Unterm Rad

Hermann Hesse · Kapitel 9 von 9

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Unterm Rad

Siebentes Kapitel

 

Herr Giebenrath hantierte mit Würde und Geräusch an der Mostpresse und

Hans half mit. Von den Schusterskindern waren zwei der Einladung gefolgt,

machten sich am Obst zu schaffen, führten gemeinsam ein kleines

Probiergläschen und trugen ungeheure Stücke Schwarzbrot in der Faust. Aber

Emma war nicht mitgekommen.

Erst als der Vater mit dem Küfer für eine halbe Stunde weggegangen war,

wagte Hans nach ihr zu fragen.

„Wo ist denn die Emma? Hat sie nicht kommen mögen?“

Es dauerte eine Zeit, bis die Kleinen leere Mäuler hatten und reden konnten.

„Sie ist ja fort“, sagten sie und nickten.

„Fort, wohin fort?“

„Heim.“

„Abgereist? Mit der Eisenbahn?“

Die Kinder nickten eifrig.

„Wann denn?“

„Heute morgen.“

Die Kleinen langten wieder nach ihren Äpfeln. Hans drückte an der Presse

herum, starrte in den Mostkübel und begann langsam zu begreifen.

Der Vater kam wieder, man arbeitete und lachte, die Kinder bedankten sich

und liefen fort, es wurde Abend und man ging nach Hause.

Nach dem Nachtessen saß Hans in seiner Stube allein. Es wurde zehn Uhr und

elf Uhr, er machte kein Licht. Dann schlief er tief und lang.

Als er später als sonst erwachte, hatte er nur das undeutliche Gefühl eines

Unglücks und Verlustes, bis ihm Emma wieder einfiel. Sie war fort, ohne Gruß,

ohne Abschied; sie hatte ohne Zweifel schon gewußt, wann sie reisen würde, als

er den letzten Abend bei ihr war. Er erinnerte sich an ihr Lachen und an ihr

Küssen und an ihr überlegenes Sichgeben. Sie hatte ihn gar nicht ernst

genommen.

Mit dem zornigen Schmerz darüber floß die Unruhe seiner erregten und

ungestillten Liebeskräfte zu einer trüben Qual zusammen, die ihn vom Haus in

den Garten, auf die Straße, in den Wald und wieder heim trieb.

So erfuhr er, vielleicht viel zu früh, seinen Teil vom Geheimnis der Liebe, und

es enthielt für ihn wenig Süßes und viel Bitteres. Tage voll fruchtloser Klagen,

sehnlicher Erinnerungen, trostloser Grübeleien; Nächte, in denen Herzklopfen

und Beklemmung ihn nicht schlafen ließ oder in drückend schreckliche Träume

stürzte. Träume, in welchen die unverstandenen Wallungen seines Blutes zu

ungeheuerlichen, ängstigenden Fabelbildern wurden, zu tödlich umschlingenden

Armen, zu heißäugigen Phantasieen, zu schwindelnden Abgründen, zu riesigen

lodernden Augen. Aufwachend fand er sich allein, von der Einsamkeit der

kühlen Herbstnächte umfangen, litt Sehnsucht nach seinem Mädchen und preßte

sich stöhnend in verweinte Kissen.

Der Freitag, an dem er in die Mechanikerwerkstatt eintreten sollte, kam näher.

Der Vater kaufte ihm einen blauen Leinenanzug und eine blaue, halbwollene

Mütze, er probierte das Zeug an und kam sich in der Schlosseruniform verändert

und ziemlich lächerlich vor. Wenn er am Schulhaus, an der Wohnung des

Rektors oder des Rechenlehrers, an der Flaigschen Werkstatt oder am

Stadtpfarrhaus vorüberkam, wurde ihm elend zumute. So viel Plage, Fleiß und

Schweiß, so viel hingegebene kleine Freuden, so viel Stolz und Ehrgeiz und

hoffnungsfrohes Träumen, alles umsonst, alles nur, damit er jetzt, später als alle

Kameraden und von allen ausgelacht, als kleinster Lehrbub in eine Werkstatt

gehen konnte!

Was würde Heilner dazu sagen?

Erst allmählich begann er sich mit dem blauen Schlosseranzug zu versöhnen

und sich auf den Freitag, an dem er ihn einweihen sollte, ein wenig zu freuen. Da

war doch wenigstens wieder etwas zu erleben!

Doch waren diese Gedanken nicht viel mehr als rasche Blitze aus einem

dunkeln Gewölk. Die Abreise des Mädchens vergaß er nicht, noch weniger

vergaß oder überwand sein Blut die Aufreizungen dieser Tage. Es drängte und

schrie nach mehr, nach einer Erlösung seiner erwachten Sehnsucht oder nach

einem Führer durch die Rätsel, deren Lösung ihm allein zu schwer war. So

verging dumpf und qualvoll langsam die Zeit.

Der Herbst war schöner als je, voll sanfter Sonne, mit silbernen

Morgenfrühen, farbig lachenden Mittagen und klaren Abenden. Die ferneren

Berge nahmen ein tiefes Sammetblau an, die Kastanienbäume leuchteten

goldgelb und über Mauern und Zäune hing purpurn das wilde Weinlaub herab.

Hans war ruhelos vor sich selber auf der Flucht. Tagsüber lief er in der Stadt

und in den Feldern umher und wich den Leuten aus, da er meinte, man müsse

ihm seine Liebesnöte anmerken. Abends aber ging er auf die Gasse, blickte auf

jede Dienstmagd und schlich jedem Liebespaar mit erbärmlich schlechtem

Gewissen nach. Mit Emma schien ihm alles Begehrenswerte und aller Zauber des Lebens nahe gewesen und tückisch wieder entglitten zu sein. Er dachte nicht

mehr an die Qual und Beklemmung, die er bei ihr empfunden hatte. Wenn er sie

jetzt wieder hätte, glaubte er, würde er nimmer schüchtern sein, sondern ihr alle

Geheimnisse entreißen und ganz in den verwunschenen Liebesgarten eindringen,

dessen Tor ihm jetzt vor der Nase zugeschlagen war. Seine ganze Phantasie hatte

sich in diesem schwülen, gefährlichen Dickicht verstrickt, irrte verzagend darin

umher und wollte in hartnäckiger Selbstpeinigung nichts davon wissen, daß

außerhalb des engen Zauberkreises schöne weite Räume licht und freundlich

lagen.

