Reigen, Zehn Dialoge

Arthur Schnitzler · Kapitel 11 von 12

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Reigen, Zehn Dialoge

Die Schauspielerin und der Graf

DIE SCHAUSPIELERIN

 

UND DER GRAF

 

Das Schlafzimmer der Schauspielerin. Sehr üppig eingerichtet. Es ist zwölf Uhr mittags; die Rouleaux sind noch herunter gelassen; auf dem Nachtkästchen brennt eine Kerze, die Schauspielerin liegt noch in ihrem

Himmelbett. Auf der Decke liegen zahlreiche Zeitungen.

Der Graf tritt ein in der Uniform eines Dragonerrittmeisters. Er bleibt an der Tür stehen. –

 

Schauspielerin.

Ah, Herr Graf.

Graf.

Die Frau Mama hat mir erlaubt, sonst wär' ich nicht –

Schauspielerin.

Bitte, treten Sie nur näher.

Graf.

Küß' die Hand. Pardon – wenn man von der Straßen hereinkommt .... ich seh'

nämlich noch rein gar nichts. So .... da wären wir ja (am Bett): Küß die Hand.

Schauspielerin.

Nehmen Sie Platz, Herr Graf.

Graf.

Frau Mama sagte mir, Fräulein sind unpäßlich .... Wird doch hoffentlich nichts

ernstes sein.

Schauspielerin.

Nichts ernstes? Ich bin dem Tode nahe gewesen!

Graf.

Um Gotteswillen, wie ist denn das möglich?

Schauspielerin.

Es ist jedenfalls sehr freundlich, daß Sie sich zu mir bemühen.

Graf.

Dem Tode nahe! Und gestern Abend haben Sie noch gespielt wie eine Göttin.

Schauspielerin.

Es war wohl ein großer Triumph.

Graf.

Kolossal!.... Die Leute waren auch alle hingerissen. Und von mir will ich gar nicht reden.

Schauspielerin.

Ich danke für die schönen Blumen.

Graf.

Aber bitt' Sie Fräulein.

Schauspielerin (mit den Augen auf einen großen Blumenkorb weisend, der auf einem kleinen

Tischchen auf dem Fenster steht).

Hier stehen sie.

Graf.

Sie sind gestern förmlich überschüttet worden mit Blumen und Kränzen.

Schauspielerin.

Das liegt noch alles in meiner Garderobe. Nur Ihren Korb habe ich mit nach

Hause gebracht.

Graf (küßt ihr die Hand).

Das ist lieb von Ihnen.

Schauspielerin (nimmt die seine plötzlich und küßt sie).

Graf.

Aber Fräulein.

Schauspielerin.

Erschrecken Sie nicht, Herr Graf, das verpflichtet Sie zu gar nichts.

Graf.

Sie sind ein sonderbares Wesen .... rätselhaft könnte man fast sagen. – (Pause).

Schauspielerin.

Das Fräulein Birken ist wohl leichter aufzulösen.

Graf.

Ja die kleine Birken ist kein Problem, obzwar .... ich kenne sie ja auch nur

oberflächlich.

Schauspielerin.

Ha!

Graf.

Sie können mir's glauben. Aber Sie sind ein Problem. Danach hab' ich immer

Sehnsucht gehabt. Es ist mir eigentlich ein großer Genuß entgangen, dadurch,

daß ich Sie gestern .... das erste Mal spielen gesehen habe.

Schauspielerin.

Ist das möglich?

Graf.

Ja. Schauen Sie, Fräulein, es ist so schwer mit dem Theater. Ich bin gewöhnt,

spät zu dinieren ..... also wenn man dann hinkommt, ist's beste vorbei. Ist's nicht

wahr?

Schauspielerin.

So werden Sie eben von jetzt an früher essen.

Graf.

Ja, ich hab' auch schon daran gedacht. Oder gar nicht. Es ist ja wirklich kein

Vergnügen, das Dinieren.

Schauspielerin.

Was kennen Sie jugendlicher Greis eigentlich noch für ein Vergnügen?

Graf.

Das frag' ich mich selber manchmal! Aber ein Greis bin ich nicht. Es muß einen

anderen Grund haben.

Schauspielerin.

Glauben Sie?

Graf.

Ja. Der Lulu sagt beispielsweise, ich bin ein Philosoph. Wissen Sie, Fräulein, er

meint, ich denk' zu viel nach.

Schauspielerin.

Ja .... denken, das ist das Unglück.

Graf.

Ich hab' zu viel Zeit, d'rum denk' ich nach. Bitt' Sie, Fräulein, schauen S', ich

hab' mir gedacht, wenn s' mich nach Wien transferieren, wird's besser. Da gibt's

Zerstreuung, Anregung. Aber es ist im Grund doch nicht anders als da oben.

