Verstehen

Anne Adler · Kapitel 1 von 3

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Verstehen

1. Kapitel

 

Langsam öffnen sich die leicht verklebten Augen. Ein schnelles Blinzeln verrät, dass die Sonne direkt ins Gesicht scheint und ein wenig blendet.

Er spürt die Wärme des Sonnenstrahls deutlich auf seiner rechten Gesichtshälfte. Leicht benommen versucht er sein Gesicht in die wärmende Richtung zu drehen.

‚Was war geschehen? Wo bin ich?’ Das Fenster ist leicht geöffnet und von draußen hört er ein vorbeifahrendes Auto.

Direkt vor dem Fenster steht ein großer Baum mit einer vollen Baumkrone. Die Sonne steht so günstig, dass sich der Lichtstrahl durch die raschelnden Blätter mogelt.

Für einen Moment fühlt er sich sehr wohl und vergisst seine ersten Gedanken. Den Kopf drehend, mustert er das Zimmer.

Links vom Fenster, gleich gegenüber des Bettes bemerkt er einen Tisch, an dem zwei Stühle stehen. Auf dem Tisch steht eine kleine Vase mit Blumen, sonst aber nichts weiter, auch keine Decke.

Die Stühle sind aus Holz und irgendwie gepolstert. ‚Die Farbe kann ich nicht erkennen’, dachte er kurz. ‚Was ist das für eine Farbe?’

Schon leicht erschöpft, lässt er den Kopf wieder ins Kissen sinken, schließt für einen Augenblick seine Augen und atmet tief durch. ‚Was war geschehen?’, geht es ihm durch den Kopf.

Er öffnet wieder seine Augen und bemerkt direkt in der Ecke, schräg über dem Tisch, einen an der Wand angebrachten Fernseher.

Erst jetzt fällt ihm auf, dass er dieses Zimmer nicht kennt, in einem fremden Bett liegt.

Plötzlich öffnet sich eine Tür und eine junge Frau tritt an sein Bett. Sie ist erstaunt und sagt sogleich freudig: „Oh, Hallo Herr Weber, sie sind ja wach. Ich bin Schwester Katharina. Können Sie mich hören?“

Seine Augen öffnen sich weit und er sieht in ein freundliches Lächeln. „Ja“ antwortet er. Doch es fällt ihm schwer, seine Lippen sind so träge.

Er versucht sich aufzusetzen, ist ihm diese Frau doch sehr fremd.

„Bleiben sie ruhig liegen, sie haben ja gerade erst ihre Augen geöffnet.“ begegnet ihm die Schwester. „Ich hole den Arzt.“

Schon huscht sie wieder hinaus, die Tür etwas zu laut zugeschlagen.

Er erschreckt sich leicht, gewinnt aber dadurch an neuer Energie, um sich weiter im Zimmer umzusehen.

Die Tür ist weiß und kaum einsehbar. Eine Wand, die ins Zimmer eingerückt ist, verhindert einen offenen Blick. Sie ist hellgelb angestrichen und mit einem kleinen Wandbild versehen. Auf diesem ist eine Landschaft, die ihn jedoch nicht weiter interessiert.

Den Kopf weiter nach links wendend, sieht er einen weißen Ständer, an dem ein Beutel baumelt und gleich daneben ein kleines Schränkchen.

Es steht auf Rädern und hat eine kleine Tür in leichter Holzmaserung. Mit seinen Armen würde er es nicht erreichen können.

‚Aha’, das Bett steht mit dem Kopfende an der Wand und ist sonst von allen Seiten leicht zugänglich.

Ihm geht es jetzt immer besser und so atmet er tief durch und fährt sich mit der rechten Hand durch sein Haar.

Irgend etwas stimmt nicht. Sein ganzer Arm ist schwer und seine Finger wirken wie gefroren.

Er schaut sich seine Hand an und versucht die Finger wie gewohnt zu bewegen. Doch es gelingt ihm viel zu langsam.

‚Warum kann ich denn keine richtige Faust machen?’ fragt er sich und schaut nun gedankenvertieft auf seine linke Hand.

Diese lässt sich uneingeschränkt bewegen und ist auch nicht so schwer. Er fühlt nun seinen rechten Arm ab, aber alles wirkt normal, manchmal kribbelt es nur ein wenig.

Da hört er schon Stimmen, die direkt auf seine Tür zukommen. Sie öffnet sich und drei Personen kommen herein.

Die junge Frau erkennt er gleich wieder, weshalb er ein wenig lächelt. Gleich nach ihr sieht er einen jungen Mann in einem weißen Kittel und eine etwas ältere beleibtere Dame.

„Guten Tag, Herr Weber.“ sagt der junge Mann.

Herr Weber will es erwidern, doch seinem schwerfälligen Mund entlockt er nur ein: „Tag“.

Die beiden Schwestern stellten während dieser kurzen Begrüßung das Kopfende hoch, sodass der Patient nun aufrecht sitzt.

„Ich bin hier der Stationsarzt. Mein Name ist Herr Lodes. Es freut mich sehr, dass sie wach sind. Das ist die Stationsschwester Marga und unsere Schwester Katharina kennen Sie ja bereits. Wie geht es Ihnen?“

Herr Weber nickt mit dem Kopf und sagt: „Ja“. Merkwürdig, denkt er, eigentlich wollte ich ‚Gut’ sagen.

„Herr Weber, sie hatten einen Schlaganfall und sind hier bei uns im Krankenhaus. Nun können wir gleich ihre Mutter informieren, dass es ihnen besser geht.“

Die Stationsschwester schiebt indessen das kleine Schränkchen näher an den Tisch und fährt eine kleine Platte aus, es war also der Beistelltisch.

„Schwester Katharina wird ihnen gleich etwas zu trinken bringen und es hier auf den Tisch stellen.“ spricht sie kurz dazwischen und schon entwischt die junge Frau aus dem Zimmer.

„Können Sie sich an irgend etwas erinnern, Herr Weber?“ fragt der Arzt weiter.

Herr Weber ist momentan überfordert und schüttelt einfach nur den Kopf.

