Romanzen vom Rosenkranz
"Schöne Jungfrau! Ihr begegnet
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
"Nimmer," spricht nun Rosadore,
"Sollst du sie berühret haben,
Ihres Herzens heilge Rose
Nimmer sehen, böse Schlange!"
Und erbittert flucht Apone:
"Nun, so soll ich sein verdammet!
Schöne Buhlrin, dir zum Hohne
Sollst du mir zur Seite wandeln!
Du sollst deine Jungfraukrone
Selber mir ins Haus eintragen,
In den Spuren meiner Sohlen
Sollst du liebekrank herwandeln! # liebeskrank?
Abends an mein Lager kommen,
Deinen Leib mir anzutragen,
Und mit Füßen weggestoßen
Sollst du in der Brunst verschmachten!
In der Kirche, vor dem Volke,
auf dem offnen vollen Markte
Sollst du mir verbuhlet folgen,
Wie dem Leibe folgt der Schatten!"
Ihm erwidert Rosadore:
"Mein wird sich der Herr erbarmen;
Vor dem Fluch, den du geschworen,
Wird er seine Magd bewahren!
Eher sollen alle Rosen
Mit den Wurzeln abwärts wachsen
Und die vollen Liebeskronen
In der Erde Nacht begraben,
Eher all die bleichen Toten
Aus der Tiefe blühend wandeln
Und was lebet an der Sonne
Fluchend in die Gräber tragen,
Eh der Mond vom Sternendome
Buhlend in ein Nest voll Drachen
Steigen und im keuschen Schoße
Ungeheure Brut empfangen,
Und eh soll die lichte Sonne
Weichen aus des Himmels Bahnen,
Durch der Hölle Tor zu wandeln,
Eh ich tret in deine Pforte.
Ja, eh wird dem Feinde Gottes,
Dem satanschen Sündenvater,
Auch ein Gottsohn ausgeboren,
Keusch von einer Magd empfangen,
Und zu lösen uns vom Tode,
An das heilge Kreuz geschlagen!
Gott verzeihe mir die Worte,
Antwort ungeheurer Fragen!
Nein! nein! nein! Du hast gelogen!
O erscheine, Herr des Gartens,
Tritt den Lügner an den Boden,
Trete auf das Haupt der Schlange!"
"Kind," spricht Apo, "heiße Kohlen
Möchtest auf mein Haupt du sammeln,
Aber mir auch blühen Rosen;
Gut lacht, wer am letzten lachet!"
Doch indes fragt Jacopone
Flehend die geliebte Kranke,
Wie sie so viel Blut vergossen?
Und sie hat es ihm gestanden.
Und nun bietet er Apone,
Daß er helfend ihm mög raten,
Abermals zweitausend Kronen,
Nimmt das Gold gleich aus dem Schranke.
Jener aber spricht: "Die Dornen,
Die ihr schwer den Leib durchstachen,
Wirf in einen tiefen Bronnen
Oder in ein fließend Wasser;
Dann, so wie der Gürtel rostet,
Schließen sich die Wundenmale;
Doch vor allem einen Tropfen
Nehme sie aus dieser Flasche!"
Und nun reichet ihr Apone
Eine Flasche; doch die Kranke
Winkt verneinend mit dem Kopfe,
Und Apone weicht vom Lager;
Denn er höret eine Glocke;
Fackelschein erhellt die Gasse,
Weil begleitet von dem Volke
Sich der Leib des Herren nahet.
Mit dem Sakrament gezogen
Kommt Benone durch die Straße,
Und die Kranke hebt frohlockend
Und getröstet sich vom Lager.
"Bleibe liegen!" sprach Apone.
"Willst du dir dein Weib erhalten,"
Sagt er dann zu Jacopone,
"Hüt sie vor dem Abendmahle!
Sie stirbt eines schnellen Todes
Bei der letzten Ölung Salbe.
Da ich sie hab übernommen,
Werd ich dieses nie gestatten!" —
"Jacopone, Jacopone,"
Seufzt nun angstbewegt die Kranke,
"Willst du mich zur Hölle stoßen?
Hüte mich vor diesem Drachen!"
"Seht, sie raset," spricht Apone,
"Sie ist nicht mehr bei Verstande,
Denn sie spricht verwirrte Worte,
Taugt jetzt nicht zu heilgen Sachen!"
Doch nun tritt herein Benone,
Nahet sich dem Bett der Kranken,
Und sie spricht: "O Herr, willkommen!
Wolle meine Beicht empfangen!"
Und der Priester will, es sollen
Alle nun allein ihn lassen.
"Rosadore, Jacopone
Mögen bleiben," spricht die Kranke.
"Und ich geh nicht," spricht Apone,
"Bis der Gürtel liegt im Wasser,
Bis getrunken sie die Tropfen.
Wer bringt meine Pflicht zu wanken?"
Und zu weichen hat Benone
Nochmals friedlich ihn ermahnet;
Aber höhnisch ihm der Stolze
In das würdge Antlitz lachet.
Nun erst fühlet Jacopone,
Welcher Geist in diesem Arzte,
Und er spricht in schnellem Zorne:
"Weich aus meinem Haus, du Laster!" —
"Hast du mich mit Schmeichelworten
Hergelocket," spricht der Arge,
"Bringst du mich mit bösem Trotze
Wahrlich nimmermehr von hinnen!" —
"Weh uns!" jammert Jacopone,
"Wer mag diesen Teufel bannen!"
Und es nahet Rosadore,
Spricht: "Ich wags in Gottes Namen!"
Und sie zieht gleich einem Dolche
Jene Nadel Rosablankens
Aus dem Haar, das Gold der Locken
Fließt, sie rüstend, von dem Nacken.
Und im heilgen Zorne Gottes
Springt die Kranke von dem Lager,
Und ein Kreuz von rotem Golde
Dienet ihr zur frommen Waffe.
Aber beiden reißt Apone
Von dem Busen die Gewande.
Da er sieht die heilgen Rosen,
Fühlt er seine Sinne wanken.
Und er fluchet: "Moles, Moles!
Dies ist unser Rosengarten.
Daß er ewiglich verdorre,
Mußt du dich zur Arbeit halten!"
Doch am Fenster ruft Benone
Dem Geleite, und mit Fackeln
Dringen sie herauf; Meliore
Tritt einher vor allen andern.
Doch er stehet schwer erschrocken,
Da er Apo sieht, und fraget:
"Meister, lebet ihr hier doppelt?
Eben hab ich euch verlassen!
Pietro kam als schneller Bote
Zu dem Vater Rosablankens,
Der erkrankte, euch zu holen,
Und Ihr seid mit ihm gegangen.
Habt mir selbst die Hand geboten,
Spracht, daß ihr des alten Hasses
Gänzlich nun vergessen wolltet,
Weil ich brav gelöscht beim Brande.
Dann hast du mich angesprochen
Um ein Büschel meiner Haare;
Sprachst: `Aus blondem Haar gesponnen
Wird zur Wundennaht der Faden.'
Und ich gab dir eine Locke —
Sieh, hier fehlt sie mir im Nacken —
Folgte weit dir vor dem Tore,
Bis in meines Bruders Garten,
Wo du eintratst, weiße Rosen
Und Arzneikraut einem Kranken
Zur Erquickung gleich zu holen;
Dorten hab ich dich verlassen.
Denn es war dort bei den Rosen
Solch ein heftger Duft entstanden,
Daß mir schier gebrach der Odem;
Wankend ging ich aus dem Garten.
Jetzt — wie find ich dich hier oben?"
Doch ihn bei dem Arme fassend
Spricht Apone: "Freund Meliore.
Jetzt geleite mich von dannen!
Denn die Gattin Jacopones
Will das Sakrament empfangen,
Gönnen wir ihr Raum zum Troste!"
Und nun gehen sie zusammen.
Ihnen folgen, die vom Volke
Mit den Fackeln aufwärts drangen.
In den Armen Jacopones
Ruht ohnmächtig noch die Kranke.
Da sie wieder sich erholet,
Segnend ihr der Priester nahet,
Und sie spricht mit leisen Worten,
Matt aufrichtend sich vom Lager:
"Der du an der Stätte Gottes,
Höre, wie ich mich anklage,
Was ich sündlich hab verbrochen,
Seit auf Erden ich gewandelt,
Mit Gedanken, Werken, Worten.
