Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik
Der zweite Teil, welcher historisch ist.
Der zweite Teil,
welcher historisch ist.
Erstes Hauptstück.
Eine Erzählung, deren Wahrheit der beliebigen Erkundigung des
Lesers empfohlen wird.
Sit mihi fas audita loqui. – – –
VIRG.
D ie Philosophie, deren Eigendünkel macht, daß sie sich selbst allen eiteln
Fragen bloßstellet, siehet sich oft bei dem Anlasse gewisser Erzählungen in
schlimmer Verlegenheit, wenn sie entweder an einigem in denselben ungestraft
nicht z w e i f e l n oder manches davon unausgelacht nicht g l a u b e n darf.
Beide Beschwerlichkeiten finden sich in gewisser Maße bei den herumgehenden
Geistergeschichten zusammen, die erste bei Anhörung desjenigen, der sie
beteurt, und die zweite in Betracht derer, auf die man sie weiter bringt. In der Tat
ist auch kein Vorwurf dem Philosophen bitterer, als der der Leichtgläubigkeit
und der Ergebenheit in den gemeinen Wahn, und da diejenigen, welche sich
darauf verstehen, gutes Kaufs klug zu scheinen, ihr spöttisches Gelächter auf
alles werfen, was die Unwissenden und die Weisen gewissermaßen gleichmacht,
indem es beiden unbegreiflich ist, so ist kein Wunder, daß die so häufig
vorgegebene Erscheinungen großen Eingang finden, öffentlich aber entweder
abgeleugnet oder doch verhehlet werden. Man kann sich daher darauf verlassen, daß niemals eine Akademie der Wissenschaften diese Materie zur Preisfrage
machen werde; nicht als wenn die Glieder derselben gänzlich von aller
Ergebenheit in die gedachte Meinung frei wären, sondern weil die Regel der
Klugheit denen Fragen, welche der Vorwitz und die eitle Wißbegierde ohne
Unterscheid aufwirft, mit Recht Schranken setzet. Und so werden die
Erzählungen von dieser Art wohl jederzeit nur heimliche Gläubige haben,
öffentlich aber durch die herrschende Mode des Unglaubens verworfen werden.
Da mir indessen diese ganze Frage weder wichtig noch vorbereitet gnug
scheint, um über dieselbe etwas zu entscheiden, so trage ich kein Bedenken, hier
eine Nachricht der erwähnten Art anzuführen und sie mit völliger
Gleichgültigkeit dem geneigten oder ungeneigten Urteile der Leser
preiszugeben.
Es lebt zu Stockholm ein gewisser Herr SWEDENBORG ohne Amt oder
Bedienung von seinem ziemlich ansehnlichen Vermögen. Seine ganze
Beschäftigung besteht darin, daß er, wie er selbst sagt, schon seit mehr als
zwanzig Jahren mit Geistern und abgeschiedenen Seelen im genauesten
Umgange stehet, von ihnen Nachrichten aus der andern Welt einholet und ihnen
dagegen welche aus der gegenwärtigen erteilt, große Bände über seine
Entdeckungen abfaßt und bisweilen nach London reiset, um die Ausgabe
derselben zu besorgen. Er ist eben nicht zurückhaltend mit seinen Geheimnissen,
spricht mit jedermann frei davon, scheint vollkommen von dem, was er vorgibt,
überredet zu sein ohne einigen Anschein eines angelegten Betruges oder
Charlatanerei. So wie er, wenn man ihm selbst glauben darf, der Erzgeisterseher
unter allen Geistersehern ist, so ist er auch sicherlich der Erzphantast unter allen
Phantasten, man mag ihn nun aus der Beschreibung derer, welche ihn kennen
oder aus seinen Schriften beurteilen. Doch kann dieser Umstand diejenige,
welche den Geistereinflüssen sonst günstig sind, nicht abhalten, hinter solcher
Phantasterei noch etwas Wahres zu vermuten. Weil indessen das Kreditiv aller
Bevollmächtigten aus der andern Welt in den Beweistümern besteht, die sie
durch gewisse Proben in der gegenwärtigen von ihrem außerordentlichen Beruf
ablegen, so muß ich von demjenigen, was zur Beglaubigung der
außerordentlichen Eigenschaft des gedachten Mannes herumgetragen wird,
wenigstens dasjenige anführen, was noch bei den meisten einigen Glauben
findet.
