Unterm Rad
Zweites Kapitel
So müssen Sommerferien sein! Über den Bergen ein enzianblauer Himmel,
wochenlang ein strahlend heißer Tag am andern, nur je und je ein heftiges,
kurzes Gewitter. Der Fluß, obwohl er seinen Weg durch so viel Sandsteinfelsen
und Tannenschatten und enge Täler hat, war so erwärmt, daß man noch spät am
Abend baden konnte. Rings um das Städtchen her war Heu- und Öhmdgeruch,
die schmalen Bänder der paar Kornäcker wurden gelb und goldbraun, an den
Bächen geilten mannshoch die weißblühenden, schierlingartigen Pflanzen, deren
Blüten schirmförmig und stets von winzigen Käfern bedeckt sind und aus deren
hohlen Stengeln man Flöten und Pfeifen schneiden kann. An den Waldrändern
prunkten lange Reihen von wolligen, gelbblühenden, majestätischen
Königskerzen, Weiderich und Weidenröschen wiegten sich auf ihren schlanken,
zähen Stielen und bedeckten ganze Abhänge mit ihrem violetten Rot. Innen
unter den Tannen stand ernst und schön und fremdartig der hohe, steile, rote
Fingerhut mit den silberwolligen breiten Wurzelblättern, dem starken Stengel
und den hochaufgereihten, schönroten Kelchblüten. Daneben die vielerlei Pilze:
der rote, leuchtende Fliegenschwamm, der fette, breite Steinpilz, der
abenteuerliche Bocksbart, der rote, vielästige Korallenpilz und der sonderbar
farblose, kränklich feiste Fichtenspargel. Auf den vielen heidigen Rainen
zwischen Wald und Wiese flammte brandgelb der zähe Ginster, dann kamen
lange, lilarote Bänder von Erika, dann die Wiesen selber, zumeist schon vor dem
zweiten Schnitte stehend, von Schaumkraut, Lichtnelken, Salbei, Skabiosen
farbig überwuchert. Im Laubwald sangen die Buchfinken ohne Aufhören, im
Tannenwald rannten fuchsrote Eichhörnchen durch die Wipfel, an Rainen,
Mauern und trockenen Gräben atmeten und schimmerten grüne Eidechsen
wohlig in der Wärme, und über die Wiesen hin läuteten endlos die hohen,
schmetternden, nie ermüdenden Zikadenlieder.
Die Stadt machte um diese Zeit einen sehr bäuerlichen Eindruck; Heuwagen,
Heugeruch und Sensendengeln erfüllte die Straßen und Lüfte; wenn nicht die
zwei Fabriken gewesen wären, hätte man geglaubt, in einem Dorf zu sein.
Früh am Morgen des ersten Ferientages stand Hans schon ungeduldig in der
Küche und wartete auf den Kaffee, als die alte Anna noch kaum aufgestanden war. Er half Feuer machen, holte Brot vom Becken, stürzte schnell den mit
frischer Milch gekühlten Kaffee hinunter, steckte Brot in die Tasche und lief
davon. Am oberen Bahndamm machte er halt, zog eine runde Blechschachtel aus
der Hosentasche und begann fleißig Heuschrecken zu fangen. Die Eisenbahn lief
vorüber — nicht im Sturm, denn die Linie steigt dort gewaltig, sondern schön
behaglich, mit lauter offenen Fenstern und wenig Passagieren, eine lange,
fröhliche Fahne von Rauch und Dampf hinter sich flattern lassend. Er sah ihr
nach und sah zu, wie der weißliche Rauch verwirbelte und sich bald in die
sonnigen, frühklaren Lüfte verlor. Wie lang hatte er das alles nimmer gesehen!
Er tat große Atemzüge, als wolle er die verlorene schöne Zeit nun doppelt
einholen und noch einmal recht ungeniert und sorgenlos ein kleiner Knabe sein.
Das Herz klopfte ihm vor heimlicher Wonne und Jägerlust, als er mit der
Heuschreckenschachtel und dem neuen Angelstock über die Brücke und hinten
durch die Gärten zum Gaulsgumpen, der tiefsten Stelle des Flusses, schritt. Dort
war ein Platz, wo man, an einen Weidenstamm gelehnt, bequemer und
ungestörter fischen konnte als sonst irgendwo. Er wickelte die Schnur ab, tat ein
kleines Schrotkorn daran, spießte erbarmungslos eine feiste Heuschrecke auf den
Haken und schleuderte die Angel mit weitem Schwung gegen die Flußmitte. Das
alte, wohlbekannte Spiel begann: die kleinen Blecken schwärmten in ganzen
Scharen um den Köder und versuchten ihn vom Haken zu zerren. Bald war er
weggefressen, eine zweite Heuschrecke kam an die Reihe, und noch eine, und
eine vierte und fünfte. Immer vorsichtiger befestigte er sie am Haken, schließlich
beschwerte er die Schnur mit einem weiteren Schrotkorn, und nun probierte der
erste ordentliche Fisch den Köder. Er zerrte ein wenig daran, ließ ihn wieder los,
probierte nochmals. Nun biß er an — das spürt ein guter Angler durch Schnur
und Stock hindurch in den Fingern zucken! Hans tat einen künstlichen Ruck und
begann ganz vorsichtig zu ziehen. Der Fisch saß, und als er sichtbar wurde,
erkannte Hans ein Rotauge. Man kennt sie gleich am breiten, weißgelblich
schimmernden Leib, am dreieckigen Kopf und namentlich an dem schönen,
fleischroten Ansatz der Bauchflossen. Wie schwer mochte er wohl sein? Aber
ehe er es schätzen konnte, tat der Fisch einen verzweifelten Schlag, wirbelte
angstvoll über die Wasserfläche und entkam. Man sah ihn noch, wie er sich drei-
, viermal im Wasser umdrehte und dann wie ein silberner Blitz in die Tiefe
verschwand. Er hatte schlecht gebissen.
In dem Angler war nun die Aufregung und leidenschaftliche Aufmerksamkeit
der Jagd erwacht. Sein Blick hing scharf und unverwandt an der dünnen braunen
Schnur, da wo sie das Wasser berührte, seine Backen waren gerötet, seine
Bewegungen knapp, rasch und sicher. Ein zweites Rotauge biß an und kam
heraus, dann ein kleiner Karpfen, für den es fast schade war, dann hintereinander drei Kresser. Die Kresser freuten ihn besonders, da der Vater sie gerne aß. Sie
werden höchstens handlang, haben einen fetten, kleinschuppigen Leib, dicken
Kopf mit drolligem weißen Bart, kleine Augen und einen schlanken Hinterleib.