Und zuerst nun mit Gedanken:
Ich gedachte, meinem Gotte
Könnt ich Sünderin gefallen.
Und ich sündigte mit Worten,
Weil ich Gott nicht Wort gehalten,
Als das ja ich Jacopone
Treulos gab an dem Altare.
Und mit Werken," sprach die Fromme,
"Da ich sprang von dem Theater;
Denn ich glaubte fest, des Todes
Würd ich an die Erde fallen;
Glaubt in meinem bösen Stolze
Ohne Sakrament empfangen
Käm ich doch zu meinem Gotte,
Sündigte auf sein Erbarmen.
Doch mich nicht verderben wollend,
Hat er mich zur Buß erhalten,
Die von ihm durch dich, Benone,
Ich zerknirschet nun erwarte!" —
"Rosarosa," sprach Benone,
"Keiner noch trat ohne Makel
Vor den Thron des ewgen Gottes;
Er wird dein sich auch erbarmen!
In des Vaters, in des Sohnes,
In des heilgen Geistes Namen
Sei dir, meine fromme Tochter,
Deine Schuld erlassen! Amen.
Fühlst du jetzt dein Haus geordnet,
Deinen Herren zu empfangen,
Speis ich mit dem Himmelsbrote
Dich zu diesem letzten Pfade." —
"Bis zum neuen Morgenrote
Harret noch", spricht leis die Kranke,
"Einen Bissen weißen Brotes
Aß ich heut von einer Armen,
Der durch dich, mein Jacopone,
Ward ihr kleines Feld erhalten
Gen den Anspruch eines Großen;
Sie bracht mir das Brot zum Danke,
Bat: `O esse von dem Korne
Jetzt aus Liebe zu dem Manne,
Der gerettet mir den Boden
Dem dies Brot für mich entwachsen!'
Aber hört, die elfte Glocke
Schlägt! Noch eine Stunde harret;
Reicht indes zum letzten Troste
Mir des heilgen Öles Salbe!"
Doch nun klaget Jacopone,
Der bis jetzt in stummen Jammer
Saß an ihrem Lager oben:
"Weh, o weh, ich muß dich lassen!
O dich, aller Jungfraun Krone,
Keusch und duldend gleich dem Lamme,
Das die Schuld hat hingenommen,
Das für uns das Kreuz getragen,
Rosarose, heilge Sonne
Meiner irdisch trüben Tage,
Firmament voll Lichtessonne,
Ewig gleiche Friedenswage! # waage?
Herr, was hab ich denn verbrochen,
Daß ich in der Nacht soll wandeln,
Daß aus meines Himmels Dome
Nun erlischt die heilge Lampe?
Weh, o weh, du süße Rose,
Dornen dir das Herz zerbrachen,
Die du fromm vor mir verborgen;
Schuldig muß ich mich anklagen!
Weh, ich bins, der dich gemordet,
Blind an jenem Hochzeitsabend,
Da durch mich du von den Toten
Hast den Dornengurt empfangen!
Und ich habe zu der Oper
Dich geführet heute Abend:
Weh, durch mich wards du durchbohret
Von dem Gürtel bei dem Brande!
Deine letzte Zeit verdorben
Hab ich dir aus falschem Wahne
Durch den Bösewicht Apone,
Hoffend, dich mir zu erhalten!
Ach, ich diene bösem Stolze!
Die ich nie besessen habe,
Die mir ewig war verloren,
Wollt ich mir durch Kunst erhalten!
Weh, mein Weib, du Jugendrose,
Auf dem Wasser der Demanten
Spiegelt deiner Schönheit Sonne
Ihres Abendrotes Flamme!"
Also jammert Jacopone.
Ihm erwidert dann die Kranke:
"Wolle nicht mit harten Worten
Gegen Gottes Willen klagen.
Lasse uns den Herren loben,
Daß er uns zurückgehalten
Von dem Abgrund ewgen Todes,
Von der Blutschuld hartem Laster.
Wenn der Schleier wird gehoben
Über unserm dunklen Stamme,
Singst du bis zu deinem Tode
Gott und seiner Mutter Psalmen.
Seit das Weib den schwer verbotnen
Apfel teilte mit dem Manne,
Bringt das Weib das Kind des Todes
Zu der Welt mit Not und Jammer.
Und wir durch die Güte Gottes
Haben schuldlos uns erhalten,
Und er wird uns nicht verstoßen
Aus des Paradieses Garten.
Auch ich muß von diesem Orte
In den Willen des Erbarmers;
Dich, bei dem so gern ich wohnte,
Muß ich einsam nun verlassen.
Und du sollst, wie Christen sollen,
Deinem irdschen Gut entsagen,
O, mein Bruder, wolle folgen
Eines schwachen Weibes Rate.
Geh in einen frommen Orden;
An die Stelle des Theaters
Laß erbaun ein heiles Kloster;
Dort auch ruhe meine Asche!
Lasse jetzt von armen Volke
Stille mich zu Grabe tragen,
Bis erbauet ist das Kloster
Zur Kapelle bei Sankt Claren.
Und den Schwestern dieses Ordens
Dann das neue Kloster lasse,
Weil sie jetzt nur ärmlich wohnen
Und das Haus sie kaum mehr fasset.
Meinen Sarg, geschmückt mit Rosen,
Laß von armen Jungfraun tragen;
Lasse auch die Kinder folgen,
Die ich stets geliebet habe.
Allen spende aus zum Lohne
Meine vollen Kleiderladen,
Aus dem Tuch, das ich gesponnen,
Lasse allen Hemdlein machen.
Mein Geschmeide, silber, golden,
Alle Perlen und Demanten,
Die mir deine Huld erworben,
Schenke ich zu dem Altare.
Lasse eine Mutter Gottes
Recht vor allen herrlich malen
Und ihr vor dem hohen Chore
Himmlische Musik erschallen.
Mit des Weihrauchs süßen Wolken,
In wollüstger Düfte Kampfe,
Soll ein Wald unzählger Rosen
Um der Kirche Säulen ranken.
Kelche, Lampe, Weihebronnen,
Leuchter, Rauchfaß und Monstranzen:
Alle seien goldne Rosen,
Durch der Künstler Fleiß gestaltet.
Und die groß und kleine Glocke
Und der Taufstein und die Kanzel
Seien Rosen gleich geformet.
O, welche frommer Rosengarten!
Als ich bin getragen worden
Sinnlos weg von dem Theater,
Hat sich ein Gesicht ergossen,
Hab ich diesen Wunsch empfangen.
Unter einem hohen Dome
Sah ich Weihrauchwolken wallen
Und Gesang und Klang der Orgel
Durch die Säulenwälder wachsen.
Und ich sah den Greis Benone
Eine Totenmesse halten,
Aber alles war voll Wonne,
Alles war voll selgen Glanzes!
Und ich sah viel fromme Nonnen
Einsam betend in der Kammer,
Sah sie nächtlich in dem Chore
Himmlische Gebete lallend.
Und vor allen glanzumflossen
Sah ich eine mit der Nadel
Weiße, rote, schwarze Rosen
Wirken in die Meßgewande.
Und das Bild der Mutter Gottes,
Gnädig blickend vom Altare,
Glich dir, meine Rosadore,
Aber heilger, höher strahlend.
Und ich selbst lag eingeschlossen
Kühl in einem Marmorsarge;
Auf der schweren Decke oben
Schlief der Knabe mit dem Lamme.
Rings um mich geliebte Tote
Schlummerten zum letzten Tage;
Doch kein Sinn war mir verschlossen,
Und ich sah und hörte alles.
Ach, wie mag die Visionen
Alle ich in Worte fassen!
Durch der Kirche hohe Bogen
Himmelschöre niederdrangen!"
Und nun sagte Rosadore:
"Ja, des Himmels Tore standen
Über diesem Tempel offen,
Von den Seligen umscharet.
Und es stand die Mutter Gottes
Und der Heiland mit dem Lamme
Ganz bekränzt mit süßen Rosen
In des Lichtes ewgen Glanze.
Und der Engel Legionen
Sangen: Gnade! Gnade! Gnade!
