Romanzen vom Rosenkranz
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Aber vor ihm fliegt ein Degen,
Senkrecht in die Erde dringend,
Den Meliore seinem Gegener
Kräftig aus der Faust legierte.
Und Apone fragt verlegen:
"Wer hat diesen Gruß geschicket?"
Und Meliore spricht: "Vergebet,
Es ist meines Gegners Klinge.
Nicht um Ehre, noch um Leben
Fecht ich hier, bloß um die Klinge:
Diese euch zu Füßen legend,
Wählt mein Glück euch selbst zum Richter.
Und ich reich euch meinen Degen,
Weil ich kann mit beßrer Sitte
Weder rechten hier, noch fechten!"
Spricht Apone — "Werdet stille!
Denn es ist ein schwerer Frevel,
Jetzt Tumulte anzuspinnen,
Da der ganze Staat sich trennet
In zwei feindliche Partien.
Wer jetzt offnen Lärm erreget,
Gleicht der Krähe, welche pickend
Auf dem hohen Alpenschnee
Anstoß gibt zu den Lawinen,
Die sich wälzend mächtig schwellen
Und verderbend niederdringen,
Mit des kalten Eises Decke
Städt und Dörfer überrinnend.
Übt ihr also meine Lehre,
Die euch auf die stolze Spitze
Höhrer Anschauung gestellet
Der Natur und der Geschichte?
O, ihr kramt noch im Elenden,
Streitend um gemachte Lichter,
Ihr, die ich so frei gelehret
Mit den Sternen umzuspringen!
Wollt ihr hier die Gieremei
Und die Lambertazzi spielen,
Die blind gen einander fechtend
Töricht hier ihr Blut vergießen?
Welcher Jammer könnt entstehen,
Wenn, in euern Lärm sich mischend,
Die argwöhnenden Geschlechter
Sich erblickten und erhitzten?
Und schon seh ich allerwegen
Müßig Volk heran sich ziehen.
Stecket ruhig ein die Degen,
Tretet um mich bei der Linde.
Wer war unter euch zugegen
Und nicht in den Streit verwickelt?
Er soll treulich das Entstehen
Dieses Kampfes mir berichten."
Aufgefordert naht der Redner,
Beißt rhetorisch sich die Lippe:
"Meister, deine Weisheit ehrend,
Preis ich selig mein Geschicke,
Daß mir ward ein großer Lehrer,
Der mich lehrte Frieden stiften.
Früher schon war mein Bestreben,
Diesen Zwiespalt zu vermitteln.
Doch mir war der Wind entgegen,
Der hier weht durch diese Linde,
Und die reizende Sirene,
Die in diesen Meeren singet.
Er verachtete mein Reden,
Und mit frecher Hand beschimpfte
Jenen er, der von Biondetten
Eine Pause wollt erzwingen.
Aber nicht um eigne Ehre
Hat der Kampf sich so erhitzet;
Herr, es galt um deine Lehre,
Die er traf mit giftgem Witze!"
Also schloß der falsche Gegner. —
Apo spricht: "Nun ins Gesichte
Wiederhole mir die Reden,
Knabe, die du sprachst zum Schimpfe!"
Doch Meliore hat vergessen,
Daß er stehet im Gerichte;
Er gedenket an Biondetten,
Wie sie sang die Totenhymne.
Was sie fromm für ihn gebetet,
Als er flehend zu ihr blickte,
Fühlt er schon als Himmelssegen
Sich durch alle Adern rinnen.
Wie in geisterfüllte Segel
Blickt er ins Gewölb der Linde,
Freudig stößt er ab die Erde,
Hin nach schönrer Heimat dringend.
Aber wie am Sterbebette
Rechnend gern der Teufel sitzet,
Zerrt ihn nun Apones Rede
Vom Unendlichen zur Ziffer.
"Meister, was Ihr habt begehret,
Laßt mich gütig nochmals wissen,
Sagt mir's schnelle, denn die Schwelle
Meines irdschen Hauses zittert."
Apo spricht: "Was meiner Ehre,
Meiner Lehre du zum Schimpfe
Sprachst, des Streites freche Quelle,
Sollst du in den Bart mir spritzen!"
Und Meliore spricht: "Vollendet
Hatte Guido grad, der Bildner,
Ein Gemälde voller Schrecken
Und zur Schau es ausgestellet.
Wie Aglaure und die Schwestern
Wild vom Wahnsinn sind ergriffen,
Kniend um den Korb Athenes,
Den sie treulos aufgerissen.
Giftig aus dem Korbe strecken,
Um das Kind Erechtheus ringelnd,
Sich zwei Schlangen, und Entsetzen
Packt die törichten Geschwister.
Um den Busen will sich Herfe
Gürtend eine Schlange winden,
Und es steigt ihr Haar zu Berge,
Denn das Tier hängt an dem Kinde.
Und Aglaurens Fäuste treffen
Rasend ihre eigne Stirne,
Während Krampf die Füße hebet
Und zu wilden Sprüngen zwinget.
Und Pandrosa zuchtvergessen
Hat sich das Gewand zerrissen;
Antlitz, Busen, Schoß und Lende
Sind ein Spiegel der Erynnen.
Hinter ihnen steht Athene,
Ernst in Marmor gottgebildet;
Bösen Fluges Vögel schweben
Um der fernen Tempel Zinnen.
Still und mannigfach erreget
Hatten wir dies Bild umringet,
Bis, sich ja nicht zu vergessen,
Einer alle schnell erinnert:
"Jedes Kunstwerk, das vollendet",
Sprach er und zog hoch die Stirne,
"Muß, um klar sich auszusprechen, # wird niemals beendet
Stehen auf ewigen Begriffen.
Doch, wie ich mich auch mag setzen,
Vor und in und nach dem Bilde,
Seh ich tot nur vor mir stehen
Dieses Werk des alten Pinsels. —
Ei, der zweite ihm entgegnet,
Mit der Schlange bei dem Kinde
Ist wohl auf das Leid des Herren
Und den Sündenfall gestichelt. —
Mit den törichten drei Schwestern
Meinet er, sprach dann der dritte,
Juden, Christen, Sarazenen
Streitend um die wahre Kirche. —
Und der vierte nun versetzte:
Die drei Tugenden der Christen
Sind es, die sich toll gebärden:
Glaube, Hoffnung und die Liebe: —
Und ein fünfter sprach: Ich sehe
Hier entsetzt die Charitinnen
Vor dem dreigeeinten Helden
In angstvoller Flucht begriffen. —
Ach, was können, sprach der sechste,
Juden, Sarazenen, Christen
Und die Grazien hier erhellen,
Die doch selbst Allegorien!
Mir sind es die drei Essenzen,
Die das Wesen Gottes bilden,
Im Begriffe eins zu werden
In dem Wahnsinne der Christen.
Und der siebente wollt sehen
Die drei Punkte Syllogismi,
Denen Abälard das Wesen
Der Dreieinigkeit verglichen.
Ja, sprach dann der achte frecher,
Sie sehn drein wie Heloise,
Die den Mittelsatz entbehret,
Weil den Nachsatz er vermisset.
Doch mir sinds drei Fakultäten,
Theologen, Mediziner
Und Juristen, sie umgeben
Tief erschreckt Apones Wiege. —
Und noch schlimmrer Rede Frevel
Stand ich vor dem Schreckensbilde
Mehr als durch es selbst entsetzet,
Doch ich wiederhol sie nimmer!
Und nun trat von seiner Schwelle
Guido selbst heraus zum Bilde;
Kahl, ein Greis, in seiner Rechten
Hielt er eines Messers Klinge.
Und er sprach: Mit frecher Rede
Habt ihr mir das Herz zerrissen!
Hat die rächende Athene
Euch, Gesellen, auch ergriffen?
Wißt, ich war in tiefster Seele
Lang ob dieser Zeit ergrimmet,
Welche zu entblößen strebet,
Was Gott keusch verhüllt will wissen.
Dieses schändlichen Entdeckens
Strafe wollte ich hier schildern,
Und ihr treibt denselben Frevel
Mir vor meinem züchtgen Bilde!
Doch ich folg des Herren Lehre:
Gibt dein Aug dir Ärgernisse
Reiß es aus, tritts an die Erde!
