Nachbarn, Erzählungen
Karl Eugen Eiselein
Schorsch Eiselein, Kolonialwarenhändler in Gerbersau, besaß einen Kaufladen,
von dem er anständig und bequem leben konnte und der ihm wenig Sorgen
machte, und eine kluge kleine Frau, mit der er überaus zufrieden war, ferner
einen kleinen Sohn, der vom Vater sowohl wie von der Vorsehung zu Höherem
bestimmt war und ihm darum viele Sorgen machte.
Dieser Sohn hieß Karl Eugen Eiselein, und es wollte etwas bedeuten, daß er
von klein auf nicht Karl oder Eugen, sondern stets mit dem fürstlichen
Doppelnamen Karleugen gerufen ward. Dementsprechend gab der Kleine auch
für zwei zu tun und zu sorgen, schrie für zwei und brauchte Windeln und Kleider
für zwei, bis er allmählich in das Alter trat, wo die Erzeuger an ihren
Sprößlingen eine gewisse Freude zu erleben wünschen. Daran ließ es denn der
Knabe auch nicht fehlen; es zeigte sich, daß er nicht zu den Dummen gehöre und
wohl einer höhern Ausbildung fähig sei.
Herr Eiselein war sehr glücklich. Ihm selbst waren die Gefilde der klassischen
Bildung zu seinem Schmerze unerschlossen geblieben; desto sehnlicher
wünschte er, seinen Sohn in dieser fremden Welt sich tummeln zu sehen. Er legte
daher eines Tages einen Festrock, gestickte Weste und reinen Hemdkragen an,
strich dem Knäblein zärtlich über den glatten blonden Scheitel und führte es zur
Lateinschule, wo er es der Obhut des Kollaborators Wurster übergab.
Von da an ging der junge Karl Eugen den gewohnten Weg eines Gerbersauer
Lateiners. Ein Jahr lang regierte ihn der Kollaborator Wurster, ein sanfter
lächelnder Mann mit altmodischen Löcklein und engen Hosen; dann gab ihn
dieser an den Präzeptor Dilger weiter, einen feisten Wüterich mit langem
Meerrohr und furchtbarer Stirnrunzel, und wieder nach einem Jahr übernahm ihn
Doktor Müller, ein eleganter Stutzer von feinen Manieren.
Der Bub erwies sich als gescheit und kam glatt von einer Klasse in die andere.
Nicht so glatt und tadellos ging er aus manchen langwierigen Affären und
Untersuchungen hervor, welche Äpfeldiebstähle, Unehrerbietigkeiten gegen die
Lehrer, Schulschwänzereien und schlechtes Betragen beim Kirchenbesuch zum
Gegenstande hatten. Zwar verstand er die Kunst, sich hinter andere zu bergen
und einleuchtende mildernde Umstände beizubringen, vortrefflich; trotzdem
verbüßte er manchen sonnigen Mittwoch nachmittag im Klassenarrest und kam
oft genug geprügelt und gescholten und jammervoll nach Hause, wo der Vater
ihn mit Trost und Teilnahme empfing und jedesmal schnell wieder einer
freundlicheren Betrachtung des Lebens entgegenführte.
Nichtsdestoweniger war Karl Eugen Eiselein in seinem elften Lebensjahre
eines Tages spurlos verschwunden, samt vier Talern aus seines Vaters Ladenkasse, einem halben Zuckerhut und zwei Schulkameraden, deren bestürzte
Eltern ihre Klagen mit denen des Kolonialwarenhändlers vereinigten.
Als die Knaben gegen Abend noch immer fehlten, wurden nach allen Seiten
Boten ausgesandt, der ganze Fluß ward mit Stangen abgestochen und bei jedem
Stiche schauderte die zuschauende Kinderschar zusammen, gewärtig, im
nächsten Augenblick einen der Ertrunkenen am Spieße zu sehen. Es kam aber
keiner zum Vorschein.
Herr Eiselein war in seiner Not den ganzen Abend herumgelaufen. Er kehrte
spät und trostlos heim und schob den Suppenteller, den die Frau ihm
warmgestellt hatte, traurig zurück. Aber die kleine Frau, so ruhig und nachgiebig
sie sonst war, stellte ihm den Teller sogleich wieder hin, zwang ihm den Löffel
in die Hand und sagte sehr bestimmt: „Für nix will ich ’s Essen nicht gewärmt
haben, iß du jetzt nur. Der Lausbub wird wohl wiederkommen, wenn er Hunger
kriegt. Sei jetzt so gut und iß!“ Und der Vater war so gebrochen und
widerstandslos, daß er nicht einmal aufbegehrte, sondern ganz still den Löffel
nahm und aß, bis nichts mehr da war. Das hatte die Frau doch nicht erwartet, und
da sie daraus seine Verzweiflung ersah, wurde jetzt auch sie beklommen und
angstvoll, und beide saßen den ganzen Abend beisammen am Tisch, sagten
nichts und gaben sich düsteren Gedanken hin.
Nachts nach elf Uhr geschah ein kurzes schwaches Läuten an der Hausglocke
und gleich darauf ein stärkeres, kühneres, und an der Pforte stand und wartete
und schämte sich Karl Eugen. Nachdem man ihm abgefragt hatte, daß auch seine
Kameraden wieder da und noch am Leben seien, ließ man ihn schlafen. Ehe der
aufatmende Vater vom Bette aus nach dem Kerzenlöscher griff, hustete seine
kühn gewordene Frau und sagte: „Schorsch, wenn du morgen dem Bub nicht
eine gesalzene Portion gibst, dann geb’ sie ihm ich.“ Er seufzte, löschte das Licht
und konnte noch lang nicht einschlafen.
Am anderen Tag kam alles sauber an das Licht und als Hauptverführer ward
der gefährliche Fennimore Cooper entdeckt. Die Knäblein hatten beschlossen,
miteinander die langweilige alte Welt zu verlassen und die Heimat der
Mohikaner aufzusuchen, wo statt Meerrohr und Grammatik Skalpmesser,
Kriegsbeil und Flinte die Begleiter der Jugend sind. Auch wäre alles gut
gegangen, aber die Nacht war so kalt und sie hatten im Walde nimmer aus noch
ein gewußt, obwohl der eine von ihnen Pfadfinder, der zweite Falkenauge und
der dritte Waldläufer hieß. Von den vier Talern waren drei Batzen für eine
Blechpistole und sieben für ein grausam langes Sackmesser ausgegeben worden,
der Rest fand sich unversehrt vor und nur der Verbleib des Zuckerhutes blieb ein
Rätsel.
Diesen ganzen Tag lief Karl Eugens Mutter in Spannung umher und als bis zum Abendessen noch nichts geschehen war, ging sie zum Vater in den Laden
hinunter. „Eh’ der Kleine seine Prügel nicht hat, kriegt er auch nix zu essen,“
sagte sie mit Nachdruck und der Gatte sah ein, daß es Pflichten gibt, denen
niemand sich entziehen kann, und Weltgesetze, denen wir widerstandslos
unterliegen. Gleich darauf machte das Söhnchen dieselbe Erfahrung; während
jedoch der Vater sich mit Seufzen begnügte, ließ jener nach Art der Jugend
seinen Gefühlen und Tränen freien Lauf, ja erhob ein so erschütterndes
Wehegeschrei, daß der Züchtiger schon nach wenigen Streichen innehielt und
froh war, als Karl Eugen nur wieder aufstand und sich zum Essen bewegen ließ.
Dieses Abenteuer hatte zur Folge, daß in der Lateinschule über dreißig
Indianerbücher konfisziert wurden, daß die drei Amerikaner zuerst vom
Klassenlehrer eine angemessene Strafpredigt samt Arrest zugeteilt erhielten und
dann noch dem schonungslosen Spott der Schulkameraden anheimfielen, und
daß der kleine Eiselein für eine Weile in sich ging und mehrere Wochen lang ein
Musterschüler war. Allmählich wurden die kassierten Bücher durch neue ersetzt,
die Strafrede und der Arrest verschmerzt, auch der Musterschüler verschwand
wieder wie ein Nebelbild und nur der Schülerspott hielt noch lange Zeiten vor.
Es kamen die Jahre heran, in welchen es sich zu zeigen pflegt, ob ein Schüler
Lust und Beruf zu den höheren Studien habe oder ob es geratener sei, ihn sein
Latein in einem Kaufladen oder in einer Schreibstube vergessen zu lassen. Beim
jungen Eiselein war es unzweifelhaft, daß er zu ersterem bestimmt sei. Seine
Hefte waren sauber und wiesen gute Zeugnisse auf, seine Aufsätze hatten
Schwung und Feuer, ebenso seine Deklamationen, und bei der Entlassungsfeier
der obersten Klasse trug er, nun fünfzehnjährig, eine selbstgefertigte Rede vor,
bei der dem Rektor ein Schmunzeln auf die Lippen und dem andächtig
zuhörenden Kolonialwarenhändler eine Träne ins Vaterauge trat. Es war
beschlossen, ihn in die Residenz auf das Gymnasium zu tun.