Tausend Kränze heilger Rosen
Sah ich zum Altare fallen.
Und den Schleier einer Nonne
Sah ich nehmen Rosablanken;
Eine Goldflut ihrer Locken
Vor der Schere niedersanken.
Singend stand ich auf der Orgel,
Vor mir stand die goldne Harfe;
Aber stille und gestorben
Lag mein Herz in kalten Banden,
Wie in bösem Traum der Boden
Fliehenden die Füße bannet,
Hilferufenden der Odem
Kämpfend in der Brust erstarret.
Lebend und doch eine Tote,
Sehend und doch dicht umnachtet,
Stumm, doch singend vollen Tones,
War ich wie von Stein umfangen.
Neben mir stand schwarz Apone.
Weh, o weh, was er gesaget,
Was er sprach vorhin im Zorne,
Füllet mich mit tiefem Bangen!
Doch am Altar aufgezogen
Ward ein himmelblauer Mantel,
Und das Bild der Mutter Gottes
Grüßte laut des Volkes Ave.
Und ich hört in meinen Ohren:
Ave, Salve, Mater! schallen,
Und aus meinen Augen quollen
Wieder Tränen auf die Wangen.
In der Kirche hohem Dome
Schmetterten die Nachtigallen,
Ganz durchzucket von dem Tone
Fühlt mein Herz ich wieder schlagen.
Und ich bin emporgeflogen,
Eine Stimme, singend Ave,
Bin des Engels Gruß geworden,
Ave, Salve, Dei Mater!
Dies Gesicht war mir ergossen,
Da ich sinnlos in der Harfe
Ruhete, von Meliore
Fromm gerettet bei dem Brande." —
"Was du sahest, Rosadore,
Sah ich alles," sprach die Kranke,
"Herr! du hast in Visionen
Wunderbar dich uns erbarmet!"
Und in stiller Wonne schlossen
Beide sich in ihre Arme.
Ruhig sprach nun Jacopone:
"Herr, tu mir nach Wohlgefallen!"
Aber nun tritt durch die Pforte
Agnus castus mit dem Lamme,
Knieet betend an dem Boden
Neben Rosarosens Lager.
Nach der Sanduhr sieht Benone,
Eine Schelle rührt der Knabe,
Niederknieet Rosadore,
Jacopone bei der Kranken.
Beim Gesang des frommen Volkes,
In dem Scheine heller Fackeln,
Hat sie leis das Haupt erhoben
Und des Herren Leib empfangen.
Und dann sprach sie noch die Worte:
"Herr, du hast dich mein erbarmet,
Herr, dein Wille sei gelobet,
Meine Seele nun empfange!"
Mit dem heilgen Öl Benone
Haupt und Hand und Fuß ihr salbet.
Und sie sprach: "Des Herzens Rose
Wirft unendlich weiten Schatten!
O der Wonne, o des Trostes,
O des wundersüßen Garten!
Singe, meine Rosadore,
Mit des Himmels Nachtigallen!
In dem Schatten meines Todes
Lasse Gottes Lob erschallen!"
Und es sang nun Rosadore
Zu dem Klang der goldnen Harfe.
Solch ein Lieb, so selgen Tones,
Hat nur da die Luft getragen,
Als der Heiland ward geboren
Und die Engel Gloria sangen.
Also sang des Lichtes Bogen,
Da den Lustkreis aller Farben
Gott durch seinen Raum hinrollte
In dem Glanz des ersten Tages;
Also tönt des Wassers Woge,
Mit dem Rund des Erdenballes
Selig spielend in der Sonne,
Jauchzend an dem ersten Tage.
In so süßen Tones Strome
War die Luft aus Gottes Atem
Um die junge Welt ergossen,
In der Lust des ersten Tages.
Und die neue Erde rollte
Unter also freudgem Klange
In den Kreis von Mond und Sonne,
Jubelnd an dem ersten Tage.
Also sang das Blut, ergossen
Durch des neuen Menschen Adern,
Also sang der Mensch voll Wonne,
Da er zu der Welt erwachte.
Doch annoch viel höhern Tones
Wird das Lied der Selgen schallen,
Wenn sie aus dem Haus des Todes
Zu dem Antlitz Gottes wandeln.
Aber nun zieht mit dem Volke,
Betend bei dem Schein der Fackeln,
Nach dem Kloster hin Benone.
Einsam steht der Toten Lager.
Und es küßt ihr Rosadore
Tränenlos die bleiche Wange,
Grüßet scheidend Jacopone
Und verläßt ihn mit der Harfe.
Einsam sitzet Jacopone
Auf dem stummen Sterbelager,
In der Toten Demantkrone
Mit des Schmerzes Blick hinstarrend.
Keine Träne ihm entrollet;
Seine tiefe Trauer raget
Wie die Wüste öd und trocken
Auf, am Horizont verschmachtend,
Ohne Schatten, und die Sonne
Selbst ein tiefer Feuerschatten,
Der sich wie ein weiter Bogen
Über seinen Scheitel lagert.
Die Gedanken an dem Boden
Schleichend, in dem gleichen Sande,
Alle Spuren von dem Odem
Heißen Sturmes stets verwaschen.
An dem Himmel keine Wolke,
An der Erde keine Pflanze,
Auch kein einzger kühler Tropfen
In dem ungeheuren Plane.
Also sitzet Jacopone
In der Wüste seines Jammers,
In die helle Demantkrone
Der geliebten Leiche starrend.
Aber auf die Schulter klopfet
Agnus castus ihm, der Knabe,
Reicht ihm einen Korb voll Rosen:
"Jacopone, jetzt erwache!
Kränz des Todes Braut mit Rosen;
Sie sind aus demselben Garten,
Wo die Rosen ihr gebrochen
An dem ersten Hochzeitsabend.
Nimm ihr ab die Demantkrone,
Die du ihr hast heute abend
In das Silberhaar geflochten;
Deiner letzten Pflicht gewarte! # gewahre?
Einst werd ich am rechten Orte
Wunderbare Dinge sagen;
Du wirst, die dir war verborgen,
Deines Namens Schuld erfahren."
Sprachs. — Da jener nahm die Rosen,
Schied er betend aus der Kammer:
"Jesus Christus sei gelobet!"
Jacopone saget: "Amen!"
Als er löst die Demantkrone
Aus dem Strom des Silberhaares,
Ist des Schmerzes Kern gebrochen,
Und des Jammers Quellen sprangen.
Da er ihr den Kranz der Rosen
Legte in die Silberhaare,
Sind die Augen in dem Strome
Heißer Tränen ihm vergangen.
Da der arme Jacopone
Ihr die kalten Hände faltet,
Ist der Trauring roten Goldes
In die Hand ihm schwer gefallen.
Da er ihr das Aug geschlossen,
Brach er aus in lauten Jammer,
Ganz in einem Tränenstrome
Der Geliebten Antlitz badend.
Als die Nacht war hingezogen,
Stand des Morgensternes Fackel
An dem stillen Horizonte,
Wie ein Irrlicht auf dem Grabe.
Wie in eines ausgestochnen
Auges leere Höhle, zagend
Sah des neuen Tages Sonne
In das Herz des armen Mannes.
Und wie an dem Hochzeitsmorgen
Pietro, sie begrüßend, sagte:
Grüßt sie an dem Todesmorgen;
Jacopone, laut aufjammernd:
"Grüß dich, blutge Todessonne,
Grüß dich, Held des Unterganges,
Grüß dich, Heiland voller Dornen,
Grüß dich, Sichel meines Gartens!
Grüß dich, lichter Trauerbote,
Grüß dich, Tauestränensammler,
Grüß dich, Wecker aller Toten,
Grüß dich, Feuerheld des Grabes!
Singt die sieben letzten Worte,
Singt sie mir, ihr grauen Schwalben!
Singt ihn mir, den Schild des Todes,
Singt den Held des Unterganges!"
** Romanze XIV: Apo und Meliore
Durch die stillen Straßen schreiten
Apo und Meliore hin,
Gleiche Pfade führen beide
Zu dem Turm, zur Tänzerin.
Wo das Mondgefild sich breitet
Um des Brandes Trümmer hin,
Ruht ihr Weg, und tief erweitet
Fühlt Meliore seinen Sinn.