„Ich sehe schon, sie brauchen noch etwas Ruhe. Wir reden dann später weiter, wenn sie besser bei Kräften sind.“ verabschiedet sich der Arzt und greift seine linke Hand. Irgendwie eilig verlässt er dann das Zimmer. Nur die Stationsschwester bleibt im Raum und öffnet das Fenster weit.

„Jetzt lassen wir mal richtig frische Luft hinein. Sie haben sich einen wirklich schönen Tag ausgesucht, um ihrer Mutter diese große Freude zu bereiten. Draußen ist es herrlich sonnig und warm.“

Sein Blick schweift in Richtung Fenster, aber irgendwie waren alle Worte, die er hörte, so schnell verloren. „Mutter“ sagt er nur kurz.

 

„Ja, ihre Mutter. Fast jeden Tag kam sie sie besuchen. Sie wird glücklich sein.“

Plötzlich hebt sich der Store und umschlingt fast die Stationsschwester. Die Tür ging auf und selbst die Blumen auf dem Tisch bewegten sich wild durch den Windzug.

„So, da bin ich wieder.“ sagt Katharina und stellt ihm einen Becher mit Tee auf den Beistelltisch.

„Huch, das war ja ein Wind.“ bringt die Stationsschwester lachend hervor und bittet Herrn Weber etwas zu trinken.

„Warten Sie, ich helfe ihnen ein wenig.“ spricht wieder Katharina und reicht ihm den Becher.

Instinktiv greift Herr Weber mit der rechten Hand zu, doch dieser rutscht ihm leicht aus der Hand, sodass er sofort seine linke zu Hilfe nimmt.

Schwester Katharina hatte noch ihre Hand schützend unter dem Becher, denn sie weiß, dass der rechte Arm leicht gelähmt ist.

„Ach, kein Problem, das wird bald besser.“ sagt sie lächelnd.

Herr Weber guckt sie etwas irritiert an, führt dann aber den Becher zum Mund und nimmt einen großen Schluck.

Er muss husten und bemerkt wie sein Hals nass wurde.

Mit der rechten Hand fühlt er seinen nassen Hals ab und verfolgt dieses nasse Empfinden bis in Richtung der Lippen. Der Zeige- und Mittelfinger liegen nun auf dem rechten Mundwinkel.

Irgendwie spürt er den Mundwinkel nicht. Er scheint auch etwas zu hängen.

Beide Finger ertasten jetzt etwas kräftiger die Ober- und Unterlippe. Er bemerkt einen deutlichen Unterschied zu beiden Seiten.

Er versucht beide Mundwinkel zu bewegen, als würde er lächeln wollen, doch es hebt sich nur die linke Seite.

„Sie müssen etwas langsamer trinken, Herr Weber. Nehmen Sie einen kleineren Schluck, dann läuft nicht soviel daneben.“ begegnet ihm Katharina und tupft leicht den Hals und das inzwischen nass gewordene Bruststück des Nachthemds mit einem Tuch trocken.

„Ihr Mund ist leider auch leicht gelähmt, dadurch ist ihnen der Tee wieder aus dem Mund gelaufen. Schmeckt er denn?“

Herr Weber schaut zu der Stationsschwester, die ihm aufmunternd zulächelt und erwidert „Ja.“

Es war eher automatisiert, denn er schmeckte erst einmal gar nichts. Ihm ist alles irgendwie fremd. Selbst seine rechte Hand rutscht nun plötzlich von der Anstrengung zurück ins Bett.

„Das wird schon, Herr Weber.“ sagt die Stationsschwester beruhigend. „Sie sind jetzt ein wenig verstört, aber vertrauen sie uns, in ein paar Tagen sind sie viel kräftiger und können auch schon aufstehen.“

Lächelnd schaut sie ihm tief in die Augen, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „Nehmen sie noch einen Schluck.“, doch Herr Weber winkt ab und äußert „Ja.“

Beide Schwestern gehen auf seine Äußerung nicht weiter ein, wissen aber aus Berufserfahrung, dass Herr Weber nun wieder etwas Ruhe benötigt. Vielleicht antwortete er noch auf die Äußerung, dass er bald kräftiger sein werde, aber das war momentan nicht wichtig.

Katharina nimmt ihm den Becher ab und stellt ihn zurück auf den Beistelltisch.

Das Kopfende wieder herunterstellend sagt Schwester Marga, die Stationsschwester: „Ruhen sie sich nun ein wenig aus. Wir werden nachher noch einmal nach ihnen sehen und inzwischen mit ihrer Mutter telefonieren.“

Irgendwie zufrieden, ließ er sich das gefallen, schließt beide Augen und entrinnt sofort dem Geschehen.

Die beiden Schwestern, nach dem Marga noch schnell das Fenster ankippte, verschließen die Tür nun sehr leise, um den ermüdeten Patienten nicht unnütz zu stressen, ihn einfach ruhen zu lassen.

Im Schwesternzimmer angekommen, nimmt Marga die Akte des Patienten und schreibt sofort die neuen Ereignisse ein. - Patient um 14:30 Uhr erwacht; Dr. Lodes Bescheid gegeben; erstes Gespräch war möglich; Patient trank etwas Tee, hustete dabei und verlor Flüssigkeit aus dem rechten Mundwinkel; rechte Arm eingeschränkt; wirkte insgesamt noch recht geschwächt; Mutter informiert -

Dieses Stichwort veranlasst sie nach der Telefonnummer zu gucken. ‚Na, ob sie schon unterwegs ist?’ fragt sie sich leise und nimmt den Hörer in die Hand.

„Sieben, drei, vier, neun, sechs, drei.“ murmelt sie beim Drücken der Tasten und schon klingelt es am anderen Ende.

Es klingelt bereits das 4. Mal, als sie fragend Katharina anschaut. „Na, Frau Weber ist bestimmt schon unterwegs.“ entgegnet die junge Schwester ihrem Blick, während sie die Abendmedizin stellt.

