Verstehen

Anne Adler · Kapitel 2 von 3

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Verstehen

2. Kapitel

Am nächsten Morgen, so gegen 5:00 Uhr, betritt Pfleger Hans das Zimmer des Patienten und sieht die Windel vor dem Bett liegen.

Herr Weber war schon früh erwacht und entfernte diese. Als junger Mann konnte er dieser Fürsorge nur schamhaft gegenübertreten.

Glücklich darüber, dass ihm nun ein Pfleger gegenübersteht, zeigt er auf den Katheterschlauch und fragt ein wenig erbost: „Was?“

Im gleichen Moment versucht er am Schlauch zu ziehen, was ihm wegen der Kraftlosigkeit seiner rechten Hand nicht gelingt.

„Herr Weber!“ ruft Hans sogleich dazwischen, während er sich schnell von der Tür zum Bett bewegt, ohne ihn begrüßen zu können. „Sie dürfen den Katheter nicht einfach so herausziehen, sie können sich verletzen.“

„Nein, nein, weg.“ schimpft der Patient jedoch.

„Herr Weber, am Katheter ist ein mit Luft gefüllter Ballon, der diesen in der Blase hält. Es würde sehr weh tun und durchaus bluten. Bitte lassen sie das!“ entgegnet ihm Hans nun sehr streng.

Herr Weber schaut nur kurz auf und besteht weiterhin unbeeindruckt auf die Entfernung des Katheters. „Weg, weg, nein ,nein, weg! fordert er vehement.

Hans ist sich nicht ganz sicher, wie er diese Reaktion deuten soll. Er ist zwar schon sehr lange als Pfleger tätig, geht in fast 3 Jahren in Rente und liebt deshalb die Nachtschichten auf dieser Station, weil sie so herrlich ruhig sind, aber man kann sich anfangs der Reaktionen eines Schlaganfallpatienten nicht immer sicher sein.

‚Ist er verwirrt oder meint er es ernst? Hat er einen HOPS?’ fragt sich Hans, denn nicht selten müssen sich die Schwestern und Pfleger in den ersten Tagen bis Wochen mit einem Hirnorganischen Psychosyndrom (HOPS) auseinandersetzen.

Die Patienten sind dann zuweilen leicht verwirrt, obwohl sie in anderen Momenten wieder klar denkend, völlig unauffällig auftreten.

Dieser Zustand ändert sich glücklicherweise meist mit zunehmender Genesung. Aber was war mit Herrn Weber? Aus Sicherheitsgründen entscheidet Hans den Katheter zu entfernen.

Er greift Herrn Webers Arm und sagt: „Warten sie bitte einen Moment. Ich werde den Katheter ziehen.“

Eine Spritze aus der Hemdtasche nehmend, setzt er diese an und zieht die Luft aus dem Ballon. „So, nun geht es leichter.“ beschwichtigt Hans, wobei etwas Urin nachläuft.

„Ich werde ihnen eine Ente ans Bett bringen, denn ihre Blase muss sich erst wieder daran gewöhnen, den Urin zu halten. Mit der Ente können sie dieses kleine Malheur dann sicher verhindern.“ beruhigt Hans den Patienten, der gerade schon wieder leicht aufbrausen wollte.

Stattdessen kommt von ihm ein erlöstes: „Mh, ja.“

Die Situation wird nun wesentlich entspannter und beide Herrn sehen sich freundlich in die Augen.

Aufgrund des resoluten Auftretens Herrn Webers fragt Hans vorsichtshalber: „Möchten Sie sich am Bett oder im Bad waschen?“

Ein willenstarker Fingerzeig in Richtung Tür begleitet Herrn Webers Erwiderung: „Waschen.“

Hans überlegt, wie kräftig wohl Herr Weber sei, ob er ihm einen Stuhl vor das Waschbecken stellen oder ihn unter die Dusche setzten soll. Er entscheidet sich für den Stuhl, da er währenddessen das Bett wieder in Ordnung bringen kann.

„Einen Moment bitte, ich bringe schnell den Stuhl ins Bad und helfe ihnen dann sogleich.“ erläutert er sein Handeln.

 

Herr Weber ist inzwischen an die Bettkante gerutscht und will schon aufstehen, als Hans eilig zurückkommt und ihm unterstützend unter die Arme greift.

„Oh, mein Bein.“ ächzte Herr Weber ganz spontan und bemerkte beim Aufstellen seines rechten Beines ein leicht taubes Gefühl.

Es wollte ihm nicht wie früher gehorchen und so knickte der Fuß ganz leicht nach innen weg. Glücklicherweise ist Hans kräftig und verhindert das Zurückfallen, denn trotz der geringen Lähmung ist die Irritation für Herrn Weber sehr groß, zumal er auch fast 6 Wochen im Bett lag und nun das erste Mal aufsteht.

„Ich hole einen Rollstuhl, Herr Weber. Ist das okay?“ fragt Hans noch beim Abstützen.

„Nein, nein.“ folgt eine für Herrn Webers erste Krankenresignation entsprechende Antwort.

Also bleibt Hans nichts anderes übrig, als Herrn Weber hinlänglich zu stützen und mit ihm langsam zum Waschbecken zu gehen.

‚Hoffentlich übernimmt er sich nicht.’ denkt er, macht ihm dennoch Mut und beschließt diesen Kraftakt mit: „Geschafft.“

Herr Weber lächelt ihm über den Spiegel zu und setzt sich mit beiden Händen, am Waschbecken festhaltend, auf den Stuhl. Einen Moment innehaltend, lässt er es sich gefallen, dass Hans warmes Wasser ins Waschbecken lässt, auf die Zahnbürste Zahnpasta gibt und diese auf den Beckenrand sowie Waschlappen und Handtuch auf die Stuhllehne legt.

„Ich mache inzwischen ihr Bett.“ sagt er beiläufig. „Beim Rücken werde ich ihnen etwas helfen, wenn sie nichts dagegen haben.“

Die Antwort des Patienten gar nicht erst abwartend, begibt er sich sofort zum Bett, um das Laken zu wechseln und es zu richten.

Indessen entledigt sich Herr Weber des am Rücken offenen Nachthemds und wäscht sich das Gesicht.

Es ist herrlich, dieses frische Nass, wobei er langsam sein Gesicht abtastet und erneut dem tauben Gefühl des rechten Mundwinkels nachspürt. Irgendwie fühlt sich die gesamte rechte Wange gänzlich anders als die linke an.

Mit der rechten Hand am Ohr angekommen, ist er froh, dass er dieses als normal empfindet.

Dann nimmt er, um sich den Missempfindungen zu entziehen, sicher wie bestimmt die Zahnbürste und putzt sich die Zähne.

Leider rutscht diese auf der rechten Seiten immer wieder aus dem Mund, was ihm zu einem verärgerten Raunen treibt.

„Kann ich ihnen helfen?“ kommt eine prompte Reaktion von Hans. Da er keine Antwort bekommt, guckt er kurz ins Bad, sieht aber, dass Herr Weber sich gerade den Lappen nimmt, ihn mit Flüssigseife und Wasser benetzt, worauf er sich wieder seiner Arbeit widmet.

Obwohl der rechte Arm und die Hand leicht beeinträchtigt sind, meistert dies Herr Weber sehr gut und wäscht sich Arme, Achseln, Brust und Bauch. Hier ist alles in Ordnung, er bemerkt nur das leichte Kribbeln in seiner rechten Hand.

Am Bauch ist er natürlich sehr vorsichtig und macht die Klebebinde, welche den Eingang der Magensonde abdeckt kaum nass.

Noch während er sich abtrocknet erscheint Hans und bittet ihn aufzustehen. Er ruppelt ihm ordentlich den Rücken erst mit dem Lappen und anschließend mit dem Handtuch ab.

Herr Weber schwankt dabei leicht, hält sich aber am Waschbecken fest. Es tut ihm sehr gut, da er seinen Rücken bewusst spürt und daraus etwas frische Kraft zieht.

Nackt steht er nun also am Waschbecken und Hans gibt ihm den Lappen zurück, damit er sich sein Genital und das Gesäß selber waschen kann.