Schauspielerin.

Wo ist denn das da oben?

Graf.

Na, da unten, wissen S' Fräulein, in Ungarn, in die Nester, wo ich meistens in

Garnison war.

Schauspielerin.

Ja, was haben Sie denn in Ungarn gemacht?

Graf.

Na, wie ich sag', Fräulein, Dienst.

Schauspielerin.

Ja warum sind Sie denn so lang in Ungarn geblieben?

Graf.

Ja, das kommt so.

Schauspielerin.

Da muß man ja wahnsinnig werden.

Graf.

Warum denn? Zu tun hat man eigentlich mehr wie da. Wissen S' Fräulein,

Rekruten ausbilden, Remonten reiten .... und dann ist's nicht so arg mit der Gegend, wie man sagt. Es ist schon ganz was schönes, die Tiefebene – und so

ein Sonnenuntergang, es ist schade, daß ich kein Maler bin, ich hab' mir

manchmal gedacht, wenn ich ein Maler wär', tät' ich's malen. Einen haben wir

gehabt beim Regiment, einen jungen Splany, der hat's können. – Aber was

erzähl' ich Ihnen da für fade G'schichten, Fräulein.

Schauspielerin.

Oh bitte, ich amüsiere mich königlich.

Graf.

Wissen S' Fräulein, mit Ihnen kann man plaudern, das hat mir der Lulu schon

g'sagt, und das ist's, was man selten find't.

Schauspielerin.

Nun freilich, in Ungarn.

Graf.

Aber in Wien grad' so! Die Menschen sind überall dieselben; da wo mehr sind,

ist halt das Gedräng' größer, das ist der ganze Unterschied. Sagen S' Fräulein,

haben Sie die Menschen eigentlich gern?

Schauspielerin.

Gern –?? Ich hasse sie! Ich kann keine seh'n! Ich seh' auch nie jemanden. Ich bin

immer allein, dieses Haus betritt niemand.

Graf.

Seh'n S', das hab' ich mir gedacht, daß Sie eigentlich eine Menschenfeindin sind.

Bei der Kunst muß das oft vorkommen. Wenn man so in den höheren Regionen

.... na, Sie haben's gut, Sie wissen doch wenigstens, warum Sie leben!

Schauspielerin.

Wer sagt Ihnen das? Ich habe keine Ahnung, wozu ich lebe!

Graf.

Ich bitt' Sie, Fräulein, – berühmt – gefeiert –

Schauspielerin.

Ist das vielleicht ein Glück?

Graf.

Glück? Bitt' Sie Fräulein, Glück giebt's nicht. Überhaupt gerade die Sachen, von

denen am meisten g'redt wird, giebt's nicht ... z. B. Liebe. Das ist auch so 'was.

Schauspielerin.

Da haben Sie wohl recht.

Graf.

Genuß .... Rausch .... also gut, da läßt sich nichts sagen .... das ist 'was sicheres.

Jetzt genieße ich, .... gut, weiß ich, ich genieß'. Oder ich bin berauscht, schön.

Das ist auch sicher. Und ist's vorbei, so ist es halt vorbei.

Schauspielerin (groß).

Es ist vorbei!

Graf.

Aber sobald man sich nicht, wie soll ich mich denn ausdrücken, sobald man sich

nicht dem Moment hingiebt, also an später denkt oder an früher .... na, ist es

doch gleich aus. Später .... ist traurig .... früher ist ungewiß .... mit einem Wort ....

man wird nur konfus. Hab' ich nicht recht?

Schauspielerin (nickt mit großen Augen).

Sie haben wohl den Sinn erfaßt.

Graf.

Und sehen S', Fräulein, wenn einem das einmal klar geworden ist, ist's ganz egal,

ob man in Wien lebt oder in der Pußta oder in Steinamanger. Schaun S' zum

Beispiel .... wo darf ich denn die Kappen hinlegen? So, ich dank' schön ....

wovon haben wir denn nur gesprochen?

Schauspielerin.

Von Steinamanger.

Graf.

Richtig. Also wie ich sag', der Unterschied ist nicht groß. Ob ich am Abend im

Kasino sitz' oder im Klub, ist doch alles eins.

Schauspielerin.

Und wie verhält sich denn das mit der Liebe?

Graf.

Wenn man d'ran glaubt, ist immer eine da, die einen gern' hat.

Schauspielerin.

Zum Beispiel das Fräulein Birken.

Graf.

Ich weiß wirklich nicht, Fräulein, warum Sie immer auf die kleine Birken zu

reden kommen.

Schauspielerin.

Das ist doch Ihre Geliebte.