Doch plötzlich erklingt die Stimme am anderen Ende: „Weber, mit wem spreche ich?“

„Oh, Hallo Frau Weber, ich bin es, Schwester Marga.“

„Um Gottes Willen!“ rief Frau Weber gleich in die Sprechmuschel. „Ist meinem Jungen etwas passiert?“

„Nein, nein“ beruhigt sie sogleich Marga und erzählt freudig: „Wir haben heute mit ihrem Sohn gesprochen. Er ist aufgewacht und hat sogar schon einen Schluck Tee getrunken.“

„Was, was?“ fragt Frau Weber ganz aufgeregt. „Er ist wach?“

„Nein, Frau Weber, derzeit schläft er wieder. Er ist noch relativ schwach, lächelte aber bereits.“

„Wirklich? Sie haben mit meinem Sohn gesprochen? Und er hat schon etwas getrunken? sprudeln die Fragen aufgeregt ins Ohr von Marga.

Merklich lächelnd antwortet sie: „Ich sag`s ihnen ja. Kommen Sie vielleicht zum Abendbrot vorbei, dann wird er sicher wieder wach sein.“

„Ja, ich mache mich gleich auf den Weg“ verspricht Frau Weber.

„Lassen sie sich Zeit, er schläft doch noch.“ versucht Marga die Mutter etwas zu beruhigen. Doch diese Worte verhallen im nichts, da Frau Weber den Hörer vor lauter Aufregung schon aufgelegt hatte und nun dabei ist, sich für ihren Jungen besonders fein zumachen.

Völlig aufgelöst vor Freude geht sie an ihren Schrank und holt sich eine neue Bluse heraus, die hervorragend zu der beigefarbenen Leinenhose passt. Sie rückt die olivefarbene, aus rauer Seide geschneiderte Bluse zurecht, begibt sich ins Bad und schaut in den Spiegel.

‚Ach, ich werde noch einmal die Lippen nachziehen’, denkt sie sich, während sie sich mit dem Kamm durch das kurze, weißliche Haar fährt.

Frau Weber war bereits seit 5 Jahren verwitwet, wobei es einen neuen Mann an ihrer Seite gibt. Doch er wohnt in seiner eigenen Wohnung.

Die noch stattliche Frau im Alter von 68 Jahren wollte nicht mehr heiraten. Sie genießt ihr Rentendasein und führt aufgrund der zusätzlichen Witwenrente ein zufriedenes Leben.

Ihr Mann war Ingenieur und kannte nichts als Arbeit. Sein Rentenleben war leider von Krankheit gezeichnet. Er starb an einem nicht vorhersehbaren Herzinfarkt, kurz nachdem er sich zur Ruhe setzte.

Nach mehr als 2 Jahren Trauer, lernte sie ihren neuen Partner über eine Annonce kennen. Gemeinsam verbringen sie nun einige Stunden ihrer freien Zeit, besuchen Konzerte sowie andere Veranstaltungen, machen kleine Reisen und genießen die Natur.

Ihr Sohn drängte sie zu dieser Anzeige, denn er konnte es nicht ertragen, dass seine Mutter nichts mehr unternahm.

Und nun erwischte es ihn, in noch so jungen Jahren.

 

Seine Mutter war völlig entsetzt, als sie von seinem Unfall hörte.

Er brach auf der Baustelle zusammen. Glücklicherweise wurde sofort vom Polier der Krankenwagen gerufen. Dadurch konnte eine schnelle ärztliche Versorgung gewährleistet werden.

Noch vor dem Spiegel stehend, aus dem kleinen Rückblick erwachend, bemerkt sie eine Träne, welche gerade die linke Wange herunterperlt. Sie wischt diese mit dem Finger weg und fängt sich wieder.

‚Hoffentlich kann ich mit meinem Sohn heute noch sprechen’, macht sie sich leise Mut und beginnt die Lippen mit einem etwas dunkelrotfarbenen Stift nachzuziehen.

Nun gefällt sie sich wieder und schäkert mimisch, wie so oft, mit ihrem Spiegelbild, um noch einmal zu prüfen, ob alle Farbstriche gut gezogen sind.

Sie geht in den Flur, wechselt die Schuhe und greift ihre leichte Sommerjacke.

‚Ach, meine Tasche, wo habe ich die denn nur wieder hingestellt’, fragt sie sich nun doch in Eile und huscht noch einmal in die Küche. ‚Da ist sie, alles drin?’

Nach einem kurzen Blick wirft sie diese über ihre Schulter und verlässt die Wohnung.

Auf dem Weg zur Klinik gehen ihr tausend Gedanken durch den Kopf, was sie wohl ihrem Sohn als erstes sagen würde.

Die Klinik erreicht sie etwa 50 Minuten später mit einem Bus, der unweit ihrer Wohnung im Stadtzentrum hält und über das Land bis zum Klinikgelände tuckert.

Auch eine Regionalbahn nimmt diese Richtung, doch der Weg vom Bahnhof zur Klinik ist ihr zu weit. Der Bus ist also sehr bequem, da er direkt am Klinikgelände hält, auch wenn er nicht immer zuverlässig fährt.

Im Aussteigen verabschiedet sie sich freundlich beim Fahrer und geht so schnell wie sie kann auf die Station, auf der ihr Sohn liegt.

Sie will gerade in das Zimmer ihres Sohnes stürzen, als sie von Schwester Marga aufgehalten wird.

„Hallo, Frau Weber. Schön, dass sie schon da sind. Darf ich bevor sie Ihren Sohn besuchen, kurz mit ihnen sprechen?“

Marga hakt sich bei Frau Weber unter und zieht sie sanft ins Schwesternzimmer.

Frau Weber schaut wehleidig dabei zurück, stimmt aber etwas unsicher zu: „Äh, wenn es denn unbedingt sein muss. Lieber würde ich gleich zu meinem Sohn wollen.“

Marga begegnet den Worten beruhigend: „Frau Weber, seien sie ganz unbesorgt. Ihr Sohn schläft noch. Ich würde die Zeit gern nutzen, um mit ihnen kurz über ihren Sohn zu sprechen. Möchten Sie eine Tasse Kaffee? Ich habe heute etwas Zeit, Schwester Katharina und unsere Praktikantin haben heute gemeinsam Dienst, wodurch wir die Arbeit besser aufteilen können.“

„Ja, gut, ich nehme dann gern eine Tasse Kaffe.“ ließ sich Frau Weber besänftigen.

