Wallenstein: Zweiter Band

Alfred Döblin · Kapitel 3 von 5 · Teil 2/7

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Wallenstein: Zweiter Band

Viertes Buch Kollegialtag zu Regensburg

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.

 

wurde. Es war sein Entschluß gewesen, der diese grausige Maschinerie

Wallenstein in Bewegung gesetzt hatte, er allein hatte verhindert, daß man die

Maschinerie hemmte, sie arbeitete weiter. Rechts und links standen sie an

seinem Hoflager auf, um seine Wonne zu schmälern, er sah mit ungestörter Ruhe

zu, zwinkerte mitleidig, hoheitsvoll. Fürst Eggenberg war zu nüchtern auf

Sicherheit bedacht, konnte nicht spielen, nicht gewinnen; gut, daß er so war, man

konnte sich seiner bedienen. Trautmannsdorf hatte Mut, aber er trug an seinem

Buckel, liebte es an der Sonne zu liegen und behaglich aus dem Winkel zu

kläffen. Freudig grunzte der große Lamormain, roch den großen Braten, der der

Kirche im Norden bereitet wurde; damit war es genug, sonst hieß es mäkeln, ihm

war niemals recht geschehen. Herrn Meggau flossen die Gelder nicht rasch

genug her, Graf Strahlendorf ächzte über die fatale Armee, die nur halb

katholisch war, als ob eine Unterwerfung durch protestantische Hand weniger

nachdrücklich wäre als durch katholische. Und was machte in München der

entthronte Max, jetzt nicht mehr Kaiser im Reiche, sondern Fürst unter vielen,

ein zähneknirschender. Das Abenteuer hatte er in schon grauer Zeit

heraufbeschworen, ohne ihn wäre der Herzog von Friedland nicht in die Höhe

gekommen und angenommen als kaiserlicher General; der Kaiser war ihm Dank

schuldig, aber der Bayer war nicht froh über den Lauf der Dinge, es schien so, es

schien ganz so, ihm behagte nichts mehr im Reich, Opfer sein machte keinen

Spaß. Und Sieger sein dem Friedländer nicht. Den trieb es als sein Verhängnis

um, er hatte ein böses giftiges Blut in sich; wenn er Niedersachsen erobert hatte,

drängte es ihn nach Dänemark; wenn Dänemark dalag, war Bethlen nicht ruhig;

war Bethlen besänftigt, reizte der Türke; der Friedländer war das heiße Schwert,

das zu schneiden verlangte, man mußte ihn halten, regieren. Ihm aber, dem

Kaiser Ferdinand, war alles durchsichtig; für seine Frömmigkeit hatte ihm die

Mutter Gottes diese Menschen und das unterjochte Deutschland verliehen. Der

Kaiser, der in diesen Monaten nach der Zerschmetterung der Dänen und

Niedersachsen, noch gelb vom Sumpffieber, in der Burg, in Wolkersdorf und

Schönbrunn herumwankte, blickte den Dingen scheu und mit einer kichernden

Verliebtheit unter die Augen, er empfing sie geheim und stumm wie ein

Einsiedler, der Hirsche Rehe in seine Hütte einläßt. Der Zermalmung der Feinde

in Schlesien schaute er mit einer schmerzlichen Gespanntheit zu, dann war

plötzlich ein Faden in ihm gerissen. Er war plötzlich hellsichtig geworden. Die

ungeheuern Märsche kamen, die Siege, er wußte sie vorher; ihm kam vor, er

wußte noch vielmehr; manchmal schien ihm, als ob Wallenstein sein Vertrauter war, aber die kalten Meldungen zeigten ihm, daß der Herzog nicht wußte, was

vorging. Und so wälzte sich geheimnisvoll leise der Krieg ab vor seinen Füßen;

am Hofe tobten ekstatisch die Menschen über die Erfolge, die lauten Glocken

dröhnten über Holstein, Pommern. Ferdinand erfüllte sich mit wachsender Ruhe

und Scheu. Er wurde behutsam, stille; sein Schicksal sah er draußen sich

abspielen. Eine ungeheure Hand wurde sichtbar in diesen von Kriegern Pferden

Kanonen getriebenen Ereignissen, die Krieger wußten nicht, was sie taten,

warum sie fielen, die Pferde liefen und glaubten den Lederzügeln und dem

Kutscher zu gehorchen, die Kanonen waren aus Bronze und keiner glaubte, daß

mehr als die Geschicklichkeit der Bedienung die Stein- Blei- und Kettenkugeln

lenkte. Eine Hand schrieb für den Sehenden in den niedersächsischen und

holsteinischen Boden, Zug um Zug wurde die Schrift deutlicher.

Die Kaiserin sollte daran teilnehmen. Ferdinand dachte wenig an sie, so innig

er auch mit ihr zusammen war, mit ihr spazierte, ausfuhr, ihr Geschenke brachte.

Er ging mit einer Schöpfung von sich um, einer sanften aufsaugenden Frau, die

nur Gewalt in der Inbrunst besaß; eine Gnade des Himmels hat sie ihm

zugeschoben, sie war der schwingende widertönende Raum in seiner Seele. Jetzt

zeigte er ihr, in der verschlossenen Sänfte mit ihr über Maienhügel fahrend, mit

kleinen Sätzen, wie sich draußen alles fügte. Ferdinands Gesicht hatte sich von

der Krankheit noch nicht hergestellt; einen fast kahlen kleinen Schädel, von

faltiger Haut überzogen, bewegte er auf einem schlottrigen Hals, sein frierender

eingefallener Leib verkroch sich, eingeschnürt wie ein Igel, in die braunen und

gesprenkelten Pelzmassen, Hände und Füße tremolierten viel. Die weißblauen

Augen ließen es sich genügen, geradeaus zu blicken. Er flüsterte demütig: „Wir

sind ein Werkzeug des Allmächtigen. Die Gebete und Fürsprachen sind nicht

umsonst gewesen.“

Die Mantuanerin, aus allen ihren Zusammenhängen gelöst, ließ sich schon fast

willenlos treiben, das Gefühl einer tiefen Sündhaftigkeit wurde sie nicht los.

Knirschend beugte bog bäumte sie sich neben ihm zu der Rolle, die er ihr

zuschrieb; immer wieder vergewaltigte sie sich mit Graus und Wonne, bog sich

für ihn zurecht. Das lombardische Geträllere, süß, frei, mit der Lust einer reinen,

hellen Landschaft um sich, die Erinnerung an ländliche Tänze, bunte Kleider,

Feste mit sich tragend, vermochte sie nicht mehr zu hören, oder mit einem Hohn,

der ihr selbst schmerzlich war. Was die Kirche war, daß es eine Kirche, eine

seligmachende heilige Kirche geben mußte, wurde ihr verständlich in ihrer

Sündhaftigkeit, rettungslosen Selbstentfremdung; in Gebeten schmiegte sie sich

neben den Kaiser, es gab eine reine und selige Gemeinschaft zwischen ihnen, die

alles entsühnte, da konnte sie ohne Zittern mit ihm wandern; wenn sie so bleiben

konnte mit ihm. Sie wurde Stifterin von neuen Orden; alte zerfallene lockte sie an sich; der Gnadenschatz, den sie sich erwarb, mußte ihr das Leben erleichtern,

Dunkel über den Weg gießen, den sie ging. Sie entdeckte mit selbstmörderischer

Freude, daß ihr die härtere kühle Luft des Landes zunehmend mehr behagte, daß

sie in Straßen fuhr, als wenn sie hier zu Hause wäre. Nur die Fremden, die aus

Savoyen und Mantua sie besuchten und sahen, fanden, daß sie mit ihren

unnatürlich aufgerissenen Augen nicht mehr zu erkennen war, daß sie wie vom

Gram zerschnitten war, bezogen es auf ihre Kinderlosigkeit.

