Reigen, Zehn Dialoge

Arthur Schnitzler · Kapitel 7 von 12

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Reigen, Zehn Dialoge

Die Junge Frau und der Ehemann

DIE JUNGE FRAU

 

UND DER EHEMANN

 

Ein behagliches Schlafgemach.

Es ist halb elf Uhr Nachts. Die Frau liegt zu Bette und liest. Der Gatte tritt eben, im Schlafrock, ins Zimmer.

 

Die junge Frau (ohne aufzuschauen).

Du arbeitest nicht mehr?

Der Gatte.

Nein. Ich bin zu müde. Und außerdem ...

Die junge Frau.

Nun? –

Der Gatte.

Ich hab' mich an meinem Schreibtisch plötzlich so einsam gefühlt. Ich habe

Sehnsucht nach dir bekommen.

Die junge Frau (schaut auf).

Wirklich?

Der Gatte (setzt sich zu ihr aufs Bett).

Lies heute nicht mehr. Du wirst dir die Augen verderben.

Die junge Frau (schlägt das Buch zu).

Was hast du denn?

Der Gatte.

Nichts, mein Kind. Verliebt bin ich in dich! Das weißt du ja!

Die junge Frau.

Man könnte es manchmal fast vergessen.

Der Gatte.

Man muß es sogar manchmal vergessen.

Die junge Frau.

Warum?

Der Gatte.

Weil die Ehe sonst etwas unvollkommenes wäre. Sie würde .... wie soll ich nur

sagen .... sie würde ihre Heiligkeit verlieren.

Die junge Frau.

Oh ....

Der Gatte.

Glaube mir – es ist so .... Hätten wir in den fünf Jahren, die wir jetzt miteinander

verheiratet sind, nicht manchmal vergessen, daß wir ineinander verliebt sind –

wir wären es wohl gar nicht mehr.

Die junge Frau.

Das ist mir zu hoch.

Der Gatte.

Die Sache ist einfach die: wir haben vielleicht schon zehn oder zwölf

Liebschaften miteinander gehabt ..... Kommt es dir nicht auch so vor?

Die junge Frau.

Ich hab' nicht gezählt! –

Der Gatte.

Hätten wir gleich die erste bis zum Ende durchgekostet, hätte ich mich von

Anfang an meiner Leidenschaft für dich willenlos hingegeben, es wäre uns

gegangen wie den Millionen von anderen Liebespaaren. Wir wären fertig

miteinander.

Die junge Frau.

Ah .... so meinst du das?

Der Gatte.

Glaube mir – Emma – in den ersten Tagen unserer Ehe hatte ich Angst, daß es so

kommen würde.

Die junge Frau.

Ich auch.

Der Gatte.

Siehst du? Hab' ich nicht recht gehabt? Darum ist es gut, immer wieder für

einige Zeit nur in guter Freundschaft miteinander hinzuleben.

Die junge Frau.

Ach so.

Der Gatte.

Und so kommt es, daß wir immer wieder neue Flitterwochen miteinander

durchleben können, da ich es nie drauf ankommen lasse, die Flitterwochen ....

Die junge Frau.

Zu Monaten auszudehnen.

Der Gatte.

Richtig.

Die junge Frau.

Und jetzt ...... scheint also wieder eine Freundschaftsperiode abgelaufen zu

sein –?

Der Gatte (sie zärtlich an sich drückend).

Es dürfte so sein.

Die junge Frau.

Wenn es aber .... bei mir anders wäre.

Der Gatte.

Es ist bei dir nicht anders. Du bist ja das klügste und entzückendste Wesen, das

es gibt. Ich bin sehr glücklich, daß ich dich gefunden habe.

Die junge Frau.

Das ist aber nett, wie du den Hof machen kannst – von Zeit zu Zeit.

Der Gatte (hat sich auch zu Bett begeben).

Für einen Mann, der sich ein bischen in der Welt umgesehen hat – geh', leg den

Kopf an meine Schulter – der sich in der Welt umgesehen hat, bedeutet die Ehe

eigentlich etwas viel geheimnisvolleres als für euch junge Mädchen aus guter

Familie. Ihr tretet uns rein und .... wenigstens bis zu einem gewissen Grad

unwissend entgegen, und darum habt ihr eigentlich einen viel klareren Blick für

das Wesen der Liebe als wir.

Die junge Frau (lachend).

Oh!

Der Gatte.

Gewiß. Denn wir sind ganz verwirrt und unsicher geworden durch die vielfachen

Erlebnisse, die wir notgedrungen vor der Ehe durchzumachen haben. Ihr hört ja

viel und wißt zu viel und lest ja wohl eigentlich auch zu viel, aber einen rechten

Begriff von dem, was wir Männer in der Tat erleben, habt ihr ja doch nicht. Uns

wird das, was man so gemeinhin die Liebe nennt, recht gründlich widerwärtig

gemacht; denn was sind das schließlich für Geschöpfe, auf die wir angewiesen

sind!

Die junge Frau.

Ja, was sind das für Geschöpfe?

Der Gatte (küßt sie auf die Stirn).