Schließlich war er froh, als der anfangs mit Bangen erwartete Freitag da war.

Zeitig am Morgen legte er das neue blaue Arbeitskleid an, setzte die Mütze auf

und ging ein wenig zaghaft die Gerbergasse hinunter nach dem Schulerschen

Hause. Ein paar Bekannte sahen ihm neugierig nach, und einer fragte auch:

„Was ist, bist du Schlosser worden?“

In der Werkstatt wurde schon flott gearbeitet. Der Meister war gerade am

Schmieden. Er hatte ein Stück rotwarmes Eisen auf dem Ambos, ein Geselle

führte den schweren Vorhammer, der Meister tat die feinern, formenden Schläge,

regierte die Zange und schlug zwischenein mit dem handlichen

Schmiedehammer auf dem Ambos den Takt, daß es hell und heiter durch die

weit offenstehende Türe in den Morgen hinausklang.

An der langen, von Öl und Feilspänen geschwärzten Werkbank stand der

ältere Geselle und neben ihm August, jeder an seinem Schraubstock beschäftigt.

An der Decke surrten rasche Riemen, welche die Drehbänke, den Schleifstein,

den Blasebalg und die Bohrmaschine trieben, denn man arbeitete mit

Wasserkraft. August nickte seinem eintretenden Kameraden zu und bedeutete

ihm, er solle an der Türe warten, bis der Meister Zeit für ihn habe.

Hans blickte die Esse, die stillstehenden Drehbänke, die sausenden Riemen

und Leerlaufscheiben schüchtern an. Als der Meister sein Stück fertig

geschmiedet hatte, kam er herüber und streckte ihm eine große, harte und warme

Hand entgegen.

„Da hängst du deine Kappe auf“, sagte er und deutete auf einen leeren Nagel

an der Wand.

„So, komm. Und da ist dein Platz und dein Schraubstock.“

Damit führte er ihn vor den hintersten Schraubstock und zeigte ihm vor allem,

wie er mit dem Schraubstock umgehen und die Werkbank samt den Werkzeugen

in Ordnung halten müsse.

„Dein Vater hat mir schon gesagt, daß du kein Herkules bist, und man sieht’s

auch. Na, fürs erste kannst du noch vom Schmieden wegbleiben, bis du ein

bißchen stärker bist.“

Er griff unter die Werkbank und zog ein gußeisernes Zahnrädchen hervor.

„So, damit kannst du anfangen. Das Rad ist noch roh aus der Gießerei und hat

überall kleine Buckel und Grate, die muß man abkratzen, sonst gehen nachher

die feinen Werkzeuge dran zuschanden.“

Er spannte das Rad in den Schraubstock, nahm eine alte Feile her und zeigte,

wie es zu machen sei.

„So, nun mach’ weiter. Aber daß du mir keine andere Feile nimmst! Bis

Mittag hast du genug daran zu schaffen, dann zeigst du mir’s. Und bei der Arbeit

kümmerst du dich um gar nichts, als was dir gesagt wird. Gedanken braucht ein

Lehrling nicht zu haben.“

Hans begann zu feilen.

„Halt!“ rief der Meister. „Nicht so. Die linke Hand wird so auf die Feile

gelegt. Oder bist du ein Linkser?“

„Nein.“

„Also gut. ’s wird schon gehen.“

Er ging weg an seinen Schraubstock, den ersten bei der Türe, und Hans sah

zu, wie er zurecht kam.

Bei den ersten Strichen wunderte er sich, daß das Zeug so weich war und so

leicht abging. Dann sah er, daß das nur die oberste spröde Gußrinde war, die lose

abblätterte, und daß darunter erst das körnige Eisen saß, das er glätten sollte. Er

nahm sich zusammen und arbeitete eifrig fort. Seit seinen spielerischen

Knabenbasteleien hatte er nie das Vergnügen gekostet, unter seinen Händen

etwas Sichtbares und Brauchbares entstehen zu sehen.

„Langsamer!“ rief der Meister herüber. „Beim Feilen muß man Takt halten —

eins zwei, eins zwei. Und draufdrücken, sonst geht die Feile kaputt.“

Da hatte der älteste Geselle etwas an der Drehbank zu tun und Hans konnte

sich nicht enthalten, hinüberzuschielen. Ein Stahlzapfen wurde in die Scheibe

gespannt, der Riemen übersetzt, und blinkend surrte der Zapfen, sich hastig

drehend, indessen der Geselle einen haardünnen, glänzenden Span davon

abnahm.

Und überall lagen Werkzeuge, Stücke von Eisen, Stahl und Messing,

halbfertige Arbeiten, blanke Rädchen, Meißel und Bohrer, Drehstähle und Ahlen

von jeder Form, neben der Esse hingen Hämmer und Setzhämmer,

Ambosaufsätze, Zangen und Lötkolben, die Wand entlang Reihen von Feilen

und Fräsen, auf den Borden lagen Öllappen, kleine Besen, Schmirgelfeilen,

Eisensägen, und standen Ölkannen, Säureflaschen, Nägel- und

Schraubenkistchen herum. Jeden Augenblick wurde der Schleifstein benützt.

Mit Genugtuung nahm Hans wahr, daß seine Hände schon ganz schwarz

waren, und hoffte, es möchte auch sein Anzug bald gebrauchter aussehen, der sich jetzt noch neben den schwarzen und geflickten Monturen der anderen

lächerlich neu und blau ausnahm.

Wie der Vormittag vorschritt, kam auch von außen noch Leben in die

Werkstatt. Es kamen Arbeiter aus der benachbarten Maschinenstrickerei, um

kleine Maschinenteile schleifen oder reparieren zu lassen. Es kam ein

Bauersmann, fragte nach seiner Waschmange, die zum Flicken da war, und

fluchte lästerlich, als er hörte, sie sei noch nicht fertig. Dann kam ein eleganter

Fabrikbesitzer, mit dem der Meister in einem Nebenraum verhandelte.

Daneben und dazwischen arbeiteten Menschen, Räder und Riemen

gleichmäßig fort und so vernahm und verstand Hans zum erstenmal in seinem

Leben den Hymnus der Arbeit, der wenigstens für den Anfänger etwas

Ergreifendes und angenehm Berauschendes hat, und sah seine kleine Person und

sein kleines Leben einem großen Rhythmus eingefügt.