Natürlich ist Herrn Weber dies etwas unangenehm. Nicht weil er es nicht gewohnt war mit anderen Männern gemeinsam zu duschen, schließlich kannte er es vom Schwimmen, war diese Sportart doch ein regelmäßiger Ausgleich für ihn.

Nein, heute liegt es vielmehr an der Situation, in der er sich befindet. Unter so genauer Beobachtung wusch er sich noch nie.

Nach dem Abtrocknen sinkt er in den Stuhl zurück und zieht stillschweigend das nun geschlossene Nachthemd an, welches ihm Hans zuvor reichte. Seine Mutter muss ihm erst einen Schlafanzug mitbringen.

Geschafft schleppt er sich mit kräftiger Unterstützung des Pflegers zum Bett und hält einen Moment auf dem Bettrand inne.

„Danke.“ seufzt er zufrieden und begibt sich unter die Bettdecke.

Hans hilft ihm ein wenig und sagt abschließend: „Nun können sie noch etwas schlafen. Es ist erst 5:30 Uhr. Das Frühstück bekommen sie später.“

Mit einem kurzen „Mh...“ schließt Herr Weber die Augen und fällt alsbald in einen gesunden Morgenschlaf.

Hans bringt das Bad wieder in Ordnung, stellt den gesäuberten Stuhl zurück, hinterlässt eine Ente am Bett und bringt, wobei er selbstverständlich ganz leise die Tür schließt, die Wechselwäsche sowie das andere Pflegezubehör in den Toilettenraum der Station.

Zum Abschluss seiner Schicht schreibt er noch in die Akte des Herrn Weber – Katheter musste aus Sicherheitsgründen entfernt werden; Patient etwas resolut; evtl. geringe Krankeneinsicht; wirkte leicht verwirrt, evtl. HOPS; das Laufen fällt ihm noch schwer; wusch sich allein mit nur wenig Unterstützung am Waschbecken und Sitzhilfe; nimmt Hilfen ungern an; Ente am Bett.

Die Akte zuklappend, bemerkt er, wie die Stationsschwester Marga ins Dienstzimmer kommt.

Freundlich wie immer, begrüßt er sie sogleich: „Guten Morgen, Schwester Marga! Haben wir uns nicht gestern Abend erst verabschiedet?“

Marga erwidert noch etwas müde: „Guten Morgen, Hans! Gestern habe ich einen wichtigen Termin bei Gericht ausgeglichen. Warum soll ich mich nicht auch einmal einem kurzen Wechsel unterziehen.“

„Wie ging es denn bei Gericht aus?“ fragt Hans, der den Grund für diesen Termin natürlich kannte. Schließlich arbeiten beide bereits seit mehr als 10 Jahren zusammen, sodass sie sich schon oft über ihr Leben austauschten.

„Ach, ganz gut. Ich behalte das Haus. Es war nicht einfach. Dafür ist die Abfindung geringer, aber mein kleiner Garten ist mir so ans Herz gewachsen.

Mein Exmann war nicht gerade erfreut, sogar fast erbost. Wirklich traurig, dass man so auseinandergehen muss.

Selbst meine Tochter ist über diesen Wandel ihres Vaters erstaunt.

Seine neue junge Freundin scheint sehr anspruchsvoll zu sein. Jetzt wird er auch noch einmal Vater. Na ja.“

„Mh... Marga, ich wäre dir immer treu geblieben. Wir wären bestimmt ein ausgeglichenes, herzzerreißendes Paar gewesen.“ tröstet Hans Marga ein wenig.

Marga lacht sofort. „Hans, du hast doch deine Frau. Was für ein Glück, dass sie dich gerade nicht hört.“ erwidert sie leicht verlegen, obwohl sie genau wusste, das Hans scherzte.

„Oh, das ist aber ein schönes Kompliment. Du kümmerst dich um meine Frau und erteilst mir keine grässliche Abfuhr. Ich bin geradezu entzückt.

Ich wusste immer, dass wir beide auch gut zusammenpassen würden. Aber natürlich hast du recht, ich liebe meine Frau nach wie vor.“ erwidert er schmunzelnd.

 

Marga nun schäkernd: „Hans, du gehst doch auch bald in Rente. Willst du deine Reisen wirklich allein unternehmen? Du weißt doch, ich muss noch über 10 Jahre arbeiten. Wer weiß, was du in der Zwischenzeit anstellen würdest, so fitt wie du bist.“

„Marga, Marga, was denkst du von mir?“ folgt eine schauspielerisch empörte Äußerung von Hans. „Ich würde für dich kochen.“

„Ah, das sagen sie alle.“ lacht Marga. „Aber ich weiß von Deiner Frau, dass du ein ausgezeichneter Koch bist.“

„Apropos, in drei Wochen machen wir ein Grillfest mit einigen Nachbarn.“ platzt Hans dazwischen, da es ihm gerade einfällt und er schon vor einer Woche fragen wollte. „Meine Frau und ich wollen dich gern einladen, damit du auch mal wieder auf andere Gedanken kommst. Wird wie immer nett. Kommst du?“

„Ach ja, gern, das ist keine schlechte Idee.“ beendet Marga den kleinen Flirt.

Den Arbeitsalltag einleitend, fragt sie Hans nun in gewohnter diensthabender Ausdrucksweise: „Gab es irgend etwas besonderes in der Nacht? Wie geht es Herrn Weber?“

„Alles bestens. Es war ruhig. Herr Weber wirkt noch leicht verwirrt. Ich musste ihm den Katheter ziehen. Sonst arbeitet er aber ganz gut mit. Er müsste jetzt schlafen.“ kommt die Auskunft.

„Wunderbar.“ äußert Marga, indes sie sich ihren weißen Kittel überwirft und sich an den Schreibtisch setzt.

Während andere Mitarbeiter der Station langsam eintreffen, packt Hans seine Sachen zusammen und verabschiedet sich allgemein von allen.

Auf der Station beginnt ein reges Treiben. Da schon um 7:30 Uhr mit den ersten Therapien begonnen wird, bleibt den Schwestern auf der Station nicht viel Zeit für das Austeilen der Medizin, mancher Hilfeleistung bei der Morgentoilette der anderen Patienten und die Vorbereitung des Frühstücksraums.

Nur sehr wenige Patienten bekommen ihr Frühstück direkt ans Bett. Heute zählt Herr Weber aber dazu.

Schwester Marga bestellte am Vortag extra eine warme Puddingsuppe, mit der Hoffnung, seinen Geschmack getroffen zu haben.

Sie beauftragt eine Krankenschwester für Herrn Weber noch ein paar Weißbrothappen mit Butter zu bestreichen und ihm beim Frühstück zu begleiten.

Schwester Monika betritt nach den Vorbereitungen das Zimmer des Patienten und stellt das Frühstückstablett auf den Beistelltisch.

Herr Weber wacht in dem Moment auf, wo er das Klappen des Fensters wahrnimmt, welches Monika gerade öffnet. Es klemmte irgendwie.

Von draußen hört er einen LKW am Fenster vorbeifahren. Das ist wohl ein Versorgungstransport des Krankenhauses, aber das kann er nicht wissen.

Nun hat ihn das Leben wieder vollends zurück. Ab heute muss er sich neuen Herausforderungen stellen, die die Genügsamkeit eines jeden Menschen auf die Probe stellt.

„Guten Morgen, Herr Weber! Ich bin Schwester Monika und habe ihnen das Frühstück gebracht.“ begrüßt sie ihn lächelnd.

„Tag!“ bringt Herr Weber noch etwas schläfrig hervor. Dann nimmt er den Duft des Frühstücks wahr, was seine Sinne anregt und vollkommen erwachen lässt.

Schwester Monika stellt das Kopfende hoch und schiebt die Tischfläche des Beistelltisches über das Bett, sodass ein herrliches Sonntagsfrühstück möglich wäre. Über soviel Service ist der Patient erst einmal erstaunt, greift die Tasse Tee mit beiden Händen und nimmt einen Schluck.

Diesmal läuft nicht so viel aus dem Mund, nahm er extra einen ganz kleinen Schluck.

Verwundert über die Schwester, die sich nun einen Stuhl nimmt und sich ans Bett setzt, nimmt er das bereitgelegte Papiertuch und tupft den rechten Mundwinkel ab. Der fragende Blick des Patienten veranlasst Monika dazu, ihm ihr Vorgehen zu erklären.