Sei froh, mein Kind, daß du nie einen Einblick in diese Verhältnisse erhalten

hast. Es sind übrigens meist recht bedauernswerte Wesen – werfen wir keinen

Stein auf sie.

Die junge Frau.

Bitt' dich – dieses Mitleid – Das kommt mir da gar nicht recht angebracht vor.

Der Gatte (mit schöner Milde).

Sie verdienen es. Ihr, die ihr junge Mädchen aus guter Familie wart, die ruhig

unter Obhut euerer Eltern auf den Ehrenmann warten konntet, der euch zur Ehe

begehrt; – ihr kennt ja das Elend nicht, das die meisten von diesen armen

Geschöpfen der Sünde in die Arme treibt.

Die junge Frau.

So verkaufen sich denn alle?

Der Gatte.

Das möchte ich nicht sagen. Ich mein' ja auch nicht nur das materielle Elend.

Aber es gibt auch – ich möchte sagen – ein sittliches Elend; eine mangelhafte

Auffassung für das, was erlaubt, und insbesondere für das, was edel ist.

Die junge Frau.

Aber warum sind die zu bedauern? – Denen geht's ja ganz gut?

Der Gatte.

Du hast sonderbare Ansichten, mein Kind. Du darfst nicht vergessen, daß solche

Wesen von Natur aus bestimmt sind, immer tiefer und tiefer zu fallen. Da gibt es

kein Aufhalten.

Die junge Frau (sich an ihn schmiegend).

Offenbar fällt es sich ganz angenehm.

Der Gatte (peinlich berührt).

Wie kannst du so reden, Emma. Ich denke doch, daß es gerade für euch,

anständige Frauen, nichts Widerwärtigeres geben kann, als alle diejenigen, die es

nicht sind.

Die junge Frau.

Freilich, Karl, freilich. Ich hab's ja auch nur so gesagt. Geh', erzähl' weiter. Es ist

so nett, wenn du so red'st. Erzähl' mir 'was.

Der Gatte.

Was denn? –

Die junge Frau.

Nun, – von diesen Geschöpfen.

Der Gatte.

Was fällt dir denn ein?

Die junge Frau.

Schau, ich hab' dich schon früher, weißt du, ganz im Anfang hab' ich dich immer

gebeten, du sollst mir aus deiner Jugend 'was erzählen.

Der Gatte.

Warum interessiert dich denn das?

Die junge Frau.

Bist du denn nicht mein Mann? Und ist das nicht geradezu eine Ungerechtigkeit,

daß ich von deiner Vergangenheit eigentlich gar nichts weiß? –

Der Gatte.

Du wirst mich doch nicht für so geschmacklos halten, daß ich – Genug, Emma

...... das ist ja wie eine Entweihung.

Die junge Frau.

Und doch hast du .... wer weiß wie viel andere Frauen gerade so in den Armen

gehalten, wie jetzt mich.

Der Gatte.

Sag' doch nicht »Frauen«. Frau bist du.

Die junge Frau.

Aber eine Frage mußt du mir beantworten ... sonst .... sonst .... ist's nichts mit

den Flitterwochen.

Der Gatte.

Du hast eine Art, zu reden .... denk' doch, daß du Mutter bist .... daß unser

Mäderl da drin liegt ...

Die junge Frau (an ihn sich schmiegend).

Aber ich möcht' auch einen Buben.

Der Gatte.

Emma!

Die junge Frau.

Geh', sei nicht so ... freilich bin ich deine Frau .... aber ich möchte auch ein bissel

.... deine Geliebte sein.

Der Gatte.

Möchtest du?....

Die junge Frau.

Also – zuerst meine Frage.

Der Gatte (gefügig).

Nun?

Die junge Frau.

War .... eine verheiratete Frau – unter ihnen?

Der Gatte.

Wieso? – wie meinst du das?

Die junge Frau.

Du weißt schon.

Der Gatte (leicht beunruhigt).

Wie kommst du auf diese Frage?

Die junge Frau.

Ich möchte wissen, ob es .... das heißt – es gibt solche Frauen .... das weiß ich.

Aber ob du ...

Der Gatte (ernst).

Kennst du eine solche Frau?

Die junge Frau.

Ja, ich weiß das selber nicht.

Der Gatte.

Ist unter deinen Freundinen vielleicht eine solche Frau?

Die junge Frau.

Ja wie kann ich das mit Bestimmtheit behaupten – oder verneinen?

Der Gatte.

Hat dir vielleicht einmal eine deiner Freundinen .... Man spricht über gar

manches, wenn man so – die Frauen unter sich – hat dir eine gestanden –?

Die junge Frau (unsicher).

Nein.

Der Gatte.

Hast du bei irgend einer deiner Freundinen den Verdacht, daß sie ....

Die junge Frau.

Verdacht ..... oh ..... Verdacht.

Der Gatte.

Es scheint.

Die junge Frau.

Gewiß nicht Karl, sicher nicht. Wenn ich mir's so überlege – ich trau' es doch

keiner zu.

Der Gatte.

Keiner?

Die junge Frau.

Von meinen Freundinen keiner.

Der Gatte.

Versprich mir etwas, Emma.

