Nachbarn, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 6 von 6 · Teil 1/3

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Nachbarn, Erzählungen

In der alten Sonne

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Wenn im Frühling oder Sommer oder auch noch im Frühherbst ein linder Tag

ist und eine angenehme, auch wieder nicht zu heftige Wärme den Aufenthalt im

Freien zu einem Vergnügen macht, dann ist die ausschweifend gebogene

halbrunde Straßenkehle am Allpacher Weg, vor den letzten hochgelegenen

Häusern der Stadt, ein prächtiger Winkel. Auf der berghinan sich schlängelnden

Straße sammelt sich die schöne Sonnenwärme stetig an, die Lage ist vor jedem

Winde wohl beschützt, ein paar krumme alte Obstbäume spenden wenn auch

kein Obst, so doch ein wenig Schatten, und der Straßenrand, ein breiter, sanfter,

rasiger Rain, verlockt mit seiner wohlig sich schmiegenden Krümmung

freundlich zum Sitzen oder Liegen. Das weiße Sträßlein glänzt im Lichte und

hebt sich schön langsam bergan, schickt jedem Bauernwagen oder Landauer

oder Postkarren ein dünnes Stäublein nach, so viel es vermag, und schaut über

eine schiefe, von Baumkronen da und dort unterbrochene Flucht von

schwärzlichen Dächern hinweg gerade ins Herz der Stadt, auf den Marktplatz,

der von hier aus gesehen freilich an Stattlichkeit stark verliert und nur als ein

sonderbar verschobenes Viereck mit krummen Häusern und drollig

herausspringenden Vortreppen und Kellerhälsen erscheint.

An solchen sonnig milden Tagen ist der wohlige Rain jener hohen

Bergstraßenkrümmung unwandelbar stets von einer kleinen Schar ausruhender

Männer besetzt, deren kühne und verwitterte Gesichter nicht recht zu ihren

zahmen und trägen Gebärden passen und von denen der Jüngste mindestens ein

hoher Fünfziger ist. Sie sitzen und liegen bequem in der Wärme, schweigen oder

führen kurze, brummende und knurrende Gespräche untereinander, rauchen

kleine schwarze Pfeifenstrünke und spucken häufig weltverächterisch in kühnem

Bogen bergabwärts. Die etwa vorübertapernden Handwerksburschen werden von

ihnen scharf betrachtet und peinlich begutachtet und je nach Befund mit einem

wohlwollend zugenickten „Servus, Kunde!“ begrüßt oder schweigend verachtet.

Der Fremdling, der die alten Männlein so hocken sah und sich in der nächsten

Gasse über das seltsame Häuflein grauer Bärenhäuter erkundigte, konnte von

jedem Kinde erfahren, daß dieses die Sonnenbrüder seien, und mancher schaute

dann noch einmal zurück, sah die müde Schar träg in die Sonne blinzeln und

wunderte sich, woher ihr wohl ein so hoher, wohllautender und dichterischer

Name gekommen sei. Etwaige reisende Enthusiasten empfanden mythische

Schauer dabei und machten aus dem Halbdutzend grauer Faulpelze die

überbliebenen Reste einer aussterbenden uralten Gemeinschaft von Verehrern

des Tagesgestirns. Das Gestirn aber, nach welchem die Sonnenbrüder genannt

wurden, stand längst an keinem Himmel mehr, sondern war nur der Schildname eines ärmlichen und schon vor manchen Jahren eingegangenen Wirtshauses

gewesen, dessen Schild und Glanz dahin waren, denn das Haus diente

neuerdings als Spittel, das heißt als städtisches Armenasyl, und beherbergte

freilich manche Gäste, die das Abendrot der vom Schild genommenen Sonne

noch erlebt und sich hinter dem Schenktisch derselben die Anwartschaft auf ihre

Bevormundung und jetzige Unterkunft erschöppelt hatten.

Das Häuschen stand, als vorletztes der steilen Gasse und der Stadt, zunächst

jenem sonnigen Straßenrand, bot ein windschiefes und ermüdetes Ansehen, als

mache das beständige Aufrechtstehen ihm viele Beschwerde, und ließ sich nichts

mehr davon anmerken, wie viel Lust und Gläserklang, Witz und Gelächter und

flotte Freinächte es erlebt hatte, die fröhlichen Raufereien und

Messergeschichten gar nicht zu rechnen. Seit der alte rosenrote Verputz der

Vorderseite vollends erblaßt und in rissigen Feldern abgeblättert war, entsprach

die alte Lotterfalle in ihrem Äußeren vollkommen ihrer Bestimmung, was bei

städtischen Bauten unserer Zeit immerhin eine Seltenheit ist. Ehrlich und

deutlich, ja sogar fast beredt gab sie zu erkennen, daß sie ein Unterschlupf und

Notdächlein für Schiffbrüchige und Zurückgebliebene war, das betrübliche Ende

einer geringen Sackgasse, von wo aus keine Pläne und verborgenen Kräfte mehr

ins Leben zurückstreben mögen.

Von der Melancholie solcher Betrachtungen war glücklicherweise im Kreis

der Sonnenbrüder meistens nur wenig zu finden. Vielmehr lebten sie fast alle

nach Menschenart ihre späten Tage hin als ginge es noch immer aus dem Vollen,

bliesen ihre kleinen Gezänke und Lustbarkeiten und Spielereien, Brüderschaften

und Eifersüchteleien nach Kräften zu wichtigen Angelegenheiten und

Staatsaktionen auf und nahmen zwar nicht einander, aber doch jeder sich selber

so ernst wie möglich. Ja sie taten, als fange jetzt, da sie sich aus den

geräuschvollen Gassen des tätigen Lebens beiseite gedrückt hatten, der Hallo

erst recht an, und betrieben ihre jetzigen unbedeutenden Affären mit einer Wucht

und Zähigkeit, welche sie in ihren früheren Betätigungen leider meist hatten

vermissen lassen. Gleich manchem anderen Völklein glaubten sie, obwohl sie

vom Spittelvater absolut monarchisch und als rechtlose Scheinexistenzen regiert

wurden, eine kleine Republik zu sein, in welcher jeder freie Bürger den andern

genau um Rang und Stellung ansah und emsig darauf bedacht war, ja nirgends

um ein Haarbreit zu wenig ästimiert zu werden.