Gegen das Ende des Jahres 1761 wurde Herr SWEDENBORG zu einer
Fürstin gerufen, deren großer Verstand und Einsicht es beinahe unmöglich
machen sollte, in dergleichen Fällen hintergangen zu werden. Die Veranlassung
dazu gab das allgemeine Gerüchte von denen vorgegebenen Visionen dieses
Mannes. Nach einigen Fragen, die mehr darauf abzielten, sich mit seinen Einbildungen zu belustigen, als wirkliche Nachrichten aus der andern Welt zu
vernehmen, verabschiedete ihn die Fürstin, indem sie ihm vorher einen
geheimen Auftrag tat, der in seine Geistergemeinschaft einschlug. Nach einigen
Tagen erschien Herr SWEDENBORG mit der Antwort, welche von der Art war,
daß solche die Fürstin ihrem eigenen Geständnisse nach in das größeste
Erstaunen versetzte, indem sie solche wahr befand und ihm gleichwohl solche
von keinem lebendigen Menschen konnte erteilt sein. Diese Erzählung ist aus
dem Berichte eines Gesandten an dem dortigen Hofe, der damals zugegen war,
an einen andern fremden Gesandten in Kopenhagen gezogen worden, stimmt
auch genau mit dem, was die besondere Nachfrage darüber hat erkundigen
können, zusammen.
Folgende Erzählungen haben keine andere Gewährleistung als die gemeine
Sage, deren Beweis sehr mißlich ist. Madame MARTEVILLE, die Witwe eines
holländischen Envoyé an dem schwedischen Hofe, wurde von den Angehörigen
eines Goldschmiedes um die Bezahlung des Rückstandes vor ein verfertigtes
Silberservice gemahnet. Die Dame, welche die regelmäßige Wirtschaft ihres
verstorbenen Gemahls kannte, war überzeugt, daß diese Schuld schon bei seinem
Leben abgemacht sein müßte; allein sie fand in seinen hinterlassenen Papieren
gar keinen Beweis. Das Frauenzimmer ist vorzüglich geneigt, den Erzählungen
der Wahrsagerei, der Traumdeutung und allerlei anderer wunderbarer Dinge
Glauben beizumessen. Sie entdeckte daher ihr Anliegen dem Herrn
SWEDENBORG mit dem Ersuchen, wenn es wahr wäre, was man von ihm
sagte, daß er mit abgeschiedenen Seelen im Umgange stehe, ihr aus der andern
Welt von ihrem verstorbenen Gemahl Nachricht zu verschaffen, wie es mit der
gedachten Anforderung bewandt sei. Herr SWEDENBORG versprach solches
zu tun und stellte der Dame nach wenig Tagen in ihrem Hause den Bericht ab,
daß er die verlangte Kundschaft eingezogen habe, daß in einem Schrank, den er
anzeigte und der ihrer Meinung nach völlig ausgeräumt war, sich noch ein
verborgenes Fach befinde, welches die erforderliche Quittungen enthielte. Man
suchte sofort seiner Beschreibung zufolge und fand nebst der geheimen
holländischen Correspondence die Quittungen, wodurch alle gemachte
Ansprüche völlig getilgt wurden.
