Verstehen

Anne Adler · Kapitel 3 von 3

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Verstehen

3. Kapitel

 

Der folgende Tag bringt viele neue Eindrücke für Herrn Weber.

Unmittelbar nach dem Frühstück, welches er in seinem Zimmer zu sich nahm, kommt die Diätassistentin herein und übergibt ihm einen Zettel mit den Worten: „Guten Morgen. Ich kümmere mich um die Essenswünsche unserer Patienten. Könnten Sie bitte ankreuzen, was sie in der nächsten Woche essen möchten!“

Ohne sich weiter vorzustellen erklärt sie knapp: „Da sie nicht alles essen dürfen, gilt für sie nur die 3. Spalte mit den Suppen.“ und zeigt kurz mit dem Zeigefinger auf diese. „Sie müssen dort ein Kreuzchen machen. Haben Sie einen Stift?“

Herr Weber guckt die Assistentin etwas verwirrt an. Er weiß eigentlich gar nicht, was sie von ihm will.

Den Schreiber nahm er zwar entgegen, doch dieser liegt faktisch fragend in seiner Hand.

Seine Augen schauen auf den Zettel und fixieren einzelne Buchstaben. Eine Blockade, die ihm über die Augen entlang der Großhirnrinde bis hin zum Hinterhaupt einen in den Kopfgelenken endenden dumpfen Schmerz und plötzlichen Schwindel hervorrufen, erschöpft ihn in einer kaum messbaren Schnelligkeit, sodass er kopfschüttelnd Zettel und Stift auf die Bettdecke sinken lässt.

Diesen Einbruch bemerkt die Assistentin, obwohl sie sonst recht oberflächlich wenn auch nett wirkt, sofort und fragt deshalb etwas weniger forsch: „Kann ich Ihnen helfen?“

Herr Weber guckt sie verzweifelt an und ist über sein Unvermögen diesen Zettel nicht entziffern zu können unaussprechlich entsetzt.

Er kann zwar erkennen, dass hier eine Tabelle vor ihm liegt, jedoch ist es ihm nicht möglich auch nur ein einziges Wort zu lesen.

Da die Diätassistentin während ihres schnellen Sprechens mehrmals das Wort Essen erwähnte, ahnt er mögliche Zusammenhänge, doch diese nützen ihm nichts, obwohl er jetzt noch einmal auf den Zettel starrt, um die Blockade lösen zu wollen.

„Herr Weber, darf ich Ihnen vorlesen?“ fragt die Assistentin wohlwollend und nimmt den Zettel und Stift vorsichtig von der Bettdecke.

Herrn Weber schossen indes dicke Tränen in die Augen, von denen nacheinander drei auf der Decke landen.

Während sich sein Nacken vor Entsetzen mehr und mehr verspannt hebt er nur verunsichert die Arme ohne seinen Kopf zu heben, als würde er sagen wollen, dass er nicht wisse, ob sie dürfe. Es ähnelte einem Schulterzucken.

Die Assistentin greift mit Ihrer Hand beschwichtigend auf seine rechte Schulter und weiß sich nicht anders zu helfen, als einfach mit dem Vorlesen zu beginnen.

Doch Herr Weber ist zu fassungslos, um entsprechend adäquat zu reagieren und hebt nur erneut beide Arme, jetzt etwas energischer, um deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass er nicht könne, jetzt genug hätte.

Nun ist die Assistentin aber auch überfordert und bemerkt kurz: „Herr Weber, ich glaube, wir kommen hier nicht weiter. Ich gebe den Zettel im Schwesternzimmer ab. Vielleicht können Sie diesen später mit einer Schwester ausfüllen und nachreichen lassen.“

Sie fühlt, dass sie Herrn Weber in seinem Schmerz nun allein lassen sollte.

Auch wenn dies absurd klingen mag, aber jedem Menschen steht es zu über seine momentan ausweglose Situation weinen zu dürfen, ohne sich gleich dafür rechtfertigen oder entschuldigen zu müssen.

Nur bei Kindern ist es üblich, dass sie sofort bei einer anderen Person Trost suchen, da sie es meist so von ihrer Mutter gewohnt sind.

Mit zunehmender Reife allerdings, und das gilt vor allem für Männer, zeugt weinen von Schwäche, hören sie doch oft genug – hab dich nicht so, reiß dich zusammen, so schlimm ist es doch gar nicht.