Und er spricht zum ernsten Meister,
Den er bei der Rechten nimmt:
"Selig, wer gleich dir die Geister
Leicht nach seinem Willen stimmt.
Spricht, o Herr! auf welche Weise
Reißest du mich jetzt zur dir?
Da du heut im lauten Kreise
Also hart begegnet mir?
Da du zürntest mir im Streite,
Sieh, da scheute ich dich nicht;
Jetzo friedlich dir zur Seite
Alle Kühnheit mir gebricht.
Daß der, den ich erst geleitet
Zu des Pietro Garten hin,
Wieder mir zur Seite schreitet,
Will mir nimmer in den Sinn.
Sprich, wie soll ich nur begreifen
Deiner Künste tiefe List,
Daß ich hier dich kann ergreifen,
Der erst dort vor kurzer Frist.
Meister sprich, und dann verzeihe,
Daß ich also heut mit Schimpf
Traf des hohen Hauptes Weihe;
Zeige deines Herzens Glimpf!
Kenntest du des Jünglings Leiden,
Der so kühn dich heut bestritt,
Ach, du würdest Trost bereiten
Mir, der deinen Zorn erlitt.
Lass mich zum Kerker weichen,
Dem das Feuer mich entriß,
Kannst du mir die Hand nicht reichen,
Daß mir deine Gunst gewiß!"
Apo gab die Hand: "Dein Eifer,"
Spricht er, "wisse, war mir lieb;
Herrlich wirst du, wenn du reifer,
Denn dich treibet hoher Trieb.
Doch es muß vor der Gemeine
Leiden, wer zutage springt,
Daß nicht aus dem Chor alleine
Einer andre Weise singt.
Ob du würdig könntest leiden,
War zu forschen ich gewillt;
Nebst dem Schwerte zu dem Streiten
Führe auch der Mann das Schild.
Und nun nenn ich dich den Meinen,
Zeigte dir mein Doppelbild;
Wird der dritte dir erscheinen,
Ist das Ganze dir enthüllt.
Zeugnisgebende sind dreie,
Und die dreie eines sind;
Du hast einen Grad der Weihe,
Noch bist du ein blindes Kind.
Wisse, der Dreieinigkeiten
Schweben in dem Zirkel viel;
Wer sie alle kann durchschreiten,
Dreht den Zirkel hin zum Ziel.
Doch nun laß uns andre Kreise,
Die uns näher liegen, ziehn,
Daß ich tätig dir beweise,
Wie ich dir gewogen bin.
Einsam sind wir und alleine,
Ich und du und die Begier;
Sprich, nach welchem Zauberweine
Lechzt die trockne Zunge dir?
Fein ist diese Zeit; es schweifet
Süß das trunkne Mondenlicht;
Wer jetzt nach den Äpfeln greifet,
Der verfehlt die reifen nicht.
Von der Venus Tau bereifet,
Schwillt der Früchte süß Gewicht:
Sage, welche Lust gereifet
Dir aus heißem Busen bricht" —
"O, mein hoher Herr und Meister,
Du bist weis," Meliore spricht,
"Und es reichen alle Geister
Deinen Augen gern ihr Licht.
Sehe, hier stehn wir im Freien,
Unterm hohen Wolkenschild,
Und des Brands Ruinen streuen
Auf den Plan ihr Schattenbild.
Kannst du aus der Sterne Reihen
Sagen, ob die Zukunft hier
Andre Schatten wird verleihen
Dieses Platzes hoher Zier?
Ob nicht seinen Schatten breiten
Hier ein heilger Tempel wird,
Wo wir jetzt durch Trümmer schreiten,
Die des Wassers Flut durchirrt?"
Doch Apone sprach: "O schweige,
Anderes begehr von mir,
Daß ich anderes dir zeige,
Was mir lieber ist und dir!
Denn nicht diese toten Steine
Heben zu dem Licht den Blick;
Nur des Lichtes Sohn alleine
Liest gestirnet sein Geschick.
Geisterschwer erblühn die Zeiten
Heute aus dem Sterngefild,
Durch den reichen Himmel schreiten
Seh ich wunderbar Gebild.
Denn die Jungfrau hebt den Schleier,
Und der Widder freudig springt,
Und der Stier erhebt sich freier,
Da der Schwan verbuhlet sind.
Und die Zwillinge, sie weinen,
Da die eine Wage sinkt,
Und der Steinbock will nicht scheinen,
Weil der Schütz den Bogen schwingt.
Amors Pfeil der Pfeil heut gleichet,
Sieh, wie er zur Jungfrau ziel;
Wie der Fisch zum Fische streichet
Und in Wogenschimmer spielt.
Nach des Bechers süßem Weine
Greift der Wassermann und trinkt,
Bär und Hund, der groß und kleine,
Tanzen, der Triangel klingt.
Pegasus mit Wiehern schreiet
Zu dem kleinen Pferde hier,
Des Zentauren Lust sich zweiet
Zu der Jungfrau, zu dem Tier.
Und der Walfisch, ein Hochzeiter,
Jauchzend im Eridan springt,
Und das Schiff, es flagget heiter,
In dem Pol sein Ruder klingt.
Bei dem Hafen jagdlich schweifen
Sehe ich Orions Licht,
Doch vor ihm die Flucht ergreifen
Heute die Plejaden nicht.
Liebend denket er mit Schweigen
Der Hyperboreerin,
Und vor Herkuls Seele streichen
Alle Thespiaden hin.
Cepheus, Cassiopeia neigen
Liebend zueinander sich,
Und Andromeda erreichen
Seh den starken Perseus ich.
Freudig laut der Fuhrmann geißelt,
Und das Böcklein zu ihm springt,
Und der Löwe lustgekräuselt
Seinen Schweif zur Jungfrau schwingt.
Wie im Paradiese schweifet
Dort die Schlange lustgeringt;
Weil die Feigen sind gereifet,
Hoch der Rab den Becher schwingt.
Frei strömt, wie zur Hochzeitsfeier,
Berenicens Locke hin,
Und im Klang von Orpheus Leier
Schaukelt trunken der Delphin.
Den Antinous umkreisend,
Hoch des Adlers Fittig klingt,
Der, sie von der Erde reißend,
Götterknaben aufwärts schwingt.
Eine Schlange tragend weilen
Seh den Polyides ich,
Minos lehrte sie ihn heilen,
Dich zu heilen lehrt sie mich.
In der Nordkron goldne Reife
Eine Myrte süß sich schlingt,
Und der Drach mit brünstgem Schweife
Heiß den kalten Pol umringt.
Zu geheimer Liebe Feier
Hell des Altars Glut entglimmt;
Die Südkrone schimmert freier,
Und in Lust der Südfisch schwimmt.
Ihre Scheren brünstig breiten
Krebs und Skorpion zum Licht,
Und der Wolf in Himmelsweiden
Trübt der Lämmer Quelle nicht.
Also glühend sind die Zeiten,
Also brünstig ist das Licht,
Wie die Rose, die den Bräuten
Venus durch die Locken flicht.
Die Granate senkt gereifet
Ihrer Kerne Goldgewicht,
Trunken durch die Blätter schweifet
Amor, der sie taumelnd bricht.
Selig ist wohl der zu heißen,
Der in Liebe selig ist;
Sprich, kann ich dich selig preisen,
Der du also liebend bist?
Meliore, sei der meine;
Sage ohne Hinterlist,
Ob Biondette je die deine
Ganz und gar gewesen ist?
Ob dein selger Mund alleine
Ihres Leibes Rosen bricht,
In der Augen Sonnescheine,
In des Busens Mondenlicht?
Ob du in die Wollustkreise
Ihrer Mitternächte blickst,
Daß dich jauchzend an sich reiße,
Die entzücket du entzückst?"
Doch entsetzet hier den Meister
Meliore unterbricht;
"Bei dem Gott der selgen Geister
Schwöre ich: das tat ich nicht!
Und will einer des sich preisen,
Ich nenn einen Teufel ihn;
Will mit Händen den zerreißen,
Der sie solcher Schmach geziehn!
Gott und Vater! wüßt ich einen
Solches denkend, sein Gehirn
Schlüg ich ihm mit kotgen Steinen
Aus der unverschämten Stirn!