Und wie der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches versunken in die Höhe

geschoben wurde von den Siegen, die ihm eine himmlische Macht zuwies,

drängten sich im Reiche seine Parteihalter zusammen, sich des Raubs der

Siegesbeute zu bemächtigen, wo er sich greifen ließ. Ihre heißen Augen lagen

auf den beiden Erzbistümern, zwölf Bistümern in Niedersachsen, mit dem

berühmten Magdeburg, Bremen, Halberstadt, Merseburg, Lübeck. Man konnte

sie jetzt anpacken, nach denen man solange lüstern war; die Hochstifte waren die

Zeugen des Niedergangs der katholischen Macht. Langsam, kaum merklich

waren sie in protestantische Hände abgeglitten. Die trüben Zeiten waren vorbei.

Unter den ligistischen Mitläufern des Kaisers hörte das Geraune nicht auf, als

das Gesicht des Krieges sich unverhüllt zeigte, lächelnd gegen die Wallensteiner,

finster gegen den Dänen. Man zog den Kaiser nicht ins Geheimnis, plante mit

Ansprüchen an ihn heranzutreten als zu einer Kompensationsforderung bei

seinem Machtzuwachs. Die feinhörigen Herren in Wien fingen ihnen das Wasser

ab, besänftigten die Wut und das Widerstreben gegen das Vorgehen des

Friedländers, indem sie die Rückgabe jener Stifte als mögliches Zugeständnis

des Kaisers in Aussicht stellten, nach dem Siege, nach dem Siege. Sie wurden

kirr; inzwischen konnte ungehindert der Kriegswagen des eisernen Böhmen über

Niederdeutschland fahren. Wenn erst der Böhme und mit ihm der Kaiser in

Glorie und Furchtbarkeit flammen werde, werde die Verhandlung über jene

Ansprüche ein andres Ansehen bekommen, wie man wünschte: dachten die Räte.

Die geistlichen Herren traten einzeln und in Gruppen in Wien auf; vor dem

Reichskammergericht erschienen ihre Abgesandten, vor dem Reichshofrat. Klein

war ihr Rechtsgepäck, um so schwerer; es war sicher nach den

Friedenssatzungen des vergangenen Jahrhunderts, daß zahllose Güter Erz- und

Hochstifte sich in falschen Händen befanden, — wenngleich inzwischen Land

und Herrschaft protestantisch geworden war. Aber der Kirche war ihr Besitz

entrungen, ihr war nach dem Buchstaben Unrecht geschehen, wie einem

Kranken Unrecht geschieht, der nicht essen kann und dessen Speisen

unterdessen die Gesunden schlucken. Erregter wurden die Forderungen der

Prälaten, je mehr der Hof an sich hielt; Prämonstratenser verlangten ihre Klöster

im Erzstift Magdeburg wieder, kaum wäre noch der kleinste Teil der Menschen dort katholisch; Benediktiner regten sich. Unverzüglich, schrien sie in Wien vor

den Kammern — und um so hitziger, als die Pracht um sie zeigte, welche

Summen aus den eroberten Ländern herflossen —, sogleich sollten jene

unbefugten Inhaber die Güter ausräumen und abtreten, samt allen noch

vorhandenen Fahrnissen; durch Nachlässigkeit der Geistlichen, durch List und

Gewalt der Ketzer sei ihnen ihre Habe entzogen, tausend Seelen um ewiges Heil

gekommen. Wie Gläubiger schwirrten sie um die Wiener Burg, schnarrten vor

dem ernsten träumenden Kaiser. Er verlangte sie nicht vor sich, als ihm Fürst

Eggenberg von dieser Bewegung unter den Altgläubigen erzählte: „Ich bin nicht

Kaiser für die Benediktiner und Prämonstratenser.“ Ein zähes Äbtlein, Kaspar

geheißen, von dem Prager Kloster Strahow, verstand es, sich einzuschmuggeln,

prahlend von seinem verlorenen Kloster Sankta Maria zu Magdeburg zu

schwadronieren, auch von den Klöstern Gottesgnad und Jericho im selben

Erzstift, bis Ferdinand ihm seufzend ein Zettelchen bot, das eine Anweisung auf

den Geldbetrag dieser Klöster darstellte. Damit war Kaspar nicht zufrieden;

Prälaten, die davon erfuhren, sahen darin nur ein Zeichen des kaiserlichen

Widerstands. Abt Anton von Kremsmünster war Benediktiner, wußte von

säkularisierten Gütern seines Ordens; er wandte sich an Eggenberg um Hilfe.

Die beiden alten Freunde lächelten sich an: „Ich will Euch nur wiederholen, was

die Majestät zum schlauen Kaspar sagte —, daß sie nicht bloß Kaiser der

Mönchsorden sei.“ Antonius meinte, es könne doch niemand durch Ausführung

von Rechtsbeschlüssen gequält werden, die Leidtragenden seien Ketzer,

Rebellen. Eggenberg hob die Hand: „Er will nicht.“ „Er wird wollen, Eggenberg.

Man kann es verschieden ansehen, man kann aber auch sagen: es ist nicht schön,

am vollen Tisch tafeln und andere hungern lassen.“ „Es ist nicht so, Ihr verkennt

ihn.“ „Ich weiß, es ist nicht so. Aber wir wollen tafeln.“

Und die andern schrien nicht mehr Hunger, sondern schon Rache an den

Protestanten für die Ablösung jener Stifter und Güter. Der hitzige Abt von

Strahow sprach offen aus: Die Kirche habe in der Agonie gelegen vor

Jahrzehnten, da sei das Luthertum über sie hergefallen und habe sie

ausgeplündert; Leichenraub sei geschehen; das Unrecht muß beseitigt werden,

Strafe muß folgen. Mit Strahow sprach ein Profoß der Jesugesellschaft in Wien,

sie gingen vor einem wachsenden Klosterneubau hin und her; der Jesuit lobte

den Eifer des Abtes, lobte seine Argumente, fand sie nur unvollständig. Und den

sehr erstaunten Abt beglückte und stärkte er mit dem Hinweis, zum Leichenraub

gehörten zwei, einer der stirbt, und einer der lebt. Ist es ein Verbrechen des

Luthertums gewesen, daß es damals lebte; ist es ein Ruhm der heiligen Kirche

gewesen, daß sie fast hin war? Wenn Unkraut auf dem Acker überwuchert, kann

das Korn nicht gedeihen; wenn das Unkraut ausgerissen ist, findet das Getreide Platz: da ist Recht und Unrecht. Nicht beim Unkraut und Korn, wohl aber beim

Gärtner und Bauer. Die Kirche hat Gärtner gehabt, die ihre Äcker nicht gepflegt

haben. Jetzt werde man alles nachholen und sich nicht hindern lassen. Heraus

mit dem Unkraut; Raum für das blühende Getreide.

Die Kirchenherren erreichten, daß der Abt von Meggau sich an den Herzog

von Friedland mit einem Schreiben wandte, was er der Majestät rate und welche

vermutlichen militärischen Folgen sich aus einem Zugeständnis ergeben würden.

