Nachbarn, Erzählungen
Garibaldi
Dieser Tage fuhr ich in der Eisenbahn von Steckborn nach Konstanz. Durch
Obstbäume glänzte mattrot der abendliche Untersee, Bauerngärten mit Geranien,
Fuchsien und Georginen leuchteten durch braun und grüne Lattenzäune, jenseits
des Wassers lag die Reichenau und über Ried und Rebbergen das hohe Horner
Kirchlein goldig umleuchtet in der milden Abendklarheit. Es war noch heiß und
ich hatte streng rudern müssen, um den Zug noch zu erreichen. Nun saß ich
müde und gedankenlos allein in der Wagenecke und sah durchs offene Fenster
die wohlbekannten Berge, Matten und Wasser im roten Abenddunst verglühen.
Der Wagen war fast leer. Ein paar Bänke weiter saßen zwei grauhaarige
Herren in lebhaftem Gespräch beisammen. Ich war zu müd und teilnahmlos, um
etwas davon zu verstehen; ich hörte nur die einzelnen Worte und nahm wahr, daß
der eine von den Redenden ein Thurgauer vom See, der andere aber ein Zürcher
sein müsse, der Sprache nach zu urteilen. Dann interessierte mich auch das nicht
mehr, ich lehnte mich träg in die Ecke und begann zu gähnen.
Da hörte ich in dem benachbarten Gespräch plötzlich mehrmals den Namen
Garibaldi nennen und war verwundert, daß dieses Wort mich so merkwürdig
erregte. Was ging mich Garibaldi an?
„Ja wohl, der Garibaldi!“ rief da wieder der Thurgauer laut, und die Betonung,
mit der er den Namen aussprach, weckte mich aus meiner Stumpfheit und zwang
mich, dem lang nicht mehr gehörten Klange folgend lange Erinnerungswege zu
wandern, zurück und weiter zurück bis in die Zeiten, in denen jener Name mir
vertraut und wichtig gewesen war. Aus kühlen Brunnentiefen ferner Kinderjahre
wehte mich ein fremder, starker Heimwehzauber an. Und als ich spät am Abend
von Konstanz zurück war und dann langsam durch die bleiche Seenacht meinem
Dorfe entgegen fuhr, als der leise laue Wind im Segel sang und seltene Rufe aus
entfernten Fischerbooten übers Wasser wehten, stand ein Stück Kinderzeit und
halbvergessenes, glückliches Ehemals neu und lebendig vor mir auf.
Garibaldi war ein Märchen, ein Phantasiebild, eine Dichtung.
Eigentlich hieß er Schorsch Großjohann, wohnte jenseits unseres gepflasterten
Hofes und trieb das dunkle Gewerbe eines Winkelreinigers, das ihn kümmerlich
ernährte. Ich wurde aber zehn Jahre alt, ehe ich seinen eigentlichen Namen
erfuhr; bis dahin hörte ich ihn nie anders als den Garibaldi nennen und wußte
nicht, daß schon dieser Name, der mir so wohl gefiel, eine Dichtung war. Ihn
hatte meine Mutter erfunden, und da ich ohne meine Mutter nie zum
Träumespinner und Fabulierer geworden wäre, war es billig, daß sie auch bei jenem Kindermärchen Pate stand. Sie hatte das Bedürfnis und auch die Gabe,
ihre ganze Umgebung beständig nach ihrem eigenen, lebhaften Geist zu
gestalten und zu benennen, und ich darf von dieser ihrer Zauberkunst nicht zu
reden anfangen, da ich sonst kein Ende fände.
So hatte sie auch, schon lang vor meiner Geburt, mit dem alten Winkelreiniger
Großjohann, den man täglich mehrmals über unsern Hof gehen sah und mit dem
man doch kaum alle Jahr einmal ein Wörtlein sprach, nichts anzufangen gewußt.