Aus den Akten wissend, dass Herr Weber sehr eigen ist, sagt sie mit viel Charme: „Ich hoffe, es stört sie nicht, wenn ich ihnen bei ihrem ersten Frühstück etwas Gesellschaft leiste.“

Natürlich war das gelogen, aber sie muss den Patienten unbedingt wegen einer möglichen Schluckstörung beaufsichtigen.

Ebenso ist zu beachten, dass ihm diese Mahlzeit bekommt, wird er doch noch über die Magensonde ernährt, wobei er die Sondennahrung heute erst im Laufe des Vormittags als Zusatz bekommt.

Die Ernährung muss langsam und schonend umgestellt werden.

Im selben Augenblick öffnet sich die Tür und die Logopädin kommt ins Zimmer. „Hallo, Guten Morgen!“ begrüßt sie die Anwesenden.

‚Noch eine Schwester?’ denkt Herr Weber fragend.

Frei heraus sagt sie weiter: „Ich bin die Logopädin und möchte sie beim Essen beobachten, wie sie schlucken und ob sie Schwierigkeiten haben. Ich hoffe, es stört sie nicht.“

Herr Weber guckt nur verdutzt und hört dem kurzen Gespräch der beiden Frauen zu.

 

„Oh, dann werde ich mich mal auf die Socken machen.“ entgegnet Schwester Monika. „Wir müssen ja nicht beide zusehen, oder Herr Weber?“

„Ja, mir ist gerade eine Therapie ausgefallen, sodass ich etwas Zeit habe, mich um Herrn Weber zu kümmern. Schwester Marga sprach mich deswegen eben an.“ begegnet die Logopädin und mustert dabei das bereitgestellte Essen und Getränk.

Alles ist in Ordnung. Verschiedene Konsistenzen wurden ihm angeboten. Dadurch ist ein schnelles Abprüfen der Schluckfunktion möglich.

„Er hat gerade erst angefangen. Das Trinken klappt ganz gut. Manchmal hustet er wohl und aus dem rechten Mundwinkel läuft Flüssigkeit.“ erklärt Monika.

„Hat er schon etwas Suppe und Brot gegessen?“ will die Logopädin noch wissen.

„Nein, bisher nahm er nur einen Schluck Tee zu sich.“

„Sehr schön.“ denkt die Logopädin laut.

‚Was reden die nur?’ empört sich Herr Weber still.

Irgendwie hat er recht, sprachen sie in ihrem Arbeitseifer über seinen Kopf hinweg. Doch diese kurze Absprache war einfach notwendig.

Herr Weber muss sich wohl noch daran gewöhnen, dass er jetzt unterlegen und auf Hilfe angewiesen ist.

Als Ingenieur oblag ihm bisher dieses Privileg für andere zu entscheiden, Anordnungen durchzusetzen und entsprechende Kontrollen durchzuführen, auch mit der Maßgabe, nicht alle Empfindungen der Untergebenen zu beachten, schließlich ging es immer um Aufwand, Kosten und Nutzen.

Im Zuge der Krankheitseinsicht wird er sicher bald verstehen, dass diese Absprachen nur zu seinem besten sind, wobei natürlich darin eine Gefahr besteht, nicht im Sinne des Patienten zu agieren, weil man die augenblickliche Lage trotz aller medizinischen Objektivität stets subjektiv betrachtet, mit eigenen Vorstellungen verbindet und auch Kostengründe zwingend sind.

Herr Weber greift erneut die Tasse und nimmt einen weiteren Schluck, worauf er leicht hustet.

Beide Frauen gucken nun den Patienten an, bemerken aber keine weitere Auffälligkeit.

„Na dann ein gutes Frühstück!“ verabschiedet sich Schwester Monika und verlässt das Zimmer, während sich die Logopädin auf den Stuhl setzt. „Lassen sie sich bitte durch mich nicht stören! Lassen sie es sich schmecken!“ äußert die Logopädin freundlich.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Frau Zeder. Wir sehen uns jetzt öfter, bestimmt einmal pro Tag.“

Herr Weber, nun wieder innerlich beruhigt, guckt sie nur an und sagt ganz schlicht: „Tag.“

Beide lächeln und Herr Weber greift den Löffel, um sich etwas Suppe zu nehmen. Der Löffel liegt irgendwie viel zu locker in seiner Hand.

„Sie können gern die andere Hand nehmen!“ ermuntert Frau Zeder ihn.

Entsprechend versucht er die Suppe mit links zu löffeln, wobei er einen deutlichen Unterschied zum Tee bemerkt. Sie lässt sich viel leichter schlucken und es läuft auch nur sehr wenig aus dem Mundwinkel.

Er hustete noch nicht einmal. Den Grund dafür kann er sich nicht erklären.

Nach etwa sechs bis sieben Löffel hält er inne.

„Ich würde mich freuen, wenn sie auch mal das Brot probieren könnten.“ ermuntert Frau Zeder Herrn Weber erneut.

‚Ja, warum nicht?’ denkt er und kaut munter drauf los, schluckt einen Teil herunter und versucht den Rest, der in seine Wange rutschte, mit der Zunge zu holen.

Ein dumpfes Druckgefühl stört ihn, was seine Zunge automatisch versuchen lässt, die Wangentasche zu leeren.

Leider bereitet es ihm Schwierigkeiten und er wird das Gefühl nicht los, das in der Wange noch etwas ist, was ihn plagt.

Wäre er jetzt allein, würde er einfach mit dem Finger die Wangentasche säubern. Aber unter Beobachtung tut er so, als sei alles in Ordnung.

Weit gefehlt. Natürlich nimmt die Logopädin seine Bemühungen anhand seiner Mundbewegungen wahr und greift einen Spatel aus ihren Mitbringseln, um sich die Wangentasche anzusehen.

„Herr Weber, darf ich ganz kurz in ihren Mund sehen, ob sie alles heruntergeschluckt haben?“ fragt sie höflich.

Verdutzt darüber, dass die Logopädin anscheinend von seinem Problem wusste, öffnet er, wenn auch etwas zögernd, den Mund.

Frau Zeder streift mit dem Spatel die rechte Wangentasche von innen und sieht noch einige Essensreste darin.

Gleich anschließend prüft sie, fast unbemerkt vom Patienten, die Wangenkraft, indem sie die Wange mit dem Spatel nach außen wölbt.

Bei genügend Kraft, ausreichender Sensibilität und Reflexsicherheit würde der Patient sofort dagegen arbeiten und die Wange zum Mundschluss wieder heranziehen.

Dies geschieht bei Herrn Weber etwas verzögert und unzureichend.

Alles zusammen, sind das eindeutige Indizien für die Lähmung und Sensibilitätsstörung der rechten Wangenpartie, wobei der rechte Mundwinkel nur dezent herunterhängt.

Die Stirn scheint aber in Ordnung zu sein, worauf Frau Zeder auf eine zentrale Facialisparese schließt.

Der Nervus facialis innerviert die Gesichtsmuskulatur. Aber die geschädigte Region lag demnach in der Großhirnrinde und nicht im Hirnstamm, sonst wäre es eine periphere Parese. Allerdings könnte die Sensibiltätsstörung und weitere motorische Beeinträchtigungen der Schluckfunktion aus einer Hirnstammschädigung resultieren, wodurch die Funktion der Nervi vagus, trigeminus, glossopharyngeus und hypoglossus beeinträchtigt sein könnten.

Der Vagus ist für die Sensibilität des Rachens zuständig, wobei der Hustenreflex sehr gut bei Herrn Weber ausgelöst wird. Den Würgreflex, der dadurch abgeschwächt auftreten kann, überprüft Frau Zeder später.

Sie möchte das Erdulden ihrer Untersuchungen während des Frühstücks nicht überstrapazieren.

Für die Sinneswahrnehmung der Gesichtsmuskulatur ist der Trigeminus und für den weichen Gaumen sowie das hintere Drittel der Zunge ist der Glossopharyngeus entscheidend.

Die motorische Funktion des Trigeminus ist jedoch in Ordnung, da das Kauen problemlos erfolgte und auch keine Kinnabweichung zu sehen ist.