Die Farbe ist zwischen grün und braun und spielt, wenn der Fisch ans Land
kommt, ins Stahlblaue.
Inzwischen war die Sonne hochgestiegen, der Schaum am obern Wehr
leuchtete schneeweiß, über dem Wasser zitterte die warme Luft und wenn man
aufblickte, sah man über dem Muckberg ein paar handgroße, blendende
Wölkchen stehen. Es wurde heiß. Nichts bringt die Wärme eines reinen
Hochsommertages so zum Ausdruck wie die paar ruhigen kleinen Wölkchen, die
still und weiß in halber Höhe der Bläue stehen und so mit Licht gefüllt und
durchtränkt sind, daß man sie nicht lange ansehen kann. Ohne sie würde man oft
gar nicht merken, wie heiß es ist, nicht am blauen Himmel noch am Glitzern des
Flußspiegels, aber sobald man die paar schaumweißen, festgeballten
Mittagssegler sieht, spürt man plötzlich die Sonne brennen, sucht den Schatten
und fährt sich mit der Hand über die feuchte Stirn.
Hans achtete allmählich weniger streng auf die Angel. Er war ein wenig müde
und sowieso pflegt man gegen Mittag fast nichts zu fangen. Die Weißfische,
auch die ältesten und größten, kommen um diese Zeit nach oben, um sich zu
sonnen. Sie schwimmen träumerisch in großen dunklen Zügen flußaufwärts,
dicht an der Oberfläche, erschrecken zuweilen plötzlich ohne sichtbare Ursache
und gehen in diesen Stunden an keine Angel.
Er ließ die Schnur über einen Zweig der Weide hinweg ins Wasser hängen,
setzte sich auf den Boden und schaute auf den grünen Fluß. Langsam kamen die
Fische nach oben, ein dunkler Rücken um den andern erschien auf der Fläche —
stille, langsam schwimmende, von der Wärme emporgelockte und bezauberte
Züge. Denen konnte im warmen Wasser wohl sein! Hans zog die Stiefel aus und
ließ die Füße ins Wasser hängen, das an der Oberfläche ganz lau war. Er
betrachtete die gefangenen Fische, die regungslos in einer großen Gießkanne
schwammen und nur hin und wieder leise plätscherten. Wie schön sie waren!
Weiß, Braun, Grün, Silber, Mattgold, Blau und andere Farben glänzten bei jeder
Bewegung an den Schuppen und Flossen.
Es war sehr still. Kaum hörte man das Geräusch der über die Brücke
fahrenden Wagen, auch das Klappern der Mühle war hier nur noch ganz schwach
vernehmbar. Nur das stetige milde Rauschen des weißen Wehrs klang ruhig, kühl
und schläfernd herab und an den Floßpfählen der leise, quirlende Laut des
ziehenden Wassers.
Griechisch und Latein, Grammatik und Stilistik, Rechnen und Memorieren
und der ganze folternde Trubel eines langen, ruhelosen, gehetzten Jahres sanken still in der schläfernd warmen Stunde unter. Hans hatte ein wenig Kopfweh, aber
lang nicht so stark wie sonst, und nun konnte er ja wieder am Wasser sitzen, sah
den Schaum am Wehr zerstäuben, blinzelte nach der Angelschnur, und neben
ihm schwammen in der Kanne die gefangenen Fische. Das war so köstlich.
Zwischendurch fiel ihm plötzlich ein, daß er das Landexamen bestanden habe
und Zweiter geworden sei, da klatschte er mit den nackten Füßen ins Wasser,
steckte beide Hände in die Hosentaschen und fing an, eine Melodie zu pfeifen.
Richtig und eigentlich pfeifen konnte er zwar nicht, das war ein alter Kummer
und hatte ihm von den Schulkameraden schon Spott genug eingetragen. Er
konnte es nur durch die Zähne und nur leise, aber für den Hausbrauch genügte
das und jetzt konnte ihn ja keiner hören. Die andern saßen jetzt in der Schule und
hatten Geographie, nur er allein war frei und entlassen. Er hatte sie überholt, sie
standen jetzt unter ihm. Sie hatten ihn genug geplagt, weil er außer August keine
Freundschaften und an ihren Raufereien und Spielen keine rechte Freude gehabt
hatte. So, nun konnten sie ihm nachsehen, die Dackel, die Dickköpfe. Er
verachtete sie so sehr, daß er einen Augenblick zu pfeifen aufhörte, um den
Mund zu verziehen. Dann rollte er seine Schnur auf und mußte lachen, denn es
war auch keine Faser vom Köder mehr am Haken. Die in der Schachtel
übriggebliebenen Heuschrecken wurden freigelassen und krochen betäubt und
unlustig ins kurze Gras. Nebenan in der Rotgerberei wurde schon Mittag
gemacht; es war Zeit zum Essen zu gehen.
Am Mittagstisch wurde kaum ein Wort gesprochen.
„Hast was gefangen?“ fragte der Papa.
„Fünf Stück.“
„Ei so? Na, paß nur auf, daß du den Alten nicht fangst, sonst gibt’s nachher
keine Jungen mehr.“
Weiter gedieh keine Unterhaltung. Es war so warm. Und es war so schade,
daß man nicht gleich nach dem Essen ins Bad durfte. Warum eigentlich? Es sei
schädlich! Hat sich was mit schädlich; Hans wußte das besser, er war trotz des
Verbots oft genug gegangen. Aber jetzt nimmer, er war für Unarten doch schon
zu erwachsen. Herr Gott, im Examen hatte man „Sie“ zu ihm gesagt!