Dem schmierigen Winkelreiniger half es nichts, daß er eine mächtige,
wetterfeste Figur, breite Schultern und ein abenteuerlich kriegerisches Gesicht
mit greisem, langem Doppelbart besaß; an ihm war das nur lächerlich. Aber
sobald man ihn Garibaldi nannte, war er seines stolzen Äußeren würdig, dann
umwitterte ihn statt des Winkelgestankes eine heroische Luft und war es
jedesmal ein Erlebnis und eine Freude, ihm zu begegnen. Meine Mutter
wünschte stets unter Menschen und Sachen zu leben, deren Anblick ihr jedesmal
ein Erlebnis und eine Freude war. So nannte sie den alten Nachbar Garibaldi.
Ich kleiner Bub wußte vom wahren, historischen Garibaldi, dessen Bild und
Taten meiner Mutter wohlbekannt waren, damals noch kein Wort. Aber der
stattliche welsche Name machte mir großen Eindruck und hüllte den Schorsch
Großjohann wie eine sagenhafte Wunderwolke ein.
Soweit war Garibaldi die Schöpfung meiner Mutter. Ohne davon eine Ahnung
zu haben, dichtete ich nun an ihm weiter und machte ihn zu einem seltsamen
Helden, dessen Leben ich mitlebte und dessen Schicksale mich wie eigene
Schicksale bewegten, ohne daß ich je ein Wort mit ihm gesprochen hätte. Fast
jeden Tag sah ich ihn ein oder zweimal in seiner Tätigkeit, außerdem abends im
Hof oder hinter den niederen Fensterchen seiner Wohnung.
Er war damals schon bald siebzig und, wenn man auf Kleidung und
Reinlichkeit nicht allzu streng achten wollte, ein schöner Greis. Das
Kriegerische, das er an sich hatte, bestand neben der großen sehnigen Gestalt
hauptsächlich in der braunen Gesichtsfarbe und in dem langen, gelblichgrauen,
stark verwilderten Haar und Bart. Wenn man das Gesicht genauer aufschaute
und mit dem äußeren Wesen und Lebenswandel des alten Mannes
zusammenhielt, kam eher ein milder Charakter heraus. Mund und Nase zwar
waren fest, scharf und schneidig geformt, aber die große stille Stirn wies weder
Narben noch tiefe Falten auf, sondern glich etwa einer abendlichen Straße, auf
welcher das Leben vollends eindämmert oder wo Wanderer, Wagen und Rosse,
das sind Gedanken, Hoffnungen und Leidenschaften schon so lange
vorübergebraust und gefahren sind, daß ihre Spuren sich wieder zu glätten
beginnen. Dies bestätigten auch die hellgrauen Augen. Sie waren noch klar und
scharf und saßen klein und wachsam über der braunen Hakennase, aber der Blick zeigte eine etwas müde Ruhe, als suche er in diesen späten Tagen auf
Erden keine Ziele mehr.
Schön und merkwürdig war in diesem gefestigten und stillgewordenen
Angesicht ein manchmal auftauchendes, ganz schwaches Lächeln der Ruhe und
leidlosen Resignation, wenn der alte Schorsch etwa einem Festzug, einem
Kinderauflauf, einer Prügelei oder dergleichen zuschaute. Wenn hinter diesem
Lächeln irgend ein bewußter Gedanke stand, so war es der eines ironisch
zuschauenden, überlegen Unbeteiligten, dem die Wichtigkeit dieser kleinen
menschlichen Händel schon lange lächerlich und kindlich vorkam.
„Hauet einander nur,“ sagte dieses Lächeln, „hauet nur zu! Und meinetwegen
könnt ihr ja Feste feiern, wenn’s euch Spaß macht. Was kümmert’s mich?“
Mein Verstand war noch viel zu klein, um diese Züge zu lesen und sich einen
Reim darauf zu machen. Aber meine Phantasie nahm von dem stillen Alten
Besitz und ließ ihn nicht los, sie liebte ihn und schuf ihn zu einem Wesen um,
das mir viel ferner und fremder war als er selber und das doch zu mir gehörte
und zum Helden meiner Gedanken wurde, während der Schorsch selber jahraus
jahrein mir vorüberging und unbekannt blieb. Und wenn ich nun vom alten
Garibaldi erzähle, ist es mehr Geträumtes als Gesehenes, aber lauter Erlebtes,
und vielleicht ist das Erfundene so wahr wie das Gesehene; vielleicht erlebte
meine Phantasie nichts anderes als was der Alte hätte erleben können und sollen,
wenn er nur dazu gekommen wäre.