Derartige Gefühle werden also, wenn möglich, nur unter sehr guten Freunden sowie engen Familienmitgliedern gezeigt, sonst aber schnell gesellschaftlichen Normen angepasst, denen sich nun auch die Assistentin unterwirft und leise das Zimmer verlässt.

Auf dem Weg zum Schwesternzimmer trifft sie die Stationsschwester. „Guten Morgen, Frau Willenbach.“

„Morgen“ erwidert Marga nur kurz.

„Frau Willenbach,“ spricht die Assistentin weiter „könnten Sie den Essenszettel mit Herrn Weber gemeinsam ausfüllen und nachreichen? Ich glaube, er kann nicht lesen. Er ist im Moment vollkommen überfordert und völlig aufgelöst über diese Tatsache.“

„Ach, das auch noch.“ bringt Marga zuteil werdend mit fallender Melodie zum Ausdruck.

„Was?“ fragt die Assistentin etwas irritiert.

„Ich meine, ja, natürlich.“ korrigiert Marga ihre Äußerung ein wenig.

„Herr Weber ist wohl doch schwerer betroffen, als wir alle hofften. Er ist doch noch so jung.“ stellt sie bestürzt in den Raum.

„Ja, da kenne ich mich nicht ...“ bekennt die Assistentin während sie von Marga unterbrochen wird. „Wissen sie was? Ich schicke nachher die Logopädin rein. Frau Zeder kann den Zettel ausfüllen. Sie weiß am besten, was Herr Weber essen darf. Reicht es Ihnen, wenn Sie den Zettel heute Nachmittag zurückerhalten?“

„Selbstverständlich.“ stimmt die Assistentin zu. „Wir benötigen die Auskunft bis morgen 12:00 Uhr.“

„Okay, ich werde mich darum kümmern.“ beendet Marga das Gespräch.

Während Marga sogleich zum Therapieraum der Logopädin geht, begibt sie die Diätassistentin zum nächsten Patienten.

Da Herr Weber trotz seines emotionalen Einbruchs ruhig wirkte, unternahm niemand eingreifende Maßnahmen.

Nachdem er sich wieder fing, legte er sich matt in sein Kissen zurück, schaute aus dem Fenster und döste vor sich hin.

Es verging etwa eine Stunde, als sich erneut die Tür öffnet und die Ergotherapeutin das Zimmer betritt.

Abermals erfolgt die übliche Begrüßung. „Guten Tag, Herr Weber. Ich bin Sandra, ihre Ergotherapeutin.“

Sandra ist eine recht robust wirkende Frau und entsprechend laut und tief auch ihre Stimme.

Etwas erschrocken aus dem Dösen erwacht, blickt er zu Sandra und sagt noch ein wenig unwirsch „Tag.“

„Nanu, so schlecht gelaunt?“ kommt Sandra offenherzig auf ihn zu. „Das müssen wir jetzt unbedingt ändern. Nun werfen sie mal alle Laster von sich, sonst komme ich nämlich umsonst. Sie verfälschen mir alle Ergebnisse.“ lacht sie ihn an.

„Ergebnisse?“ fragt Herr Weber freundlicher.

„Ja, wir beide gucken jetzt mal, wo ich Ihnen helfen kann, damit sie schnell wieder unser edles Haus verlassen können.“ antwortet sie schlicht und einfach über alle Gefühlsebenen hinweg.

„Ach“ winkt Herr Weber ab.

„Was, was?“ fragt Sandra „Wollen Sie unser Haus etwa länger genießen, als andere? Das kostet bestimmt ein Aufgeld, welches Ihnen eigentlich nur unser schöner Park und das kleine Cafe am See abgelten können. Dazu müssen Sie aber fit sein. Also, es bleibt bei jeder Variante nur der eine Weg. Wir müssen jetzt loslegen.“ lacht sie ihn wieder an.

Irgendwie angetan von diesem burschikosen Auftreten setzt sich Herr Weber auf und folgt gespannt den weiteren Ausführungen der Ergotherapeutin.

Diese nimmt sich einen Stuhl, setzt sich ans Bett und holt eine dicke Mappe aus der mitgebrachten Tasche. Sie entnimmt dieser einen Bogen und schreibt erst einmal Namen und Datum in die dafür vorgegebenen Felder, während sie dabei laut alles mitspricht, was sie aufschreibt.