Schließlich war es auch gar nicht schlecht, eine Stunde im Garten unter der
Rottanne zu liegen. Schatten gab es genug und man konnte lesen oder den
Schmetterlingen zusehen. So lag er denn dort bis zwei Uhr und wenig fehlte, so
wäre er eingeschlafen. Aber jetzt ins Bad! Nur ein paar kleine Buben waren auf
der Badwiese, die größern saßen alle in der Schule und Hans gönnte es ihnen
von Herzen. Schön langsam zog er die Kleider ab und stieg ins Wasser. Er
verstand es, Wärme und Kühlung wechselnd zu genießen; bald schwamm er ein
Stück und tauchte und plätscherte, bald lag er bäuchlings am Ufer und fühlte auf der schnell trocknenden Haut die Sonne glühen. Die kleinen Buben schlichen
respektvoll um ihn her. Ja wohl, er war eine Berühmtheit geworden. Und er sah
auch so anders aus als die übrigen. Auf dem dünnen, gebräunten Halse saß frei
und elegant der feine Kopf mit dem geistigen Gesicht und den überlegenen
Augen. Im übrigen war er sehr mager, schmalgliedrig und zart, auf Brust und
Rücken konnte man ihm die Rippen zählen, und Waden hatte er fast gar keine.
Fast den ganzen Nachmittag trieb er sich zwischen Sonne und Wasser hin und
her. Nach vier Uhr kamen die meisten von seiner Klasse eilig und lärmend
dahergelaufen.
„Oha, Giebenrath! Du hast’s jetzt gut.“
Er streckte sich behaglich. „’s geht an, ja.“
„Wann mußt du ins Seminar?“
„Erst im September. Jetzt ist Vakanz.“
Er ließ sich beneiden. Es berührte ihn nicht einmal, als im Hintergrund
Gespött laut wurde und einer den Vers sang:
Wenn i’s no au so hätt’,
Wie’s Schulze Lisabeth!
Die leit bei Dag im Bett,
So han’ i’s net.
Er lachte nur. Inzwischen entkleideten sich die Buben. Der eine sprang
frischweg ins Wasser, andere kühlten sich erst vorsichtig ab, manche legten sich
vorher noch ein wenig ins Gras. Ein guter Taucher wurde bewundert. Ein
Angstpeter wurde hinterrücks ins Wasser gestoßen und schrie Mordio. Man jagte
einander, lief und schwamm, spritzte die Trockenbader am Lande. Das
Geplätscher und Geschrei war groß, und die ganze Flußbreite glänzte von hellen,
nassen, blanken Leibern.
Nach einer Stunde ging Hans fort. Es kamen die warmen Abendstunden, wo
die Fische wieder beißen. Bis zum Abendessen angelte er auf der Brücke und
fing so gut wie gar nichts. Die Fische waren gierig hinter der Angel her, jeden
Augenblick war der Köder weggefressen, aber nichts blieb hängen. Er hatte
Kirschen am Haken, offenbar waren sie zu groß und zu weich. Er beschloß,
später noch einen Versuch zu machen.
Beim Abendessen erfuhr er, es sei eine Menge von Bekannten zum
Gratulieren dagewesen. Und man zeigte ihm das heutige Wochenblatt, da stand
unter dem „Amtlichen“ eine Notiz: „An die Aufnahmeprüfung zum niederen
theologischen Seminar hat unsre Stadt diesmal nur einen Kandidaten, Hans
Giebenrath, geschickt. Zu unsrer Freude erfahren wir soeben, daß derselbe die
Prüfung als Zweiter bestanden hat.“
Er faltete das Blatt zusammen, steckte es in die Tasche und sagte nichts, war
aber zum Zerspringen voll von Stolz und Jubel. Nachher ging er wieder zum
Fischen. Als Köder nahm er diesmal ein paar Stückchen Käse mit; der schmeckt
den Fischen und kann in der Dämmerung gut von ihnen gesehen werden.
Die Rute ließ er stehen und nahm nur eine ganz einfache Handangel mit. Das
war ihm das liebste Fischen: die Schnur ohne Stock und ohne Schwimmer in der
Hand zu halten, so daß die ganze Angel nur aus Leine und Haken bestand. Es
war etwas mühsamer, aber viel lustiger. Man beherrschte dabei jede geringste
Bewegung des Köders, spürte jedes Probieren und Anbeißen und konnte im
Zucken der Leine die Fische beobachten, wie wenn man sie vor sich sähe.
Freilich, diese Art zu fischen will verstanden sein, man muß geschickte Finger
haben und aufpassen wie ein Spion.
In dem engen, tief eingeschnittenen und gewundenen Flußtal kam die
Dämmerung früh. Das Wasser lag schwarz und still unter der Brücke, in der untern Mühle war schon Licht. Geplauder und Gesang lief über Brücken und
Gassen, die Luft war ein wenig schwül, und im Flusse sprang alle Augenblicke
ein dunkler Fisch mit kurzem Schlag in die Höhe. An solchen Abenden sind die
Fische merkwürdig erregt, schießen im Zickzack hin und her, schnellen sich in
die Luft, stoßen sich an der Angelschnur und stürzen sich blindlings auf den
Köder. Als das letzte Stückchen Käse verbraucht war, hatte Hans vier kleinere
Karpfen herausgezogen; die wollte er morgen dem Stadtpfarrer bringen.
Ein warmer Wind lief talabwärts. Es dunkelte stark, aber der Himmel war
noch licht. Aus dem ganzen dunkelnden Städtchen stieg nur der Kirchturm und
das Schloßdach schwarz und scharf in die helle Höhe. Ganz in der Ferne mußte
es irgendwo gewittern, man hörte zuweilen ein sanftes, weit entferntes Donnern.
Als Hans um zehn Uhr in sein Bett stieg, war er in Kopf und Gliedern so
angenehm müde und schläfrig wie schon lange nicht mehr. Eine lange Reihe
schöner, freier Sommertage lag beruhigend und verlockend vor ihm, Tage zum
Verbummeln, Verbaden, Verangeln, Verträumen. Bloß das eine wurmte ihn, daß
er nicht vollends Erster geworden war.
Schon am frühen Vormittag stand Hans im Öhrn des Stadtpfarrhauses und
lieferte seine Fische ab. Der Stadtpfarrer kam aus seiner Studierstube.