Um neun Uhr war eine Viertelstunde Pause und jeder erhielt ein Stück Brot

und ein Glas Most. Erst jetzt begrüßte August den neuen Lehrbuben. Er redete

ihm aufmunternd zu und fing wieder an vom nächsten Sonntag zu schwärmen,

wo er seinen ersten Wochenlohn mit den Kollegen verjubeln wolle. Hans fragte,

was das für ein Rad sei, das er abzufeilen habe, und er erfuhr, es gehöre zu einer

Turmuhr. August wollte ihm noch zeigen, wie es später zu laufen und zu arbeiten

habe, aber da fing der erste Geselle wieder zu feilen an und alle gingen schnell

an ihre Plätze.

Als es zwischen zehn und elf Uhr war, begann Hans müde zu werden; die

Knie und der rechte Arm taten ihm ein wenig weh. Er trat von einem Fuß auf

den andern und streckte heimlich seine Glieder, aber es half nicht viel. Da ließ er

die Feile für einen Augenblick los und stützte sich auf den Schraubstock. Es

achtete niemand auf ihn. Wie er so stand und ruhte und über sich die Riemen

singen hörte, kam eine leichte Betäubung über ihn, daß er eine Minute lang die

Augen schloß. Da stand gerade der Meister hinter ihm.

„Na, was gibt’s? Bist schon müd?“

„Ja, ein bißchen“, gestand Hans.

Die Gesellen lachten.

„Das gibt sich schon“, sagte der Meister ruhig. „Jetzt kannst du einmal sehen,

wie man lötet. Komm!“

Hans schaute neugierig zu, wie gelötet wurde. Erst wurde der Kolben warm

gemacht, dann die Lötstelle mit Lötwasser bestrichen und dann tropfte vom

heißen Kolben das weiße Metall und zischte gelind.

„Nimm einen Lappen und reibe das Ding gut ab. Lötwasser beizt, das darf

man auf keinem Metall sitzen lassen.“

Darauf stand Hans wieder vor seinem Schraubstock und kratzte mit der Feile an dem Rädlein herum. Der Arm tat ihm weh und die linke Hand, die auf die

Feile drücken mußte, war rot geworden und begann zu schmerzen.

Um Mittag, als der Obergeselle seine Feile weglegte und zum Händewaschen

ging, brachte er seine Arbeit dem Meister. Der sah sie flüchtig an.

„’s ist schon recht, man kann’s so lassen. Unter deinem Platz in der Kiste liegt

noch ein gleiches Rad, das nimmst du heut nachmittag vor.“

Nun wusch auch Hans sich die Hände und ging weg. Eine Stunde hatte er zum

Essen frei.

Zwei Kaufmannsstifte, frühere Schulkameraden von ihm, gingen auf der

Straße hinter ihm her und lachten ihn aus.

„Landesexamenschlosser!“ rief einer.

Er ging schneller. Er wußte nicht recht, ob er eigentlich zufrieden sei oder

nicht; es hatte ihm in der Werkstatt gut gefallen, nur war er so müd geworden, so

heillos müd.

Und unter der Haustüre, während er sich schon aufs Sitzen und Essen freute,

mußte er plötzlich an Emma denken. Er hatte sie den ganzen Vormittag

vergessen gehabt. Jetzt saß plötzlich das Leid von gestern und vorgestern ihm

wieder im Nacken, so schwer wie je. Er ging leise in sein Stüblein hinauf, warf

sich aufs Bett und stöhnte vor tiefer Qual. Er wollte weinen, aber seine Augen

blieben trocken. Hoffnungslos sah er sich wieder der verzehrenden Sehnsucht

hingegeben, deren Ziel ihm dunkel war und die wie eine grausame Krankheit an

ihm fraß. Der Kopf stürmte und schmerzte ihm und die Kehle tat ihm weh vor

ersticktem Schluchzen.

Das Mittagessen war eine Qual. Er mußte dem Vater Rede stehen und

erzählen und sich allerlei kleine Witze gefallen lassen, denn der Papa war guter

Laune. Kaum hatte man gegessen, lief er in den Garten hinaus und brachte dort

in der Sonne eine Viertelstunde halbträumend zu, dann war es Zeit, wieder in die

Werkstatt zu gehen.

Schon vormittags hatte er rote Schwielen an den Händen bekommen, jetzt

begannen sie ernstlich weh zu tun und waren am Abend so geschwollen, daß er

nichts anfassen konnte, ohne Schmerzen zu haben. Und vor Feierabend mußte er

noch unter Augusts Anleitung die ganze Werkstatt aufräumen.

Der Samstag war noch schlimmer. Die Hände brannten ihn, die Schwielen

hatten sich zu Blasen vergrößert. Der Meister war schlechter Laune und fluchte

beim kleinsten Anlaß. August tröstete zwar, das mit den Schwielen daure nur ein

paar Tage, dann habe man harte Hände und spüre nichts mehr, aber Hans fühlte

sich todunglücklich, schielte den ganzen Tag nach der Uhr und kratzte

hoffnungslos an seinem Rädchen herum.

Abends beim Aufräumen teilte August ihm flüsternd mit, er gehe morgen mit

ein paar Kameraden nach Bielach hinaus, es müsse flott und lustig hergehen und

Hans dürfe auf keinen Fall fehlen. Er solle ihn um zwei Uhr abholen. Hans sagte

zu, obwohl er am liebsten den ganzen Sonntag daheim liegen geblieben wäre, so

elend und müde war er. Zu Hause gab ihm die alte Anna eine Salbe für die

wunden Hände, er ging schon um acht Uhr ins Bett und schlief bis in den

Vormittag hinein, so daß er sich sputen mußte, um noch mit dem Vater in die

Kirche zu kommen.

Beim Mittagessen fing er von August zu reden an und daß er heute mit ihm

über Feld wolle. Der Vater hatte nichts dagegen, schenkte ihm sogar fünfzig

Pfennig und verlangte nur, er müsse zum Nachtessen wieder da sein.