Denn die Sterne sind nicht reiner,
Als der Leib Biondettens ist,
Und der Schoß, er war nicht reiner,
Der empfangen Jesum Christ!
Doch du machst aus Weltenkreisen,
Wo der Engel Palmen schwingt,
Und, den Ewigen zu preisen,
Gloria die Sphäre singt,
Einen Tummelplatz der Heiden,
Wo die Sünde Lanzen bricht,
Und ein ekles Wolluststreiten,
Dem die Geilheit Kränze flicht!
Könntest du mir auch beweisen,
So sei meiner Liebe Ziel,
Möge mich der Stern zereißen,
Der jetzt dort vom Himmel fiel!"
Also sprach er, und es breitet
Apo seinen Mantel hin,
Fing den Stern, der niedergleitet:
"Sieh, was dir ein Stern erschien!
In dem trüben, kalten Schleime
Hier, erkennest du das Licht?
Stürzend durch des Himmels Räume
Wahrlich, dies erschlägt dich nicht!
Alles ist nicht Gold, was gleißet,
Und was glühend dir erschien,
Sich als faules Holz erweiset,
Nahest du dem Wunder kühn.
Und das eben macht den Weisen,
Daß er in dem Sonnenlicht
Kann die Mitternacht beweisen,
In dem Leichten das Gewicht.
Daß selbst in des Lichtes Leichte
Er die Wucht, die niederzieht,
In dem Abgrund auch das Seichte,
In dem Seichten Abgrund sieht.
Sollt ich dich nicht selig preisen,
Wäre solch ein Weib dein Spiel?
Um die Erde möcht ich reisen
Nach so wunderbarem Ziel!
Doch die Jugend möchte steigen,
Um den Himmel zu erfliehn,
Und das Alter muß sich neigen,
Sieht ihn an der Erde blühn.
Willst du nun die Lust erreichen,
Die dir durch die Adern rinnt,
Einen Trank will ich dir reichen,
Der dir ihre Gunst gewinnt.
Läßt du dir das Recht entreißen,
Das dir Lust und Jugend gibt,
Wird dich schwer der Neid zerreißen,
Wenn sie andern sich ergibt.
Daß zum Falle sie gereifet,
Seh in ihren Sternen ich,
Wenn kein andrer sie ergreifet,
Nenne einen Lügner mich!" —
"Den möcht ich jetzt gleich dich heißen,"
Zürnend nun Meliore spricht,
"Solche Unschuld kann nicht gleißen,
Gottes ist ihr Angesicht!
Körner streust du; ich soll gleiten,
Aber Gott erhalte mich!
Sündflut aller Eitelkeiten,
Hier vor Gott verfluch ich dich!
Ja, gleich leicht magst du beweisen,
Diesen Himmel ernst und still
Sehest du vom Blitz zerreißen
Und von donnerndem Gebrüll;
Und die Stadt im Mondenscheine
Fülle jetzt der wilde Krieg,
Und daß jetzt, wo wir alleine,
Weit ein Feld voll Leichen lieg;
Daß Bologna ihre weite,
Hochgetürmte, feste Stirn
Niederbeuge jetzt im Streite
Vor dem himmlischen Gestirn!
Daß du doppelt kannst erscheinen,
Weil ichs sah, bewiest du mir;
Doch Biondettens Schuld verneinen,
Selbst sie sehend, würd ich dir!" —
"Malst du an die Wand den Teufel,"
Apo zu dem Jüngling spricht,
"Hält er dir auch ohne Zweifel
Zu der Malerei das Licht!"
Sprachs. Und plötzlich donnernd steiget
Um den Mond die Finsternis,
Und so weit der Himmel reichet,
Hell ein Blitz die Nacht zerriß.
Und rings durch die Stadt verbreitet
Sich ein tosend Stahlgeklirr;
Näher, immer näher streitet
Her der Stimmen Kampfgewirr.
Meliore bebt. Es schreiten
Tausend Bürger in den Ring,
Und mit Wut von allen Seiten
Hebet sich das Schwertgekling.
Und es sinket Reih auf Reihe
Auf dem blutgen Mordgefild,
Daß von Wut- und Wehgeschreie
Laut ertost das Wolkenschild.
Weh! da stürzen auf die Streiter
Rings Bolognas Türme hin,
Doch sie kämpfen immer weiter,
Nichts erschrecket ihren Grimm!
Zu den Füßen seinem Meister
Sinnlos hin Meliore sinkt,
Bis das Spiel der bösen Geister
Dieser in den Abgrund winkt.
Und von Schrecken ganz gebleichet
Richtet auf der Jüngling sich:
"Du hast Böses mir gezeiget,
Meister, nun entlasse mich!"
Apo spricht: "Du prophezeitest
Dieser Stadt dies Ungeschick,
Weil du sie so toll vereidest
Für Biondettens Tugendglück.
In der Wage liegen beide,
Leg dich zu der Tänzerin;
Daß dein Vaterland nicht leide,
Gebe dich der Freude hin!
Größre Wunder könnt ich zeigen —
Eines Wortes leicht Gewicht,
Eines nichtgen Blickes Steigen
Führt oft her ein schwer Gericht.
Und so stehn die Himmelszeichen:
Es erfüllt sich dies Gesicht,
Brichst du von Biondettens Zweigen
Heut die reifen Früchte nicht!" —
"Läßt so leicht vom Himmel reißen
Dieses Landes Schicksal sich,"
Spricht Meliore, "will verheißen
Eine schönre Zukunft ich!
Hohe Nacht, ihr Sternenreiche,
Mond, du keusches Angesicht,
Euch Biondetten ich vergleiche,
Sie weicht euch an Friede nicht.
Und so fest und ungebeuget
Stehet ihrer Tugend Zier,
Als einst fromm ein Tempel steiget
Aus des Brands Ruinen hier!
Sieh! beweget sind die Steine,
Ordnen auf zu Mauern sich;
Diese Geister sind die meinen,
Und ihr Meister bin auch ich!
Freudig auf die Pfeiler steigen;
Hörst du, wie Biondette singt?
Wie nach ihrer Harfe Reigen
Stein auf Stein zum Himmel dringt?
Wie nach ihren Melodeien
Kuppel sich an Kuppel ringt,
Und die Säule ihre Reihen
Mit dem Palmenknauf verschlingt?
Der Kapellen Einsamkeiten
Ordnen sich in Harmonie;
Wo die Töne sich durchschneiden,
Wölbt des Chores Halle sie.
Wo die Töne höher steigen,
Heben sich die Türme spitz,
Die zum Firmamente reichen
Mit der Kreuze goldnem Blitz.
Wo sie sich zur Tiefe neigen,
Zu der Grüfte Labyrinth,
Seh ich trauernd niederschleichen
Still der Treppen Steingewind.
Heilig scherzt in tausend Weisen
Blum um Blume, Bild um Bild,
Und, die Meisterin zu preisen,
Widerhall dem Stein entquillt.
In der Kerzen selgem Scheine
Bebt der Altar feierlich,
Und gleich einem Frühlingshaine
Füllt das Haus mit Jubel sich.
Silbernem Gefäß entkreisend
Süß der Weihrauch aufwärts dringt,
Und des Himmels Tor aufreißend
Hochgesang in Wonne ringt.
Sieh, wie zu des Tempels Weihe
Rings die frommen Bürger ziehn;
Meister! Gott uns Trost verleihe,
Laß uns betend niederknien!"
Spricht Meliore, und den Meister
Will er an dem Mantel ziehn;
Helfet! alle guten Geister!
Er sieht vor sich doppelt ihn!
Einer trägt ein Feuerzeichen
Auf der hohen, dunkeln Stirn,
Kalt sie sich die Hände reichen,
Und es bebet das Gestirn.
Lachend sie von dannen schleichen,
Sieh, da kehrt das Mondenlicht;
Durch das nächtlich tiefe Schweigen
Meliors Stimme bricht:
"Weh! Bologna, weh! Sich neigen
Sah ich deiner Türme Zier,
Sah ein blutig Feld der Leichen
Über deinem Herzen hier!