Der Hypoglossus dagegen innerviert die Zungenmotorik. Diese wirkt auch leicht beeinträchtigt, es liegt aber zum Glück keine ausgesprochene Lähmung vor, sonst würde die Zunge zu einer Seite abweichen. Die präzise Zungenmobilität prüft sie aber ebenfalls später ab.

Es ist für eine Logopädin, bei einem solch diffusen Störungsbild, nicht einfach zu beschreiben, was exakt die Ursache ist. Deshalb klassifiziert Frau Zeder aufgrund ihrer Beobachtung es als eine orale Schluckstörung, bei der das unwillkürliche Schlucken kaum betroffen ist und als eine leichte Dysarthrie, eine Sprechstörung, bei der die Patienten oft undeutlich sprechen.

Hier kann sie jedoch nicht genau bestimmen, in welchem Ausmaß die Deutlichkeit abnahm, da sie nicht weiß, wie der Patient vor seinem Schlaganfall sprach und er bisher fast nur Einwortsätze äußerte.

Um ihre Erstdiagnose abzusichern, bittet sie Herrn Weber, ohne den Mund mit dem Spatel zu säubern: „Nehmen Sie bitte einen Schluck Tee zu sich und versuchen sie die Wangentasche zu säubern!“

Sich nun auf die kleine Untersuchung einlassend, folgt Herr Weber dieser Aufforderung. Doch es gelingt ihm nicht. Nur ein paar Krümel werden auf die Zunge gespült. Er schluckt gemäß und spürt die Nässe an seinem Hals.

Sofort greift er zum Papiertuch und tupft den Tee ab.

Die Logopädin ansehend, schüttelt er dezent den Kopf, was bedeutet, dass noch etwas in der Wangentasche ist.

Frau Zeder schaut noch einmal in seinen Mund und bemerkt: „Na, das sieht doch ganz gut aus. Es ist kaum noch etwas darin.“

Herr Weber ist über diese Äußerung verwundert, fühlt er doch deutlich noch Essensreste.

‚Sie wird schon recht haben.’ denkt er kurz und nimmt noch einen Schluck Tee, um sicher zu gehen, dass sein Mund danach sauber sein würde. Das klappte diesmal besser.

Entsprechend der Bitte der Logopädin, probiert er noch weitere zwei bis drei Happen, wobei er stets etwas Tee nachtrinkt sowie ab und zu mit dem Papiertuch den rechten Mundwinkel abtupft.

Frau Zeder gibt ihm indessen Hinweise, worauf er bei der Nahrungsaufnahme achten möge, scheint sein Sprachverständnis im Gespräch kaum gestört zu sein.

Langsam erklärt sie ihm: „Wenn sie Tee oder Wasser trinken, dürfen sie nur kleine Schlucke zu sich nehmen, da ihre Zunge derzeit die Flüssigkeit nicht richtig führen kann. Es läuft auch weniger aus dem Mundwinkel, sonst müsste man die Getränke leicht andicken, ähnlich dieser Suppe. Aber ich denke, dass ist nicht nötig.“

Ein kopfnickendes „Mh...“ äußert Herr Weber verstehend.

„Beim Brot, bitte ich sie ebenfalls um kleine Happen. Dann haben sie eine bessere Kontrolle über den Kaubrei. Und ganz wichtig, bitte erst etwas nachtrinken, wenn sie gut geschluckt haben, nicht dass sie etwas in die Luftröhre bekommen.

Sie können zwar husten, es ist dennoch nicht erstrebenswert. Die Sensibilitätsstörung kann leicht zur Irritation führen, also essen sie bitte langsam und lassen sich dabei nicht stören, so wie heute. Okay?“

Herr Weber lacht ein wenig, fand er sein Frühstück im nachhinein doch recht amüsant.

Ob er wirklich alles verstanden hat, kann allerdings erst überprüft werden, wenn er wieder etwas zu sich nimmt.

Jetzt hat er aber genug und schiebt die Tischplatte leicht beiseite.

Frau Zeder entfernt den Beistelltisch und sagt entschuldigend: „Ich hoffe, es hat dennoch geschmeckt. Aber es war äußerst wichtig. Nicht dass sie sich durch das Essen eine Lungenentzündung zuziehen.“

Herr Weber versteht diese Maßnahme und erwidert schmunzelnd: „Danke.“

Etwas geschafft legt er sich zurück. Das Kopfende bleibt allerdings noch eine Weile oben, um eine Aspiration, die Aufnahme von Fremdstoffen in die Lunge, zu verhindern.

 

Inzwischen sind fast eine halbe Stunde vergangen. Der nächste Patient wird bald vor dem Therapiezimmer der Logopädin stehen. Die Schwestern werden sich schon weiter um ihn kümmern.

Angebracht verabschiedet sich Frau Zeder mit den Worten: „Na dann, bis später.“, stellt den Stuhl zurück, verlässt mit dem Tablett das Zimmer, welches sie in die Küche bringt und trägt ihre Erkenntnisse in die Akte des Patienten, damit sich die Schwestern entsprechend einstellen können.

Zusätzlich weist sie noch darauf hin, dass zunächst faseriges Fleisch und Gemüse nicht gereicht werden darf, da es im Rachen hängen bleiben könnte. Die Muskulatur müsse erst gekräftigt werden.

Weil noch immer keine Schwester zu sehen ist, hängt sie die Akte in den Schrank und begibt sich in ihren Therapieraum, der sich auch direkt auf der Station befindet.

Auf dem Flur hört sie Stimmen. Dem Klang nach, gehen gerade der Stationsarzt und die Stationsschwester an ihrer Tür vorbei.

Wenn keine Oberarzt- oder Chefvisite ist, gehen beide gemeinsam jeden Vormittag zu einigen Patienten, um mit ihnen zu sprechen oder auch weitere nötige Untersuchungen sowie Therapien zu veranlassen.

Eine weibliche Stimme aus der anderen Richtung kommend, begrüßt gerade den Stationsarzt: „Guten Morgen, Herr Lodes!“

„Morgen, Schwester Monika.“ erwidert er beiläufig, wobei die Stationsschwester diese kurze Begegnung nutzt und Monika sogleich auffordert: „Kannst du bitte Herrn Weber seine Sondennahrung geben!“

„Ach, wie geht es denn unserem Herrn Weber heute?“ wird Herr Lodes, zuvor gedankenvertieft, nun doch aufmerksam.

„Ich denke ganz gut.“ folgt eine kurze Antwort der Schwester Monika.

„Hat er etwas zum Frühstück eingenommen?“ platzt Marga fragend dazwischen.

„Ich denke schon. Die Logopädin hat das Frühstück beaufsichtigt.“ äußert sie etwas entschuldigend.

„Ach ja, ich hatte sie darum gebeten. Dann wird sicher etwas in den Akten stehen.“ gibt Marga dem Stationsarzt zur Auskunft.

„Nun, so werden wir uns gleich einmal um Herrn Weber kümmern!“ bestimmt Herr Lodes und bringt wie schon oft, seinen Visitenplan durcheinander, wobei dies meist aufgrund von Veränderungen des Therapieplans der Patienten erfolgt.

Manchmal vergessen aber auch die Patienten das Arztgespräch und nutzen ihre vermeintlich freie Zeit im schönen Klinikpark, der mit seinen zwei netten Cafes, dem Wasserspiel im kleinen Teich und zahlreichen Bänken immer zu einer Erholung einlädt.

„Marga, holen Sie doch bitte die Akte!“ wünscht er, sich schon auf den Weg zu Herrn Weber begebend.

Schwester Marga kommt nur etwa 5 Minuten später ins Zimmer, als sie Herrn Lodes am Bett stehend sagen hört: „Hat es denn geschmeckt?“

„Ja.“ erwidert Herr Weber kurz, während der Arzt seinen Puls fühlt.

Schwester Marga gibt Herrn Lodes schweigend die Akte, worauf er sogleich zu blättern beginnt und die neuen Aufzeichnungen liest.

Für einen Moment ist es im Zimmer ganz ruhig. Man hört nur das Rascheln der Seiten. Schwester Marga und Herr Weber schauen sich beide in die Augen, als würden sie ein kleines Gespräch führen, mit dem Ausblick, auf die gewichtigen Worte des Arztes zu warten.