Liebes Bild, ich muß dich richten. —
Und nun riß er mit dem Messer
Zürnend durch des Bildes Mitte,
Und zertrat mit bittren Tränen
Wild sein mühsam Werk mit Füßen.
Seiner lachten noch die Frechen,
Dem das Liebste sie entrissen;
Das traf tief ihn in der Seele,
Und er stand in Tränen zitternd.
Und das Messer aus der Rechten
Mußt liebkosend ich ihm winden,
Daß er nicht zum Mörder werde,
Schmeichelnd in das Haus ihn zwingen.
Seine Axt, die in der Ecke
Stand — er ist zugleich ein Zimmrer —
Mußt die Tochter schnell verstecken,
Als ich ängstlich ihr gewinket.
Denn er war so tief erreget,
Daß er gänzlich schien von Sinnen
Und die Tochter kaum erkennte,
Vor ihm auf den Knien liegend.
Und er schrie: O Himmel, sende
Mir die Bären, die zerrissen
Jene Buben, den Propheten
Ob des nackten Hauptes schimpfend;
Denn mit Lachen seine Fenster
Jene gottlos noch umringten,
Und die Laden vorzulegen
Wollten sie mich schmähend hindern.
Schrieen scherzend: Freund, wir sehen
Uns dir heut sehr tief verpflichtet,
Weil du für uns einen Bären
Angebunden beim Philister! —
Da ich nun hinausgetreten,
Derb die Schmach mir zu verbitten,
Fragte mich dort jener Gegner
Höhnend mit dem frechen Witze:
Lag das Findelkind Biondette
Auch in solchen Schlangenwindeln,
Weil du, gleich den tollen Schwestern,
Sinnlos wardst, sie anzublicken? —
Alle lachten Beifall gebend.
Fassen konnte ich mich nimmer,
Und ich trat ihm wild entgegen,
Sprach zu ihm mit scharfer Stimme:
Schäm der Rede dich! Athene
Schämte auch sich dieses Kindes,
Denn sein Vater war, du Frecher,
Frech und wie dein Gleichnis hinkend!
Willst du deutelnd schärfer treffen,
Sprich: Des Teufels Hirngespinste,
Die mein Lehrer Weisheit nennet,
Sah ich in Erechteus Windeln!
Denn im trunkenem Erfrechen
Will sie sich mit Gott vermischen,
Und empfangen von der Erde
Gleicht sie wohl dem Drachenkinde.
Gleicht das trübe Wortgefechte,
Das die Schule um uns stricket,
Nicht dem Korb, in dem sich's dehnet,
Wenn die Schlangen aufwärts dringen?
Springt der Decke, und ihr stehet
Auf dem Standpunkt: den Alciden
Glaubt ihr in dem Korb zu sehen,
Wie er Schlangen würgt im Schilde!
Schreit auch wohl: "Ich will vergessen,
Daß im Spiegel dies gebildet,
Daß ich selbst ein Gott hier stehe,
Der sich auf sich selbst besinnet!
Und den letzten Flug erhebend
Zu den Göttern aufzudringen,
Bringt, den Gnadenstoß zu geben,
Euch der Teufel gar von Sinnen.
Euch steht nur das Haar zu Berge,
Und dies nennt ihr reines Wissen;
Nennts der Isis Schleier heben,
Hebt ihr schamlos euern Kittel!
Wie durchs Maul und um die Kehle
Schlechte Gaukler Viper schlingen,
Zieht der Teufel eure Seelen
Sich durchs Maul philosophierend.
Und ihr könnet nicht mehr beten
Und ihr könnet nicht mehr dichten.
Die die Schlange hat zertreten,
Ist barmherzig, Gott ist Richter! —
Also habe ich geredet,
Zwar erregt, doch wohl bei Sinnen,
Und sie drängten mit dem Degen
Mich bis zu der heilgen Linde,
Wo ich zu Biondettens Ehre,
Aber nicht zu Eurem Schimpfe,
Ruhig bliebt bei meiner Rede.
Meister, nun seid Ihr der Richter!"
Und Apone zornbeweget
Spricht mit falscher Kälte: "Immer
Betend, horchend, fechtend, redend
Finde ich dich bei der Linde!
Jacopone, dein gelehrter
Bruder, lehrt dich wohl die Schliche;
Er kann auch die Worte drehen
In der Kirch und vor dem Richter.
Er, der die Parteien hetzet,
Um sie künstlicher zu schlichten,
Als wenn ich ein Bein verrenkte,
Um es wieder einzurichten.
Ihn, der naseweis sich stellet
In der Fraktionen Mitte, # Faktionen
Werden einst die Schweine fressen
Weil er sich der Kleie mischet.
Du bist von ihm angestecket,
Dem juristischen Philister,
Der verachtend meine Lehre
Im lateinschen Stalle mistet.
Doch die Gieremei werden
Einst verfluchen seine Listen,
Und die Lambertazzi werden
Einst bereuen seine Pfiffe.
Und ihr Streit wird dann erst enden,
Wenn in seines Herzens Mitte
Ihre Klingen sich begegnen,
Einen ewgen Frieden stiftend!"
Und Meliore spricht: "O Lehrer,
Übel bleibst du bei der Klinge;
Um mich bitterer zu treffen,
Willst du meinen Bruder schimpfen!
Ungerechter, den gerechten
Bruder du statt meiner schimpfest,
Denn du träffst auf den Unrechten,
Schimpftest du ihm zu Gesichte!
Um das Recht mit Spott zu treffen,
Willst die Rechte du beschmitzen,
Doch ich räche den Gerechten,
Deines Beispiels mich bedienend.
Du sprachst, unser Streit sei Frevel,
Weil er leicht das Volk erhitze,
Und im Zorne wirst du selber
Jener Anstoß der Lawine!
Ob dem reinen Glanz des Schnees
Leicht ein dunkler Rab erbittert,
Und den bösen Schnabel wetzend,
Stößt er nieder die Lawine!
Schmähst du meines Bruders Ehre,
Dieser Musenalpe Zierde,
Sonnenglänzend auf dem ewgen
Eispalaste der Juristen,
Schmähst du ewige Gesetze,
Der Gesellschaft Urgranite,
Dann schimpfst du den Kern der Erde,
Der zum Licht dringt in Gebirgen!" —
"Ja, ich schmähe," sprach der Lehrer,
"Die Pandektentitel-Flicker
Und die unfruchtbaren Rechte,
Kahl wie deine Urgranite!
Die sich immer kahl vererben,
So wie öder Berge Gipfel,
Von Geschlechte zu Geschlechte
Ihre alten Knoten schlingend.
Und wie magst du diese Zwerge
In papiernen Nestern nistend,
Noch vergleichen mit den Bergen,
Die juristischen Philister?"
Und Meliore spricht: "Die Zwerge,
Ja sie wohnen in Gebirgen,
Schmieden dort die starken Schwerte,
Eitle Riesen zu bezwingen.
Aus der Tiefe mit den Bergen
Wächst das Eisen auf zum Lichte,
Und von ihnen wiederkehret
Alles zu der Tiefe wieder.
So steigt nieder von den Bergen
Die Natur, und ihren Gipfeln
Sind die weiten Sündflutmeere,
Ist der Zorn zuerst entwichen.
So steigt nieder von den Bergen
Die Geschichte: auf der Spitze
Sinai gab Gott Gesetze
Mosen für die Israliten.
Wenn die Erde längst verwelket,
Steht noch das Granitgerippe,
Und des Wassers Flut begegnend
Heulet drum das Spiel der Winde.
So auch stehen die Gesetze,
Wenn die Staaten rings versinken
Und unzählige Geschlechter
An dem alten Recht sich bilden."
Apo spricht: "Das Recht so kennend,
Wirst du das Gesetz auch wissen,
Daß Bologna Repetenten
Nie erkennt ungraduieret.
Und du hast das kaum Erlernte
Dennoch mir hier repetieret;
Du kurzärmiger Geselle,
Wisse, daß du delirierest!
Denn die Kerkerstrafe stehet
Auf dem offnen Disputieren
Von Studenten gegen jeden,
Den die höhern Würden zieren." —
"Ja, ich kenne die Gesetze,"
Spricht Meliore, "und die Pflichten
Eines Christen, daß er rede
Den Verkehrten ins Gewissen." —
"Predge weiter," sprach der Lehrer,
"Und entpflichte dich, mein Christe,
Daß ich dem Gesetz dich gebe
Ungestört in deinen Pflichten!"