Sie setzt sich an den Tisch, während Marga aus dem Schrank zwei Tassen holt und den bereits gekochten Kaffee aus der Kaffeemaschine in die Tassen gießt.

„Ich glaube, er ist noch heiß genug. Unsere Praktikantin hat ihn vor einer halben Stunde für uns gekocht. Wir genießen zwischendurch ganz gern mal einen Schluck Kaffee. Möchten Sie Zucker oder Milch?“

Frau Weber antwortet nun viel entspannter: „Nur Milch, bitte nicht zu viel.“

Marga gibt in beide Tassen ein paar Tropfen Milch uns setzt sich zu Frau Weber an den Tisch.

Beide Frauen nehmen erst einmal einen Schluck Kaffee, bevor Marga beginnt.

„Frau Weber, wie sie ja schon wissen, ist ihr Sohn heute endlich wach geworden. Es deutete sich ja bereits aufgrund seiner guten Werte an, weshalb er auch auf unsere Station verlegt wurde.

Er war bereits völlig unabhängig von medizinischen Geräten, es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis er sich dazu entschied, wieder seine Augen zu öffnen.“

„Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich freue“ brachte Frau Weber kurz ein.

„Oh, doch, natürlich. Es ist für uns alle eine große Freude. Meist ist es jedoch so, dass die Patienten dennoch geschwächt sind und nicht gleich überfordert werden dürfen.“

„Das verstehe ich, Schwester Marga. Selbstverständlich werde ich das berücksichtigen.“

Schwester Marga begegnet wohlwollend: „Das weiß ich, Frau Weber. Dennoch möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, worauf sie sich zunächst einstellen müssen.“

Marga steht kurz auf und bittet einen anderen Patienten, der sich gerade in den Eingang des Schwesternzimmers stellt, sich an Schwester Katharina zu wenden.

„Ich werde mal die Tür schließen, dann können wir uns ungestört den neuen Fakten widmen.“ äußert Marga und setzt sich wieder an den Tisch.

Mit gespannten Augen greift Frau Weber die Kaffeetasse, die nun doch etwas unruhig in ihrer Hand liegt.

„Leider ist unser Stationsarzt zu einer wichtigen Besprechung, weshalb er mich bat, ihnen erste Hinweise zu geben.“

 

„Das ist sehr nett.“ bemerkt Frau Weber nur kurz, mit der Hoffnung, dass ihre innere Aufregung nicht auffällt.

„Sie wissen ja,“ fängt Marga vorsichtig an, „ihr Sohn hatte eine Schlaganfall, der glücklicherweise medizinisch schnell versorgt werden konnte. Dadurch bestehen gute Heilungschancen.

Es ist aber dennoch nicht möglich, genau vorherzusagen, welche neurologischen Störungen der Schlaganfall mit sich brachte und wie schnell sie sich zurückbilden.

Gehen sie also bitte davon aus, dass es für sie und ihren Sohn in den ersten Tagen schwer sein wird. Sie müssen beide erst einmal die neuen Begebenheiten akzeptieren lernen.“

Frau Weber fällt ihr ins Wort: „Ach, das wird schon. Hauptsache mein Junge kann jetzt wieder aufstehen.“

„Frau Weber, genau dies wird noch einige Tage brauchen. Wundern sich bitte auch nicht, wenn die rechte Seite ihres Sohnes etwas schwerfällig ist und er Schwierigkeiten beim Essen und Trinken hat.“

„Ich glaube,“ erwidert Frau Weber sich selbst stärkend, „das ich damit gut umgehen kann. Herr Lodes sprach bereits deswegen mit mir. Auch die anderen Ärzte im anderen Krankenhaus haben schon so etwas angedeutet.

Außerdem kann er ja sprechen und mir sagen was er möchte, wie sie mir am Telefon bereits mitteilten.“

Schwester Marga ist es nun etwas unangenehm, weil sie doch sehr euphorisch am Telefon klang und versucht jetzt einlenkend Frau Weber auf die Sprachstörung hinzuweisen.

„Ja, ihr Sohn kann sprechen. Allerdings war er so erschöpft, dass er nur wenige Worte sprach. Laut Angabe der Läsion im Gehirn müsste er eine Sprachstörung haben, was sie aber sicher auch schon wissen.“

Frau Weber nickt mit dem Kopf, nimmt noch einen Schluck Kaffee, um sich abzulenken und erwidert unruhig: „Theoretisch bin ich schon darauf vorbereitet, hoffe aber auf einen guten Verlauf, schließlich ist mein Sohn noch sehr jung.“

„Ja, Gott sei Dank.“ bemerkt Marga erleichtert.

Frau Weber sieht auf die Wanduhr. Inzwischen ist bestimmt eine halbe Stunde vergangen, deshalb äußert sie: „Ich möchte jetzt aber doch ganz gern meinen Sohn sehen. Es würde mich wieder etwas beruhigen, da ich in dem Moment, wo er aufwacht, gern an seinem Bett sitzen möchte.“

„Selbstverständlich, Frau Weber“ sagt Marga schon im Aufstehen und beide Frauen gehen gemeinsam in das Zimmer des Patienten.

Nachdem Frau Weber die Tür hinter sich schloss, schaut sie gespannt in Richtung des Bettes, aber es scheint so, als würde ihr Sohn noch immer schlafen.

„Machen Sie sich keine Sorgen.“ bringt Marga leise hervor. „Er wird heute bestimmt noch einmal wach. Wenn Sie so lange bleiben möchten? Sie können auch gern etwas zum Abendbrot bekommen.“

„Ja.“ flüstert Frau Weber, nimmt einen Stuhl vom Tisch, stellt ihn neben das Bett und setzt sich freudig auf ihn.