Vom Hofe aus führte eine kaum fußbreite, schadhafte und überhängende
steinerne Treppe, ein richtiger Halsbrecher, an der alten, weit ausgebauchten
Bergmauer hin in ein winziges Gärtchen hinauf, das dem Nachbar Staudenmeyer
gehörte. Gärtchen ist eigentlich schon viel gesagt, denn das zwischen zwei in
den Berg hinein gebauten Hinterhäusern und einer jähen Terrassenmauer
eingeklemmte Stück abschüssigen Bodens war nicht größer als eine tüchtige
Stube. Vom Berge her schwemmte jeder Regen eine Menge Sand herab und
nahm dafür die gute schwarze Erde mit, und auf der einen Seite stand das Dach
des daraufstoßenden Hauses so weit über, daß man dort in Wirklichkeit kaum
das Gefühl haben konnte, im Freien zu sein. Die Nachbarin hatte, noch außer der
Witterung und dem Unkraut, um den Besitz ihres Fleckchens Erde ohne Unterlaß
mit einer großen Schar von verwilderten Katzen und mit einer nicht kleineren
Horde strohblonder Kinder zu kämpfen. Beide, Kinder und Katzen, entstammten
der benachbarten, steilen und finsteren Armutgasse, wilderten üppig in dem
Winkel dort herum, waren nicht auseinander zu kennen und so wenig mit Erfolg zu bekriegen wie ein Mückenschwarm. Allmählich wurde also Frau
Staudenmeyer des Kämpfens müde und das Gärtlein fiel ganz den ungebetenen
Gästen anheim. Es wucherten nun auf dem verwahrlosten Platze alte
Stachelbeerstauden mit einem geilen, niemals Früchte reifenden
Erdbeergeschlinge samt vielerlei Unkräutern zu einem grünen Wirrwarr
zusammen, aus welchem hier und dort ein Rest der ehemaligen
Gartenherrlichkeit, etwa ein himmelhoch aufgeschossener Salatstock oder eine
faustgroße Zwiebelblüte hervorragte.
Im Sommer und Herbst, wenn an schönen Tagen abends noch Sonne dort
hinunter kam und die feuchten Mauern erwärmte, dann erschien gegen sieben
Uhr der greise Garibaldi im Hof, stieg langsam die schmalen Steinstaffeln zum
Gärtchen hinauf und setzte sich auf den ausgetretenen obersten Treppenstein.
Dort ruhte er schweigend in der schwachen Spätsonne, tat seltene Züge aus einer
schwarzgebrannten, kurzen Holzpfeife und gab nur, wenn etwa ein Nachbar ihn
vom Fenster aus anrief, ein kurzes Wort zurück. Sonst redete er keinen Ton,
sondern saß regungslos auf dem schmalen Stein und ruhte und rauchte, bis es
dunkelte und kühl wurde. Über und unter ihm rumorten die Kinder, rauften und
zankten miteinander, fraßen unreife Beeren und erfüllten die goldige Abendluft
mit Gelächter, Geschrei und Gewimmer. Sie hieben einander die Köpfe blutig,
stahlen einander das Vesperbrot, fielen über die Mauer herab und schrien
Mordio. Den Alten berührte es nicht, obwohl er ungezählte Enkel und
Großneffen unter der Horde hatte. Wenn einmal etwas Besonderes los war und
das Geschrei zum Gebrüll anwuchs, drehte er den verwitterten Kopf vielleicht
ein wenig danach hinüber und auf seine schmalen Lippen trat für einen
flüchtigen Augenblick das kühle, gleichgültige Lächeln, mit welchem er den
Lauf der Ereignisse zu betrachten gewohnt war.
Er hatte an anderes zu denken als an das kleine Zeug um ihn herum. Während
sein brauner Daumen die Glut in die Holzpfeife zurück stopfte, verweilte seine
Erinnerung weit von hier, in alten Zeiten und fremden Ländern, in wilden
Feldzügen und auf weiten, abenteuerlichen Raub- und Wanderfahrten.