Anschließend legt sie ein großes A3-Blatt auf die Bettdecke. Es scheint selbst angefertigt zu sein.

Obwohl es viele Standardtests gibt, arbeiten doch viele Therapeuten mit solchen, die eigens von den einzelnen Lehranstalten entwickelt wurden, um den Lernenden nicht die Kosten für die teuren standardisierten Tests aufzubürden, die man nicht unbedingt in allen Kliniken oder Praxen vorfindet und nicht immer direkt am Patientenbett anwendbar sind.

„Herr Weber, Sie sehen hier verschiedene einfache Bilder. Ich hoffe Sie können mich gut verstehen. Ich frage sie jetzt nach einem Bild und sie zeigen mir, wo es auf dem Blatt ist. Okay?“ will sie sich noch vergewissern und guckt direkt in seine Augen.

Herr Weber reagiert jedoch zögerlich, sodass sie einfach beginnt.

„Zeigen sie mir den Stuhl!“ Sofort zeigt der Patient auf die Mitte des A3-Blattes.

„Zeigen sie mir den Schrank!“ Herr Weber benötigt nur einen kurzen Moment länger und tippt mit dem Finger in die rechte oberer Ecke des Blattes.

Sandra schreibt unmittelbar neben den Angaben oberer rechter Quadrant o.B., was bedeutet, dass alles in Ordnung ist, also ohne Befund.

„Zeigen sie mir das Bett!“ erfolgt eine weitere Aufforderung. Auch das bereitet Herrn Weber keine Mühe und so verweist er nach links unten.

Somit ist auch der untere linke Quadrant ohne Befund.

Man teilt das Sehfeld in 4 Quadranten, jeweils zwei oben und unten sowie zwei links und rechts, wobei oberer und rechter identische Quadranten sind. Gleiches gilt für die anderen.

Ohne Pause fordert Sandra aber gleich weiter: „Zeigen sie mir den Tisch!“ Wieder reagiert Herr Weber problemlos und deutet auf die Ecke rechts unten.

Auch das Bild im oberen linken Quadranten findet er sehr schnell, sodass Sandra freudestrahlend posaunt: „Na das sieht ja wirklich gut aus. Sie haben keine Gesichtsfeldeinschränkung. Sie können alles sehen. Super.“

Herr Weber guckt etwas entgeistert, war doch die Aufgabe sehr einfach ,und natürlich würde er alles sehen’ denkt er noch.

„Doch, doch, Herr Weber. Sie können sich wirklich freuen, denn die Patienten merken nicht, wenn das Gesichtsfeld oder die Wahrnehmung eingeschränkt ist, weil das Gehirn dies nicht meldet.“ holt sie noch einmal aus.

„Ja?“ will Herr Weber wissen, der nun nicht weiß, ob er alles verstanden hat.

„Ja, glauben sie mir ruhig. Es gibt Patienten, die essen nur die eine Hälfte des Tellers leer, weil für sie die andere Seite momentan nicht existiert.

Erst wenn sie dazu in der Lage sind und den Kopf schwenken, gleichen sie das dunkle Sehfeld aus und leeren auch die andere Seite.

Andere finden den Stift neben dem Blatt nicht, weil ihr Suchverhalten nicht gut genug ausgeprägt ist.

Manche beschreiben nur eine Hälfte eines Blattes. Oder sie laufen auch gegen einen Stuhl, weil sie die Seite, wo der Stuhl steht, nicht wahrnehmen können.

Es gibt da die unmöglichsten Kuriositäten mit vielen blauen Flecken und ungewollten Stürzen.“

„Mh ...“ kommt nur als Reaktion auf die Ausführungen der Therapeutin während diese beim Wegnehmen des A3-Blattes einen kleinen roten Stab dicht in die Nähe des Bauchnabels des Patienten legt.

„Herr Weber, ich habe noch eine Bitte.“ nimmt sie wieder Kontakt mit ihm auf. „Ich benötige den roten Stock, den ich gerade in ihr Bett gelegt habe. Könnten Sie mir diesen geben!“

„Stock?“ folgt eine entgeisterte Frage, hat doch Herr Weber davon nichts bemerkt. „Ja, bitte geben Sie mir den Stock!“ fordert Sandra noch einmal.