Der Herzog saß in Wismar, organisierte eine deutsche Kriegsarmee gegen

Dänemark und arbeitete der drohenden schwedischen Invasion entgegen. Er gab

schriftlich von sich, daß man ihn nicht mit Politik befassen möge. Herr von

Strahlendorf, Fürsprecher der Rückgabe im Geheimen Rat, drang in das

Wismarer Rathaus ein. Was, fragte Friedland verärgert den edlen Herrn, an

dieser Angelegenheit denn so wichtig wäre, daß man einen besonderen Befrager

an ihn entsende. Als Strahlendorf mit Wärme dargelegt hatte, welches Unrecht

der Kirche geschehen sei, schloß der hagere General kurz und den Herrn an die

Tür drängend, die Kriegstage erlaubten ihm keine langen Debatten; gehörten die

fraglichen Güter der heiligen Kirche, so würde das Reichskammergericht das

Urteil fällen; er käme nur für die Exekution in Frage. Erst bei den stockenden

Bemerkungen des langen Grafen, daß der Kaiser nicht recht für die Sache zu

haben sei, wurde der General aufmerksam, warf seinen schlauen stechenden

Blick. Er ließ seinen Freund, den jovialen Arnim von Boitzenburg, in das

Zimmer rufen und fragte ihn, den Protestanten, in Gegenwart des kopfsenkenden

Grafen, ob er Lust hätte, Magdeburg für die Katholiken zu erobern. Und auf das

Erbleichen des Mannes und sein unsicheres finsteres Hin- und Herblicken; gab

er ihm die Hand: dies sei ihm nicht zugedacht von ihm, dem Herzog, sondern —

irgendwoher, wo man anscheinend Hunger hätte nach dem Rind, aber keine

Leine, es zu fangen. Er möge nicht beunruhigt sein, für dies Rind hätte er auch

keine Leine. Dies sei, schmähte er nach der Entlassung Arnims gegen

Strahlendorf, seine Antwort an ihn: der Krieg habe nichts mit Religion zu tun,

man möge nicht Schwierigkeiten machen. — Aber er sei doch Katholik, hob

nach langer Pause der Graf den Kopf; ob er es nicht für billig ansehe, Vorteile,

die sich aus der Kriegslage für die Religion ergäben, zu benutzen. — „Man

denkt vielleicht wieder“, sagte der General, „mir einen Knüppel zwischen die

Beine zu werfen. Wenn ich katholisch bin, ist es meine Sache; mag den Herrn

nicht scheren. Ich lause Rebellen in derselben Weise, ob sie katholisch oder

lutherisch sind.“ Darauf wiegelte sehr ruhig Strahlendorf ab, es sei nur eine

Anfrage gewesen, die er nicht verübeln wolle; es gäbe in einem Reich vielfache

Interessen, regten sich viele Wünsche. Mißtrauisch betrachtete ihn Wallenstein

in der Nähe: „Der Kaiser ist wohl dem und jenem zu stark geworden. Möchten ihn etwas zwicken. Möchte wohl auch der und jener im Trüben fischen. Laß er

sich nicht zum Werkzeug verkappter Schelmereien machen.“ Strahlendorfs

Abschied war nicht gnädiger als sein Empfang.

„Man will ihm an den Kragen,“ streckte Friedland die Arme über sich am

Fenster, als Arnim nach Strahlendorfs Abschied wieder eingetreten war. „Sie

wollen ihn unter den päpstlichen Hut drücken. Er ist ihnen zu groß, schon jetzt

viel viel zu groß.“

„Fühle sich Herzogliche Gnaden nicht durch mich gebunden oder beengt in

ihren Entschlüssen. Arnim kann in Boitzenburg seinen Kohl bauen, oder bei den

Polen fechten.“

„Es liegt nicht an Euch, Herr Bruder. Hab’ er vielen Dank. Man will ihm an

den Kragen, dem Kaiser. Das ist es.“

Er stieg durchs Zimmer: „Sieh da, sieh da, die Liga lebt noch. Man wird den

Herren den Kopf vor die Füße legen müssen.“

In Rom residierte im goldenen Vatikan ein Panther, Maffio Barberini, der

achte Urban. Man konnte nicht sagen, er verstünde seine Zeit nicht. Zur Macht

war er gekommen, indem er beim Konklave beiden Parteien schwor, er sei der

Todfeind des andern. Über den Eingang seines Theaters schrieb er, er denke nur

an die Sicherheit der Kirche. Vierzigtausend Mann konnte er aus dem Rüstzeug

des päpstlichen Arsenals bewaffnen. Das Castell Franco baute er an der Grenze

des Bolognesischen, armierte in Rom Sankt Angelo. In Tivoli arbeitete seine

Waffenfabrik. Er wollte statt marmorner Denkmäler eiserne. Als jenseits der

Alpen der Krieg auf die Höhe stieg, erneuerte er die Nachtmahlsbulle in coena

domini, verfluchend Ketzer, Hussiten, Vicklifiten, Lutheraner, Zwinglianer,

Calvinisten, Hugenotten, Trinitarier, Wiedertäufer und die Meerpiraten.

Zerschmettert sollten die deutschen Ketzer werden, die gestohlene Habe ihnen

wieder entrissen werden und der Kirche zufallen.

Schon während der militärischen Aktion erklärten seine Gesandten am Wiener

Hofe, die Kirche verlange, wo die Macht des Kaisers, des Kirchenvogtes, dazu

ausreiche, daß Anstalten getroffen werden, ihr zu ihrem rechtlichen Besitz

wieder zu verhelfen. Witzige Gesellen am Hofe lachten: Wallenstein sollte

marschieren, um dem Papst Magdeburg Halberstadt und die anderen deutschen

Stifte wiederzuerobern. Es bedurfte nicht des Lamentos der Ligisten, der

entrüsteten Hinweise des bigotten Grafen Strahlendorf, um einen Sonderlegaten

nach Wien zu rufen, als die Glocken den Sieg in den Straßen läuteten. Schon

bereiste eine geheime päpstliche Kommission die besetzten Gebiete und das

übrige Deutschland, um für Urban die kommenden Einkünfte abzuschätzen; er

hatte vor, mit diesem Gelde die Grenzen des Kirchenstaates vorzurücken, die

Liga gegen den gefährlich übermächtigen Kaiser zu unterstützen, Frankreich gegen Spanien zu helfen. Dem abreisenden Nuntius blies Urban bei

verschlossener Kammer in die Ohren: „Die Kirche hat nie frömmere Fürsten

gesehen als die deutschen und den Kaiser Ferdinand. Das weiß ich. Aber es wäre

schrecklich, wenn sie nicht die Frömmigkeit besäßen. Schließlich rechtfertigt

nur der Glaube ihre Entsetzlichkeiten und schamlosen Räubereien. Der Kaiser

mag uns bitten, die Stifter anzunehmen und auf Ersatz der verlorenen Jahre zu

verzichten; wir werden erwägen, ihm einen Anteil am Ertrag, ihm und der Liga,

zuzugestehen. Vergeßt nicht, einmal die Bemerkung hinzuwerfen: Ihr hättet von

mir das Wort gehört, die Welt verlöre ihr Gleichgewicht ohne Frankreich, und

damit verbeugt Euch vor Habsburg; man wird Euch verstehen. Im übrigen liebe

ich Frankreich nicht mehr als Deutschland; der Tisch der Kirche ist groß genug

für viele Kinder.“

Und zu seinem Unwillen wurde Ferdinand aus Wolkersdorf durch Boten

Eggenbergs nach Wien berufen; es sei eine feierliche päpstliche Nuntiatur

eingetroffen, die in besonderer Sache empfangen zu werden begehre. Im

spanischen Saal, matt in den Armlehnen hängend, wie ein Wundervogel ohne

Begierde durch die Käfigstangen den Schnabel steckend, hörte Ferdinand milde

und still neugierig den vor großem Gefolge im Kardinalspurpur gestikulierenden

Italiener an. Noch einmal ließ ihm der Heilige Vater und nun mündlich Glück zu

dem Siege wünschen, dessen Gerüchte den Weltball erschütterten. Es sei durch

die Frömmigkeit und Tugend Habsburgs vornehmlich geschehen, daß sich die

trauernde Kirche aus ihrem Jammer erhoben habe und nun majestätisch um sich

blicke, die Braut Christi, die ein süßes und dankbares Lächeln denen spende, die

ihr Schwertträger gewesen waren. Dies aller Welt zu verkünden in feierlich

offener Audienz sei dem Papst Urban Herzensbedürfnis. Mögen auch die noch

nicht Unterworfenen und unter das Schwert Gefallenen wissen, wessen sie sich

zu vergewärtigen haben, wofern sie in Starrsinn verharren. Die Heilige Kirche

aber stehe nicht an, ihre Freude zu äußern, wo sie ihre Kinder wieder um sich

sammeln wolle, die heimtückisch von ihrer Hand gerissenen Hochstifte und

Klöster, die sie mit Jubel an ihr Herz drücke, alles Vergangene vergessend. Sie

nehme sie entgegen aus der Hand des kaiserlichen Hauses, dem sie im Glück

ihrer Brust keinen Vorwurf über den erlittenen Verlust mache.