Und Meliore sprach: "Ich nenne
Jene Berge, euch Gewitter;
Euer dunkelmaulend Wesen
Ist nur dunkel, um zu blitzen.
Seit die Welt im Zirkel gehet,
Kühlet sich das Wetter blitzend,
Doch, als sei's das erst und letzte,
Bläht sich jegliches Gewitter.
Nur daß man die Sterne heller
Sehe auf der Berge Gipfel,
Lasset ihr, euch selbst verwetternd,
Euren trüben Schwall verwittern.
Und wo werdet ihr dan stehen,
Wann zuletzt der ewge Richter
Nach den ewigen Gesetzen
Euch und jene kommt zu richten?
Die geschimpfet auf die Recht,
Werden stehen auf der Linken,
Da wo Gottes Affen stehen,
Die gefallnen Engel hinkend.
Die unzähligen Systeme
Frevelnder Philosophien
Werden flehen, bei den Hexen
Auf den Besen aufzusitzen.
Ihr Allfresser, wo des ersten
Magen noch der zweite frisset,
Wenn ihm selbst schon aufgefressen
Seinen Magen hat der dritte!
Ja, der Teufel wird den letzten
Noch zertrennen in der Mitte,
Daß das Maul den Leib kann fressen;
So wird sich die Kete schließen!
Meister, du hast diese Schwerter
In der Schule selbst geschliffen,
Höhre Anschauung mich lehrend
Der Natur und der Geschichte." —
Aber zu dem Volk gewendet
Ruft Apone: "Holla, Sbirren,
Diesen Jüngling führt zum Kerker!"
Und Meliore wird umringet.
Nochmals blickt er nach Biondetten,
Folget freudig dann den Sbirren,
Als sollt er zur Hochzeit gehen,
Denn er höret ihre Stimme.
Und zu seinem Turme kehret
Apo wird, finstern Blickes;
Brach er gleich den Speer der Rede,
Haftet tödlich doch der Splitter.
Freudig nichtig, gleich Raketen,
Luftgetragen auf den Stimmen
Hört er noch ein Vivat brennen,
Und der Schwarm verliert sich singend.
Leise Lüfte hör ich wehen,
Schüchtern kehren zu der Linde
Auch die Vögel, und es treten
Aus dem Haus die beiden Kinder.
Rosablanka und Biondette
Grüßen sich mit stummen Winken;
Da sich ihre Wege trennen,
Lassen sie die Blicke sinken.
** Romanze VI: Pietro
Sieh, es schürzet Rosablanke
Sich ihr Röcklein vor dem Tore,
Rückt den Korb, daß er nicht wanke,
Sich bequemer auf dem Kopfe.
Ganz befangen in Gedanken
Und erfüllt mit neuer Sorge
Eilet durch das Feld die Schlanke
Wie auf traumbeschwingter Sohle.
Höret nicht den "Guten Abend",
Den der Wandrer ihr geboten,
Und erwidert kaum das Amen
Auf ein: Jesus sei gelobet!
Aber an den letzten Garten
Steht des Gärtners Fenster offen:
"Rosablanke, Rosablanke!"
ruft er ihr mit freudgem Tone.
"Willst du so vorüber wandeln?
Nimm vorlieb; hier sind Melonen,
Feigen, Ananas, Orangen,
Alle bloß für dich gebrochen!
Lange hab ich dein geharret;
Die mit dir zum Markte zogen,
Sind schon lang zurückgewandert.
Wo hast du so lang verzogen?"
Und die Jungfrau spricht, sich sammelnd:
"Bald hätt ich mein Wort gebrochen,
Aber lieber mirs erlasse,
Denn es sinket schon die Sonne!
Ängstlicher, als du geharret,
Harret mein der Vater Kosme.
Sieh, wie lange schon die Schatten!
Wäre ich den Berg erst oben!
Sei Geleitsmann deinem Gaste,
Ich will deine Güte loben!"
Also bittet Rosablanke;
Jener greift nach seinem Korbe,
Füllt ihn unten mit Orangen,
Legt die zarten Feigen oben,
Hängt zur Schulter ihn am Stabe,
Tritt heraus und schließt die Pforte.
Und er spricht zur Seite wandelnd:
"Zürnen hätt ich mit dir sollen,
Sehnlich hab ich dein geharret,
Und nun ist auch dies verloren!
Dies ist ihrer Schritte Schallen,
Glaubt ich, wenn mein Herz so pochte,
Blickte ängstlich durch die Kammer
Ob auch alles sei geordnet.
Und wenn ich dann wieder dachte:
Sie versprach dirs nur zum Hohne,
Fühlt das Herz ich lauter schlagen
Als den Tritt der leichten Sohlen.
Wer mir bot den guten Abend,
War an mir zum Lügner worden,
Und die schnellen Stunden standen
Boshaft still an meiner Pforte."
Also sprach er. Tränen drangen
Ihm ins Aug, geheime Boten
Züchtger Flamme, die gefangen
Lag bis jetzt im Jugendstolze.
Doch dies fühlt nicht Rosablanke.
Ungeschickt zu seinem Troste
Spricht sie: "Gib mir die Orangen,
Die du für mich abgebrochen!"
Nimmt die goldne Frucht und danket.
Mutiger spricht er: "O Holde,
Wolltest du mit gleichem Danke
Nehmen, was du selbst gebrochen!
Was vertraulich bei dem Mahle
Ich, dein Wirt, dir bieten wollte,
Dieses Herz muß auf der Straße
Scheu und unstet ich dir opfern.
Mich ernähret wohl mein Garten;
Um Bologna aller Orten
Siehst du keinen so gewartet
Und so vorteilhaft geordnet.
Und, verzeih, ich muß es sagen;
Also hab ich ihn erzogen
In dem heimlichen Verlangen,
Daß du drinnen mögest wohnen.
Wärst du mit hineingegangen,
Unter bunten Blumenkronen
Eine Königin, empfangen
Hätt ich dich mit dieser Krone!"
Und nun setzt er Rosablanken
Auf das Haupt die Blumenkrone,
Die er in dem Korb bewahret,
Ruhend auf den Früchten oben.
Und die Jungfrau in Gedanken
Gehet mit bekränzten Locken
Ihm zur Seite durch den Abend,
Gleichend einer stummen Flore.
Pietro aber spricht: "Dein Vater
Könnte dann bei uns auch wohnen,
Und er wäre nie verlassen,
Eines blieb ihm stets zum Troste.
Und an manchem schönen Abend
Kömmt mein Bruder Jacopone,
Der an Weisheit hochgeachtet,
In den Garten, sich erholend.
Und zur Freundin wirst du haben
Rosarosen, seine fromme
Stille Gattin; dir gefallen
Wird mein Bruder auch, Meliore."
Aber stumm bleibt Rosablanke,
Und der Jüngling spricht betroffen:
"Schweige nicht, o laß mich Armen
Nicht in zweifelhaftem Troste.
Seit als Gärtner deinem Vater
Ich gepflegt die roten Rosen,
Trag ich heimlich, Rosablanke,
Weißer Rosen bittre Dornen.
Ich versetzte ihm im Garten
Weiße, rote, gelbe Rosen
Und begehrt am letzten Abend
Eine weiße mir zum Lohne.
Da gabst du von deinem Stamme
Mir ein Zweiglein, dicht in Moose
Hüllt ich's, trug's zu meinem Garten,
Stellt es in den besten Boden.
Schonend ist der Sonne Wagen
Über dieses Reis gezogen,
Segnend hat des Mondes Schale
Guten Tau zu ihm gegossen.
Hoch bei goldnen Pomeranzen
Rankt sie aus den grünen Wolken,
Deines Namens Sternbild strahle
Günstig meinem Horizonte!
Paradiesisch blüht der Garten,
Seit die Rose bei mir wohnet,
Und ich gleich dem ersten Manne,
Eh das Weib geschaffen worden."
Aber Rosablanke dachte
Nun des Traums von diesem Morgen,
"Pietro," sprach sie, "eine Schlange
Rankt um deinen Baum die Rose!
Und der Herr hat sie geschaffen
Aus der sehnsuchtvollen Woge
Seines Busens; des Entschlafnen
Herz entstieg die Traumgeborne.