„Mh..., ja, na das ist ja bestens.“ beendet Herr Lodes die Stille, wobei er die gespannte, abwartende Haltung des Patienten nicht so recht bemerkte.

„Ich lese, dass der Katheter gezogen wurde, sie heute Morgen schon aufgestanden sind, wenn auch mit etwas Mühe und Hilfe, sie bereits gestern eine Kleinigkeit zu sich nahmen, es aber natürlich noch anstrengend für sie ist.

Das ist doch schon sehr gut. Was sagen Sie dazu? wendet sich Herr Lodes an den Patienten.

„Ja, gut.?“ entgegnet Herr Weber, wobei seine Stimmführung nicht klar verständlich zum Ausdruck brachte, ob es eine Aussage oder Frage war.

Sicher wollte er sich auch noch einmal vergewissern, inwieweit der Arzt wirklich zufrieden ist und ob es nun schnell gesundheitlich voran gehen würde.

Herr Lodes lächelt ihn an und äußert aufmunternd: „Na dann werden wir sie mal stärken. Dazu bedarf es einiger Therapien.

Beginnen wir zunächst mit Fahrradfahren, Ergotherapie und natürlich Logopädie. Was halten sie von drei Therapien am Tag?“

Herr Weber guckt kurz zu Schwester Marga, als wolle er seinen Gedanken - ‚Ich soll schon mit dem Fahrrad fahren?’ – laut aussprechen.

Nach einem zustimmenden, klaren Nicken der Schwester, bleibt ihm nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Ist er nun doch ein wenig unsicher geworden?

„Ah, Schwester Marga,“ will der Arzt noch wissen, „ist ihnen auch aufgefallen, dass Herr Weber zeitweise desorientiert ist?“

„Also, ich empfinde ihn als noch sehr geschwächt, wobei er seinem gesundheitlichen Zustand entsprechend manchmal etwas zu aktiv und ein wenig uneinsichtig wirkt. Sie wissen ja, wie das mit den jungen Männern ist, Herr Doktor.“

„Mh..., gut.“ sagt Herr Lodes, schon die nächste Frage an den Patienten richtend: „Dann waren sie über den Katheter wohl sehr erbost, Herr Weber?“

„Ja, ja, ja.“ klingt es aus dem Mund des Patienten, als hätte er sich in die Lage von heute Morgen wieder versetzt gefühlt.

„Schon gut.“ beschwichtigt der Arzt, die kleine Erregung bemerkend, sofort.

„Okay,“ wendet er sich an Marga, „dann schlage ich vor, dass sie für heute Nachmittag die Physiotherapie organisieren und ab morgen kommen dann Ergo und Logo dazu.“

„Das kriegen wir schon hin.“ äußert sie beiden mit der präzisen Befolgung der Anordnung dem Arzt und der bestärkenden Geste dem Patienten gegenüber deutlich.

Herr Lodes gibt Schwester Marga, nachdem er seine Notizen und weitere notwendige Untersuchungen in die Akte schrieb zurück und verabschiedet sich vom Patienten mit dem Hinweis, dass sie noch ein ausführliches Gespräch führen würden.

Indessen kommt Schwester Monika herein und lädt Herrn Weber zu einer Mahlzeit ein.

„Sie machen einem die Sondennahrung aber schmackhaft.“ witzelt Herr Lodes im Hinausgehen.

„Na ja, der Arzt hat schon recht.“ entschuldigt sie sich für ihre übertriebene Preisung, weil selbst Marga darüber lachen musste.

„Sie können es natürlich nicht schmecken, aber es wird sie stärken.“

„Apropos,“ fällt Marga ein, „ich habe für heute Mittag etwas Suppe bestellt. Die werden sie dann schmecken können. Ist das in Ordnung?“

Auf das kleine Durcheinander nicht eingehend, antwortet er etwas geschafft: „Suppe, ja.“

Monika hängt den Beutel auf, verbindet den Schlauch mit der Magensonde und stellt das Gerät, die Pumpe, entsprechend so ein, dass die Nahrung nicht zu schnell in den Magen gelangt.

Während Marga alles wohlwollend beobachtet, gibt sie Herrn Weber noch den Hinweis: „Lassen sie sich dadurch nicht stören! Ruhen sie sich nun einfach ein wenig aus!

Und bitte, stehen sie vorerst nicht ohne unser Beisein auf! Sie haben eine Ente am Bett. Andernfalls oder auch wenn die Pumpe piept, klingeln sie schlichtweg. Wir eilen dann.“

„Ja, und ich komme nachher mit der Suppe. Also bis dann.“ verabschiedet sich Schwester Monika lächelnd, der natürlich auch sogleich die Stationsschwester folgt.

Herr Weber hört nur noch die Tür, ist dann für einige Momente in seine Gedanken vertieft und schläft darüber ein.

Etwa eine halbe Stunde später klingelt das Telefon im Dienstzimmer. Da sich die Stationsschwester und der Arzt noch auf Visite befinden, stürzt Monika ans Telefon.

Es klingelt bereits das achte Mal, offensichtlich ist es wichtig.

Ein wenig außer Atem spricht sie in die Hörmuschel: „Rehaklinik -An der Wolfslichtung, Neurologie, Station C, Schwester Mo...“

Noch bevor sie aussprechen kann, hört sie eine nette, wenn auch leicht aufgeregte Stimme: „Sind Sie es, Schwester Monika? Ich bin es, Frau Weber. Ich möchte gern wissen, wie es meinem Sohn heute geht. Ist er wieder aufgewacht? Geht es ihm gut? Ich habe die Nacht vor Aufregung so schlecht geschlafen.“

Monika kann sie kaum unterbrechen, startet aber dennoch einen Versuch: „Frau Weber, ja, ich bin Schwester Monika.“

„Geht es ihm gut?“ fragt Frau Weber dazwischen.

„Frau Weber, aber ja. Ihrem Sohn geht es sehr gut.“

Gänzlich erleichtert unterbricht Frau Weber erneut: „Ach, das freut mich ja so. Sie können sich das gar nicht vorstellen, Schwester Monika.“

„Doch, natürlich, wir ...“ erwidert Monika nur kurz, da Frau Weber ihr abermals ins Wort fällt: „Sagen sie meinem Sohn bitte, dass ich ihn heute noch besuche. Ich komme am Nachmittag. Darf ich ihm etwas Obst mitbringen?“

„Selbstverständlich. Ach, mir fällt gerade ein, dass ihr Sohn aber keine Ananas essen soll.“ gibt Monika zur Auskunft.

„Nein, nein, ich dachte an Birnen, die isst er am liebsten. Vergessen sie ihm bitte nicht Bescheid zu geben, er wartet bestimmt!“ mahnt sie die Schwester.

„Nein, Frau Weber, seien sie beruhigt. Ich vergesse es nicht. Wenn ich ihm seine Suppe reiche, erzähle ich ihm von ihrem Anruf.“

Plötzlich piept es im Flur.

„Frau Weber, ich muss jetzt Schluss machen. Ein Patient benötigt Hilfe. Es piept hier.

Entschuldigen Sie bitte!“ verabschiedet sich Monika noch die Worte am anderen Ende wahrnehmend: „Ja, Auf Wieder....“ und schon liegt der Hörer auf.

Immerzu haben die Schwestern etwas zu tun. Nur selten bleibt Raum für eine größere Pause, da für das wenige Personal die Zeit meist eng begrenzt ist.

Das Gesundheitswesen ist in den Kliniken aufgrund der Pauschalbeträge, die von den Krankenkassen pro Patient bzw. Krankheit gezahlt werden zwar erträglicher als in der ambulanten Pflege, welche inzwischen in Akkordarbeit den Pflegenden gegenüber agiert, dennoch ist die Hilfe streng solidarisch organisiert.

Die Gelder im Gesundheitswesen wirken sich sogar nachteilig auf die Assistenzärzte aus, die oft nach dem Studium auf ihrem Weg zum Facharzt bestimmte Fachbereiche durchlaufen müssen und nicht selten als Stationsärzte fungieren.