„Ach, Hans Giebenrath! Guten Morgen! Ich gratuliere, ich gratuliere von
Herzen. — Und was hast du denn da?“
„Bloß ein paar Fische. Ich hab’ gestern geangelt.“
„Ei, da schau’ her! Danke schön. Nun komm’ aber herein.“
Hans trat in die ihm wohlbekannte Studierstube. Wie in einer Pfarrersstube
sah es eigentlich hier nicht aus. Es roch weder nach Blumenstöcken noch nach
Tabak. Die ansehnliche Büchersammlung zeigte fast lauter neue, sauber lackierte
und vergoldete Rücken, nicht die abgeschossenen, schiefen, wurmstichigen und
stockfleckigen Bände, die man sonst in Pfarrbibliotheken findet. Wer genauer
zusah, merkte auch den Titeln der wohlgeordneten Bücher einen neuen Geist an,
einen anderen, als der in den altmodisch ehrwürdigen Herren der absterbenden
Generation lebte. Die ehrenwerten Prunkstücke einer Pfarrbücherei, die Bengel,
Ötinger, Steinhofer samt frommen Liedersängern, welche Mörike im
„Turmhahn“ so schön und herzlich besingt, fehlten hier oder verschwanden doch
in der Menge moderner Werke. Alles in allem, samt Zeitschriftenmappen,
Stehpult und großem, blätterbestreutem Schreibtisch sah gelehrt und ernst aus.
Man bekam den Eindruck, daß hier viel gearbeitet werde. Und es wurde hier auch viel gearbeitet, freilich weniger an Predigten, Katechesen und Bibelstunden
als an Untersuchungen und Artikeln für gelehrte Journale und an Vorstudien zu
eigenen Büchern. Die träumerische Mystik und ahnungsvolle Grübelei war von
diesem Ort verbannt, verbannt war auch die naive Herzenstheologie, welche
über die Schlünde der Wissenschaft hinweg sich der dürstenden Volksseele in
Liebe und Mitleid entgegenneigt. Statt dessen wurde hier mit Eifer Bibelkritik
getrieben und nach dem „historischen Christus“ gefahndet, der den modernen
Theologen zwar wie Wasser vom Munde, aber auch wie ein Aal durch die Finger
gleitet.
Es ist eben in der Theologie nicht anders als anderwärts. Es gibt eine
Theologie, die ist Kunst, und eine andere, die ist Wissenschaft oder bestrebt sich
wenigstens, es zu sein. Das war vor alters so wie heute, und immer haben die
Wissenschaftlichen über den neuen Schläuchen den alten Wein versäumt, indes
die Künstler, sorglos bei manchem äußerlichen Irrtum verharrend, Tröster und
Freudebringer für viele gewesen sind. Es ist der alte, ungleiche Kampf zwischen
Kritik und Schöpfung, Wissenschaft und Kunst, wobei jene immer recht hat,
ohne daß jemand damit gedient wäre, diese aber immer wieder den Samen des
Glaubens, der Liebe, des Trostes und der Schönheit und Ewigkeitsahnung
hinauswirft und immer wieder guten Boden findet. Denn das Leben ist stärker
als der Tod, und der Glaube ist mächtiger als der Zweifel.
Zum erstenmal saß Hans auf dem kleinen Ledersofa zwischen Stehpult und
Fenster. Der Stadtpfarrer war überaus freundlich. Ganz kameradschaftlich
erzählte er vom Seminar, und wie man dort lebe und studiere.
„Das wichtigste Neue,“ sagte er zum Schluß, „was du dort erleben wirst, ist
die Einführung in das neutestamentliche Griechisch. Es wird dir eine neue Welt
damit aufgehen, reich an Arbeit und Freude. Im Anfang wird die Sprache dir
Mühe machen; das ist kein attisches Griechisch mehr, sondern ein neues, von
einem neuen Geist geschaffenes Idiom.“
Hans hörte aufmerksam zu und fühlte sich mit Stolz der wahren Wissenschaft
genähert.
„Die schulmäßige Einführung in diese neue Welt“, fuhr der Stadtpfarrer fort,
„nimmt ihr natürlich manches von ihrem Zauber. Auch wird dich im Seminar
zunächst das Hebräische vielleicht zu einseitig in Anspruch nehmen. Wenn du
nun Lust hast, so könnten wir in diesen Ferien einen kleinen Anfang machen. Im
Seminar wirst du dann froh sein, Zeit und Kraft für anderes übrig zu behalten.
Wir könnten ein paar Kapitel Lukas zusammen lesen, und du würdest die
Sprache fast spielend nebenher lernen. Ein Wörterbuch kann ich dir leihen. Du
würdest etwa täglich eine Stunde, höchstens zwei, daran rücken. Mehr natürlich
nicht, denn vor allem mußt du jetzt deine verdiente Erholung haben. Natürlich ist das nur ein Vorschlag — ich möchte dir ja nicht das schöne Feriengefühl damit
verderben.“
Hans sagte natürlich zu. Zwar erschien ihm diese Lukasstunde wie eine leichte
Wolke am fröhlich blauen Himmel seiner Freiheit, doch schämte er sich,
abzulehnen. Und eine neue Sprache so in den Ferien nebenher zu lernen, war
gewiß mehr Vergnügen als Arbeit. Vor dem vielen Neuen, das im Seminar zu
lernen wäre, hatte er ohnehin eine leise Furcht, besonders vor dem Hebräischen.
Nicht unbefriedigt verließ er den Stadtpfarrer und schlug sich durch den
Lärchenweg aufwärts in den Wald. Der kleine Unmut war schon verflogen, und
je mehr er sich die Sache überlegte, desto annehmbarer kam sie ihm vor. Denn
das wußte er wohl, daß er im Seminar noch ehrgeiziger und zäher arbeiten
müsse, wenn er auch dort die Kameraden hinter sich lassen wollte. Und das
wollte er entschieden. Warum eigentlich? Das wußte er selber nicht. Seit drei
Jahren war man auf ihn aufmerksam, hatten die Lehrer, der Stadtpfarrer, der
Vater und namentlich der Rektor ihn angespornt und gestachelt in Atem
gehalten. Die ganze lange Zeit, von Klasse zu Klasse, war er unbestrittener
Primus gewesen. Und nun hatte er allmählich selber seinen Stolz darein gesetzt,
obenan zu sein und keinen neben sich zu dulden. Und die dumme Examensangst
war jetzt vorbei.