Vorher waren noch ein paar Wochen Ferien, und in dieser Zeit legte Karl
Eugen die ersten Zeugnisse seiner Dichterbegabung ab. Es fand nämlich der
Geburtstag einer Großtante statt, die Familie Eiselein war eingeladen und beim
Kaffee trat der Jüngling mit einem Gedicht hervor, dessen Schönheit und Länge
die ganze Festgesellschaft in Erstaunen setzte. Seinem Vater gab der Bengel auf
Befragen zur Antwort, er habe schon seit einem Jahr oder noch länger eine
Masse Gedichte gemacht und wisse schon längst, daß er zum Dichter und nur
zum Dichter geboren sei. Dies hörte der überraschte Papa mit ebensoviel
Befremdung als Stolz. Denn wenn er auch nie an den außerordentlichen Gaben
seines Sohnes gezweifelt hatte, so war doch dieser frühe und kühne Flug des
jungen Adlers ihm eigentümlich überraschend. Teils um ihn zu belohnen, teils
vielleicht auch um ihn in gute Bahnen zu lenken, kaufte und schenkte er dem Jungen Theodor Körners Werke in rot Leinen gebunden und eine ebenfalls schön
gebundene, jedoch im Preise herabgesetzte ältere Lebensbeschreibung Gotthold
Ephraim Lessings.
Um die Zeit dieser Ereignisse hatte der inzwischen auch schon konfirmierte
Karl Eugen das Äußere eines Knaben vollkommen abgelegt, Pausbacken sowohl
wie kurze Hosen, und sich in einen schlanken, stillen und wohlgekleideten
Jüngling verwandelt, der etwas auf sich hielt und jedem, der ihn etwa noch als
Bub zu behandeln und mit du anzureden wagte, eine ironische Haltung
entgegenzusetzen wußte, deren Wirkung, obwohl er selbst sie überschätzte, nicht
zu leugnen war. Seine Schuhe waren stets blank, sein Gang gemessen, sein
Scheitel glatt und gepflegt. Das hauptstädtische Gymnasium würde sich seiner
nicht zu schämen brauchen. Vorwegnehmend drang er auch schon in den Ferien
tief in die homerische Welt ein und las die halbe Odyssee, allerdings in der
Vossischen Übersetzung. Er hätte sie ganz gelesen, wenn nicht der rotleinene
Körner dazwischen gekommen wäre.
Die Ferienzeit erreichte ihr Ende, diesmal nicht zum Leidwesen Karl Eugens,
welcher vielmehr die Reise nach der Stadt und den Eintritt in das Gymnasium
mit freudigster Ungeduld erwartete. Während in den letzten Tagen Herr Eiselein
seinen Sohn mit verdoppelter Zärtlichkeit und Sorgfalt behandelte und schon im
voraus ein mit Stolz gemischtes Abschiedsweh empfand, war die Mutter still und
emsig mit dem Einkaufen und Packen, Waschen und Glätten, Flicken und
Bürsten des Notwendigen beschäftigt. Am vorletzten Tage machte der
Gymnasiast in seinem schwarzen Konfirmandenrock eine Reihe von
Abschiedsbesuchen bei Verwandten, Gevattern, Lehrern und guten Freunden,
nahm Ratschläge, Geschenke und Glückwünsche, Händedrücke und
Scherzworte mit manierlichem Lächeln entgegen und trug die Gefühle eines in
rühmliche Kriegsdienste abgehenden jungen Fähnrichs in seiner Brust. Der feste
Vorsatz, schon in die ersten Ferien verändert, gealtert und vornehmer
heimzukommen, verlieh ihm dabei eine zurückhaltende Überlegenheit von
delikater Nuance.
Alsdann kam die Stunde des Abschieds und der Abreise. Der Vorsteher einer
Knabenpension in der Hauptstadt, in dessen Hause Karl Eugen unterkommen
sollte, war gekommen, um ihn abzuholen. Die Mutter lächelte, gab noch einige
gute Winke und Ratschläge, sah nach dem Gepäck und warf prüfende Blicke auf
den Pensionsherrn. Dieser benahm sich sehr gemessen, sehr höflich und sehr
fein. Der Vater hingegen war traurig, seinen Liebling zu verlieren und doch aber
auch stolz, ihn einer glänzenden Laufbahn und Zukunft entgegenschreiten zu
sehen, und die Mischung dieser Gefühle arbeitete in seinen Zügen so heftig, daß
sein Gesicht ganz bläulich anlief und so mitgenommen aussah, als hätte der brave Herr die unverantwortlichsten Ausschweifungen zu bereuen.
„Also, geehrter Herr, seien Sie ohne Sorgen, Ihr Sohn kommt in gute Hände,“
versicherte der fremde höfliche Herr des öftern, wobei Vater Eiselein ihn mit
einem Blicke ansah, als hätte jener ihm seine Teilnahme bei einem Todesfall
ausgesprochen.
Und der Fremde zog höflich den Hut, und ein letzter inbrünstiger Händedruck
machte den Sohn erbeben. Und der Zug hielt an und man stieg ein, und der Zug
pfiff und stank nach Rauch und Öl und lief wieder davon, so schnell, daß er
schon fast außer Sicht gerückt war, als Eiselein sein farbiges Taschentuch
gefunden, herausgezogen und ausgebreitet hatte, um nachzuwinken. Nun
flatterte das stattliche Tuch wie ein Fähnlein in den Lüften und sah mit seinem
goldgelben Grund und weiß und roten Muster so fröhlich und erquicklich aus,
als sei dem Hause Eiselein heute eitel Freude widerfahren. Während sein Knabe
im Wagen nicht ohne peinliche Gefühle der Unterhaltung des Herrn standhielt,
dessen Höflichkeit und Lächeln auf dem verlassenen Bahnhof liegen geblieben
schienen, wandelten die Eltern langsam und in Gedanken, aber in Gedanken
verschiedener Art, in die Stadt und in ihren Spezereiwarenladen zurück.
„Du, der Pensionsherr gefällt mir nicht übel,“ sagte sie.
„Ja, ja, er war ja sehr freundlich. Jawohl,“ sagte er.
Sie schwieg. Im stillen baute sie aber ihre Hoffnungen durchaus nicht auf die
Freundlichkeit jenes Herrn, sondern auf das, was sie von Strenge und
schneidiger Art an ihm bemerkt zu haben glaubte. Und als auch sie nun einen
Seufzer ausstieß, dachte sie dabei vorwiegend an das sündliche Geld, das ihr
Bub nun kosten würde, denn die Pension war nicht billig.
Nach der Abreise des Knaben trat im Hause eine große Ruhe ein und zugleich
ein Stillstand in der begonnenen langsamen Verschiebung der Machtverteilung.
Seit der Indianergeschichte nämlich hatte sich des öftern der Fall wiederholt, daß
Frau Eiselein den Buben männlicher anfaßte als ihr Gemahl und eine Lanze zur
Rettung der elterlichen Autorität einlegte. Dabei war von den bis dahin
unbestrittenen hausherrlichen Machtbefugnissen jedesmal ein Körnlein der
Wagschale ihres Mannes entglitten und auf die ihrige gefallen, so daß das
Zünglein unmerklich, aber sicher nach ihrer Seite hinüberstrebte.
Nach acht Tagen kam der erste Brief aus der Hauptstadt. Er enthielt
vornehmlich eine Aufzählung der schönsten Straßen und Denkmäler, eine etwas
unklare Abhandlung über die Sprache Homers und die Bitte um etwas mehr
Taschengeld, da man so mancherlei Kleinigkeiten in und außer der Schule
brauche.
Die Mutter fand das unnötig, der Vater aber begriff den Wunsch vollkommen
und bestand darauf, daß dem Buben, da er jetzt unter fremden Leuten leben müsse, nicht gleich die erste kleine Bitte abgeschlagen werde. Doch verlangte
dafür die Mutter, daß Karl Eugen ein Büchlein über seine Ausgaben führe und
monatlich darüber Bericht ablege. Sie schrieb ihm das. Der Gymnasiast
antwortete, es sei ihm unmöglich, seine Zeit an eine solche Pfennigklauberei zu
wenden, er sei doch kein Krämer. Die Worte Krämer und Pfennigklauberei
waren unterstrichen.
Da schrieb die Mama kurz und klar ohne Unterstreichungen zurück, unter
diesen Umständen müsse es eben beim alten Betrage bleiben. Es blieb aber nicht
dabei, sondern das Söhnlein führte nun sauber Buch und verfehlte nicht,
rechtzeitig seine Abrechnungen vorzulegen, deren Inhalt freilich zuweilen
Zweifel und Kopfschütteln erregte.
„Mit den Bleistiften und Linealen, die er da wieder gebraucht haben will,
könnte man ein Öfele heizen,“ seufzte die Mutter.
Sie seufzte noch ganz anders, als im nächsten Frühjahr für den Sohn ein neuer
teurer Anzug zu bezahlen war, der das Doppelte von dem kostete, was man zu
Haus dafür hätte aufwenden müssen. Karl Eugen hatte ihn ungefragt machen
lassen und antwortete auf einen entrüsteten Brief der Mutter sehr ruhig, Kleider
seien in unserem nördlichen Klima nun eben einmal etwas Notwendiges und er
könnte nicht nackt und auch nicht wie ein Strolch herumlaufen.
Wie ein Strolch sah er auch gar nicht aus, als er bald darauf in die Osterferien
heimkam. Den eleganten neuen Anzug vervollständigten ein feiner weicher Hut,
ein paar Manschetten und ein steifer Stehkragen. Als die Mama über diese
feinen teuren Sachen schalt und Rechenschaft verlangte, zuckte der Schlingel die
Achseln und machte ein ergebenes Gesicht. „Was will man machen?“ meinte er
bedauernd. „Die Sachen sind ja noch recht einfach. In meiner Pension ist einer,
der zahlt achtzig und neunzig Mark für jeden Anzug.“ Es gelang dem Eleganten
denn auch, wenigstens den Papa so zu berücken, daß nicht weiter davon die
Rede war. Er führte sich zierlich auf, plauderte und erzählte sehr nett und hatte
ordentliche Zeugnisse mitgebracht. Einen großen Teil des Tages dichtete er,
jedoch insgeheim und ohne jemand seine Leistungen zu zeigen. Auf der Straße
grüßte er alle Bekannten mit einer fast herzlichen Höflichkeit und sah Gassen,
Häuser und Leute mit einem freundlich sorglosen Interesse an, ganz wie ein
Fremder, den der Zufall für eine kurze Zeit in das altmodische kleine Nest
geführt hat.