Auch das hatten die Sonnenbrüder mit anderen Leuten gemein, daß sie die

Mehrzahl ihrer Schicksale, Befriedigungen, Freuden und Schmerzen mehr im

Gemüt oder in der Einbildung als in greifbarer Wirklichkeit erlebten. Ein frivoler

Mensch könnte ja überhaupt den Unterschied zwischen dem Dasein dieser

Ausrangierten und Steckengebliebenen und demjenigen der tätigen Bürger als lediglich in der Einbildung begründet hinstellen, indem diese wie jene ihre

großen und kleinen Geschäfte und Taten mit derselben emsigen Wichtigkeit

verrichten und schließlich doch vor Gottes Augen so ein armer Spittelgast

möglicherweise nicht viel schlechter dasteht als mancher große und geehrte

Herr. Aber auch ohne so weit zu gehen, kann man wohl finden, daß für den

behaglichen Zuschauer das Leben dieser Sonnenbrüder kein unwürdiger

Gegenstand der Betrachtung sei, da das Menschenleben auch auf einer geringen

Bühne immer noch ein amüsantes und nachdenkliches Schauspiel darbietet.

Je näher die Zeiten heranrücken, da das jetzt aufwachsende Geschlecht den

Namen der ehemaligen Sonne und der Sonnenbrüder vergessen und seine Armen

und Auswürflinge anders und in anderen Räumen versorgen wird, desto

wünschenswerter wäre es, eine Geschichte des alten Hauses und seiner Gäste zu

haben. Als chronistischer Beitrag zu einer solchen soll auf diesen Blättern

einiges vom Leben der ersten Sonnenbrüder berichtet werden.

 

In den Zeiten, da die heutigen Jungbürger von Gerbersau noch kurze Hosen

oder gar noch Röckchen trugen, und da über der Haustüre des nachmaligen

Spittels noch aus der rosenroten Fassade ein schmiedeiserner Schildarm mit der

blechernen Sonne in die Gasse hinaus prangte, kehrte an einem Tage spät im

Herbste Karl Hürlin, ein Sohn des vor vielen Jahren verstorbenen Schlossers

Hürlin in der Senfgasse, in seine Heimatstadt zurück. Er war etwas über die

Vierzig hinaus, und niemand kannte ihn mehr, da er seinerzeit als ein blutjunges

Bürschlein weggewandert und seither nie mehr in der Stadt erblickt worden war.

Nun trug er einen sehr guten und reinen Anzug, Knebelbart und

kurzgeschnittenes Haar, eine silberne Uhrkette, einen steifen Hut und hohe

saubere Hemdkragen. Er besuchte einige von den ehemaligen Bekannten seiner

Familie, ein paar alte Schulkameraden und Kollegen, und trat überall als ein

fremd und vornehm gewordener Mann auf, der seines Wertes ohne Überhebung

bewußt ist. Dann ging er aufs Rathaus, wies seine Papiere vor und erklärte, sich

hierorts niederlassen zu wollen. Als das Nötige eingeleitet worden war, entfaltete

Herr Hürlin eine emsige und geheimnisvolle Tätigkeit und Korrespondenz,

unternahm öftere kleine Reisen, kaufte ein Grundstück im Talgrunde und begann

daselbst an Stelle einer abgebrannten Ölmühle ein neues Haus aus Backsteinen

zu erbauen und neben dem Hause einen Schuppen und Remise und zwischen

Haus und Schuppen einen gewaltigen backsteinernen Schlot. Zwischendrein sah

man ihn in der Stadt gelegentlich bei einem Abendschoppen, wobei er zwar

anfangs still und vornehm tat, nach wenigen Gläsern aber laut und mächtig redete und nicht damit hinterm Berge hielt, wie er zwar Geld genug im Sack

habe, um sich ein schönes Herrenleben zu gönnen, doch sei der eine ein Faulpelz

und Dickkopf, ein anderer aber ein Genie und Geschäftsgeist, und was ihn

betreffe, so gehöre er zur letzteren Sorte und habe nicht im Sinn, sich zur Ruhe

zu setzen, ehe er sechs Nullen hinter die Ziffer seines Vermögens setzen könne.

Geschäftsleute, bei denen er Kredit zu genießen wünschte, taten sich nach

seiner Vergangenheit um und brachten in Erfahrung, daß Hürlin zwar bisher

nirgends eine erhebliche Rolle gespielt hatte, sondern da und dort in Werkstätten

und Fabriken, zuletzt als Aufseher, gearbeitet, vor kurzem hingegen eine

erkleckliche Erbschaft gemacht hatte. Also ließ man ihn gewähren und gönnte

ihm ein bestimmtes Maß von Respekt, einige unternehmende Leute steckten

auch noch Geld in seine Sache, so daß bald eine mäßig große, schmucke Fabrik

samt Wohnhäuschen im Tale erstand, in welcher Hürlin gewisse für die

Wollwebeindustrie notwendige Walzen und Maschinenteile herzustellen

gedachte.

Kaum war der Betrieb eröffnet, so wurde der Unternehmer von jener selben

Fabrik, deren Aufseher er früher gewesen war, gerichtlich belangt, indem er

gewisse technische Geheimnisse, die er sich dort angeeignet, widerrechtlich als

eigene Erfindung ausgeben und ausnützen sollte. Aus dem endlosen Prozeß zog

er sich schließlich, wenn auch ohne Schande, so doch mit erheblichen Kosten,

betrieb aber nun sein Geschäft mit doppeltem Eifer, indem er seine Preise etwas

niedriger ansetzte und die Welt mit Anpreisungen überschwemmte. Die Aufträge

blieben nicht aus, der große Schlot rauchte Tag und Nacht, und ein paar Jahre

lang florierte Hürlin und seine Fabrik auf das erfreulichste und genoß Ansehen

und ausgiebigen Kredit.

Damit war sein Ideal erreicht und sein alter Lieblingstraum in Erfüllung

gegangen. Wohl hatte er schon in jüngeren Jahren des öfteren Anläufe zum

Reichwerden gemacht, aber erst jene ihm fast unerwartet zugefallene Erbschaft

hatte ihn flott gemacht und ihm erlaubt, seine alten kühnen Pläne auszuführen.