Er sah Höfe und Dörfer in Brand stehen und mit langen, unwilligen Flammen
durch die Nacht gen Himmel klagen. Er sah auf verlassenen Straßen und auf den
Türschwellen verlassener Häuser Erschlagene in schmutzigen Blutlachen liegen,
krepierte Pferde und zertrümmerte Wagen, dazwischen herrenlos umherirrendes
Vieh und verlaufene, weinende Knaben und Mädchen.
Kam dann etwa eins von seinen strohblonden, verwahrlosten Enkelkindern
hergelaufen und bettelte: „Großvater, schenk’ mir was!“, dann streifte er es mit
flüchtigem Blick und setzte, ohne eine Antwort zu geben, sein spöttisch stilles
Lächeln auf, und das Kind lief wieder weg. Er aber hörte schnell wieder auf zu lächeln, zog die Kniee ein wenig höher, neigte den grauen Kopf ein wenig weiter
vor und blickte wieder in die Länder der Erinnerung, der Abenteuer, mit
demselben unverwandten, glühenden und auch verschleierten Blick, welchen die
in Käfige gesperrten Raubvögel haben. Über seine hohe, braune Stirne fiel in
fahlen Strängen das lange Haar und nichts an der ganzen Gestalt hatte Leben und
bewegte sich als der schmale, alte Mund, der zuweilen eine dünne Rauchfahne
hinaus blies, und als sein hagerer Schatten, der über die Mauer hinab und
langsam über den ganzen Hof wanderte, immer länger und phantastischer und
immer wesenloser werdend, bis er in die allgemeine Dämmerung untertauchte.
So im Dunkelwerden war es mir eine grausige Lust, vom Fenster meiner
Knabenkammer aus den Garibaldi dasitzen zu sehen, von Haar und Bart umfilzt,
aufrecht und bewegungslos, mit geisterhaft undeutlichen Zügen, bis sein Gesicht
vollständig in das Dunkel versank und nur noch die Silhouette eines sitzenden
Riesen übrig blieb, hin und wieder von einer spärlichen Rauchwolke umflogen.
Die vielen Kinder waren um diese Zeit nicht mehr da, von der überdachten
Gartenseite her wuchs die Finsternis heran, die uraltmodisch geschweiften
Giebel und krummen Dächer all der Armenhäuser standen schwarz in den noch
lichten Himmel, da und dort glühte ein Fensterlein gleich einem trüben roten
Auge auf, und damitten kauerte rastend der alte Abenteurer, bis ihn fröstelte,
dann verschwand er still in den finsteren Torweg hinein wie in eine
unzugänglich fremde Welt.
Der alte Garibaldi hatte zwei Söhne gehabt, junge stramme Riesen von
gewaltiger Erscheinung und vom übelsten Ruf, aber beide waren eines Tages
ohne Abschied verschwunden und man brachte sogleich alle in den letzten
Jahren am Ort begangenen und unaufgeklärt gebliebenen Verbrechen mit ihrem
Flüchtigwerden in Verbindung. Fast ein Jahr später kam Bericht aus Brasilien,
daß beide nicht mehr am Leben seien. Der eine war schon unterwegs auf dem
Schiff am Fieber gestorben, der andere nachher in Rio, offenbar im bittersten
Elend. Zusammen mit dem dazu beauftragten Polizeidiener besuchte mein Vater
den Alten, um ihm die Todesnachricht zu bringen.
„Ihren Söhnen ist’s drüben nicht gut gegangen,“ fing mein Vater an.
„Wo drüben denn?“ fragte der Garibaldi.
„In Brasilien, ’s ist ihnen nicht gut gegangen.“
„Wieso?“
„Wieso? Tot und gestorben sind sie,“ schrie der Büttel, dem es nicht wohl war,
bis er es herausgesagt hatte.
„So so?“ machte der Garibaldi und schüttelte den Kopf. Und:
„Alle beide?“ fragte er nach einer Weile.
„Ja wohl, alle beide,“ sagte mein Vater.
