Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785

Andreas Streicher · Kapitel 3 von 3 · Teil 3/6

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Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785

Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782–1785.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen bei den Städtern

immer hervorbringen, blieb unser Dichter ganz auf sich eingeschränkt und hatte zu Anfang des Septembers sein Trauerspiel so weit gebracht, daß er es beinahe für vollendet halten durfte, indem er die Auslassungen, die Abänderungen, welche etwa die Aufführung erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um so eher in wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, als er schon während der Arbeit an das Nötige hierüber gedacht.

Unter den angekommenen Fremden befand sich auch Baron Dalberg, der einige Tage früher, als die Festlichkeiten ihren Anfang nahmen, eintraf, sowie die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater, die aus Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu erwähnen. Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame Meier, die er öfter sah. Die Ursachen dieses Schweigens waren keine anderen, als weil der Vorsatz, etwas zu wagen, viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen Erfolg – wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse – viel zu groß bei ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen Empfindung hätte aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt oder durch Beweise eines ungewissen Erfolges widerlegt zu werden.

Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so vermutete Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen ungeachtet nur darum keine Verwendung für ihn geschehen, weil er noch in herzoglichen Diensten stehe. Käme aber das Schlimmste, daß er diese Dienste verlassen müßte, so wäre es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den vielen Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe und Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er die gewisse Hoffnung, daß er dann als Theaterdichter in Mannheim angestellt und somit ein Ziel erreichen würde, welches er als das glücklichste und für ihn passendste anerkannte.

Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden, auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen.

Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen, besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht, erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die Zukunft in derselben Dämmerung wie bisher, und es war nichts übrig, als sich auf das Glück zu verlassen.

Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur die

Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich, sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre, mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte.

Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer einer sehr

schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.

Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber – ohne seine

Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären. Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte, der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde Denkweise eingesogen zu haben schien – er hatte ihr von jeher nichts als Freude gewährt; sie sah ihn mit all den Eigenschaften begabt, die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte! Und nun! – – – – – – – – – Wie schmerzhaft das Lebewohl von beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.

Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September abends um

neun Uhr festgesetzt. 1

Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen, seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden von Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich – jetzt in einem so entscheidenden Augenblick! – ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem – gewiß weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund – der Schönheit der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern, daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.

Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte,

wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst. Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend; denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen, die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert wurden.

Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich schon

jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings, eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen, weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt werden.

Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt

war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden, nun auch an S. – von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren.

Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das

dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers – möchte ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen – als Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden könne.

Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß

abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen, welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah.

So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie eigentlich

zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der Schildwache – Halt! – Wer da! – Unteroffizier heraus! – einen unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend, angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer ausrief: »Meine Mutter!«

Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke, folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne.

Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der Auftrag für etwas Kaffee erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.

Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele

Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht.

Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht Uhr

morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen. »Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!«

Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde,

verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren, allwo die Ankunft nach neun Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose Nacht um so erwünschter war.

Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig, um

sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können, war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des Dichters – das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den gebildeten Teil desselben berechnet war – gleichfalls aufzunehmen? Es ließ sich für gewiß erwarten – die Entscheidung des Herzogs möge nun gewährend oder verneinend ausfallen – daß noch in diesem Jahre Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war.

Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen wurde, war sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei sich zu sehen, wo er ihn in lauter Feste und Zerstreuungen versunken glaubte; aber seine Überraschung ging in Erstaunen über, als er vernahm, daß der junge Mann, den er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe. Obwohl Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers in Mannheim von diesem selbst über sein mißbehagliches Leben und Treiben in Stuttgart unterrichtet war, so hatte er doch nicht geglaubt, daß diese Verhältnisse auf eine so gewagte und plötzliche Art abgerissen werden sollten. Als gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern Erklärungen Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte ihn nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog einzusenden und durch seine Bitte eine Aussöhnung bewirken zu wollen. Die Reisenden wurden von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte auch die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, die in dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben war, aufnehmen zu lassen, wohin sogleich das Reisegeräte geschafft wurde.

Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, um daselbst an seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen Stunden fertig war, las er den vorher nicht aufgesetzten, aber vortrefflich geschriebenen Brief den wartenden Freunden vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:

»Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium,

zu dem er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben

dürfen oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den

fürstlichen Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der

Arzneikunde gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen

und großen Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines

Aufenthaltes von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend

waren, daß er ewig stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein

Fürst habe ihn in seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die

Unmöglichkeit auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben

oder durch seinen Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen

verschaffen zu können, indem die Anzahl der Mediziner zu groß in

Stuttgart sei, und ein Anfänger zu lange Zeit brauche, um sich

bekannt zu machen, er auch von Haus nichts zuzusetzen habe.

»Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als

medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die

Bekanntmachung seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei,

seine Einnahme zu verbessern.

»Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit,

eine Reise in das Ausland zu machen.

»Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm

das fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige

Entfernung verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten

habe.«

Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General

Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, die vorgelegten Bitten nach seinen besten Kräften sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog unterstützen zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so wenig befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm seine Antwort durch die Adresse des Herrn Meier zukommen zu lassen. Obwohl letzterer über das wahrscheinliche Verfahren des Herzogs nicht so ruhig sein konnte als derjenige, den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit zugestehen, daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch aus Rücksicht gegen dessen Eltern vielleicht bewogen werden könne, von den gewöhnlichen Verfügungen für diesmal abzugehen und wenigstem einen Teil der Bitten zu bewilligen.

Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart wieder zu Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am 18. vormittags Schillers Verschwinden erfahren, daß jedermann davon spreche und allgemein vermutet werde, man würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung verlangen. Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs durch zu viele Proben habe kennen lernen, als daß er nur die geringste Gefahr befürchte, so lang' er den Willen zeige, wieder zurückzukommen.

Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht anklagen; eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man ihn auch nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei freiwilligem Abschiednehmen nachgesetzt wird.

Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich nirgends öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine Wohnung und das Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. Für die Reisenden war es sehr angenehm, in der Hausfrau eine teilnehmende Landsmännin und sehr gebildete Freundin zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges oder künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen erklären.

Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in der Folge blieben diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, wahrste Freunde, und Madame Meier bewies sich besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam und tätig wie eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.

Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn Meier über das neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco gesprochen und desselben als einer Arbeit erwähnt, die den Räubern aus vielen Rücksichten vorzuziehen sei. Es ergab sich nun von selbst, daß der Dichter darum angegangen wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des Manuskriptes zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern gegenwärtig sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl unter allen Schauspielern sich keiner befand, der nicht im höchsten Grad auf die zweite Arbeit eines Jünglings begierig gewesen wäre, welcher sich schon durch seine erste auf eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der Vorlesung des neuen Stücks beizuwohnen.

Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort von General Augé an Schiller ein, welche folgendes enthielt: »Der General habe den Wünschen Schillers entsprochen und sein Schreiben dem Herzog nicht nur vorgelegt, sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen zu lassen: da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.«

Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste erwähnte, um was

Schiller zur Erleichterung seines Schicksals so dringend gebeten hatte, so schrieb er dem General augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung Sr. Durchlaucht unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift zu beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, um den Herzog zur Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.

Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, was er zu hoffen oder

zu fürchten habe, schrieb Schiller – was er schon am zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern getan – sogleich an einige Freunde, damit, wenn sie etwas erführen, was ihm schaden könnte, sie ihm doch alsobald Nachricht geben möchten, und sah den Antworten mit ebensoviel Unruhe als Neugierde entgegen.

Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels bestimmt, wozu

sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck noch mehrere Schauspieler einfanden, die nicht Worte genug finden konnten, um ihre tiefe Verehrung gegen den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken, die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hätten. Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch gesetzt hatten, schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung der wirklichen Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf er dann zu lesen anfing.

Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler wie Iffland, Meier,

Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches sagte, um so mehr neu und willkommen, als er noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang gehabt hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die vielen schönen Stellen sein würden, die schon in den ersten Szenen, sowie in den folgenden noch häufiger vorkommen, und sah nicht den Vorleser, sondern nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken, welche die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.

Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch ohne das geringste

Zeichen des Beifalls abgelesen, und er war kaum zu Ende, als Herr Beil sich entfernte und die übrigen sich von der Geschichte Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten unterhielten.

Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso aufmerksam wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen von Lob oder Beifall angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen von Obst, Trauben etc. herumgegeben wurden. Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug ein Bolzschießen vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. Allein nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, und außer den zum Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, der sich erst um acht Uhr nachts entfernte.

Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich S. diese Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so vortreffliche Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, die kaum vor einer Stunde die größte Bewunderung und Verehrung für Schiller ihm selbst bezeugt hatten, und es empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von Neid und Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein Freund jemals zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal bei solchen Leuten sehr beklagenswert sein müßte.

Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit gesetzt werden; denn als er eben im Begriff war, sich über die ungewöhnliche und beinahe verächtliche Behandlung Schillers bei Herrn Meier zu beklagen, zog ihn dieser in das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber geschrieben?«

Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?

»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück geschrieben und er es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand anderer daran geholfen?«

Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die Räuber ganz allein geschrieben und ebenso auch für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?

»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«

S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, daß Fiesco weit regelmäßiger für die Bühne und darin alles vermieden sei, was an den Räubern mit Recht so scharf getadelt worden. Er müsse das neue Stück nur öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es gewiß ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. Allein alle diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte um so mehr auf seiner Meinung, weil es ihm als einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse, aus einigen Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können, und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesco geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.«

Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man nicht nur als einen

vollgültigen Richter, sondern auch als einen solchen Freund Schillers ansehen durfte, dem an der guten Aufnahme des Stückes beinahe ebensoviel als dem Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so betäubenden Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick den Dienst versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm sprach? Hatte er auch recht gehört? Sollte er die Erwartungen Meiers zu hoch gespannt haben? Wäre es möglich, daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich gefunden, was andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun als schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit den andern verschworen, zum Untergang des Stücks und seines Verfassers mitzuwirken? Diese Fragen, durch das Unbegreifliche des Vorganges und der Äußerungen Meiers hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand sie um so quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte. Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter Verlegenheit zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand mehr eine Silbe. Schiller selbst war äußerst verstimmt und nahm mit seinem Gefährten zeitlich Abschied. Bei dem Weggehen ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das Manuskript da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. Schiller bewilligte diese Bitte sehr gern.

Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die willkommenste

Aufnahme erwartet hatte, wurde zu Hause nichts, und überhaupt sehr lange wenig gesprochen, bis sich Schiller endlich Luft machte und über den Neid, die Kabale, den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn er hier nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel nicht angenommen werde, er selbst als Schauspieler auftreten wolle, indem eigentlich doch niemand so deklamieren könne wie er. S. wollte dem mißlaunigen Freunde nicht geradezu widersprechen, gab ihm aber doch zu bedenken, in welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester, besonders aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, daß er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, da er selbst sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner Reise versprochen. Er erinnerte ihn an das Vorurteil, das man in Stuttgart gegen diesen Stand hege, wo man zwar dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich aber doch jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch mit Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim eintreffe, von dem allein die günstige Wendung seines Schicksals zu hoffen sei.

Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das über Fiesco und seinen Verfasser gefällt werden sollte, begab sich S. den andern Morgen ziemlich früh zu Herrn Meier, der ihn kaum ansichtig wurde, als er ausrief: »Sie haben recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück und weit besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es eine Hauptstelle seines Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«

Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die Niedergeschlagenheit von S. in eine solche Freude, daß er, ohne Schillern zu entschuldigen oder die herabsetzende Meinung von dessen Ansprache und Deklamationsgabe widerlegen zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte, um dem Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht zu hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen Gestalten vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, seine heftige Aussprache den schlechten Erfolg von gestern hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig verschwiegen, um sein ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.

Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé auf das zweite Schreiben Schillers ein, welche aber von ganz gleichem Inhalt wie die erste war, nämlich: »Da Se. herzogliche Durchlaucht jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« Allein Schiller konnte in keinem Fall wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit zugesichert, noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig Glänzendes sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von der Zukunft hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem ungewissen Schicksal entgegen zu gehen, als sich das frühere Joch wieder auflegen zu lassen, das ihm ohnehin schon den Nacken wund gerieben und in der Folge zuverlässig auf das Mark des Lebens eingedrungen sein würde.

Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß entschieden, daß er nicht mehr an seinen General schrieb, sondern dem Rate seiner Freunde folgte, sich auf einige Wochen zu entfernen, indem es doch möglich wäre, daß seine Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt würde, weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen worden und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen zum Militärstande gerechnet werden könne. Geschähe in einigen Wochen nichts gegen ihn, so wäre man beinahe versichert, seine Entweichung sei vergessen oder der Herzog werde seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm fragen.

Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte und seine Rückkehr

ungewiß blieb, folglich für die Bestimmung Schillers nichts getan werden konnte, so wurde nach einem Aufenthalt von sechs oder sieben Tagen die Reise über Darmstadt nach Frankfurt am Main beschlossen, wo auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von Mannheim abgewartet werden konnten.

Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn das kleine Kapital, das

jeder von Stuttgart mit sich nehmen konnte, war durch die Herreise, durch das Verweilen in Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der größten Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte. Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern um Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er nicht schreiben, um ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und seiner Mutter wollte er nicht den Kummer machen, sie wissen zu lassen, daß er jetzt schon Mangel leide, da sie gewiß geglaubt, er würde einem sehr behaglichen Zustand entgegengehen. Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, aber so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen nach Frankfurt zu schicken, weil Schiller in Mannheim nichts bezogen habe, beide nur noch auf einige Tage mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen Umständen unmöglich verlassen könne.

Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame Meier und nur mit

dem Unentbehrlichsten in den Taschen gingen die Reisenden nach Tisch über die Neckarbrücke von Mannheim ab, schlugen den Weg nach Sandhofen ein, blieben in einem Dorf über Nacht und gingen den andern Tag durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. Sehr ermüdet von dem ungewohnten, zwölfstündigen Marsch begaben sie sich in einen Gasthof und waren sehr froh, nach einem guten Abendessen in reinlichen Betten ausruhen und sich durch Schlaf erholen zu können. Letzteres sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches Trommeln aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein sehr heftiges Feuer ausgebrochen. Sie horchten, als das schreckliche Getöse sich entfernt hatte, ob man nicht reiten, fahren oder schreien höre; sie öffneten die Fenster, ob sich keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb ruhig, und wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. Am Morgen erkundigten sie sich bei dem Wirt, was das außerordentlich starke Trommeln in der Stadt zu bedeuten gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die Reveille!

Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand aber doch darauf, den sechs Stunden langen Weg nach Frankfurt noch heute zu gehen, damit er alsogleich nach Mannheim schreiben und sich die indessen an ihn eingelaufenen Briefe schicken lassen könne.

Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden ihre ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen versuchten und den Weg antraten. Langsam schritten sie vorwärts, rasteten aber schon nach einer Stunde, um sich in einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser geschüttet, abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr müde war, sich etwas ausruhen könne. Allein es war in dem Wirtshause zu lärmend, die Leute zu roh, als daß es über eine halbe Stunde auszuhalten gewesen wäre. Man machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in einigen Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit jeder Minute vermehrte sich seine Blässe, und als man in ein Wäldchen gelangte, in welchem seitwärts eine Stelle ausgehauen war, erklärte er, außerstande zu sein noch weiter zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich nach einigen Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges Gebüsch ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich auf den abgehauenen Stamm eines Baumes, ängstlich und bange nach dem armen Freund hinschauend, der nun doppelt unglücklich war.