Die Orange wird zum Apfel,
Und der Apfel wird zum Tode,
Willst du schließen in die Arme,
Die dir in dem Herzen wohnet.
Heute früh in meinem Garten
Grub er traurig bei den Rosen
Nach dem göttlichen Erbarmen,
Das er mit dem Weib verloren.
Und die bunte, böse Schlange
Drang zu mir und meinen Rosen,
Doch Mariens Füße traten
Nieder diese Schuld des Todes.
Nimm zurücke die Orange,
Die du mir vom Baum gebrochen,
Denn ich teile keinen Apfel
Weil der Herr um mich gestorben."
Also redet Rosablanke.
Pietro schweigt, und tief betroffen
Legt der Jüngling die Orange
Zu den andern in dem Korbe.
Schweigend gehn sie nun zusammen
Bis zu der Kapelle oben,
Und des Abends Zaubergarten
Schwankt vor ihrem Aug entrollet.
Aus den Tälern wächst der Schatten,
Und es betet schon die Sonne
Ihren Abendsegen, schwankend
Auf des Waldes goldnen Kronen.
Durch des Himmels Gründe wallen
Wolkenschafe, goldgeflocket;
In dem Abendmeere badend
Trinken sie die Purpurwoge.
Und zum Rosengarten wandelt
Sich zu baden nun die Sonne,
Einen Mantel webt im Schatten
Ihr die Nacht aus grauem Flore.
Als sie schwebet ob dem Bade,
Gleicht es einem Feueropfer,
Sie dem Phönix, der mit Flammen
Sich verjünget in dem Tode.
Aber rings aus Luft erstarren
Hohe Purpurburgen, golden
Wundervolle Inseln wachsen
Aus des Äthers glühnden Wogen.
Und die Inseln werden Drachen
Und die Burgen all Sankt George
Und der Sonne Strahlen Lanzen,
Gen die Drachen blank erhoben.
Aber ewig sich verwandelnd,
Wo sie aufeinander stoßen,
Ziehn sie eine Bucht kristallen
Um der Sonne Bad voll Rosen.
Wie ein Schäfer scheu und schmachtend,
Lauschend schleicht auf leichten Sohlen
Zu der spröden Hirtin Bade,
Zieht der Mond schon hinter Wolken.
Nieder zuckt sie gleich Dianen;
Jungfräulich erglühnd im Zorne
Spritzt empor sie Goldkristalle,
Birgt den Schoß im Wellenschoße.
Und der Mond, den Tropfen trafen,
Steht gehörnt gleich Aktäone,
Und zu Sternen rings erstarren
Um ihn her die goldnen Tropfen.
Mahnend zieht die Nacht den Mantel
Vor des Unterganges Tore,
Und die Herzen fühlen alle,
Wer verloren, wer gewonnen.
Seine Schmerzen nicht mehr fassend,
Spricht nun Pietro: "Deine Rosen,
Sonne, sind im Abendgarten
All verblutet an den Dornen.
Paris gab den goldnen Apfel
Liebend hin der Schaumgebornen,
Aber mir ward ausgeschlagen
Die Granate, scheu geboten!
Und die Sonne gleicht dem Apfel,
Paris gleicht dem Silbermonde,
Und das Meer des Unterganges
Der entschleierten Dione.
Aber ach, meine Granate
Gleicht den Äpfeln von Gomorrha,
Innen voll von giftger Asche,
Außen lustig und voll Wohnne.
Und es drohet mir die blanke
Todessichel dort des Mondes,
Wie in meinem armen Garten
Tödlich steht die weiße Rose!" —
"Pietro!" spricht nun Rosablanke,
"Umschaun hat der Herr verboten,
Sahst du in den Abendflammen
Sodom und Gomorrha lodern.
Gab zurück ich dir den Apfel,
Denk getröstet meiner Worte:
Keinen Apfel mit dem Manne
Teil ich; Jesus ist gestorben!
Lasse sinken all dies Trachten,
Lasse sinken diese Sonne,
Lasse wachsen diese Schatten!
Sinkt zur Ruhe, wächst zum Troste!
Sieh, die Kerne der Granate,
Die verglichen du der Sonne,
Sind als Sterne aufgegangen,
Leuchtend zu den Ewgen Lobe.
Betend sollst du nun betrachten,
Wie gehütet von dem Monde
Sie wie Gottes Lämmer wandern,
Und du sollst nicht trauern wollen.
Trauern nicht um die Granate,
Trauern nicht um eine Rose,
Trauern nicht um Rosablanke,
Die dem Himmel sich verlobet!"
Und nun nimmt sie die Gewande
Von Biondetten aus dem Korbe,
Legt sie an und fromm verwandelt
Steht sie eine weiße Nonne.
Pietro spricht: "Leb wohl, zum Garten
Kehre ich, die Hochzeitskrone
Pfleg ich dir, dir muß sie tragen
weiße Rosen, mir die Dornen!"
Und zur Erde kniet er jammernd,
Aus den dunklen Augen flossen
Tränen heiß, und seine Arme
Hielt er schmerzemporgehoben.
Aber in den Büschen raschelt's,
Und die Jungfrau spricht: "Es kommen
meine Freunde, ausgegangen
Sind die Hirsche, mich zu holen.
Beten werd ich noch heut abend,
Daß die kühlen Tauestropfen
Diese Nacht dein Herz erlaben,
Und dich ruhig seh der Morgen."
Pietro spricht: "Es wird die Flamme
In der Nacht noch wilder lodern,
Büßend streue meine Asche
Sich ins falbe Haar Aurore!"
Doch sie schreitet zu dem Walde:
"Jesus Christus sei gelobet!"
Pietro spricht ein leises Amen,
Und der Mond tritt aus den Wolken.
** Romanze VII: Kosmes Buße I
Allem Tagewerk sei Frieden,
Keine Art erschallt im Wald,
Alle Farbe ist geschieden,
Und es raget die Gestalt.
Tauberauschte Blumen schließen
Ihrer Kelche süßen Kranz,
Und die schlummertrunknen Wiesen
Wiegen sich in Traumes Glanz.
Wo die wilden Quellen zielen
Nieder von dem Felsenrand,
Ziehn die Hirsche frei und spielen
Freudig in dem blanken Sand.
In der Düfte Schwermut wiegen
Sich die Rosen in den Schlaf,
Das Geheimnis ruht verschwiegen,
Das sie in den Busen traf.
Und es wandeln, die sich lieben,
Flüsternd auf dem selgen Pfad,
Wo sie gestern Scherze trieben,
Zu des Meeres Glanzgestad.
Die Sirene stimmet wieder
Ihre giften Lieder an,
Und die Herzen tauchen nieder
In untiefen süßen Wahn.
Denn es schied die Sonne wieder
In der ewgen Flammen Pracht,
Und es hebt die dunklen Glieder
Abermals die alte Nacht.
Und die Erde aufgeriegelt
Sendet ihren Geist heran,
Um das Haupt schwebt sternbesiegelt
Ihm der blaue Weltenplan.
Und des Waldes dunkle Riesen
Drängen sich ums enge Tal,
Und durch ihre Kronen gießen
Sterne geisterhaften Strahl.
Aus der Tiefe aufgewiegelt
Wachsen stumme Brunnen an,
Drinnen schaun sich mondumspiegelt
Die Gedanken traurig an.
Vor der Hütte setzt sich nieder
Kosme, lauschet nach dem Wald,
Ob nicht aus der Ferne wieder
Seines Kindes Stimme schallt.
Ob sie jenseits aus der Tiefe,
An dem schroffen Felsenhang,
Nicht das treue Echo riefe
In dem nächtlich späten Gang.
Aber nur die Melodieen
Höret er der Nachtigall,
Und zu seinem Herzen ziehen
Nicht der Töne Flug und Fall.
Ihm ergießet keinen Frieden
Der prophetschen Sterne Strahl,
Alle seine Pulse schmieden
Eines bösen Schwertes Stahl.
Die Milchstraße sieht er liegen
In des blauen Himmels Bahn;
Da stehn aller Waisen Wiegen,
Lehret ihn ein frommer Wahn.
Und er denkt der bösen Liebe
Und der Früchte, die sie gab,
Die in sündlich frechem Triebe
Er dem Schicksal übergab.
