Reigen, Zehn Dialoge
Das Süsse Mädel und der Dichter
DAS SÜSSE MÄDEL
UND DER DICHTER
Ein kleines Zimmer, mit behaglichem Geschmack eingerichtet. Vorhänge, welche das Zimmer halbdunkel machen. Rote Stores. Großer Schreibtisch, auf dem Papiere und Bücher herumliegen. Ein Pianino an der
Wand.
Das süße Mädel. Der Dichter.
Sie kommen eben zusammen herein. Der Dichter schließt zu.
Der Dichter.
So, mein Schatz (küßt sie).
Das süße Mädel (mit Hut und Mantille).
Ah! Da ist aber schön! Nur sehen tut man nichts!
Der Dichter.
Deine Augen müssen sich an das Halbdunkel gewöhnen. – Diese süßen Augen
(küßt sie auf die Augen).
Das süße Mädel.
Dazu werden die süßen Augen aber nicht Zeit genug haben.
Der Dichter.
Warum denn?
Das süße Mädel.
Weil ich nur eine Minuten dableib'.
Der Dichter.
Den Hut leg' ab, ja?
Das süße Mädel.
Wegen der einen Minuten?
Der Dichter (nimmt die Nadel aus ihrem Hut und legt den Hut fort).
Und die Mantille –
Das süße Mädel.
Was willst denn? – Ich muß ja gleich wieder fortgehen.
Der Dichter.
Aber du mußt dich doch ausruh'n! Wir sind ja drei Stunden gegangen.
Das süße Mädel.
Wir sind gefahren.
Der Dichter.
Ja nach Haus – aber in Weidling am Bach sind wir doch drei volle Stunden
herumgelaufen. Also setz' dich nur schön nieder, mein Kind .... wohin du willst;
– hier an den Schreibtisch; – aber nein, das ist nicht bequem. Setz' dich auf den
Divan. – So. (Er drückt sie nieder.) Bist du sehr müd', so kannst du dich auch
hinlegen. So. (Er legt sie auf den Divan.) Da das Kopferl auf den Polster.
Das süße Mädel (lachend).
Aber ich bin ja gar nicht müd'!
Der Dichter.
Das glaubst du nur. So – und wenn du schläfrig bist, kannst du auch schlafen. Ich
werde ganz still sein. Übrigens kann ich dir ein Schlummerlied vorspielen .....
von mir .... (Geht zum Pianino).
Das süße Mädel.
Von dir?
Der Dichter.
Ja.
Das süße Mädel.
Ich hab' 'glaubt, Robert, du bist ein Doktor.
Der Dichter.
Wieso? Ich hab' dir doch gesagt, daß ich Schriftsteller bin.
Das süße Mädel.
Die Schriftsteller sind doch alle Dokters.
Der Dichter.
Nein; nicht alle. Ich z. B. nicht. Aber wie kommst du jetzt darauf.
Das süße Mädel.
Na, weil du sagst, das Stück, was du da spielen tust, ist von dir.
Der Dichter.
Ja ... vielleicht ist es auch nicht von mir. Das ist ja ganz egal. Was? Überhaupt
wer's gemacht hat, das ist immer egal. Nur schön muß es sein – nicht wahr?
Das süße Mädel.
Freilich .... schön muß es sein – das ist die Hauptsach'! –
Der Dichter.
Weißt du, wie ich das gemeint hab'?
Das süße Mädel.
Was denn?
Der Dichter.
Na, was ich eben gesagt hab'.
Das süße Mädel (schläfrig).
Na freilich.
Der Dichter (steht auf; zu ihr, ihr das Haar streichelnd)
Kein Wort hast du verstanden.
Das süße Mädel.
Geh', ich bin doch nicht so dumm.
Der Dichter.
Freilich bist du so dumm. Aber gerade darum hab' ich dich lieb. Ah, das ist so
schön, wenn ihr dumm seid. Ich mein' in der Art wie du.
Das süße Mädel.
Geh', was schimpfst denn?
Der Dichter.
Engel, kleiner. Nicht wahr, es liegt sich gut auf dem weichen, persischen
Teppich?
Das süße Mädel.
Oh ja. Geh', willst nicht weiter Klavier spielen?
Der Dichter.
Nein, ich bin schon lieber da bei dir. (Streichelt sie.)
Das süße Mädel.
Geh', willst nicht lieber Licht machen?
Der Dichter.
Oh nein .... Diese Dämmerung tut ja so wohl. Wir waren heute den ganzen Tag
wie in Sonnenstrahlen gebadet. Jetzt sind wir sozusagen aus dem Bad gestiegen
und schlagen .... die Dämmerung wie einen Badmantel (lacht) ah nein – das muß
anders gesagt werden .... Findest du nicht?