 

Herr Weber sucht mit seinen Augen die Bettdecke ab, indes er von Sandra sehr genau beobachtet wird.

Es braucht nur einen kleinen Moment, da fällt Herrn Weber der Stock schon ins Auge, den er mit einem Lächeln der Therapeutin übergibt.

Nur kurz Danke sagend, schreibt Sandra in den Bogen – Suchverhalten sehr gut. Da sie bereits in seiner Patientenakte gelesen hatte, dass er sich nur mit wenig Hilfe selbst wasche und auch ankleide, überträgt sie diese Informationen jetzt weiter unten stehend in ihren Bogen und äußert dabei laut: „keine Apraxie, Handlungen erfolgen logisch ohne Unterbrechung und Suchverhalten, beginnen am Anfang und enden prompt.“

Sich Herrn Weber zuwendet, bringt sie ihm auch darüber ihre Freude zum Ausdruck, denn eine Apraxie ist eine sehr schwere Störung, selbst in ihrer geringsten Ausprägung.

Man versteht darunter eine Ausführungsstörung eigens gewünschter Bewegungen, wobei keine Lähmung der Muskulatur vorliegt.

Somit ist der Gebrauch von Werkzeugen des alltäglichen Lebens oder auch der Sprechwerkzeuge andernfalls der Extremitäten eingeschränkt.

In sehr schlimmen Fällen sind die Patienten unfähig sich selbst zu versorgen, unfähig sich anzukleiden oder auch das Essen zuzubereiten, Kaffee oder Tee zu kochen.

Ja sogar das Essen selbst kann schwierig sein, wenn die Reihenfolge des Vorgangs – bspw. den Löffel greifen, ihn zum Teller heben, die Suppe aufnehmen und anschließend den Löffel zum Mund zu führen – nicht logisch ausführbar ist.

Eine Apraxie kann so auch das Schreiben, Sprechen oder den Gang einschränken, weil der Patient bspw. einfach nicht den Anfang der folgerichtigen Handlung findet und diesen als oft übliches Symptom sichtbar sucht.

Aber der Bogen ist noch nicht vollständig ausgefüllt. Sandra folgt weiter den Punkten und muss nun die Sensibilität überprüfen.

Zunächst geht sie mit dem Bogen langsam auf die andere Seite des Bettes, um einen Hinweis auf einen möglichen Neglect zu bekommen, der aber bei Herrn Weber eigentlich, auch in Anbetracht des guten Gesichtsfeldes, ausgeschlossen sein müsste.

Außerdem ist ein Neglect bei einem linksseitigen Schlaganfall viel seltener und wesentlich weniger ausgeprägt sowie relativ schnell rückgebildet, also regeneriert.

Meist trifft es eher Patienten, die eine Schädigung im Bereich der Arteria cerebri media der rechten Seite und damit einen Ausfall im rechten hinteren Scheitellappen haben und nicht in der linken Sprachhemisphäre.

Ein Neglect ähnelt auf den ersten Blick einem halbseitigen Gesichtsfeldausfall, einer Hemianopsie durch einen Verschluss der Arteria cerebri posterior.

Allerdings wird bei einem Neglect die Raum-, meist sogar Körperhälfte völlig vernachlässigt.

Dieser Bereich ist nicht existent, sodass der Patient bspw. seinen linken Arm nicht beachtet und diesen frei am Rollstuhl baumeln lässt, obwohl eine starke Lähmung des selben nicht vorliegt.

Oder im Gegensatz zu dem Leidenden mit dem Gesichtsfeldausfall müsste bei einem Neglect-Patienten eine Krankenschwester, auch ein Angehöriger, den Teller drehen, damit er leer werde, wobei der Kranke denken würde, er bekäme Nachschlag.

Wie bei dem erwähnten Stuhl im Gang, würde ein Patient mit Gesichtsfeldeinschränkung auf eine in diesem Stuhl sitzende Person reagieren, weil sie vielleicht gerade beim Zeitungslesen etwas raschelt und damit eine prompte Kopfbewegung des Vorbeigehenden auslöst, somit das Gesichtsfeld durch Kopfdrehung bei ausreichender Mobilität und Konzentration erweitert und ein Ausweichen ermöglicht.