In diese Ostervakanz fiel auch Karl Eugens merkwürdige erste Verliebtheit.
Eines Tages erzählte ihm ein Schulkamerad, es sei bei seiner Schwester ein
sechzehnjähriges Mädchen aus Karlsruhe zu Besuch, „was Feines, sag’ ich dir,
und kolossal schön.“ Von da an trachtete er danach, diese Augenweide selber zu
erleben, und war schon im voraus ganz bereit, sich in sie zu verlieben. Doch hatte er Pech und als die schöne Karlsruherin nach einigen Tagen wieder
abreiste, hatte er sie nicht zu sehen bekommen. Aber sein Verlangen war nun
einmal erwacht, seine Gedanken hingen nun einmal an jener Fremden, verliebt
sein schien ihm ohnehin für einen jungen Dichter löblich und nützlich zu sein,
und so verliebte er sich in die Niegesehene nicht schlechter und nicht weniger
als andere Buben in ihre Mädchen. Die Versmappe schwoll wie ein Alpenbach
im Frühjahr, barst schließlich und mußte durch eine größere ersetzt werden.
Ich sah dich nicht und dennoch kenn’ ich dich,
Ich kenn’ dich nicht und dennoch lieb’ ich dich — usw.
Einige Mal weinte er sogar beim Schreiben. Es war ein Elend. Das fand auch
Herr Eiselein, als einige von den Blättern ihm zufällig in die Hände fielen. Zwei
davon hatte er schon zum Einwickeln von Salami verwendet, beim dritten fiel
ihm die Handschrift auf, er erkannte ex ungue leonem und las die Liebesverse
seines Sohnes mit steigendem Entsetzen, denn Karl Eugen nannte sich darin
einen unseliger Leidenschaft rettungslos Verfallenen, einen tief im Tale des
Elends Wandelnden usw. Die Aussprache war für beide Teile peinlich. Der Vater
mußte bekennen, daß zwei von diesen Gedichten, wenn auch auf eine seltsam
schlichte Weise, den Weg ins Volk gefunden hätten; der Sohn hingegen mußte
sich stellen, als seien die feurigen und mit Tränen benetzten Beweise seiner
Leidenschaft nichts weiter als Stilübungen. Frau Eiselein erfuhr nichts davon.
Als der Dichter den ersten Schrecken überstanden hatte, träumte er hold
verschämt davon, wie es wäre, wenn seine Salamigedichte nun doch ihren Weg
zu irgend einer jungen Schönen und Gnade bei ihr fänden, und wäre in diesem
Falle sehr gerne bereit gewesen, seine Gefühle auf selbige zu übertragen. Da dies
ein Traum blieb, war er froh, als die Ferien zu Ende gingen. Er packte seine
schwere Mappe sorgfältig ein und kehrte etwas stiller, als er gekommen war, in
die Stadt und Schule zurück.
Seine Briefe begannen in dieser Zeit eine großartige und manchmal schwer
verständliche Sprache anzunehmen. Zuzeiten ließen sie auch lange auf sich
warten, bis die Mutter mahnte.
Und wieder kam Karl Eugen in die Ferien. Er war jetzt ausgewachsen, trug
sich sehr elegant und hatte völlig erwachsene Manieren. Unter anderm kam er
gleich am zweiten Tage lächelnd in den Laden herunter, suchte sich mit Umsicht
eine Zigarre aus und zündete sie an. „Ja, seit wann rauchst du denn?“ fragte der
Papa; da war Karl Eugen erstaunt und fast entrüstet, daß man das nicht
selbstverständlich fand. Leicht und zierlich schenkte er sich, während der Vater
mit ihm sprach, einen Magenbitter aus der Flasche und setzte jenen dadurch
vollends so in Erstaunen, daß er verstummte. In seiner Stube lagen die Werke
von Heinrich Heine und ein paar moderne Romane herum, statt der dicken
Versmappe hatte er ein Heftlein mitgebracht mit dem Titel: „Schlamm. Ein
Schauspiel von K. E. Eiselein.“ Auf der nächsten Seite stand ein ellenlanges
Personenverzeichnis.
Die Ferien verliefen still und heiter. Das folgende Schuljahr aber brachte einen
kleinen Sturm. Es kam ein Schreiben des Pensionsherrn — des Inhalts, der
Bursche sei auf schlimmen Wegen, habe sich wiederholt nachts aus dem Hause entfernt, sei kürzlich in einer Kneipe getroffen worden und stehe sogar im
Verdacht, Umgang mit einer Kellnerin zu haben. Und während die
erschrockenen Eltern noch trostlos und ratlos über diese Greuel nachdachten,
kam ein Brieflein vom Sohn selber, liederlich auf einen Fetzen gekritzelt, darin
stand: „Ich brauche bis Mittwoch zwölf Mark 50 Pf. Wenn Ihr mir’s nicht geben
könnt, erschieße ich mich. Karl Eugen.“
Das war also der Schlamm. Doch verlief diese Sache ruhiger, als man gedacht
hätte. Die Mutter reiste in die Hauptstadt, die Kneipschulden des Buben wurden
bezahlt, er selber kam unter strenge Aufsicht, zeigte echte Reue und legte eine
Zeitlang eine musterhafte Bescheidenheit an den Tag. Dann fing er allmählich
wieder an, den Feinen zu spielen und bezeichnete gelegentlich in Gesprächen
und Briefen jene böse Affäre als einen komischen und verzeihlichen
Jugendstreich gleich jener Amerikafahrt.
Je näher der Abschluß der Gymnasialjahre heranrückte, desto häufiger und
deutlicher erinnerte Karl Eugen daran, daß er zum Dichter geboren sei und daher
unmöglich ein Brotstudium ergreifen könne. Geschichte und Philosophie waren
die einzigen Fächer, denen er einen bedingungsweisen Wert zugestehen konnte.
Aber hier zeigte sich zum ersten Male der Vater zäh, und auch nachdem er einige
Gedichte seines Sohnes gelesen hatte, beharrte er fest dabei, daß dieser ein
solides Studium und einen bestimmten Beruf erwähle. Als Karl Eugen sah, daß
er diesmal in einen lecken Kübel schöpfe, machte er eine entgegenkommende
Schwenkung und erklärte sich bereit, Philologie zu studieren unter der
Bedingung, daß er dann in eine Burschenschaft eintreten dürfe. Und obwohl jetzt
die Mutter in den Kampf eingriff und sich mächtig dagegen stemmte, drang er
dennoch durch. Die Eltern aber machten bekümmerte Gesichter. Das Geschäft
rentierte sich neuerdings schlechter als je, seit an jeder Ecke irgend ein neues
Lädchen aufgegangen war, und der Sohn hatte schon als Schüler so stattlich
verbraucht, daß die Eltern sich ziemlich hatten einschränken müssen und mit
Sorgen in die kommenden Zeiten blickten.
Das erste Semester mit Kollegiengeldern, Büchern, Burschenschaft, Reitkurs
und Hauboden wurde denn auch sträflich teuer. Aber stolz und froh waren die
Alten doch, auch die strenge Mutter, als der Student in die ersten Ferien kam,
schön und stark, heiter und ritterlich, mit Schnurrbart und Reitstiefeln. Alle
Mädchen der Stadt wurden unruhig, und die Bürgergesellschaft, zu deren
Kegelabend der Vater ihn mitbrachte, empfing ihn mit Achtung und gratulierte
dem Alten zu seinem stattlichen Burschen. Einige schwere Seufzer konnten ihm
freilich doch nicht erspart werden, auch nicht eine peinliche, zögernd geführte
Unterredung über den starken Geldverbrauch. Ein so kostspieliges Semester
durfte nicht wieder kommen, die Geschäfte gingen schwach und es mußte doch auch für nachher etwas übrig bleiben.
Überhaupt wurde im Verkehr mit den Eltern, mündlich und brieflich, das
leidige Geld mehr und mehr zum Kardinal- und Angelpunkt. Daß Herr Eiselein
sich stark verrechnet hatte, konnte bald jeder Beobachter merken.
Es gibt kaum etwas so peinlich Rührendes, als wenn ein ehrenhafter Bürger,
der bislang zu den Wohlhabenden zählte, allmählich mehr und mehr in ein
armseliges Sparen hineingerät. Er könnte sehr gut einen neuen schwarzen Rock
brauchen, aber der alte muß weiter dienen und wird nach und nach zum Sinnbild
des ganzen rückwärtsgehenden Hauswesens. Er wird immer ein wenig brauner,
ein wenig fettiger, die Schulternähte werden deutlicher und schärfer wie
zunehmende Sorgenfalten, die Ärmel beginnen auszufransen, bis eine
aufgenähte Litze dem Verfall vorläufig Einhalt tut und als erstes Notflickwerk
entstellend in den Baustil des Kleides eingreift.
Ganz so weit war es mit Eiselein noch nicht, aber die Vorzeichen häuften sich.