Freilich, Ferien haben war doch eigentlich das Schönste. Wie ungewohnt
schön der Wald nun wieder war in diesen Morgenstunden, wo es keinen
Spaziergänger darin gab als ihn! Säule an Säule standen die Rottannen, eine
unendliche Halle blaugrün überwölbend. Unterholz gab es wenig, nur da und
dort ein dickes Himbeergestrüppe, dafür einen stundenbreiten, weichen, pelzigen
Moosboden, von niederen Heidelbeerstöcken und Erika bestanden. Der Tau war
schon getrocknet, und zwischen den bolzgeraden Stämmen wiegte sich die
eigentümliche Waldmorgenschwüle, die, aus Sonnenwärme, Taudunst, Moosduft
und dem Geruch von Harz, Tannennadeln und Pilzen, gemischt sich
einschmeichelnd mit leichter Betäubung an alle Sinne schmiegt. Hans warf sich
ins Moos, weidete die dunklen, dichtbestandenen Schwarzbeersträucher ab,
hörte da und dort den Specht am Stamme hämmern und den eifersüchtigen
Kuckuck rufen. Zwischen den schwärzlich dunkeln Tannenkronen schaute
fleckenlos tiefblau der Himmel herein, in die Ferne hin drängten sich die tausend
und tausend senkrechten Stämme zu einer ernsten braunen Wand zusammen, hie
und da lag ein gelber Sonnenfleck warm und sattglänzend ins Moos gestreut.
Eigentlich hatte Hans einen großen Spaziergang machen wollen, mindestens
bis zum Lützeler Hof oder zur Krokuswiese. Nun lag er im Moos, aß
Heidelbeeren und staunte träge in die Luft. Es fing ihn selber an zu wundern, daß
er so müde war. Früher war ihm ein Gang von drei, vier Stunden doch gar nichts gewesen. Er beschloß, sich aufzuraffen und ein tüchtiges Stück zu marschieren.
Und er ging ein paar hundert Schritte. Da lag er schon wieder, er wußte nicht,
wie es kam, im Moos und ruhte. Er blieb liegen, sein Blick irrte blinzelnd durch
Stämme und Wipfel und am grünen Boden hin. Daß diese Luft so müd machte!
Als er gegen Mittag heimkam, hatte er wieder Kopfweh. Auch die Augen
taten ihm weh, auf der Waldsteig hatte die Sonne so heillos geblendet. Den
halben Nachmittag saß er verdrossen im Haus herum, erst beim Baden wurde er
wieder frisch. Es war jetzt Zeit, zum Stadtpfarrer zu gehen.
Unterwegs sah ihn der Schuster Flaig, der am Fenster seiner Werkstatt auf
dem Dreibein saß, und rief ihn herein.
„Wohin, mein Sohn? Man sieht dich ja gar nimmer?“
„Jetzt muß ich zum Stadtpfarrer.“
„Immer noch? Das Examen ist doch vorbei.“
„Ja, jetzt kommt was andres dran. Neues Testament. Nämlich das Neue
Testament ist ja griechisch geschrieben, aber wieder in einem ganz andern
Griechisch, als was ich gelernt hab’. Das soll ich jetzt lernen.“
Der Schuster schob die Mütze weit ins Genick und zog seine große
Grüblerstirn zu dicken Falten zusammen. Er seufzte schwer.
„Hans,“ sagte er leise, „ich will dir was sagen. Bis jetzt hab’ ich mich still
gehalten, von wegen dem Examen, aber jetzt muß ich dich mahnen. Du mußt
nämlich wissen, daß der Stadtpfarrer ein Ungläubiger ist. Er wird dir sagen und
vormachen, die heiligen Schriften seien falsch und verlogen, und wenn du mit
ihm das Neue Testament gelesen hast, dann hast du selber deinen Glauben
verloren und weißt nicht wie.“
„Aber, Herr Flaig, es handelt sich ja bloß ums Griechische. Im Seminar muß
ich’s ja sowieso lernen.“
„So sagst du. Es ist aber zweierlei, ob du die Bibel bei frommen und
gewissenhaften Lehrern studieren lernst oder bei einem, der nicht mehr an den
lieben Gott glaubt.“
„Ja, das weiß man doch nicht, ob er wirklich nicht an ihn glaubt.“
„Doch, Hans, man weiß es leider.“
„Aber was soll ich machen? Ich hab’ nun schon mit ihm ausgemacht, daß ich
komme.“
„Dann mußt du auch kommen, das versteht sich. Aber lieber nimmer oft. Und
wenn er solche Sachen über die Bibel sagt, sie sei Menschenwerk und sei
verlogen und nicht vom heiligen Geist eingegeben, dann kommst du zu mir, und
wir reden darüber. Willst du?“
„Ja, Herr Flaig. Es wird aber sicher nicht so schlimm sein.“
„Du wirst sehen; denk’ an mich!“
Der Stadtpfarrer war noch nicht zu Hause, und Hans mußte in der
Studierstube auf ihn warten. Während er die goldenen Büchertitel betrachtete,
gaben ihm die Reden des Schuhmachermeisters zu denken. Derartige
Äußerungen über den Stadtpfarrer und die neumodischen Geistlichen überhaupt
hatte er schon öfters gehört. Doch fühlte er jetzt zum erstenmal mit Spannung
und Neugierde sich selber in diese Dinge hineingezogen. So wichtig und
schrecklich wie dem Schuster waren sie ihm nicht, vielmehr witterte er hier die
Möglichkeit, hinter alte, große Geheimnisse zu dringen. In den früheren
Schülerjahren hatten ihn die Fragen nach Gottes Allgegenwart, nach dem
Verbleib der Seelen, nach Teufel und Hölle hie und da zu phantastischen
Grübeleien erregt, doch war alles das in den letzten strengen und fleißigen
Jahren eingeschlafen, und sein schulmäßiger Christenglaube war nur in
Gesprächen mit dem Schuhmacher gelegentlich zu einigem persönlichen Leben
aufgewacht. Er mußte lächeln, wenn er jenen mit dem Stadtpfarrer verglich. Des
Schusters herbe, in bitteren Jahren erworbene Festigkeit konnte der Knabe nicht
verstehen und im übrigen war Flaig ein zwar gescheiter, aber schlichter und
einseitiger Mensch, von vielen wegen seiner Pietisterei verhöhnt. In den
Versammlungen der Stundenbrüder trat er als strenger brüderlicher Richter und
als ein gewaltiger Ausleger der Heiligen Schrift auf, hielt auch in den Dörfern
herum seine Erbauungsstunden, sonst aber war er eben ein kleiner
Handwerksmann und beschränkt wie alle andern. Der Stadtpfarrer hingegen war
nicht nur ein gewandter, wohlredender Mann und Prediger, sondern außerdem
ein fleißiger und strenger Gelehrter. Hans schaute mit Ehrfurcht an den
Bücherschäften hinauf.