Bei einem Neglect-Patienten dagegen könnten auf dem Gang mehrere Personen sitzen und sich laut unterhalten ohne jemals eine Reaktion darauf zu erhalten.

Damit stehen die Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte vor einem sehr großen Problem, dem sie nur mit Ausdauer begegnen können und dem Betreffenden stets von der nichtswahrnehmungsfähigen Seite ansprechen, berühren, mobilisieren und sensibilisieren, um ständige Aufmerksamkeit auf diese Seite zu gewährleisten und eine mögliche Verhaltensänderung des Patienten diesbezüglich auszulösen, damit dieser die ihm unbewusste Seite bewusst beachten lernt, also bspw. regelmäßig guckt, ob sein linker Arm auch auf der Armlehne liegt.

Es ist aber wirklich sehr schwierig und meist langwierig, doch die Art der Therapie benötigt Herr Weber glücklicherweise nicht, da er auf alle Bewegungen der Therapeutin an seiner rechten Seite adäquat reagiert bzw. diese verfolgt.

Demnach setzt Sandra hinter dem Wort Neglect ebenfalls ein o.B. und folgt weiter der Fragestellung des Bogens.

Sie berührt mit dem Ende eines kleinen Reflexhämmerchens Bereiche des rechten Armes und bemerkt, dass dieser leichte Sensibilitätsstörungen ab dem Unterarm bis in die Hand aufweist.

Herr Weber berichtet vom Kribbeln und Schwäche in diesem Bereich auf die Fragen der Therapeutin.

Gleiches beobachtet sie für den rechten Unterschenkel und Fuß.

„Aber die andere Seite kribbelt nicht?“ möchte Sie von Herrn Weber wissen. „Nein, gut, gut.“ äußert er zufrieden und zeigt stolz, wie er seine linke Hand kräftig schließen und wieder öffnen kann.

„Wunderbar, Herr Weber.“ gibt sie zur Antwort.

Sich langsam zur Tür bewegend erklärt sie: „Ich hole jetzt mal etwas Eis, um ihr Kälteempfinden einschätzen zu können. Bin gleich wieder zurück.“ und schon knallt die Tür leise ins Schloss.

Nur wenige Augenblicke später muss er allerdings das Eis ertragen, was ihm große Schmerzen bereitet.

„Au!“ sagt er kurz und zieht den Arm sofort an sich heran.

„Nanu!“ erwidert Sandra und will wissen: „Tut es ihnen am Bein und Fuß auch weh?“ während sie das Eis dort entlang zieht.

„Kalt.“ antwortet er, lässt aber das rechte Bein liegen.

„Okay, dann scheint die obere Extremität mehr betroffen zu sein.“ folgt eine eher versunkene Auskunft.

„Und wie ist es mit dem anderen Bein?“ und zieht das Eis, einfaches gefrorenes Wasser, vom Unterschenkel zum Fuß.

„Kalt“ erfolgt die gleiche Antwort des Patienten.

„Mh..., Herr Weber,“ muss Sandra noch wissen: „merken sie einen Unterschied zwischen dem rechten und linken Bein? Ich benetzte noch einmal beide Beine nacheinander im direkten Vergleich.“

Sie streift also erst über das rechte, dann über das linke Bein und fragt wiederholend: „Merken sie einen Unterschied?“

„Nein, kalt“ arbeitet Herr Weber sorgfältig mit.

Er verfolgt, wie der linke Arm geprüft wird, aber dieser ist natürlich auch vollkommen in Ordnung, denn schließlich hatte er seinen Schlaganfall im Bereich der linken Hemisphäre, welche die rechte Körperhälfte innerviert.

Alle Ergebnisse trägt Sandra in die entsprechenden Felder des Bogens.

„Herr Weber, wir sind gleich am Ende. Ich hoffe Sie können sich noch einen Augenblick konzentrieren. Wollen wir noch den letzten Test ausführen?“

Herr Weber pustet einen kleinen Windstoß aus, als hätte er genug. Aber er hat sich nur kurz entspannt und antwort freundlich: „Ja.“

Daraufhin holt Sandra ein kleines Brett heraus, aus dem viele Stöckchen unterschiedlicher Größe und Dicke stecken. Sie kippt es kurzerhand um und alle Stöckchen fallen auf die Bettdecke.