Als Hans bei dem schönen Sonnenschein durch die Gassen schlenderte, hatte

er seit Monaten zum erstenmal wieder eine Freude am Sonntag. Die Straße war

feierlicher, die Sonne heiterer und alles festlicher und schöner, wenn man

Arbeitstage mit schwarzen Händen und müden Gliedern hinter sich hatte. Er

begriff jetzt die Metzger und Gerber, Bäcker und Schmiede, die vor ihren

Häusern auf den sonnigen Bänken saßen und so königlich heiter aussahen, und

er betrachtete sie nimmer als elende Banausen. Er schaute Arbeitern, Gesellen

und Lehrlingen nach, die in Reihen spazieren oder ins Wirtshaus gingen, den Hut

ein wenig schief auf dem Kopf, mit weißen Hemdkragen und in ausgebürsteten

Sonntagskleidern. Meistens, wenn auch nicht immer, blieben die Handwerker

unter sich, Schreiner bei Schreinern, Maurer bei Maurern, hielten zusammen und

wahrten die Ehre ihres Standes, und unter ihnen waren die Schlosser die

vornehmste Zunft, obenan die Mechaniker. Das alles hatte etwas Anheimelndes

und wenn auch manches daran ein wenig naiv und lächerlich war, lag doch

dahinter die Schönheit und der Stolz des Handwerks verborgen, die auch heute

noch immer etwas Freudiges und Tüchtiges vorstellen und von denen der

armseligste Schneiderlehrling noch einen kleinen Schimmer erhält, den kein

Fabrikarbeiter und auch kein Kaufmann hat.

Wie vor dem Schulerschen Hause die jungen Mechaniker standen, ruhig und

stolz, Vorübergehenden zunickend und untereinander plaudernd, da konnte man

wohl sehen, daß sie eine zuverlässige Gemeinschaft bildeten und keines

Fremden bedurften, auch am Sonntag beim Vergnügen nicht.

Hans fühlte das auch und freute sich, zu diesen zu gehören. Doch empfand er

eine kleine Angst vor dem geplanten Sonntagsvergnügen, denn er wußte schon,

daß es bei den Mechanikern im Lebensgenusse massiv und reichlich zuging. Vielleicht würden sie sogar tanzen. Das konnte Hans nicht, im übrigen aber

gedachte er so gut als möglich seinen Mann zu stellen und nötigenfalls einen

kleinen Katzenjammer zu riskieren. Er war nicht gewohnt, viel Bier zu trinken,

und im Rauchen hatte er es mit Mühe dahin gebracht, daß er etwa eine Zigarre

mit Vorsicht zu Ende bringen konnte, ohne Elend und Schande davon zu haben.

August begrüßte ihn mit festlicher Freudigkeit. Er erzählte, daß zwar der

ältere Geselle nicht mitkommen wolle, dafür aber ein Kollege aus einer andern

Werkstatt, so seien sie wenigstens vier Leute und das genüge schon, um ein

ganzes Dorf umzudrehen. Bier könne heute jeder trinken so viel er möge, denn

das bezahle er für alle. Er bot Hans eine Zigarre an, dann setzten sich die Vier

langsam in Bewegung, bummelten langsam und stolz durch die Stadt und fingen

erst unten am Lindenplatz an schneller zu marschieren, um beizeiten nach

Bielach zu kommen.

Der Spiegel des Flusses flimmerte blau, gold und weiß, durch die fast ganz

entblätterten Ahorne und Akazien der Straßenalleen wärmte eine milde

Oktobersonne herab, der hohe Himmel war wolkenlos hellblau. Es war einer von

den stillen, reinen und freundlichen Herbsttagen, an denen alles Schöne des

vergangenen Sommers wie eine leidlose, lächelnde Erinnerung die milde Luft

erfüllt, an denen die Kinder die Jahreszeit vergessen und meinen, sie müssen

Blumen suchen, und an denen die alten Männlein und Weiberlein mit sinnenden

Augen vom Fenster oder von der Bank vorm Hause in die Lüfte schauen, weil es

ihnen scheint, die freundlichen Erinnerungen nicht nur des Jahres, sondern ihres

ganzen abgelaufenen Lebens flögen sichtbar durch die klare Bläue. Die Jungen

aber sind guter Dinge und preisen den schönen Tag, je nach Gaben und

Gemütsart, durch Trankopfer oder Schlachtopfer, durch Gesang oder Tanz, durch

Trinkgelage oder durch großartige Raufhändel, denn überall sind frische

Obstkuchen gebacken worden, liegt junger Apfelmost oder Wein gärend im

Keller und feiert Geige oder Harmonika vor den Wirtshäusern und auf den

Lindenplätzen die letzten schönen Tage des Jahres und ladet zu Tanz und

Liedersingen und Liebesspielen ein.

Die jungen Burschen wanderten rasch voran. Hans rauchte seine Zigarre mit

dem Anschein der Sorglosigkeit und wunderte sich selber darüber, daß sie ihm

ganz wohl bekam. Der Gesell erzählte von seiner Wanderschaft und niemand

nahm daran Anstoß, daß er das Maul so voll nahm; das gehörte zur Sache. Auch

der bescheidenste Handwerksgeselle, wenn er im Brot sitzt und vor

Augenzeugen sicher ist, erzählt von seinen Wanderzeiten in einem großartigen

und flotten, ja sagenhaften Ton. Denn die wundervolle Poesie des

Handwerksburschenlebens ist Gemeingut des Volkes und dichtet aus jedem

einzelnen heraus die traditionellen alten Abenteuer neu mit neuen Arabesken, und jeder Kennkunde und Fechtbruder hat, wenn er ins Erzählen gerät, ein Stück

vom unsterblichen Eulenspiegel und ein Stück vom unsterblichen Straubinger in

sich.

„Also in Frankfurt, wo ich damals gewesen bin, Sackerlot, da war noch ein

Leben! Hab’ ich denn das noch nie erzählt, wie ein reicher Kaufmann, so ein

geschleckter Aff, meines Meisters Tochter hat heiraten wollen; aber sie hat ihn

heimgeschickt, weil ich ihr um eine Nummer lieber war und ist mein Schatz

gewesen vier Monat lang und wenn ich nicht Händel mit dem Alten bekommen

hätt’, säß ich jetzt dort und wär’ sein Schwiegersohn.“

Und weiter erzählte er, wie ihn der Meister, das Luder, hat kuranzen wollen,

der elende Seelenverkäufer, und hat’s einmal gewagt und die Hand nach ihm

ausgestreckt, da hat er aber kein Wort gesagt, sondern bloß den

Schmiedehammer geschwungen und den Alten ’mal so angesehen, und der ist

aber ganz still weggegangen, weil ihm sein Schädel lieb war, und hat ihm dann

nachher schriftlich gekündigt, der feige Tropf. Und er erzählte von einer großen

Schlacht in Offenburg, wo drei Schlosser, er dabei, sieben Fabrikler halb tot

geschlagen haben, — wer nach Offenburg kommt, braucht bloß den langen

Schorsch zu fragen, der ist noch dort und ist damals mitgewesen.