Der Stadtpfarrer kam bald, vertauschte den Gehrock mit einer leichten
schwarzen Hausjacke, gab dem Schüler eine griechische Textausgabe des
Lukasevangeliums in die Hand und forderte ihn auf, zu lesen. Das war ganz
anders, als die Lateinstunden gewesen waren. Sie lasen nur wenige Sätze, die
wurden mit peinlicher Wörtlichkeit übersetzt, und dann entwickelte der Lehrer
aus unscheinbaren Beispielen geschickt und beredt den eigentümlichen Geist
dieser Sprache, redete über die Zeit und Weise der Entstehung des Buches und
gab in der einzigen Stunde dem Knaben einen ganz neuen Begriff von Lernen
und Lesen. Hans bekam eine Ahnung davon, welche Rätsel und Aufgaben in
jedem Vers und Wort verborgen lagen, wie seit alten Zeiten her Tausende von
Gelehrten, Grüblern und Forschern sich um diese Fragen bemüht hatten, und es
kam ihm vor, er selber werde in dieser Stunde in den Kreis der Wahrheitssucher
aufgenommen.
Er bekam ein Lexikon und eine Grammatik geliehen und arbeitete daheim
noch den ganzen Abend weiter. Nun spürte er, über wieviel Berge von Arbeit und Wissen der Weg zur wahren Forschung führe, und er war bereit, sich
hindurchzuschlagen und nichts am Wege liegen zu lassen. Der Schuhmacher war
einstweilen vergessen.
Einige Tage nahm dies neue Wesen ihn ganz in Anspruch. Jeden Abend ging
er zum Stadtpfarrer, und jeden Tag kam ihm die wahre Gelehrsamkeit schöner,
schwieriger und erstrebenswerter vor. Morgens in den Frühstunden ging er zum
Angeln, nachmittags auf die Badwiese, sonst kam er wenig aus dem Hause. Der
in der Angst und im Triumph des Examens untergetauchte Ehrgeiz war wieder
wach und ließ ihm keine Ruhe. Zugleich begann wieder das eigentümliche
Gefühl im Kopf sich zu regen, das er in den letzten Monaten so oft gefühlt hatte
— kein Schmerz, sondern ein hastig triumphierendes Treiben beschleunigter
Pulse und heftig aufgeregter Kräfte, ein eilig ungestümes Vorwärtsbegehren.
Nachher kam freilich das Kopfweh, aber solange jenes feine Fieber dauerte,
rückte Lektüre und Arbeit stürmisch voran, dann las er spielend die schwersten
Sätze im Xenophon, die ihn sonst Viertelstunden kosteten, dann brauchte er das
Wörterbuch fast gar nie, sondern flog mit geschärftem Verständnis über ganze
schwere Seiten rasch und freudig hinweg. Mit diesem gesteigerten Arbeitsfieber
und Erkenntnisdurst traf dann ein stolzes Selbstgefühl zusammen, als lägen
Schule und Lehrer und Lehrjahre schon längst hinter ihm und als schreite er
schon eine eigene Bahn, der Höhe des Wissens und Könnens entgegen.
Das kam nun wieder über ihn und zugleich der leichte, oft unterbrochene
Schlaf mit sonderbar klaren Träumen. Wenn er nachts mit leichtem Kopfweh
erwachte und nicht wieder einschlafen konnte, befiel ihn eine Ungeduld,
vorwärts zu kommen, und ein überlegener Stolz, wenn er daran dachte, um
wieviel er allen Kameraden voraus war, und wie Lehrer und Rektor ihn mit einer
Art von Achtung und sogar Bewunderung betrachtet hatten.
Dem Rektor war es ein inniges Vergnügen gewesen, diesen von ihm
geweckten, schönen Ehrgeiz zu leiten und wachsen zu sehen. Man sage nicht,
Schulmeister haben kein Herz und seien verknöcherte und entseelte Pedanten! O
nein, wenn ein Lehrer sieht, wie eines Kindes lange erfolglos gereiztes Talent
hervorbricht, wie ein Knabe Holzsäbel und Schleuder und Bogen und die
anderen kindischen Spielereien ablegt, wie er vorwärts zu streben beginnt, wie
der Ernst der Arbeit aus einem rauhen Pausback einen feinen, ernsten und fast
asketischen Knaben macht, wie sein Gesicht älter und geistiger, sein Blick tiefer
und zielbewußter, seine Hand ruhiger, weißer und stiller wird, dann lacht ihm die
Seele vor Freude und Stolz. Seine Pflicht und sein ihm vom Staat
überantworteter Beruf ist es, in dem jungen Knaben die rohen Kräfte und
Begierden der Natur zu bändigen und auszurotten und an ihre Stelle stille,
mäßige und staatlich anerkannte Ideale zu pflanzen. Wie mancher, der jetzt ein zufriedener Bürger und strebsamer Beamter ist, wäre ohne diese Bemühungen
der Schule zu einem haltlos stürmenden Neuerer oder unfruchtbar sinnenden
Träumer geworden! Es war etwas in ihm, etwas Wildes, Regelloses, Kulturloses,
das mußte erst zerbrochen werden, eine gefährliche Flamme, die mußte erst
gelöscht und ausgetreten werden. Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist
etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Feindliches. Er ist ein von
unbekanntem Berge herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und
Ordnung. Und wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam
eingeschränkt werden muß, so muß die Schule den natürlichen Menschen
zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken; ihre Aufgabe ist es, ihn nach
obrigkeitlicherseits gebilligten Grundsätzen zu einem nützlichen Gliede der
Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren völlige
Ausbildung alsdann die sorgfältige Zucht der Kaserne krönend beendigt.
Wie schön hatte sich der kleine Giebenrath entwickelt! Das Strolchen und
Spielen hatte er fast von selber abgelegt, das dumme Lachen in den Lektionen
kam bei ihm längst nimmer vor, auch die Gärtnerei, das Kaninchenhalten und
das leidige Angeln hatte er sich abgewöhnen lassen.