Und die Sünde warf ihn nieder,
Fesselt ihn in schwerer Acht,
Und mit bitterem Gefieder
Rauscht um ihn die böse Nacht.
Tief in Ängsten schon erlieget
Er des Herzens bangem Schlag,
Denn in dieser Nacht gewieget
Wird verhängnisvoll ein Tag.
Denn das Weib, das er geliebet,
Ging zu Grabe diese Nacht,
Und die Tochter, die er liebet,
Kam zum Leben diese Nacht.
Und die Sünde, nie besieget
Durch der Reue bittre Macht,
Jene Schuld, der er erlieget,
War erzeuget diese Nacht.
Und er wühlet in der Tiefe
Seiner Brust der Sünde nach,
Daß die Reue nicht entschliefe,
Schreit er seine Tote wach.
Und er sieht sie heilig knieen,
Wie er sie durchs Gitter sah,
Sieht sie dann die Glocke ziehen,
Da der böse Feind ihm nah,
Der die Farben ihm gerieben,
Als ein heilig Bild er malt,
Und den Schuldbrief ihm geschrieben,
Den nur ewger Tod bezahlt.
Ach! auch sie ist da erschienen
Seinen Augen keusch und klar,
Wie sie als Modell sollt dienen
Zu dem Bilde am Altar.
Mit den frommen heilgen Mienen,
Mit den Rosen in dem Haar;
Seinen Augen, brünstgen Bienen,
Sie die süße Blume war.
Lust und Sünde sieht er wieder,
Bis sie tief im Elend starb,
Die Verzweiflung reißt ihn nieder,
Weil er sie durch Lust verdarb.
Ach, daß alle Berge fielen
Und bedeckten ihn im Tal!
Wollten doch die Blitze zielen
Auf sein nackte Haupt zumal!
Ach, daß alle Wasser stigen,
Und es säh der neue Tag
Öde, weite Fluten liegen,
Wo er heute weinend lag!
Möchte dann die Taube fliegen
Mit dem milden Frühlingsblatt,
Sich en Friedensbogen biegen,
Wo er schwer gebüßet hat.
Aber weh! das Nachtgefieder
Schwingt der Rabe wild und hart,
Stürzt sich auf sein Haupt hernieder
Das in bösem Traum erstarrt.
Kalte Schrecken um ihn fließen,
Und Entsetzen sträubt sein Haar:
Wehe, dorten auf den Wiesen
Werden die Gesichte wahr!
An dem Walde ist erschienen
Eine weibliche Gestalt,
Von dem Haupte mondbeschienen
Das Gewand herniederwallt.
Gleich wie weiße Schwäne fliehen
An der dunklen Wälder Rand,
Sieht er eine Nonne ziehen
Längs des Gartens Schattenwand.
Jetzt sieht er den Schleier fließen,
Sieht die Füße blank und bar,
Sieht den Strick den Leib umschließen
Und die Rosen in dem Haar.
"Wehe, wehe, noch hienieden
Schwebst du, teure Seele, arm!
Wehe, wehe, noch kein Frieden!
O, daß sich der Herr erbarm!"
Und der Schrecken reißt ihn nieder,
Doch ihn faßt kein kalter Arm:
"Vater, find ich so dich wieder?
O, daß Gott sich dein erbarm!"
** Romanze VIII: Kosmes Buße II
Nieder stieg die Sonne wieder
Auf des stummen Hügels Rand
Und sieht scheidend ernst hernieder
In das dämmervolle Land.
Ihre Strahlen fallen schiefer
An der engen Kammer Wand,
Malend an der Kerze, tiefer
Sinket Kosme fleißge Hand.
Lang nach jenem Bilde sieht er,
Das er hänget an die Wand,
Und zur Erde kniet er nieder,
Weit die Arme ausgespannt.
Und er spricht: "O Herr, den Frieden
Gabst du, an das Kreuz gespannt,
Und das Kreuz, es blieb hienieden,
Du hast dich zu Gott gewandt.
Sieh gekreuzet mich hier knieen
In der schweren Sünde Last,
Bis du, Herr, auch mir verziehen,
Auch für mich gelitten hast.
Ach, das Herz ward dir durchspießet
Von verräterischem Stahl,
Blutge Versöhnung sprießet
Aus der heilgen Wunden Mal.
Aber ach, die Sonne spielet
Ewig nur mit meiner Qual,
Ewig, ewig sie mir zielet,
Nimmer tötet mich ihr Strahl.
Wenn so rasch die Wolken fließen
Um den nackten Feuerball,
Alle Narben sich erschließen,
Aufstehn meine Sünden all.
So wenn einst die Engel ziehen
Mit der Zornposaune Schall,
Nahn die Toten aufgeschrieen
In des Wahnes Widerhall.
Nieder schmilzt der Sonne Siegel
Vor des Richters jüngstem Tag,
Es zerbricht des Todes Riegel,
Klar steht, was verloren lag.
Und der ewgen Schönheit Spiegel
Spiegelt jegliche Gestalt,
Und des Rechtes Feuertiegel
Prüfet jeglichen Gehalt.
Wohin soll ich dann mich schmiegen-
Wenn das Licht hoch überwallt?
In dem Staube werd ich kriechen
Mit der Schlange Mißgestalt.
Weh, die Sonne sinkt, vergießend
Blutge Tränen ohne Zahl,
Und aus ihren Tränen sprießen
Tausend Tränen bittrer Qual.
Und es weinen die Verliebten
Einsam in vergeßner Schmach,
Und es weinen die Geliebten,
Denen man die Treue brach.
Unter gingst du, Lustgezierte,
Der die Ehe mich verband,
Der aus schändlicher Begierde
Pflicht und Treue ich entwand.
Blutschuld ist die Rosenzierde
In der Sonne Untergang:
Fluch der teuflischen Begierde,
Die mit Sünde dich verschlang.
Alle Tränen, die du gießest,
Sinkend auf der ewgen Bahn,
Bis du deine Augen schließest,
Wachsen mir zur Sündflut an.
Und auf ihrer Woge ziehet
Dort des Mondes bleicher Kahn,
Aber keine Taube fliehet
Mit dem Ölblatt mir heran.
Mond, wie blinkst du bleich und siechend
An des Abends Rosengrab,
Wo die Sonne still versiegend
In den Schatten sinkt hinab.
Rosalata, du sankst nieder
Mit dem roten Rosenkranz,
Rosatristis, du kehrst wieder
Mit der weißen Rose Glanz.
Mond, ich sah dich mahnend ziehen
Wie ein Geist die Wolkenbahn,
Und ich muß hier weinend knieen,
Klagen mich der Sünde an.
Eile nicht, vorüberfliehend
Mit der Sichel scharf und blank;
Schneide ab den Stamm, der knieend
An der Erde welk und krank.
Eine Wagschal, hoch auffliegend,
Hebt die Buße dich hinan,
Meine Sünde nie aufwiegend
Klagest du vor Gott mich an.
Wie so weiß dein Schleier fliehet,
Nonne, durch den Sternensaal,
Mit dir betend, büßend, ziehet
Still der Sterne Nacht-Choral.
Aus der Unschuld Paradiesen,
Wo du trugst den Rosenkranz,
Irrest du, durch mich verwiesen
Mit des Schwertes Feuerglanz."
Doch der Mond zog stillverschwiegen
Hinter eine Wolkenwand,
Ließ ihn ungetröstet liegen,
Wo er ihn in Tränen fand.
Und er hebt sich von den Knieen,
Als er sein Gebet vollbracht;
Aber ihm ward nicht verziehen.
Auf dem Tale lag die Nacht.
** Romanze IX: Apo und Moles auf dem Turme
In des Turmes höchster Kuppel,
Unter seinem Fuß die Glocke,
Sitzt Apone, und die Uhren
Rasseln unter ihm im Boden.
In des hohlen Spiegels Runde,
Gegenüber einem Loche,
Sieht die weite Stadt er ruhen
Abgetürmt am Horizonte.
Doch des Meisters Blicke suchen
Rings umher im weiten Bogen,
Bis sie auf der hohen Kuppel
Des Theaters fest geworden.
Also mit den Augen wurzelnd
Sieht er ziehn die wilden Wolken,
Und die hohen Sterne funkeln
Aus des Himmels tiefer Woge.