Das alles wurde mit einem kühl-brutalen Ton, aber mit großem innerem Eifer

und Wohlgefallen mitgeteilt und jeder hörte mit tiefem Vergnügen zu und

beschloß im stillen, diese Geschichte später auch einmal zu erzählen, anderswo

bei andern Kameraden. Denn jeder Schlosser hat einmal seines Meisters Tochter

zum Schatz gehabt und ist einmal mit dem Hammer auf einen bösen Meister

losgegangen und hat einmal sieben Fabrikler elend durchgehauen. Bald spielt die

Geschichte im Badischen, bald in Hessen oder in der Schweiz, bald war es statt

des Hammers die Feile oder ein glühendes Eisen, bald waren es statt Fabriklern

Bäcker oder Schneider, aber es sind immer die alten Geschichten und man hört

sie immer wieder gern, denn sie sind alt und gut und machen der Zunft Ehre.

Womit nicht gesagt sein soll, daß es nicht immer wieder und auch heute noch

unter den Wanderburschen solche gibt, die Genies im Erleben oder Genies im

Erfinden sind, was beides ja im Grunde dasselbe ist.

Namentlich August war hingerissen und vergnügt. Er lachte fortwährend und

stimmte zu, fühlte sich schon als halber Geselle und blies mit verächtlicher

Genießermiene den Tabakrauch in die goldige Luft. Und der Erzähler spielte

seine Rolle weiter, denn es kam ihm darauf an, sein Mitdabeisein als eine

gutmütige Herablassung hinzustellen, da er als Gesell eigentlich am Sonntag

nicht zu den Lehrlingen gehörte und sich hätte schämen sollen, dem Buben seine

Batzen vertrinken zu helfen.

Man war eine gute Strecke die Landstraße flußabwärts gegangen; jetzt hatte man die Wahl zwischen einem langsam steigenden, im Bogen bergan führenden

Fahrsträßchen und einem steilen Fußweg, der nur halb so weit war. Man wählte

die Fahrstraße, wenn sie auch weit und staubig war. Fußwege sind für den

Werktag und für spazierengehende Herren; das Volk aber liebt, namentlich an

Sonntagen, die Landstraße, deren Poesie ihm noch nicht verloren gegangen ist.

Steile Fußwege ersteigen, das ist für Bauersleute oder für Naturfreunde aus der

Stadt, das ist eine Arbeit oder ein Sport, aber kein Vergnügen fürs Volk. Dagegen

eine Landstraße, wo man behaglich vorwärts kommt und dabei plaudern kann,

wo man Stiefel und Sonntagskleider schont, wo man Wagen und Pferde sieht,

andere Bummler antrifft und einholt, geputzten Mädchen und singenden

Burschengruppen begegnet, wo einem Witze nachgerufen werden, die man

lachend heimgibt, wo man stehen und schwatzen und ledigenfalls den

Mädchenreihen nachlaufen und nachlachen oder des abends persönliche

Differenzen mit guten Kameraden durch Taten zum Ausdruck und Ausgleich

bringen kann! So wenig ein Handwerksbursche je so dumm ist, die lustige,

bequeme und ergiebige Straße mit Fußwegen zu vertauschen, so wenig tut es der

städtische Kleinbürger.

Man ging also den Fahrweg, der sich in großem Bogen ruhig und freundlich

berghinan zog wie einer, der Zeit hat und kein Schweißvergießen liebt. Der

Geselle zog den Rock aus und trug ihn am Stock auf der Achsel, statt des

Erzählens hatte er nun zu pfeifen begonnen, auf eine überaus verwegene und

lebenslustige Art, und pfiff, bis man nach einer Stunde in Bielach ankam. Über

Hans waren einige Sticheleien ergangen, die ihn nicht stark anfochten und von

August eifriger als von ihm selber pariert wurden. Und nun stand man vor

Bielach.

 

Das Dorf lag mit roten Ziegeldächern und silbergrauen Strohdächern zwischen

herbstfarbige Obstbäume gebettet, rückwärts vom dunklen Bergwalde überragt.

Die jungen Leute wollten über das Wirtshaus, in das man einkehren wollte,

nicht einig werden. Der „Anker“ hatte das beste Bier, aber der „Schwan“ die

besten Kuchen, und im „Scharfen Eck“ war eine schöne Wirtstochter. Endlich

setzte August durch, daß man in den „Anker“ gehe, und deutete augenzwinkernd

an, das „Scharfe Eck“ werde wohl während der paar Schoppen nicht

davonlaufen und auch nachher noch zu finden sein. Das war allen recht, und so

ging man ins Dorf, an den Ställen und an den mit Geranienstöcken besetzten

niederen Bauernfenstern vorbei auf den „Anker“ los, dessen goldenes Schild über zwei junge, runde Kastanien hinweg in der Sonne gleißend lockte. Zum

Leidwesen des Gesellen, der durchaus innen sitzen wollte, war die Schankstube

überfüllt und man mußte im Garten Platz nehmen.

Der „Anker“ war nach den Begriffen seiner Gäste ein feines Lokal, also kein

altes Bauernwirtshaus, sondern ein moderner Backsteinwürfel mit zu vielen

Fenstern, mit Stühlen statt der Bänke und mit einer Menge von farbigen

Reklameschildern aus Blech, ferner mit einer städtisch angezogenen Kellnerin

und einem Wirte, den man niemals in Hemdärmeln, sondern stets in einem

vollständigen braunen Anzug nach der Mode zu sehen bekam. Er war eigentlich

bankrott, hatte aber sein eigenes Haus von seinem Hauptgläubiger, einem großen

Bierbrauer, in Pacht genommen und war seither noch vornehmer geworden. Der

Garten bestand aus einem Akazienbaum und aus einem großen Drahtgitter, das

von wildem Wein einstweilen zur Hälfte überwachsen war.