Für seinen Stand und sein Städtchen war er wohlhabend gewesen, der Laden
hätte auch noch ein paar Kinder bequemlich mit ernährt, aber der in immer
fremdere und großartigere Verhältnisse hineinwachsende Sohn fraß alles auf. Es
blieb nicht aus, daß er das stets häufiger zu hören bekam und daß das Verhältnis
zwischen Sohn und Eltern allmählich in einen vorsichtigen, zähen, fast
erbitterten Krieg ums Geld ausartete.
Unterdessen folgte dem ersten Semester das zweite, dazwischen Ferien voll
unbehaglich schwüler Stimmung, und das Geldausgeben nahm eher zu statt ab.
Im dritten Semester meldete aber der Sohn plötzlich, er sei aus der
Burschenschaft ausgetreten, deren geistloses Leben ihn seinen literarischen
Studien zu sehr entzogen und entfremdet habe. Die Reitkurse, Dedikationen,
Ausflüge, Mützen und Bänder und dergleichen verschwanden vom Budget und
machten starken Buchhändlerrechnungen Platz. Und eines Tages kam unter
Kreuzband die neueste Nummer einer merkwürdigen Zeitschrift und enthielt ein
langes Gedicht von Karl Eugen. Das Blatt hieß „Der Abgrund“, erschien
zweimal im Monat, kostete jährlich zwanzig Mark und hatte sich die Aufgabe
gestellt, bedeutenden jungen Talenten der neuesten literarischen Richtung den
Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen. Herr Eiselein verstand weder das Gedicht
seines Sohnes, noch die anderen Beiträge, freute sich aber doch dieses ersten
Erfolges und nahm an, daß eine so vornehme, fettgedruckte und teure Zeitschrift
jedenfalls ihre Mitarbeiter auch ordentlich bezahlen werde. Er schrieb in diesem
Sinne an den Studenten, bekam aber keine Antwort.
Als dieser wieder einmal für ein paar Wochen heimkehrte, hatte er sich
erheblich verändert. Die Eleganz der Kleidung war verschwunden und statt ihrer
trat eine zwischen stromerhaft und künstlermäßig schwankende geniale Nachlässigkeit zutage. Ein paar große Flecken auf den Rockärmeln schienen ihn
gar nicht zu stören, nur auf die Farben und Schlingung seiner großen
selbstgeknüpften Flatterschlipse legte er noch Wert. Sein Hut war schwarz und
weich und hatte Ränder von mehr als italienischer Breite. Statt der Zigarren
rauchte er jetzt grobe, kurze Pfeifchen aus Holz oder Ton. Sein Benehmen war
ironisch schlicht. Da auch seine Rechnungen diesmal etwas schlichter waren,
fanden die Eltern keinen Grund, diese Veränderung zu tadeln, sondern hofften
nun einen bescheidenen und fleißigen Kandidaten aus ihm werden zu sehen. Er
hütete sich auch, diese Träume zu stören oder gar zu erzählen, welche Wege die
unter dem Titel von Kollegiengeldern bezogenen Summen gegangen waren.
Wenn etwa einmal von Examen und dergleichen Dingen die Rede war,
schmückte ein ernstes, schwermütiges Lächeln seine Lippen, welche jetzt ein
ungepflegter Stoppelbart umrahmte. Alle vierzehn Tage aber brachte die Post
den „Abgrund“, und mehrmals enthielt er Gedichte des Studenten. Es war
merkwürdig — der junge Mann schien durchaus gesund, verständig und harmlos
zu sein, diese Gedichte aber waren zumeist krank, unverständlich und
todeselend, als wäre es wirklich ein Abgrund, der ihn verschlungen hätte. Die
andern waren nicht besser, alles klang wie ein spukhaft idiotisches Gewinsel,
dessen Sinn nur besonderen Eingeweihten zugänglich war. Es tönte darin von
Tempeln, Einsamkeiten, wüsten Meeren, Zypressenhainen, welche stets von
einem zagen Jüngling unter schweren Seufzern besucht wurden. Man begriff
wohl, daß es symbolisch gemeint war, aber damit war wenig gewonnen.
In der Universitätsstadt verbrachte Karl Eugen die Abende, die ihm das
Dichten übrig ließ, meist in derselben kleinen Kneipe in der Nähe der
Reitschule, wo bei Wein und Knobelbecher einige fallit gegangene Studentchen
ihre Jugend vertrauerten. Es waren lauter geniale Kerle, Leute, die einen ganzen
Hörsaal voll Streber aufwogen, die auf Gott und die Welt flöteten und dem
Leben seine paar Geheimnisse längst abgezwungen hatten. Eben darum taten sie
auch nichts mehr als dasitzen, trinken und knobeln, die Partie um zehn Pfennig.
Der Dichter stand im fünften Semester. Da kam einstmals ein schwüler Tag —
Widersacher, Weiber, Schulden —, die Widersacher aber waren die Professoren,
denen Karl Eugens längeres Verweilen an der hohen Schule weder notwendig
noch erwünscht erschien. Und der Abgründige setzte sich hin und schrieb an
Herrn Georg Eiselein, Kolonialwarenhändler in Gerbersau, einen Brief:
„Lieber Vater!
Dieser Tage — ich bin schon am Packen — komme ich zu Euch nach Hause
und denke längere Zeit zu bleiben. Es ist Zeit für mich, an ein ernstes Schaffen
zu gehen, dazu kommt man hier ja nie. Bitte räumt mir meine Ferienstube ein. Führst du den feineren holländischen Tabak eigentlich noch im Laden, oder muß
ich von hier mitbringen? Alles weitere mündlich. Dein Sohn K. E.“
Noch nie war ein so sanfter Brief von ihm gekommen, so entschlossen, still und
männlich. Der Vater war hoch erfreut, bestellte eine Sendung von dem Tabak,
den er nicht mehr hatte führen wollen, und bat Frau Eiselein, die Stube für den
Heimkehrenden bereit zu machen. Es wurde gescheuert, gekratzt, gerückt und
geklopft, der Lehnstuhl neu überzogen, die Fenster gewaschen und mit frischen
Vorhängen versehen. Man konnte sich das jetzt leisten — ein wohlig tiefes
Aufatmen ging durch das gedrückte Hauswesen, da seine Kräfte aufhören
sollten, für den Entfernten zu verbluten.
Es kam ein Koffer mit Kleidern und zwei schwere Bücherkisten, und am
nächsten Tage kam der Sohn selber. Der Alte war ganz gerührt, ihn zu sehen, wie
still und ernst er geworden war. Dankbar bezog jener die behagliche Stube,
stellte Bücher auf und hängte Pfeifen und Bilder an die Wände, darunter das
Porträt eines Dichters, dessen Werke für die Jünger des „Abgrundes“ eine Art
Bibel waren. Es war ein Brustbild in modernster Schwarzweißmanier, sichtlich
gewaltig übertrieben, und stellte einen jungen Mann mit bösartigen Augen,
sorgenvoller Stirne und ungemein hochmütigem Munde vor, Kragen und Binde
von der allermodischsten Fasson. Im Hintergrunde war man erstaunt die
Abbildung eines berühmten Reiterstandbildes aus der schönen wilden
Kondottierizeit zu erblicken, dessen kühle Kühnheit den vorne abgebildeten
Nervenkünstler zu verhöhnen schien. Die umfangreiche Büchersammlung
enthielt einige Griechen und Lateiner, ein paar Grammatiken und Wörterbücher
aus der Schulzeit her, Zellers Geschichte der griechischen Philosophie und zwei
Bände aus dem Handbuch für klassische Philologie, alles andere war „schöne
Literatur“. Hier sah man die Werke junger Autoren, die aber schon viel
geschrieben hatten, in Umschlägen von dämonisch lodernder Farbe, mit
geheimnisvollen Linearkünsten von ebenso jungen und fleißigen Malern
bedeckt, und wer die Sprache dieser Farben und Linien nicht verstand, der
konnte aus den Titeln auf die Fülle und Tiefe des Inhaltes schließen. Das All.
Eine Trilogie — Violette Nächte — Mysterien der Seele — Die vierzehn
geheimen Tröstungen der Schönheit. Das waren einige davon. Die meisten
waren mit Widmungen des einen Dichters an den andern versehen, eines aber
war der Schlange Zarathustras und ein anderes dem sechsten Erdteil gewidmet.
Die paar gewöhnlichen Schweinereien „aus der Demimonde“ und dergleichen,
die sich irgendwie in diese stolzen Kreise verirrt hatten und deren Umschläge
minder schön, aber viel deutlicher als die der anderen waren, krochen schmal
und schamhaft zusammen. Ein teilweise aufgeschnittener Dante lehnte sich an einen ganz aufgeschnittenen deutschen Boccaccio. Ein paar Bände des Zürchers
Meyer erweckten im Beschauer den Verdacht, es möchten sich von den
verstorbenen biederen und schlichten Poeten der vormodernen Epoche noch
mehrere vorfinden. Dies erwies sich jedoch als unbegründet.
Es war Hochsommer und Karl Eugen ging manchmal, mit einem Buch in der
Tasche, in den Tannenwald hinaus, um dort im Schatten zu lesen. Der Wald
selber interessierte ihn nicht. Die Freude an der rohen Natur, die von jeher nicht
sehr stark in ihm gewesen war, hatte ihm jener Kondottiere-Dichter vollends
abgewöhnt und in der feinen Schule des Engländers Oskar Wilde hatte er
gelernt, daß die Natur stets nur das Mittelmäßige zu schaffen vermag, im
Gegensatze zur Kunst, deren neidische Feindin sie ist. Zu Hause hielt er sich
stets beiseite in seinem Zimmer; die Umgebung dort, namentlich der Laden mit
seinen Geräuschen und Gerüchen, war allzu stillos und vulgär. Er saß da,
rauchte, schrieb und las in jenen Büchern mit den sonderbaren Titeln und
Umschlägen. Mit Vorliebe las er die beiden Bücher von Oskar Wilde, die er
besaß. Sie waren übersetzt; englisch konnte er nicht. Das eine davon hatte er
noch als Burschenschafter kennen gelernt und gekauft, und einst hatte es bittere
Händel mit einem Bundesbruder gegeben, der das Buch verrückt fand und den
Verfasser eine Zeitlang den „wilden Oskar“ nannte. Es war nicht zu sagen, wie
viel er diesem Engländer verdankte.