Eines Abends erschien der Herr Rektor persönlich im Hause Giebenrath.
Nachdem er den geschmeichelten Vater mit Höflichkeit losgeworden war, trat er
in Hansens Stube und fand den Knaben am Evangelium Lucä sitzen. Er begrüßte
ihn freundlichst.
„Das ist schön, Giebenrath, schon wieder fleißig! Aber warum zeigst du dich
denn gar nicht mehr? Ich erwartete dich jeden Tag.“
„Ich wäre schon gekommen,“ entschuldigte sich Hans, „aber ich hätte Ihnen
gern wenigstens einen schönen Fisch mitgebracht.“
„Fisch? Was denn für einen Fisch?“
„Nun, einen Karpfen oder so was.“
„Ah so. Ja, angelst du denn wieder?“
„Ja, nur ein bißchen. Der Vater hat’s erlaubt.“
„Hm. So. Macht’s dir viel Vergnügen?“
„Ja, schon.“
„Schön, ganz schön, du hast dir ja deine Ferien wacker verdient. Da hast du
wahrscheinlich jetzt wenig Lust, nebenher noch zu lernen?“
„O doch, Herr Rektor, natürlich.“
„Ich möchte dir aber nichts aufzwingen, wozu du nicht selber Lust hast.“
„Freilich hab’ ich Lust.“
Der Rektor tat ein paar tiefe Atemzüge, strich sich den dünnen Bart und setzte
sich auf einen Stuhl.
„Sieh, Hans,“ sagte er, „die Sache liegt so. Es ist eine alte Erfahrung, daß gerade auf ein sehr gutes Examen oft ein plötzlicher Rückschlag folgt. Im
Seminar gilt es, sich in mehrere neue Fächer einzuarbeiten. Da kommt nun
immer eine Anzahl von Schülern, die in den Ferien vorgearbeitet haben — oft
gerade solche, denen es im Examen weniger gut gegangen war. Die rücken dann
plötzlich in die Höhe auf Kosten von solchen, die während der Vakanz auf ihren
Lorbeeren ausgeruht haben.“
Er seufzte wieder.
„Hier in der Schule hast du es ja leicht gehabt, immer der Erste zu sein. Im
Seminar findest du aber andere Kameraden, lauter begabte oder sehr fleißige
Leute, die sich nicht so spielend überholen lassen. Du begreifst das?“
„O ja.“
„Nun wollte ich dir vorschlagen, in diesen Ferien ein wenig vorauszuarbeiten.
Selbstverständlich mit Maß! Du hast jetzt das Recht und die Pflicht, dich tüchtig
auszuruhen. Ich dachte, so eine Stunde oder zwei im Tag wären etwa das
Richtige. Ohne das kommt man leicht aus dem Geleise und braucht nachher
Wochen, bis man wieder flott im Zug ist. Was meinst du?“
„Ich bin ganz bereit, Herr Rektor, wenn Sie so gütig sein wollen ....“
„Gut. Nächst dem Hebräischen wird dir im Seminar namentlich Homer eine
neue Welt erschließen. Du würdest ihn mit doppeltem Genuß und Verständnis
lesen, wenn wir schon jetzt einen soliden Grund legten. Die Sprache Homers,
der alte jonische Dialekt samt der homerischen Prosodie ist etwas ganz
Eigentümliches, ganz etwas für sich, und erfordert Fleiß und Gründlichkeit,
wenn man überhaupt zum rechten Genuß dieser Dichtungen kommen will.“
Natürlich war Hans gerne bereit, auch in diese neue Welt einzudringen, und
versprach, sein Bestes zu tun.
Das dicke Ende kam aber nach. Der Rektor räusperte sich und fuhr freundlich
fort: „Offen gestanden wäre es mir auch lieb, wenn du der Mathematik einige
Stunden widmen wolltest. Du bist ja kein schlechter Rechner, doch war die
Mathematik bisher immerhin nicht gerade deine Stärke. Im Seminar wirst du
Algebra und Geometrie anfangen müssen, und da wäre es doch wohl angezeigt,
ein paar vorbereitende Lektionen zu nehmen.“
„Jawohl, Herr Rektor.“
„Bei mir bist du immer willkommen, das weißt du schon. Mir ist es
Ehrensache, etwas Tüchtiges aus dir werden zu sehen. Wegen der Mathematik
aber müßtest du eben deinen Vater bitten, daß er dich beim Herrn Professor
Privatstunden nehmen läßt. Vielleicht drei bis vier in der Woche.“
„Jawohl, Herr Rektor.“
Die Arbeit stand nun wieder in erfreulichster Blüte, und wenn Hans je und je
doch wieder eine Stunde angelte oder spazierenlief, hatte er ein schlechtes
Gewissen. Die gewohnte Badestunde hatte der aufopfernde Mathematiklehrer zu
seinen Lektionen gewählt.
Diese Algebrastunden konnte Hans bei allem Fleiße nicht vergnüglich finden.
Es war doch bitter, mitten am heißen Nachmittag statt auf die Badwiese in die
warme Stube des Professors zu gehen und in der staubigen,
mückendurchsummten Luft mit müdem Kopf und trockener Stimme das a
plus b und a minus b herzusagen. Es lag dann etwas Lähmendes und
überaus Drückendes in der Luft, das an schlechten Tagen sich in Trostlosigkeit
und Verzweiflung verwandeln konnte. Mit der Mathematik ging es ihm
überhaupt merkwürdig. Er gehörte nicht zu den Schülern, denen sie verschlossen
und unmöglich zu begreifen ist, er fand zuweilen gute, ja elegante Lösungen und
hatte dann seine Freude daran. Ihm gefiel das an der Mathematik, daß es hier
keine Irrungen und keinen Schwindel gab, keine Möglichkeit, vom Thema
abzuirren und trügerische Nebengebiete zu streifen. Aus demselben Grunde hatte
er das Latein so gern, denn diese Sprache ist klar, sicher, eindeutig und kennt fast
gar keine Zweifel. Aber wenn beim Rechnen auch alle Resultate stimmten, es
kam doch eigentlich nichts Rechtes dabei heraus. Die mathematischen Arbeiten
und Lehrstunden kamen ihm vor wie das Wandern auf einer ebenen Landstraße;
man kommt immer vorwärts, man versteht jeden Tag etwas, was man gestern
noch nicht verstand, aber man kam nie auf einen Berg, wo sich plötzlich weite
Aussichten auftaten.