Sie greift die linke Hand ihres Sohnes und begrüßt ihn freundlich mit: „Hallo Peter, ich warte jetzt bis du wach wirst.“

Marga zieht sich nun zurück und bemerkt nur noch kurz: „Wenn irgend etwas ist oder sie etwas brauchen, klingeln sie einfach.“

Wieder flüsternd: „Natürlich, Schwester Marga, und vielen Dank.“

Es ist sehr ruhig, denn das Zimmer liegt am Ende des Ganges. Die Station ist ziemlich groß und verfügt über 20 Betten. In nur wenigen Zimmern befinden sich zwei Betten.

Frau Weber ist ganz froh, dass ihr Sohn in einem Einzelzimmer liegt.

In der anderen Klinik und auf der vorherigen Station war dies nicht gegeben.

Auch scheinen die Patienten auf dieser Station, jedenfalls jene, die Frau Weber bereits sah, nicht so arg betroffen zu sein. Sie verlassen ihre Zimmer und wirken recht selbständig.

Manche sitzen zwar im Rollstuhl, doch diese sind wesentlich älter als ihr Sohn, vielleicht ihr Alter.

Und all dies macht ihr große Hoffnung.

Außerdem kann Sie sich daran erinnern, wie ihr der Arzt der eine Treppe tiefer liegenden Station erklärte, was der Unterschied zwischen den beiden Stationen wäre und warum ihr Sohn nach oben verlegt werden müsse.

Hauptsächlich waren es natürlich Kapazitätsgründe, die der Arzt jedoch etwas kaschierte. Seinen Worten entnehmend, lag er auf einer Station der Phase B, wo die Patienten schwer bewusstseinsgestört sind und eine intensive rehabilitierende Einzelförderung erhalten.

Erst verstand sie nicht, warum ihrem Sohn nun diese intensive Einzelförderung nicht mehr zukommen sollte. Doch dann brachte der Arzt erklärend hervor, dass er auf eine Station verlegt würde, die für ihn schon zukunftsweisend wäre.

Auf der Station der Phase C lägen, trotz großer neurologischer Schädigungen, die bereits kooperativ ansprechbaren Patienten.

Selbstverständlich würden sie auch eine umfassende rehabilitierende Therapie und Pflege erhalten, aber eben im direkten Gespräch mit dem Patienten, was bei ihrem Sohn entsprechend seiner hervorragenden Genesung bald der Fall sein dürfte.

An diese hoffnungsvollen Worte zurückblickend, schaut sie erneut zu ihrem Sohn. Doch dieser schläft noch immer, allerdings nicht mehr so tief, denn er bewegt sich mehr und mehr in seinem Bett.

Frau Weber blickt auf ihre Armbanduhr und ist erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Draußen wirkt es etwas stürmischer. ‚Na, es sieht so aus, als würde es gleich ein großes Abendgewitter geben.’ schweift sie wieder ab.

Die langen Äste des direkt vor dem Fenster stehenden Baumes schlagen nun heftiger gegen die Scheiben.

Sie schaltet das Wandlicht ein, da es etwas dunkler wurde.

Plötzlich donnert es heftig, als hätte der Blitz unweit eingeschlagen. Dicke fette Regentropfen prasseln laut gegen die Scheiben. Schon wieder ein gewaltiges Grollen, als würde Gott über das Verdursten der vielen Bäume, Pflanzen und Blumen zürnen.

Und RUMPS, im Flur knallt eine Tür zu. Die Ruhe ist schlagartig vorbei. Draußen hört sie die Schwestern aufgeregt umherlaufen.

Offensichtlich mussten sie nun alle Fenster schließen, die wegen des warmen Tages offen standen.

Frau Weber öffnet die Tür - schon wieder ein hartes, lautes Donnern - und guckt auf den Flur, um das Treiben einordnen zu können.

Ein starker Windzug drückt ihr die Tür aus der Hand. Die auf dem Tisch stehende Vase fällt um und zerbricht in großen Scherben auf dem Fußboden.

‚Ach Gott, das Fenster’, erinnert sie sich und läuft schnell zurück, um es zu schließen.

Sie bemerkte gar nicht, dass ihr Sohn durch das Getöse erwacht ist und versucht, sich aufzusetzen.

Erst als sie einige Scherben aufgehoben hatte und einen Blick zum Bett wirft, bleibt ihr fasst der Mund vor Freude offen stehen.

Sie legt die Scherben schnell auf den Tisch und geht zu ihrem Sohn.

„Mein Junge, ich bin es. Erkennst Du mich?“ sprudeln die Worte. „Wie geht es Dir? Kann ich Dir helfen? Ist das toll, du bist wach.“

Peter erkennt natürlich seine Mutter und lächelt zurück, obwohl er es ein wenig als Überfall empfindet.

Seine Mutter tätschelt sein Gesicht und beginnt zu weinen. „Ich freue mich so. Entschuldige bitte, aber auf diesen Moment habe ich schon so lange gewartet.“ bringt sie mühevoll hervor.

Genau in diesem Augenblick öffnet sich die Tür und Schwester Katharina tritt ein. „Hallo Herr Weber, wieder wach?“ unterbricht sie die emotional überschäumende Situation, wodurch sich Frau Weber wieder fängt und freudestrahlend posaunte: „Ja, gerade eben.“

„Oh, die Vase liegt ja auf dem Boden.“ bemerkt Katharina ablenkend.

„Das war das Gewitter. Das Fenster war noch offen. Daran habe ich nicht gedacht, als ich auf den Flur schaute.“ entschuldigt sich Frau Weber.

„Ach, das macht nichts. Ist nicht so schlimm. Das räume ich gleich weg.“ entgegnet erneut Katharina, wendet sich aber erst einmal Herrn Weber zu.

„Na Herr Weber, kräftig genug uns zwei Frauen zu begegnen?“

Herr Weber lächelt und blickt seine Mutter an. „Mama“ bringt er etwas heiser hervor, doch das liegt an seinem trockenen Hals.

Darauffolgend hustet er, was Schwester Katharina dazu veranlasst ihn zu fragen: „Möchten sie einen Schluck Tee?“

„Tee, ja“ erwidert er.