Und er spricht mit finsterm Munde:
"Venus, du bist mir gewogen,
Du hast mich zu guter Stunde
Immer mächtig angezogen!
Alle kenn ich euch, ihr Kunden,
Die, man sagt, den Herren loben,
Doch der Herr sitzt manchmal unten
Und die Diener stehen oben!
Sterne, ich bin euch verbunden,
Ich hab mich mit euch verwoben,
Und ich kenne eure Stunden,
Lasse euch nicht warten droben.
Auf der Erde gehn die Dummen,
Wissen nicht, was ihr nur wollet,
Doch ich kenne eure Summen,
Ja, ich weiß auch, was ihr sollet!
Halb nur sind die Kreaturen,
Denen Gott die Stirn erhoben
Und die göttlichen Naturen
Nicht erkennen, die da droben.
Als der große Geist des Grundes
Wollte überm Lichte wohnen,
Überschlug er sich im Sturze,
Und das Schwere ward geboren.
Und das Leichte muß sich suchen,
Daraus ward das Licht geboren;
Schweres Dunkel war nun unten,
Leichtes Licht, das schwebte oben.
Und das Schwere war umrungen
Von dem Leichten, und es rollet,
Bis geboren war das Runde,
Das unendlich ist geformet.
Da das Licht dazu gedrungen,
Ist das Feuer aufgelodert,
Hat mit seiner bösen Zunge
Schnell das Wasser hergelocket.
Und aus dieses Kampfes Schwunge
Ward der Raum zur luftgen Woge,
So daß, wenn der eine zucket,
Wird der andre angestoßen.
Und dem Kampfe ist entsprungen,
Was hienieden irdisch wohnet,
Was da droben himmlisch rundet,
Was im Ganzen göttlich thronet.
Der gespalten, was verbunden,
Ist der Geist zum Fleisch geworden,
Aber Fleisch war eine Zunge,
Und die Zunge ward zum Worte.
Und der Mensch, der irdisch fußet,
Suchet seinen Gott im Hohen,
Der doch ist im Mittelpunkte
Und ihn reißet zu dem Boden.
Doch ich habe ihn gefunden:
Er der all den Streit erhoben,
Der gestört die tote Ruhe,
Ihm ist diese Welt entsprossen.
Er trägt mich mit festem Grunde,
Er hat mich aus Staub geboren,
Und die Sterne, die nicht ruhen,
Ziehn mich neidisch auf im Zorne.
Adam aus dem Erdengrunde
Ward als Geisel ausgeboren,
Und das Licht ab einen Funken
Als ein Unterpfand von oben.
Erde, feste Burg gerundet,
Schwebest in des Lichtes Wogen
Sicher, wie kein Schiff in Fluten,
Wie kein Kind im Mutterschoße.
Denn es sitzt am Steuerruder
Selbst des Lichts unehl'che Tochter,
Die Philosophia schlummert
Nie, und hält das Richt'ge oben.
Und Astronomia suchet
Rastlos an dem Himmelsbogen
Und dem Kompaß; alle Stunden
Geht die Welt nach ihren Polen.
Medizina heilt die Wunden
Mutig ringend mit dem Tode,
Und Magia hat des Sturmes
Flügel und des Windes Rosse.
O Magia, du des Dunkels
Schwarze, lichtentsprungne Tochter,
Du allein genügst zum Schutze,
Mag das Licht auch ewig toben!
Doch zum frechen Überflusse
Hat der Erdgeist auch geboren
Flaggen jeglicher Naturen,
Die allfarbgen Religionen.
Wenn das Schiffsvolk steht und murret
Und nicht trauet dem Piloten,
Wird die Flagge aufgewunden,
Und Begeistrung strahlt die Sonne.
Plagt die Krankheit und der Hunger,
Und das Wasser ist verdorben,
Da suffliert der Erdgeist dunkel,
Und sie beten, die Kujonen!
Also schwebt die Erde munter
Um des dunklen Geistes Pole;
Und sie dienen, dem sie fluchen,
Und er schämt sich, sie zu holen.
Doch das Licht und auch das Dunkel
Haben beide sich sich belogen,
Und die Lüge war das Wunder,
War das Wort, das Fleisch geworden.
Denn der Mann aus irdschem Grunde
War um Erdgeist nur geformet,
Daß das Licht, in ihm gebunden,
Sei gefesselt an den Boden.
Und vom Lichte nur durchdrungen
Ward der Mann, der Erdgeborne,
Daß der Erdgeist, sei gezwungen
In dem Manne hin nach oben.
So im wechselnden Betruge
Ist der Streit zum Fleisch geworden,
Und er herrscht im Mittelpunkte
Des unendlich ewgen Zornes.
Da das Licht den Schlaf erfunden,
Ward dem Mann das Weib geboren,
Durch den Baum des Bös und Guten
Führt der Erdgeist uns zum Tode.
Nach uns greift das Licht hinunter,
Ziehet mächtig uns nach oben,
Die Metalle schwer und dunkel
Ziehen nieder uns zu Boden.
Beiden Welten so verbunden
Wehet betend auf der Odem,
Wer erkennen will, was unten,
Stiehlt das hohe Licht von oben.
Als ich war im Licht betrunken
Und um Weisheit fleht von oben,
Sprach das Wort: Du sollst gesunden,
Wenn du mir das Fleisch willst opfern!
Wenn das Böse du verblutet,
Wenn versiegt der irdsche Bronnen,
Wenn du wandelst in dem Guten,
Magst du schauen in die Sonne.
Fasten sollte ich und hungern
Und entbehren alle Wonnen,
Recht in Schmerzen sollt ich wurzeln,
Um im Lichte aufzusprossen.
Mit dem Licht stieg ich hinunter,
Und der Erdgeist, leicht gewonnen,
Gab zu trinken mir das Dunkel,
Das in mir zum Licht geworden.
Und in diesem Licht betrunken
Ist mir die Erkenntnis worden,
Ich hab meinen Geist gefunden
Und verstehe seine Worte.
Wie die Sterne oben runden,
Die Metalle unten wohnen,
Wie die Sonnen gehen unter,
Wie herauf sich ziehn die Monde,
Fühl ich all in meinen Pulsen,
Und mein Fuß fühlt in dem Boden,
Wo die goldnen Schätze wurzeln,
Wo die Quellen gehn verborgen.
Eva, Eva! schlaue Mutter,
Hast den Apfel du gekostet,
Hat die Schlange dich versuchet,
Hast du uns den Tod geboren,
Hast das Böse und das Gute
Du erkennet, soll verloren
Mir nicht sein die teure Kunde,
Um die du das Heil verloren!
Bin der Erde ich verbunden,
Bin ich an den Tod verloren
Um ein Schnitzchen sauren Obstes,
Dreht um mich sich doch die Sonne!
Und ich will nicht eher ruhn
In dem dunkeln Erdenschoße,
Bis ich aller Sinnen Brunnen
Überfüllend ausgesogen!" —
Also sprach Apone murmelnd
Und bedeckt mit heißem Odem
Seines Wunderspiegels Runde,
Daß er trüb war und umfloret.
Und der rote Mond steigt blutend
Über Wolken auf im Osten;
Da er in den Spiegel funkelt,
Heult der schwarze Hund Apones.
Und der Meister wischt mit Fluchen
Von dem Spiegel seinen Odem:
"Will des Theater Kuppel
Noch nicht auf in Flammen lodern?"
Er nimmt einen Schwefelkuchen
Und ein Glas voll goldnem Korne,
Und den Schwanz von einem Fuchse
Aus dem Kasten an dem Boden.
Und den Wetterhahn, der funkelnd
Stehet auf des Turmes Knopfe,
Nimmt er, greifend durch die Luke,
Setzt ihn zu dem goldnen Korne.
Peitschet dann den Schwefelkuchen
Mit dem Fuchsschwanz aller Orten,
Und es springen helle Funken
In das Glas zum goldnen Korne.
"Simson," spricht er, "deine Wunder
Hab ich kürzer mir geordnet;
Mir auch muß vom Schwanz des Fuchses
Der Philister Korn auflodern!
Ja, Geselle, werde munter!"
Spricht zum Hahne dann Apone,
"Beug den Schnabel zu dem Futter,
Wartest du, daß ich dich stopfe?