Etwas lebendiger ging es in den Stunden beim Rektor zu. Freilich verstand der
Stadtpfarrer aus dem entarteten Griechisch des Neuen Testamentes immer noch
etwas viel Anziehenderes und Prachtvolleres zu machen als jener aus der
jugendfrischen Homerischen Sprache. Aber es war schließlich doch Homer, bei
dem gleich hinter den ersten Schwierigkeiten auch schon Überraschungen und
Genüsse hervorspringen und unwiderstehlich weiter verlocken. Oft saß Hans vor
einem geheimnisvoll schön klingenden, schwer verständlichen Vers voll
zitternder Ungeduld und Spannung und konnte nicht eilig genug im Wörterbuch
die Schlüssel finden, die ihm den stillen, heiteren Garten eröffneten.
Hausarbeit hatte er nun wieder genug, und manchen Abend saß er wieder, in
irgendeine Aufgabe festgebissen, bis spät am Tisch. Vater Giebenrath sah diesen
Fleiß mit Stolz. In seinem schwerfälligen Kopf lebte dunkel das Ideal so vieler
beschränkter und unbedeutender Leute, aus seinem Stamme einen Zweig über
sich hinaus in eine Höhe wachsen zu sehen, die er mit dumpfem Respekt verehrte.
In der letzten Ferienwoche zeigten sich Rektor und Stadtpfarrer plötzlich
wieder auffallend milde und besorgt. Sie schickten den Knaben spazieren,
stellten ihre Lektionen ein und betonten, wie wichtig es sei, daß er frisch und
erquickt die neue Laufbahn betrete.
Ein paarmal kam Hans noch zum Angeln. Er hatte viel Kopfweh und saß ohne
rechte Aufmerksamkeit am Ufer des Flusses, der nun einen lichtblauen
Frühherbsthimmel spiegelte. Es war ihm rätselhaft, weshalb er sich eigentlich
seinerzeit so auf die Sommervakanz gefreut hatte. Jetzt war er eher froh, daß sie
vorüber war und er ins Seminar kam, wo ein ganz anderes Leben und Lernen
beginnen würde. Da ihm nichts daran lag, fing er auch fast gar keine Fische
mehr, und als der Vater einmal einen Witz darüber machte, angelte er nicht mehr
und tat seine Schnüre wieder in den Mansardenkasten hinauf.
Erst in den letzten Tagen fiel ihm plötzlich ein, daß er wochenlang nimmer
beim Schuhmacher Flaig gewesen war. Auch jetzt mußte er sich dazu zwingen,
ihn aufzusuchen. Es war Abend und der Meister saß am Fenster seiner
Wohnstube, ein kleines Kind auf jedem Knie. Trotz des offen stehenden Fensters
durchdrang der Geruch von Leder und Wichse die ganze Wohnung. Befangen
legte Hans seine Hand in die harte, breite Rechte des Meisters.
„Nun, wie geht’s denn?“ fragte dieser. „Bist fleißig beim Stadtpfarrer
gewesen?“
„Ja, ich war jeden Tag dort und hab’ viel gelernt.“
„Was denn?“
„Hauptsächlich Griechisch, aber auch allerlei sonst.“
„Und zu mir hast nimmer kommen mögen?“
„Mögen schon, Herr Flaig, aber ’s hat nie dazu kommen wollen. Beim
Stadtpfarrer jeden Tag eine Stunde, beim Rektor jeden Tag zwei Stunden, und
viermal in der Woche mußte ich zum Rechenlehrer.“
„Jetzt in den Ferien? Das ist ein Unsinn!“
„Ich weiß nicht. Die Lehrer meinten so. Und das Lernen fällt mir ja nicht
schwer.“
„Mag sein“, sagte Flaig und ergriff des Knaben Arm. „Mit dem Lernen wär’s
schon recht, aber was hast du da für ein paar Ärmlein? Und auch’s Gesicht ist so
mager. Hast auch noch Kopfweh?“
„Hie und da.“
„’s ist ein Unsinn, Hans, und eine Sünde dazu. In deinem Alter muß man
ordentlich Luft und Bewegung und sein richtiges Ausruhen haben. Zu was gibt
man euch denn Ferien? Doch nicht zum Stubenhocken und Weiterlernen. Du bist
ja lauter Haut und Knochen.“
Hans lachte.
„Na ja, du wirst dich schon durchbeißen. Aber was zuviel ist, ist zuviel. Und
mit den Lektionen beim Stadtpfarrer, wie ist’s da gegangen? Was hat er gesagt?“
„Gesagt hat er vielerlei, aber gar nichts Schlimmes. Er weiß kolossal viel.“
„Hat er nie despektierlich von der Bibel geredet?“
„Nein, kein einziges Mal.“
„Das ist gut. Denn das sage ich dir: Lieber zehnmal am Leibe verderben als
Schaden nehmen an seiner Seele! Du willst später Pfarrer werden, das ist ein
köstliches und schweres Amt, und es braucht andere Leute dazu, als die meisten
von euch jungen Menschen sind. Vielleicht bist du der rechte und wirst einmal
ein Helfer und Lehrer der Seelen sein. Das wünsche ich von Herzen und will
darum beten.“
Er hatte sich erhoben und legte nun dem Knaben beide Hände fest auf die
Schultern.
„Leb’ wohl, Hans, und bleibe im Guten! Der Herr segne dich und behüte dich,
Amen.“
Die Feierlichkeit, das Beten und Hochdeutschreden war dem Knaben
beklemmend und peinlich. Der Stadtpfarrer hatte beim Abschied nichts derart
gemacht.
Mit Vorbereitungen und Abschiednehmen vergingen die paar Tage schnell und
unruhig. Eine Kiste mit Bettzeug, Kleidern, Wäsche und Büchern war schon
abgeschickt, nun wurde noch der Reisesack gepackt, und eines kühlen Morgens
fuhren Vater und Sohn nach Maulbronn ab. Es war doch seltsam und
bedrückend, die Heimat zu verlassen und aus dem Vaterhause weg in eine
fremde Anstalt zu ziehen.