„Zum Wohl, ihr Leute!“ schrie der Geselle und stieß mit allen dreien an. Und

um sich zu zeigen, trank er das ganze Glas auf einen Zug leer.

„Sie, schönes Fräulein, da war ja gar nix drin; bringen Sie gleich noch eins!“

rief er der Kellnerin zu und streckte ihr über den Tisch weg das Schoppenglas

entgegen.

Das Bier war vorzüglich, kühl und nicht zu bitter, und Hans ließ sich sein Glas

fröhlich schmecken. August trank mit Kennermiene, schnalzte mit der Zunge

und rauchte nebenher wie ein schlechter Ofen, was Hans still bewunderte.

Es war doch nicht so übel, so seinen fidelen Sonntag zu haben und am

Wirtstisch zu sitzen wie einer, der es darf und verdient hat, und mit Leuten, die

das Leben und das Lustigsein loshatten. Es war schön, mitzulachen und

bisweilen selber einen Witz zu riskieren, es war schön und männlich, nach dem

Austrinken sein Glas mit Nachdruck auf den Tisch zu knallen und sorglos zu

rufen: „Noch eins, Fräulein!“ Es war schön, einem Bekannten am andern Tische

zuzutrinken, den kalten Zigarrenstumpen in der Linken hängen zu lassen und

den Hut ins Genick zu schieben wie die andern.

Der mitgekommene fremde Geselle begann nun auch warm zu werden und zu

erzählen. Er wußte von einem Schlosser in Ulm, der konnte zwanzig Glas Bier

trinken, von dem guten Ulmer Bier, und wenn er damit fertig war, wischte er

sich das Maul und sagte: So, jetzt noch ein gutes Fläschle Wein! Und er hatte in

Cannstatt einen Heizer gekannt, der zwölf Knackwürste hintereinander essen

konnte und eine Wette damit gewonnen hatte. Aber eine zweite solche Wette

hatte er verloren. Er hatte sich vermessen, die Speisekarte einer kleinen

Wirtschaft durchzuspeisen und er hatte auch fast alles verzehrt, aber am Schluß

der Speisekarte kamen viererlei Arten Käse, und wie er bei der dritten war,

schob er den Teller weg und sagte: Jetzt lieber sterben als noch einen Bissen!

Auch diese Geschichten fanden reichen Beifall und es zeigte sich, daß es da

und dort auf Erden ausdauernde Trinker und Esser gebe, denn jeder wußte von

einem solchen Helden und seinen Leistungen zu erzählen. Beim einen war es

„ein Mann in Stuttgart“, beim andern „ein Dragoner, ich glaub in Ludwigsburg“,

beim einen waren es siebzehn Kartoffeln gewesen, beim andern elf

Pfannenkuchen mit Salat. Man brachte diese Begebenheiten mit sachlichem

Ernste vor und gab sich mit Behagen der Erkenntnis hin, daß es doch vielerlei

schöne Gaben und merkwürdige Menschen gibt und auch tolle Käuze darunter.

Dies Behagen und diese Sachlichkeit sind alte ehrwürdige Erbstücke jedes

Stammtischphilisteriums und werden von den jungen Leuten nachgeahmt so gut

wie Trinken, Politisieren, Rauchen, Heiraten und Sterben.

Beim dritten Glas fragte Hans, ob es denn keine Kuchen gebe. Man rief der

Kellnerin und erfuhr, nein es gebe keine Kuchen, worüber alle sich schrecklich

aufregten. August stand auf und sagte, wenn’s nicht einmal Kuchen gebe, dann

könne man ja ein Haus weiter gehen. Der fremde Geselle schimpfte über die

miserable Wirtschaft, nur der Frankfurter war fürs Bleiben, denn er hatte sich ein

wenig mit der Kellnerin eingelassen und sie schon mehrmals intensiv

gestreichelt. Hans hatte zugesehen und dieser Anblick samt dem Bier hatte ihn

seltsam aufgeregt. Er war froh, daß man jetzt fortging.

Als die Zeche bezahlt war und alle auf die Straße traten, begann Hans seine

drei Schoppen ein wenig zu spüren. Es war ein angenehmes Gefühl, halb

Müdigkeit, halb Unternehmungslust, auch war etwas wie ein dünner Schleier vor

seinen Augen, durch welchen alles entfernter und fast unwirklich aussah, ähnlich

wie man im Traum sieht. Er mußte beständig lachen, hatte den Hut noch etwas

kühner schief gesetzt und kam sich wie ein ausbündig fideler Kerl vor. Der

Frankfurter pfiff wieder auf seine kriegerische Art und Hans versuchte im Takt

dazu zu gehen.

Im „Scharfen Eck“ war’s ziemlich still. Ein paar Bauern tranken neuen Wein.

Es gab kein offenes Bier, nur Flaschen, und sogleich bekam jeder eine

vorgesetzt. Der fremde Geselle wollte sich nobel zeigen und bestellte für alle

zusammen einen großen Apfelkuchen. Hans fühlte plötzlich einen gewaltigen

Hunger und aß hintereinander ein paar Stücke davon. Es saß sich dämmerig und

bequem in der alten braunen Wirtsstube auf den festen, breiten Wandbänken. Die

altmodische Kredenz und der riesige Ofen verschwanden im Halbdunkel, in

einem großen Käfig mit Holzstäben flatterten zwei Meisen, denen ein voller

Zweig roter Vogelbeeren als Futter durchs Gestäbe gesteckt war.

Der Wirt trat für einen Augenblick an den Tisch und hieß die Gäste

willkommen. Darauf dauerte es eine Weile, bis ein Gespräch zurecht kam. Hans

nahm einige Schlückchen von dem scharfen Flaschenbier und war neugierig, ob er wohl noch mit der ganzen Flasche fertig werden würde.

Der Frankfurter schwadronierte wieder grausam von rheinländischen

Weinbergfesten, von Wanderschaft und Pennenleben; man hörte ihm fröhlich zu

und auch Hans kam aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Auf einmal merkte er, daß es mit ihm nicht mehr ganz richtig sei. Alle

Augenblicke flossen ihm Zimmer, Tisch, Flaschen, Gläser und Kameraden zu

einem sanften braunen Gewölk zusammen und nahmen nur, wenn er sich kräftig

aufraffte, wieder Gestalt an. Von Zeit zu Zeit, wenn Gespräch und Gelächter

heftiger anschwoll, lachte er laut mit oder sagte etwas, was er sogleich wieder

vergaß. Wenn angestoßen wurde, tat er mit, und nach einer Stunde sah er mit

Erstaunen, daß seine Flasche leer war.