Während sie einige beiseite schiebt, um das Brett direkt vor seinen Bauch zu legen, bittet Sie Herrn Weber: „Stecken sie jetzt die Hölzer bitte in die entsprechend vorgesehenen Löcher zurück! Bitte nur mit einer Hand! Mit welcher Sie anfangen, ist egal.“

Da Herr Weber bautechnisch sehr versiert ist, hätte er nicht einmal viel von der Aufgabenstellung verstehen müssen, um diese richtig zu lösen. So nimmt er sogleich seine kräftige linke Hand und steckt flink alle Hölzchen in die richtigen Löcher.

„Na, ohne Probleme.“ lobt ihn Sandra und bittet nach dem erneuten Umkippen des Brettes nun die rechte Hand zu nehmen.

Die großen dicken Hölzer fanden schnell ihren richtigen Platz, aber je kleiner und dünner diese wurden, desto schlechter konnte Herr Weber sie greifen. Das kleinste fiel ihm sogar drei mal aus der Hand.

Er flucht ein wenig, indem er laut stöhnt.

„Immer mit der Ruhe. Das klappt schon.“ ermutigt Sandra ihn.

Doch das kleinste Hölzchen will ganz und gar nicht.

„Na, dann wissen wir ja, woran wir arbeiten müssen.“ gab Sandra zielstrebend und forsch zum Ausdruck, um etwaige Launen des Patienten zu überspielen.

Demnach ist die Feinmotorik der rechten Hand eingeschränkt, was sie auch entsprechend in ihrem Testbogen dokumentiert.

Da die vorgesehene Therapiezeit eigentlich schon überschritten ist, erklärt sie nun abschließend: „Das sieht ja alles ganz gut aus. Ab morgen legen wir dann mit der Therapie los. Wir werden hauptsächlich Ihre Hand stärken, okay?. Mit dem Bein wird sich der Physiotherapeut auseinandersetzen. Ich erläutere ihnen dann morgen alles weitere, wie wir vorgehen. Jetzt ruhen sie sich aber erst einmal aus.“ lächelt sich noch.

Sie räumt das Testbrett ein und reicht ihm zur Verabschiedung die Hand, wobei sie auf die Belange der rechten Hand des Patienten absichtlich keine Rücksicht nimmt.

Sie fordert ganz einfach die Etikette, begleitend mit den Worten: „Bis morgen und noch einen schönen Tag“, was Herr Weber freundlich mit „Ja.“ erwidert.

Schon halb ins Kissen gesunken, blickt er noch einmal zur Tür, wie sich diese gerade hinter der Ergotherapeutin schließt.

Er ist nun etwas müde und schließt seine Augen, aber wesentlich beruhigter, denn seinem Gefühl nach, schloss er diesen Test mit recht guten Ergebnissen ab, was ihn hoffen lässt.

Obwohl er träge im Bett liegt und für einen Moment die Außenwelt ausschließen möchte, drängen sich seinen Ohren die regen Geräusche vom Flur auf.

Es polterte, als hätte die Putzfrau in aller Eile den Fußboden gesäubert und dabei gegen eine Tür gehauen. Seine blieb unbeschadet.

Doch in unmittelbarer Nähe seiner Tür müssen sich auf dem Gang Stühle befinden, denn nun ist lautes Scharren zu hören.

Plötzlich flucht die Putzfrau unbewusst: „Auch das noch.“ Der Stress, der in ihrer Stimme lag, ist bis in sein Zimmer wahrnehmbar.

Er erinnert sich an eine zufällige Situation in einem Büro in Berlin, wo er an einem großen Projekt mitwirkte, schon vor vielen Jahren, noch in der Anfangszeit seiner steilen Karriere.

Dort putzte eine sehr gut aussehende junge Frau, weshalb sie ihm überhaupt ins Auge fiel, das direkt gegenüberliegende Büro in rasanter Schnelligkeit ohne Aufzublicken.

Es war ein sehr feines Gebäude, in dem die einzelnen Räume geschickt nur durch Glaswände und Glastüren abgeteilt waren. Das ursprünglich ausgelegte Großraumbüro erhielt so interessante Sitzecken und Arbeitsbereiche mit feinsten Möbeln.

Während seine Augen damals ständig zwischen dem technisch hochentwickelten Computer und der Putzfrau wechselten, gewann sie durch ihre anmutigen Bewegungen ungewollt immer mehr seine Aufmerksamkeit.