Übrigens war der Reichtum nicht sein einziges Sehnen gewesen, sondern seine

heißesten Wünsche hatten zeitlebens dahin gezielt, eine gebietende und große

Stellung einzunehmen. Er wäre als Indianerhäuptling oder als Regierungsrat

oder auch etwa als berittener Landjäger ganz ebenso in seinem Element

gewesen, doch schien ihm nun das Leben eines Fabrikbesitzers sowohl

bequemer als selbstherrlicher. Eine Zigarre im Mundwinkel und ein sorgenvoll

gewichtiges Lächeln im Gesicht, am Fenster stehend oder am Schreibtisch

sitzend allerlei Befehle zu erteilen, Verträge zu unterzeichnen, Vorschläge und

Bitten anzuhören, mit der faltigen Miene des Vielbeschäftigten eine gelassene

Behaglichkeit zu vereinigen, bald unnahbar streng, bald gutmütig herablassend zu sein und bei allem stets zu fühlen, daß er ein Hauptkerl sei und daß viel in der

Welt auf ihn ankomme, das war seine leider erst spät zu ihrem vollen Recht

gekommene Gabe. Aber nun hatte er das alles reichlich, konnte tun, was er

mochte, Leute anstellen und entlassen, wohlige Seufzer des sorgenschweren

Reichtums ausstoßen und sich von vielen beneiden lassen. Das alles genoß und

übte er auch mit Kennerschaft und Hingabe, er wiegte sich weich im Glücke und

fühlte sich endlich vom Schicksal an den ihm gebührenden Platz gestellt.

Inzwischen hatte aber jener geschädigte Konkurrent, auf dessen Kosten Hürlin

groß geworden war, eine neue Erfindung gemacht, nach deren Einführung

mehrere der früheren Artikel teils ganz entbehrlich, teils viel wohlfeiler wurden,

und da Hürlin trotz seines Glaubens und seiner Versicherungen eben kein Genie

war und nur das Äußerliche seines Geschäftes verstand, sank er anfänglich

langsam, dann aber immer schneller von seiner Höhe und konnte am Ende nicht

verbergen, daß er abgewirtschaftet habe. Er versuchte es in der Verzweiflung

noch mit ein paar waghalsigen Finanzkünsten, durch welche er sich selber und

mit ihm eine Reihe von Kreditoren schließlich in einen gewaltigen und

unsauberen Bankrott hineinritt. Er entfloh, wurde aber eingebracht, verurteilt

und ins Loch gesteckt, und als er nach mehreren Jahren wieder in der Stadt

erschien, war er ein entwerteter und lahmer Mensch, mit dem nichts mehr

anzufangen war.

Eine Zeitlang drückte er sich in unbedeutenden Stellungen herum; doch hatte

er schon in den schwülen Zeiten, da er den Krach herankommen sah, sich zum

heimlichen Trinker entwickelt, und was damals heimlich gewesen und wenig

beachtet worden war, wurde nun öffentlich und zu einem Ärgernis. Aus einer

mageren Schreibersstelle wegen Unzuverlässigkeit entlassen, ward er Agent

einer Versicherungsgesellschaft, trieb sich als solcher in allen Schenken der

Gegend herum, wurde auch da wieder entlassen und fiel, als auch ein

Hausierhandel mit Zündhölzern und Bleistiften nichts abwerfen wollte, am Ende

der Stadt zur Last. Er war in diesen Jahren schnell vollends alt und elend

geworden, hatte aber aus seiner fallitgegangenen Herrlichkeit einen Vorrat

kleiner Künste und Äußerlichkeiten herübergerettet, die ihm über das Gröbste

hinweghalfen und in geringeren Wirtshäusern noch immer einige Wirkung taten.

Er brachte gewisse schwungvoll großartige Gesten und nicht wenige

wohltönende Redensarten in die Kneipen mit, die ihm längst nur noch äußerlich

anhafteten, auf Grund derer er aber doch noch immer eine Schätzung unter den

Lumpen der Stadt genoß.

Damals gab es in Gerbersau noch kein Armenhaus, sondern die

Unbrauchbaren wurden gegen eine geringe Entschädigung aus dem Stadtsäckel

da und dort in Familien als Kostgänger gegeben, wo man sie mit dem Notwendigsten versah und nach Möglichkeit zu kleinen häuslichen Arbeiten

anhielt. Da nun hieraus in letzter Zeit allerlei Unzuträglichkeiten entstanden

waren und da den verkommenen Fabrikanten, der den Haß der Bevölkerung

genoß, durchaus niemand aufnehmen wollte, sah sich die Gemeinde genötigt, ein

besonderes Haus als Asyl zu beschaffen. Und da gerade das ärmliche alte

Wirtshäuslein zur Sonne unter den Hammer kam, erwarb es die Stadt und setzte

nebst einem Hausvater als ersten Gast den Karl Hürlin hinein, dem in Kürze

mehrere andere folgten. Diese nannte man die Sonnenbrüder.

Nun hatte Hürlin schon lange zur Sonne nahe Beziehungen gehabt, denn seit

seinem Niedergang war er nach und nach in immer kleinere und ärmere

Schenken gelaufen und schließlich am meisten in die Sonne, wo er zu den

täglichen Gästen gehörte und beim Abendschnaps mit manchen Kumpanen am

selben Tische saß, die ihm später, als auch ihre Zeit gekommen war, als

Spittelbrüder und verachtete Stadtarme in eben dasselbe Haus nachfolgen

sollten. Ihn freute es, gerade dorthin zu wohnen zu kommen, und in den Tagen

nach der Gant, als Zimmermann und Schreiner das alte Schankhaus für seinen

neuen Zweck eilig und bescheiden zurichteten, stand er von früh bis spät dabei

und hatte Maulaffen feil.