Die dritte Geschichte ist von der Art, daß sich sehr leicht ein vollständiger
Beweis ihrer Richtigkeit oder Unrichtigkeit muß geben lassen. Es war, wo ich
recht berichtet bin, gegen das Ende des 1759ten Jahres, als Herr
SWEDENBORG, aus England kommend, an einem Nachmittage zu
G o t e n b u r g ans Land trat. Er wurde denselben Abend zu einer Gesellschaft
bei einem dortigen Kaufmann gezogen und gab ihr nach einigem Aufenthalt mit
allen Zeichen der Bestürzung die Nachricht, daß eben jetzt in Stockholm im S ü d e r m a l m eine erschreckliche Feuersbrunst wüte. Nach Verlauf einiger
Stunden, binnen welchen er sich dann und wann entfernte, berichtete er der
Gesellschaft, daß das Feuer gehemmet sei, imgleichen wie weit es um sich
gegriffen habe. Ebendenselben Abend verbreitete sich schon diese wunderliche
Nachricht und war den andern Morgen in der ganzen Stadt herumgetragen; allein
nach zwei Tagen allererst kam der Bericht davon aus Stockholm in Gotenburg
an, völlig einstimmig, wie man sagt, mit SWEDENBORGS Visionen.
Man wird vermutlich fragen, was mich doch immer habe bewegen können,
ein so verachtetes Geschäfte zu übernehmen, als dieses ist, Märchen weiter zu
bringen, die ein Vernünftiger Bedenken trägt, mit Geduld anzuhören, ja solche
gar zum Text philosophischer Untersuchungen zu machen. Allein da die
Philosophie, welche wir voranschickten, ebensowohl ein Märchen war aus dem
S c h l a r a f f e n l a n d e der Metaphysik, so sehe ich nichts Unschickliches
darin, beide in Verbindung auftreten zu lassen; und warum sollte es auch eben
rühmlicher sein, sich durch das blinde Vertrauen in die Scheingründe der
Vernunft, als durch unbehutsamen Glauben an betrügliche Erzählungen
hintergehen zu lassen?
Torheit und Verstand haben so unkenntlich bezeichnete Grenzen, daß man
schwerlich in dem einen Gebiete lange fortgeht, ohne bisweilen einen kleinen
Streif in das andre zu tun; aber was die Treuherzigkeit anlangt, die sich bereden
läßt, vielen festen Beteurungen selbst wider die Gegenwehr des Verstandes
bisweilen etwas einzuräumen, so scheint sie ein Rest der alten Stammehrlichkeit
zu sein, die freilich auf den jetzigen Zustand nicht recht paßt und daher oft zur
Torheit wird, aber darum doch eben nicht als ein natürliches Erbstück der
Dummheit angesehen werden muß. Daher überlasse ich es dem Belieben des
Lesers, bei der wunderlichen Erzählung, mit welcher ich mich bemenge, jene
zweideutige Mischung von Vernunft und Leichtgläubigkeit in ihre Elemente
aufzulösen und die Proportion beider Ingredienzien vor meine Denkungsart
auszurechnen. Denn da es bei einer solchen Kritik doch nur um die
Anständigkeit zu tun ist, so halte ich mich gnugsam vor dem Spott gesichert,
dadurch daß ich mit dieser Torheit, wenn man sie so nennen will, mich
gleichwohl in recht guter und zahlreicher Gesellschaft befinde, welches schon
gnug ist, wie FONTENELLE glaubt, um wenigstens nicht vor unklug gehalten
zu werden. Denn es ist zu allen Zeiten so gewesen und wird auch wohl
künftighin so bleiben, daß gewisse widersinnige Dinge selbst bei Vernünftigen
Eingang finden, bloß darum weil allgemein davon gesprochen wird. Dahin
gehören die Sympathie, die Wünschelrute, die Ahndungen, die Wirkung der
Einbildungskraft schwangerer Frauen, die Einflüsse der Mondwechsel auf Tiere
und Pflanzen u. d. g. Ja, hat nicht vor kurzem das gemeine Landvolk denen Gelehrten die Spötterei gut vergolten, welche sie gemeiniglich auf dasselbe der