„So so. — So so.“
Und als jetzt mein Vater sich anschickte einen Anfang mit dem Trösten zu
machen, winkte er ab und lächelte verachtungsvoll. Da ging denn mein Vater mit
dem Polizeidiener wieder fort und Garibaldi machte sich wie sonst an seine
Arbeit.
Am Abend dieses Tages, da jedermann die Nachricht schon wußte, saß er
wieder auf seiner Staffel und alle Nachbarn schauten ihn an und alle paar
Minuten rief ihn einer vom Fenster oder von der Gasse herüber an: „Mein
Beileid auch, du!“
Und er sagte jedesmal „merci“. Da kam der Stadtpfarrer auch noch gegangen
und gab ihm die Hand und sagte freundlich: „Wir wollen in Ihre Stube hinein
gehen, kommen Sie!“
Aber Garibaldi schüttelte den Kopf. „’s ist gut,“ sagte er, „und ich sag meinen
merci“, und blieb sitzen, und die vielen Herumsteher drückten sich
hintereinander und kicherten. Der Stadtpfarrer schien betrübt und es sah aus, wie
wenn er noch einiges zu sagen hätte, aber er zog nur den Hut und grüßte wieder
freundlich und ging langsam aus dem Hof und fort, und der Garibaldi blies eine
große Rauchwolke hinter ihm her.
Von da an, wenn ich ihn des Abends wieder rasten sah, schien mir sein
Gesicht ein wenig tiefer gefurcht und noch abwehrender und einsamer als sonst,
und ich betrachtete ihn, der zwei starke Söhne im fremden Land verloren hatte,
mit vermehrter Scheu.
Außer jenen untergegangenen Söhnen hatte Garibaldi noch drei verheiratete
Töchter, deren älteste verwitwet war. Dies war die Lene Voßler, ein wildes und
berüchtigtes Weib, groß von Wuchs und von einer seltsam ungelenken, aber
längst verwilderten Schönheit. Diese war von allen seinen Kindern das einzige,
das zu ihm paßte, und auch das einzige, das in Verkehr und Freundschaft mit ihm
stand. Sie kam den Winter über fast jeden Abend zu ihm in seine
Hinterhausstube, dort saß sie neben dem Alten, oft bis es spät wurde, und redete
kaum ein Wort mit ihm, der seine kleine Pfeife im Munde hielt und ebenfalls
schwieg. Ich besann mich oft genug, was die zwei wohl mit einander anstellen
möchten, aber sie saßen hinter den alten großblumigen Gardinen aus Wolle und
man konnte im Schimmer der schlechten Ölfunzel nur zuweilen ihre ernsten
Köpfe sehen.
Und häufig kam zu diesen beiden merkwürdigen, geheimnisvollen Menschen
noch eine dritte Fabelgestalt. Dies war der alte Penzler, ein gewesener und verarmter Mühlenbauer, der aus Bayern stammte und den schon seine Herkunft
und sein seltenes Handwerk zu etwas besonderem machten. Seit Jahren lebte er
einsam und vielbesprochen in der finsteren Hengstettergasse ein ärmliches
Sonderlingsleben, drehte ewig an seinem ungeheuren Schnauzbart, redete in
alttestamentlichen Wendungen und betrank sich alle paar Wochen einmal, was
meistens zu Nachtskandal und schlimmen Szenen führte. Der einzige Mensch,
dem er Achtung zeigte und mit dem er eine Freundschaft unterhielt, war
Garibaldi. Als dessen Söhne totgesagt wurden, kam Penzler zu ihm, schlug ihm
auf die Schulter und rief mit gewaltiger Trösterstimme: „So geht’s, alter
Prophete! Wir sind allesamt wie Gras und wie des Grases Blüte. Na, die
Lausbuben haben jetzt keine Sorgen mehr.“
Winterabends kam der Mühlenbauer sehr oft zum Garibaldi und saß mit ihm
und seiner Tochter, der Lene Voßler, in der niedrigen, trüb erhellten Stube, die
sich allmählich ganz mit Tabaksrauch füllte. Ich schaute immer hinüber und lief
manchesmal noch spät Nachts von meinem Bett ans Fenster, schaute nach ob
drüben noch Licht sei und stierte das einsame rote Fenster ahnungsvoll und
begierig an, bis mich fror und ich ins Bett zurück mußte.