Graf.

Wer sagt denn das?

Schauspielerin.

Jeder Mensch weiß das.

Graf.

Nur ich nicht, es ist merkwürdig.

Schauspielerin.

Sie haben doch ihretwegen ein Duell gehabt!

Graf.

Vielleicht bin ich sogar tot geschossen worden und hab's gar nicht bemerkt.

Schauspielerin.

Nun, Herr Graf, Sie sind ein Ehrenmann. Setzen Sie sich näher.

Graf.

Bin so frei.

Schauspielerin.

Hierher (sie zieht ihn an sich, fährt ihm mit der Hand durch die Haare). Ich hab' gewußt, daß Sie

heute kommen werden!

Graf.

Wieso denn?

Schauspielerin.

Ich hab' es bereits gestern im Theater gewußt.

Graf.

Haben Sie mich denn von der Bühne aus gesehen?

Schauspielerin.

Aber Mann! Haben Sie denn nicht bemerkt, daß ich nur für Sie spiele?

Graf.

Wie ist das denn möglich?

Schauspielerin.

Ich bin ja so geflogen, wie ich Sie in der ersten Reihe sitzen sah!

Graf.

Geflogen? Meinetwegen? Ich hab' keine Ahnung gehabt, daß Sie mich

bemerken!

Schauspielerin.

Sie können einen auch mit Ihrer Vornehmheit zur Verzweiflung bringen.

Graf.

Ja Fräulein ....

Schauspielerin.

»Ja Fräulein«!... So schnallen Sie doch wenigstens Ihren Säbel ab!

Graf.

Wenn es erlaubt ist. (Schnallt ihn ab, lehnt ihn ans Bett).

Schauspielerin.

Und gib mir endlich einen Kuß.

Graf (küßt sie, sie läßt ihn nicht los).

Schauspielerin.

Dich hätte ich auch lieber nie erblicken sollen.

Graf.

Es ist doch besser so! –

Schauspielerin.

Herr Graf, Sie sind ein Poseur!

Graf.

Ich – warum denn?

Schauspielerin.

Was glauben Sie, wie glücklich wär' mancher, wenn er an Ihrer Stelle sein

dürfte!

Graf.

Ich bin sehr glücklich.

Schauspielerin.

Nun, ich dachte, es gibt kein Glück. Wie schaust du mich denn an? Ich glaube

Sie haben Angst vor mir, Herr Graf!

Graf.

Ich sag's ja, Fräulein, Sie sind ein Problem.

Schauspielerin.

Ach laß' du mich in Frieden mit der Philosophie .... komm' zu mir. Und jetzt bitt'

mich um irgend 'was .... du kannst alles haben, was du willst. Du bist zu schön.

Graf.

Also ich bitte um die Erlaubnis (ihre Hand küssend), daß ich heute abends

wiederkommen darf.

Schauspielerin.

Heut Abend .... ich spiele ja.

Graf.

Nach dem Theater.

Schauspielerin.

Um was anderes bittest du nicht?

Graf.

Um alles andere werde ich nach dem Theater bitten.

Schauspielerin (verletzt).

Da kannst du lange bitten, du elender Poseur.

Graf.

Ja schauen Sie, oder schau, wir sind doch bis jetzt so aufrichtig miteinander

gewesen ... Ich fände das alles viel schöner am Abend nach dem Theater ...

gemütlicher als jetzt, wo ... ich hab' immer so die Empfindung, als könnte die

Thür aufgeh'n ....

Schauspielerin.

Die geht nicht von außen auf.

Graf.

Schau' ich find', man soll sich nicht leichtsinnig von vornherein 'was verderben,

was möglicherweise sehr schön sein könnte.

Schauspielerin.

Möglicherweise!....

Graf.

In der Früh', wenn ich die Wahrheit sagen soll, find' ich die Liebe gräßlich.

Schauspielerin.

Nun – du bist wohl das irrsinnigste, was mir je vorgekommen ist!

Graf.

Ich red' ja nicht von beliebigen Frauenzimmern .... schließlich im allgemeinen

ist's ja egal. Aber Frauen wie du ... nein, du kannst mich hundertmal einen

Narren heißen. Aber Frauen wie du .... nimmt man nicht vor dem Frühstück zu

sich. Und so .... weißt .... so ....

Schauspielerin.

Gott, was bist du süß!

Graf.

Siehst du das ein, was ich g'sagt hab', nicht wahr. Ich stell mir das so vor –

Schauspielerin.

Nun, wie stellst du dir das vor?

Graf.

Ich denk' mir ..... ich wart' nach dem Theater auf dich in ein' Wagen, dann fahren

wir zusammen also irgendwohin soupieren –

Schauspielerin.