Zugegen waren bei dieser Audienz fast alle Herren des Geheimen Rats, die

Gesandten Bayerns, Kursachsens, die Vertreter der geistlichen Fürsten. Sie

hatten maskenhafte Gesichter, mit keiner Bewegung ihre Anteilnahme verratend.

In Ferdinand zog sich, während er zuhörte, ein gräßliches Gefühl zusammen, das

ihm den Mund verpappte, sich mit Hitze und Beengung auf ihn legte. Er sollte

überfallen werden. Man überfiel ihn: man wollte ihn vor die vollendete Tatsache

stellen, daß das Reich geplündert wurde. Ihn, den Kaiser; sie wußten, daß er es

nicht zulassen würde. Man wollte ihn zum Erwachen bringen. Er war überflutet,

nicht imstande, seitlich zu ihnen hinzublicken. Bestürzt reichte er dem stolzen

tönenden Kardinal die Hand.

„Was war das? Was war das?“ flüsterte er, in sich verwirrt, auf den

Korridoren. Er saß kaum eine halbe Stunde, als Eggenberg und Trautmannsdorf

angemeldet wurden, während er selbst auf die Mantuanerin wartete. Der

Habsburger, noch im großen Ornat des Empfangs, in die Ecke eines Armstuhls

geschoben, über dessen Lehne Purpurmantel und Schärpen bauschig herabfielen,

als gehörten sie nicht zu diesem Manne. Seine Kammer halb dunkel.

Als sie eintraten, machte er, ohne die Arme zu bewegen und sich aufzurichten,

ohne sie anzusehen, wagerechte Striche mit den bedeckten Händen, hauchend:

„Nicht sprechen. Nicht nötig. Der Besuch ist geschenkt.“ Die beiden, erschüttert,

wie er im Audienzornat, wollten unter Verneigungen auf dem Teppich näher

treten; er winkte gleichmütig weiter: „Ihr stört mich. Nehmt an, ich hätte euch

schon angehört. Ich billige eure Argumente. Es ist gut.“ Eggenberg: „Wir haben

keine Argumente. Wir wollten eine Erklärung abgeben.“ „Empfangen. Danke.

Die Herren sind entlassen.“ Der schmerzbewegte Fürst: „Was haben wir

verschuldet?“ „Ich erwarte die Kaiserin. Ich danke.“ Er strich immer weiter vor

sich in die Luft. Trautmannsdorf grub sich die Nägel in die Handteller: „Auf die

Gefahr, den Zorn der Majestät herauszufordern: wir sind nicht schuld. Den Satz

muß ich gesagt haben.“ Fast mitleidig drehte sich ihm der Kopf Ferdinands zu,

die linke Hand fuhr leicht in die Höhe: „Welchen Satz?“ „Daß wir nicht schuld

sind. Der Kardinal hat uns bloßgestellt.“ „Wie sonderbar.“ „Eine feierliche

Danksagung an Eure Majestät, die Überbringung des päpstlichen Segens war

verabredet.“ Wortlos, ohne seine Lage zu verändern, ließ der Kaiser minutenlang

von einem zum andern seine weißen Augen gehen: „Was wollt ihr mir erzählen.“

Eggenberg, mit tiefer, wutzitternder Stimme: „Es ist nötig, beim vatikanischen

Stuhl zu protestieren in aller Form, wie der Kardinal hier verfahren ist. Gegen

den Anstand, gegen Treu und Glauben.“ „Das wollt ihr mir erzählen.“

Eggenberg standen die Tränen in den Augen; voll Bitterkeit sah er auf den

Boden. Der Ausdruck des Kaisers veränderte sich, seine Stimme klang

entspannter: „Graf Trautmannsdorf, es ist wahr, man hat euch übertölpelt?“ „Es ist ein schwacher Ausdruck für das, was vorgefallen ist.“ „Und ihr beide und

andere?“ „Vor uns hat der Kardinal geredet, ohne daß wir uns dessen versehen

konnten.“ „Er wollte, er hat erreicht —“ „Gut, Graf Trautmannsdorf.“

Der Kaiser bog den Kopf zur Zimmerdecke, gerade auf das goldene hohe

Kruzifix, sein Gesicht wurde wieder gleichmütig; wie er den Kopf gegen die

Schulter ablegte, atmete er erleichtert. „Mich freut, daß ich nicht allein

überrascht bin und daß ihr meine Freunde seid. Daß ihr nichts gegen mich

gewollt habt. Wahrhaftig, Eggenberg, hättet ihr wieder mit mir so getan wie vor

einiger Zeit, so hätte ich“ — der Kaiser sprach sehr leise, versunken,

monologisch — „kaum noch Lust gehabt zu irgend etwas. Es hätte mich genug

gedeucht hier. Ich dachte vorhin: dieser Tag, mich auf meinen Heiland zu

besinnen, sei heute gekommen. Gegrollt hätte ich euch nicht —, qualvoll war es

nur für einen Augenblick. Geht. Ich danke euch.“

Die Herren traten zögernd nach Verneigungen ein paar Schritt zurück. Dann

bat, hingewandt, Eggenberg um Vergebung; was man tun solle, sachlich; wie

sich die Majestät zum Heiligen Vater und zur Stifterfrage stellen werde. Es sei

genug, äußerte der Kaiser erst, den Kopf in die linke Hand gestützt. Dann mit

verhauchender Stimme: den Heiligen Vater respektiere er immer; er habe ja

Vollmacht, zu lösen und zu verdammen; worum handle es sich? Um die Stifter

—; er werde auch darüber nachdenken.

Dann kam sie hinter den Damen und ihrem Obersthofmeister, die sich

ehrfürchtig zurückzogen. Sie half ihm aus den schweren Prunkmänteln und

Schärpen heraus. Schwer ließ sie die Stoffe auf den Teppich rauschen. Er saß

noch erschöpft, die linke Hand den Kopf stützend, sprach wenig. „Ich denke,“

sagte er, als sie ihn bedrängte, „unser Leben ist nicht lang. Ich wäre heute bald

aller Schwierigkeiten Herr geworden.“ — „Ich wäre,“ flüsterte er später, „bald

so gegangen, wie mein spanischer Vorfahr, der fünfte Karl. — So durchschauert

hat es mich.“ Bleich, langgezogen das tieflinige Gesicht, aufgerissen Mund und

Augen, suchte sie mit ihrer linken Hand seine rechte, die zwischen seinen Knien

hing, zu fassen: „Du wolltest ins Kloster.“ Sie krümmte sich auf ihrem Stuhl, sie

schlug ringend die Arme zusammen: „O, du hattest recht, Ferdinand. O, hattest

du recht.“ Sie schlang ihren linken Arm um seine Schulter, er ließ sich zu ihr

herüberziehen, still sie anschauend, deren Augen fast delirierten: „Es gibt nichts

als den Himmel und Maria, Jesus, die Heiligen, Ferdinand. Wir können nichts

weiter tun, als uns zurechtmachen für die Seligkeit. O, wie freue ich mich, daß

du sie finden willst. Ich bin glücklich bei dir, mein Leben.“

Er ließ sie sprechen und stammeln. Seine innre, wie wartende Ruhe wurde in

diesen Tagen selten unterbrochen. „O, gib nicht nach, Ferdinand,“ flüsterte sie,

sich über ihre Knie werfend, „sei da, wenn es dich ruft. Ich will bei dir sein.“

Ferdinand zog das linke Augenlid höher. Er betrachtete sie von der Seite her,

rief sie an. Er rief sie nochmal an. Verloren schob sich die Mantuanerin auf.

