Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785

Andreas Streicher · Kapitel 3 von 3 · Teil 6/6

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Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785

Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782–1785.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

jedem andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! – Ungeachtet

meiner vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung,

muß ich mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, zum

Unglück mit allem versehen, was zu unnötigen Verschwendungen

reizen kann. Tausend kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die

mir ohne Aufhören vorschweben, zerstreuen meinen Geist,

zerstreuen alle dichterischen Träume, und legen Blei an jeden Flug

der Begeisterung. Hätte ich jemand, der mir diesen Teil der Unruhe

abnähme, und mit warmer, herzlicher Teilnehmung sich um mich

beschäftigte, ganz könnte ich wiederum Mensch und Dichter sein,

ganz der Freundschaft und den Musen leben. Jetzt bin ich auch auf

dem Wege dazu.

Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fieber nicht

ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden neuen Anfall,

aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch Neuling war, und

meine von Gram gedrückte Seele machten ihn bald wiederkommen.

Bester Freund! ich bin hier noch nicht glücklich gewesen, und fast

verzweifle ich, ob ich je in der Welt wieder darauf Anspruch machen

kann. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe,

daß mein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen, der vielleicht nie wieder kommen wird.

Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen und

einige Stücke da spielen zu sehen, worin zwei Mannheimer Schauspieler, Beil und Iffland, Gastrollen spielten. Grosmann bewirtete mich unter andern auch mit Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen Sie wieder, daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen zu nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht nur dieses Stück, sondern auch die beiden andern für Sie schon zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen war, sie Ihnen selbst nach der hiesigen Vorstellung zu bringen, wovon mich eine traurige Notwendigkeit abhielt, und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei Schwan erfuhr, Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier zu Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren die Schauspieler fähig waren, unter lautem Beifall und den heftigsten Bewegungen der Zuschauer gegeben.

Sie hätte ich dabei gewünscht – den Fiesco verstand das Publikum

nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name – in den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie.

Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennen lernen – sie

ist Ihre Freundin – die Madame Albrecht. Gleich in den ersten Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander; unsre Seelen verstanden sich. Ich freue mich und bin stolz, daß sie mich liebt, und daß meine Bekanntschaft sie vielleicht glücklich machen kann. Ein Herz, ganz zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist der gewöhnlichen Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, wo man ihr Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir göttliche Tage in ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine gefühlvolle Dichterin! Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu siegen, und vom Theater zu gehen. Sie hat sehr gute Anlagen zur Schauspielerin, das ist wahr, aber sie wird solche bei keiner solchen

Truppe ausbilden, sie wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres schönen

und einzigen Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große Schritte

tun – und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der größte

theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit ihrem

Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, mein Teuerster,

schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, mit allem männlichen

Ernst. Ich habe es schon getan, und unsere vereinigten Bitten retten

der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir sie auch um

eine große Aktrice bestehlen.

Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites gesprochen.

Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich in der

Bewunderung Ihres Geistes und Ihres mir noch schätzbareren

Herzens. Könnten wir uns in einen Zirkel von mehreren Menschen

dieser Art vereinigen, und in diesem engern Kreise der Philosophie

und dem Genusse der schönen Natur leben, welche göttliche Idee! –

Auch der Doktor ist ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein

ganzes Wesen erinnerte mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie

bald hat es meine Liebe weg, was mich an Sie erinnert.

Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken,

zurückgezogen von der großen Welt, in philosophischer Stille mir

selbst, meinen Freunden und einer glücklichen Weisheit zu leben,

und wer weiß ob das Schicksal, das mich bisher unbarmherzig genug

herumwarf, mir nicht auf einmal eine solche Seligkeit gewähren

wird. In dem lärmendsten Gewühl, mitten unter den Berauschungen

des Lebens, die man sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren

mir doch immer jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein

stilles Selbst zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner

schwärmerischen Träume herumwandelte, und hie und da eine

Blume pflückte. – Meine Bedürfnisse in der großen Welt sind

vielfach und unerschöpflich, wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr

schrumpft dieser neben meiner Leidenschaft zur stillern Freude

zusammen.

Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters

ein periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, worin alle

Aufsätze, welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des

Dramas oder an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen.

Wollen Sie, mein Bester, einiges in diesem Fach ausarbeiten, so

werden Sie sich nicht nur ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle Vorteile für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung darüber.

Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft und

also jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne Zweifel.

Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an Frau von

Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund zu lieben, der unter allen Verhältnissen des Lebens ewig der Ihrige bleiben wird

Fried. Schiller.

Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem ganzen Inhalte nach mitgeteilt worden, der möge erwägen, daß er ein sehr wichtiger Beitrag zur Kenntnis der Denkungsart und der häuslichen Verhältnisse Schillers ist, und daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen. Ungerechnet die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten Freund wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch diejenigen, welche glauben, sein Aufenthalt in Mannheim wäre so angenehm gewesen, aus einem großen Irrtum.

Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein häusliches Leben – über das Unzulängliche seiner Einnahme – seine Zerstreuung und schwärmerischen Träumereien – die Sehnsucht nach Bauerbach usw. fordern hier um so mehr einige Erläuterungen, als er ein viel zu bedeutender Mensch war, um solche Umstände übergehen zu können, und weil hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder verhehlt wurde.

Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen genug besitzt, um sich eigne Bedienung halten zu können, eine beinahe unmögliche Sache, seine Kleidung, Wäsche, Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung zu halten, daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern, Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß allein mit ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen ihres Geistes folgen müssen, noch weit weniger der Fall.

Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein Wollen, seine Pläne sind, um so weniger kann es sich mit solchen Sachen befassen, die auch dem gewöhnlichen Manne schon als solche Kleinigkeiten erscheinen, daß er deren Besorgung unter seiner Würde erachtet. Wenn nun diese Abneigung auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr nach vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen besteht; um wie viel störender muß es einem Dichter oder Künstler sein, wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus seinem Nachdenken, aus seiner Begeisterung gerissen, und gewissermaßen aus einer wärmenden Behaglichkeit in eiskaltes Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee, ein Ausdruck festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den Anfang und die Folge derselben oft wieder aufs neue suchen muß, so würde die Geduld keine so harte Probe bestehen müssen.

Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über den Plan eines

Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene, in der Ausarbeitung eines Monologes, und stelle sich vor, wie ihm sein mußte, wenn ihm reine Wäsche übergeben und die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere erst suchen und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung beschädigt fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener Diener zu unrechter Zeit eintraf; man denke sich dieses, und glaube dann, daß er trotz seiner Gutmütigkeit oft in eine widerliche Gemütsstimmung geriet.

Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge erlösen können, die

aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert wohnte, sich auch seine kärgliche Mittagskost, von der noch für den Abend etwas zurückgehalten werden mußte, aus einem Gasthause holen ließ. Es würde übrigens eine sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths würdige Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu darzustellen; denn es würde sich hier durchaus nichts Bewegliches und selbst das nicht, was sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung bei jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine Einnahme während acht Monaten setzt er selbst auf 500 Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu wenig scheint, dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben ist, denn außer seiner Besoldung von 300 Gulden, die er vorausnehmen mußte, konnte ihm nur der Ertrag des Druckes von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen geringen Mitteln mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte anschaffen; er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben, das heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen, Ausflüge auf das Land mitmachen; daher er denn auch immer, nicht nur für den nächsten Monat, sondern für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen war und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte.

Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch noch das kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle Martern des Tantalus mit sich führte. Denn der brennendste Durst, der heißeste Hunger durfte nicht genugsam gestillt werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten. Die Hilfe dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend, schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und wenn nichts mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat des Arztes befolgen und so viele Chinapulver, als man sonst in 24 Stunden hätte gebrauchen sollen, zwei Stunden vor dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen, was freilich oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte, daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange Jahre hinaus die übelsten Folgen zurückließ.

Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von Fiesco und Kabale und Liebe ergötzt oder in den herrlichen Szenen von Don Carlos seine Gefühle schwelgen läßt, doch nie vergessen, daß unter so drückenden, beugenden Umständen die obigen Stücke verändert und der erste Akt des letztern gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern, der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig erhielt und an der heiligen Flamme nährte, die nicht von der Erde, sondern von oben her leuchtet.

Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge dieser Lage, der Freund des Dichters, es später nie mehr über sich gewinnen konnte, eines dieser drei Stücke vorstellen zu sehen. So oft er den Versuch dazu machte, so mußte er dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon entfernen, weil ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im Freien stillen konnten.

Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen Söhne nicht rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest sie dem Zufall und gabst ihr geistiges Eigentum jedem Preis, der sie auf offener Straße darum berauben wollte. Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute der einzelnen, nicht deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es beizumessen, wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden und sich an ihrem Licht entzünden.

Wie wahrhaft sagt Schiller:

 

»Kein Augustisch Alter blühte,

Keines Mediceers Güte

Lächelte der deutschen Kunst;

Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,

Sie entfaltete die Blume

Nicht am Strahl der Fürstengunst.

– – – – – – – – –

– – – – – – – – – –

– – – – – – – – –

Rühmend darf's der Deutsche sagen,

Höher darf das Herz ihm schlagen:

Selbst erschuf er sich den Wert.«

 

Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen, die sich immer

wieder erneuert, so oft diese trüben Tage des – jetzt so hoch gefeierten – Dichters der Erinnerung vorschweben.

Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt

sein seligster gewesen,« war ganz seinen damaligen Umständen angemessen. Dort, in diesem stillen Ort, in Gesellschaft und unter dem Schutz einer wohlwollenden Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich um die Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld, weil die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so ungestörter seinen Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit und Pflege jede Mahnung an die Kleinigkeiten des Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche Zustand war ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner Schwester noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend kleine Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne Aufhören vorschwebten, und seinen Geist, seine dichterischen Träume zerstreuten usw.« gegen Herrn Reinwald beklagte, kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die jeden Augenblick Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen durfte.

Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend und träumend für

nichts und in nichts als theatralischen Dichtungen lebte, in diesen wie in seinem eigentlichen Elemente sich befand, sie immerwährend ordnend, niederschreiben zu wollen schien und dennoch bei der Menge sich ihm darbietender Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen konnte. Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin von Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron Dalberg aufgefordert, den Don Carlos dafür zu nehmen. Während er sich noch in Mannheim mit der Geschichte Spaniens recht vertraut zu machen suchte, glaubte er es leichter, einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese, bald jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte. Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte, und beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon anfing, seine Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den Plan wieder auf, indem es ihm unter der Würde des Dramas und eines wahren Dichters schien, die größte Wirkung einer Schreckgestalt schuldig sein zu sollen.

Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist erscheinen läßt, hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser nur als eine Nebensache angewendet worden, die weder auf die Handlung selbst noch auf deren Ausgang den mindesten Einfluß ausübe.

Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende Ausspinnen einer verwickelten Gegebenheit ermüdete ihn aber weit mehr, als wenn er die wirkliche Ausarbeitung begonnen hätte.

Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur ganz entgegen, an irgend etwas nur oberflächlich zu denken. Alles sollte erschöpft, alles zu Ende gebracht werden. Daher beschäftigten sich seine Gedanken so lange mit einem Plane, bis er entweder die Hoffnung, einen wirkungsvollen Ausgang herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte ermüdeten, und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände ging ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine immer glühende, nur mit leichter Asche bedeckte Kohle. Ein Hauch, und sie sprühte Funken.

Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen schnell entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten Schriftsteller für die Bühne werden können, aber wenn es an das Niederschreiben kam, da erlaubte sein tiefes Gefühl der Feder keine Eile. So wie er jede Sache in ihrem ganzen Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht nur auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde seiner Ausdrücke und Wendungen, welche die Gedanken ebenso wie das Gefühl aufregen und sich dem empfänglichen Gemüt einprägen.

Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen worden, sind um vieles mehr entschlossen. Kaum ist ein Gegenstand gefunden, so wird schon die Feder eingetaucht, damit die Arbeit schnell fertig werde. Schnell werden auch Vorteile damit erreicht, aber –

 

»der Ruhm mit seiner Sternenkrone«

 

kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während Schiller noch immer unentschlossen blieb, welche Handlung er zu einem neuen Trauerspiele wählen solle, war schon das Frühjahr verflossen, und Baron Dalberg vernahm weder von ihm selbst noch von andern, daß er sich für einen Stoff entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung verschwand, in diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der Bühne zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was der magern Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte. Um nun Schillern zur Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses nicht gelingen sollte, auf eine gute Art wieder loszubringen, beredete Baron Dalberg einen Bekannten desselben, seinen Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel heißen sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten Gedichte und drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen der damaligen Zeit übertrafen, und noch heute nach fünfzig Jahren auf allen deutschen Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen, und dafür eine solche zu nehmen, mit welcher bloß Rezepte ausgefertigt werden könnten.

Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war, trat S. zu dem Dichter

ein, der ihm mit argloser, gutmütiger Freude den gemachten Vorschlag berichtete und denselben – wenn ihm auf einige Jahre Unterstützung zu teil würde – als das einzige Rettungsmittel aus seinem sich täglich mehr verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich, alsogleich an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwort darauf erfolgen würde, so ließ sich sein edles, reines Herz, das andere nur nach der eignen Weise beurteilte, doch nicht abhalten, eine Bitte zu tun, die zu seinem eignen Besten, sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt blieb.

Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen, wenn derjenige, den er

als seinen hohen Gönner achtete, einige hundert Gulden daran gewagt hätte, damit der Dichter wieder in einen Arzt, das heißt in einen solchen Mann umgewandelt würde, der alles, was er bisher geschaffen, vergäße – der den Boden, welcher schon so herrliche, prachtvolle Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch wären die Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so gewisser vergeblich gewesen, da er sich wohl nie zu dem ängstlichen Fleiße, zu einer in das kleinste eingehenden Teilnahme hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender Arzt gar nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise hätte er sich in das Philosophische der Medizin geworfen; vielleicht – wozu er nur zu viele Anlage hatte – hätte er ein ganz neues System der Heilkunde aufgestellt.

Allein wie lange würde dieses gedauert haben? – Jedes Geschlecht sieht

Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch dessen Untergang. Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst. Hier war er Held, hier war er Herrscher; hier fühlte er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur durch diese konnte er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und dessen Grenze wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser Antrag hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen Wanken ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß, alles andere vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine ganze Zeit Don Carlos zu widmen. Von diesem hatte er schon mehrere Szenen entworfen, auch den Gang des Stückes so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht ganz widerspräche, doch aber der Charakter Philipps etwas gemildert erscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten Trauerspiele, so wird man die längere Überlegung des Dichters sowie sein Zaudern, sich schnell an diese Arbeit zu wagen, sehr begreiflich finden. Im Don Carlos hatte er Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten Sphäre bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden schlugen. Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden Personen als Tyrannen, als blutdürstige Henker zu zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für ihn sehr gering gewesen. Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die verabscheuungswürdigsten Menschen mit derselben Larve, die sie im Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu darstellen, ihre folgenden Handlungen andeuten und das Ganze dennoch auf eine solche Art stellen, daß es ein höchst anziehendes Schauspiel, aber keinem Zuschauer widerlich wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht allein über den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit all dem Fluß und Wohllaut ausstatten, für welche er ein so äußerst empfindliches Gefühl hatte. Er glaubte daher auch, daß hierzu Jamben der Würde der Handlung sowie der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei vollen Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben hatte. Jetzt mußte er seine Ausdrücke rhythmisch ordnen; er mußte, um die Jamben fließend zu machen, versuchen, schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur erst eine Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst, daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern, da es auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel mehr das Erhabene und die Schönheit der Ausdrücke veredeln mußte. Seine Freude, sein Vergnügen über den guten Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit, und er sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher er S. dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte, vorlesen konnte. Dieser kannte schon früher keinen höhern Genuß als die prachtvolle, so vieles in sich fassende und dennoch so glatt dahinrollende Prosa seines Freundes. Nun aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als er Gedanken und Ausdrücke wie folgende:

»Ich stand dabei, als in Toledos Mauern

Der stolze Karl die Huldigung empfing,

Als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten,

Und jetzt in einem – einem Niederfall

Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen.

Ich stand und sah das junge, stolze Blut

In seine Wangen steigen, seinen Busen

Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah

Sein trunknes Aug' durch die Versammlung fliegen In Wollust brechen – Prinz – und dieses Aug'

Sprach laut: ›Ich bin gesättigt.‹«

 

nach den Gesetzen der Tonkunst aussprechen hörte.

