Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785

Andreas Streicher · Kapitel 3 von 3 · Teil 5/6

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Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785

Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782–1785.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

Württemberg auf keinerlei Weise jemals die geringste Vorkehrung treffen ließ, um seinen entflohenen Zögling wieder in seine Gewalt zu bekommen und zu bestrafen. Er mochte sich wohl erinnern, daß er Schiller wider dessen Willen und fast zwangsweise in die Akademie aufgenommen – daß der Knabe sowie der Jüngling durch treffende, überraschende Antworten, durch untadelhafte Sitten seine wahrhaft väterliche Zuneigung sich erworben – daß ein schon im ersten Versuche sich so kühn aussprechendes Talent unmöglich durch einen militärischen Befehl unterdrückt werden könne. Oder war es Rücksicht gegen den ihm fast unentbehrlich gewordenen Vater; war es Anteil an dem Kummer der achtungswerten Familie? – Wollte er das mißbilligende Gefühl, das sich wegen der Gefangenhaltung Schubarts in ganz Deutschland allgemein und laut äußerte, nicht noch weiter aufreizen? – War es natürliche Großmut? – – Genug, der Herzog gab dieser Sache nicht die geringste Folge und bewies dadurch ganz offenkundig, daß er die Flucht Schillers nur als einen Fehler, aber nicht als ein Verbrechen beurteilte.

Nicht nur diese Gewißheit ergab sich aus dem Briefe des Vaters, sondern auch

die Hoffnung, daß er dem Sohne noch mit warmer Liebe zugetan sei, und ihm, wenn der äußerste Fall einträte, die nötige Unterstützung nicht versagen würde. Verglich man diesen Brief mit denen, welche Herr Schwan und S. aus Bauerbach erhalten, so konnten die Freunde des Dichters um so mehr unbesorgt sein, als dieser mit seinem Zustand im höchsten Grade zufrieden schien, und sich nun nach einem Jahre voller Sorgen und Unruhe solchen Beschäftigungen widmen konnte, die, außer dem Vergnügen, das sie ihm selbst machten, auch noch mit Ehre und Vorteil verbunden waren.

Ohne Zweifel teilt jeder Leser diese Meinungen, und glaubt vielleicht, das Schicksal, nachdem es seine alles beugende Gewalt habe empfinden lassen, werde dem Ermüdeten nach so manchen Stürmen endlich Ruhe vergönnen?

Der Verfasser bedauert innigst, daß er diese Hoffnungen nicht bestätigen kann, sondern genötigt ist, neue Schwierigkeiten zu melden, die sich in dem so friedlich scheinenden Zufluchtsorte ganz unerwartet erhoben; denn kaum vier Wochen nach dem ersten erhielt er nachstehenden zweiten Brief.

H., den 14. Jän. 1783.

So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe

sollen scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen Ball in dieser sublunarischen Welt herum.

Hören Sie nur!

Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr in Bauerbach.

Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht besser aufgehoben.

Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder, den

Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg eine Erbschaft von beinahe 200 000 Gulden getan, begleitet. Sie können sich vorstellen, mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog – – – – Aber nun!

Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft der

Menschen ist das Ding, das sich des Suchens nicht verlohnt. Wehe dem, den seine Umstände nötigen, auf fremde Hilfe zu bauen. Gottlob! das letztere war diesmal nicht.

Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht

hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen Glückes zu sein – aber – ich werde selbst so viel Einsicht haben, daß ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und diese müßten es unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme; das war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser Zuwachs an Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund – und ein glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel.

Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines sehr

erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn. von Wrmb bekannt

geworden, der meine Räuber auswendig kann und vielleicht eine

Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein

Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er

eine Schwester! – Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr als

ein Dichter vom ersten Range figuriere, so erscheine ich wenigstens

als Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll mit meinem

Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer Walde,

dort ganz mir selbst und – der Freundschaft leben, und was das beste

ist, schießen lernen, denn mein Freund hat dort hohe Jagd. Ich hoffe,

daß das eine glückliche Revolution in meinem Kopf und Herzen

machen soll.

Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben. Den

Verdruß mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei nicht mehr in

Bauerbach, das ist alles, was Sie sagen können. – – – – – –

Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier. Nächstens

schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern u. s. f. viele

Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise Millerin genannt, ist

fertig. Beiliegendes übergeben Sie an Schwan, dem Sie mich

vielmals empfehlen.

Ohne Veränderung

Ihr

Schiller.

So schien nun auch dieser Plan gescheitert, auf den nicht nur der Dichter

selbst seine größte, letzte Hoffnung gesetzt hatte, sondern welcher auch als der sicherste von allen Freunden zur Befolgung angeraten war. Aufs neue war sein Schiff den veränderlichen Winden preisgegeben, indem die Freundschaft mit Hrn. von Wrmb viel zu schwärmerisch, mit viel zu großen Erwartungen geschlossen schien, als daß man auf einige Dauer hätte zählen können.

