Robinson in Australien, Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder
Siebentes Kapitel.
Der Wind stand indeß noch immer aus Westen und die Wolke, von ihm getrieben, kam immer näher und näher; so wie sie aber heraneilte, wurde sie größer. Noch hohler als früher schon ging die See; die Wellen schlugen gegen die Seitenwände des Schiffs, als wollten sie sie zerschellen; der Schaum spritzte, so wie der Kiel die Wogen durchschnitt, so hoch empor, daß er auf's Verdeck niederfiel. Jetzt ließen sich auch bereits einzelne, noch in ziemlich großen Pausen kommende Windstöße verspüren; die freien Zwischenräume wurden immer kürzer, die Stöße selbst anhaltender. Endlich war der vollständigste Orcan da. Der Himmel hatte sich schwarz bezogen; es donnerte aus den Wolken; Blitze zuckten, die ganze Natur schien in Aufruhr zu sein. Die Wellen gingen so hoch, daß sie über das Verdeck stürzten und von demselben Manches mit sich in die Tiefe hinabrissen. Dazu kam die Nacht, die das Grausenhafte der Scene noch vermehrte.
Der Capitain war dem Anscheine nach ruhig, aber sehr bleich; ein Beben seiner Stimme, so oft er einen Befehl ertheilte, verrieth, daß er seine innere Furcht nur bemeisterte, vielleicht, um die Mannschaft nicht zu erschrecken: war diese doch ohnehin, trotz ihres Muthes, schon erschrocken genug, indem sich kaum einer erinnerte, je einen solchen Orkan erlebt zu haben.
Die ältesten und verwegensten Matrosen, Männer, denen sonst immer, nach der schlechten Gewohnheit der Soldaten und Seeleute, Flüche auf den Lippen schwebten, ließen alle Augenblicke ein: »Gott steh' uns bei!« oder: »Gott sei uns armen Menschen gnädig!« hören. Man vernahm weder mehr ein fröhliches Singen noch Pfeifen am Bord; Alles verrichtete seine Arbeit still; nur die Stimme des Capitains wurde von Zeit zu Zeit, Befehle ertheilend, gehört; oft übertobte der Sturm sie.
Die Gewalt desselben nahm mit jedem Augenblick zu, und obgleich die meisten Segel eingerefft waren, wurde das Schiff doch pfeilschnell vorwärts getrieben. Der Steuermann vermochte das Steuer nicht mehr zu regieren, sondern mußte das Schiff dem Winde und den Wellen fast gänzlich überlassen. Menschenmacht und Menschenhülfe vermochte nichts mehr: man mußte sich in Gottes Hand geben und glaubte dem Ende seiner Tage nahe zu sein.
Um das Unheil zu vermehren, brach endlich auch noch das Steuer entzwei, indem eine Stoßwelle dagegen schlug; jetzt gab es keine Lenkung des Schiffes mehr, und Luft und Wasser hatten freies Spiel.
Selbst dem Capitain entsank der Muth; bis dahin hatte er einen wirklich bewunderungswürdigen gezeigt. Sein Ansehen hatte etwas Furchtbares; sein Gesicht war todtenbleich, und sein krauses Haar sträubte sich auf dem Haupte empor; in seinen Mienen lagen Furcht und Entsetzen; allein kein Wort, das Furcht verrathen hätte, entfuhr seinen Lippen. Nur als er an William vorüberging, der in der Kajüte auf seinen Knieen lag und, wie seine fromme Mutter es ihm im Glück und Unglück gelehrt hatte, zu Gott um Rettung emporflehte, sagte Capitain Hansen wie vor sich hin:
»Armer Junge! Dein Leben habe ich auf dem Gewissen! Ich beging ein schweres Unrecht, das ich vor Gott zu verantworten haben werde, indem ich Dich Deiner Heimath und einer minder gefahrvollen Beschäftigung entriß.«
Obgleich nun die Gefahr mit jedem Augenblick höher stieg und Alle sich ihres Lebens begaben, war doch durch das Gebet eine größere Ruhe über das Herz des armen William gekommen. Wie oft hatte er seine gute Mutter in Augenblicken der Noth die Worte sagen hören:
»Nicht wie ich, sondern wie mein Vater im Himmel will?« und dieser sich jetzt erinnernd, sagte er sie auch, wodurch eine wahrhaft himmlische Ruhe über sein Herz kam. Zwar erfüllte ihn der Gedanke mit Betrübniß, schon so jung, so fern von der theuren Mutter und der geliebten Heimath sterben zu sollen, in die grausenvolle Tiefe des Meeres hinabsinken zu müssen; allein Schrecken oder wohl gar Entsetzen flößte er ihm nicht ein: wußte er doch, daß es nach diesem Leben noch ein anderes, wie die heilige Schrift verhieß, b e s s e r e s geben würde; wie hätte er sich also wohl vor dem Tode fürchten sollen? Daß er aber zu leben w ü n s c h t e , wie natürlich war das nicht?