Wie glücklich, wie erhaben waren solche Stunden, in welchen der hohe

Meister sein Werk einem reinen, warmen Sinne vorlegen und den tiefen, unverfälschten Eindruck gewahren konnte, den es in dem Gemüte des begeisterten Jünglings hervorbrachte. Jeder Vers wurde als trefflich, jedes Wort, jeder Ausdruck als erschöpfend anerkannt, denn es war auch alles groß, alles schön, jeder Gedanke voll Adel. Er konnte ja nichts Gemeines hervorbringen. Der enthusiastische Freund beschwor Schillern, bei ähnlichen Gegenständen sich doch gewiß nie mehr zur Prosa herabzulassen, indem er selbst wahrnehmen müsse, wie viele Wirkung schon die ersten Versuche erregten.

Nun arbeitete er sehr fleißig an diesem Trauerspiel, übte sich aber auch

zugleich, um seine Einbildungskraft zeitweise ausruhen zu lassen, in der französischen Sprache, die ihm seit zwei Jahren fremd geworden war, und welche er sowohl zum Lesen von Racine, Corneille, Diderot usw. als auch zum Übersetzen sich wieder geläufig machen wollte. Zu letzterem bewog ihn besonders, seit das Projekt einer Dramaturgie rückgängig geworden, der Vorsatz, eine Monatschrift herauszugeben, welche zwar vorzüglich theatralischen Arbeiten und Beurteilungen gewidmet sein sollte, von der aber auch andere Sachen, die für die Lesewelt anziehend sein könnten, nicht ausgeschlossen wären. Das Sammeln der Materialien für mehrere Hefte, das Ausarbeiten derselben, welches in Mannheim, da er noch keinen Mitarbeiter hatte, ganz auf ihm lastete, beschäftigte ihn oft bis tief in die Nacht, erhöhte aber auch seinen Mut, weil er daraus größere Vorteile als durch Stücke für die Bühne zu ziehen hoffen durfte. Während dieser Anstrengungen, in denen er sich nur wenige Ruhe gönnte und wo er alles zu ergreifen suchte, um sein Leben nur einigermaßen von Sorgen frei zu halten, wurde er an eine Verpflichtung gemahnt, die er noch in Stuttgart eingegangen, und an die er nur mit Bangigkeit denken konnte.

Es ist aus seinem Briefe aus Frankfurt an Baron Dalberg ersichtlich, daß er diesen auf die edelste, rührendste Art um einen Vorschuß von 200 Gulden gebeten, damit er die dringendsten Schulden, die seine schnelle Entfernung zu bezahlen ihm unmöglich machte, damit tilgen könne. Er sagt dabei: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorgen macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.«

Diese für einen reichen Mann so leicht zu erfüllende Bitte wurde ihm aber nicht gewährt, sondern er wurde durch erregte Hoffnungen veranlaßt, seine wenige Barschaft in Oggersheim vollends aufzuzehren. Auch seine folgenden Verhältnisse gestatteten ihm nicht, die gemachten Versprechungen zu halten und mit deren Erfüllung eine Last von sich abzuwälzen, die für sein wohlwollendes, für die Ehre sehr empfindliches Gemüt die drückendste seines früheren und späteren Lebens war. Beinahe zwei Jahre schon war die Geduld der Gläubiger hingehalten worden; er durfte also die Meinung hegen, daß dieses vielleicht noch länger der Fall sein könnte. Allein zu seinem nicht geringen Schrecken kam es anders. Die Person, welche sich für ihn auf obige Summe verbürgt hatte, wurde so sehr von den Darleihern gedrängt, daß sie aus Stuttgart nach Mannheim entfloh. Man setzte ihr nach, erreichte sie dort und hielt sie gefangen.

Um sie für jetzt und für die Zukunft zu retten, blieb kein anderes Mittel, als ihr die 200 Gulden zu erstatten, für welche sie sich verbürgt hatte. Aber woher sollte diese für den, der keine andere Sicherheit als die Früchte seiner Feder leisten konnte, sehr bedeutende Summe aufgebracht werden? Von daher, wo er schon zweimal vergeblich Hilfe suchte, durfte er keine gewärtigen. Auch wollte er sich, da die ganze Sache ein Geheimnis bleiben sollte, nur jemand vertrauen, von dessen Verschwiegenheit er versichert sein konnte. Glücklicherweise war er mit einem sehr achtungswerten Manne, dem Baumeister Herrn Anton Hölzel, bei welchem S. wohnte, nicht nur bekannt, sondern wurde von ihm auch außerordentlich hochgeachtet, und dieser, so wenig er auf Reichtum oder Wohlhabenheit Anspruch machen konnte, scheute kein Opfer, um die verlangte Hilfe zu verschaffen, damit er aus einer Verlegenheit befreit würde, die von höchst nachteiligen Folgen für ihn hätte sein können. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß seine Eltern diesen Betrag erlegt oder wenigstens Bürgschaft dafür geleistet hätten, aber um dieses einzuleiten war die Zeit zu kurz. Um Rat zu schaffen, durfte kein Augenblick verloren werden. Und dann war auch sein Stolz zu groß, um seine gefährliche Lage dem Vater zu enthüllen, welcher seine Flucht sowohl als auch seine ungewissen Verhältnisse bisher immer mißbilligt hatte.