Ich bin nicht das Fräulein Birken.

Graf.

Das hab' ich ja nicht gesagt. Ich find' nur, zu allem g'hört Stimmung. Ich komm'

immer erst beim Souper in Stimmung. Das ist dann das schönste, wenn man so

vom Souper zusamm' nach Haus fahrt, dann ....

Schauspielerin.

Was ist dann?

Graf.

Also dann ... liegt das in der Entwicklung der Dinge.

Schauspielerin.

Setz' dich doch näher. Näher.

Graf (sich aufs Bett setzend).

Ich muß schon sagen, aus den Polstern kommt so ein ... Reseda ist das – nicht?

Schauspielerin.

Es ist sehr heiß hier, findest du nicht?

Graf (neigt sich und küßt ihren Hals).

Schauspielerin.

Oh, Herr Graf, das ist ja gegen Ihr Programm.

Graf.

Wer sagt denn das? Ich hab' kein Programm.

Schauspielerin (zieht ihn an sich).

Graf.

Es ist wirklich heiß.

Schauspielerin.

Findest du? Und so dunkel, wie wenn's Abend wär'..... (reißt ihn an sich.) Es ist

Abend .... es ist Nacht .... Mach' die Augen zu, wenn's dir zu licht ist. Komm!...

Komm!....

Graf (wehrt sich nicht mehr).

 

Schauspielerin.

Nun, wie ist das jetzt mit der Stimmung, du Poseur?

Graf.

Du bist ein kleiner Teufel.

Schauspielerin.

Was ist das für ein Ausdruck?

Graf.

Na, also ein Engel.

Schauspielerin.

Und du hättest Schauspieler werden sollen! Wahrhaftig! Du kennst die Frauen!

Und weißt du, was ich jetzt tun werde?

Graf.

Nun?

Schauspielerin.

Ich werde dir sagen, daß ich dich nie wiedersehen will.

Graf.

Warum denn?

Schauspielerin.

Nein, nein. Du bist mir zu gefährlich! Du machst ja ein Weib toll. Jetzt stehst du

plötzlich vor mir, als wär' nichts gescheh'n.

Graf.

Aber .....

Schauspielerin.

Ich bitte sich zu erinnern, Herr Graf, ich bin soeben Ihre Geliebte gewesen.

Graf.

Ich werd's nie vergessen!

Schauspielerin.

Und wie ist das mit heute Abend?

Graf.

Wie meinst du das?

Schauspielerin.

Nun – du wolltest mich ja nach dem Theater erwarten?

Graf.

Ja, also gut, zum Beispiel übermorgen.

Schauspielerin.

Was heißt das, übermorgen? Es war doch von heute die Rede.

Graf.

Das hätte keinen rechten Sinn.

Schauspielerin.

Du Greis!

Graf.

Du verstehst mich nicht recht. Ich mein' das mehr, was, wie soll ich mich

ausdrücken, was die Seele anbelangt.

Schauspielerin.

Was geht mich deine Seele an?

Graf.

Glaub' mir, sie gehört mit dazu. Ich halte das für eine falsche Ansicht, daß man

das so voneinander trennen kann.

Schauspielerin.

Laß mich mit deiner Philosophie in Frieden. Wenn ich das haben will, lese ich

Bücher.

Graf.

Aus Büchern lernt man ja doch nie.

Schauspielerin.

Das ist wohl wahr! Drum sollst du mich heut' Abend erwarten. Wegen der Seele

werden wir uns schon einigen, du Schurke!

Graf.

Also wenn du erlaubst, so werde ich mit meinem Wagen .....

Schauspielerin.

Hier in meiner Wohnung wirst du mich erwarten –

Graf.

..... Nach dem Theater.

Schauspielerin.

Natürlich.

(Er schnallt den Säbel um.)

Schauspielerin.

Was machst du denn da?

Graf.

Ich denke, es ist Zeit, daß ich geh'. Für einen Anstandsbesuch bin ich doch

eigentlich schon ein bissel lang' geblieben.

Schauspielerin.

Nun, heut abend soll es kein Anstandsbesuch werden.

Graf.

Glaubst du?

Schauspielerin.

Dafür laß nur mich sorgen. Und jetzt gieb mir noch einen Kuß, mein kleiner

Philosoph. So, du Verführer, du .... süßes Kind, du Seelenverkäufer, Du Iltis ....

du .... (Nachdem sie ihn ein paarmal heftig geküßt, stößt sie ihn heftig von sich.) Herr Graf, es war

mir eine große Ehre!

Graf.

Ich küß' die Hand, Fräulein! (Bei der Thür.) Auf Wiederschaun'.

Schauspielerin.

Adieu, Steinamanger!