Schließlich lehnte er sich ganz zurück und beobachtete sie nun sehr genau, bis ihm bald auffiel, dass ihr kleine Perlen von der Nase tropften.

Es war im Frühjahr, also noch nicht so warm. Auch die Räume waren nicht übermäßig geheizt.

Sie zückte zwar ein kleines Taschentuch aus ihrer Hosentasche, um das Gesicht zu trocknen, aber es war nur ein nicht signifikanter Augenblick, den sie dafür verwendete.

Eilig wirkte sie weiter und nahm aus ihrer Umwelt wohl nur wenig auf.

,War diese Arbeit so schwer?’ dachte er damals. ,Warum beeilt sie sich so? Wie kann denn in diesem Tempo alles sauber werden? Vielleicht bekommen sie ja mehr Geld, wenn sie mehr Räume schaffen?

Völlig ahnungslos über die Umstände im Reinigungswesen dachte er an seine Mutter, die auch für Sauberkeit im Haus sorgte.

Ihr dabei aber über die Schultern zu gucken, war eigentlich nicht möglich. Er betrat stets ein makelloses Heim, egal von wo er kam, ob von der Schule oder Uni, immer war schon alles sauber.

Sie hatten keine Putzfrau, seine Mutter war darin sehr eigen und er hörte sie auch nie klagen.

Aber das Wirken dieser jungen Frau stank nach Akkordarbeit, wie er sie aus Dokumentationen über Fließbandarbeit vom Fernsehen kannte.

Sicher, im ersten Moment könnte man glauben, weniger geistige Arbeit verdiene einen geringeren Lohn, weil die- oder derjenige keine Synergieeffekte provozieren und die Wirtschaft voranbringen müsse, aber gegen Dumpinglöhne war er schon immer.

Und wenn man an manche Manager denkt, dann wälzen diese nur Papier und werden bei ihren Besprechungen immer dicker und dicker, während sie angeben mindestens 80 Stunden in der Woche zu arbeiten. Ist da überhaupt noch Synergie möglich?

Das Arbeitslosenheer tritt den Beweis an. Mit möglichst wenig Aufwand muss allerdings Jahr für Jahr mindestens eine Umsatzsteigerung von 5% erwirtschaftet werden, um überhaupt als Firma Anerkennung zu finden. Die Gewinnmaximierung überragt inzwischen jegliche Moral und Ethik.

Erscheint es nicht eigentlich sehr einfach, das Geschäft auf Drittländer zu verlagern, bis man, weil alles erneut abgegrast wurde, sich den Viertländern widmet?

Häufig deklariert man diesen Konflikt zum Sparzwang so, dass dort Arbeit geschaffen wird. Das ist auch gut so, wenn es nicht an Ausbeutung grenzt und diesen Ländern zu wirtschaftlichem Aufschwung verhilft, obgleich es das Billiglohnland gänzlich abschaffen würde.

Wir stehen vor einem großen Problem in Anbetracht der rasant wachsenden Bevölkerung, der zunehmenden Armut und den abgrenzenden Vorurteilen auf der Erde. Was wollen wir tun?

Kann uns nur die Pest oder eine andere Epidemie retten, um unseren ewig wachsenden Anspruch, der durchaus biologisch wie psychologisch begründet ist, geltend zu machen, anstatt zu teilen?

Sollen wir wirklich in Kasten denken, so wie es in Indien benannt aber überall auf der Welt vollzogen wird?

Schon aus verhaltenspsychologischer Sicht ist es wichtig, dass sich Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten in der Familie, in Gruppen, einer Staaten- sowie Weltgemeinschaft einordnen müssen, damit ein alltäglicher Rhythmus und ein wirtschaftliches Miteinander den Fortbestand der Spezies Mensch garantiert.

Aber irgendwie verkennen wir stets den Darwinismus, der eigentlich nicht vorsieht seine Ressourcen sowie Symbionten zu vernichten, sondern im Einklang mit diesen auszukommen, auch wenn der Schwächere unterliegt.

Wir setzen aber die Nahrungskette der Wildtiere oft mit Nitzsches Worten über das Recht des Stärkeren als „Der Stärkere gewinnt“ gleich. Sind wir aktive Kannibalen?