Weh! in deinen Eingeweiden
Reget sich ein Drachenkind,
Und es streun die dunklen Zeiten
Deine Asche in den Wind!
O, wie muß ich den beneiden,
Der den Stamm, des Sohn er ist,
Kennt, daß er den Fluch der Leiden
Nicht in seinem Schuldbuch liest!
Einen Schuldgen suchend, reißen
Um das Schiff die Stürme sich;
Weh! ich kann mich des nicht preisen,
Daß den Fluch nicht trage ich!
O Allmächtiger, o zeige,
Ob der Sünde ich entspring,
Daß ich zu der Flut mich neige
Und ein sühnend Opfer bring!"
Also fleht er um ein Zeichen,
Und sein Flehen ihm gelingt:
Durch das tiefe nächtge Schweigen
Hell die Totenglocke klingt.
Und der Glocke Schall geleitet
Zu Biondettens Wohnung ihn;
Wo der Baum die Schatten breitet,
Kniet er bei dem Altar hin.
"Herr! die Seele, die jetzt streitet,
Richt in deinem Zorne nicht;
Herr! die Seele, die jetzt scheidet,
Sehe bald dein Angesicht!"
Und er höret an dem Zeichen,
Daß ein Weib gestorben ist,
Weil die Zahl der Glockenstreiche
Zweimal unterbrochen ist.
"Jacopones frommem Weibe
Wohl das dunkle Auge bricht.
Ob ich gehe, ob ich bleibe?"
Bang der Jüngling zu sich spricht.
"Denn nicht lang mehr kann verweilen
Die geliebte Tänzerin;
Sah ich sie, dann will ich eilen
Tröstend zu dem Bruder hin.
Ach, schon hör ich aus der Weite
Leichter Füße Flügelschritt!"
Von der monderhellten Seite
Bang er in den Schatten tritt.
"Soll ich singen, soll ich schweigen,
Wenn sie mir vorüberzieht?
Gerne gäb ich ihr ein Zeichen,
Daß ein Liebender sie sieht!"
Doch ein dunkler Fechter schreitet
In dem Schatten vor ihn hin,
Und zum Kampfe schnell bereitet
Meliore sich gen ihn.
Aber in des Degen Kreisen
Seine Klinge ihm zerspringt,
Ihn durchbohrt des Feindes Eisen,
Und er spricht, indem er sinkt:
"Herr! die Seele, die jetzt streitet,
Richt in deinem Zorne nicht;
Herr! die Seele, die jetzt scheidet,
Sehe bald dein Angesicht!"
** Romanze XV: Meliore und Biondetta — Biondettens hohes Lied
Gieße, Mond, dein Silber milder
Durch die blauen Himmelsmeere;
Blicket fromm, ihr Heldenbilder,
Nieder aus dem Sternenheere.
Einsam kühle Nachtluft, stille
Grüße aus dem Himmel sende;
Blüten, Blumen, eure Fülle
Duftend sich der Nacht verschwende.
Philomela, süßer stimme
Deines Traumes Wonn und Wehe,
Daß es zu den Sternen glimme
Und um Gottes Liebe flehe.
Klang der süßberauschten Zither
Unter Liebchens Fenster bebe;
Still eröffne sie das Gitter,
Daß sie Liebesworte gebe.
Jünglingen, die schlummernd liegen,
Komm ein Liebestraum entgegen;
Auf die Kindlein in den Wiegen
Senke sich ein Engelsegen.
Und die Wünschelrute sinke
Jedem auf des Schatzes Schwelle,
Und dem Durstgen, daß er trinke,
Sei der Schatz die kühle Quelle.
All ihr Bronnen, selig zielet
In die mondberauschten Becken;
Leis im West, ihr Blätter, spielet,
Um die Vöglein nicht zu wecken.
Nacht, in deines Zaubers Schlingen
Soll sich Liebesscham verketten,
Unter lustbetrauten Schwingen
Bräutliches Entzücken betten.
Was die Seele, was die Sinne
Hoch begeistert, tief erreget,
Deines Glücksrads Lustgewinne
Seien alle ausgeleget.
Spinnet bei dem Mondenlichte
Eure feinsten Netze, Elfen,
Und die schlauen Zauberwichte,
Alle Zwerge sollen helfen.
Felsbewohnende Sibyllen,
Leichte Nymphen flüchtger Quellen,
Einet alle euren Willen,
Diese Netze aufzustellen.
Locket, locket, süßer singend,
In die Netze, ihr Sirenen,
Und den Tönen nicht gelingend,
Laßt gelingen es den Tränen.
Denn es will uns heut entfliehen
Der melodischste der Schwäne,
Will zu heilgerm Himmel ziehen,
Daß sein Herz sich nicht mehr sehne.
Königin der Sternenzinne,
Priesterin verklärter Herzen,
Lehrerin geheimer Minne,
Heldin, Trösterin der Schmerzen,
Nacht! durch deines Tempels Mitte
Sehe ich Biondetten gehen,
Scheu verhüllt in züchtger Sitte;
Du wirst sie nicht wiedersehen.
Auf dem Platze mondbeschienen
Bleibt sie ruhig schauend stehen,
In die düsteren Ruinen
Noch einmal zurück zu sehen.
Sie beginnet leis zu singen;
In der Nachtluft einsam Wehen
Ihre Töne sich verschlingen
Wie der Andacht schwankend Flehen.
"Herr, ich steh in deinem Frieden,
Ob ich lebe, ob ich sterbe;
Starb mein Heiland doch hienieden,
Daß ich sein Verdienst erwerbe.
Will der Schmetterling zum Lichte,
Muß die Larve er zerbrechen,
So hast du dies Haus vernichtet,
Meine Freiheit auszusprechen.
Laß die Flügel mich erquicken,
In der Andacht sie erstrecken,
Und zum Himmelsgarten zücken
Durch der Buße dornge Hecken!
O, wie hast du hoch gezieret
Diese Weltnacht, mir die letzte;
Eine Seele triumphieret,
Deren Tod mich hoch ergötzte.
Solchen Tod laß mich gewinnen,
Herr, nach einem solchen Leben,
Laß mich mit so klaren Sinnen
Dir die Seele wiedergeben!
Denn in deinen Händen liegen
Alle demutvollen Herzen,
Wie die Kindlein in den Wiegen,
Still entschlummert, ohne Schmerzen."
Also sang sie, und geschwinde
Eilt sie auf verschlungnen Wegen,
Und schon höret sie die Linde
Nächtlich grüßend sich bewegen.
Rascher flügelt sie die Schritte
Ihres Hauses Tor entgegen,
Da begegnet ihrem Tritte
Klirrend ein entblößter Degen.
Ach, und weiter noch zwei Schritte
Liegt, vom Mantel leicht bedecket,
Der den bösen Mord erlitten,
Stumm ein Jüngling ausgestrecket!
Da sie zu ihm niederblicket,
Will er noch die Blicke heben;
Den der Tod schon fest umstricket,
Kann die Schönheit noch beleben.
Gleich dem frommen Samariter
Hebt die mutige Biondette
Mühsam nun den toten Ritter,
Trägt ihn hin nach ihrem Bette.
Lebend konnts ihm nie gelingen,
In ihr Kämmerlein zu sehen,
Und er mußte, einzudringen,
Durch des Todes Pforte gehen.
Schnell die Lampe angezündet
Unter bangen Herzensschlägen!
Ach, das Herz, das sie verbindet,
Schlägt noch liebend ihr entgegen!
Balsam macht sie aus den Giften,
Die sie sonst im Tanz umgeben,
Mit der Öle süßen Düften
Ruft sie wieder ihn zum Leben.
Und sie löset ihm geschwinde
Seinen Koller überm Herzen,
Sauget ihm sein Blut gelinde
Aus der Wunde mit den Schmerzen.
Ach! und ihren frommen Lippen
Strömt die Torheit frech entgegen;
Quelle böser Zauberklippen,
Liebesgift war an dem Degen!
Auf der Brust ihm eingeschnitten
Ihren Namen liest Biondette,
Und ihr Bild, nach Liebessitte,
Hängt darauf an goldner Kette.
Doppelt ihren Schleier windet
Sie, mit Tränen ihn benetzend,
Und die Wunde sie verbindet,
Sich der Blöße nicht entsetzend.