Das süße Mädel.
Weiß nicht.
Der Dichter (sich leicht von ihr entfernend).
Göttlich, diese Dummheit! (Nimmt ein Notizbuch und schreibt ein paar Worte hinein.)
Das süße Mädel.
Was machst denn? (Sich nach ihm umwendend.) Was schreibst dir denn auf?
Der Dichter (leise).
Sonne, Bad, Dämmerung, Mantel .... so .... (steckt das Notizbuch ein. Laut). Nichts ....
Jetzt sag' einmal, mein Schatz, möchtest du nicht etwas essen oder trinken?
Das süße Mädel.
Durst hab' ich eigentlich keinen. Aber Appetit.
Der Dichter.
Hm .... mir wär' lieber, du hättest Durst. Cognac hab' ich nämlich zu Haus, aber
Essen müßte ich erst holen.
Das süße Mädel.
Kannst nichts holen lassen?
Der Dichter.
Das ist schwer, meine Bedienerin ist jetzt nicht mehr da – na wart' – ich geh'
schon selber .... was magst du denn?
Das süße Mädel.
Aber es zahlt sich ja wirklich nimmer aus, ich muß ja so wie so zu Haus.
Der Dichter.
Kind, davon ist keine Rede. Aber ich werd' dir 'was sagen: wenn wir weggeh'n,
geh'n wir zusammen wohin nachtmahlen.
Das süße Mädel.
Oh nein. Dazu hab' ich keine Zeit. Und dann, wohin sollen wir denn? Es könnt'
uns ja 'wer Bekannter seh'n.
Der Dichter.
Hast du denn gar so viel Bekannte?
Das süße Mädel.
Es braucht uns ja nur Einer zu seh'n, ist's Malheur schon fertig.
Der Dichter.
Was ist denn das für ein Malheur?
Das süße Mädel.
Na, was glaubst, wenn die Mutter 'was hört ....
Der Dichter.
Wir können ja doch irgend wohin gehen, wo uns niemand sieht, es gibt ja
Gasthäuser mit einzelnen Zimmern.
Das süße Mädel (singend).
Ja, beim Souper im chambre separée!
Der Dichter.
Warst du schon einmal in einem chambre separée?
Das süße Mädel.
Wenn ich die Wahrheit sagen soll – ja.
Der Dichter.
Wer war der Glückliche?
Das süße Mädel.
Oh das ist nicht, wie du meinst .... ich war mit meiner Freundin und ihrem
Bräutigam. Die haben mich mitgenommen.
Der Dichter.
So. Und das soll ich dir am End' glauben?
Das süße Mädel.
Brauchst mir ja nicht zu glauben!
Der Dichter (nah bei ihr).
Bist du jetzt rot geworden? Man sieht nichts mehr! Ich kann deine Züge nicht mehr ausnehmen. (Mit seiner Hand berührt er ihre Wangen.) Aber auch so erkenn' ich dich.
Das süße Mädel.
Na, pass' nur auf, daß du mich mit keiner andern verwechselst.
Der Dichter.
Es ist seltsam, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie du aussiehst.
Das süße Mädel.
Dank' schön!
Der Dichter (ernst).
Du, das ist beinah' unheimlich, ich kann mir dich nicht vorstellen – In einem
gewissen Sinne hab' ich dich schon vergessen – Wenn ich mich auch nicht mehr
an den Klang deiner Stimme erinnern könnte .... was wärst du da eigentlich? –
Nah und fern zugleich .... unheimlich.
Das süße Mädel.
Geh', was redst denn –?
Der Dichter.
Nichts, mein Engel, nichts. Wo sind deine Lippen .... (Er küßt sie.)
Das süße Mädel.
Willst nicht lieber Licht machen?
Der Dichter.
Nein .... (Er wird sehr zärtlich.) Sag', ob du mich lieb hast.
Das süße Mädel.
Sehr .... oh sehr!
Der Dichter.
Hast du schon irgendwen so lieb gehabt wie mich?
Das süße Mädel.
Ich hab' dir ja schon gesagt nein.
Der Dichter.
Aber .... (er seufzt).
Das süße Mädel.
Das ist ja mein Bräutigam gewesen.
Der Dichter.
Es wär' mir lieber, du würdest jetzt nicht an ihn denken.
Das süße Mädel.
Geh' ... was machst denn ... schau ...
Der Dichter.
Wir können uns jetzt auch vorstellen, daß wir in einem Schloß in Indien sind.
Das süße Mädel.
Dort sind s' gewiß nicht so schlimm wie du.
Der Dichter.
Wie blöd! Göttlich – Ah wenn du ahntest, was du für mich bist ....
Das süße Mädel.
Na?
Der Dichter.