Es mochte von dieser Lektüre herrühren, daß seine eigene Arbeit nicht recht
gedeihen wollte. Er hatte die Absicht, ein ausbündig tiefes und feines Buch zu
schreiben in einer Art lyrischer Prosa, deren Vorbilder die Lieder im Zarathustra
waren. Aber die beständige Beschäftigung mit so raffinierten Büchern machte
ihn immer wieder unfähig, sie raubte ihm Zeit und Kräfte und machte ihn
manchmal ganz mutlos, da es ihm vorkam, das Auserlesenste und Feinste sei
alles längst von anderen gesagt. Es fehlte ihm nicht an Gedanken, aber den einen
hatte Nietzsche, den andern Dehmel, den dritten Maeterlinck schon
ausgesprochen. Und auch seine Stimmungen, seine Leiden, seine Sehnsucht —
alles stand schon da und dort in schönen Büchern, gesungen, geseufzt oder
gestammelt. Und wenn er sich selber ironisch betrachten wollte, worauf er gut
eingeübt war, so kam wieder ein Bild heraus, das auch schon — sei es von
Verlaine, sei es von Bierbaum oder einem andern — wiederholt und gut
gezeichnet längst vorhanden war. Vielleicht hätte er daraus den Schluß ziehen
sollen, daß er eben nichts Neues zu sagen wisse und darum besser tue, das Papier
zu sparen und sich auf anderes zu verlegen.
Aber das hatte allerdings einen Haken. Von einer Rückkehr zum Brotstudium
konnte wohl nicht die Rede sein, weil keinerlei Anfang da war. Er hatte nie zu
studieren begonnen. Und es fror ihn, wenn er an den unentrinnbaren Tag dachte, an dem diese schmerzliche Wahrheit aufhören würde sein Geheimnis zu sein.
Bisher hatte er immer gehofft, eines Tages plötzlich mit „seinem Werk“
hervorzutreten und dadurch die verbummelten Jahre zu rechtfertigen. Er hoffte
es auch jetzt noch, aber mit weniger Zuversicht. Zwar druckte „Der Abgrund“
immer wieder Gedichte von ihm ab, aber er zahlte nichts dafür und die
Bedingung, daß nur von Abonnenten unter Einsendung der
Abonnementsquittung Beiträge aufgenommen wurden, kam ihm neuestens nicht
mehr so harmlos vor wie im Anfang. Andere Zeitschriften, an die er sich wandte,
gaben keine Antwort oder schickten ihm seine Verse eiligst zurück, manchmal
sogar mit höhnischen Glossen.
Wenn er hätte schreiben wollen wie diese altmodischen Romanfabrikanten
und derartige Leute, dachte er, würde der Erfolg nicht ausbleiben! Aber wer nur
das Eigenste, Innerste, Persönlichste darbot, wer seinen Stolz in die Prägung
neuer Formen, in die Pflege einer priesterlich reinen, feiertäglichen Sprache
setzte, mußte natürlich zum Märtyrer des Ideals werden. Nein, wenn auch nie
Erfolg und Ruhm ihn belohnte, er würde doch niemals von etwas anderem reden
und singen als von den erlesenen tiefen Stimmungen und Visionen seiner
innerlichsten Stunden.
Eines Tages tauchte eine neue Hoffnung in ihm auf. Er schrieb Briefe an die
beiden Dichter, die er am meisten verehrte. Darin schilderte er, wie ihre Werke
ihm Offenbarungen gewesen seien, drückte seine kniefällige Verehrung aus und
schloß mit der Bitte um Rat in seinen Dichternöten, fügte auch eine „Abgrund“-
Nummer und einige Gedichte bei.
Und siehe, beide Größen antworteten. Der eine schrieb im feierlichsten Stil,
die Kunst sei allerdings ein Martyrium, es sei aber Ehre, die schwere Last tragen
zu dürfen, und was heute keine Anerkennung finde, werde vielleicht in einer
späteren Epoche erkannt und zum gebührenden Ruhm erhoben werden. Er
ermahnte den Jünger, treu zu bleiben und niemals das alte ars longa, vita brevis
zu vergessen.
Der zweite Dichter schrieb einen ganz gewöhnlichen Briefstil. Er danke schön
für die herrlichen Worte und sende die hübschen Verse anbei zurück; übrigens
scheine Herr Eiselein, wenn er nicht irre, in der angenehmen Lage eines
Privatmannes zu sein, der zu seinem Vergnügen dichte und das Elend derer nicht
kenne, die davon leben müssen. In diesem Falle möchte er Herrn Eiselein,
dessen Brief und Gedichte einen so feinsinnigen Kunstfreund verraten, um ein
Darlehen von zweihundert Mark ersuchen, da er zurzeit sehr in der Klemme sei.
Man könne sich das Leben eines Dichters nicht traurig genug vorstellen; von
dem von Herrn Eiselein so enthusiastisch verehrten Buche „Das All, eine
Trilogie“ zum Beispiel habe er in den drei Jahren seit seinem Erscheinen an Tantiemen den baren Betrag von 24 Mark 75 Pfg. eingenommen, und wenn er
nicht nebenher die Sportsberichte für ein Tageblatt besorgen würde, wäre er
längst verhungert.
Der enttäuschte Karl Eugen legte beide Briefe zu unterst in die Schublade. Oft
hatte er schon früher darüber mitgeschimpft, daß das deutsche Volk seine
Dichter darben lasse, doch blickte er in diesen Jammer jetzt zum ersten Mal so
nah und klar hinein. Er hatte in seinem Leben noch wenig anderes getan, als
Gedichte gemacht — woher hätte er wissen sollen, daß die meisten Leute, auch
wenn sie wirklich Bücher lasen, Wichtigeres kannten und lesen wollten als die
Träume und schwankenden Stimmungen von ein paar Schwärmern? Freilich, er
glaubte das Leben zu kennen; er wußte nicht, daß er abseits desselben in einer
unfruchtbaren Wüste lebe und daß drüben, im wirklichen Leben, jeder Tag
Wunder gebar, neben denen die raffiniertesten Symbolistenkünste harmlos und
farblos waren.
Ohne daß er viel tat außer Lesen, flossen die Tage weg. Der Sommer wurde
braun und neigte zur Welke, Septemberregen wuschen den Staub vom Grünen,
es gab schon farbige Blätter, kühle Nächte und neblige Morgenfrühen. Und mit
dem fallenden Laube des großen Ahorns wehte ein Brief zur Türe des Ladens
herein, lag mit der übrigen Post auf der Tischecke, ward von Herrn Eiselein mit
ins Kontor hinein genommen, gelesen, wieder gelesen, mit einem
hoffnungslosen Seufzer weggelegt und schließlich vom Herrn selber zur Mama
hinaufgebracht. Der Brief kam von einem Kaufmann in der Universitätsstadt und
brachte die Enthüllung, daß Karl Eugen daselbst noch viele Schulden habe, von
denen der Vater keine Ahnung gehabt hatte.
Der Sohn war morgens im Laden gewesen, um seinen Tabaksbeutel zu füllen.
Er hatte den Brief dort liegen sehen und erkannt, und war stark in Versuchung
gekommen, ihn wegzunehmen. Aber schließlich mußte es doch einmal an den
Tag kommen und da hatte es ihm besser geschienen, den Zusammenbruch jetzt
zu erleben, als noch länger die Angst in sich herumzutragen. Seither saß er in
seiner Stube, von Augenblick zu Augenblick das Eintreten der Eltern erwartend
und fürchtend, und jede Minute kam ihm so lang wie ein Wintersemester vor. In
dieser Stunde fühlte, erlebte und litt er mehr, als in allen seinen Gedichten stand,
und seine freie, heitere Künstlermoral schmolz zu einem wehmütigen und
gequälten Trotz zusammen. Es kam aber niemand. Es wurde Zeit zum
Mittagessen und nach einigem Zögern faßte er Mut und ging ins Eßzimmer
hinüber. Dort fand er nur seinen Vater, der schon an der Suppe saß und nicht
aufschaute. Die Suppe wurde abgetragen, das Rindfleisch und das Gemüse
wurde gebracht und schweigend verzehrt, und Karl Eugen verging fast vor Angst
und Spannung.
„Wo ist denn die Mutter?“ fragte er schließlich beklommen.
„Verreist.“
„Wohin denn?“
„Wirst’s dann schon hören.“
Er fragte nicht weiter. Aber er sah im Geist seine kleine, schneidige Mutter
durch die Gassen der Universitätsstadt laufen und seine Versäumnisse,
Schandtaten und Schulden aufspüren, eins ums andere. Sie ging in seine
ehemalige Wohnung, sie ging zu den Kaufleuten und Gastwirten, zum
Buchhändler und zum Juden Werzburger, und ach, sie ging auch zu den
Professoren, deren Ausspruch sein Schicksal vollends besiegelte und ihm den
Hals abdrehte.