Eines Morgens, da es schön mild und sonnig war, hatte er sich wieder daselbst

eingefunden, stellte sich neben die Haustüre und sah dem Hantieren der Arbeiter

im Innern zu. Es wurde ein Dielenboden ausgebrochen und neu gelegt, die

ausgetretene Stiege geflickt und mit einer festen Brüstung versehen, ein paar

dünne Wände eingezogen, der Stadtbaumeister schimpfte hinter den Meistern

her, die Gesellen heuchelten großen Fleiß, und die Lehrbuben drückten sich von

Wand zu Wand. Dieser Umtrieb gefiel dem alten Hürlin wohl, er guckte

hingerissen und freudig zu und überhörte gern die bösartigen Bemerkungen der

Arbeiter, hielt die Fäuste in den tiefen Taschen seines schmierigen Rockes und

warf mit seinen geschenkten, viel zu langen und zu weiten Beinkleidern

spiralförmige Falten, in denen seine Beine wie Zapfenzieher aussahen. Daneben

sog er emsig an einem defekten Tonpfeifchen, das zwar nicht brannte, aber doch

nach Tabak roch. Der bevorstehende Einzug in die neue Bude, von dem er sich

ein bequemes und schöneres Leben versprach, erfüllte den alten Tropf mit

glücklicher Neugierde und Unruhe.

Indem er dem Legen der neuen Stiegenbretter zuschaute und stillschweigend

die dünnen tannenen Dielen auf ihre Güte und mutmaßliche Haltbarkeit

abschätzte, fühlte er sich plötzlich beiseite geschoben, und als er sich gegen die

Straße umkehrte, stand da ein Schlossergeselle mit einer großen Bockleiter, die

er mit großer Mühe und vielen untergelegten Bretterstücken auf dem

abschüssigen Straßenboden aufzustellen versuchte. Hürlin verfügte sich auf die andere Seite der Gasse hinüber, lehnte sich an den Prellstein und verfolgte die

Tätigkeit des Schlossers mit großer Aufmerksamkeit. Dieser hatte nun seine

Leiter aufgerichtet und gesichert, stieg hinauf und begann über der Haustüre am

Mörtel herumzukratzen um das alte Wirtsschild hinwegzunehmen. Seine

Bemühungen erfüllten den Exfabrikanten mit Spannung und auch mit Wehmut,

indem er der vergangenen Tage gedachte, der vielen unter dem jetzt fallenden

Wahrzeichen genossenen Schoppen und Schnäpse und der früheren Zeiten

überhaupt. Es bereitete ihm keine kleine Freude, daß der schmiedeeiserne

Schildarm so fest in der Wand saß, und daß der Schlossergesell sich so damit

abmühen mußte, ihn herunterzubringen. Es war doch unter dem armen alten

Schilde oft heillos munter zugegangen! Als der Schlosser zu fluchen begann,

schmunzelte der Alte, und als jener wieder daran zog und bog und wand und

zerrte, in Schweiß geriet und fast von der Leiter stürzte, empfand der Zuschauer

eine nicht geringe Genugtuung. Da ging der Geselle fort und kam nach einer

Viertelstunde mit einer Eisensäge wieder. Hürlin sah wohl, daß es nun um den

ehrwürdigen Zierrat geschehen sei. Die Säge pfiff klingend in dem guten Eisen

und nach wenig Augenblicken bog sich der eiserne Arm klagend ein wenig

abwärts und fiel gleich darauf klingelnd und rasselnd aufs Pflaster.

Da kam Hürlin herüber. „Du, Schlosser,“ bat er demütig, „gib mir das Ding! ’s

hat ja keinen Wert mehr.“

„Warum auch? Wer bist du denn?“ schnauzte der Bursch.

„Ich bin doch von der gleichen Religion,“ flehte Hürlin, „mein Alter war

Schlosser, und ich bin auch einer gewesen. Gelt gib’s her!“

Der Geselle hatte indessen das Schild aufgehoben und betrachtet.

„Der Arm ist noch gut,“ entschied er, „das war zu seiner Zeit keine schlechte

Arbeit. Aber wenn du das Blechzeug willst, das hat keinen Wert mehr.“

Er riß den grün bemalten, blechernen Blätterkranz, in welchem mit kupferig

gewordenen und verbeulten Strahlen die goldene Sonne hing, herunter und gab

ihn her. Der Alte bedankte sich und machte sich eilig mit seiner Beute davon, um

sie weiter oben im dicken Holdergebüsche vor fremder Habgier und Schaulust

zu verbergen. So verbirgt nach verlorener Schlacht ein Paladin die Insignien der

Herrschaft, um sie für bessere Tage und neue Glorien zu retten. Als er

wiederkam, um von neuem die Arbeiten der Zimmerleute zu inspizieren, kam

ihm das Haus so sonderbar anders und verödet vor, lediglich, weil die Sonne

fehlte und statt ihrer ob der Tür nur noch ein brüchiges Loch im Verputz zu

sehen war.

Wenige Tage darauf fand ohne viel Sang und Klang die Einweihung des

dürftig hergerichteten neuen Armenhauses statt. Es waren ein paar Betten

beschafft worden, der übrige Haushalt stammte noch aus der Wirtsgant her, außerdem hatte ein Gönner in jedes der drei Schlafstüblein einen von gemalten

Blumengewinden umgebenen Bibelspruch auf Pappdeckel gestiftet. Zu der

ausgeschriebenen Hausvaterstelle hatten sich nicht eben sehr viele Bewerber

gemeldet, und die Wahl war sogleich auf Herrn Andreas Sauberle gefallen, einen

verwitweten Wollenstricker von gutem Leumund, der seinen Strickstuhl

mitbrachte und sein Gewerbe weiter betrieb, denn die Stelle reichte knapp zum

Leben aus und er hatte keine Lust, auf seine alten Tage einmal selber ein

Sonnenbruder zu werden.

Als der alte Hürlin seine Stube angewiesen bekam, unterzog er sie sogleich

einer genauen Besichtigung. Er fand ein gegen das Höflein gehendes Fenster,

zwei Türen, ein Bett, eine Truhe, zwei Stühle, einen Nachttopf, einen Kehrbesen

und einen Staubwischlappen vor, ferner ein mit Wachstuch bezogenes Eckbrett,

auf welchem ein Wasserglas, ein blechernes Waschbecken, eine Kleiderbürste

und ein Neues Testament lagen und standen. Er befühlte das solide Bettzeug,

probierte die Bürste an seinem Hut, hielt Glas und Becken prüfend gegen das

Tageslicht, setzte sich versuchsweise auf beide Stühle und fand, es sei alles

befriedigend und in Ordnung. Nur der stattliche Wandspruch mit den Blumen

wurde von ihm mißbilligt. Er sah ihn eine Weile höhnisch an, las die Worte:

„Kindlein liebet euch untereinander!“ und schüttelte unzufrieden den struppigen

Kopf. Dann riß er das Ding herunter und hängte mit vieler Sorgfalt an dessen

Stelle das alte Sonnenschild auf, das er als einziges Wertstück in die neue

Wohnung mitgebracht hatte. Aber da kam gerade der Hausvater wieder herein

und gebot ihm scheltend, den Spruch wieder an seinen Platz zu hängen. Die

Sonne wollte er mitnehmen und wegwerfen, aber Karl Hürlin klammerte sich

ingrimmig daran, trotzte zeternd auf sein Eigentumsrecht und verbarg nachher

die Trophäe schimpfend unter der Bettstatt.