„Du hast einen guten Zug“, sagte August. „Willst noch eine?“

Hans nickte lachend. Er hatte sich so eine Trinkerei viel gefährlicher

vorgestellt. Und als jetzt der Frankfurter ein Lied anstimmte und alle einfielen,

da sang auch er aus voller Kehle mit.

Mittlerweile hatte sich die Stube gefüllt und es kam die Wirtstochter, um der

Kellnerin im Bedienen zu helfen. Sie war eine große, schön gewachsene Person

mit einem gesunden, kräftigen Gesicht und ruhigen, braunen Augen.

Als sie die neue Flasche vor Hans hinstellte, bombardierte sie sogleich der

daneben sitzende Geselle mit seinen zierlichsten Galanterien, denen sie aber kein

Gehör gab. Vielleicht, um jenem ihre Nichtachtung zu zeigen, oder vielleicht,

weil sie an dem feinen Bubenköpfchen Gefallen fand, wandte sie sich zu Hans

und fuhr ihm schnell mit der Hand übers Haar; dann ging sie in die Kredenz

zurück.

Der Geselle, der schon an der dritten Flasche war, folgte ihr und gab sich alle

Mühe, ein Gespräch mit ihr in Gang zu bringen, aber ohne Erfolg. Das große

Mädchen sah ihn gleichmütig an, gab keine Antwort und kehrte ihm bald den

Rücken zu. Da kam er an den Tisch zurück, trommelte mit der leeren Flasche

und rief mit plötzlicher Begeisterung: „Wir wollen fidel sein, Kinder; stoßet an!“

Und nun erzählte er eine saftige Weibergeschichte.

Hans hörte nur noch ein trübes Stimmengemisch und als er mit seiner zweiten

Flasche nahezu fertig war, begann ihm das Sprechen und sogar das Lachen

schwer zu fallen. Er wollte zu dem Meisenkäfig hinübergehen und die Vögel ein

wenig necken; aber nach zwei Schritten wurde ihm schwindlig, er wäre ums

Haar gestürzt und kehrte vorsichtig um.

Von da an ließ seine ausgelassene Fröhlichkeit mehr und mehr nach. Er wußte,

daß er einen Rausch habe, und die ganze Trinkerei kam ihm nimmer lustig vor.

Und wie in einer weiten Ferne sah er allerlei Unheil ihn erwarten: Den

Heimweg, einen bösen Auftritt mit dem Vater und morgen früh wieder die Werkstatt. Allmählich schmerzte ihm auch der Kopf.

Auch die andern hatten des Guten genug geleistet. In einem klaren

Augenblick begehrte August zu zahlen und bekam auf seinen Taler wenig

heraus. Schwatzend und lachend ging man auf die Straße, vom hellen

Abendlicht geblendet. Hans konnte sich kaum mehr aufrecht halten, er lehnte

sich schwankend an August und ließ sich von ihm mitziehen.

Der fremde Schlosser war sentimental geworden. Er sang „Morgen muß ich

fort von hier“ und hatte Tränen in den Augen.

Eigentlich wollte man heimgehen, aber als man am „Schwanen“ vorüberkam,

bestand der Geselle drauf, noch hineinzugehen. Unter der Türe machte Hans sich

los.

„Ich muß heim.“

„Du kannst ja nimmer allein laufen“, lachte der Geselle.

„Doch, doch. Ich — muß — heim.“

„So nimm wenigstens noch einen Schnaps, Kleiner! Der hilft dir auf die Beine

und bringt den Magen in Ordnung. Jawohl, du wirst sehen.“

Hans spürte ein kleines Glas in seiner Hand. Er verschüttete viel davon, den

Rest schluckte er und fühlte ihn wie Feuer im Schlunde brennen. Ein heftiger

Ekel schüttelte ihn. Allein taumelte er die Vortreppe hinab und kam, er wußte

nicht wie, zum Dorf hinaus. Häuser, Zäune und Gärten drehten sich schief und

wirr an ihm vorüber.

Unter einem Apfelbaum legte er sich in die feuchte Wiese. Eine Menge von

widerlichen Gefühlen, quälenden Befürchtungen und halbfertigen Gedanken

hinderte ihn am Einschlafen. Er kam sich beschmutzt und geschändet vor. Wie

sollte er nach Haus kommen? Was sollte er dem Vater sagen? Und was sollte

morgen aus ihm werden? Er kam sich so gebrochen und elend vor, als müsse er

nun eine Ewigkeit ruhen, schlafen, sich schämen. Kopf und Augen taten ihm

weh und er fühlte nicht einmal soviel Kraft in sich, um aufzustehen und

weiterzugehen.

Plötzlich kam wie eine verspätete, flüchtige Welle ein Anflug der vorigen

Lustigkeit zurück; er schnitt eine Grimasse und sang vor sich hin:

O du lieber Augustin,

Augustin, Augustin,

O du lieber Augustin,

Alles ist hin.

 

Und kaum hatte er ausgesungen, so tat ihm etwas im Innersten weh und stürmte

eine trübe Flut von unklaren Vorstellungen und Erinnerungen, von Scham und

Selbstvorwürfen auf ihn ein. Er stöhnte laut und sank schluchzend ins Gras.

Nach einer Stunde, es dunkelte schon, erhob er sich und schritt unsicher und

mühsam bergabwärts.

Herr Giebenrath hatte ausgiebig geschimpft, als sein Bub zum Nachtessen

ausgeblieben war. Als es neun Uhr wurde und Hans noch immer nicht da war,

legte er ein lang nicht mehr gebrauchtes, starkes Meerrohr bereit. Der Kerl

meinte wohl, er sei der väterlichen Rute bereits entwachsen? Der konnte sich

gratulieren, wenn er heimkam!

Um zehn Uhr verschloß er die Haustüre. Wenn der Herr Sohn

nachtschwärmen wollte, konnte er ja sehen, wo er bliebe.