Ist nicht die Innovation etwas aus dem Nichts stanzen zu müssen genauso anerkennenswert?

Selbst die großen Säugetiere zu Wasser und zu Land achten ihre Putzfreunde. Sollten nicht deshalb die Löhne in einem würdevollen Verhältnis zueinander stehen?

Herr Weber dachte nun aktiv nach: ,Mein Gott, das ist doch mein Dreck. Manchmal riecht es sogar. Natürlich möchte ich, dass dieser vorbehaltlos und vertrauensvoll entsorgt wird.’

Im gleichen Moment fällt ihm eine Dokumentation ein, die er im letzten Jahr sah. Darin wurde recht ausführlich über die Logistik im Ritz-Carlton, einer hochrangigen Hotelkette, berichtet.

Man prahlte, dass sogar das Putzpersonal in logischer Abfolge, obwohl jede einzelne Putzfrau sich darin eigens organisieren müsse, jedes einzelne Zimmer abarbeite, um möglichst unnötige Wege, Schritte und Zeit zu vermeiden.

,Als Anreiz gäbe es Bienchen, die am Monatsende großzügig an das beste Personal verteilt würden’ erinnert er sich lächelnd an die Worte der Leiterin dieser Abteilung.

,Nein’ schüttelt er innerlich seinen Kopf ,wie im Kindergarten oder in den unteren Schulklassen.’

Natürlich wurde nicht bekannt gegeben, was das Personal an Gehalt erhielt. Vielleicht war es ja besser als gedacht.

,Ich würde diese Arbeit aber auf keinen Fall machen wollen. Mir wäre dies zu wider, gar zu eklig. Es gibt doch auch richtige Dreckschweine auf Erden.’ sinnt er zu Ende.

Seiner Überzeugung entsprechend, bezahlte er seine Putzfrau seit dem Ereignis im Glasbüro gut, auch wenn diese nicht oft kommen brauchte, da er ja viel unterwegs gewesen ist.

Mit seinen Gedanken wurde es langsam wieder ruhiger auf dem Flur, die Putzfrau scheint weitergezogen zu sein.

Doch die Ruhe weilt nur kurz, denn Schwester Monika trat ins Zimmer.

„Guten Tag, Herr Weber.“ bringt sie ihm höflich entgegen, worauf Herr Weber mit einem leichten Kopfnicken reagiert.

„Ich möchte die Magensonde anschließen.“ erklärt sie weiter.

Während Sie den Beutel an den dafür vorgesehenen Ständer hängt, hebt Herr Weber die Bettdecke zur Seite und zuppelt den Schlauch aus seinem Schlafanzug.

„Oh, vielen Dank.“ freut sich Monika über diese Zuarbeit und verbindet beide Enden.

Dann stellt sie noch die Fließgeschwindigkeit am Pumpgerät ein.

Herr Weber bringt sein Bettzeug wieder in den gewünschten Zustand und fragt Monika etwas zögerlich und beschämt: „Fenster?“

Mehr Worte sind nicht möglich, ist der doch schon froh, einen Wunsch äußern zu können.

„Fenster?“ reagiert Monika ebenfalls fragend. „Möchten Sie, dass ich das Fenster öffne?

„Ja“ folgt eine freudige Antwort.

Herr Weber ist höchst beglückt über diesen erfolgreichen Kommunikationsversuch.

„Ja, Sie haben recht. Es ist ziemlich warm und frische Luft macht munter.“ lacht Monika zurück und öffnet den rechten Flügel, den sie mit einem langen Haken einhängt, damit dieser nicht gleich zufällt, wenn die Tür geht.

„Brauchen sie sonst noch etwas?“ will sie wissen, sich schon langsam auf dem Weg nach draußen begebend.

„Danke“ erwidert Herr Weber und lässt seinen Blick sogleich in Richtung des Baumes schweifen, welcher direkt vor seinem Fenster leise säuselt.

Die frische Luft tat wirklich gut, was Herrn Weber zu tiefem Luftholen bewegt. Wieder legt er sich ausgeglichen in sein Kissen zurück und lauscht den Geräuschen, die der Frischluft folgen.

Texte: Anne Adler

 

Bildmaterialien: Bild - ABC Kunstschule Paris Cover: Anne Adler

Alle Rechte vorbehalten.

Tag der Veröffentlichung: 14.05.2018

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