„Eleonore, willst du mich anhören? Dies ist ja vorbei. Es ist an mir

vorübergegangen für jetzt. Man ist an mich herangetreten mit Vorschlägen. —

Laß mich das überlegen mit dir.“

„Ich kann nicht. Verzeih’ mir.“

„Was hat man von mir gewollt? Schlechtes und Niedriges sollte ich dulden. Es

könnte ihnen passen. Ja, ich gefalle ihnen nicht.“

„Willst du mir verzeihen, Ferdinand, daß ich dir nicht folgen kann. Rufe den

Beichtvater, oder, es soll ein päpstlicher Legat am Hof eingetroffen sein: er wird

dir helfen.“

„Er wird mir helfen! Warum ist er gekommen und hat diese Szene gemacht.

Ich will daran nicht denken. Er wollte Länder. Sie sind habsüchtig, wagen sich

an mich heran.“

„Der Papst hat von dir Länder verlangt? So gib sie ihm doch. Freue dich, daß

er sie verlangt.“

„Ich habe den Krieg gewonnen durch die Gnade des Himmels, durch tausende

Gebete und Fürsprachen. Jetzt soll ich zeigen, ob ich’s verdient habe. Ist er nicht

wie der Versucher, der Papst? Ich habe meine Macht begründet durch die

göttliche Gnade, jetzt will er mich locken, ungerecht und ruchlos zu sein.“

„Ferdinand, von wem sprichst du! So freu’ dich! Gib! Gib mir, daß ich

schenken kann! Ferdinand!“

„Ich hab’ ja nichts zu schenken, Eleonore. Ich besitze selbst nichts. Je mehr

ich Kaiser wurde, um so mehr wurde von mir genommen, liegt nun da. Ich hab’

es alles zu verwalten, gut zu versehen, recht abzugeben. Ja, ich verfüge über

nichts. Ich bin ganz arm, Eleonore.“

„Schenk’ mir. Sprich nicht so. Ich brauch’ es, ich bedarf es. Willst du nicht

meiner gedenken, bin ich nicht deine Eleonore, die du aus Mantua geholt hast?

Und ich will es ihm schenken, dem Heiligen Vater.“

„Bist du nicht die zweite Versucherin, Eleonore? Und dir würde ich noch eher

nachgeben.“

Sie saß plötzlich steif, spannte ihr Gesicht; klar und ernst: „Ich weiß, es gibt

einen Versucher, dem du nachgeben wirst, weil er dich zwingt. Das bist du.

Wenn es auf mich fiel, könnte ich nicht widerstehen. Wo es dich getroffen hat,

kannst du nicht anders. Ich weiß es.“

„Du weißt das?“

Abweisend artikulierte sie: „Ich weiß. Du kannst dich nicht entziehen. Du hast

sowenig eine Wahl wie ich.“

„Wir sind fromm. Wir haben nichts verbrochen. Warum sollte ich nicht wählen können?“

„Versuche.“

Er fixierte sie, wie gestochen: „Ich — regiere.“

„Versuche.“

„Wer kommt, um zu stehlen, findet mich und meinen Schwertträger.“

„Versuche.“

„Das heißt: ich sei noch nicht Kaiser?“

Sie drehte sich zu ihm, warf sich über sein Knie: „Es heißt, daß es damit nicht

genug ist. Sei Kaiser, sei nicht Kaiser: ich will dich so nicht. Komm mit mir. Sei

mein Begleiter — zu Maria.“

Ferdinand hatte seine stille erwartende Miene wieder: „Du darfst mich nicht

verwirren, Eleonore. Wir dürfen uns nicht erregen. Man hat versucht, mir Länder

mit Gewalt zu entreißen. Daraus spricht ein schlechtes Gewissen. Ich vergesse

darum nicht, was ich der Heiligen Kirche schuldig bin und wieviel ich ihr gerade

zu danken habe.“

Sie hängte sich an ihn, als er mühsam aufstand und die Arme, als wenn sie

steif wären, schaukelte, zweifelnd ängstlich: „Gib mir nach. Bald.“

„Nein,“ schrie sie bald darauf verzückt, „tu, wie du willst. Ich will dir nicht

raten. Nichts will ich geraten haben. Tu. Tu wie du willst.“

 

Während die Geheimen Räte warteten, was Ferdinand beschließen würde,

wurden sie überrascht von der Nachricht, daß Befehl zur Abreise von Wien

gegeben sei. Der Oberstallmeister bestätigte, von der Kaiserin selbst den Befehl

erhalten zu haben. Und so hatte sich Ferdinand in der Tat in einem Zustand

unbezwinglichen Grolls, zwangsartig sich steigernden Abscheus, dazu auch

einer Furcht entschlossen: wegzugehen von Wien, in Wolkersdorf sich

einzuschließen und nicht zuzugeben, wie er von dem Wege der Kaiserlichkeit,

auf dem er ging, abgedrängt würde. Er kniff die Augen zu, spie: er wollte sie alle

nicht. Er suchte instinktiv die Verdunklung wieder, in der er sich befunden hatte;

in dieser Dunkelheit ging sein Weg. Er sträubte sich gleichermaßen gegen den

Nuntius, wie gegen seine Räte, wie gegen dieses Wien überhaupt, diese

Dichtigkeit der Häuser um ihn, dieses Zudringen und Bedrängen, diese Stimmen

an allen Seiten der Burg.

Da wagte es der päpstliche Nuntius, ein Mann, der die Person des Kaisers nur

von der Audienz kannte, sich gegen die Warnungen in seine Kammer zu

begeben, nur gedenk seines Auftrages, und es gelang ihm, den Kaiser, der im

Reisemantel ihm befremdet entgegenblickte, zu bewegen ihn anzuhören. Widerwillig, stumm setzte sich der Kaiser auf den Sessel, von dem er eben

widerwillig aufgestanden war, gedrängt, fast mit Pein, ließ er seinen Körper auf

das Holz nieder, von dem er sich eben freigemacht hatte, drückte den

hutbeschatteten Kopf auf die Brust, schob die Arme auf dem Schoß

gegeneinander, schwieg. Mit einer stummen Bereitwilligkeit harrte er, horchte,

was da gebraut wurde, blickte gelegentlich scheu den dozierenden roten

Menschen an, den Arm, der ihn hier zurückgedrückt hatte.

Er ließ ihn später wissen, er werde bald über den kaiserlichen Entscheid

informiert werden. Er war herausgefordert, er wollte sich entschließen. Man

sollte es fühlen, sie wollten ihn in ihre kleinlichen Zweifel einmengen. In die

Schreibstube seines Sekretärs ließ er sich fahren, Schrecken verbreitend,

diktierte augenblicklich, kaum eine Stunde nach der Verabschiedung des

Italieners, er begehre Gutachten vom Geheimen Rat und Hofrat noch einmal

über die Angelegenheit der Stifter. Sie sollten zeigen, wer sie sind.