Das Leben, das mit dem folgenden Tage seinen Anfang nahm, entsprach nicht

ganz seinen Erwartungen und gefiel ihm zunächst keineswegs. Er mußte des

Morgens um sieben Uhr aufstehen und zum Kaffee in die Stube des Strickers

kommen, dann sollte das Bett gemacht, das Waschbecken gereinigt, die Stiefel

geputzt und die Stube sauber aufgeräumt werden. Um zehn Uhr gab es ein Stück

Schwarzbrot und dann sollte die gefürchtete Spittelarbeit losgehen. Es war im

Hof eine große Beuge buchenes Holz angefahren und das sollte gesägt und

gespalten werden.

Da es noch weit hin bis zum Winter war, hatte es Hürlin mit dem Holz nicht

eben eilig. Langsam und vorsichtig legte er ein Buchenscheit auf den Bock,

rückte es sorgfältig und umständlich zurecht und besann sich eine Weile, wo er

es zuerst ansägen solle, rechts oder links oder in der Mitte. Dann setzte er

behutsam die Säge an, stellte sie noch einmal weg, spuckte in die Hände und

nahm dann die Säge wieder vor. Nun tat er drei, vier Striche, etwa eine

Fingerbreite tief ins Holz, zog aber sogleich die Säge wieder weg und prüfte sie

aufs peinlichste, drehte am Strick, befühlte das Sägeblatt, stellte es etwas

schiefer, hielt es lange blinzelnd vors Auge, seufzte alsdann tief auf und rastete

ein wenig. Hierauf begann er von neuem und sägte einen halben Zoll tief, aber

da wurde es ihm unerträglich warm und er mußte seinen Rock ausziehen. Das

vollführte er langsam und mit Bedacht, suchte auch eine gute Weile nach einem

sauberen und sicheren Ort, um den Rock dahin zu legen. Als dies doch endlich

geschehen war, fing er wieder an zu sägen, jedoch nicht lange, denn nun war die

Sonne übers Dach gestiegen und schien ihm gerade ins Gesicht. Also mußte er

den Bock und das Scheit und die Säge, jedes Stück einzeln, an einen anderen

Platz tragen, wo noch Schatten war; dies brachte ihn in Schweiß und nun

brauchte er sein Sacktuch, um sich die Stirne abzuwischen. Das Tuch war aber in

keiner Tasche, und da fiel ihm ein, er habe es ja im Rock gehabt, und so ging er

denn dort hinüber, wo der Rock lag, breitete ihn säuberlich auseinander, suchte

und fand das farbige Nastuch, wischte den Schweiß ab und schneuzte auch

gleich, brachte das Tuch wieder unter, legte den Rock mit Aufmerksamkeit

zusammen und kehrte erfrischt zum Sägebock zurück. Hier fand er nun bald, er

habe vorher das Sägeblatt vielleicht doch allzuschräg gestellt, daher operierte er

von neuem lange daran herum und sägte schließlich unter großem Stöhnen das

Scheit vollends durch. Aber nun war es Mittag geworden und läutete vom Turm,

und eilig zog er den Rock an, stellte die Säge beiseite und verfügte sich ins Haus

zum Essen.

„Pünktlich seid Ihr, das muß man Euch lassen,“ sagte der Stricker. Die

Lauffrau trug die Suppe herein, danach gab es noch Wirsing und eine Scheibe

Speck und Hürlin langte fleißig zu. Nach Tisch sollte das Sägen wieder losgehen, aber da weigerte er sich entschieden.

„Das bin ich nicht gewöhnt,“ sagte er entrüstet und blieb dabei. „Ich bin jetzt

todesmüd und muß nun auch eine Ruhe haben.“

Der Stricker zuckte die Achseln und meinte: „Tut was Ihr möget, aber wer

nichts arbeitet, bekommt auch kein Vesper. Um vier Uhr gibt’s Most und Brot,

wenn Ihr gesägt habet, im anderen Fall nichts mehr bis zur Abendsuppe.“

Most und Brot, dachte Hürlin und besann sich in schweren Zweifeln. Er ging

auch hinunter und holte die Säge wieder hervor, aber da graute ihm doch vor der

heißen mittäglichen Arbeit und er ließ das Holz liegen, ging auf die Gasse

hinaus, fand gleich einen Zigarrenstumpen auf dem Pflaster, steckte ihn zu sich

und stieg langsam die fünfzig Schritte bis zur Wegebiegung hinan. Dort hielt er

veratmend an, setzte sich abseits der Straße an den schön erwärmten Rain, sah

auf die vielen Dächer und auf den Marktplatz hinunter, konnte im Talgrund auch

seine ehemalige Fabrik liegen sehen und weihte also diesen Platz als erster

Sonnenbruder ein, an welchem seither bis auf heute so viele von seinen

Kameraden und Nachfolgern ihre Sommernachmittage, und oft auch die

Vormittage und Abende, versessen und verduselt haben.