Frau Weber war nun etwas regungslos und zugleich erstaunt, wie zwanglos die Schwester mit ihrem Sohn umging. Sie rückt ein wenig beiseite, während Schwester Katharina das Kopfende hochstellt und ihm die Tasse reicht. Diesmal greift er gleich mit beiden Händen zu und nimmt einen Schluck.

Abermals entrinnt ihm etwas Flüssigkeit aus dem rechten Mundwinkel. Verschämt blickt er zu seiner Mutter, als er die Nässe am Hals spürt.

Sie zwinkert ihm aufmunternd zu, worauf er noch einen weiteren Schluck nimmt. „Trink! Trink!“ sagt sie kurz und stellt sich auf die andere Seite des Bettes.

„Vielleicht können sie ihm ein wenig helfen? fragt Katharina, dann kann ich erst einmal die Scherben beseitigen.“

„Selbstverständlich.“ äußert sie und will die Tasse halten.

Doch Peter hat die Tasse nun fest in beiden Händen und zeigt eine abwinkende Geste, in dem er diese leicht der Handbewegung seiner Mutter entzieht. Ihre Fingerkuppen erreichen nur noch leicht die Hand ihres Sohnes.

Sofort erkennend, nimmt sie ihre zurück und freut sich über seinen ihr schon aus Kinderzeiten bekannten Drang nach Selbständigkeit.

Er sagte früher immer, dass er das schon allein könne, auch wenn er manche Situation überschätzend, den Misserfolg mit Verdruss abrupt bockig beendete.

Er zeigte schon sehr früh einen durchsetzenden Charakter, war aber dennoch ein süßer und kecker kleiner Bengel.

Herr Weber hustet nach dem genommenen Schluck erneut, übergibt jetzt aber die Tasse an seiner Mutter.

„Machen sie sich keine Sorgen, Frau Weber.“ beruhigt Katharina die Mutter. „So lange Ihr Sohn hustet, ist er recht gut geschützt. Das sagte uns die Logopädin. Wichtig ist allerdings, dass die Schlucke nicht so groß sind.“

„Ja, gut, vielen Dank.“ lächelt sie zurück, noch bevor die Schwester mit den Scherben das Zimmer verließ.

„Na Peter, geht es dir gut? wendet sie sich ihrem Sohn zu.

Er nickt mit dem Kopf und möchte sofort losplaudern. Stockend erwidert er: „Ja, gut.“

Sie streichelt ihm über die Schulter und erzählt vom Gewitter, wodurch er wahrscheinlich wach wurde. „Die dicken Tropfen prasselten laut gegen die Scheiben. Der Regen ...“

„Regen?“ bringt Peter mühsam hervor.

„Ja, kannst du den Regen noch riechen?

„Riechen, riechen.“ wiederholt er und entgegnet: „Nein.“

„Ja, so sind die Männer.“ witzelt Frau Weber und lacht dabei ein wenig. Peter lächelt zurück.

„Ich habe mich für dich heute besonders fein gemacht. Gefällt dir meine Bluse?“ fragt sie fast unbekümmert ihren Sohn und verfällt nun in eine vertraute Unterhaltung mit ihm.

„Bluse.“ sagt Peter und nickt irgendwie zustimmend.

„Leider habe ich vor lauter Aufregung an keine frischen Blumen für dich gedacht. Ich war von Schwester Margas Anruf so überwältigt, dass ich mich gleich im Bad anhübschte und sofort losfuhr.

Der Bus...“ „Bus?“ klingt es fragend aus seinem Mund.

„Ja, ich bin mit dem Bus gekommen. Nachher werde ich mir wohl ein Taxi nehmen, denn der Bus fährt um 18:00 Uhr das letzte Mal.

Nun, wir haben es schon nach 18:00 Uhr.“

„Uhr.“ entgegnet Peter und sieht sich im Zimmer um.

„Ich bringe dir morgen einen Wecker mit, dann bist du nicht zeitlos.“

Ihr Sohn nickt abermals zustimmend und lässt den Kopf dann leicht ins Kissen zurückfallen.

„Ach, ich rede wieder nur von mir.“ fällt Frau Weber nun auf, die sehr gern über Gott und die Welt schnackt, als Schwester Katharina mit einem kleinen Wischeimer das Zimmer betritt.

„Ich werde noch schnell den Boden trocken wischen und die Blumen in eine neue Vase stellen.“ bringt sie eilig hervor, als würde sie nicht stören wollen.

„Oh, vielen Dank, Schwester Katharina. Das kann ich gar nicht wieder gut machen.“

„Hallo, Herr Weber!“ tönt es plötzlich von der Tür.

Alle schauen kurz auf, als Schwester Marga mit einer kleinen Schüssel warmer Suppe hineinkommt.

„Na Herr Weber, haben Sie etwas Appetit? Das ist eine leckere warme Suppe. Probieren Sie mal!“ fordert sie freundlich.

Natürlich würde er nur ein paar Löffel zu sich nehmen können, wurde er doch bisher über eine PEG ernährt.

„Soll er das löffeln? fragt Frau Weber verwundert. „Selbstverständlich. Wir wollen doch sogleich mit der Entwöhnung der Sondennahrung beginnen.“

„Braucht er die PEG ...“ will Frau Weber fragen, doch Peter platzt dazwischen.

„Peh“ bringt er nur heraus.

„Herr Weber,“ spricht Marga nun beruhigend auf ihn ein: „sie wurden bisher über diesen Schlauch,“ sie zieht ihn unter der Bettdecke hervor, „der direkt in ihren Magen führt, ernährt. Doch nur richtiges Essen versüßt das Leben, oder? Das dürfen sie nun gleich genießen.“

Lächelnd nimmt sie den Löffel mit etwas Suppe und schiebt diesen dem verdutzten Herrn Weber in den Mund, den er fast automatisiert öffnet. „Sehen sie, das ging doch gut.“ lacht Marga.

Frau Weber guckt dem Geschehen erstaunt wie erfreut zu. Offensichtlich schmeckt ihm die Suppe. Er muss auch nicht husten.