Der arme Versmacher wußte nun, welche Stunde es geschlagen habe. Wenn
wenigstens der Vater hingereist wäre! Aber die Mutter! Sie würde nichts
vergessen, ihr würde nichts verborgen bleiben, sogar über die vergessenen und
vergebenen ersten Semester würden ihr blutrote Lichter aufgehen.
Vier stille, scheue, bange Tage vergingen, voll Mißtrauen und Zweifel für den
Vater und voll Spannung und Qual für den Jungen. Sie sprachen nicht
miteinander, obwohl beide den Wunsch dazu in sich trugen. Der Sohn mochte
nichts sagen, ehe er wußte, wie viele seiner Sünden entdeckt seien. Der Vater
war zum ersten Mal unversöhnlich und tief empört, da er auf die scheinbare
Besserung Karl Eugens, die sich nun als Komödienspiel erwies, heimlich schon
wieder herrliche Hoffnungen gebaut hatte.
Am fünften Tage kam Frau Eiselein zurück und jede verschwiegene kleine
Hoffnung, die der Alte und der Junge etwa noch genährt hatten, sank in Staub
und Trümmer. Sie wußte nicht nur genau, wie viel Schulden ihr Sohn noch hatte,
sie wußte auch alles andere. Daß es mit dem Studium aus und vorbei und das
Geld für all die Semester weggeworfen und verloren war. Daß der Studiosus aus
der Burschenschaft nicht ausgetreten, sondern gewimmelt worden war. Daß er
sein Zimmer mit einer japanischen Tapete und unzüchtigen Bildwerken
geschmückt, daß er Verhältnisse mit schlimmen Weibern gehabt und für eine
vom Theater eine Brosche gekauft hatte. Und vieles andere von dieser Art.
Nachdem sie vor dem betretenen Sünder und dem gebrochenen Vater alles
sachlich und geläufig berichtet und hergezählt hatte, setzte sich die Mutter auf
einen Stuhl, blickte ihren Sohn durch und durch und sagte: „So, was sagst du
dazu? Ist’s wahr oder nicht?“
„Es ist wahr,“ bestätigte er leise.
„Bist du ein Lump oder nicht?“
„Mama —“
„Ja oder nein!“
„Ja,“ flüsterte er und wurde fuchsrot.
„Jetzt kannst du mit ihm reden, Schorsch,“ sagte sie zum Papa, dessen
Entrüstung nun verzweifelt losbrach. Alle Kraftworte, die er früher an dem
Buben gespart hatte, stürzten nun verspätet und hitzig hervor, so daß der
Malefikant seinen Vater kaum mehr kannte, während zu seinem Erstaunen die
Mutter ruhig sitzen blieb und mit merkwürdigem Mienenspiel das Losheulen,
Wüten und Verrollen des großen Donnerwetters beobachtete.
„Du kannst uns jetzt allein lassen,“ sagte sie ruhig zu Karl Eugen, als der
Vater verstummte, in seinen Sessel sank und mit dem Ersticken rang. Wieder
hatte sich das Zünglein der Wage bewegt und von diesem Tage an hatte die
kluge, entschlossene Frau den Schwerpunkt der häuslichen Macht auf ihre Seite
gebracht. Es wurden keine Worte darüber verloren, aber Eiselein senior tat nun
vollends gar nichts mehr, ohne sie vorher mit stummer Frage anzublicken, und
der junior witterte und begriff, daß er von nun an seinen Wandel allein vor den
Augen der Mutter zu führen und zu rechtfertigen haben werde. Darum fügte er
sich ihr schweigend und wartete lautlos, bis die Reihe an ihn käme, mit ihr zu
reden.
Das geschah denn auch bald und gründlich. Er bekam nichts geschenkt, vom
Indianerzug bis zur japanischen Tapete fand er seine Vergehen und Laster treu
gezählt und gebucht, und die Abrechnung schloß für ihn mit einem bodenlosen
Minus. Zugleich hielt die Mutter es jetzt für angezeigt, ihm die verschlimmerte
Lage des väterlichen Handels und Vermögens zu eröffnen, versteht sich nicht
ohne nachdrücklich darauf hinzuweisen, wie erheblich er, der Sohn, an diesem
Rückgange mitschuldig war.
„So stehen die Sachen,“ schloß sie endlich, „und an deinen Schulden haben
wir mindestens noch vier, fünf Jahre zu büßen. Was soll jetzt mit dir werden?“
Karl Eugen hatte mehrmals Miene gemacht, die lebhafte, aber sachliche
Darlegung seiner Mutter zu unterbrechen, war aber streng zur Ruhe verwiesen
worden. Nun saß er da, geschlagen und vernichtet, und sollte Antwort geben.
Mit finsterer Miene erhob er sich, rückte den Stuhl und sagte: „Ich weiß nichts
zu sagen, du würdest mich doch nicht verstehen. Es ist besser, ich gehe jetzt fort;
wenn ich mein Ziel erreiche, höret ihr wieder von mir, im andern Falle bin ich
nicht der erste, der so zugrunde gegangen ist.“
Und schon näherte er sich der Türe, fast stolz auf sein Elend und auf den
tragischen Ton, in dem er seine Worte vorgebracht hatte. Aber die Mutter rief ihn
zurück.
„Du bleibst gefälligst sitzen,“ sagte sie, „bis ich fertig bin.“
Er nahm leise wieder Platz. Sie lachte vor sich hin.
„Soll denn die Theaterspielerei gar nicht aufhören, dummer Bub? Wo willst du denn hin? Hast du denn Geld? Du bist gar nicht der Mann, mir was
vorzuspielen, und für das Verzweifelttun geb’ ich dir keinen Kreuzer. Oder willst
du dir etwa das Leben nehmen? O du! Tust’s ja doch nicht, ich kenn’ dich schon.
Nun, du bist nun einmal leider Gottes unser Bub und wir müssen sehen, daß
noch was aus dir wird. Fortgereist wird jetzt nimmer, also mach’ keine Komödie
und sag’, was du zu sagen hast. Ob ich’s dann versteh’ oder nicht versteh’, ist
meine Sache. Warum soll ich dich durchaus nicht verstehen? Du hast doch
meiner Seel’ nicht so viel studiert. Also los!“
Im Herzen war der Jüngling froh, daß sie ihn nicht hatte laufen lassen, und
trotz der Beschämung begann er ein wenig Vertrauen zu ihr zu fassen. Er hustete
also ein bißchen, seufzte und schnitt die vorbereitenden Grimassen, und dann
begann er zu erzählen und zu erklären, daß er von jeher ein Dichter habe werden
wollen. Er habe, man möge es glauben oder nicht, genug Studien gemacht und
viel gelernt, und er sei jetzt auf dem Sprung, sein erstes Werk zu schaffen. Wenn
er jetzt davon ablassen müsse, so wäre all die schöne Zeit doppelt verloren;
vielleicht glücke es ihm damit und dann sei alles wettgemacht. Er begann von
Schriftstellern zu erzählen, die Landhäuser besitzen und erster Klasse reisen; von
den Briefen der beiden Symbolisten sagte er nichts. Sie unterbrach ihn und
meinte, er könne schon zufrieden sein, wenn es hinreiche, seine Schulden zu
zahlen. Bis wann er denn sein Werk fertig machen wolle, wenn es in all den
Semestern nicht fertig geworden sei? Da wurde er wieder lebhaft und erklärte
ihr, welche Reife so etwas erfordere. „Reife!“ lächelte sie. Jetzt aber sei er so
weit; wenn er nur noch diesen Winter zur Arbeit frei habe, würde er fertig.
„Ich will noch drüber schlafen,“ sagte sie, „es kommt jetzt vollends auf einen
Tag nimmer an. Wir reden morgen weiter. Daß du Tabak und Schnaps nach
Belieben aus dem Laden holst, muß aber schon heut ein Ende haben, denk’
dran!“
Als der junge Mensch in seiner Stube saß und die Sache überdachte, kam er
sich zwar erbärmlich klein und gedemütigt vor und schämte sich fast vor den
stolzen Büchertiteln an der Wand; aber froh war er doch, die Angst vom Halse
und wieder Boden unter seinen Füßen zu haben. Er zog das dicke Heft hervor, in
welchem die paar ersten Zeilen seiner großen Dichtung standen. „Das Tal der
bleichen Seelen“ stand auf dem Umschlag, und der Titel schien ihm gut, ein
kleines Meisterwerkchen. Er war eine Offenbarung und ihm vor einem
Vierteljahr auf dem Heimweg von einer einsamen Kneiperei eingefallen, und
seither glaubte er an sein Werk und hatte ein Gefühl, als sei das Schwerste,
Entscheidende daran schon getan. Auch die Widmung war schon fertig. Sie war
an jenen Dichter, der ihm den Märtyrerbrief geschrieben hatte, gerichtet, kurz
und schön, in feiner Mischung von Stolz und Demut, das ehrerbietige Sichneigen vor dem auserwählten Geiste ausdrückend.
Herr Eiselein hatte noch am selben Abend eine zweite Unterredung mit seiner
Frau. Er wußte durchaus keinen Rat, stöhnte und fluchte abwechselnd und wurde
desto elender, je lebhafter die Frau ihn um Vorschläge drängte.
„Du weißt also nichts?“ sagte sie dann am Ende freundlich.
Wütend sprang er auf und lief in der Stube hin und her wie ein Eingesperrter.
„Nach Amerika schick ich ihn, den Gutedel!“ schrie er zornig.
„Damit er vollends ein Lump wird? Und meinst du, die Reise kostet nichts?