Größeres Vertrauen flößte die Bekanntschaft mit Hrn. Reinwald ein, der Hrn.

Schwan als rechtlicher Mann, als Dichter und Schriftsteller bekannt war und sich gewiß um so inniger an Schiller anschloß, je genügsamer dieser in seinen Forderungen und anmutiger im Umgange sich gegen jeden zeigte.

Was die Äußerungen der Frau von Wolzogen betrifft, so waren diese ebenso

verzeihlich als begreiflich; denn ihre Söhne, deren Bekanntschaft Schiller den Schutz zu danken hatte, der ihm jetzt gewährt wurde, waren noch in der Akademie, und erfuhr der Herzog, von wem sein flüchtiger Zögling verborgen gehalten werde, so konnte er leicht – vorausgesetzt, daß er sich zu einer Rache herablassen möge – seine Ungnade den Söhnen der Frau von Wolzogen auf eine Art empfinden lassen, die ihr Glück nicht nur für jetzt, sondern auch in der Zukunft bedeutend gestört haben würde.

Der Verfolg zeigte jedoch, daß die Besorgnisse der Beschützerin entweder nicht sehr ernsthafter Art gewesen oder daß Schiller seine Empfindlichkeit

darüber zu besiegen wußte; denn er blieb nicht nur den ganzen Tag 4 in Bauerbach, sondern brachte auch die Hälfte des folgenden Sommers daselbst zu. Durch ähnliche Nachrichten wie die, welche er seinem Freunde nach Mannheim schrieb, versetzte er auch seine älteste Schwester in die größte Unruhe, und ein Brief, den sie deshalb an den Bruder schrieb, gab zufällig die Veranlassung zu ihrer Bekanntschaft mit Herrn Reinwald, die sich einige Jahre später in eine lebenslängliche Verbindung umwandelte. Aus dem Briefe des Herrn Reinwald an die Schwester von Schiller möge das Wichtigste, was sich hierauf bezieht (mit der damals gebräuchlichen Rechtschreibung) einen Platz finden.

Meiningen. 27ten Mai 1783.

Mademoiselle

Ein besonderer Zufall macht mich so frei, an die Schwester

meines Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter etlichen Papieren, die Hr. D. S** nach einem Besuch bei mir liegen lassen, fand ich einen Brief von Ihnen. Es war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran Schuld, sondern auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er mich liebt.

Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals gelesen

und abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und so viel herzliche, besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn Bruder, daß ich mich gefreut habe, und scheue mich nicht, jeden Gedanken, der mir zu seiner Ausbildung oder Glückseligkeit einfällt, mit Ihnen zu theilen.

Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch manche

Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation Ihres Herrn Bruders aufsteigt, und ich werde gerade seyn und nicht schmeicheln etc. – – – – – – – – –

Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr Verachtung

fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von unseres Freundes Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letzteren zu

widersprechen, es müßte denn seyn, daß sie aus Beweggründen der

Sparsamkeit handelte etc. etc. Alle Gefahren des Bekanntseyns

wären gleich Anfangs vermieden gewesen, wenn man entweder

niemanden auswärts geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre,

wo er ist, sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich

in dem traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre. Hier

residirt ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deshalb

züchtigen kann, wenn er jemand da wohnen läßt, dem der

würtembergische Hof ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da

der Fr. v. W. auf den Hals fallen.

Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen, weil er

sie auf der Bühne schildern soll, item, er muß sich durch Gespräche

über Natur und Kunst durch freundschaftliche, innige Unterhaltung

aufheitern, wenn durch Denken und Niederschreiben das Mark

seines Geistes vertrocknet ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält,

und die nur im Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr

der Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht,

als einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da zugebracht,

wird Hrn. D. S. völlig hypochondrisch machen.

Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in einer

großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. Ex. in Berlin

verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener

Männer, die ihn von der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem

Orte herrscht.

Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar weniger

verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der Fehler ist da, daß

man mit dem Gelde gut umzugehen verlernt, denn man nimmt meist

viel ein, und gibt noch mehr aus.

Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum Weggehen

inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin gefesselt, die ihn von

der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen hat.

Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar

zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte habe, zu denen ich eine

Gesundheitsreise thun werde, ich wollte ihn den dasigen zum Theil

wichtigen Gelehrten präsentiren, ich wollte ihn wieder an die offne

Welt und an die Gesellschaft der Menschen gewöhnen, die er beinah

scheut, und sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber

so geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr scheint jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also das Vergnügen dieser Reise nicht mit ihm theilen können.

Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr Bruder

einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner bisherigen Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so wollte ich doch lieber all mein Vergnügen der Ausbildung und Glückseligkeit eines so guten und künftig großen Mannes aufopfern etc. etc.

Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.