Langsam erfolgt der zweite und dritte, auch ein vierter Löffel. Herr Weber genießt die ersten Eindrücke der Nahrungsaufnahme.

Natürlich lief immer ein wenig aus dem Mund, was Marga leicht abtupfte, aber die etwas wärmere Suppe führte zu weniger Irritation im Rachenbereich, wodurch Herr Weber ungestört schluckte.

Vielleicht liegt es auch daran, dass die Suppe etwas dicker ist als der Tee.

„Hervorragend, da wird sich aber die Logopädin freuen, dass sie nicht so viel Arbeit mit ihnen hat. Sie wird sicher dennoch nach ihnen schauen und uns Schwestern schon einweisen.“ tönt Marga erfreut und reicht ihm einen weiteren Löffel.

Nun öffnet sich der Mund nicht mehr so weit, wodurch Herr Weber indirekt ausdrückt, dass es jetzt erst einmal genug sei.

Während er diesen Rest herunterschluckt, winkt er mit seinem rechten Unterarm ab.

„Sehr schön.“ ermutigt Marga den Patienten dennoch und stellt die Schüssel mit dem Löffel auf den Beistelltisch.

„Frau Weber, möchten Sie nicht auch eine Kleinigkeit essen? Unsere Praktikantin wird ihnen gern etwas bringen.“

„Oh, nein, nein. Vielen Dank. Ich habe mir Obst mitgenommen, um meinen eventuell aufkommenden Hunger zu stillen.“ antwortet sie freundlich.

„Nun gut, dann lasse ich sie noch einen Augenblick allein. Nachher werden dann die Schwestern kommen und ihren Sohn zur Nacht betten.“ gibt Marga kurz vor und geht mit dem Geschirr in Richtung Tür.

Noch bevor sich diese schließt, hört sie die Worte Frau Webers: „Ach, da bin ich bestimmt schon weg. Dann können sie ungestört arbeiten, aber einen Augenblick möchte ich gern noch bleiben.“

„Sehr gern.“ und die Tür war zu.

Frau Weber stand die ganze Zeit neben seinem Bett und bemerkt: „Peter, ich werde mich noch einen Moment auf den Stuhl setzen, mir tut der Rücken etwas weh. Ich hätte mir doch den anderen Stuhl nehmen sollen.“

Während sie sich auf diesen setzt, jauchzt sie ein wenig: „Ach, ich bin so froh, dass es dir wieder besser geht, mein Junge. Jeden Tag habe ich darauf gewartet. Ich dachte schon, es würde Dir wie Papa gehen.“

Sie ruckelt etwas an ihrem Stuhl, um noch näher ans Bett zu kommen und greift seine Hand.

Peter lächelt sie an und erwidert: „Nein, gut.“

„Ach, ja.“ freut sich Frau Weber. „Hoffentlich kannst du bald wieder aufstehen. Die Ärzte haben dir gute Chancen zugesprochen.“

Peter lächelt erneut und nickt leicht. Dann fällt sein Kopf ins Kissen zurück. Er atmet etwas erschöpft tief durch und schließt die Augen. Seine Mutter gewährt ihm diesen Augenblick Ruhe.

Dann fragt sie leise: „Peter, möchtest du dich jetzt wieder ausruhen? Ich mache mich dann auf den Weg, damit du schlafen kannst. Es ist auch schon spät und ich bin jetzt schon fast 3 Stunden hier.“

Ihr Sohn öffnet müde beide Augen und lächelt zustimmend.

„Gut, mein Junge.“ Sie gibt ihrem Sohn einen Abschiedskuss auf die Wange, tätschelt dabei seine Schulter und flüstert: „Ich komme morgen wieder und schaue nach dir. Machs gut. Gute Nacht.“

Peter erwidert leise: „Nacht.“

Frau Weber nimmt ihre Jacke und verlässt leise das Zimmer. Sie wollte ihren Sohn nun nicht mehr stören.

Auf dem Flur ruft sie: „Schwester Katharina, Schwester ...“

Schon dreht sich Katharina um und folgt ihrem Ruf.

„Ich fahre jetzt nach Hause. Mein Sohn ist doch sehr geschafft. Er möchte jetzt schlafen.“

„Oh, gut, dass sie uns Bescheid geben.“ sagt sie verabschiedend zu Frau Weber und guckt noch einmal in das Zimmer des Patienten.

Sie stellt das Kopfende herunter und wünscht ihm eine angenehme Ruhe, obwohl sie in etwa einer halben Stunde sowieso noch einmal in seinem Zimmer sei, um die Nacht vorzubereiten.

Frau Weber ging indessen zum Schwesternzimmer und bat um ein Taxi.

„Ich rufe ihnen ein Taxi.“ unterbricht Marga ihre Arbeit und greift nach dem Hörer.

Als sie diesen wieder auflegt bittet sie Frau Weber: „Nehmen sie den Aufgang A! Der Taxifahrer wird in spätestens 10 Minuten vor der Tür auf sie warten.“

„Oh, das ging ja schnell. Vielen Dank, Frau Marga. Ich komme morgen gleich wieder. Wahrscheinlich am Nachmittag.“

„Gern, Frau Weber, vielleicht hält ihr Sohn dann schon etwas länger durch. Ich wünsche ihnen eine gute Heimfahrt.“

Frau Weber lächelt und erwidert kurz: „Nochmals vielen Dank.“

Marga geht wieder an ihre Schreibtischarbeit zurück und Frau Weber nimmt das Taxi nach Hause.

Etwa 40 Minuten später betritt Schwester Katharina und die Praktikantin das Zimmer des Herrn Weber. Die Praktikantin arbeitet erst seit knapp 2 Wochen auf der Station und beging heute ihre erste Spätschicht.

Zuvor half sie meist in der Küche, teilte die bereits gestellte Medizin aus oder brachte die weniger mobilen Patienten zu Therapien.

Nun soll sie lernen, wie man einen Patienten richtig bettet.