Trotzdem schlief er nicht, sondern wartete mit wachsendem Grimm von

Stunde zu Stunde darauf, daß eine Hand die Klinke probiere und schüchtern an

der Glocke ziehe. Er stellte sich die Szene vor — der Herumtreiber konnte ja

was erleben! Wahrscheinlich würde der Lausbub besoffen sein, aber er würde

dann schon nüchtern werden, der Bengel, der Heimtücker, der elendige! Und

wenn er ihm alle Knochen abeinander hauen mußte.

Endlich bezwang ihn und seine Wut der Schlaf.

Zu derselben Zeit trieb der so bedrohte Hans schon kühl und still und langsam

im dunklen Flusse talabwärts. Ekel, Scham und Leid waren von ihm genommen,

auf seinen dunkel dahintreibenden, schmächtigen Körper schaute die kalte,

bläuliche Herbstnacht herab, mit seinen Händen und Haaren und erblaßten

Lippen spielte das schwarze Wasser. Niemand sah ihn, wenn nicht etwa der vor

Tagesanbruch auf Jagd ziehende scheue Fischotter, der ihn listig beäugte und

lautlos an ihm vorüberglitt. Niemand wußte auch, wie er ins Wasser geraten sei.

Er war vielleicht verirrt und an einer abschüssigen Stelle ausgeglitten; er hatte

vielleicht trinken wollen und das Gleichgewicht verloren. Vielleicht hatte der

Anblick des schönen Wassers ihn gelockt, daß er sich darüber beugte und da ihm

Nacht und Mondblässe so voll Frieden und tiefer Rast entgegenblickten, trieb

ihn Müdigkeit und Angst mit stillem Zwang in die Schatten des Todes.

Am Tage fand man ihn und trug ihn heim. Der erschrockene Vater mußte

seinen Stock beiseite tun und seinen angesammelten Grimm fahren lassen. Zwar weinte er nicht und ließ sich wenig merken, aber in der folgenden Nacht blieb er

wieder wach und blickte zuweilen durch den Türspalt zu seinem stillgewordenen

Kinde hinüber, das auf einem reinen Bette lag und noch immer mit der feinen

Stirn und dem bleichen, klugen Gesicht so aussah, als wäre es etwas Besonderes

und habe das eingeborne Recht, ein anderes Schicksal als andere zu haben. An

Stirn und Händen war die Haut ein wenig bläulichrot abgeschürft, die hübschen

Züge schlummerten, über den Augen lagen die weißen Lider und der nicht ganz

geschlossene Mund sah zufrieden und beinahe heiter aus. Es hatte das Ansehen,

der Junge sei plötzlich in der Blüte gebrochen und aus einer freudigen Bahn

gerissen, und auch der Vater erlag in seiner Müdigkeit und einsamen Trauer

dieser lächelnden Täuschung.

Die Beerdigung zog eine große Zahl von Mitgängern und Neugierigen an.

Wieder war Hans Giebenrath eine Berühmtheit geworden, für die sich jeder

interessierte, und wieder nahmen die Lehrer, der Rektor und der Stadtpfarrer an

seinem Schicksal teil. Sie erschienen sämtlich in Gehröcken und feierlichen

Zylindern, begleiteten den Leichenzug und blieben am Grabe einen Augenblick

stehen, untereinander flüsternd. Der Lateinlehrer sah besonders melancholisch

aus und der Rektor sagte leise zu ihm: „Ja, Herr Professor, aus dem hätte etwas

werden können. Ist es nicht ein Elend, daß man gerade mit den Besten fast

immer Pech hat?“

Beim Vater und der alten Anna, die ununterbrochen heulte, blieb der Meister

Flaig am Grabe zurück.

„Ja, so was ist herb, Herr Giebenrath“, sagte er teilnehmend. „Ich habe den

Buben auch lieb gehabt.“

„Man begreift’s nicht“, seufzte Giebenrath. „Er ist so begabt gewesen, und

alles ist ja auch gut gegangen, Schule, Examen — und dann auf einmal ein

Unglück übers andere!“

Der Schuhmacher deutete den durchs Kirchhoftor abziehenden Gehröcken

nach.

„Dort laufen ein paar Herren,“ sagte er leise, „die haben auch mitgeholfen, ihn

so weit zu bringen.“

„Was?“ fuhr der andere auf und starrte den Schuster zweifelnd und

erschrocken an. „Ja, Sackerlot, wieso denn?“

„Seien Sie ruhig, Herr Nachbar. Ich hab’ bloß die Schulmeister gemeint.“

„Wieso? Wie denn?“

„Ach, nichts weiter. Und Sie und ich, wir haben vielleicht auch mancherlei an

dem Buben versäumt, meinen Sie nicht?“

Über dem Städtchen war ein fröhlich blauer Himmel ausgespannt, im Tale

glitzerte der Fluß, die Tannenberge blauten weich und sehnlich in die Weite. Der Schuhmacher lächelte fein und traurig und nahm des Mannes Arm, der aus der

Stille und seltsam schmerzlichen Gedankenfülle dieser Stunde zögernd und

verlegen den Niederungen seines gewohnten Daseins entgegenschritt.

 

E n d e

Anmerkungen zur Transkription

 

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,

wurden in einer anderen Schriftart markiert.

 

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise unter

Verwendung späterer Ausgaben (vorher/nachher):

 

... sich vorzustellen, der Floß sei unterwegs, fahre bald ...

... sich vorzustellen, das Floß sei unterwegs, fahre bald ...

... Schon am frühen Vormittag stand Hans im Ohrn des ...

... Schon am frühen Vormittag stand Hans im Öhrn des ...

... „Wenn du Heimweh hast,“ hieß es anderwo, „dann schreib ...

... „Wenn du Heimweh hast,“ hieß es anderswo, „dann schreib ...

... hiebei zum erstenmal die keimende Bildung einer Persönlichkeit ...

... hierbei zum erstenmal die keimende Bildung einer Persönlichkeit ...

... bedauernden abzuändern, was ihm leicht viel und gut stand. ...

... bedauernden abzuändern, was ihm leicht fiel und gut stand. ...

... Presse gegenüber gestanden war, wie sie ihn aus ihren Becher ...

... Presse gegenüber gestanden war, wie sie ihn aus ihrem Becher ...

... August den neuen Lehrbuben. Er redete ihn aufmunternd zu ...

... August den neuen Lehrbuben. Er redete ihm aufmunternd zu ...

 

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Hermann Hesse

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End of the Project Gutenberg EBook of Unterm Rad, by Hermann Hesse

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