Ihr gehorsamster Diener und Verehrer

W. H. Reinwald.

Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht, wie er im Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach Thüringen reiste, sondern fortwährend in Bauerbach blieb. War dies der Rat seines Freundes Reinwald? Oder bedachte er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von Wrmb von so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen, ja nur eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte Verlegenheit setzen müßte?

Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem er sich nicht erinnert, in der Folge mit Schillern darüber gesprochen zu haben, und er auch einige Briefe von diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter) Nachlässigkeit verloren. Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der gerechte, edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen Augenblick es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit auszusetzen, wenn wir nach obigem Brief nicht annehmen dürften, daß es ihr mit dem Dringen auf seine Entfernung nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er hier frei von allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse des Lebens, ohne die mindeste Störung gänzlich seiner Laune, seinen Träumen, Idealen und dichterischen Entwürfen leben konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb, wie er gekleidet sein müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher er im Spital oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben durfte.

Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in den Jahren 1781 und 82 mit ihm in (dem damals so zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben, um gewiß zu sein, daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in welchem sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche Wohltat erschienen sein würde. Weiter unten werden wir aus einem Briefe von ihm selbst erfahren, daß nur die zuletzt angeführten Gründe die einzigen sein konnten, welche ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und unvergeßlich machten.

Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem Brief erteilt, beweisen,

wie einnehmend seine Persönlichkeit gewesen und wie duldsam er jede Eigenheit an andern zu ertragen wußte, indem Hypochondrie und immerwährende Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war. Aber der Kern dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein Herz waren vortrefflich, und wir werden sehen, wie hoch Schiller diesen Freund achtete.

Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht, mit ihm nach

Weimar und Gotha zu reisen, so würde er in ersterem Orte Goethe und Wieland kennen gelernt haben, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit nach, einen Lebensplan vorgezeichnet, ihn mit Rat und Empfehlungen unterstützt und in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch wären ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in Verdruß zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen für seine Gesundheit waren.

Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die Sirenenstimme, die sich

von dem Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ und die seine Nerven so sehr in Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht widerstehen konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn schon im März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem der Dichter sieben Wochen vergeblich in Oggersheim aufgehalten und auf eine äußerst harte Weise entlassen worden war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich nach seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in solchen Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim schrieb: »es müsse ein dramatische Unglück in Mannheim vorgegangen sein, weil er von Baron Dalberg einen Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese Vermutung brächten.«

Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron Dalberg, der sich

sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken beschäftigte, und damals gerade Lanassa und Julius Cäsar von Shakespeare unter der Schere hatte, wohl fühlen mochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz ungeeignet sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder des Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen Trauerspiele Luise Millerin sprachen, dessen ganzer Plan S. bekannt war und den dieser, da ihn kein Versprechen zur Geheimhaltung verpflichtete, so umständlich als lebhaft auseinandersetzte.

Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch, daß sich Baron Dalberg der frühern Versprechungen und gegebenen Hoffnungen erinnerte, die er Schillern gemacht, und welche diesen zu seinem verzweifelten Schritte verleitet. Jetzt, nachdem der Herzog von Württemberg nicht die mindeste Vorkehrung zur Habhaftwerdung des Flüchtlings getroffen, konnte mit voller Sicherheit und ohne sich im mindesten bloß zu stellen, demselben Genugtuung gegeben, die öfters mahnenden Wünsche der Schauspieler erfüllt, sowie durch Anstellung eines solchen Dichters der Bühne ein Glanz erteilt werden, der sie über alle andern von Deutschland erhob, und von welcher der größte Teil ihres Ruhmes auf deren Intendanten zurückstrahlen mußte.

Möge nun dieser oder jener Beweggrund den Brief des Baron Dalberg an Schillern veranlaßt haben, so ist es, zur Rechtfertigung des letztern, von der größten Wichtigkeit zu zeigen, daß er auch jetzt wieder, wie im Jahre 1781 angelockt, ja gewissermaßen zur Veränderung seines Aufenthaltes aufgefordert worden, ohne daß er es gesucht oder sich deshalb beworben hätte. Der anteilnehmende Leser möge diesen Umstand um so weniger übersehen, weil es zur unparteiischen Beurteilung des Schicksals und Benehmens des Dichters unumgänglich notwendig ist zu wissen, durch wen und durch was er zu nachteiligen Schritten verleitet worden. Nachfolgendes ist die Antwort (S. Schillers Briefe an Freiherrn von Dalberg S. 80), welche auf die Anfrage erteilt wurde.

S.-Meiningen, den 3. April 1783.

Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf Ihre

gnädige Zuschrift erst so spät erhalten – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – –

Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch in

gnädigem Andenken tragen, kann mir nicht anders als schmeichelhaft sein. Sie wünschen zu hören, wie ich lebe?

Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der

Lieblingsneigung, und einige Freunde von Geschmack einen Menschen glücklich machen können, so kann ich mich rühmen, es zu sein.