Die wohltuend sanfte Beschaulichkeit eines von Sorgen und Plagen befreiten

Alters, die er sich vom Aufenthalt im Spittel versprochen hatte, und die ihm am

Morgen bei der sauren Arbeit wie ein schönes Trugbild zerronnen war, fand sich

nun allmählich ein. Die Gefühle eines für Lebzeiten vor Sorge, Hunger und

Obdachlosigkeit gesicherten Pensionärs im Busen, beharrte er mollig faul im

Rasen, fühlte auf seiner welken Haut die schöne Sonnenwärme, überschaute

weithin den Schauplatz seiner früheren Umtriebe, Arbeit und Leiden und wartete

ohne Ungeduld bis jemand käme, den er um Feuer für seinen Zigarrenstumpen

bitten könnte. Das schrille Blechgehämmer einer Spenglerwerkstatt, das ferne

Amboßgeläut einer Schmiede, das leise Knarren entfernter Lastwagen stieg, mit

einigem Straßenstaub und dünnem Rauch aus großen und kleinen Schornsteinen

vermischt, zur Höhe herauf und zeigte an, daß drunten in der Stadt brav

gehämmert, gefeilt, gearbeitet und geschwitzt würde, während Karl Hürlin still

und ungeplagt in vornehmer Entrücktheit darüber thronte.

Um vier Uhr trat er leise in die Stube des Hausvaters, der den Hebel seiner

kleinen Strickmaschine taktmäßig hin und her bewegte. Er wartete eine Weile,

ob es nicht doch am Ende Most und Brot gäbe, aber der Stricker lachte ihn aus

und schickte ihn weg. Da ging er enttäuscht an seinen Ruheplatz zurück,

brummte vor sich hin, verbrachte eine Stunde oder mehr im Halbschlaf und

schaute dann dem Abendwerden im engen Tale zu. Es war droben noch so warm

und behaglich wie zuvor, aber seine gute Stimmung ließ mehr und mehr nach,

denn trotz seiner Trägheit überfiel ihn eine gewaltige Langweile, auch kehrten seine Gedanken unaufhörlich zu dem entgangenen Vesper zurück. Er sah ein

hohes Schoppenglas voll Most vor sich stehen, gelb und glänzend und mit süßer

Herbe duftend. Er stellte sich vor, wie er es in die Hand nähme, das kühle runde

Glas, und wie er es ansetzte, und wie er zuerst einen vollen starken Schluck

nehmen, dann aber langsam sparend schlürfen würde. Wütend seufzte er auf, so

oft er aus dem schönen Traum erwachte, und sein ganzer Zorn richtete sich

gegen den unbarmherzigen Hausvater, den Stricker, den elenden Knauser,

Knorzer, Schinder, Seelenverkäufer und Giftjuden. Nachdem er genug getobt

hatte, fing er an sich selber leid zu tun und wurde weinerlich, schließlich aber

beschloß er, morgen zu arbeiten.

Er sah nicht, wie das Tal bleicher und von zarten Schatten erfüllt und wie die

Wolken rosig wurden, noch die abendmilde, süße Färbung des Himmels und das

heimliche Blauwerden der entfernteren Berge; er sah nur das ihm entgangene

Glas Most, die morgen unabwendbar seiner harrende Arbeit und die Härte seines

Schicksals. Denn in derartige Betrachtungen verfiel er jedesmal, wenn er einen

Tag lang nichts zu trinken bekommen hatte. Wie es wäre, jetzt einen Schnaps zu

haben, daran durfte er gar nicht denken.

Gebeugt und verdrossen stieg er zur Abendessenszeit ins Haus hinunter und

setzte sich mürrisch an den Tisch. Es gab Suppe, Brot und Zwiebeln, und er aß

grimmig, so lange etwas in der Schüssel war, aber zu trinken gab es nichts. Und

nach dem Essen saß er verlassen da und wußte nicht was anfangen. Nichts zu

trinken, nichts zu rauchen, nichts zu schwätzen! Der Stricker nämlich arbeitete

bei Lampenlicht geschäftig weiter, um Hürlin unbekümmert.

Dieser saß eine halbe Stunde lang am leeren Tische, horchte auf Sauberles

klappende Maschine, starrte in die gelbe Flamme der Hängelampe und versank

in Abgründe von Unzufriedenheit, Selbstbedauern, Neid, Zorn und Bosheit, aus

denen er keinen Ausweg fand noch suchte. Endlich überwältigte ihn die stille

Wut und Hoffnungslosigkeit. Hoch ausholend hieb er mit der Faust auf die

Tischplatte, daß es knallte, und rief: „Himmelsternkreuzteufelsludernoch’nmal!“

„Holla,“ rief der Stricker und kam herüber, „was ist denn wieder los? Geflucht

wird bei mir fein nicht!“

„Ja, was ins heiligs Teufels Namen soll man denn anfangen?“

„Ja so, Langweile? Ihr dürfet ins Bett.“

„So, auch noch? Um die Zeit schickt man kleine Buben ins Bett, nicht mich.“

„Dann will ich Euch eine kleine Arbeit holen.“

„Arbeit? Danke für die Schinderei, Ihr Sklavenhändler, Ihr!“

„Oha, nur kalt Blut! Aber da, leset was!“

Er legte ihm ein paar Bände aus dem dürftig besetzten Wandregal hin und

ging wieder an sein Geschäft. Hürlin hatte durchaus keine Lust zum Lesen, nahm aber doch eins von den Büchern in die Hand und machte es auf. Es war ein

Kalender, und er begann die Bilder darin anzusehen. Auf dem ersten Blatte war

irgend eine phantastisch gekleidete ideale Frauen- oder Mädchengestalt als

Titelfigur abgebildet, mit bloßen Füßen und offenen Locken. Hürlin erinnerte

sich sogleich an ein Restlein Bleistift, das er besaß. Er zog es aus der Tasche,

machte es naß und malte dem Frauenzimmer zwei große runde Brüste aufs

Mieder, die er so lange mit immer wieder benetztem Bleistift nachfuhr und

ausmalte, bis das Papier mürb war und zu reißen drohte. Er wendete das Blatt

um und sah mit Befriedigung, daß der Abdruck seiner Zeichnung durch viele

Seiten sichtbar war. Das nächste Bild, auf das er stieß, gehörte zu einem

Märchen und stellte einen Kobold oder Wüterich mit bösen Augen, gefährlich

kriegerischem Schnauzbart und aufgesperrtem Riesenmaul vor. Begierig netzte

der Alte seinen Bleistift an der Lippe und schrieb mit großen deutlichen

Buchstaben neben den Unhold die Worte: „Das ist der Stricker Sauberle,

Hausvater.“

Er beschloß, womöglich das ganze Buch so zu vermalen und verschweinigeln.

