verschämt und doch tapfer Arm in Arm in den
Wirtsgarten zurückkehrte, war alles schon zum Aufbruch bereit und hatte nur
noch auf die zwei gewartet. In dem allgemeinen Tumult, Erstaunen,
Kopfschütteln und Glückwünschen trat die schöne Margret vor Ohngelt und
fragte: „Ja, wo haben Sie denn meine Handtasche gelassen?“
Bestürzt gab der Bräutigam Auskunft und eilte in den Wald zurück, und das
Päule lief mit. An der Stelle, wo er so lang gesessen und geweint hatte, lag im
braunen Laube der schimmernde Beutel, und die Braut sagte: „Es ist gut, daß wir
noch einmal herüber sind. Da liegt ja auch noch dein Sacktuch.“