Glücklicherweise werden inzwischen ihre Nacht- und Sonderdienste, zumindest dem Gesetz nach, finanziell ausgeglichen. Das Bezahlungsniveau der Therapeuten ist dem gegenüber aber seit fast 20 Jahren unverändert und bewegt sich etwa in Höhe des Mindestlohns eines Postmitarbeiters oder auch Briefträgers, wobei die Psychotherapeuten nicht unter diese Kategorie der Heilmittelerbringer fallen und um ein Vielfaches finanziell besser dastehen.

Die Logopäden werden noch am besten bezahlt, gefolgt von den Physiotherapeuten, die dafür allerdings viel in ihre Weiterbildung investieren müssen. Sich daran anschließend, wären die Ergotherapeuten zu nennen und das Schlusslicht bilden die Kunst-und Musiktherapeuten.

Eigentlich ist in Anbetracht der Ausbildung, ihrer menschlich wertschöpfenden Arbeit sowie der manchmal auch psychischen Belastung, nämlich immer Mut und Kraft zu spenden, auch wenn man selbst persönliche Probleme mit sich trägt, die Höhe der finanziellen Anerkennung ein Grad unserer Ellenbogengesellschaft, welche überwiegend auf Gewinnmaximierung angepasst wurde und das wirtschaftliche Gut höher bemessen wird als die Gesundheit eines Menschen, man kaum auf Schadensersatzansprüche hoffen darf.

Einzig dem Pflegepersonal sowie den Therapeuten, Sozialarbeiter sind nicht auszuschließen, werden mahnend die sozialen Aufgaben innerhalb unserer Gesellschaft vor Augen geführt. Von einem Bänker würde man dies nie verlangen. Vielleicht sind sie ja ehrenamtlich tätig.

 

Die Physiotherapeutin, die gerade an die Tür des Herrn Weber klopft, denkt über die gesundheitspolitischen Zusammenhänge leider viel zu selten nach. Dabei würden alle Therapeuten gemeinsam, die größte Gruppe stellen die Physiotherapeuten, eine enorme Lobby bilden, um mögliche Veränderungen durchzusetzen.

Sicher liegt das an den Verbänden, die einzeln über die Aufstellung von Qualitätsvorgaben berechtigt versuchen, ihren Status innerhalb des Gesundheitswesens dem Hochschulniveau gleichzusetzen und dem üblichen europäischen Standard anzupassen, am Ende ihrer Gespräche jedoch immer wieder nachteilige Kompromisse eingehen. Die Türen scheinen sehr fest verschlossen zu sein.

Da die Physiotherapeutin auf ihr Klopfen nichts hört, öffnet sie diese und tritt an das Bett des Patienten.

Herr Weber sitzt in seinem Bett und schaute zuvor gelangweilt aus dem Fenster, beobachtete das Spiel der Blätter und die geschäftigen Vögel, die den Baum vor seinem Fenster immer wieder anflogen und mitunter laut trällerten. Selbst die Sondennahrung war schon durchgelaufen und abgestöpselt.

„Guten Tag! Ich bin ihre Physiotherapeutin. Sie können mich Laura nennen. Ich hoffe, ihnen ist ihr Mittag wohl bekommen, denn ich möchte sie jetzt zum Fahrradfahren abholen.“ sagt sie freundlich.

Herr Weber guckt sie etwas verdutzt an, da sie mit einem Rollstuhl das Zimmer betrat und denkt: ‚Was soll das denn? Und dann soll ich mit dem Fahrrad fahren?’ Doch ihm bleibt nichts anderes übrig, denn Laura ist eine zierliche, noch sehr junge Frau und kann Herrn Weber beim Laufen nicht unterstützen. Es besteht nach wie vor die Gefahr, dass er stürzen würde.

Unbeirrt setzt Laura ihre Worte fort: „Darf ich Ihnen in den Rollstuhl helfen? Wir müssen eine Etage tiefer. Der Geräteraum befindet sich dort.“

Mürrisch gibt er seine Zustimmung, denn nun müsse er, der sonst immer vor Kraft strotze, das Zimmer verlassen und alle würden sehen, dass er zu einem nutzlosen Frack geworden ist, welches auf fremde Hilfe angewiesen ist, nicht einmal richtig laufen kann.

Herr Weber schlägt seine Decke zurück, wobei Laura auffällt, dass kein Bademantel zu sehen ist. „Haben sie einen Bademantel?“ fragt sie sogleich.

Her Weber zuckt mit seinen Schultern, worauf Laura zum Schrank am Eingang geht und nach einem solchen schaut. „Ah, hier hängt einer. Den können sie anziehen.“ und hilft Herrn Weber in den selben.

 

Nachdem er sich aus dem Bett in den Stand drückte, dreht er sich mühsam, an der Armlehne festhaltend auf seinen noch schwachen Beinen und fällt mit dem Gesäß in den Rollstuhl, der fast umzukippen droht.

Laura steht etwas betreten daneben und findet keinen rechten Ansatzpunkt für eine fachgerechte Assistenz. Sie greift nur kurz an seine linke Schulter , um ihm etwas Sicherheit vorzutäuschen.

Normalerweise geben die Therapeuten mehr Unterstützung, indem sie sich vor den sitzenden Patienten stellen, die Arme des Patienten um ihre Schultern legen, dieser sich natürlich festhalten muss, mit leicht gebeugten Knien die Beine des Patienten fixieren und dann über leichte Schaukelbewegungen gemeinsam mit dem Patienten in den Stand gelangen sowie über eine drehende Bewegung in Richtung des fixierten Rollstuhls langsam den Patienten auf der Sitzfläche absetzen.

Aber diese Hilfe nahm Herr Weber nicht an, brauchte er vielleicht auch nicht.

„Na, hervorragend.“ lobt ihn Laura trotzdessen und schiebt den Patienten aus dem Zimmer in Richtung Fahrstuhl.

Auf ihrem Weg begegnet ihnen nur ein Mann, der kaum Notiz von ihnen nimmt. Auch der Flur der unteren Etage ist menschenleer.

Erst als sie den Geräteraum betreten, sieht Herr Weber drei Patienten. Darunter eine ältere Frau, ebenfalls im Rollstuhl sitzend, die sich mit einer anderen Therapeutin gerade einen Ball zuwirft.

Dann einen kaum jüngeren Herrn, der auf dem Fahrrad sitzt und Musik über Kopfhörer hört. Er nimmt Herrn Weber so gut wie nicht wahr, da das Fahrrad so aufgestellt wurde, dass der Übende aus dem Fenster sehen kann.

Der dritte Mann, erstaunlich jünger als Herr Weber, sitzt auf einer Matte und muss irgendwelche Übungen unter Aufsicht durchführen. Alle sind auf ihre Weise beschäftigt, sodass Herr Weber fast ungehört zum Bewegungstrainer gefahren wird.

Laura bittet ihn: „Können sie ihre Füße in die Pedalen stellen?“ und dreht die Fußstützen des Rollstuhls nach außen. Selbstverständlich folgt er dieser Bitte, wobei er nun über seine Gedanken, wie er wohl Fahrradfahren sollte, schmunzelt.

Mittels Klettbänder positioniert Laura die Füße fest in den Pedalen und betätigt die Steuereinrichtung, um die Pedalen langsam rotieren zu lassen.

‚Nanu, ich brauche ja nicht einmal selbst treten’ wundert sich Herr Weber und lacht über diese noch nicht gekannte Kuriosität leise, worauf Laura zur Auskunft gibt: „Sie müssen jetzt 15 Minuten so sitzen bleiben, Herr Weber. Mit Hilfe des Bewegungstrainers wird ihr Kreislauf und ihre Muskulatur gestärkt. Wir beginnen ganz langsam. Sie werden schon sehen, bald sitzen sie auch auf dem Fahrrad am Fenster.“ ermuntert sie ihn.

Den Kopf in Richtung Fenster bewegend, äußert er nur kurz, aber wesentlich freundlicher: „Mh..., gut. Danke.“

Während Laura den Geräteraum verlässt, gibt sich Herr Weber dem schnarrenden Geräusch des Bewegungstrainers hin und beobachtet die anderen Patienten. Eifrig bemüht, widmen sie sich ihren Übungen und die Zeit vergeht schneller als erahnt. Herrn Weber wurde bei seinem Training sogar leicht warm.