Stoß' mich doch nicht immer weg; ich tu' dir ja nichts – vorläufig.
Das süße Mädel.
Du, das Mieder tut mir weh.
Der Dichter (einfach).
Zieh's aus.
Das süße Mädel.
Ja. Aber du darfst deswegen nicht schlimm werden.
Der Dichter.
Nein.
Das süße Mädel (hat sich erhoben und zieht in der Dunkelheit ihr Mieder aus).
Der Dichter (der währenddessen auf dem Divan sitzt).
Sag', interessiert's dich's denn gar nicht, wie ich mit dem Zunamen heiß'?
Das süße Mädel.
Ja, wie heißt du denn?
Der Dichter.
Ich werd' dir lieber nicht sagen, wie ich heiß', sondern wie ich mich nenne.
Das süße Mädel.
Was ist denn da für ein Unterschied?
Der Dichter.
Na, wie ich mich als Schriftsteller nenne.
Das süße Mädel.
Ah, du schreibst nicht unter deinem wirklichen Namen?
Der Dichter (nah zu ihr).
Das süße Mädel.
Ah .... geh!.... nicht.
Der Dichter.
Was einem da für ein Duft entgegensteigt. Wie süß. (Er küßt ihren Busen.)
Das süße Mädel.
Du zerreißt ja mein Hemd.
Der Dichter.
Weg .... weg .... alles das ist überflüssig.
Das süße Mädel.
Aber Robert!
Der Dichter.
Und jetzt komm' in unser indisches Schloß.
Das süße Mädel.
Sag' mir zuerst, ob du mich wirklich lieb hast.
Der Dichter.
Aber ich bete dich ja an. (Küßt sie heiß.) Ich bete dich ja an, mein Schatz, mein
Frühling ... mein ...
Das süße Mädel.
Robert .... Robert ....
Der Dichter.
Das war überirdische Seligkeit .... Ich nenne mich ....
Das süße Mädel.
Robert, oh mein Robert!
Der Dichter.
Ich nenne mich Biebitz.
Das süße Mädel.
Warum nennst du dich Biebitz?
Der Dichter.
Ich heiße nicht Biebitz – ich nenne mich so .... nun, kennst du den Namen
vielleicht nicht?
Das süße Mädel.
Nein.
Der Dichter.
Du kennst den Namen Biebitz nicht? Ah – göttlich! Wirklich? Du sagst es nur,
daß du ihn nicht kennst, nicht wahr?
Das süße Mädel.
Meiner Seel', ich hab' ihn nie gehört!
Der Dichter.
Gehst du denn nie ins Theater?
Das süße Mädel.
Oh ja – ich war erst neulich mit einem – weißt, mit dem Onkel von meiner
Freundin und meiner Freundin sind wir in der Oper gewesen bei der Cavalleria.
Der Dichter.
Hm, also ins Burgtheater gehst du nie.
Das süße Mädel.
Da krieg ich nie Karten geschenkt.
Der Dichter.
Ich werde dir nächstens eine Karte schicken.
Das süße Mädel.
Oh ja! aber nicht vergessen! Zu 'was Lustigem aber.
Der Dichter.
Ja ..... lustig ..... zu 'was Traurigem willst du nicht geh'n?
Das süße Mädel.
Nicht gern.
Der Dichter.
Auch wenn's ein Stück von mir ist?
Das süße Mädel.
Geh' – ein Stück von dir? Du schreibst für's Theater?
Der Dichter.
Erlaube, ich will nur Licht machen. Ich habe dich noch nicht gesehen, seit du
meine Geliebte bist. – Engel! (Er zündet eine Kerze an.)
Das süße Mädel.
Geh', ich schäm' mich ja. Gib mir wenigstens eine Decke.
Der Dichter.
Später! (Er kommt mit dem Licht zu ihr, betrachtet sie lang.)
Das süße Mädel (bedeckt ihr Gesicht mit den Händen).
Geh', Robert!
Der Dichter.
Du bist schön, du bist die Schönheit, du bist vielleicht sogar die Natur, du bist
die heilige Einfalt.
Das süße Mädel.
Oh weh, du tropfst mich ja an! Schau, was gibst denn nicht acht!
Der Dichter (stellt die Kerze weg).
Du bist das, was ich seit lange gesucht habe. Du liebst nur mich, du würdest
mich auch lieben, wenn ich Schnittwarencommis wäre. Das tut wohl. Ich will dir
gestehen, daß ich einen gewissen Verdacht bis zu diesem Moment nicht
losgeworden bin. Sag' ehrlich, hast du nicht geahnt, daß ich Biebitz bin?
Das süße Mädel.
Aber geh', ich weiß gar nicht, was du von mir willst. Ich kenn' ja gar kein'
Biebitz.
Der Dichter.