Dieser höchst unangenehme Vorfall machte auf den gepeinigten Dichter einen

um so tieferen Eindruck, als jetzt durchaus nicht mehr abzusehen war, wie oder in welcher Zeit eine Rettung aus seinen Geldnöten möglich sein würde. In dem für ihn so fatalen Mannheim war keine Erlösung aus den Sorgen zu hoffen; denn bei so geringen Einkünften mußten sich seine Umstände immer tiefer und endlich auf einen solchen Grad verschlimmern, daß ihm zuletzt kein anderes Mittel zu Gebote gestanden hätte, als sich heimlich zu entfernen. Aber wohin??? – – – dies war eine Frage, auf die keine Antwort sich finden ließ.

Wie aber oft das dichteste, schwärzeste Gewölk sich plötzlich öffnet, um

einen erquickenden Strahl der Sonne durchzulassen, oder auch der schwere Arm des Schicksals über den harten Prüfungsschlägen selbst ermüdet, so geschah es hier, und der erste Schritt, um Deutschland seinen edelsten Dichter zu erhalten, wurde nicht von seiner Umgebung, die täglicher Zeuge seines großen Charakters war, auch nicht von denen, die von den Früchten seines Geistes Vorteile zogen, sondern von solchen Menschen getan, deren Dasein ihm gar nicht bekannt war.

Ganz unerwartet nämlich erhielt er durch den Postwagen 8 ein Päckchen, in welchem vier Bildnisse, mit farbigen Stiften auf Gips gezeichnet, nebst einer gestickten Brieftasche mit Schreiben sich befanden, welch letztere von der wärmsten, tiefsten Verehrung gegen seine großartigen Arbeiten sowie von der richtigen Würdigung seines außerordentlichen Dichtergeistes zeugten.

Wie wohltuend der Eindruck gewesen, den diese schöne Überraschung auf

Schiller machte, dies kann selbst der Augenzeuge nicht gehörig beschreiben. Obwohl er auch hierüber sich ebenso auf die edelste, männlichste Art wie über alles äußerte, so zeigte dennoch seine vermehrte Heiterkeit fast in höherem Grade als seine Gespräche, wie erfreulich es ihm sei, in weiter Ferne von gebildeten Menschen erkannt, hochgeachtet und wegen seiner Leistungen geliebt zu werden; daß diese aus einem Gesichtspunkt angesehen würden, welcher ihn hoch über seine Zeit stellte – daß, wenn auch die meisten, welche ihn umgaben, stumm blieben und nur Kälte zeigten, es noch an manchen Orten Herzen geben könne, die für ähnliche Gefühle wie das seinige schlügen – daß er, seiner bittern, düstern Verhältnisse ungeachtet, sich durch eine solche Anerkennung weit höher als durch Reichtümer belohnt finde.

Hätten doch Herr Körner, seine Braut, deren Schwester und Professor Huber,

von denen dies die Abbildungen waren, sehen können, wie glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern machte, welche Ruhe, welche Zufriedenheit dadurch in sein ganzes Wesen kam, wie es ihm schmeichelte, die erhaltenen Beifallsbezeugungen mit seinen eignen Ansichten übereinstimmend zu finden, wahrlich, sie hätten die süße Genugtuung empfunden, dem Dichter das Vergnügen, welches er ihnen durch seine Werke verschafft, reichlich vergolten zu haben!

Wer nie in dem Falle war, bei sich selbst oder bei andern wahrzunehmen, wie stumpf, wie gebeugt der Geist endlich werden muß, wenn dasjenige, was das Talent erschafft, nicht gehörig gewürdigt oder nicht verhältnismäßig belohnt wird, der kann es auch unmöglich fassen, wie sehr eine unvermutete Anerkennung des wahren Wertes dem Selbstvertrauen, der Tätigkeit eine Schnellkraft verleiht, die das ganze frühere Empfindungsvermögen so sehr verändert, daß derjenige, welcher soeben erst in sich zusammengesunken war, plötzlich mit erhobenem Haupte sich aufrichtet. Den Dichtern, Künstlern ist es zwar immer angenehm, wenn ihre Verdienste durch Ehre, Geld oder andere Zeichen des Beifalls belohnt werden; aber höher als alles dieses achten sie es dennoch, wenn die innersten Absichten ihrer Arbeiten so gänzlich begriffen werden, daß sie in demjenigen, der über sie urteilt und ihnen kenntnisreiche Lobsprüche spendet, ihr eigentliches Selbst erkennen.

Dieselbe Wirkung brachte diese Überraschung auf Schillern um so mehr hervor, weil sie von Fremden ausging, er seine Umgebung schon gewohnt war und nur äußerst wenige sich fanden, welche seine hohen Darstellungen sowie den tiefen Sinn, der in ihnen lag, genugsam hätten würdigen können. Allmählich wurde auch die Hoffnung in ihm erregt, daß diese neuen Freunde wohl keine Verwendung unterlassen würden, um ihn aus seinem dermaligen Zustande zu erlösen und in bessere Verhältnisse zu setzen. Dieses bestätigte sich auch später in einem solchen Grade, daß es für denjenigen, der sich an den Werken des Unsterblichen stärkt und kräftigt, noch heute eine Art von Pflicht ist, dabei auch Körners, seines erhaltenen, unwandelbaren Freundes dabei eingedenk zu sein.