Und sie eilt und schmückt das Zimmer,
Zündet an wohl hundert Kerzen,
In der Spiegel Widerschimmer
Gold und Silber freudig scherzen.
Ihres Putzschranks Flügeltüren
Öffnet sie mit leichten Händen,
Daß ein eitles Triumphieren
Rings entstrahle allen Wänden.
Und die falschen Götterbilder
Schmücket sie mit Flitterkränzen,
Aus dem Schoße goldner Schilder
Läßt sie seidne Röslein glänzen.
Reiherbüsche pflanzt sie flitternd
Auf des Boden Purpurdecken,
Diamantne Nadeln zitternd
Zäumt sie ein mit Federhecken.
In der Torheit Garten glimmend
Rüstet sie ein Weihrauchbecken,
Daß die Weihrauchwolken schwimmend,
Lüstern halb den Glanz bedecken.
Weh! wer hat sie so verrücket?
Alle Blumen muß sie brechen;
Wie des Wahnsinns Braut geschmücket,
Muß ihr keusches Herz erfrechen.
Schamlos tritt sie vor den Spiegel,
Ihre Brust zu Tag zu legen,
Weh! da blicket Gottes Siegel,
Die Goldrose ihr entgegen.
Doch sie ist so tief verstricket,
Nichts kann ihre Glut erschrecken,
Ihre Blöße sie entzücket,
Und sie mag sich nicht bedecken.
Und mit süß vertrauten Blicken
Sitzt sie auf des Jünglings Bette;
Weltlicher nicht konnt sie blicken,
Wenn sie nie gebetet hätte.
Und sie fühlt in allen Sinnen
Ein unheiliges Ergötzen
Wild durch ihre Adern rinnen,
Und sie muß die Zucht verletzen.
Seine Lippen, seine Stirne,
Ihren Namen ihm am Herzen,
Küsset heiß die arme Dirne
Unter suß berauschten Schmerzen.
Und in seinen Locken spielen
Ihre zarten Hände bebend,
Doch umsonst die Küsse zielen,
Seine Lippen nicht belebend.
An den Busen ihn zu drücken,
Seinen Namen laut zu nennen,
Fühlet sie ein wild Entzücken,
Doch er will sie nicht erkennen.
"Meliore," spricht sie liebend,
"Deine Augen zu mir wende,
Süßen Dank der Huld ausübend,
Die ich zärtlich dir verschwende!
Sieh, es will der gütge Himmel
So dich an das Herz mir legen,
Wie ich in des Brands Getümmel
An dem deinen bin gelegen!
Wenn du auch nicht wiederküssest,
Winkend nur ein Zeichen gebe,
Mir zum Troste, daß du wissest,
Wie ich dich nicht überlebe!"
Und die Harfe nimmt die Süße,
Läßt die Saiten wild erbeben;
Ach, die heißen Liebesgrüße
Können nicht sein Aug erheben.
Keuscher Tod, du drückst sie nieder,
Solche Raserei zu sehen,
In dem Klang der giftgen Lieder
Soll er sie nicht wiedersehen.
"Ihn, den meine Seele liebet,"
Singt sie, "sucht ich in dem Bette,
Sucht ihn durch die Straßen ziehend,
Fand ihn doch an keiner Stätte.
Und ich fragt die Wächter bittend,
Die da durch die Straße gehen:
Ihn, den meine Seele liebet,
Habet ihr ihn nicht gesehen?
Und vorübergehend finde
Ich den Liebsten meiner Seele,
Ihn mit Rosenketten binde,
Ihn auf ewig mir vermähle!
Und ich halt ihn, laß ihn nimmer,
Den ich fand auf meiner Schwelle,
Führ ihn in der Mutter Zimmer,
Führe ihn in meine Zelle.
Sieh, ich bin ein Rauch von Myrrhen,
Auf sich aus der Wüste hebend,
Und, wie Bienenschwärme irren,
Küsse meinem Mund entschweben.
Weiß und rot ist, den ich minne,
Golden sich sein Haupt erhebet;
Wenn ich seinen Locken spinne,
Schwarz die Nacht den Mantel webet.
Seine Augen mich erquicken
Und die Seele mir erhellen,
Wie die Taubenaugen blicken
Zu den klaren Wasserquellen.
Wie Gewürze duftend, grüßen
Seiner Wangen Blumenzellen,
Süße Myrtenöle gießen
Seiner Lippen Rosenquellen.
Goldne Türkisringe zieren
Seine klaren Silberhände,
Elfenbeinern und saphieren
Trägt der Goldfuß seine Lende.
Und er stehet aufgerichtet,
Wie die Zedern auserwählet,
Wie der Libanon umlichtet,
Der dem Himmel sich vermählet.
Wie mein Saitenspiel, erklinget
Süß und lieblich seine Kehle,
Und zu seinen Lippen dringet
Lustberauschet meine Seele.
O, du Büschel süßer Myrrhen,
Zwischen meinen Brüsten hängend,
Sag, wo deine Schafe irren,
Sich im Mittagsstrahle drängend.
Töchter Zions, meine Bitte
Höret und den Freund mir wecket,
Schlummernd vor der Zedernhütte
Unter Rosen ausgestrecket.
Daß er blühend aufgerichtet:
Süße Freundin, zu mir spreche,
Komme her, die Gott gedichtet,
All die Rosen mit mir breche!
Sieh, verschwunden ist der Winter,
Und dahin ist Sturm und Regen,
Und die Blumen, Frühlingskinder,
Spielen schon auf grünen Wegen.
Meine Wangen lieblich flimmern,
In den Spangen, in der Kette
Sehe meinen Hals erschimmern,
Und es grünet unser Bette!
Wie die Traube Copher schwillet
Zu Engeddi in den Gärten,
Und der Lippen Kelch erfüllet,
Küß ich meinen Lustgefährten!
Zedern fest das Haus uns stützen,
Unsre Latten sind Zypressen,
In dem Schatten will ich sitzen
Und der Schmerzen all vergessen.
Unterm Schatten will ich sitzen;
Des die Seele mir begehret,
Wie der Apfelbaum bei wilden
Bäumen, ist mein Freund verehret.
Deiner Lieb Paniere schwinge
Über mir, du Hoch und Heller,
Und du Freundlicher, mich bringe
In des süßen Weines Keller!
Und mit Blumen mich erquicke,
Mich zu laben Äpfel gebe;
Krank bin ich vor Liebe; blicke,
Blicke auf, mich zu beleben!
Unter deinem Haupt die Linke
Muß dich meine Rechte herzen,
Wenn ich deinen Kuß nicht trinke,
Muß verdürsten ich in Schmerzen!
Sieh, die Honigbienen irren
In dem honigsüßen Lenze,
Und die Turteltauben girren;
Komme, mein Freund, daß ich dich kränze!
Sieh, dem Feigenbaum entspringen
Knospen; aus dem Aug der Reben
Süße Wollusttränen dringen;
Also weint mein junges Leben!
Wie in dunklen Felsenritzen
Turteltauben auf dem Neste,
Also will ich bei dir sitzen
In dem Glanz der Blütenäste.
Und es tönet meine Stimme
Süß, o süß ist meine Kehle,
Bis wetteifernd süß ergrimme
und verglimme Philomele.
Und ich singe zu dir nieder:
Mein bist du und mir gegeben,
Und es sehn dich meine Lieder
Unter Rosen weidend schweben!"
Wie sie also töricht singet,
Spricht Meliore: "Meine Schwester,
Fromme Taube, ach, es schlinget
Sich des Todes Band nur fester!
Nachttau mir vom Haupte fließet,
Und es wecket mir im Herzen,
Wenn sich gleich mein Auge schließet,
Deine Liebe bittre Schmerzen!
Mein Gewand, ich legt es nieder,
Soll ich wieder an es legen?
Nach dem Bad die Füße wieder
Mir besudeln auf den Wegen?
Deine Augen gleichen Blitzen,
Deine Augen von mir wende!
Meinem Herzen Degenspitzen
Scheinen deine zarten Hände!"
Aber wehe! nicht vernimmet
Sie den schweren Namen Schwester,
Glühender ihr Wahn entglimmet,
Sie umklammert ihn noch fester.