Was ist der Ruhm! Nein, vergiß, was ich gesagt habe, vergiß sogar den Namen,
den ich dir gesagt hab'. Robert bin ich und will ich für dich bleiben. Ich hab'
auch nur gescherzt. (Leicht.) Ich bin ja nicht Schriftsteller, ich bin Commis und
am Abend spiel' ich bei Volkssängern Klavier.
Das süße Mädel.
Ja, jetzt kenn' ich mich aber nicht mehr aus ...... nein, und wie du einen nur
anschaust. Ja, was ist denn, ja was hast denn?
Der Dichter.
Es ist sehr sonderbar – was mir beinah' noch nie passiert ist, mein Schatz, mir
sind die Tränen nah. Du ergreifst mich tief. Wir wollen zusammen bleiben, ja?
Wir werden einander sehr lieb haben.
Das süße Mädel.
Du, ist das wahr mit den Volkssängern?
Der Dichter.
Ja, aber frag' nicht weiter. Wenn du mich lieb hast, frag' überhaupt nichts. Sag',
kannst du dich auf ein paar Wochen ganz frei machen?
Das süße Mädel.
Wieso ganz frei?
Der Dichter.
Nun, vom Hause weg?
Das süße Mädel.
Aber!! Wie kann ich das! Was möcht' die Mutter sagen? Und dann, ohne mich
ging' ja alles schief zu Haus.
Der Dichter.
Ich hatte es mir schön vorgestellt, mit dir zusammen, allein mit dir, irgendwo in
der Einsamkeit draußen, im Wald, in der Natur ein paar Wochen zu leben. Natur
.... in der Natur. Und dann, eines Tages Adieu – von einander gehen, ohne zu
wissen, wohin.
Das süße Mädel.
Jetzt redst schon vom Adieusagen! Und ich hab' gemeint, daß du mich so gern
hast.
Der Dichter.
Gerade darum – (Beugt sich zu ihr und küßt sie auf die Stirn.) Du süßes Geschöpf!
Das süße Mädel.
Geh', halt mich fest, mir ist so kalt.
Der Dichter.
Es wird Zeit sein, daß du dich ankleidest. Warte, ich zünde dir noch ein paar
Kerzen an.
Das süße Mädel (erhebt sich).
Nicht herschauen.
Der Dichter.
Nein. (Am Fenster.) Sag' mir, mein Kind, bist du glücklich?
Das süße Mädel.
Wie meinst das?
Der Dichter.
Ich mein' im allgemeinen, ob du glücklich bist?
Das süße Mädel.
Es könnt' schon besser gehen.
Der Dichter.
Du mißverstehst mich. Von deinen häuslichen Verhältnissen hast du mir ja schon
genug erzählt. Ich weiß, daß du keine Prinzessin bist. Ich mein', wenn du von
alledem absiehst, wenn du dich einfach leben spürst. Spürst du dich überhaupt
leben?
Das süße Mädel.
Geh', hast kein' Kamm?
Der Dichter (geht zum Toilettetisch, gibt ihr den Kamm, betrachtet das süße Mädel).
Herrgott, siehst du so entzückend aus!
Das süße Mädel.
Na .... nicht!
Der Dichter.
Geh', bleib' noch da, bleib' da, ich hol' 'was zum Nachtmahl und ....
Das süße Mädel.
Aber es ist ja schon viel zu spät.
Der Dichter.
Es ist noch nicht neun.
Das süße Mädel.
Na, sei so gut, da muß ich mich aber tummeln.
Der Dichter.
Wann werden wir uns denn wiedersehen?
Das süße Mädel.
Na, wann willst mich denn wiedersehen?
Der Dichter.
Morgen.
Das süße Mädel.
Was ist denn morgen für ein Tag?
Der Dichter.
Samstag.
Das süße Mädel.
Oh da kann ich nicht, da muß ich mit meiner kleinen Schwester zum Vormund.
Der Dichter.
Also Sonntag .... hm .... Sonntag .... am Sonntag .... jetzt werd' ich dir 'was
erklären. – Ich bin nicht Biebitz, aber Biebitz ist mein Freund. Ich werd' dir ihn
einmal vorstellen. Aber Sonntag ist das Stück von Biebitz; ich werd' dir eine Karte schicken und werde dich dann vom Theater abholen. Du wirst mir sagen,
wie dir das Stück gefallen hat; ja?
Das süße Mädel.
Jetzt, die G'schicht' mit dem Biebitz – da bin ich schon ganz blöd.
Der Dichter.
Völlig werd' ich dich erst kennen, wenn ich weiß, was du bei diesem Stück
empfunden hast.
Das süße Mädel.
So ..., ich bin fertig.
Der Dichter.
Komm', mein Schatz!
(Sie gehen.)