E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen

Versuchs, noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich wünschte nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einiges von

dem Stück vorauszusagen.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage, für die

Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit dem

übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber bei der Vorstellung zu

sehr auf, so wird alles übrige, wenn es auch noch so vortrefflich

wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar sein und ich werde es besser

zurückbehalten. – –

Dr. Schiller.

Wer diesen Brief gegen die früheren vergleicht, dem muß die kalte

geschraubte Sprache desselben auffallen, indem darin durchaus nichts ist, woraus zu schließen wäre, Schiller bewerbe sich wieder um den Schutz des Baron Dalberg. Eher noch sind Vorwürfe gegen diesen nicht undeutlich ausgesprochen, denn die Schilderung der Unabhängigkeit und des Glücks, welches der Dichter jetzt genieße, scheint absichtlich als Gegensatz angeführt zu sein.

Ungeachtet alles dessen wurde der Briefwechsel fortgesetzt, und Schiller

konnte der süßtönenden Stimme um so weniger widerstehen, als nach seinen Begriffen die Schaubühne sowie die Arbeiten für dieselbe einen Einfluß und eine Wichtigkeit hatten, die durch keine andere Kunst oder Wissenschaft bewirkt werden könne. Und bei der ersten Bühne Deutschlands sollte er nun Dichter, Lenker eines reinen, veredelten Geschmackes werden! Jetzt wäre der Zeitpunkt eingetreten, wo er seine Ideale, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft lebend, handelnd der gespannten Aufmerksamkeit einer Menge von Zuschauern vorführen könnte! Und diese so lang ersehnte Gelegenheit sollte er zurückweisen?

Zu viel wäre dieses gefordert! Er mußte dem Anerbieten entsprechen und traf

auch in den ersten Tagen des Septembers 1783, 5 nur von Herrn Meier und dessen Frau erwartet, in Mannheim ein.

Seinem zurückgelassenen Freunde S. wurde absichtlich von der ganzen

Unterhandlung nichts gesagt, weil er sich (da sein eignes Glück durch den unnützen Aufenthalt in Oggersheim gestört worden) schon zu oft gegen das Versprechen und Verlocken geäußert und das Verfahren gegen den unglücklich gemachten Dichter bei seinem wahren Namen benannt hatte.

Auch wurde ihm durch dieses Verheimlichen eine Überraschung bereitet, die vollkommen gelang. Denn als er zur gewöhnlichen Stunde bei Herrn Meier eintrat, konnte er kaum seinen Augen glauben, daß es der in weiter Entfernung vermeinte Schiller sei, welcher mit der heitersten Miene und dem blühendsten Aussehen ihm entgegentrat.

Nach den herzlichsten Umarmungen und nachdem die eiligsten Fragen beantwortet waren, kündigte Schiller seinem Freund an, daß er von Baron Dalberg als Theaterdichter nach Mannheim berufen worden und als solcher mit einer Besoldung von 300, sage: dreihundert, Gulden Reichswährung nächstens sein Amt antreten werde. Seine Zufriedenheit über diese Anstellung sprach aus jedem Wort, aus jedem Blick, und er mochte sich wohl denselben Himmel in der Wirklichkeit dabei denken, der auf dem Theater oft so täuschend dargestellt

wird. 6

Unter dem ruhigen Genuß seiner Freunde und der Schaubühne – unter einer Menge von Plänen und Besprechungen über seine künftigen Arbeiten vergingen mehrere Wochen, und ehe er noch an den Abänderungen des Fiesco oder der Luise Millerin etwas angefangen hatte, überfiel ihn das kalte Fieber, welches ihn anfänglich zu allem untüchtig machte.

Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Hitze aus, durch welche aus dem mit Morast und stehendem Wasser gefüllten Festungsgraben eine so faule, verdorbene Luft entwickelt wurde, daß kaum die Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont blieb. Auch verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten, bei allen Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und der Tod beraubte in der Mitte des Oktobers Schiller eines Freundes, der ihm um so werter geworden, je mehr er Gelegenheit gehabt hatte, dessen edles, offenes Gemüt kennen zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend scheinenden Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und seinen Freunden, sondern auch seinen Kunstgenossen sowie der Schaubühne selbst ein sehr lang gefühlter Verlust verursacht wurde. Denn nicht allein war er als Mensch höchst achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter, sehr bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber in sanften Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung der ärztlichen Kenntnisse Schillers darf hier versichert werden, daß er die schlimmen Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte.

Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist des Dichters lähmte, so waren die Einwendungen, welche man gegen sein zweites Trauerspiel machte und die er beseitigen sollte, noch weniger geeignet, seine Einbildungskraft aufzuregen.

Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne vorgezeichnet hatte,

war ganz neu und ungewöhnlich, daher es den Schauspielern, die meistens nur bürgerliche oder sogenannte Konversationsstücke aufzuführen gewohnt waren, sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke des Dichters so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus nichts aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei den Räubern derlei Einwendungen weniger gemacht wurden, davon war der überwältigende Stoff sowie die ergreifende Wirkung, welche die meisten Szenen hervorbrachten, die Ursache. Besonders eiferte letzteres jeden Mitwirkenden an, alle Kräfte beisammen zu halten, um auch in den unbedeutend scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit das Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein erstaunungswürdiges Ganzes bliebe.

Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter. Die schlauen

Verwicklungen erwärmten nicht; die langen Monologe, so meisterhaft sie auch waren, konnten nicht mit Begeisterung aufgefaßt und gesprochen werden, indem sich größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu fürchten war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden. Man gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers mit dem zu erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen möchte, weil erstere zu groß und letzterer zu gering sein würde.

Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil er weder den ersten

Schauspielern noch dem Publikum Genüge leisten könne und eine Empfindung zurücklassen müsse, welche den Anteil, den man an dem Vorhergehenden des Stückes genommen, bedeutend schwächen würde.

Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist Schillers sich auch in

späterer Zeit nie bequemen konnte, ein Stück so zu entwerfen und zu schreiben, daß es den Forderungen oder, eigentlicher zu reden – da vorzüglich die unterhaltenden Künste den geringern Kräften der Menge angepaßt werden müssen – dem Handwerksmäßigen des Theaters in allen seinen Teilen angemessen hätte sein können; so kann man sich vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich an Abänderungen (worunter nicht Abkürzungen verstanden sind) überhaupt, besonders aber wie bei Fiesco der Fall war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der Wahrheit zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War auch sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als möglich darzustellen, so mußte doch an die Stelle des Zerstörten etwas Neues geschaffen werden, das – wie jeder, dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind, gestehen muß – entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger als ersteres ist.

Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und ungeachtet der Unterbrechungen durch seine Krankheit und die dadurch gestörte gute Laune wurde er dennoch in der zweiten Hälfte des Novembers mit Umarbeitung des Fiesco fertig.

Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der genauen Folge geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche Arbeit nicht von ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier vorgeschlagen wurde, der eine sehr deutliche und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus der ersten Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder ganz neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreiber nicht überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder gesagt werden.

In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich, indem er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf und nieder gehend vorsagen konnte. Als aber der Mann weggegangen war, wie entsetzte sich Schiller, als er seinen ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo, die liebliche Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben, sowie die meisten Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen fand.

Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine Art ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht begreifen konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache, nicht auch jedes Wort richtig sollte schreiben können.

Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen ordentlich hatte aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen. Als er aber dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit einem F, und später mit einem V anfing, da verlor er die Geduld so gänzlich, daß er, um diese Augenmarter nicht länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst das ganze Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei, daß solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen zwei Monaten bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke Dichter allerdings sein, obwohl diese, da er nur die vom Fieber freien Tage und die Nächte benützen konnte, seine Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer heiteres Gemüt sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche Anstrengung war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens im grellsten Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen stand, mußte ihn schon darum zum Mißvergnügen reizen, weil ihm dieses in den Briefen von seiner Familie sehr bemerklich gemacht wurde. Besonders war der Vater sehr unzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts dauernd zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn nur dann für die Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt und unter dem Schutze des Herzogs wäre. Das Herz der Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren Liebling in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen Sitten – die sie bei dem Theater sich zügellos denken mochte – im höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die älteste Schwester vereinigte ihre Wünsche mit denen der Eltern und veranlaßte folgende Erwiderung des Bruders.

Mannheim, am Neujahr 84.

Meine teuerste Schwester!

Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine

Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. Glaube mir, meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens; denn so sehr auch Schicksale den Charakter verändern können, so bin doch ich mir immerdar gleich geblieben – es ist ebensowenig Mangel an Aufmerksamkeit und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! – Es ist die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewisse Beschämung, daß ich meine Entwürfe über das Glück der Meinigen und über Deins insbesondere bis jetzt so wenig habe zur Ausführung bringen können. Wie viel bleiben doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig! und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten Willens –

Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube

ich es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet, und daß Medikamente vielleicht gar nichts tun – aber Du irrst Dich, meine gute Schwester, wenn Du ihre Besserung von meiner Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben wir alle uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Namen zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt – denn daß eine solche Gemütsart das Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen könne, wird unser guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben. Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich, daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, daß eine Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Portion Salpeter mit Weinstein, und trinke auf das Frühjahr die Molken.

Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der Solitüde

im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst den ehmaligen

Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog um meine freie

Wiederkehr in mein Vaterland einzukommen. Ich kann Dir nichts

darauf antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsetzlich leidet,

wenn ich ohne Konnexion mit einem andern Fürsten, ohne

Charakter und dauernde Versorgung, nach meiner einmal

geschehenen gewaltsamen Entfernung aus Württemberg, mich

wieder da blicken lasse. Daß der Papa den Namen zu dieser Bitte

hergibt, nützt mir wenig, denn jedermann würde doch mich als die

Triebfeder anklagen, und jedermann wird, so lang ich nicht

beweisen kann, daß ich den Herzog von Württemberg nicht mehr

brauche, in einer (mittelbar oder unmittelbar, das ist eins) erbettelten

Wiederkehr ein Verlangen, in Württemberg unterzukommen,

vermuten.

Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn das Glück

Deines Bruders kann durch eine Übereilung in dieser Sache einen

ewigen Stoß leiden. Ein großer Teil von Deutschland weiß von

meinen Verhältnissen gegen euern Herzog und von der Art meiner

Entfernung. Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs

interessiert – wie entsetzlich würde die Achtung des Publikums (und

diese entscheidet doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr

würde meine Ehre durch den Verdacht sinken, daß ich diese

Zurückkunft gesucht – daß meine Umstände mich meinen ehmaligen

Schritt zu bereuen gezwungen, daß ich diese Versorgung, die mir in

der großen Welt fehlgeschlagen, aufs neue in meinem Vaterlande

suche. Die offene edle Kühnheit, die ich bei meiner gewaltsamen

Entfernung gezeigt habe, würde den Namen einer kindischen

Übereilung, einer dummen Brutalität bekommen, wenn ich sie nicht

behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem Vaterland

entschuldigt vielleicht im Herzen eines oder des andern redlichen

Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht. Übrigens

kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch tut – nur

dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog

erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Württembergischen

blicken lasse, als bis ich wenigstens einen Charakter habe, woran ich

eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugibt, mich nicht werde

enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront durch

offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du genug,

um vernünftig in dieser Sache zu raten.

Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen

ein glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe der Himmel, daß wir alle Fehler der vorigen in diesem wieder gut machen, geb' es Gott, daß das Glück sein Versäumnis in den vergangenen Jahren in dem jetzigen einbringe.

Ewig Dein treuer Bruder

Friedrich S.

Wahrlich, ein Beweis, wie er als Sohn, Bruder und Mann dachte, läßt sich durch nichts so offen, kräftig und schön als durch diesen Brief darstellen, dessen Inhalt um so schätzbarer ist, da er im größten Vertrauen geschrieben wurde und sich keine Ursache finden konnte, einen Gedanken anders auszudrücken als ganz so, wie er entstand. Denn diese Anhänglichkeit, diese kindliche und brüderliche Liebe war nebst dem stolzen Gefühl für Ehre und Erwerbung eines berühmten Namens der mächtigste Sporn für ihn, um durch sein Talent das Glück der Seinigen ebenso gewiß als sein eignes zu befördern. Schon in Stuttgart, noch eh' er den Entschluß zu entfliehen gefaßt hatte, war dieses sehr oft der Inhalt seiner vertrauten Gespräche, so wie es auch, da er die Unmöglichkeit einsah, diesen Wunsch in seinen drückenden Verhältnissen verwirklichen zu können, ein Grund mehr wurde, sich eigenmächtig zu entfernen. Auf das treueste schildert er zehn Jahre später seine damaligen Erwartungen in dem Gedicht: Die Ideale

 

»Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,

Beglückt in seines Traumes Wahn,

Von keiner Sorge noch gezügelt,

Der Jüngling in des Lebens Bahn!

Bis an des Äthers bleichste Sterne

Erhob ihn der Entwürfe Flug,

Nichts war so hoch und nichts so ferne,

Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.

 

Wie leicht ward er dahin getragen,

Was war dem Glücklichen zu schwer!

Wie tanzte vor des Lebens Wagen

Die luftige Begleitung her!

Die Liebe mit dem süßen Lohne,

Das Glück mit seinem goldnen Kranz,

Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,

Die Wahrheit in der Sonne Glanz!«

So waren seine Hoffnungen, als er das Kleinliche, Eigensüchtige der

Menschen noch nicht aus der Erfahrung kannte, als quälende Sorgen mit ihren zackichten Krallen sich noch nicht an ihn geklammert hatten, als er noch glauben durfte, die Deutschen zu sich erheben und ihnen etwas Höheres als bloße Unterhaltung darbieten zu können.

Nur zu bald mußte er ausrufen:

 

»Doch ach! schon auf des Weges Mitte

Verloren die Begleiter sich,

Sie wandten treulos ihre Schritte,

Und einer nach dem andern wich.«

 

Aber sein Mut blieb dennoch unbeugsam! Denn was tausend andere in

ähnlichen Verwicklungen niedergedrückt oder zur Verzweiflung gebracht hätte, wurde von seinem mächtigen Geiste – der immer nur das höchste Ziel im Auge behielt – entweder gar nicht beachtet oder, wenn es auch schmerzte, nur belächelt.

Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter bestätigt werden.

Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es eingeleitet, daß Schiller

in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim, von welcher Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen werden solle. Außer der in Deutschland so sehr gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt in diese Gesellschaft wenigstens den Vorteil, daß sie sich des unmittelbaren kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg angefochten worden wäre, wenigstens einigen Schutz hätte erwarten dürfen. Zu seinem Eintritt schrieb er die kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende Schaubühne wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie aufs neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt und auch die Ansichten des Verfassers über die Wirkung desselben kennen zu lernen.

Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan, eine Dramaturgie

herauszugeben, um durch diese die Mannheimer Bühne als Muster für ganz Deutschland bilden, auch sich zugleich einen größern Wirkungskreis erwerben zu können. Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde, die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben. Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende Vorsatz scheiterte, indem diese Jahrbücher, die nur ernste, trockene Forschungen enthielten, durch Berichte über ein so flüchtiges Ding, wie das Theater zu sein scheint, profaniert geworden wären, und weil die Theaterkasse die von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung von 50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber findet sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104, 124.) Endlich in der Mitte Januars 1784 wurde das republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt, dessen durch Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters auch Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die schwachen Kräfte des Theaters vermochten, angewendet worden, um das Äußerliche des Stücks mit Pracht auszustellen; ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den Dichter als für die Schauspieler bei den Zuschauern die lauteste Bewunderung. Aber für das Ganze konnte sich die Mehrheit nicht erwärmen; denn eine Verschwörung in den damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der Gang der Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete, war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie bei den Räubern erwartet hatte.

Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes, Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen in demjenigen, was sie in der nächsten Folge liefern, ganz befriedigen, indem die Anzahl derer ganz unglaublich gering ist, die ein Kunstwerk ganz allein für sich, ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm zu würdigen verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt, und wenn auch nur eine Linie über oder unter der als richtig erkannten Länge ist, es auch sogleich als untüchtig verwirft. Besonders werden die Werke der Einbildungskraft weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig sind, als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche das erste im hohen Grad ansprechen – mögen sie übrigens noch so fehlerhaft sein – werden der Menge weit mehr zusagen als solche, bei denen der Verstand, die schöne weise Verteilung, die freie Beherrschung des Stoffes, den großen Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen recht, als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte mit den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.«

Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es der Dichter beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte Wirkung nicht hatte.

Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung von Luise Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen brauchte, wohl aber vieles ganz weglassen mußte. Schien ihm nun auch dieses ganze bürgerliche Trauerspiel ziemlich mangelhaft angelegt, so ließ sich doch an den Szenen, die den meisten Anteil zu erregen versprachen, nichts mehr ändern; sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder andere ganz zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar nicht die unbedeutendsten, gründen sich auf Sagen, die damals verbreitet waren, und deren Anführung viele Seiten ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier an den schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe, alles so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden.

Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen aus Ehrsucht

auf die Bühne.

Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen und ihm zu

überlassen, welche Benennung dieses Familienstück führen solle, und dem der bezeichnende Name, den es noch heute führt, erteilt wurde. Der außerordentliche Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die Freunde Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte sich, daß ein bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck hervorgebracht hätte. Letzteres durfte jedoch meistens der Darstellung beigemessen werden, die so lebendig, der ganzen Handlung so angemessen war und in allen Teilen so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz vergaß und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen, sich willig täuschen ließ.

Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen Trauerspiels unseres

Dichters an die Reihe, welchem Iffland, dem es vorher übergeben wurde, die Aufschrift »Kabale und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht ungestört beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden und seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen.

Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige Worte wechselnd, erwartete

er das Aufrauschen des Vorhanges. Aber als nun die Handlung begann – wer vermöchte den tiefen, erwartenden Blick – das Spiel der unteren gegen die Oberlippe – das Zusammenziehen der Augenbrauen, wenn etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde – den Blitz der Augen, wenn auf Wirkung berechnete Stellen diese auch hervorbrachten – wer könnte dies beschreiben! – Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben wurde ein »es geht gut« gehört.

Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der Schluß desselben mit so

vielem Feuer und ergreifender Wahrheit dargestellt, daß, nachdem der Vorhang schon niedergelassen war, alle Zuschauer auf eine damals ganz ungewöhnliche Weise sich erhoben und in stürmisches, einmütiges Beifallrufen und Klatschen ausbrachen. Der Dichter wurde so sehr davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das Publikum verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen Haltung zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan zu haben, sowie die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste anerkannt und mit Auszeichnung beehrt würden.

Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl eines bedeutenden Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen und natürlich äußert, sollte man durch eine treue Zeichnung festhalten können; dies würde einen Charakter leichter und bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu beschreiben möglich ist.

Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles war den Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als ihm selbst, indem sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern, sondern auch von dem Publikum ein entschiedener Vorzug vor andern ähnlicher Art gegeben wurde, hoffen durften, daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur Ehre und Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten. Der Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein, daß in den verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke von ihm geliefert worden, deren Wert sich für eine lange Zukunft verbürgen ließ; und konnte er, wie es auch den Anschein hatte, so fortfahren, so war seine geringe Besoldung sehr gut angelegt.

In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung geäußerter Beifall immer zur Folge hat, konnte er jedoch die Nachricht der Schwester (S. vorstehenden Brief), daß die Mutter aus Sehnsucht nach ihm kränklich sei, nicht vergessen, und erlaubte es früher – nachdem keine seiner Erwartungen erfüllt war – sein Stolz nicht, seiner Mutter sich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den überraschenden Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit wenigstens befriedigt, daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen Angehörigen vor Augen treten durfte. Er entschloß sich daher, in Bretten, einem außerhalb der württemberg'schen Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und ältesten Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach der ersten Aufführung

von Kabale und Liebe begab er sich zu Pferd dahin. 7

Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt der Mutter, und die Wehmut, mit der sie ihren, nun aus seinem Vaterlande wie von seinen Eltern verbannten Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit, den männlichen Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu schildern, so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde, die sich in dem Leben eines solchen Dichters und einer so seltenen Familie darbieten können. Es muß der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben, diese Szene, nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen gepreßte Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen glauben mußten, sich teilnehmend ausmalen zu können.

Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie der Mutter, dem Sohn

auf das angelegentlichste empfohlen wurde, sich doch um eine sichere, dauernde Anstellung zu bewerben, damit seine eigenmächtige Entfernung gerechtfertigt und sein Glück dauerhaft begründet sein möge. Allein mit allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zu tun, als mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren, durch neue sich auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal eine bessere Wendung zu geben. Er glaubte, daß dieses ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft von Iffland und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt auf Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin machte, und dadurch den Kreis seiner Verehrer und Freunde erweiterte.

Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus Ehrsucht wie auch

Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen über die Verschiedenheit der Frankfurter gegen die Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von beiden, finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg.

Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere Poesie hatten, an den

Dichter drängten, der in so jungen Jahren schon so viele Beweise der Überlegenheit seines Geistes an den Tag gelegt, läßt sich sehr leicht denken. Denn die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die Gedichte und Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen beschäftigte, und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse in diesem Fache förderte, klein oder nichtsbedeutend schien.

Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die des Doktor Albrecht

und dessen Gattin, welche letztere (S. Schröders Leben) später das Theater betrat. Beide waren auch Freunde des Bibliothekars Reinwald in Meiningen und erinnerten Schiller an die – allen, deren Wirken nicht bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche – Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit hatte, seit der Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben zu haben.

Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen Fehler durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht zu rechtfertigen, doch wenigstens zu mildern, und schrieb Herrn Reinwald folgenden Brief, dessen Inhalt für jeden seiner Verehrer nicht anders als höchst anziehend sein kann.

Mannheim, den 5. Mai 84.

Bester Freund!

Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht um

mein langes Stillschweigen zu entschuldigen – kann wohl ein Vorwand in der Welt Ihre gerechten Ansprüche auf mein Andenken überwiegen? – Nein, mein Teuerster, um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen abzubitten, und Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie einst an mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, wenn ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich Aussichten hatte, Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, daß ich die tausend Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen habe, mündlich zu überbringen hoffte –

Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so bald nicht,

und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird mein großes Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, daß Ihr Freund noch der vorige ist, daß noch kein anderer Ihren Platz in meinem Herzen besetzt hat, und daß Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren, wenn ich von den Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles Nachdenken überging. – Und jetzt will ich auch auf immer einen Artikel abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.

Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit Ihrem

Gemüt, Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren Aussichten in bessere Zukunft? – Ist noch kein Schritt zu einer solidern Versorgung geschehen? Müssen Sie sich noch immer mit den Verdrießlichkeiten eines armseligen Dienstes herumstreiten? – Hat auch Ihr Herz noch keinen Gegenstand aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? –

Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und wie viele

kennen Sie noch nicht! – Auch um einen Freund mußte ich Sie betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals verloren und werden

ihn auch niemals verlieren.

Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. Was

sich in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.

Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob ich nach

Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, meinen Kontrakt

verlängern will oder nicht. Man rechnet aber indes schon ganz

darauf, daß ich hier bleiben werde, und meine gegenwärtigen

Umstände zwingen mich beinahe auf längere Zeit zu kontrahieren,

als ich vielleicht sonst würde getan haben. Das Theater hat mir für

dieses Jahr in allem 500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf

die jedesmalige Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht

tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. Aber Sie

glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 bis 800 Gulden in

Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist – wie wenig

Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist – welche Summen nur

auf Kleidung, Wohnung und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche

ich in meiner Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe

mein Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an

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