Der du in den Blitzen fußest,
Der du krähest in dem Donner,
Der du in der Sonne funkelst
Und die Flügel schlägst im Monde,
Wettermacher, armer Schlucker,
Du bestehst auf deinem Kopfe?
Wart, ich will dich lehren schlucken,
Daß dich Feuer reißt im Kropfe!"
Und er schlägt den Hahn mit Ruten,
Bis der Kamm ihm schwillt im Zorne,
Hetzet ihn mit seinem Hunde,
Und nun neigt er mit dem Kopfe,
Schluckt das Feuerkorn mit Hunger,
Das ihn brennt wie glühe Kohlen,
Seine Flügel schon erfunkeln
Und die roten Augen rollen.
Seine Sichel sprühet Funken,
Sein Metallgefieder lodert,
Plötzlich beide Flügel zucken
Breit hinaus mit heftgem Tone.
Und er greift ganz ungeduldig
Nach dem schwarzen Feuerhorne,
Setzt es an am dunklen Munde,
Lenkt hinaus es zu dem Loche.
Setzt den Hahn bereit zum Fluge
In das weite Maul des Hornes,
Der wie eine Feuerzunge
Durch die Luft stürzt aus dem Horne.
Apo läßt die Feuerrufe
Durch die klare Nacht hindonnern,
Und auf des Theaters Kuppel
Fliegt der Hahn, die hell auflodert.
Feuer! Feuer! schreit man unten,
Und die Hörner schreien oben,
Hoch die Glocken gehn im Sturme,
Tief das Rasseln wilder Trommeln.
Aus des blauen Reno Ufern
Eilen bald die gütgen Wogen,
Hilfreich zu der Flammenkuppel
Durch die Hände emsgen Volkes.
Hundert Eimer um die Brunnen
Kommend, gehend, Wasser fordernd;
Der Metallsirenen Busen
Schimmert in der Fackeln Lohe.
Und die marmornen Neptune
Und die blasenden Tritonen
Gießen aus die vollen Muscheln
In die Urnen rings erhoben.
In dem Widerscheine funkelnd
Halten rings, die Menge ordnend,
Blankgestahlte Reuter Runde,
Jeder steht an seinem Orte.
Aus der fernen Klöster Dunkel
Tragen schon die frommen Orden,
Stille Litaneien murmelnd,
Wasser zu in Prozessionen.
Niederstürzend aus den Stuben
Sammeln schnell sich die Legionen
Der Studenten, und sie rufen:
|Pereat Incensus!| drohend.
Auf den festen Sammelpunkten
Ordnen sich die Nationen,
Und es schallen, sie berufend,
Rings die Stimmen der Senioren.
Lärmend eilen zu den Pumpen
Bald die munteren Franzosen,
Und die Hebel auf und unter
Hört man kreischend, jammernd toben.
Und die langgehosten Ungern
Ziehn auf ihren kleinen Rossen
Durch die weite Stadt umtummelnd,
Wache haltend nach dem Tore.
Bei dem schiefen Eselsturme
Sammeln sich mailändsche Chore,
Senden rüstige Patrouillen
Den Palästen ihrer Nobels.
Bei der Kirche Sankt Proculens
Stellet sich der Römer Horde
Auf zum Schutz der hohen Schule
Und der edlen Professoren.
Sankt Januari Blut anrufend
Füllen ihre Wasserrohre
Zu der Büchersäle Schutze
Neapolitansche Chore.
Und die festen deutschen Bursche,
Mit den Ellenbogen stoßend,
Schleppen auf den breiten Schultern
Feuerleitern, Haken, Kloben.
Bald mit Macht hinangeschwungen
Zu der hohen Fenster Bogen
Nun die sichern Leitern ruhen,
Allen Fliehenden zum Troste.
Viele retten sich im Sprunge;
Andre, an den Feuerkloben
Fest sich klammernd, hoch im Schwunge
Kommen nieder in dem Bogen.
Denn zum wilden Rettungssturme
Sind zu eng des Hauses Tore,
Und auf ewig wird verschlungen
Mancher in des Ausdrangs Woge.
In dem Brausen des Tumultes
Bricht des Kerkers Tor Meliore,
Eilet zu Biondettens Brunnen,
Einen Eimer voll zu holen.
Und ein kleiner blonder Junge
Hat den Eimer voll schon oben,
Spricht: "Geh hin und hilf, du Guter,
Traue auf die Allmacht Gottes!"
Bei der Kirche Sankt Proculens,
Wo der Maler Guido wohnet,
Steht Meliore, heftig rufend:
"Komme, alter Guido, komme!
Werft die Äxte mir herunter:
Ich und du und deine Tochter
Steigen auf des Brandes Kuppel,
Denn die Hilfe kömmt von oben!"
Und zum Feuer hingedrungen
Mit dem Meister und der Tochter,
Sieht aus einem Fenster, rufend:
"Leitern, Hilfe!" Jacopone.
Jacopone, der sein Bruder,
Hält die Gattin hoch erhoben,
Und um sie im Hintergrunde
Schon die roten Flmmen lodern.
"Rosarosa, spring herunter!
Weihe dich der Mutter Gottes,
Sie tut heut noch manches Wunder,
Hält in ihrer Hut die Frommen!"
Rosarosa springt im Fluge,
Stürzt sich in den Arm Meliores;
Neben sie stürzt auch im Sprunge
Jacopone an den Boden.
Als Meliore sie umschlungen,
Schrie sie laut: "Gott sei gelobet!"
Und erblasset; Ströme Blutes
Stürzen von ihr aller Orten.
Und vier deutsche brave Bursche,
Einen Manteln breit aufrollend,
Tragen heim sie auf dem Tuche,
Jammernd folget Jakopone.
Aber mit dem Wasserkruge
Dringet aufwärts nun Meliore
Auf der Jakobsleiter Stufen
Mit dem Maler und der Tochter.
Die die Leiter hierher trugen.
Sie sind göttliche Genossen;
Hoch zu des Theaters Kuppel
Steigen sie die lichten Sprossen.
Und nun hauet ohne Ruhe
Guido und die rüstge Tochter
Eine Öffnung in die kuppel,
Seinen Krug leert Meliore.
Segen ist in seinem Kruge;
Wie er gießt in stetem Strome,
Ist er nimmer leer, o Wunder!
Guido kniet und seine Tochter.
Und die Hände fest verschlungen
Beten sie, den Herren lobend.
Aber in des Hauses Runde
Springet kühn nun Melire.
Eine Stimme hört er rufen;
Wo sie rufet, wird er folgen,
Rief aus der Hölle Schlunde,
Rief sie von des Himmels Throne.
Als er stürzet mit dem Kruge,
Ist die wilde Feuerlohe
Bald in seiner Flut ertrunken,
Und die Not ist rings erloschen.
Niedersenket sich die Ruhe.
Mit des Wasser schneller Woge
Rinnen auch des Volkes Fluten
Ab zum Bette ihres Stromes.
Ruhig schaut von seinem Turme
In den Jammer hin Apone;
Wenn die Flammen aufwärts zucken,
Fühlt er froh sein Herz erhoben.
Aber als er auf der Kuppel
Sah den Maler und die Tochter,
Grüßt er sie mit bösem Fluche
Und den tapfern Meliore.
Denn aus einem armen Kruge
Löschet er die wilde Lohe,
Und so viele schwere Stunden
Hat ihn selbst sein Hahn gekostet.
Als solches denkt, da rufet
Laut der Hahn, der zu dem Knopfe
Wiederkehrte, und im Turme
Tönt herauf die Pfortenglocke.
Apo öffnet mit dem Zuge,
Lauschet nach des Trittes Tone,
Wie er auf den Wendelstufen
Hell sich aufdreht hin nach oben.
Dumpfer schallte es von unten —
Es war schier, als sei er doppelt —
Schwerer in dem halben Turme,
Als trüg man die Last nach oben.
Weiter oft der Tritt verstummet,
Denn der Träger holet Odem,
Endlich auf den letzten Stufen,
Bald wird's an der Türe klopfen.
Apo blicket durch die Stube,
Ob auch alles sei geordnet,
Jagt den Hund vom roten Stuhle,
Den er vor den Spiegel rollet.
Und mit einem Kranz von Blumen,
Belladonna, Hundsviolen,
Frauenschuh und Eisenhute,
Kränzet er des Stuhles Stollen.