Nein, er soll schön dableiben, bis er seine Streiche abverdienen kann. Man hat
schon Schlimmere wieder zuwege gebracht.“
„Ja, aber wie denn?“
„Wenn dir’s recht ist, will ich sehen, was zu machen ist. Geduld wird’s schon
brauchen. Überlaß ihn nur mir!“
Dabei blieb es, denn der Hausherr wehrte sich nicht. Er fühlte, ohne daß sie
etwas weiteres sagte, den Sinn dieses Abkommens wohl heraus. „Du hast ihn
verlottern lassen,“ meinte sie, „ich will ihn wieder kurieren, du aber laß die
Finger davon.“
Folgenden Tages rief sie den bange harrenden Sohn zu sich und gab ihm ihre
Entschlüsse kund.
„Ich habe mit Papa über dich beraten,“ sagte sie. „An deine Dichterei hab ich
keinen rechten Glauben. Damit du aber nicht sagen kannst, wir hätten dich mit
Gewalt von deinem Glück abgehalten, sollst du deinen Willen noch einmal
haben, aber zum letzten Mal. Du kannst also diesen Winter dichten so viel du
willst. Wir sind jetzt im Oktober, da kannst du bis zum Frühjahr schon was
hinter dich bringen. Aber wenn es dann nichts damit ist, hat das Bummeln ein
Ende und du mußt dann endlich daran glauben und eine solide Arbeit anfangen.
Ist’s dir so recht?“
Es war ihm recht und er ließ es nicht an Dankesworten fehlen. Das Herz
schlug ihm vor Lust, daß er nun nicht mehr heimlich, sondern erlaubter- und
anerkannterweise das Leben eines Dichters führen sollte. Der Druck der Angst
und des bösen Gewissens war von ihm genommen, er atmete wieder legitime
Lebensluft, nachdem er so lang auf dem dünnen Glasboden einer rechtlosen
Scheinexistenz gewandelt war. Nun hoffte er einen neuen Aufschwung und
freute sich darauf, tüchtig zu arbeiten. Denn von Arbeiten redet ja niemand
lieber als Dichter, Künstler und dergleichen Müßiggänger. Freudig stieg er die
schmale Stiege zu seiner Stube hinauf, warf sich aufatmend in den Lehnsessel,
steckte eine Pfeife an und griff nach den „Violetten Nächten“, einem seiner
Lieblingsbücher, in dessen dunkle, reimlose Verse er sich mit Wollust vertiefte.
Das Tal der bleichen Seelen war einstweilen immer noch ein dickes Quartheft mit weißen Blättern. Der Dichter hütete sich wohl, diese harrende
unbeschriebene Fläche zu entweihen. Auf ihr sollte nur etwas Kostbares,
Delikates Platz finden, Züge bleicher Seelen sollten über sie hinweg schauern
wie Herbstwolken, zart und düster, abwechselnd mit tieftönigen, farbig
lodernden Träumen im Stile des Gabriele d’Annunzio, der seit einiger Zeit für
Karl Eugen die Rolle des Vermittlers romanischer Kultur spielte. Selber hatte er
nie das Glück gehabt, Italien oder italienische Kunstwerke zu sehen, doch hatte
die Lektüre dieses Italieners ihn so erzogen, daß er mühelos Vergleiche und
Bilder anwenden konnte wie „vornehm gleich den Gesten einer Madonna des
Karlo Crivelli“ oder „kühn wie eine Form des göttlichen Benvenuto Cellini“
oder „ein Lächeln von lionardesker Lieblichkeit“. So häufte er spielend die
Schönheiten alter und fremder Kulturen; er gab seinem Stil bald die Glut des
d’Annunzio, bald die welke Reife von Huysmans, bald die träumerische
Märchenfarbe Maeterlincks oder die weiche Süßigkeit Hofmannsthals. Noch ein
wenig Zeit, ein wenig Reife, und es mußte daraus etwas berückend Köstliches
entstehen.
Er wartete ab, las in seinen Büchern, liebkoste das leere Papier und setzte sich
in Bereitschaft, die bleichen Seelen würdig und feierlich durch symbolische
Traumländer zu geleiten. Sie sollten von allem reden, was schön und fern und
seltsam ist, und an alles erinnern, was in einsamen Nächten die schauernde Seele
eines Ästheten berührt und entzückt und traurig gemacht hat. Von den Wänden
schauten erwartungsvoll und segnend die Bücherreihen, die Tabakspfeifen und
das Bildnis des Dichters mit dem Kondottiere herab. Zuweilen schien es ihm, als
seien dies alles Dinge, welche überwunden oder doch überboten werden
könnten. Dann strich er sich leise mit der Rechten übers Haar, blickte sinnend
und lächelnd vor sich nieder und träumte von den wunderbaren, reichen,
schöpferischen Stunden, in denen er im Sinnbilde der bleichen Seelen alles
Wunderbare und Unerhörte aus dem Reich der Schönheit erfassen und in adlige
Formen schöpfen würde.
Nach einer solchen Stunde war es ihm immer doppelt peinlich, wenn er im
Laden, wo er sich mit irgend einer Stärkung versehen wollte, dem strafenden
Blick des Vaters oder gar der Mutter begegnete und unverrichteter Dinge wieder
abziehen oder ein paar Zigarren und dergleichen durch lange, demütige Bitten
und Reden erkämpfen mußte. Doch wußte er sich in diese Mißlichkeiten fast
immer mit Ergebung und freundlicher Ruhe zu finden oder für die Stillung
seiner Bedürfnisse unbewachte Minuten zu benützen.
Der November brachte noch eine Reihe von sonnig blauen Tagen und am
Rande der Tannenwälder leuchtete noch immer rot und gelbes Laubgebüsch. Um
diese Zeit begann der „Abgrund“ seine Leser zur schleunigen Erneuerung ihres Abonnements aufzufordern, was eine Zwiesprache zwischen Mutter und Sohn
zur Folge hatte, worin er den kürzeren zog, so daß er sich darein schicken mußte,
die Tröstung, sich je und je gedruckt zu sehen, künftig zu entbehren.
Dann kam ein tagelanger schwerer Regen, und eines Morgens lag auf den
völlig entblätterten Büschen im Garten der erste leichte Reif.
Kaum hatte den der Dichter erblickt, so stieg er in den Keller und holte sich
ein Becken voll Kohlen und einen Arm voll Holz herauf. Das wiederholte er am
Nachmittag und acht Tage lang täglich zweimal, bis an einem Abend, während
es im Ofen knallte und krachte, Frau Eiselein in die Stube trat.
„Du bist wohl verrückt,“ sagte sie und deutete auf den glühenden Ofen. „So
heizen kann man zur Not bei zehn Grad Frost. Das ist auch so eine
Studentenmode. Du weißt wahrscheinlich nicht, was die Kohlen kosten?
Drunten müssen wir jeden Pfennig sauer verdienen und du verbrennst das Zeug
da gleich zentnerweise.“
Karl Eugen war aufgestanden und blickte scheu herüber.
„Ungesund ist die übertriebene Heizerei auch noch,“ fuhr sie fort. „Frieren
sollst du nicht, aber auch nicht das Dreifache verbrennen wie andere Leute.
Künftig findest du jeden Morgen ein Becken voll Kohlen und das nötige Holz
dazu parat gemacht. Damit kommst du aus, wenn du Vernunft hast. Das
Selberholen muß aber aufhören.“
Des Sohnes Vorstellungen waren erfolglos und er blieb schmollend in seiner
Stube. Vierzehn Tage lang behalf er sich mit dem zugemessenen Vorrat; da er
aber die Gewohnheit hatte, zu überheizen und weit in die Nacht hinein lesend
aufzubleiben, reichte er bald damit nimmer aus. Morgens einmal, als er noch das
ganze Haus schlafend glaubte, stand er fröstelnd auf und schlich in den Keller,
fand aber zu seinem nicht geringen Ärger und Schrecken den Kohlenverschlag
wohlverschlossen. Noch größer war seine Verlegenheit, als er beim
Hinaufsteigen in der Türe die Mutter stehen sah, die ihm guten Morgen
wünschte.
„Machst dir ein bißchen Bewegung?“ rief sie lächelnd. „Ja, ja, Frühaufstehen
ist gesund.“
„Du, Mutter,“ sagte er flehend, „mit dem bißchen komm’ ich nicht aus. Leg’
ein paar Schaufeln zu!“
„Tut mir leid,“ war die Antwort, „tut mir leid, junger Herr. Wer nichts
verdient, muß wenigstens sparen können. Wenn du aber durchaus mehr brauchst,
so weißt du ja den Weg in den Wald, wo du als Bub schon oft genug
Tannenzapfen aufgelesen hast. Wenn du jeden Morgen so zeitig aufstehst wie
heute und statt in den Keller in den Wald gehst, kannst du leicht einen Korb voll
oder zwei zusammenbringen. Arme Leute heizen mit nichts anderem.“
Am nächsten Morgen blieb er zum Trotz recht lang im Bett liegen. Am
übernächsten stand er in der Frühe leise auf, nahm einen Sack mit und ging in
den Wald. Das Lesen kam ihm schrecklich mühsam vor, nach einer guten Stunde
war der Sack aber voll und er konnte ihn noch heimtragen, eh’ die Gassen sich
belebten. Von da an ging er täglich und die Mutter tat, als nehme sie keine Notiz
davon. Bald kannte er im Walde die guten Reviere, vermied die Kiefernwälder
und die jungen Bestände und hielt sich an den alten Tannenforst, wo das dichte
Moos voll Zapfen lag. Dabei wurde er immer so warm, daß er nachher kaum
mehr zu heizen brauchte. Die harsche Herbstmorgenluft tat ihm sichtlich gut und
allmählich lernte er, zum ersten Mal seit seiner Schulbubenzeit, auch wieder ein
Auge auf das Waldleben haben. Er sah die Sonne aus dem Nebel steigen,
gewöhnte sich dran aufs Wetter zu achten, jagte bald einen Hasen, bald ein
Wildhuhn aus dem Schlaf und da er doch einmal mit den verdammten Zapfen zu
tun hatte, lernte er sie allmählich nach Form und Herkunft kennen und die
dunklen harzreichen von den leichten und dürren, die der Weißtannen von den
rottannenen unterscheiden. Anfangs verbarg er sich, so oft ein armes Weiblein,
ein Forsthüter oder Bauer daherkam, nach und nach wurde er weniger scheu und
schließlich trug er im Notfall, wenn auch ungern, seinen Sack vor jedermanns
Augen heim.