Die junge Frau.

Nun.

Der Gatte.

Daß du nie mit einer Frau verkehren wirst, bei der du auch den leisesten

Verdacht hast, daß sie ...... kein ganz tadelloses Leben führt.

Die junge Frau.

Das muß ich dir erst versprechen?

Der Gatte.

Ich weiß ja, daß du den Verkehr mit solchen Frauen nicht suchen wirst. Aber der

Zufall könnte es fügen, daß du ..... Ja, es ist sogar sehr häufig, daß gerade solche

Frauen, deren Ruf nicht der beste ist, die Gesellschaft von anständigen Frauen

suchen, teils um sich ein Relief zu geben, teils aus einem gewissen .... wie soll

ich sagen ..... aus einem gewissen Heimweh nach der Tugend.

Die junge Frau.

So.

Der Gatte.

Ja. Ich glaube, daß das sehr richtig ist, was ich da gesagt habe. Heimweh nach

der Tugend. Denn, daß diese Frauen alle eigentlich sehr unglücklich sind, das

kannst du mir glauben.

Die junge Frau.

Warum?

Der Gatte.

Du fragst, Emma? – Wie kannst du denn nur fragen? – Stell' dir doch vor, was

diese Frauen für eine Existenz führen! Voll Lüge, Tücke, Gemeinheit und voll

Gefahren.

Die junge Frau.

Ja freilich. Da hast du schon Recht.

Der Gatte.

Wahrhaftig – sie bezahlen das bischen Glück ..... das bischen .....

Die junge Frau.

Vergnügen.

Der Gatte.

Warum Vergnügen? Wie kommst du darauf, das Vergnügen zu nennen?

Die junge Frau.

Nun, – etwas muß es doch sein –! Sonst täten sie's ja nicht.

Der Gatte.

Nichts ist es ..... ein Rausch.

Die junge Frau (nachdenklich).

Ein Rausch.

Der Gatte.

Nein, es ist nicht einmal ein Rausch. Wie immer – teuer bezahlt, das ist gewiß!

Die junge Frau.

Also ..... du hast das einmal mitgemacht – nicht wahr?

Der Gatte.

Ja, Emma. – Es ist meine traurigste Erinnerung.

Die junge Frau.

Wer ist's? Sag'! Kenn' ich sie?

Der Gatte.

Was fällt dir denn ein?

Die junge Frau.

Ist's lange her? War es sehr lang, bevor du mich geheiratet hast?

Der Gatte.

Frag' nicht. Ich bitt' dich, frag' nicht.

Die junge Frau.

Aber Karl!

Der Gatte.

Sie ist tot.

Die junge Frau.

Im Ernst?

Der Gatte.

Ja ..... es klingt fast lächerlich, aber ich habe die Empfindung, daß alle diese

Frauen jung sterben.

Die junge Frau.

Hast du sie sehr geliebt?

Der Gatte.

Lügnerinnen liebt man nicht.

Die junge Frau.

Also warum ....

Der Gatte.

Ein Rausch ....

Die junge Frau.

Also doch?

Der Gatte.

Sprich nicht mehr davon ich bitt' dich. Alles das ist lang vorbei. Geliebt hab' ich

nur eine – das bist du. Man liebt nur, wo Reinheit und Wahrheit ist.

Die junge Frau.

Karl!

Der Gatte.

Oh, wie sicher, wie wohl fühlt man sich in solchen Armen. Warum hab' ich dich

nicht schon als Kind gekannt? Ich glaube, dann hätt' ich andere Frauen

überhaupt nicht angesehen.

Die junge Frau.

Karl!

Der Gatte.

Und schön bist du!.... schön!.... Oh komm' .... (Er löscht das Licht aus).

 

Die junge Frau.

Weißt du, woran ich heute denken muß?

Der Gatte.

Woran, mein Schatz?

Die junge Frau.

An .... an .... an Venedig.

Der Gatte.

Die erste Nacht ....

Die junge Frau.

Ja .... so ....

Der Gatte.

Was denn –? So sag's doch!

Die junge Frau.

So lieb hast du mich heut'.

Der Gatte.

Ja, so lieb.

Die junge Frau.

Ah .... Wenn du immer ....

Der Gatte (in ihren Armen).

Wie?

Die junge Frau.

Mein Karl!

Der Gatte.

Was meintest du? Wenn ich immer ....

Die junge Frau.

Nun ja.

Der Gatte.

Nun, was wär' denn, wenn ich immer ...?

Die junge Frau.

Dann wüßt' ich eben immer, daß du mich lieb hast.

Der Gatte.

Ja. Du mußt es aber auch so wissen. Man ist nicht immer der liebende Mann,

man muß auch zuweilen hinaus ins feindliche Leben, muß kämpfen und streben!

Das vergiß nie, mein Kind! Alles hat seine Zeit in der Ehe – das ist eben das

Schöne. Es gibt nicht viele, die sich noch nach fünf Jahren an – ihr Venedig

erinnern.

Die junge Frau.

Freilich!

Der Gatte.

Und jetzt .... gute Nacht, mein Kind.

Die junge Frau.

Gute Nacht!