An einem Abend, es ging schon gegen den April und man brauchte fast
nimmer zu heizen, wurde meine Neugierde belohnt und das eigentliche Treiben
und Wesen des Alten ward mir klarer. Es fehlte nämlich diesmal der wollene
Vorhang hinter seiner Scheibe und ich sah den Garibaldi mit der Lene und dem
Penzler am Tische sitzen. Es mochte neun Uhr oder später sein. Eine Blechlampe
gab trübes Licht, die beiden grauhaarigen Männer bliesen Rauch aus ihren
Pfeifchen und saßen still und vorgebeugt auf ihren Hockern, die Lene Voßler
aber hatte über den ganzen Tisch im Viereck ein Kartenspiel ausgebreitet, ein
Blatt dicht am andern. Auf diese Karten starrten alle drei. Bald nahm die Lene,
bald ihr Vater eine Karte in die Hand und legte sie nachdenklich und zögernd an
einen anderen Platz; der Mühlenbauer sah mit scharfem Gesichte zu, deutete mit
dem Pfeifenstiel hierhin und dorthin, schnitt ernste Grimassen, schüttelte den
Kopf oder zuckte mächtig mit den gewaltigen Augenbrauen, die so stark wie
Schnurrbärte waren. Gesprochen wurde nichts. Über den drei gebeugten Köpfen
wölkte der dichte Rauch und stieg über der Lampenflamme in einer
ununterbrochenen Säule in die Höhe.
Zwei Stunden lang schaute ich zu. Penzler schnitt immer schärfere Grimassen,
die Lene ordnete ihre Karten immer leidenschaftlicher und legte sie hastig aus,
der alte Garibaldi aber saß mir gerade gegenüber und so oft er den Kopf erhob,
floh ich in meine Stube zurück, obwohl er mich am dunklen Fenster nicht hätte
sehen können. Seine Augen waren auf die Karten gerichtet und brannten in dem
braunverwelkten Gesicht mit leiser Glut.
Sie taten also Karten legen und wahrsagen, und es wunderte mich nicht. Aber
wer wahrsagen kann, der muß auch zaubern können. Vom Bayern, dem Penzler,
wußte man ja schon immer, daß er mit Geistern umging und viele geheime
Heilmittel kannte. Ich paßte auf wie ein Jagdhund und brannte vor banger
Begierde. Und als die Tage wärmer und die Abende lang und mild wurden, sah
ich öftere Male wie Garibaldi, sobald es zu dunkeln begann, an seinem
Staffelplatz vom Penzler abgeholt wurde und mit ihm die Gasse hinab
verschwand. Ich wußte genau, daß er nicht ins Wirtshaus ging, dafür hatte ihn
meine Mutter oft gerühmt; daß man aber in diesen lauen, stichdunkeln
Frühjahrsnächten viel Zauber treiben konnte, war gewiß.
Ich sah in meinen Gedanken die zwei alten Hexenmeister die Stadt verlassen,
im finstern Walde Kräuter suchen, ein Feuer anfachen und Beschwörungen
ausüben. Ich sah sie unter moosigen Felsen beim Lichte kleiner Diebslaternen
Schätze aus der feuchten Erde graben. Ich sah sie Wetter machen und
Krankheiten beschwören.
Ob wohl die Lene Voßler auch mitging? Nein, sie ging nicht mit. Eines
Abends konnte ich der Neugier nicht widerstehen. Sobald ich den Mühlenbauer
im Hof erscheinen sah, verließ ich still das Haus durchs Gartentor und schlich
mich zwischen den Gärten hindurch auf die Gasse. Garibaldi und Penzler gingen
miteinander straßabwärts. Der eine hatte etwas unter dem Arm, was wie ein
aufgerollter langer Strick aussah, der andere trug eine Art Kachel oder Kanne.