Ehre demjenigen, der einem aus drückenden Lebensverhältnissen befreiten Talente seine Achtung und Aufmerksamkeit beweist! Aber die größte Ehre sei dem, welcher einem hohen Geiste die Hindernisse wegräumt, die seinem freien Wirken sich entgegenstellen, und der nicht seinen Überfluß, sondern sein Notwendiges mit ihm teilt. Der Eifer und die Tätigkeit Schillers schienen durch den Briefwechsel mit den neuen Freunden einen lebhaften Schwung erhalten zu haben, denn er arbeitete nun ohne Rast an Don Carlos und an dem ersten Hefte seiner Monatsschrift. Eine angenehme Zerstreuung verschaffte ihm der Besuch seiner ältesten Schwester, welche, von Herrn Reinwald begleitet, auf kurze Zeit nach Mannheim kam. Die blühende, kräftige Jungfrau schien entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu teilen, dessen geringe Einkünfte und wankende Gesundheit wenig Freude zu versprechen schienen. Jedoch waren ihre Gründe dazu so edler Art, daß sie auch in der Folge es nie bereute, das Herz ihrem Verstande und einem vortrefflichen Gatten geopfert zu haben. Nicht lange nach der Schwester Abreise wählte Herr von Kalb, damals Offizier in französischen Diensten, wo er die Feldzüge des nordamerikanischen Befreiungskrieges mitgemacht und sich dabei sehr ausgezeichnet hatte, mit seiner Gemahlin und Schwägerin seinen Aufenthalt zu Mannheim. Schiller lernte sogleich diese in jedem Betracht edle Familie kennen, in welcher Frau von Kalb durch ihren richtigen Verstand und feine Geistesbildung sich besonders auszeichnete. Für den Dichter war der Umgang mit diesen seltenen Menschen ebenso wichtig als erheiternd, indem kein Gegenstand der Literatur sich fand, mit welchem diese Dame nicht vertraut gewesen wäre, oder irgend eine Weltbegebenheit, bei deren Beurteilung man das Umfassende, Scharfsinnige und die klaren Ansichten ihres Gemahls nicht hätte bewundern müssen.

Die Musik verschaffte S. das noch stets in Andenken erhaltene Glück, Frau

von Kalb mehrmals in der Woche zu sehen und, da sie eben in der Dichtung eines Romans begriffen war, auch über andere Gegenstände mit ihr zu sprechen. Es war nichts natürlicher, als daß sehr oft von Schiller und seinen Arbeiten die Rede war, von denen aber S. den Don Carlos, den der Dichter jetzt unter der Feder habe, weit über alles früher Geleistete setzte. Die Neugierde der Frau v. K. wurde durch die begeisterten Lobeserhebungen auf das höchste gespannt. Sie ersuchte Schillern einigemal, ihr doch etwas davon lesen zu lassen. Allein dieser wollte erst noch einige Szenen fertig machen, dann ins Reine schreiben und, um jede Schönheit gehörig herauszuheben, selbst vorlesen. Frau v. K. fügte sich um so eher in diesen Aufschub, weil sie hoffte, daß einige weitere Szenen ihr Vergnügen erhöhen müßten und sie auch davon den schönsten Genuß sich versprach, die ihr mit so vielem Enthusiasmus angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eignem Munde zu vernehmen. Dieser brachte endlich eines Nachmittags seinen Don Carlos zu der in der größten Erwartung harrenden Frau und las ihr den fertigen Teil des ersten Aktes vor. Lauschend heftete die Zuhörerin ihre Blicke auf den mit Pathos und Begeisterung deklamierenden Verfasser, ohne durch das leichteste Zeichen ihre Empfindung erraten zu lassen. Als dieser geendigt hatte, fragte er mit der unbefangensten, freundlichsten Miene: »Nun, gnädige Frau! wie gefällt es Ihnen?« Diese suchte auf die schonendste Art einer bestimmten Antwort auszuweichen. Als aber wiederholt um die aufrichtige Meinung über den Wert dieser Arbeit gebeten wurde, brach Frau v. K. in lautes Lachen aus und sagte: »Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste, was Sie noch gemacht haben.« – »Nein! das ist zu arg!« erwiderte dieser, warf seine Schrift voll Ärger auf den Tisch, nahm Hut und Stock und entfernte sich augenblicklich. Kaum war er aus der Tür, als Frau v. K. nach dem Papiere griff und zu lesen anfing. Sie hatte die erste Seite noch nicht geendigt, als sie sogleich dem Bedienten schellte. »Geschwind, geschwind lauf' Er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung bitten, ich hätte mich geirrt, es sei das Allerschönste, was er noch geschrieben habe, er solle doch ja sogleich wieder zu mir kommen.« Der Auftrag wurde ebenso schnell als genau ausgerichtet. Allein Schiller gab der Bitte kein Gehör, sondern kam erst den folgenden Tag zu der feinsinnigen Frau, die zwar ihr erstes Urteil sehr willig zurücknahm, ihm aber auch erklärte, daß seine Dichtungen durch die heftige, stürmische Art, mit welcher er sie vorlese, unausbleiblich verlieren müßten.

Als Kabale und Liebe wieder aufgeführt wurde, hatte Schiller die Aufmerksamkeit, den Namen des Hofmarschalls umschaffen zu wollen. Allein Herr und Frau von Kalb dachten viel zu groß, um sich durch einen erdichteten Namen irren zu lassen, und widersetzten sich einer Abänderung aus dem sehr richtigen Grunde, daß ein anderer Name als der frühere die Vermutung herbeiführen müsse, als sei der vorherige auf jemand aus ihrer Familie abgesehen gewesen.