Und sie spricht: "Der Kelch der Lilien
Unserm Bett das Rauchfaß schwenket,
Unser Dursten zu vertilgen
Sich der Traube Becher senket.
Unsre Tür umgeben Früchte,
Ich bewahrte dir, mein Leben,
Heurige und fernge Früchte,
Beide kann ich dir nun geben!
O, du Liebe in Wollüsten!
O, du schön und lieblich Schweben!
Trauben gleichen meine Brüste,
Trauben wundersüßer Reben!
Einer Palme aufwärts dringend
Gleichet meines Leibes Länge,
Wie der Wein hinan sich schlinget:
O, wer sich hinan so schwänge!
Laß uns durch die Felder ziehen,
Ob uns sieht das Aug der Reben,
Ich will, wenn Granaten blühen,
Dort dir meine Brüste geben.
Dich, der meiner Mutter Brüste
Saugte, Bruder, dich den Schönen,
Wenn ich dort dich brünstig küßte,
Ach, wer wollte mich verhöhnen!"
Als sie diesen Frevel singet,
Springt sein Blut ihr neu entgegen;
Der Verband, der Hilfe bringet,
Kann die Raserei nicht legen.
Und von ihrem Nonnenbilde
Reißt sie in der Angst die Decke,
Daß damit das Blut sich stillte,
Und es dienet ihrem Zwecke.
Als sie zu dem Bilde blicket,
Fühlet sie ein tief Erschrecken,
Scham sie wie ein Schwert durchzücket,
Und sie eilt, sich zu bedecken.
Von des Bildes Augen fließen,
Wunder Gottes! bittre Tränen,
In die Arme muß sies schließen,
Ach, sie möchte es versöhnen!
Und dem Bilde gegenüber
Sitzt zur Harfe sie am Bette,
Und die Augen strömen über
Der verlorenen Biondette.
"Wo ist die, die aus der Wüste
Aufgeht, auf den Freund gelehnet?"
Spricht Meliore nun, und grüßte
Sie, nach der sein Herz sich sehnet.
"Auf dein Herz gleich einem Siegel
War sie wahrlich doch gesetzet.
Goldne Rose, deinen Spiegel
Hat die Schlange bös verletzet.
Um den Apfelbaum sich schlingend,
Der die Mutter dir bedeckte,
Als sie rang, zur Welt dich bringend,
Bös die Schlange mich erweckte!"
Aber traurend sitzt die Süße,
Läßt die Harfe leis erbeben,
Daß ihn schön das Leben grüße,
Das die Liebe ihm gegeben.
Wie die Töne sich ergießen,
Fühlt die Jungfrau in dem Herzen
Wunderbaren Zauber fließen
Und so süße, wilde Schmerzen.
Höher sie die Saiten schwinget,
Denket nicht mehr des Gesellen;
Wie der Schwan im Tode singet,
Glühend ihre Töne schwellen.
Tausend Töne, die sonst schliefen,
Aus der Harfe lebend brechen,
Und in allen Herzenstiefen
Hört sie laut das Echo sprechen.
In dem Tode hallt es wider;
Schüchtern zu des Lebens Schwelle
Rufen ihn die Zauberlieder,
Seine Blicke werden helle.
Wer erklärt ihm die Gesichte,
Wer ergießt des Himmels Segen?
Ist so mild das Weltgerichte,
Kommt die Gottheit ihm entgegen?
"Süßer Tod, den ich erlitten!
Goldne Töne zu mir gehen,
Selig in des Himmels Mitten
Soll ich wieder auferstehen!"
Aus Biondettens frommen Mienen
Strömet ihm das selge Wähnen,
Gottes Mutter sei erschienen,
Und er betet unter Tränen.
Doch die arme Jungfrau singet
Unter bittren, bittren Tränen,
Während sie die Hände ringet:
"O, welch schmerzlich glühes Sehnen!
Schwarz bin ich, doch voller Liebe,
Wie die Hütten Kedars stehen,
Wie die bunten Teppche schimmernd
Salomons im Tempel wehen.
Die Weingärten zu behüten,
Setzten sie mich ein zum Wächter,
Meinen konnt ich nicht behüten,
Von Jerusalem ihr Töchter!
Wie der Tod so stark ist Liebe,
Fest der Eifer wie die Hölle,
Glut und Feuer meine Triebe,
Wie des Herren Blitz so schnelle.
Und wenn alle Wasser stiegen,
Und wenn alle Ströme rännen,
Würden sie sie nicht besiegen,
Nimmer sie erlöschen können!
Was in meinem Haus sich findet,
Alles Gut, wenn ichs wollt geben
Um die Liebe, die mich bindet,
Ach, ich hätte nichts gegeben!
Schön und lieblich meine Füße
In den goldnen Schuhen stehen,
Und mein Haupt, wenn ich ihn grüße,
Ist wie eines Helmbuschs Wehen!
Wie zwo Spangen schön sich schwingend,
Von des größten Meisters Händen
Eben aneinander dringend,
Stehen freudig meine Lenden!"
Doch nun lischt der Kerzen Schimmer
Und Biondette singet: "Wehe,
Wehe, Wehe, Lebensschimmer,
Holdes Leben, nicht vergehe!
Sterbet nicht, ihr süßen Lieder,
Wollt, o wollt nicht von mir schweben!
Sterbet nicht, ihr raschen Glieder,
Laßt euch froh zum Tanze heben!"
Eh die Lampe auch verglimme,
Will sie freudig nochmals schweben;
Doch sie hört nicht ihre Stimme,
Fühlt nicht ihrer Füße Schweben.
Weh! es walten böse Künste,
Laut die frühen Hähne krähen;
Kehrt, ihr Geister, aus dem Dienste,
Denn der Tag will auferstehen!
Und Meliore kömmt zu Sinnen.
Licht und Lied und Lieb entschweben,
Mächtig fühlt er sich von hinnen
Auf die öde Straße heben.
Kühl umwehn ihn Morgenwinde,
Wunderbar ist ihm geschehen,
Denn er kann noch ihre Binde
Auf der frischen Wunde sehen.
Und die nahe Glocke klinget,
Und er hört die ersten Messen:
Bete, bete, nie gelinget,
Die Geliebte zu vergessen!
** Romanze XVI: Kosme krank — Pietros Garten brennt
Wenn du gleich den Vögeln schwebest,
Über dir der blaue Bogen,
Unter dir die grüne Erde
Und des Wassers Silberwoge;
Und du wolltest niedersehen,
Wo du ruhig möchtest wohnen,
Wo du deinem kleinen Neste
Eine Stelle suchen solltest;
Flöhest du der Städte Elend
Und die Armut eines Dorfes,
Und zögst über Land und Felder
Zu dem stillen Tale Kosmes,
Wo die stillen Bächlein gehen
Durch den Schatten, durch die Sonne,
Durch die Büsche, durch die Felsen,
Bis zum Garten voller Rosen,
Und du bautest dir dein Nestchen,
Wo die klare Jungfrau wohnet,
Und sie ging dir aus dem Wege,
Wenn du ruhig brüten wolltest,
Und du sängst ihr an dem Fenster
In des Lorbeerbaumes Krone;
Futter würde hin sie legen
Alle Abend, alle Morgen,
Und dir schiens ein selig Leben,
Ging zu beten früh die Fromme,
Flögst du mit ihr zur Kapelle,
Die am Felsen höher oben;
Und wenn sie aus vollem Herzen
Unter Tränen spräch die Worte:
Herr, ach schau zu meinem Herzen,
Es ist ganz von Schmerz umdornet!
Herr, um deines Sohnes Schmerzen
Richte auf den Vater Kosme,
Laß ihn nicht verzweifelnd sterben,
Öffne ihm die Gnadenspforte:
Dann wär deine Lust zu Ende,
Deine Seligkeit zerronnen,
Denn nicht ferne von den Menschen
Überall das Elend wohnet.
Und es ist kein öder Felsen
Und kein Bächlein oder Bronnen,
Keine waldumschlossne Stelle
Unterm Monde und der Sonne,
Wo ein Mensch das Licht gesehen,
Wo nicht wär gesündigt worden,
Wo nicht wären bittre Tränen
Vor dem Herrn vergossen worden.