Ich folgte ihnen mit großem Herzklopfen die Gasse hinunter, über den
Balkensteg und bis auf den Brühel, wo das letzte Haus der Stadt, ein alter
Gasthof steht und wo der Weg sich teilt. Es führt von dort aus ein Sträßlein eben
den Fluß entlang, das andere stark ansteigend bergan in den Wald hinein.
Weiter wagte ich nicht hinterher zu gehen, der Gasthof war schon geschlossen,
ringsum brannte keine Laterne, von der Stadt hörte man nichts mehr als
vielleicht ein fernes Wagenrollen; vor mir lag kirchenstill der Brühel mit seinen
riesigen Linden und Kastanien und durch die alten Kronen stöhnte der feuchte,
stürmische Frühlingswind. Und die beiden dunklen Männer, die unter den hohen
Bäumen auf einmal klein erschienen, wandelten in die schwarze Stille hinein,
gleichmäßig im Schritt und ohne miteinander zu reden, ihre Geräte tragend. Ich
sah sie schwer und stille schreiten, der Nacht entgegen, mitten in das sich auftuende Reich der Finsternis und der schrecklichen Wunder, wo sie heimisch
waren.
Mir wurde todesangst, als der Penzler einmal hinter sich schaute; ich blieb am
Brühel stehen und sah nur noch, daß die beiden den Talweg flußabwärts
einschlugen. Dann lief ich im Galopp zurück, kam ungesehen wieder durch die
Hintertüre ins Haus und als ich dann geborgen im Bette lag, konnte ich noch
lang nicht einschlafen, weil mein Herz vom schnellen Laufen und vor Angst
nicht aufhören wollte gewaltig zu schlagen.
Von da an wagte ich dem Garibaldi kaum mehr zu begegnen und wich ihm und
dem Penzler auf der Straße ängstlich aus. Und daran tat ich wohl, denn es zeigte
sich nicht allzu lange darauf, daß sie gefährliche Wege gegangen seien.
An einem Morgen im Sommer — ich hatte Ferien — sprach es sich in der
Stadt herum, es sei zu Nacht ein Unglück passiert. Nach einer Stunde erfuhr
man, der Mühlenbauer Penzler sei in aller Gottesfrühe tot aus dem Wasser
gezogen worden und liege drunten im Gutleuthaus. Alles strömte in großer
Aufregung und Neugierde dorthin. Auf den steinernen Korridor des
Gutleuthauses waren ein paar Bündel leinene Säcke und darüber eine rote
Wolldecke gelegt, darauf lag halb entkleidet eine Gestalt, das war der
Mühlenbauer. Aus der Nähe betrachten durfte man ihn nicht, ein Landjäger stand
dabei, und mir war es recht, denn das Grausen hätte mich umgebracht.
Der Garibaldi war auch da, ging aber bald wieder weg und hatte sein
gleichmütiges Gesicht aufgesetzt, so als gehe die Geschichte ihn nichts an. Als
er wegging und die vielen Leute immer noch neugierig herumstanden und die
Mäuler offen hatten, lächelte er auf seine stille, verächtliche Art. Und der
Penzler war sein einziger Freund gewesen.
Wahrscheinlich war er nachts dabei gewesen, als der andere ins Wasser fiel.
Warum hatte er dann nicht sogleich Leute geholt?
— Oder war der Bayer vielleicht mit seinem Wissen und durch seine Schuld
ertrunken? Hatten sie Streit gehabt, vielleicht bei der Teilung eines Schatzes?
Man hörte auf von dem Unglück zu reden. Garibaldi tat wie immer seine
Arbeit in der Stadt herum und rastete bei gutem Wetter jeden Abend auf der
Treppenstaffel über unserem Hof, wo die Kinder lärmten. Der dem Zauberwesen
zum Opfer gefallene Mühlenbauer fand keinen Nachfolger. Garibaldis Gesicht
wurde je älter desto undurchschaulicher und ich, der einen Teil seiner Geheimnisse kannte, sah hinter seiner gleichmütigen Stirn und hinter seinem
ruhig überlegenen Blick eine Welt von dunklen Schicksalen träumen.