Aber die folgende Abbildung fesselte ihn stark, und er vergaß sich darüber. Sie

zeigte die Explosion einer Fabrik und bestand fast nur aus einem mächtigen

Dampf- und Feuerkegel, um welchen und über welchem halbe und ganze

Menschenleiber, Mauerstücke, Ziegel, Stühle, Balken und Latten durch die Lüfte

sausten. Das zog ihn an und zwang ihn, sich die ganze Geschichte dazu

auszudenken und sich namentlich vorzustellen, wie es den Emporgeschleuderten

wohl im Augenblick des Ausbruches zu Mut gewesen sein möchte. Darin lag ein

Reiz und eine Befriedigung, die ihn lange in Atem hielten, denn bei aller

Selbstsucht gehörte er zu den vielen Menschen, denen anderer Leute Schicksale,

namentlich wenn sie gehörig illustriert erscheinen, viel mehr nachzudenken und

innerlich zu erleben geben als ihre eigenen.

Als er seine Einbildungskraft an diesem aufregenden Bilde erschöpft und

gesättigt hatte, fuhr er fort zu blättern und stieß bald auf ein Bildlein, das ihn

wieder festhielt, aber auf eine ganz andere Art. Es war ein lichter, freundlicher

Holzschnitt: eine schöne Laube, an deren äußerstem Zweige ein Schenkenstern

aushing, und über dem Sterne saß mit geschwelltem Hals und offenem

Schnäblein und sang ein kleiner Vogel. In der Laube aber erblickte man um

einen rohen Gartentisch eine kleine Gesellschaft junger Männer, Studenten oder

Wanderburschen, die plauderten und tranken aus heiteren Glasflaschen einen

guten Wein. Seitwärts sah man am Rande des Bildchens eine zerfallene Feste mit

Tor und Türmen in den Himmel stehen, und in den Hintergrund hinein verlor

sich eine schöne Landschaft, etwa das Rheintal, mit Strom und Schiffen und

fernhin entschwindenden Höhenzügen. Die Zecher waren lauter junge, hübsche Leute, glatt oder mit jugendlichen Bärten, liebenswürdige und heitere Burschen,

welche offenbar bei ihrem Wein die Freundschaft und die Liebe, den alten Rhein

und Gottes blauen Sommerhimmel priesen.

Zunächst erinnerte dieser Holzschnitt den einsamen und mürrischen

Betrachter an seine besseren Zeiten, da er sich noch Wein hatte leisten können

und an die zahlreichen Gläser und Becher guten Getränkes, die er damals

genossen hatte. Dann aber wollte es ihm vorkommen, so vergnügt und herzlich

heiter wie diese jungen Zecher sei er doch niemals gewesen, selbst nicht vor

Zeiten in den leichtblütigen Wanderjahren, da er noch als junger

Schlossergeselle unterwegs gewesen war. Diese sommerliche Fröhlichkeit in der

Laube, diese hellen, guten und freudigen Jünglingsgesichter machten ihn traurig

und zornig; er zweifelte, ob alles nur die Erfindung eines Malers sei, verschönert

und verlogen, oder ob es auch in Wirklichkeit etwa irgendwo solche Lauben und

so hübsche, frohe und sorgenlose junge Leute gebe. Ihr heiterer Anblick erfüllte

ihn mit Neid und Sehnsucht und je länger er sie anschaute, desto mehr hatte er

die Empfindung, er blicke durch ein schmales Fensterlein für Augenblicke in

eine andere Welt, in ein schöneres Land und zu freieren und gütigeren Menschen

hinüber als ihm jemals im Leben begegnet waren. Er wußte nicht, in was für ein

fremdes Reich er hineinschaue, und daß er dieselbe Art von Gefühlen habe wie

Leute, die in Dichtungen lesen, indem ihre Freude an der Schönheit des

Dargestellten durch die Überlegung, wie viel geringer die alltägliche

Wirklichkeit sei, zu einer leichten, süßen Trauer und Sehnsucht wird. Diese Art

Trauer und Heimweh als etwas Süßes auszukosten, verstand er vollends nicht,

also klappte er das Büchlein zu, schmiß es zornig auf den Tisch, brummte

unwillig Gutnacht und begab sich in seine Stube hinüber, wo über Bett und Diele

und Truhe das Mondzwielicht hingebreitet lag und in dem gefüllten

Waschbecken leise leuchtete. Die große Stille zu der noch frühen Stunde, das

ruhige Mondlicht und das leere, für eine bloße Schlafstelle fast zu große Zimmer

riefen in dem alten Rauhbein ein Gefühl von unerträglicher Vereinsamung

hervor, dem er leise murmelnd und fluchend erst spät in das stille Land des

Schlummers entrann.

Es kamen nun Tage, an denen er Holz sägte und Most und Brot bekam,

wechselnd mit Tagen, an denen er faulenzte und ohne Vesper blieb. Oft saß er

oben am Straßenrain, giftig und ganz mit Bosheit geladen, spuckte auf die Stadt

hinab und trug Groll und Verbitterung in seinem zuchtlosen Herzen. Das

ersehnte Gefühl, bequem in einem sicheren Hafen zu liegen, blieb aus und statt

dessen kam er sich verkauft und verraten vor, führte Gewaltszenen mit dem

Stricker auf oder fraß das Gefühl der Zurücksetzung und Unlust und Langeweile

still in sich hinein.

Mittlerweile lief der Pensionstermin eines der in Privathäusern versorgten

Stadtarmen ab, und eines Tages rückte in der Sonne als zweiter Gast der frühere

Seilermeister Lukas Heller ein.

Wenn die schlechten Geschäfte aus Hürlin einen Trinker gemacht hatten, war

es mit diesem Heller umgekehrt gegangen. Auch war er nicht wie jener plötzlich

aus Pracht und Reichtum herabgestürzt, sondern hatte sich langsam und stetig,

mit den nötigen Pausen und Zwischenstufen, vom bescheidenen

Handwerksmann zum unbescheidenen Lumpen heruntergesüffelt, wovor ihn

auch sein tüchtiges und energisches Weib nicht hatte retten können. Vielmehr

war sie, die ihm an Kräften weit überlegen schien, dem nutzlosen Kampf erlegen

und längst gestorben, während ihr nichtsnutziger Mann sich einer zähen

Gesundheit erfreute, noch einige Jahre weiterlumpte und dann, nachdem er

ruiniert und bevormundet war, träg und ungeschwächt einem höheren Alter

entgegenbummelte. Natürlich war er überzeugt, daß er mit dem Weib so gut wie

mit der Seilerei ein unbegreifliches Pech gehabt und nach seinen Gaben und

Leistungen ein ganz anderes Schicksal verdient habe.