Es war keinesfalls anstrengend und so bringt ihn Laura wieder in sein Zimmer, wo schon seine Mutter auf ihn wartet.

Sie war noch nicht lange da, breitete aber inzwischen schon eine Serviette mit den darauf liegenden Birnen auf dem Beistelltisch aus, wobei sie noch sehr fest waren, ganz so wie sie diese selbst mag.

‚Sicher wird das Obst schnell die angenehme Reife für Peter haben.’ denkt sie im Augenblick, als sie von der Physiotherapeutin kurz begrüßt wird.

„Oh, Hallo! Sich wieder zu Herrn Weber wendend: „Na wunderbar, da wartet ja schon Besuch auf sie.“

„Guten Tag, junge Frau! Ich bin die Mutter.“ stellt sich Frau Weber vor. „Und sie sind die Physiotherapeutin? Schwester Katharina sagte mir, dass er zur Therapie sei.“

„Ja, mein Name ist Laura. Herr Weber musste etwas Fahrrad fahren.“

Erstaunt begrüßt Frau Weber fragend ihren Sohn: „Hallo mein Junge, du bist mit dem Fahrrad gefahren? Das ist ja großartig.“

Peter schüttelt nur leicht den Kopf über diese unbedachte Euphorie seiner Mutter, sie war jedoch schon immer etwas leichtgläubig, nicht naiv, aber wohlwollend.

Indes Frau Weber Peters Wange tätschelt, sagt Laura: „Na ja, er ist nicht direkt Fahrrad gefahren. Es war vielmehr ein Bewegungstrainer, mit dem die Beine wie auf einem Fahrrad bewegt werden. Ich habe schon ihrem Sohn erklärt, dass dadurch der Kreislauf und die Muskulatur gestärkt würden.“

„Ach, das ist doch auch gut.“ versucht Frau Weber einzulenken. „Wie geht es dir Peter? Hattest du einen anstrengenden Tag?“ fragt sie weiter.

Doch bevor Peter antworten kann platzt Laura dazwischen: „Ich muss gleich gehen und will sie nicht länger stören.“

„Haben sie Feierabend?“ wendet sich Frau Weber der Physiotherapeutin zu, während Peter sich zurückhält und wie so oft denkt: ‚Wenn sich Frauen erst einmal unterhalten, dann ...’

Schon geht die Tür auf und Schwester Katharina bringt zur Kaffeezeit eine Tasse Tee.

„Wieder zurück von der Therapie?“ fragt sie, wobei sie die Tasse auf den Beistelltisch abstellt.

Natürlich antwortet Frau Weber in ihrer großen Freude über die neue Situation seit mehr als 6 Wochen Hoffen: „Ja. Und sieht er nicht wieder gut aus?“

Laura und Katharina müssen kurz lachen, denn Herr Weber wirkt trotz seiner derzeitigen Schwächen sehr attraktiv, auch wenn man seinen möglichen Charme im Moment erahnen muss.

Er ist recht groß, trägt kurzes dunkles Haar, wobei seine feurigen, dunkelbraunen Augen dem etwas rundlichen Gesicht, welches ein markantes Kinn charakterisiert, den entscheidenden männlichen Flair gebühren.

Dennoch geht keine der beiden Frauen darauf näher ein.

Aber Herr Weber äußert nun entsetzt: „Mama!?“, denn er kannte die zahlreichen Verkupplungsversuche seiner Mutter bereits, ist dieser jedoch augenblicklich extrem unangebracht.

Frau Weber fällt erst mit dieser Ermahnung auf, dass ihre Aussage wohl etwas falsch aufgefasst wurde und lächelt etwas verneinend.

Sogleich einlenkend beginnt Katharina: „Ja, ich denke auch, dass Herr Weber schnell genesen wird. Doch heute muss er zunächst ins Bett zurück. Wir wollen nichts übereilen.“

Laura fährt den Rollstuhl ans Bett und unterstützt Herrn Weber nur geringfügig dabei, sich wieder ins Bett zu hieven, wobei ihr Unverständnis ausdrückender Blick die Augen von Schwester Katharina streift.

„Peter, du kannst dir ruhig helfen lassen.“ bringt die Mutter ein. „Die Schwestern sind doch sehr nett.

Ach, Entschuldigung, Sie sind ja die Physiotherapeutin.“

„Mh..., Mama.“ stößt Peter etwas erschöpft hervor, als würde er sagen wollen, dass er kein kleines Kind mehr sei.

Mit dem Überlegen der Decke verabschieden sich beide Frauen und wünschen noch einen schönen Nachmittag.

Nachdem sich die Tür schließt, sagt Frau Weber „Peter, ich öffne erst einmal das Fenster und lasse die Sonne herein. Was hältst du davon? Es ist herrlich warm draußen.“

Diese gute Idee regt Peter zu einer spontanen Reaktion an: „Gern, brauch frische Luft.“

Er ist höchst erstaunt über seinen kleinen Satz, fiel es ihm sonst furchtbar schwer die Worte zu finden. Bisher dachte er darüber noch nicht ausgiebig nach, da es wenig Gelegenheiten für eine ausführliche Kommunikation gab und er im Taumel seiner Gefühle noch sehr unsicher ist, aber irgendetwas nimmt ihm die Möglichkeit seinen Gedanken hörbaren Ausdruck zu verleihen.

Er fühlt sich irgendwie gefangen und mit jedem neuen Wunsch einer aussagekräftigen Äußerung bahnt sich mehr und mehr Ohnmacht über diese Restriktion an. ‚Was könne er nur tun?’ schaut er gedankenvertieft seiner Mutter beim Öffnen des Fensters zu, für die sein Empfinden in dieser Form gar nicht wahrnehmbar ist.

Trotz aller Gutmütigkeit und manchmal übertriebener Fürsorge könne sie seine Qual nicht einmal erahnen.

Sich nun ihrer großen Tasche zuwendend, die sie neben dem Tisch abgestellt hatte, erklärt sie Peter: „Ich hoffe, ich habe nichts vergessen, aber hier ist etwas Wäsche, die ich in den Schrank lege. Ist dir das recht?“

„Ja, Schrank.“ folgt die Zustimmung.

„Und guck mal, die zwei Hosen und dein komischen Sportanzug habe ich dir mitgebracht. Ich wollte nicht deinen ganzen Schrank durchsuchen.“

„Gut, Mama.“

„Ja wirklich?“ will sie wissen. „Ja, gut.“ sagt Peter lächelnd.

„Dann habe ich noch die drei Pullis als gut befunden und dir vier Hemden mitgebracht. Die sind ja leicht. Außerdem bin ich heute mit dem Taxi gekommen, sodass ich nicht so sehr auf das Gewicht der Tasche achten musste.“

„Mh..., Danke.“ ermuntert er seine Mutter, die nun ein wenig unsicher wirkt, weil es ihr unangenehm ist, dass sie in seinen Sachen suchen musste.

Obwohl beide im gleichen Haus, einem Zweifamilienhaus wohnen und Peter oft unterwegs war, respektierte sie stets seine Privatsphäre, öffnete nicht einmal die Post, selbst wenn diese beim Leeren des Briefkastens wie eine Rechnung aussah.

Sie spionierte ihm auch niemals nach, schließlich liebt sie ihre eigene Freiheit, auch wenn diese, wie oft üblich, nicht mit Egoismus gleichgesetzt werden darf.

Ihr einziger Fehler bestand darin, dass sie, sobald eine hübsche oder auch schöne junge Frau in seiner Nähe auftauchte, ihren Sohn lobpreiste und ihn stets anstachelte.

Es nervte ihn meist, doch er verstand in gewisser Weise auch seine Mutter, die unbedingt Enkelkinder haben möchte. Bisher fand sich aber noch nicht die richtige Frau, mit der er sein Leben hätte teilen wollen und so verführte er die Frauen in kurzweiligen Liaisons.

Was jedoch die Zukunft bringen würde, ist momentan nicht voraussehbar und selbst für die Mutter nicht relevant.

Voller Freude packt sie seinen Lieblingsschlafanzug aus, in dem er manchmal, einen Bademantel übergezogen, zum Sonntagsfrühstück hinunterkommt und legt ihn ans Bettende.

