Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik

Viertes Hauptstück. Theoretischer Schluß aus den gesamten Betrachtungen des ersten Teils.

Viertes Hauptstück.

 

Theoretischer Schluß aus den gesamten Betrachtungen des ersten

Teils.

 

Die Trüglichkeit einer Wage, die nach bürgerlichen Gesetzen ein Maß der

Handlung sein soll, wird entdeckt, wenn man Ware und Gewichte ihre Schalen

vertauschen läßt, und die Parteilichkeit der Verstandeswage offenbaret sich

durch ebendenselben Kunstgriff, ohne welchen man auch in philosophischen

Urteilen nimmermehr ein einstimmiges Fazit aus den verglichenen

Abwiegungen herausbekommen kann. Ich habe meine Seele von Vorurteilen

gereinigt, ich habe eine jede blinde Ergebenheit vertilgt, welche sich jemals

einschlich, um manchem eingebildeten Wissen in mir Eingang zu verschaffen.

Jetzo ist mir nichts angelegen, nichts ehrwürdig, als was durch den Weg der

Aufrichtigkeit in einem ruhigen und vor alle Gründe zugänglichem Gemüte Platz

nimmt; es mag mein voriges Urteil bestätigen oder aufheben, mich bestimmen

oder unentschieden lassen. Wo ich etwas antreffe, das mich belehrt, da eigne ich

es mir zu. Das Urteil desjenigen, der meine Gründe widerlegt, ist mein Urteil,

nachdem ich es vorerst g e g e n die Schale der Selbstliebe und nachher in

derselben gegen meine vermeintliche Gründe abgewogen und in ihm einen

größeren Gehalt gefunden habe. Sonst betrachtete ich den allgemeinen

menschlichen Verstand bloß aus dem Standpunkte des meinigen: jetzt setze ich

mich in die Stelle einer fremden und äußeren Vernunft und beobachte meine

Urteile samt ihren geheimsten Anlässen aus dem Gesichtspunkte anderer. Die

Vergleichung beider Beobachtungen gibt zwar starke Parallaxen, aber sie ist

auch das einzige Mittel, den optischen Betrug zu verhüten und die Begriffe an

die wahre Stellen zu setzen, darin sie in Ansehung der Erkenntnisvermögen der

menschlichen Natur stehen. Man wird sagen, daß dieses eine sehr ernsthafte

Sprache sei vor eine so gleichgültige Aufgabe, als wir abhandeln, die mehr ein

Spielwerk als eine ernstliche Beschäftigung genannt zu werden verdient, und

man hat nicht unrecht, so zu urteilen. Allein ob man zwar über eine Kleinigkeit

keine große Zurüstung machen darf, so kann man sie doch gar wohl bei

Gelegenheit derselben machen, und die entbehrliche Behutsamkeit beim

Entscheiden in Kleinigkeiten kann zum Beispiele in wichtigen Fällen dienen. Ich

finde nicht, daß irgendeine Anhänglichkeit, oder sonst eine vor der Prüfung eingeschlichene Neigung meinem Gemüte die Lenksamkeit nach allerlei

Gründen vor oder dawider benehme, eine einzige ausgenommen. Die

Verstandeswage ist doch nicht ganz unparteiisch, und der eine Arm derselben,

der die Aufschrift führet: H o f f n u n g d e r Z u k u n f t, hat einen

mechanischen Vorteil, welcher macht, daß auch leichte Gründe, welche in die

ihm angehörige Schale fallen, die Spekulationen von an sich größeren Gewichte

auf der andern Seite in die Höhe ziehen. Dieses ist die einzige Unrichtigkeit, die

ich nicht wohl heben kann, und die ich in der Tat auch niemals heben will. Nun

gestehe ich, daß alle Erzählungen vom Erscheinen abgeschiedener Seelen oder

von Geistereinflüssen und alle Theorien von der mutmaßlichen Natur geistiger

Wesen und ihrer Verknüpfung mit uns nur in der Schale der Hoffnung merklich

wiegen; dagegen in der der Spekulation aus lauter Luft zu bestehen scheinen.

Wenn die Ausmittelung der aufgegebenen Frage nicht mit einer vorher schon

entschiedenen Neigung in Sympathie stände, welcher Vernünftige würde wohl

unschlüssig sein, ob er mehr Möglichkeit darin finden sollte, eine Art Wesen

anzunehmen, die mit allem, was ihm die Sinne lehren, gar nichts Ähnliches

haben, als einige angebliche Erfahrungen dem Selbstbetruge und der Erdichtung

beizumessen, die in mehreren Fällen nicht ungewöhnlich sind.