Der Umgang mit diesen wahrhaft edlen, vortrefflichen Menschen nebst dem Briefwechsel mit den Freunden in Leipzig verschafften dem Dichter zwar viele erheiternde Stunden, konnten aber dennoch seine häuslichen Verhältnisse und seine schwankende, unbestimmte Stellung nicht verbessern, sondern er mußte in so beunruhigenden Umständen auch den Herbst nebst dem Anfange des Winters noch ebenso wie bisher zubringen, obwohl er sich mit Sachen beschäftigte, welche nur der ganz sorgenfreien Laune an den Tag zu fördern möglich sind.

Endlich zu Anfang des Jahres 1785 9 verbreitete sich in Mannheim das Gerücht, der regierende Herzog von Weimar werde auf einen Besuch zu der landgräflichen Familie nach Darmstadt kommen. Schiller, von seinem eignen Verlangen ebensosehr als von Herrn und Frau Kalb angeeifert, wünschte nichts so sehnlich, als bei dieser aus den feinsten Kennern des wahrhaft Schönen bestehenden Zusammenkunft sich als denjenigen zeigen zu dürfen, der wohl würdig wäre, dem schönen Bunde in Weimar beigesellt zu werden, welcher den Namen seines hohen Beschützers auf die späteste Nachwelt übertragen würde. Die Güte, die Herablassung nebst aufrichtiger Anerkennung großer Eigenschaften waren von dem Herzoge von Weimar ebenso zu erwarten, als das zuvorkommende Benehmen der Frau Landgräfin gegen jeden ausgezeichneten Künstler oder Dichter sich schon so oft gezeigt hatte. Der Ruf von dem hohen Werte der theatralischen Arbeiten Schillers war keinem Deutschen unbekannt, daher die Empfehlungsbriefe von Herrn und Frau von Kalb nebst denen von Baron Dalberg an die nächste Umgebung der fürstlichen Personen mit freundlichster Berücksichtigung aufgenommen wurden.

Schillers wichtigste Angelegenheit war, seinen Don Carlos in demjenigen

Kreise bekannt zu machen, für den er eigentlich gedichtet schien. Hatte er darin die richtigste Ansicht getroffen, die würdigste Sprache gewählt, so durfte er nicht allein den ungeteilten Beifall der hohen Gesellschaft, sondern auch die wichtigste Entscheidung für seine Zukunft erwarten. Sein Wunsch, Don Carlos selbst vorzulesen, wurde mit fürstlichem Wohlwollen gewährt und diese majestätische Dichtung mit so entschiedenem Anteil aufgenommen, daß es bei einer folgenden Unterredung mit dem Herzoge von Schiller nur einer leisen Bitte bedurfte, um von demselben eine öffentliche Anerkennung seines außerordentlichen Geistes zu erhalten.

Schiller kehrte als Rat des Herzogs von Weimar nach Mannheim zurück.

Konnte dieses einsilbige Wörtchen den Verdiensten des schon damals alles

überragenden Dichters auch keinen neuen Glanz verleihen, so hatte es wenigstens für die Gegenwart dennoch die Wirkung eines Talismans; denn seine Verhältnisse, von denen sich nur die traurigste Wendung erwarten ließ, gestalteten sich von nun an um vieles beruhigender, ja sie erhielten dadurch einen Anhaltspunkt, der bis jetzt nur ersehnt, aber nicht erreicht werden konnte. Das Verlangen der Eltern, er möchte durch eine dauernde Versorgung einem Fürsten angehören, schien erfüllt, seinen in Stuttgart zurückgelassenen Tadlern wurde bewiesen, daß seine Talente im Auslande weit größere Würdigung als in Württemberg gefunden und auch solche, die gegen seine Arbeiten gleichgültig geworden waren, mußten für ihn höhere Achtung gewinnen, da er von einem so vollgültigen Richter würdig befunden wurde, dem schönsten Geisterverein, welchen Deutschland jemalen aufzuweisen hatte, für immer anzugehören.

Ohne daß Schiller es ahnte oder zu wissen schien, hatte dieser kleine Beisatz

zu seinem Namen dennoch einen sehr großen Einfluß auf ihn. Sein Betragen wurde freier, bestimmter. Dieser Titel hatte in ihm die Gewißheit erweckt, sich ein neues besseres Vaterland erwerben zu können. Die Beurteilungen des Theaters wurden kälter, schärfer ausgesprochen, als früher geschah. Seine Tätigkeit war wie neu belebt; auch arbeitete er jetzt mit um so mehr Freude, je näher eine günstige Veränderung seines ihm bisher nur Unheil bringenden Aufenthaltes zu hoffen war.