In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit zugebracht, während der Kranke schlief, kann nur derjenige allein fühlen, der die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch gegenseitiger Gefälligkeiten, sondern auch durch das wirkliche mit Leiden und mit Tragen aller Widerwärtigkeiten kennt. Und hier mußte die innigste Teilnahme um so größer sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem das reinste Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all das Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er später so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, düstern Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, mit dem er gegen ein hartes, unverdientes Schicksal zu kämpfen suchte, und die wechselnde Gesichtsfarbe verriet, was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige. Das Ruheplätzchen lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links ein Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von niemand betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte sich plötzlich ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben Aufschlägen, dessen überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht man sich aus!« einen der in Frankfurt liegenden Werber vermuten ließ. Er näherte sich mit der Frage: »Wer sind die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch antwortete: »Reisende.«

Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den Fremden mit

scharfem, verwundertem Blick, der sich nun auch, da er wohl merken mochte, daß hier für ihn nichts zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu sprechen, entfernte.

Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? erfolgte zu seiner

großen Beruhigung die Antwort: »Mir ist etwas besser, ich glaube, daß wir unsern Marsch wieder antreten können.« Er stand auf, durch den Schlaf soweit gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber doch ohne Beschwerde fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt noch auf eine kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte den Mut, es wurde etwas schneller gegangen, und ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich gebaute, merkwürdige Frankfurt, in welches man auch noch vor der Dämmerung eintrat.

Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen geschehen

sollten, um so leichter verborgen zu sein, wurde die Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen bei einem Wirte der Mainbrücke gegenüber gewählt und mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und Verköstigung auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, wie lange der geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.

Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und ein

erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner Jugend auf Rosen gebettet wird; daß – ist er nicht schon durch die Eltern mit Glücksgütern gesegnet – er die rauhesten, mit verwundenden Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten, eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen geschrieben.

»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim

meine Lage bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte, erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht, sobald hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E. unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien

Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht. 2

»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E.

E. meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich jetzt vielleicht mehr als sonst durch mein ganzes Leben dessen benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.

»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein.

Noch ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich

habe also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen.

Wenn E. E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu

100 fl. vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen.

Entweder würden Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der

ersten Vorstellung meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu

versprechen, oder mit mir über einen Preis übereinkommen, den der

Wert meines Schauspiels bestimmen würde. In beiden Fällen würde

es mir ein leichtes sein (wenn meine jetzige Bitte die alsdann

erwachsende Summe überstiege) beim nächsten Stück, das ich

schreibe, die ganze Rechnung zu applanieren. Ich lege diese

Meinung, die nichts als inständige Bitte sein darf, dem Gutbefinden

E. E. also vor, wie ich es meinen Kräften zutrauen kann, sie zu

erfüllen.

»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug

wird, so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden

Vormalung meiner Not zu quälen.

»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen

kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter

allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu

schreiben zu überheben.

Mit entschiedener Achtung nenne ich mich

Euer Exzellenz

wahrster Verehrer

Friedr. Schiller.«

Vorstehender am 29. oder 30. September 3 geschriebener Brief wurde an Herrn

Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu senden, wo man sie von der Post abholen wolle.

Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine außerordentliche

Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll – Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein, welche diese – wohl manchem sehr unbedeutend scheinende – Summe von 200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze Auseinandersetzung erlaubt.

Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei, welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf 200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl sie nicht reich waren, doch im schlimmsten Fall einige Sicherheit vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen 180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben.

Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde, um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier zum erstenmal sah. Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen, sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte. Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien. Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden; daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands so merkwürdige Stadt etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte, zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile? Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er, der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden.

Weiter: Teil 4 von 6