Dann in die Gemächer der Mantuanerin. Ihre Damen sahen sie neben dem

Habsburger, ihn belauschend, sich an ihn heftend wie eine Spinne an eine graue

Mauer. Er blieb in Wien.

Nach zehn Tagen wurden die klaren harten Worte des Herzogs durch den

Oberst Neumann vor ihn gebracht. Der Plan wurde darin als albern bezeichnet,

man solle ihn abweisen. Der stille Kaiser hielt das Blatt geknüllt stundenlang vor

sich, ohne es zu lesen. Der Nuntius des Papstes! Der Papst Urban! Die Mönche!

Die Kurfürsten! Was wollten die, was wußten sie! Gegen diesen, gegen den

Herzog! Da lag der Friedländer mit seiner Armee über dem Reich, erdrückend

ja, aussaugend ja, keine Gewalt sollte ihn daran hindern, so zu tun wie er wollte:

das Reich platt hinzulegen. Sie sollten alle verschwinden, die gegen ihn

meuterten. Wie ging der finstere Mensch, der Friedländer, gnadenlos durch das

Reich. Wie der Kaiser sich über seinen Leib bückte, zerriß ihm die Lust die

Eingeweide; es wogte über die Haut seiner Hände, seines Rückens, ein kühler

Schauer lief ihm über Wangen und Mund; er zitterte, preßte sich zusammen und

genoß es, was ihn schmerzhaft wild überfiel. Er lachte heiß und gequetscht aus

sich heraus. Er versteckte das Papier Wallensteins an seiner Brust, ehe er

aufstand und sich den irrenden fragenden Augen der eingetretenen Mantuanerin

darbot. Sie war selbst so erregt über sein freudiges Gebaren, als er davonging,

daß sie auf dem roten Teppich hinkniend, allein in der Kammer, leise kreischte

und kicherte.

Es erfolgte damals der erste Versuch des Fürsten Eggenberg, die Macht des

Kaisers auf andre Schultern zu stützen als auf die Wallensteins; nach der

Überrumpelung durch den Nuntius begriff er rasch: man konnte mit dem

Geschenk der Stifter sich eine Zahl ligistischer Herren gewinnen und sie an den Gefahren der Situation beteiligen. Eggenberg saß neben Ferdinand in den

anberaumten Besprechungen, den weißen kleinen Spitzbart an den steifen

Mühlsteinkragen andrückend, klein, die hohe Stirn steil runzelnd, das weinrote

Gesicht gestrafft, nicht gewillt nachzugeben. Er fühlte, daß man dem Kaiser

wehe tun mußte, aber es war ihm von Tag zu Tag seit den Siegen mehr, als wenn

nicht dieser gelbliche Herr unter dem blauweißen Baldachin, sondern er

verantwortlich wäre für die Dinge. Dieser Kaiser konnte sich sträuben, das Haus

Habsburg stand in Gefahr; ein liebes Kind war Ferdinand, der Heiland möge

geben, daß diesem Herrscher Schlimmes erspart bliebe. Er war Ferdinand innig

verbunden, sein Brautwerber und Vater war er gewesen; er begriff die

Fascination Ferdinands durch den monströsen Herzog. Das Haus aber durfte

durch den Kaiser nicht erschüttert werden. Die Räte, die herumsaßen, stumm,

lippenbeißend, hatte er für die Stiftersache gewonnen; sie waren im

Machtrausch, die Abgabe von Geschenken an den Papst und wen sonst schien

ihnen belanglos. Die Unterhaltung zog sich stockend hin, der Kaiser ließ sich

hinausführen.

„Welchen Rat gibst du mir?“ fragte an der Tür ihrer Kammer Ferdinand die

Mantuanerin, die er umarmte, an der er sich versteckte. Glücklich bog sie sich,

erschauernd, an ihm; sie suchte ihm ins Gesicht zu blicken, aber er drückte die

Stirn noch tiefer vor ihr: „Du wirst es ja wissen, ich habe für dich gebetet“,

jubelte sie.

Scheuer betrachtete und betastete Ferdinand das zerknüllte Schreiben des

Friedländers, das er in seinem Gürtel trug. Er hatte seiner Gläubigkeit und

Frömmigkeit, der Fürsprache der Heiligen Kirche seine Macht zu verdanken.

Die Länder, die sie verlangten, unterlagen seiner Obhut, sie durfte er nicht als

Beutestücke weggeben, er sträubte sich dagegen, wütend, jäh, von seiner

Kaiserlichkeit einen Titel abzugeben. Aber sie gewannen ihm Boden ab, indem

sie sich mit den Generalen gleichstellten, die er auch beschenkt hatte. Die

Heilige Kirche verlangte ihren Sold. Wie ihn die Gesandten der Liga und des

Papstes bedrängten, fiel es immer schwarz in ihn: „Man will mich schwächen,

man will mich schwächen, ich seh’ es.“

Und einmal fand er sich vor dem Papier, das die Worte „albern“ und „frech“

enthielt, in einem zuckenden Schmerz; ein Flüstern in ihm: „Ich muß dir weh

tun, verzeih es mir, es muß geschehen, denke nicht schlimm von mir. Unser

Seelenheil verlangt es. Du weißt es nicht. Sei gut, sei gut.“

Dann legte er es vor Eleonore: „Sie sollen die Länder haben.“

Eleonore starrte ihn aus ihren inbrünstigen Augen an: „Wie ich dich beneide,

Ferdinand, daß dir diese Wahl gegeben ist.“ Er lachte sie finster an. „Ich danke

dir herzlich.“ Die Frau drängte sich unheimlich in seine Seele, in seine Entschlüsse.

Der Kaiser aber, welk und tief gereizt, wie er dieses knisternde, aus allen

Balken brennende Leben neben sich fühlte, hatte das wilde Begehren, ihr etwas

anzutun, sie auflodern zu sehen, leiden zu machen. Der Wunsch, Böses zu tun,

war in ihm erwacht, der Zwang hatte in ihm das Gefühl der Rache hinterlassen.

Tosend gab er nach. Zwischen den Zähnen knirschte er; während ihm der

Schweiß auf die Stirn trat und die Augen in graue Höhlen zurückfielen und er

ihre linke dünne Hand rieb: „Ich will dem Heiland zuliebe nichts versäumen;

was ihm zu Ehren ist, wird mich leiten.“ Sie krallte sich an ihm fest und stöhnte.

„Ja,“ seufzte er, hingeworfen mit ihr betete er, dann umschlangen sie sich.

In der Nacht ließ er einmal die Kaiserin rufen. Grimmig empfing er sie: „Bin

ich wieder so weit, daß ich nicht weiß, wen ich rufen soll? Meine Narren, den

blöden Grafen Paar? Blick mich nicht an.“

„Was ist?“ weinte sie über seinem Bett.

„Daß du zu früh triumphierst. Es ist die Spekulation, daß ich es nicht wage,

den Friedländer zu rufen. Und ich rufe ihn, ich rufe ihn doch.“

„So tu es doch.“ Sie war hilflos.

„Er soll kommen, sag’ ich Euch. Die Augen werden Euch übergehen. Er soll

Euch in Eisen schlagen, weil Ihr Euch vergreift an mir.“

„Was hab’ ich dir getan?“

Widerwillig legte er sich zurück: „Nichts, nichts, beim Heiland, nichts. Ich bin

verloren, verkauft. Weiter nichts.“

Das war wieder der Fremde. Sie stand auf. „Wohin willst du?“ fragte er

höhnend.

Sie kniete vor seinem Kruzifix.