So beschämte dieser Knabe in seiner durch wahrhafte Frömmigkeit und Gottergebenheit hervorgegangenen Ruhe die ältern Männer. Trotz derselben ließ er aber doch die Hände nicht in den Schoos sinken, sondern verrichtete mit Kraft und Besonnenheit die ihm aufgetragenen Geschäfte.
Die grauenvolle Nacht ging endlich vorüber und der Himmel klärte sich etwas auf. Von Zeit zu Zeit fiel ein Sonnenstrahl durch den dunklen Wolkenschleier, womit er überzogen war; aber der Sturm legte sich nicht und trieb das Schiff wie ein Spielwerk vor sich her. Wo man war, wußte man nicht, da eine Sturzwelle den Kompaß über Bord gerissen hatte, folglich der Capitain seine Beobachtungen nicht anstellen konnte; gelenkt konnte das Schiff auch nicht mehr werden, weil das Steuer zerbrochen war. Man sah kein Land mehr, nichts als das Wasser unter, den Himmel über sich.
Dies war, obwohl an sich schrecklich genug, doch gewissermaßen ein Trost für die armen Schiffbrüchigen, indem die größeste Gefahr ihnen von der Nähe des Landes kommen mußte. In dieser Nähe ist nämlich das Meer gewöhnlich mit verborgenen oder offenbaren Klippen und Felsenriffen besät, an denen steuerlose Schiffe unfehlbar scheitern müssen, wenn der Wind sie gegen dieselben treibt. Daher war es für unsere Seefahrer tröstlich, daß sie nirgends Land zu erspähen vermochten. Legte sich der Orcan nur bald, so durfte man sogar noch auf Rettung hoffen: das Schadhafte konnte ausgebessert, die zerrissenen Segel konnten geflickt werden und man, wenn gleich nur nothdürftig und mit großer Anstrengung, doch noch einen rettenden Hafen erreichen.
So betete jetzt Alles am Bord, ganz im Gegensatze zu früher: »Nur kein Land! Nur kein Land!« Der Sturm konnte, m u ß t e sich ja endlich doch legen; wenn aber das Schiff auf Klippen stieß, dann war keine Rettung mehr möglich.
Allein auch die letzte Hoffnung sollte zu Trümmern gehen. Nachdem das Schiff noch einige Stunden, vom Sturme gepeitscht, gegen Osten getrieben worden war, erblickte man ganz deutlich, und bereits mit bloßem Auge, den bewußten grauen Streif am Himmel, der auf Land deutete, und der Wind trieb das Schiff in gerader Richtung darauf zu.
Jetzt verstummte Alles vor Schrecken; der Capitain selbst bewahrte seine äußere Fassung nicht mehr und sagte der erschrockenen Mannschaft geradezu heraus, daß sie ihre Seele Gott befehlen möchten.
Immer deutlicher trat die Küste hervor – ob es eine Insel oder ein Festland sei, vermochte man nicht zu entscheiden, da man nicht wußte, wo man sich befand – und um den Schrecken noch zu vermehren, sah man, daß sie bergig war. Wenn sich aber Berge am Lande befanden, so durfte man schließen, daß sie bis ins Meer hinein sich erstrecken würden. Die Erfahrung lehrt nämlich, daß jedes Gebirge drei Abstufungen hat: das höchste oder Hauptgebirge; das Mittel- und endlich das Vorgebirge, welches letztere gewöhnlich sich in Klippen und Felsenriffen im Meere endigt. Letztere hatte man also jetzt auch an der Küste zu erwarten, auf die das steuerlose Schiff zugetrieben wurde.
Der Capitain ertheilte jetzt keine Befehle mehr; denn wie hätte man sie ausführen sollen? Die Mannschaft arbeitete nicht mehr; denn wozu konnte die Arbeit noch nützen? Eine tiefe, lautlose Stille herrschte am Bord; nur von Zeit zu Zeit stieg der Schiffszimmermann mit einer Laterne in den Raum hinab, um nachzusehen, ob auch kein Leck entstanden sei und das Schiff Wasser schöpfe. In dieser Hinsicht brachte er immer tröstliche Nachrichten mit herauf: der Boden des Schiffes war noch fest und kein Leck zu entdecken.
Da, als eben der Zimmermann wieder die Leiter hinan stieg, um sich aufs Verdeck zu begeben, erhielt die H o f f n u n g , Allen unerwartet, einen furchtbaren Stoß, so daß ihre eichenen Rippen erkrachten und Diejenigen, welche standen, in Gefahr waren umzufallen.
»Nun ist das Unglück da!« rief der Capitain aufspringend. »Es kann nicht fehlen, der Stoß muß einen Leck gegeben haben. Schnell hinab, Zimmermann!« herrschte er diesen an, »schnell hinab und nachgesehen, was es da unten gibt.«
Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, so erfolgte ein zweiter, noch weit heftigerer Stoß; dann stand das eben noch pfeilschnell dahinschießende Schiff plötzlich still, woraus man schloß, daß es sich zwischen zweien im Meere verborgenen Felsenriffen festgeklemmt habe.