Schwester Katharina tritt an das Bett und fragt: „Herr Weber, Herr Weber? Sie rüttelt ihn dabei leicht. Dieser war jedoch fest eingeschlafen und raunte nur aus dem Halbschlaf: „Mh...“

„Herr Weber, wir möchten das Bett richten.“ sagt Katharina.

„Warum lässt du ihn nicht schlafen? fragt die Praktikantin.

„Wir müssen gucken, ob die Windel in Ordnung und das Laken glatt ist, damit kein Decubitus entsteht.“ erwidert Katharina.

„Was ist ein Decubitus?“ will die Praktikantin wissen.

„Eine durchgelegene Stelle.“ folgt als erste kurze Antwort. „Die meisten Patienten bewegen sich zu wenig und liegen meist lange in der gleichen Position. Dadurch wird die Haut an den Auflageflächen schlechter durchblutet. Es entstehen dann erst rote Stellen und wenn man nicht darauf achtet, können diese nekrotisch werden, also absterben.

Manchmal werden große schwarze Löcher daraus, die bis zum Knochen gehen können. Ganz besonders muss man hier auf die Schultern, das Steißbein und die Fersen achten. Aber eigentlich darf das nicht passieren.

Es ist immer ein Zeichen für eine unwissende oder schlechte Pflege.“ erklärt sie weiter.

Sie klemmt nun den Katheter ab, nimmt den Katheterbeutel um diesen im Toilettenraum der Station zu lehren. „Ich bin gleich zurück.“ sagt sie kurz und lässt die Praktikantin allein im Zimmer.

Herr Weber regt sich etwas, worauf die Praktikantin sich bei ihm zaghaft vorstellt: „Herr Weber, ich bin die Praktikantin. Mein Name ist Anja.“

Doch Herr Weber ist noch immer nicht ganz wach und reagiert kaum. „Mh...“ tönt es nur wieder.

Schon ist Katharina zurück, setzt den leeren Beutel wieder an, nimmt die Klemme weg und bittet Anja auf die andere Seite des Bettes zu gehen. Sie schlägt die Bettdecke zurück und sagt: „Herr Weber können sie sich auf die rechte Seite drehen?“

Mit ihrer Frage löst sie die Windel, stellt das linke Bein an, greift an seine Schulter und Hüfte und dreht ihn in die entsprechende Position. Anja packt unterstützend zu und hält ihn nun etwas fest, damit er nicht zurückrollt.

„Der Tag war wohl etwas anstrengend für ihn. Er ist heute schon zweimal wach gewesen. Ich glaube wir bekommen ihn nicht richtig wach. Aber er ist ja nicht so schwer.“ erklärt Katharina, während sie die Windel zum Körper zusammenrollt, das Gesäß mit einem feuchten Tuch reinigt und eine neue Windel, ebenfalls zur Hälfte eingerollt, dicht mit dem eingerollten Ende an die andere Windel schiebt.

Dann zieht sie noch das Laken glatt und reibt den Rücken mit Franzbrandwein ein.

„Wozu ist das?“ fragt Anja.

„Ach, für eine bessere Durchblutung der Haut.“ antwortet Katharina und wechselt nun auf die andere Seite des Bettes.

„Man kann den Patienten auch zu sich herandrehen. Aber das entscheide ich immer nach Gewicht und Muskelspannung des einzelnen. Würdest du rübergehen?“ bittet sie die Praktikantin.

Dann drehen beide geschickt den Patienten auf die andere Seite, indem sie ihn erst wieder langsam auf den Rücken legen, dann das rechte Bein anstellen und mit Elan auf die linke Seite drehen.

Katharina zieht die alte Windel weg, glättet abermals das Laken und rollt die neue Windel aus.

„So, nun wieder zurück auf den Rücken.“ gibt sie einen kurzen Befehl. Sogleich zieht sie die Windel durch die Beine und klebt die Enden fest. „Das wäre geschafft.“ lacht sie, ihn zudeckend.

Herr Weber ließ sich kaum stören. Katharina schiebt noch leicht ein langes Kissen unter den rechten Oberkörper, wodurch Herr Weber nun in einer anderen Position liegt als vor dem Betten.

„Siehst du! guckt sie die Praktikantin an. „So verändert man die Lage eines Patienten, um einem Decubitus vorzubeugen. Je öfter die Position geändert wird, desto geringer ist die Gefahr.

Manchmal polstert man auch bspw. die Fersen ab. Aber das wirst du noch alles lernen.“

Anja war begeistert. Sie ist nun richtig mutig und fragt nach dem Ständer, der nahe dem Wandbild in der Ecke steht.

„Und was macht man damit?“ will sie wissen.

Katharina, heute gut gelaunt, antwortet: „Ach das. Das ist ein Infusionsständer für die Magensonde.“

„Wozu sind denn die Knöpfe an dem kleinen Kasten?“ kommt prompt eine neue Frage.

„Damit stellt man die Nahrungszufuhr ein. Die ist sozusagen pumpgesteuert.

Ich persönlich mag diese Geräte jedoch nicht. Die fallen oft aus, pumpen irgendwie nicht richtig und geben dann einen furchtbar hohen Ton ab. Mich würde das als Patient schrecklich nerven.

Ich finde die Infusion über Schwerkraftapplikation einfach besser. Da dreht man ein Rädchen und wenn es mal nicht läuft, na dann dreht man einfach mal wieder am Rädchen oder verändert die Position der Sonde leicht.

Man muss bei dieser als auch bei der einfacheren Variante regelmäßig kontrollieren und auch mal die Sonde mit einer Spritze durchspülen. Was soll`s also? Das Ding da, ist nicht wirklich eine Erleichterung für uns.“

„Ah, ich verstehe.“ erwidert Anja. „Was ist denn in der Spritze drin?“ lässt sie nicht locker.

„Einfach nur Wasser oder Tee.“ folgt die Auskunft.

„Ah, vielen Dank. Sehr nett.“ freut sich Anja und nimmt die Windel, während Katharina das Wandlicht ausschaltet.

Beide verlassen gemeinsam das Zimmer und bringen ihre Utensilien in den Toilettenraum der Station. Herr Weber aber, schläft weiter tief und fest.