Zeichnet dann mit einer Rute
In den Mehltau, auf dem Boden,
Seinem Gast zum bösen Gruße
Schnell ein magisches Willkommen.
Aber mitten in der Stube
Brennt an einem Totenkopfe,
Der in grüner Urne ruht,
Eine zauberische Lohe.
Eine süße Laube duftend,
Von des Mondes Strahl durchflochten,
Scheint des Turmes rußge Stube,
Als die Rosenflamme lodert.
Und die Flamme scheint ein Brunnen,
Funkelnd in des Mondes Wonne,
Wundersüße Träume murmelnd
Durch den Duft wollüstger Rosen.
Und es pocht. Herein zur Stube
Tritt der Famulus Apones,
Moles, seufzend ob dem Buche,
Das er anschleppt auf dem Kopfe.
"Du allein! Elender Bube!"
Flucht entgegen ihm Apone,
"Prahler! ist dir nicht gelungen,
Was du frech mir zugeschworen?
Wo ist sie, die heilge Jungfer?
Hat ein andrer sie gewonnen?" —
"Meister, schone deine Zunge!"
Spricht und lacht der schlaue Moles.
"Du sitzt hier im Mondschein munkelnd
Bei wollüstger Brunnen Wonne,
Eine andere Laube funkelnd
War um mich und andre Bronnen!
Trug ich gleich die süße Jungfer,
Sprach sie doch unselge Worte;
Ihr half eine andre Jungfer,
Der ich nicht bin mächtig worden.
Auch sprang von des Hauses Kuppel
Auf mich ein der Meliore,
Und des Feuers wilde Zungen
Leckten mich bis auf den Knochen.
Aber dummer als das Dummste
War der Weihewasserbronnen,
Den ein Mönch — im Höllenpfuhle
Durst er — auf mich ausgegossen.
Meister, Meister, trotz der Gluten,
Trotz dem scharfen Weihebronnen
Schwör ich, nimmer will ich ruhen,
Bis Biondette uns geworden!
Ach, wer dieses Leibes Wunder
Einmal trug in seinen Pfoten,
Wer den Druck des süßen Busens
Fühlte und den Duft des Odems —
Disteln sind mir alle Blumen,
Seit mir nah des Mundes Rose;
Der Kometen Haar gleicht Ruten
Vor der Goldflut ihrer Locken.
Und der Brüste Dioskuren,
Aus der Leda Ei geboren,
Durstig wie des Schwanes Busen,
Da er taumelte in Wonne.
Unter ihrer Brauen Runde
Lag der Venus Stern verschlossen,
Wie in Wolkenbetten schlummern
Liebestrunkne Nebelsonnen.
Und der Flammen durstge Zungen
Konnten nicht die Luft austrocknen,
Die, als ich sie trug, im Blute
Mir ein süßer Quell ergossen.
Welche Hölle kann verdunkeln
Dieses Himmels Wollustsonne?
Ja, die Sünde hat Minuten,
Wert des Lichtes ewge Kronen!" —
"Schweige, du berauschter Bube!"
Spricht Apone nun im Zorne —
"Soll mich in der Zauberbude
Trösten dein verdorbner Odem?
Ich glaub, von dem schweren Buche
Wardst du toll in deinem Kopfe;
Bringst du mir vielleicht vom Juden
Dieses Buch zum schlechten Troste?" —
"Meister, Meister, wollt nicht fluchen,
Denn von aller Liebeswonne
Und von aller Schönheit Wunder
Wird dies Buch nicht aufgewogen!
Bringe mir Biondetten ruhend
In dem Schoße süßer Moose,
Singend, von Gewürzen duftend,
Wie das Lied des Salomone —
Nicht kauf ich sie mit dem Buche!
Vor ihm seien die Kleinode,
Die in Licht und Dunkel ruhen,
Eine taube Nuß gescholten!
Ein Geschenk mit diesem Buche
Mach ich dir, wenn du gelobest,
Mir zu stellen diese Stunde,
Ja jetzt gleich, die Horoskope.
Mir gab's meine selge Mutter,
Die drum einen Mönch ermordet.
Der es in dem Sarg gefunden
Eines zauberischen Mohren,
Der von einem alten Juden
Es getauscht um heilge Brote
Wahren Leibs und wahren Blutes,
Die er vom Altar gestohlen.
Und der Jude, einen Hunnen
Hat er um das Buch betrogen,
Der von einem Arzt beim Sturme
Von Cracovia es erobert.
Und der Arzt kam zu dem Buche
Durch die Erbschaft eines Kopten,
Dessen Stamm durch manch Jahrhundert
Es erhielt, Gott weiß wie, woher!
Doch daß über Adams Schulter
Einsten an dem dritten Morgen
Es ein Engel abschrieb munter,
Stehet auf dem letzten Bogen." —
"Wie kam Adam zu dem Buche?" —
"Wisse, wann des Himmels Sonne
Und die Sterne gehn zur Schule,
Ist dies Büchlein in der Mode.
Da der Herr die Welt erfunden,
War die Welt von wenig Worte;
Alles war sehr kurz gebunden,
Auf die lange Bank geschoben.
Des Vokals belebend Wunder,
Ehgeheimnis der Diphthonge,
Und der Konsonanten Hunger
Lernt er draus zu Worten kochen.
In dem A den Schall zu suchen,
In dem E der Rede Wonne,
In dem I der Stimme Wurzel,
In dem O des Tones Odem,
In dem U des Mutes Fluchen,
Hat er aus dem Buch geholet,
Als im H des Hauches Wunder
Gottes Geist in ihm gegossen.
Auch das große Vaterunser
Und der Herr Gott wir dich loben
Findst du drin in grobem Drucke,
Wie es beten Mond und Sonne.
Und manch Rätsel von der Tugend
Und vom Fiat, fein verschoben;
Die Auflösung stehet unten
In verkehrt gedruckten Noten.
Fabeln mischen sich mit drunter,
Wie die Tiere sich besprochen,
Wie der Adam sich verwundert,
Da die Eva kam in Wochen,
Da sie trug ein groß Gelüsten
Nach ausländschem Himmelsobste,
Wie die Schlange sie entbunden,
Und wie sie moralisch worden.
Unterhaltung und auch Nutzen
Sind verbunden hier gar vornhem,
Denn du findest angebunden
Kunstrezepten aller Sorten:
Färberkuppen, Tintenpulver,
Surrogate für die Toten,
Restaurantia für die Tugend,
Manch Rezept zu Religionen.
Freier Wille ist des Buches
Höhrer Titel in zwei Worten,
Gottes Wille heißt's im Grunde,
Seit die Freiheit ging verloren.
Und Notwendigkeit am Schlusse
Heißt es auch mit anderen Worten,
Not ist hier die wahre Wurzel,
Und das Wenden wird verboten.
Gott sprach zu den Menschen: |Surge,
Eheu, eheu Christofore,
Nam ad scholam tempus nunc est!|
Und weckt ihn mit seinem Odem.
Und vom Himmel kam herunter
Diese A-B-C-Methode,
Und die neugeschaffne Jugend
Ist daraus zum Doktor worden.
Aber schwer sind die Geburten,
Nötig sind die Rotationen,
Und fatal ist das Versuchen,
Seit das Weib den Tod geboren.
Und du lernst aus diesem Buche,
Wie der Kaiserschnitt zu ordnen,
Daß lebendig bleibt die Mutter
Und das Kind auch sei gewonnen!
Denn wie alle ihre Wunder
In den ersten Schriftleinsbogen
Die Gelehrten gern hermustern,
So ging's hier auch den Autoren.
Und weil Adam bei dem Buche
Sich den Kopf zu sehr gebrochen,
Fragte Eva, Rat sich suchend,
Andere Kommentatoren.
Was im Stile oben dunkel,
Hellen auf die untern Noten;
Über oben, über unten
Schrieb am Rand ein Geist die Glosse.
"Schweig, es ist genug; verstumme!"
Spricht zu Moles nun Apone,
"Ich weiß nicht, ob du den Dummen
Spielest oder ob du spottest!
Hatt ich das in dir gesuchet?
Redest du mir Kinderpossen,
Oder bist du ein Verruchter,
Der mich höhnisch denkt zu foppen?