Hürlin hatte die Ankunft dieses Mannes mit der sehnlichsten Spannung

erwartet, denn er war nachgerade des Alleinseins unsäglich müd geworden. Als

Heller aber anrückte, tat der Fabrikant vornehm und machte sich kaum mit ihm

zu schaffen. Er schimpfte sogar darüber, daß Hellers Bett in seine Stube gestellt

wurde, obwohl er heimlich froh daran war.

Nach der Abendsuppe griff der Seiler, da sein Kamerad so störrisch

schweigsam war, zu einem Buch und fing zu lesen an. Hürlin saß ihm gegenüber

und warf ihm mißtrauisch beobachtende Blicke zu. Einmal, als der Lesende über

irgend etwas Witziges lachen mußte, hatte der andere große Lust, ihn danach zu

fragen. Als aber Heller im gleichen Augenblick vom Buch aufschaute, offenbar

bereit, den Witz zu erzählen, schnitt Hürlin sofort ein finsteres Gesicht und tat,

als sei er ganz in die Betrachtung einer über den Tisch hinwegkriechenden

Mücke versunken.

So blieben sie hocken, den ganzen langen Abend. Der eine las und blickte

zuweilen plaudersüchtig auf, der andere beobachtete ihn ohne Pause, wandte

aber den Blick stolz zur Seite, so oft jener herüberschaute. Der Hausvater

strickte unverdrossen in die Nacht hinein. Hürlins Mienenspiel wurde immer

verbissener und feindseliger, obwohl er eigentlich seelenfroh war, nun nicht

mehr allein in der Schlafstube liegen zu müssen. Als es zehn Uhr schlug, sagte

der Hausvater: „Jetzt könntet ihr auch ins Bett gehen, ihr zwei.“ Beide standen

auf und gingen hinüber.

Während die beiden Männlein in der halbdunkeln Stube sich langsam und

steif entkleideten, schien Hürlin die rechte Zeit gekommen, um ein prüfendes Gespräch anzubinden und über den lang ersehnten Haus- und Leidensgenossen

ins klare zu kommen.

„Also jetzt sind wir zu zweit,“ fing er an und warf seine Weste auf den Stuhl.

„Ja,“ sagte Heller.

„Eine Saubude ist’s,“ fuhr der andere fort.

„So? Weißt’s gewiß?“

„Ob ich’s weiß! — Aber jetzt muß ein Leben reinkommen, sag’ ich, jetzt!

Jawohl.“

„Du,“ fragte Heller, „ziehst du ’s Hemd aus in der Nacht oder behältst’s an?“

„Im Sommer zieh ich’s aus.“

Auch Heller zog sein Hemd aus und legte sich nackt ins krachende Bett. Er

begann laut zu schnaufen. Aber Hürlin wollte noch mehr erfahren.

„Schlafst schon, Heller?“

„Nein.“

„Pressiert auch nicht so. — Gelt, du bist ’n Seiler?“

„Gewesen, ja. Meister bin ich gewesen.“

„Und jetzt?“

„Und jetzt — kannst du mich gern haben, wenn du dumme Fragen tust.“

„Jerum, so spritzig! Narr, du bist wohl Meister gewesen, aber das ist noch

lange nichts. Ich bin Fabrikant gewesen. Fabrikant, verstanden?“

„Mußt nicht so schreien, ich weiß schon lang. Und nachher, was hast denn

nachher fabriziert?“

„Wieso nachher?“

„Frag auch noch! Im Zuchthaus mein’ ich.“

Hürlin meckerte belustigt.

„Du bist wohl ’n Frommer, was. So ein Hallelujazapfen?“

„Ich? Das fehlt gerad noch! Fromm bin ich nicht, aber im Zuchthaus bin ich

auch noch nicht gewesen.“

„Hättest auch nicht hineingepaßt. Da sind meistens ganz feine Herren.“

„O jegerle, so feine Herren wie du einer bist? Freilich, da hätt’ ich mich

geniert.“

„’s redet ein jeder, wie er’s versteht oder nicht versteht.“

„Ja, das mein’ ich auch.“

„Also sei gescheit, du! Warum hast du die Seilerei aufgesteckt?“

„Ach, laß mich in Ruh! Die Seilerei war schon recht, der Teufel ist aber ganz

wo anderst gesessen. Das Weib war schuld.“

„Das Weib? — Hat sie gesoffen?“

„Das hätte noch gefehlt! Nein, gesoffen hab ich, wie’s der Brauch ist, und

nicht das Weib. Aber sie ist schuld gewesen.“

„So? Was hat sie denn angestellt?“

„Frag nicht so viel!“

„Hast auch Kinder?“

„Ein Bub. In Amerika.“

„Der hat recht. Dem geht’s besser als uns.“

„Ja, wenn’s nur wahr wär. Um Geld schreibt er, der Dackel! Hat auch

geheiratet. Wie er fortgegangen ist, sag ich zu ihm: Frieder, sag ich, mach’s gut

und bleib gesund; hantier, was du magst, aber wenn du heiratest, geht’s Elend

los. — Jetzt hockt er drin. Gelt, du hast kein Weib gehabt?“

„Nein. Siehst, man kann auch ohne Weib ins Pech kommen. Was meinst?“

„Danach man einer ist. Ich wäre heut noch Meister, wenn die Dundersfrau

nicht gewesen wär.“

„Na ja!“

„Hast du was gesagt?“

Hürlin schwieg still und tat so, als wäre er eingeschlafen. Eine warnende

Ahnung sagte ihm, daß der Seiler, wenn er erst einmal recht angefangen habe,

über sein Weib loszuziehen, kein Ende finden würde.

„Schlaf nur, Dickkopf!“ rief Heller herüber. Er ließ sich aber nimmer reizen,

sondern stieß noch eine Weile künstliche große Atemzüge aus, bis er wirklich

schlief.

Der Seiler, der mit seinen sechzig Jahren schon einen kürzeren Schlummer

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