Aber auch der Theaterdichter wurde von dem Herrn Rat nun mit ganz andern Augen angesehen, weil jener nie aus der begonnenen Bahn treten, weil er immer dieselbe Last tragen muß, wohingegen dieser, von Stufe zu Stufe immer höher steigend, seinen Ehrenkreis erweitern kann. Vorzüglich aus letzterer Ursache schloß er, daß sein Verbleiben in Mannheim ihm nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sein müsse, weil es ihm nicht die geringste Verbesserung darbieten könne. Er leitete deshalb nicht nur mit seinen Leipziger Freunden, sondern auch mit Herrn Schwan das Nötige ein, um seinen bisherigen Aufenthalt im Anfange des Frühjahres zu verlassen. Gegen das Theater selbst war er um so gleichgültiger geworden, weil es keine seiner Erwartungen ganz erfüllt hatte; zum Teil aber auch, weil der größte Teil der Mitglieder ihn jetzt schmähte und erbost auf ihn war. Dieser fast allgemeine Haß war durch die Beurteilungen (in dem ersten Hefte der Rheinischen Thalia) der Darstellung einiger Stücke veranlaßt, in welchen mehrere Mitglieder, die früher an vieles Lob von ihm gewöhnt waren, sehr hart mitgenommen wurden. Diese Kritiken mußten um so mehr auffallen, als damals eine Zeitung oder ein Journal sehr selten über einzelne Schauspieler etwas erwähnte und diese ohnehin es mit den meisten Künstlern gemein haben, sich für vollkommen oder unfehlbar zu achten. Zu Anfang des März 1785 wurde alles von ihm veranstaltet, um Mannheim bald verlassen zu können, welches, durch erhaltene Wechsel aus Leipzig erleichtert, zu Ende des Monats auch wirklich ausgeführt wurde. Den Abend vor seiner Abreise, welche bei Anbruch des kommenden Tages vor sich gehen sollte, brachte S. bis gegen Mitternacht bei ihm zu. Die vergangenen zwei Jahre, welche auf eine sehr unangenehme Weise von ihm verlebt waren, berührte er nur insofern, als sie in ihm die traurige Überzeugung hervorgebracht, daß in Deutschland, wo (1785) das Eigentum des Schriftsteller wie des Verlegers jedem preisgegeben, ja als vogelfrei erklärt sei, und bei der geringen Teilnahme höherer Stände an den Erzeugnissen der deutschen Literatur ein Dichter, würde er auch alle andern der verflossenen oder gegenwärtigen Zeit übertreffen, ohne einen besoldeten Nebenverdienst, ohne bedeutende Unterstützung, bloß durch die Früchte seines Talents unmöglich ein solches Einkommen sich verschaffen könne, als einem fleißigen Handwerksmanne mit mäßigen Fähigkeiten dieses gelingen müsse. Er war sich bewußt, alles getan zu haben, was seine Kräfte vermochten, ohne daß es ihm gelungen wäre, das wenige zu erwerben, was zur größten Notwendigkeit des Lebens gezählt wird, noch weniger aber so viel, daß er bei seiner Abreise auch seine Geldverbindlichkeiten hätte erfüllen können. Von nun an sollte nicht mehr die Dichtkunst, am wenigsten aber das Drama, der einzige Zweck seines Lebens sein, sondern er war fest entschlossen, den Besuch der Muse nur in der aufgereiztesten Stimmung anzunehmen; dafür aber mit allem Eifer sich wieder auf die Rechtswissenschaft zu werfen, durch welche er nicht nur aus jeder Verlegenheit befreit zu werden, sondern auch einen wohlhabenden, sorgenfreien Zustand zu erwerben hoffen dürfe.

Diesen Plan besprach er von allen denkbaren Seiten. Wenn auch eine sich als

widrig zeigte, so wäre sie doch nicht von der demütigenden Art, wie solche, die sich täglich dem Dichter darbieten, der in der höheren Gesellschaft nicht aufgenommen, wenn er seine Feder der Bühne widme, sogar verachtet sei, auf keinen Rang unter den Ständen Anspruch machen dürfe und wie ein fremdes, heimatloses Wesen seinen kärglichen Unterhalt mit unablässiger Anstrengung erringen müsse. Seinen Talenten, seiner Beharrlichkeit traute er es zu, in weniger als einem Jahre die Theorie der Rechtswissenschaft, unterstützt von den reichen Hilfsmitteln der Leipziger Universität, soweit inne zu haben, daß er auch darin wie in der Arzneikunde den Doktorhut nehmen und dadurch sich nicht nur einen bessern, sondern auch beständigern Zustand bereiten könne. Er glaubte den Schluß mit vollem Rechte machen zu dürfen, wenn die Erlernung dieser Wissenschaft einem gewöhnlichen Kopf in einigen Jahren möglich sei, so müsse es ihm – der von Jugend auf zum Studieren von Systemen angehalten worden – der in den zwei ersten Jahren, die er in der Akademie zubrachte, bedeutende Fortschritte in dieser Wissenschaft getan – der das Lateinische ebenso geläufig wie seine Muttersprache inne habe – der Hallers Werke in drei Monaten sich so eigen gemacht, daß er eine Prüfung darüber mit Ehren bestehen konnte – dem das Nachdenken eine Lust, ein Bedürfnis sei – um so viel leichter werden, den Schneckengang anderer mit seinen weit ausgreifenden Schritten zu überholen und schnell dahin zu gelangen, wo ihn auch die kühnste Erwartung erst nach Jahren vermute.

Sein Vorsatz darüber war so fest, die Ausführung schien ihm so leicht, eine

ehrenvolle Anstellung bei einem der kleinen sächsischen Höfe so nahe, daß er und der zurückbleibende Freund sich die Hände darauf gaben, so lange keiner an den andern schreiben zu wollen, bis er Minister oder der andere Kapellmeister sein würde. Mit diesem feierlichen Versprechen schieden beide voneinander.

Aber die Himmlischen hatten anders über ihn beschlossen. Sie ließen es nicht

zu, daß eine solche Fülle von Gaben, reich genug, um Millionen zu beglücken, nur auf einen engen Kreis beschränkt oder ganz unfruchtbar bleiben sollte. Mit Liebe leiteten sie nun an sanfter, gütiger Hand ihren Begünstigten in die Arme von Freunden, die alles aufboten, damit er seinem hohen Berufe nicht ungetreu würde, damit er die unendliche Menge des wahrhaft Schönen und Guten, welches er in sich trug, zur Veredlung der Menschheit, zur Erleuchtung und Stärkung kommender Geschlechter, zu unvergänglichem Ruhme seiner selbst sowie zu dem seines eigentlichen Vaterlandes anwenden konnte.

 

Sie haben Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785 zu Ende gelesen

Andreas Streicher

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