„Den kannst Du nachher gleich anziehen.“ bestimmt sie freudig.

Gemütlich zurückgelehnt, gönnt sich Peter nun einen Schluck Tee. Er ist schon ein wenig kalt, aber bei der Wärme sehr erfrischend.

Langsam kommt auch Frau Weber zur Ruhe und stellt einen Stuhl an sein Bett, um noch ein wenig zu plaudern.

„Ach, ich habe uns etwas Kaffee mitgebracht. Da ich nicht weiß, ob du schon richtigen Kaffee trinken darfst, ist er koffeinfrei. Magst Du einen Schluck?“ fragt sie und holt, bevor sie sich auf den Stuhl setzt die Thermoskanne und die Tassen.

„Ja...“ antwortet Peter etwas zögerlich, weil er eigentlich kein großer Fan von koffeinfreiem Kaffee ist.

„Probier mal!“ bittet ihn seine Mutter die Tasse reichend.

Nun genießen beide den noch heißen Kaffee für einen längeren Augenblick der Stille.

„Und schmeckt er?“ hebt Frau Weber die Ruhe auf.

„Ja, gut.“ erwidert Peter, wobei er darüber erstaunt ist, dass ihm dieser Kaffee schmeckt. „Lange nicht.“ schiebt er noch hinterher, abermals völlig spontan und hoch emotional.

Beide lachen sich an.

 

Von draußen kommt ein kleiner Spatz auf das Fensterbrett geflogen und guckt neugierig ins Zimmer.

„Oh, wir bekommen Besuch. Sieh mal Peter!“ und zeigt mit dem Finger in Richtung Fenster.

Doch Peter konnte dem kleinen Schauspiel nur kurz folgen, da die Armbewegung der Mutter höchstwahrscheinlich den Vogel erschreckte und er folglich schnell wieder das Weite suchte.

„Ach, ich liebe Vögel.“ schwärmt Frau Weber. „Sie verkörpern in gewisser Weise Freiheit, fühlen sich überall zu Hause und können sich jederzeit dem Rausch der Lüfte hingeben, jederzeit neue Perspektiven betrachten. Ist das nicht herrlich?“

Peter schmunzelt und sagt: „Vogel“ wobei er an die vielen Winter denkt, in denen seine Mutter sorgfältig alle Vogelhäuschen in die Bäume des Gartens hängt, um ihnen über den Winter zu helfen.

Als Kind baute er diese Häuschen unter Anleitung seines Vaters selbst, was ihn noch heute in Stolz versetzt, wenn die Vögel diese aufsuchen.

Es war der Beginn seiner heutigen beruflichen Tätigkeit. Inzwischen sind es Bürobauten in ganz Europa geworden.

‚Vielleicht hat der Stress seine heutige Erkrankung verursacht.’ denkt er kurz und nimmt noch einen Schluck Kaffee.

„Möchtest Du eine Birne essen?“ wird er in seinen Gedanken unterbrochen.

„Nein, nein.“ wendet er die freundliche Geste seiner Mutter ab. ‚Sie scheinen noch nicht ganz reif zu sein.’ glaubt er.

„Peter,“ beginnt Frau Weber ein ernstes Gespräch „ich hoffe, dass du nun schnell gesund wirst und wieder nach Hause kommst. Dein Kollege fragt nach dir, der Garten wartet, unser gemeinsames Frühstück muss fortgesetzt werden und ... Ach, übrigens, soll ich Deinem Kollegen Bescheid geben. Vielleicht will er dich besuchen. Ihr Männer habt vielleicht etwas zu ...“

„Nein.“ unterbricht Peter sogleich, schließlich ist er nicht fit genug, um seinem Kollegen gegenüber zu treten.

Emotional erregt wimmelt er die Frage ab und äußert fließend: „Später, jetzt nicht.“

Diese bestimmte Antwort erstaunt Frau Weber, war sein Kollege doch auch sein bester Freund, sie studierten schon zusammen.

„Waru...“ will sie fragen, wird aber sofort mit einem entschiedenen „Nein.“ unterbrochen.

Jetzt bemerkt sie den Zorn ihres Sohnes über sein derzeitiges Unvermögen.

‚Wie konnte mir das nicht auffallen?’ versucht sie sich ihre plötzlich sinkende Freude über den Genesungsstand ihres Sohnes aufrechtzuerhalten. Natürlich braucht es noch ein paar Wochen, bis er wieder völlig zu Kräften kommen würde.

„Ja, vielleicht später.“ beschwichtigt sie ihn. „Ich dachte nur, es wäre für dich ganz nett, nicht nur deine alte Mutter zu sehen.“

Peter greift ihre Hand und will ‚Schon gut.’ sagen, seine Stimme versagt aber mit einem drückenden Gefühl im Bereich der Kehle.

Er reißt sich auch soweit zusammen, dass nicht eine einzige Träne seine Augen verlässt.

Dennoch fällt Frau Weber auf, dass sie leicht wässrig wurden.

„Ich verstehe dich Peter. Wir machen es so, wie du willst. Wenn du mich brauchst, bin ich so lange ich kann da.“

Über die Worte – so lange ich kann – kommt Peter wieder ins Lachen.

‚Seine hochagile Mutter und diese Worte, das passt nicht zusammen.’ schmunzelt er innerlich.

Sie ist wie ein Wirbelwind und war immer aktiv.

Obwohl sie Hausfrau gewesen ist und nur in ihren jungen Jahren als Sekretärin arbeitete, engagierte sie sich ehrenamtlich jahrelang in der Kirche, im Frauenverein, unterstütze das Kinderheim im Nachbarort und genoss das Leben.

Er weiß nicht genau, ob seine Mutter seinem Vater immer treu blieb, wobei sie sich innig liebten.

Aber sein Vater war eben auch oft unterwegs.

Insgesamt waren sie mit nur wenigen Schwierigkeiten eine herzzerreißende Familie.

Inzwischen sind fast zwei Stunden vergangen, die Frau Weber in der Klinik ist. Sie ist doch etwas übermüdet, da sie in der letzten Nacht relativ schlecht schlief.

Deshalb beschließt sie nun langsam nach Hause zu fahren und bereitet Peter darauf vor: „Mein Junge, ich möchte nicht unbedingt den letzten Bus nehmen. Man kann sich auf diese Linie nicht hundertprozentig verlassen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich mich allmählich auf die Socken mache. Wir sehen uns morgen wieder.“

Da für Peter der Tag auch anstrengender war, als er zugibt, ist er ganz froh, sich wieder etwas ausruhen zu können.

Nicht dass ihn seine Mutter stört, aber er muss immer präsent sein, was er noch nicht leisten kann.

„Mh, Mama. Gut.“ sagt er zustimmend.

Nach noch kurzem Geplänkel packt Frau Weber die Tassen und die Thermoskanne ein, kippt das Fenster an, nimmt die leere Reisetasche und verabschiedet sich von ihrem Sohn. „Bis morgen, mein Guter.“ und drückt ihm natürlich noch abschließend einen Kuss auf die Wange.

„Morgen.“ erwidert Peter und winkt leicht beim Herausgehen seiner Mutter aus dem Zimmer.

 

Er ist irgendwie erleichtert mit sich nun allein zu sein. Im selben Augenblick fällt ihm sein Schlafanzug ins Auge, den er sogleich, wenn auch etwas mühsam, anzieht.

Das Nachthemd wirft er über den am Bett zurückgelassenen Stuhl und sinkt in sein Kissen.

Wie am Vorabend erhält er wenig später etwas Abendbrot und bereitet sich mit Unterstützung der Schwester Katharina auf die Nacht vor, wobei sie nur den Wechsel in den Rollstuhl überwacht und ihn ins Bad und wieder zum Bett bringt.

Natürlich richtet sie noch das Bett, leert die Ente und verabreicht ihm seine Medizin über die Magensonde, dann überlässt sie Herrn Weber aber seiner Nachtruhe.

Gelassen schließt er die Augen, denn aufgrund seiner Willenskraft gelang es ihm sogar schon die Toilette zu benutzen.

Das durfte jedoch niemand wissen, war es anstrengend genug den Rollstuhl in die richtige Position zu bringen.

Nun weiß er aber, dass er es schaffen kann.