Im folgenden Herbst geschah es, daß ihm bei der Arbeit die hohe Leiter eines
Gipsers auf die Schulter fiel und ihn beinah erschlagen hätte. Er lag vier Wochen
krank im Spittel. Als er von dort wiederkam, war in seinem Wesen eine gewisse
Veränderung wahrzunehmen. Er lebte wie sonst, tat seine Arbeit und sprach
womöglich noch weniger als früher, aber er hatte jetzt die Gewohnheit, leise mit
sich selber zu reden und zuweilen zu lachen, wie wenn ihm alte lustige
Geschichten einfielen. An stillen Abenden, wenn die Kinder gerade anderswo
tobten oder einem Kunstreiterwagen oder Kamelführer oder Orgelmann
nachliefen, hörte man ihn im Höfchen ohne Unterlaß murmeln. Auch saß er nie
mehr lange Zeit auf seinem Steine still, sondern ging öfters unruhig auf und ab,
was zusammen mit dem Murmeln und Kichern etwas Unheimliches hatte.
Ich fühlte damals zum ersten Mal Mitleid mit dem alten Hexenmeister, ohne
ihn aber deswegen weniger zu fürchten. Sein neuerliches Gebaren schien mir
bald auf Gewissensbisse, bald auf neue schlimme Unternehmungen zu deuten.
„Der Garibaldi will auch anfangen altwerden,“ sagte einmal meine Mutter
beim Nachtessen. Ich verstand das im Augenblick nicht, denn ich hatte ihn nie
anders als grau und alt gesehen. Aber ich vergaß das Wörtlein nicht und merkte
nach und nach selber, daß Garibaldi wirklich jetzt erst zu altern begann.
Noch einmal machte er von sich reden. Eines Abends war, nach langem
Ausbleiben, seine Tochter Lene wieder einmal zu ihm gekommen. Sie waren in
der Stube beieinander und ich glaube, die Lene wollte auswandern. Darüber
kamen sie in Streit, bis das Weib mit der Faust auf den Tisch schlug und ihm
Schimpfworte sagte. Da hub der alte Mann seine Tochter, so groß und stark sie
war, jämmerlich zu hauen an und warf sie die Stiege hinunter, daß das Geländer
krachte und das Weib nur mit Mühe und Schmerzen davonhinken konnte.
Von da an blieb Garibaldi ganz einsam und nun brach das Alter plötzlich
vollends über ihn herein. Die Pfeife begann ihm im Munde zu wackeln und
häufig auszugehen, die Selbstgespräche nahmen kein Ende, die Arbeit wurde
ihm sauer. Schließlich gab er sie auf und war fast über Nacht zu einem
gebückten und zittrigen Kerlchen geworden.
Für mich hörte er darum nicht auf wichtig und rätselhaft zu sein. Ich fürchtete
ihn mehr als je und konnte es doch nicht lassen, ihm halbe Stunden lang vom
sicheren Fenster aus zuzuschauen. Beim Rauchen stützte er jetzt den Ellenbogen
aufs Knie und hielt die Pfeife mit der Hand fest, aber auch die war zittrig und
hatte keine Kräfte mehr.
Die Tage waren noch kühl und im Walde lag noch ein wenig Schnee, da war
eines Tages der Garibaldi gestorben.
Mein Vater bürstete seinen Schwarzen und ging zur Leiche. Ich durfte nicht
im Zug gehen (wenn man das Dutzend Nachbarn einen Zug heißen will), aber
ich stieg auf die Kirchhofmauer und hörte zu und erfuhr dabei zum ersten Mal,
daß der Tote nicht Garibaldi, sondern Schorsch Großjohann geheißen hatte, was
mich in lange Zweifel stürzte, denn fragen mochte ich niemand.
Nachher sagte mein Vater zur Mutter: „Unser Garibaldi war doch ein
sonderbarer Mensch, fast unheimlich; weiß Gott, wie er so geworden ist.“
Darüber hätte ich nun mancherlei mitteilen können. Aber ich behielt alles für
mich — das Wahrsagen, das Zaubern, die Nachtgänge flußabwärts und das, was
ich über den Tod des bayerischen Mühlenbauers vermutete.