Tage gingen hin; täglich marterte sich lange Stunden der Kaiser im Gebet

neben der Mantuanerin. Lamormain, der große Beichtvater, trat an ihn heran.

Ferdinand erhob sich mühsam, verstört aus den Andachten. Lamormain pries

den Kaiser, daß er im Glanz des Siegerruhms den demütigen Glauben, den

kindlichen Gehorsam bewahrt habe. Die schmächtige Kaiserin lief, nachdem sie

rasch vor dem lächelnden hinkenden Jesuiten ein Knie gebogen hatte, aus der

Kammer mit stürmischer Atmung. Mit lahmen Füßen schleppte sich Ferdinand

an seinen Sessel, seine Hände zitterten. Dumpf, leise sagte er: „Ich danke.“ Hing

an den Lippen des Jesuiten, bückte sich in sich, fiel zusammen. Beichtete ihm.

Dem Beichtvater gab er am nächsten Tage den Entscheid über die Stifter: Er

sei mit sich zu Rat gegangen, habe Maria und die Heiligen fleißig und innig

angerufen. Durch die Gnade dieser Himmlischen sei ihm zuteil geworden, daß

ein furchtbar schwerer Feldzug beendet, der einen glücklichen Ausgang bis zur

Stunde genommen habe. Sein Thron sei gefestigt worden, der erst so unsicher war wie sonst etwas Irdisches. Nun habe man ihn angegangen um

Wiederherstellung kirchlichen Eigentums, das im Laufe der Jahrzehnte

verlorengegangen sei. Er hätte sich schon früher dem nicht verschlossen, daß

den geistlichen Gewalten ein Recht auf diese Güter zustand. Aber trotzdem hätte

er sich gesträubt, um nicht neue Unruhen im Reich entstehen zu lassen. Ihm sei

gewiß, daß er nicht wohl daran tat, sich zu sträuben. Die Kirche müsse belohnt

werden für die unsagbare Hilfe der Gebete. Die armen Seelen, die in jenen

Stiftern den Ketzern anheimgefallen seien, wiederzugewinnen, müsse er sich

bemühen als gottergebener Mensch, geschweige als Kaiser. Ihm, seinem

Beichtvater, müsse er gestehen, wie er geschwankt habe, sündig und zage. Er

wolle von der Sünde befreit werden. Der Pater lächelte: „Glücklich der Mensch,

dem es verliehen wurde, seine Macht zugunsten der Heiligen Kirche zu

verwenden.“

Papst Urban der Achte, an seinem goldenen waffenklirrenden Hofe umgeben

von Artilleristen Ingenieuren Landmessern Intriganten von Legaten Vizelegaten

Notaren, nahm in Gegenwart des französischen Botschafters die Meldung seines

Nuntius mit Freude auf. Er bezeichnete es im übrigen als Selbstverständlichkeit,

daß diese Maßnahme des Restitutionsedikts getroffen wurde, und schließlich als

eine kaum verzeihliche Lässigkeit, daß sie erst jetzt getroffen wurde. Die

Franzosen beglückwünschten ihn im Auftrag des dreizehnten Ludwig, dessen

Gevatter der Papst war. In Urbans Namen erklärte dem deutschen Gesandten

Paolo Savelli der Kardinalstaatssekretär Franzesko Barberini, der Papst fühle

sich durchaus nicht bemüßigt, eine Dankprozession angesichts der Verkündung

der Restitution zu veranstalten, auch lehne er strikte ab, dem Kaiser die erste

Besetzung der verlangten Bistümer zu konzedieren. Was dem Heiligen Stuhl

zustehe, hielte er fest.

Eggenberg hatte mehr für den kaiserlichen Hof erhofft. Aber eisig kam aus

Rom die Nachricht, der Papst gedenke die Hälfte der Renten aus den neu

erlangten Stiftern der frommen Liga des bayrischen Maximilian zuzuweisen.

Fein lächelte darauf Trautmannsdorf den Fürsten an, auch der Abt von Meggau

sah auf den Boden; aber jetzt hielt Eggenberg alle Blicke aus. Sehr fest äußerte

er, ihn freue, ja freue die Nachricht; den Kaiserthron auf breiten Fuß zu stellen,

sei sein Bemühen; man werde mit Bayern zusammenarbeiten müssen, auf

Bayern sich stützen können. „Zu welchem Zwecke“ — Meggau blickte vor sich

— „haben wir den Herzog von Friedland gerufen?“ Eggenberg: „Ihr werdet es

einmal lobpreisen, was ich sage; der Kaiser ist nicht vom Teufel befreit, um dem

Beelzebub anheimzufallen.“

Die schmähenden Worte, die unverhüllten Drohungen, die aus den

mecklenburgischen Quartieren an den Hof drangen, gelangten nicht an den Kaiser. In unbestimmten Wendungen überbrachte ihm Graf Strahlendorf die

friedländische Ansicht; verschleiert, ernst, mit stiller trächtig schwerer

Zärtlichkeit hörte Ferdinand den Bericht. Plötzlich fuhr er auf, warf erregte

Blicke, ging auf und ab: „Wer ist dieser Friedland? Wie kommt er dazu, mich

mit der Heiligen Kirche in Widerspruch zu bringen? Wie kommt irgend etwas

dazu, mir mein Seelenheil zu nehmen?“ Er stand klein, mit gequältem Blick vor

dem sehr stolzen Grafen, schwitzte. Und wie als Buße für Vergehen gab er

doppelten und strengen Befehl, der Kirche nichts vorzuenthalten, weder an Gut

noch an Seelen.

In diesen Tagen gab er das Edikt heraus, daß in allen neu eingezogenen und

von kaiserlichen Truppen eroberten Gebieten der alte Grundsatz der

Glaubensfreiheit aufgehoben und beseitigt werde, als nicht vereinbar mit

kaiserlichen Pflichten gegen die Kirche; mögen die, die andern Glaubens seien,

die eingezogenen Länder verlassen, dies sollte ihnen freistehen. Die

herrscherliche Fürsorge und Verantwortung erfordere Anwendung des Satzes:

Wessen Land, dessen Bekenntnis; die Auswanderer hätten den zehnten Teil ihres

Besitzes zu hinterlassen.

Wie zur Sühne war das Edikt hingeworfen, und der Kaiser, von der fast irren

Freude der Mantuanerin umfaßt und gestachelt, sättigte betäubte sich in der

Übertreibung seiner Durchführung. Es dünkte ihm ein Glück, Vogt und Schwert

der Kirche zu sein. Und einen Triumph empfand er über Wallenstein: er hatte

sich über ihn erhoben, hatte ihn besiegt. Wallenstein war das Blinde,

Mechanische, das Schwert; der Herzog verstand nicht, daß es noch etwas

anderes gab als die Unterwerfung von Ländern. Er war Meister über ihn.

Herzlicher als vorher liebte er Wallenstein, der Gedanke an Wallenstein machte

seine Augen verschleiern, ein trunkenes Glücksgefühl schlug durch seinen Leib;

die Knie zitterten ihm manchmal, wenn er an Wallenstein dachte. Er fühlte den

Herzog sonderbarerweise noch fester an sich gebunden, weil er ihn abgewiesen,

gestoßen und verwundet hatte. Wie ein warmer Dunst schwelte in ihm das

angenehme Gefühl: der Herzog rast jetzt meinetwegen, er ist bestial, er ist ja ein

Untier, er flucht mir, er möchte mich zerreißen. Zum Lachen schön war die

Vorstellung.