Es kam ein Tag, noch im November, da gab er seinen letzten, aus den üppigen
Zeiten her übrig gebliebenen Batzen aus. Zaghaft wandte er sich an die Mutter
um ein wenig Taschengeld.
„Was brauchst du denn?“ fragte sie. „Du hast doch alles Nötige.“
Nun ja, er brauchte eigentlich nichts, aber man mußte doch für alle Fälle ein
paar Groschen im Sack haben.
„Ach so.“ Die Mutter nickte. „Zu einem Glas Bier oder so, nicht wahr? Ist
ganz recht. Leider hab’ ich für solche Sachen gar nichts übrig — aber wenn dir
neben dem Dichten etwa eine Stunde übrig bleibt, kannst du dir ja leicht ein
bißchen was verdienen. Für den Sack Tannenzapfen, den du mir bringst, geb’ ich
fünfzig Pfennig. Oder wenn du morgen vormittag mit dem Vater Kisten packen
willst, kannst du auch eine Mark verdienen.“
Er war einverstanden und wenn er künftig für sein wohlverdientes Geld im
Adler oder Sternen einen Schoppen trank oder eine Kegelpartie mitmachte,
schmeckte es ihm besser als früher bei manchem Kommers.
Kurz vor Weihnachten fiel ein wenig Schnee und gleich darauf trat Frost ein,
so daß es mit der Waldarbeit plötzlich ein Ende hatte. Dem Dichter tat es fast
leid um die gewohnte Morgenbeschäftigung, als aber Weihnachten kam und
vorüberging, fiel es ihm plötzlich auf die Seele, wie schnell die Zeit verstrich
und wie notwendig es nun war, seine Dichtung ernstlich vorwärts zu bringen. Säcke holen, Kisten packen, Holz spalten und dergleichen hatte ihn in der letzten
Zeit ganz davon abgebracht.
Als er zum ersten Mal das Tal der bleichen Seelen wieder zur Hand nahm,
gefiel der Titel ihm nicht mehr so ganz und er suchte einen neuen zu finden, aber
es fiel ihm keiner ein. Mißmutig lief er eine Zeitlang herum, ging öfter als sonst
zu einem Bier und Billard und sah sich daher bald wieder ohne Taschengeld.
Diesmal half er beim Ausschreiben der Neujahrsrechnungen und saß drei Tage
beim Papa im Kontor. Er bekam ein paar Mark dafür, aber seine Dichtung wurde
davon nicht fett. Vielmehr war es merkwürdig, wie nach jeder solchen Arbeit die
Gedanken ausblieben, statt zu kommen. Während er das Widmungsblatt
nochmals überlas und sich daran begeistern wollte, geschah es, daß er plötzlich
daran denken mußte, daß der reiche Direktor Selbiger seinem Vater die letzte
Halbjahrsrechnung noch immer schuldig geblieben war. Ob es wohl anging, den
Mann zu mahnen? Bei Tische sprach er mit dem Alten darüber, aber der war
entschieden fürs Abwarten.
Und immer öfter nahm Karl Eugen mit Verzweiflung wahr, daß er mit jedem
Schritt, den er im tätigen Leben machte, seiner Dichtung ferner kam und
Abbruch tat. Er zwang sich nun gewaltsam und schrieb ein paar Seiten, die ihn
aber nicht befriedigten. Die Sprache war gequält und steif, es kam kein Leben
hinein. Ärgerlich warf er das Heft dann in die Schublade und ging zu einem
Kartenspiel im „Hecht“, verlor ziemlich und bot sich wieder für zwei Tage zum
Mithelfen im Laden an.
Dann suchte er bei seinen Büchern Trost, die er in letzter Zeit vernachlässigt
hatte. Und nun erlebte er es zum ersten Mal, daß sie ihn im Stich ließen, ihm
keine Stimmung gaben und ihm sogar fast langweilig vorkamen. Er hätte jetzt
ein Dichterwerk gebraucht, das seine gegenwärtige Not erfaßt und
ausgesprochen und tröstlich verklärt hätte. Aber d’Annunzio betrachtete
griechische Gemmen und streichelte die Schultern schöner Baronessen, Oskar
Wilde roch an exotischen Blumen und analysierte sein Nervenleben, und der
Kondottiere-Dichter besang eine „blaue Stunde“ und einen leierspielenden
Knaben.
Eine leise erste Ahnung stieg bitter in ihm auf, daß alle diese schönen Bücher
vielleicht eben nur Bücher, nur ein Luxus für Glückliche und Reiche und
Zufriedene seien, mit dem Leben und seiner Not aber keine Berührung hatten
und haben wollten — Olympier an goldenen Tischen, welche von unten her, aus
dem Wirrsal des Menschlichen, kein Klagelaut erreichte. Sie waren schön
gewesen, als er sie in üppigen, faulen Zeiten genossen hatte. Und jetzt, da das
Leben seine Hände nach ihm ausstreckte, schwiegen sie und wollten nichts von
ihm wissen. Der Dichter des „All“ fiel ihm ein, der keine Trilogien mehr, sondern Sportsberichte für ein Tageblatt schrieb. Und er warf das Buch, das er
gerade in der Hand hielt, zornig und traurig an die Wand.
Im Februar tat Frau Eiselein die erste behutsame Frage nach dem Gedeihen
der Dichtung. Karl Eugen hatte gerade ein Faß Petroleum hereingerollt. Er
drückte sich um die Antwort. Und als sie neugierig war, wenigstens den Titel zu
erfahren, rückte und schob er unmutig an dem Faß herum und brummte: „Den
Titel macht man immer zuletzt.“ Doch wurde er rot dabei.
Ende März klopfte die Mama wieder an, trat zu dem Dichter an den
Schreibtisch und verlangte sein Werk zu sehen.
„Es ist nicht fertig,“ sagte er in unbehaglichem Ton.
„Dann ist’s eben halbfertig,“ beharrte sie. „Ich gehe nicht aus der Stube, bis
ich’s gesehen habe. Sei vernünftig, du kennst mich doch.“
O ja, er kannte sie. Dennoch zögerte er noch eine ganze Weile, ehe er die Lade
herauszog und sein Heft vorlegte.
„Das Tal der bleichen Seelen! Schau, jetzt ist ja doch der Titel da, freilich ein
komischer.“
Es folgten etwa zehn beschriebene Blätter, auf denen aber das meiste wieder
durchgestrichen war.
„Ist das alles?“ fragte sie ruhig.
„Das ist alles .... Ich wollte — —“
„Laß nur, ’s ist schon gut.“
Da die Frau das schmerzliche Gesicht ihres Sohnes sah, hielt sie an sich und
brach erst nachher auf der Treppe in ein kräftiges Gelächter aus.
Als sie später den Dichter auf den Kopf fragte, bis wann sein Werk wohl
Hoffnung habe, fertig zu werden, senkte er den Kopf und gestand: „Ich glaube
nie.“
Im April trat Karl Eugen in das Geschäft seines Vaters ein. Im nächsten Jahre
ging er als Volontär in ein auswärtiges Kaufhaus, von wo er mit guten
Zeugnissen zurückkam, und als nach einigen weitern Jahren der alte Herr anfing
kränklich zu werden, übernahm er den Laden allein und überließ dem Vater nur
noch die Korrespondenzen.
Während dieser Jahre fiel das Geniewesen in aller Stille vollends von ihm ab
wie eine Schlangenhaut, und es zeigte sich, daß unter der Hülle recht viele
väterliche und mütterliche Erbstücke unverloren geschlummert hatten. Die
erstarkten nun und traten bald auch äußerlich zutage. Wie mit dem Lesen und
Dichten der Weltschmerz, so war mit dem Schlips und den Geniemanieren auch die falsche Bedeutsamkeit und Wichtigkeit des Auftretens verschwunden und
der absonderliche Apfel also doch nahe beim Stamm gefallen. Und der vom
milden Stachel täglicher Arbeit aus dem Traum geweckte Jüngling sah
allmählich ein, daß seine vermeintliche Frühreife weit eher ein ungewöhnlich
langes Kapriolenmachen der Jugendlichkeit gewesen war. Aber desto
gründlicher faßte er die Arbeit und Umkehr an.
Die Zeit ging hin, er heiratete und wurde Vater, das Geschäft ging nicht übel
und seine Schulden waren alle längst bezahlt. Zuweilen nahm er etwa einmal
abends eines der Bücher von damals in die Hand, blätterte darin hin und her,
schüttelte nachdenklich den Kopf und stellte es an seinen Ort zurück. Das
Dichterbildnis aber hing noch immer an der Wand: der Jüngling im modischen
Kragen blickte stolz und verachtend aus dem Rahmen und hinter ihm saß
unerschüttert der kühne Kondottiere auf seinem ehernen Roß.