Ja, dieses scheint auch überhaupt von der Beglaubigung der

Geistererzählungen, welche so allgemeinen Eingang finden, die vornehmste

Ursache zu sein, und selbst die erste Täuschungen von vermeinten

Erscheinungen abgeschiedener Menschen sind vermutlich aus der

schmeichelhaften Hoffnung entsprungen, daß man noch auf irgendeine Art nach

dem Tode übrig sei, da denn bei nächtlichen Schatten oftmals der Wahn die

Sinne betrog und aus zweideutigen Gestalten Blendwerke schuf, die der

vorhergehenden Meinung gemäß waren, woraus denn endlich die Philosophen

Anlaß nahmen, die Vernunftidee von Geistern auszudenken und sie in

Lehrverfassung zu bringen. Man sieht es auch wohl meinem anmaßlichen

Lehrbegriff von der Geistergemeinschaft an, daß er ebendieselbe Richtung

nehme, in den die gemeine Neigung einschlägt. Denn die Sätze vereinbaren sich

sehr merklich nur dahin, um einen Begriff zu geben, wie der Geist des Menschen

aus dieser Welt h e r a u s g e h e,(12) d. i. vom Zustande nach dem Tode; wie er

aber h i n e i n k o m m e, d. i. von der Zeugung und Fortpflanzung, davon

erwähne ich nichts; ja sogar nicht einmal, wie er in dieser Welt g e g e n w ä r t i g

sei, d. i. wie eine immaterielle Natur in einem Körper und durch denselben

wirksam sein könne; alles um einer sehr gültigen Ursache willen, welche diese

ist, daß ich hievon insgesamt nichts verstehe und folglich mich wohl hätte

bescheiden können, ebenso unwissend in Ansehung des künftigen Zustandes zu

sein, wofern nicht die Parteilichkeit einer Lieblingsmeinung denen Gründen, die sich darboten, so schwach sie auch sein mochten, zur Empfehlung gedienet

hätte.

Ebendieselbe Unwissenheit macht auch, daß ich mich nicht unterstehe, so

gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geistererzählungen abzuleugnen, doch

mit dem gewöhnlichen, obgleich wunderlichen Vorbehalt, eine jede einzelne

derselben in Zweifel zu ziehen, allen zusammengenommen aber einigen Glauben

beizumessen. Dem Leser bleibt das Urteil frei; was mich aber anlangt, so ist zum

wenigsten der Ausschlag auf die Seite der Gründe des zweiten Hauptstücks bei

mir groß gnug, mich bei Anhörung der mancherlei befremdlichen Erzählungen

dieser Art ernsthaft und unentschieden zu erhalten. Indessen da es niemals an

Gründen der Rechtfertigung fehlt, wenn das Gemüt vorher eingenommen ist, so

will ich dem Leser mit keiner weiteren Verteidigung dieser Denkungsart

beschwerlich fallen.

Da ich mich jetzt beim Schlusse der Theorie von Geistern befinde, so

unterstehe ich mir noch zu sagen, daß diese Betrachtung, wenn sie von dem

Leser gehörig genutzt wird, alle philosophische Einsicht von dergleichen Wesen

vollende, und daß man davon vielleicht künftighin noch allerlei m e i n e n,

niemals aber mehr w i s s e n könne. Dieses Vorgeben klingt ziemlich ruhmredig.

Denn es ist gewiß kein den Sinnen bekannter Gegenstand der Natur, von dem

man sagen könnte, man habe ihn durch Beobachtung oder Vernunft jemals

e r s c h ö p f t, wenn es auch ein Wassertropfen, ein Sandkorn oder etwas noch

Einfacheres wäre; so unermeßlich ist die Mannigfaltigkeit desjenigen, was die

Natur in ihren geringsten Teilen einem so eingeschränkten Verstande wie der

menschliche ist zur Auflösung darbietet. Allein mit dem philosophischen

Lehrbegriff von geistigen Wesen ist es ganz anders bewandt. Er kann vollendet

sein, aber im n e g a t i v e n Verstande, indem er nämlich die Grenzen unserer

Einsicht mit Sicherheit festsetzt und uns überzeugt, daß die verschiedene

Erscheinungen des L e b e n s in der Natur und deren Gesetze alles seien, was uns

zu erkennen vergönnet ist, das Principium dieses Lebens aber, d. i. die geistige

Natur, welche man nicht kennet, sondern vermutet, niemals positiv könne

gedacht werden, weil keine Data hiezu in unseren gesamten Empfindungen

anzutreffen seien, und daß man sich mit Verneinungen behelfen müsse, um etwas

von allem Sinnlichen so sehr Unterschiedenes zu denken, daß aber selbst die

Möglichkeit solcher Verneinungen weder auf Erfahrung, noch auf Schlüssen,

sondern auf einer Erdichtung beruhe, zu der eine von allen Hülfsmitteln

entblößte Vernunft ihre Zuflucht nimmt. Auf diesen Fuß kann die Pneumatologie

der Menschen ein Lehrbegriff ihrer notwendigen Unwissenheit in Absicht auf

eine vermutete Art Wesen genannt werden und als ein solcher der Aufgabe

leichtlich adaequat sein.

Nunmehro lege ich die ganze Materie von Geistern, ein weitläuftig Stück der

Metaphysik, als abgemacht und vollendet beiseite. Sie geht mich künftig nichts

mehr an. Indem ich den Plan meiner Nachforschung auf diese Art besser

zusammenziehe und mich einiger gänzlich vergeblichen Untersuchungen

entschlage, so hoffe ich meine geringe Verstandesfähigkeit auf die übrige

Gegenstände vorteilhafter anlegen zu können. Es ist mehrenteils umsonst, das

kleine Maß seiner Kraft auf alle windichte Entwürfe ausdehnen zu wollen. Daher

gebeut die Klugheit sowohl in diesem als in andern Fällen, den Zuschnitt der

Entwürfe den Kräften angemessen zu machen und, wenn man das Große nicht

füglich erreichen kann, sich auf das Mittelmäßige einzuschränken.