Er ließ sich melden, welche Maßnahmen getroffen seien, welcher Stifter man

sich bemächtigt habe. Wieder zogen vor ihn jammernde Abordnungen einzelner

Städte und Hochstifter von protestantischer Religion, er nahm sie an, nur um

über ihren Schmerz zu triumphieren und demütig die Anerkennung aus den

Augen und Mündern der Jesuiten entgegenzunehmen. Die Mantuanerin war

zugegen bei dem kläglichen Schauspiel, sie genossen es gemeinsam als ihr

Werk.

Er hatte Maximilian von Bayern ganz vergessen. Er war der Kaiser, der es

sich gestatten konnte, im Reich das Vogtamt des Papstes zu vollziehen. Er stand

über Wallenstein, seinem Diener und Untertan.

In diesen Wochen stieg das Geschrei vertriebener Familien zu tausenden

Malen aus südlichen und nördlichen Teilen des Reiches zum Himmel auf. In

Ruhe dehnten sich die Heere des Wallenstein über die vielen Kreise; untätig

lagerten sie, zehrten die Habe der Landbevölkerung, das Vermögen der Städter

auf.

 

Feiglinge, Lumpe, stinkige Jesuitenteufel“, waren die Schimpfworte, die in

Güstrow und Wismar von der friedländischen Tafel an die Wiener Adresse

gerichtet wurden. Der Herzog fluchte und haderte aber nach dem Edikt

auffallend wenig mit seiner Umgebung, die er sonst bei Verstimmungen stark

anfaßte. Der Vorfall arbeitete in der Tiefe in ihm. Er sah sich gereizt von einer

Clique, gegen die er nichts vermochte. Sie konnten ihm nichts anhaben, er hielt

den Kaiser in der Hand, aber sie waren da, sie wagten sich sogar jetzt herauf, sie

errangen etwas wie Erfolge. Ein schlimmes Wesen, dieser Kaiser; schlapp bis

zur Verächtlichkeit. Sie zogen und zerrten an ihm. Man mußte auf der Hut sein

vor dem Volk; und er grimmte, daß er ihnen etwas abgeben sollte, was er nicht

wollte.

Friedländische Truppen hielten die Seekante besetzt, Kurbrandenburg war mit

Einquartierung niedergezwungen, von der Wetterau her hielten Regimenter

Kurmainz in Schach, aus der Eifel wurde Trier eingeschüchtert, Köln war ganz

ohne Schutz, Sachsen fühlte den friedländischen Stachel in der Lausitz. Seinen

Freund, den Marschall Arnim, beruhigte der Herzog über den Wisch, das Edikt;

man solle den Maulwürfen und Schnapphähnen am Hofe den billigen Triumph

gönnen. „Der Kaiser ist schwach, er ist in der Hand der Memmen und Schelmen,

die sich gegen mich nicht herauswagen. Es wird ihnen nichts fruchten.“ Und zu

einer fast komödienhaft schwachen Aktion stattete er die gewünschte Aktion

gegen Magdeburg aus, das er in Besitz nehmen sollte; er gedachte an dem Feuer

nur sein eigenes Süppchen zu kochen. Er fragte noch einmal Arnim, ob er die

protestantisch stolze Gemeinde für die Katholiken erobern wolle; und in der Tat

stellte er dann Regimenter in das Expeditionskorps ein, die zum großen Teil

lutheranische Offiziere führten. „Sie fuchteln“, höhnte der Herzog, „mit ihrem

Edikt in der Luft herum, haben einen hölzernen Stiel und eine Klinge aus Pappe.

Wir werden damit spaßhafte Kriege führen.“ Er verlangte von der Stadt die

Einlagerung einer Garnison; die Stadt lehnte es ab aus Furcht vor dem Edikt. Dann, nach Verübung vielerlei Unbill, Scharmützeln zwischen Kroaten, Fischern

und Roßknechten, Aufbringung von zweitausend Schafen und allen

Stadtschweinen, Drohung mit Blockade, verhängte er eine Kontribution von

zweihunderttausend Talern, von denen ihm hundertfünfzigtausend sofort

hinterlegt wurden; für den Rest bürgte die Hansa. Die überraschten Syndici

wurden bei einer Unterredung versichert, das Edikt habe keinen Bestand, sie

sollten sich nicht fürchten, Wallenstein auch in Zukunft nicht die Besetzung des

Elbpasses verwehren; die Zeit der Religionskriege sei im Reiche endgültig

vorbei.

Dann zog er sich nach Mecklenburg zurück; das Geld war sein.

Der Herzog lag lang mit seinen Armeen an der nördlichen Seekante; er mußte

sich des baltischen Meeres bemächtigen. Sein eigner Besitz, Mecklenburg,

forderte es.

Die ungeheuren Güter, die Tag um Tag der graue Wasserrücken trug. Von

Livland Hanf bundweise, Flachs in Fässern, Getreide. Aus Riga Wachs in

Schiffspfunden für den Klerus, Wachs von der Wolga, Düna, über Smolensk und

Polozk. Aus den Steinbrüchen der finnländischen Küste Leichensteine. Aus

Rußland Pelzwerk von Zobel Wolf Marder Vielfraß Wiesel Hermelin Iltis Biber.

Garn aus Stettin, geknotetes Gut, hamburgische, brüggesche, wittstocksche,

ratzenburgische Laken. Auf diesem meilenweiten, scheinbar leeren Wasser, das

niemandes Land war, fuhren stündlich die kostbarsten Waren der Welt, der

Reichtum der Menschen: das riesig bezahlte Salz nach Abo Wiborg Narwa;

Travesalz, Salz aus Lüneburg, Oldesloe, grobes, ungesottenes Bayernsalz,

schottisches, französisches Salz; Fleisch Speck Malz Tabak Messer Kartenspiele

Leder Leinen; die Kriegsware: Waffen Munition Pulver Blei eiserne Kugeln

Schwefel Salpeter Harnische Panzer Röhren Rapiere Dolche Schlachtschwerte.

Ähnlich Sklavenschiffen mit orientalischen Weibern brachten sie, erwartet von

jung und alt, in Tonnen eingeschlossen, die Bodengeister, das Aroma fremden

fernen, glutvollen Bodens: berauschende Weine, Alikante, kreischenden

Korsiker, Malvasier, betäubenden Portugieser, von Bordeaux, Porto, aus der

Pikardie, von Ungarn, von der Mosel, vom würzreichen Rhein. Aus den

Kolonien vorüber in Holzlatten geschlagen, gebändigt, Anis, kandierter Ingwer,

Kaffee, Kubatee, Kakao, Muskatblume, Paradieskörner, Manna, zwanzig dreißig

Zuckersorten, Datteln. Duftende ölige Hölzer für die Apotheken: Terpentin

Kampescheholz Pernambukholz. Metalle, Indigo, Weihrauch, Glas aus Rouen,

Glas aus Flandern, englische Scheiben, hessisches Glas in Kisten, Kacheln,

Klinken.

Zum Herzog kamen der vielvermögende Herr von Michna und de Witte aus

Prag, über die Aufbringung der Geldsummen zu beraten, die unter Ausschluß Spaniens zu den Meeresplänen nötig wurden. Wie Fische schwammen sie auf

den Köder, der sich ihnen an der fernen Seekante zeigte. Sie ritten durch Sachsen

und die Mark, im offenen Wagen fuhren sie unter Bedeckung durch eine Rotte

von Friedlands Leibgarde; mit Lust sahen sie überall kaiserliche Besatzungen in

den Städten, die Einquartierungen. Den Zügen bettelnder Bauern, verbrannten

Dörfern begegneten sie; es milderte ihre Lust nicht. Michna kniff die Augen,

Verzückung über Brust und Magen; was war Wuchern Münzbetrug Kippen

Wippen gegen dies: Krieg. De Witte erzählte von der Dankbarkeit, die der

Judenprimus Bassewi gegen den Herzog fühlte und die er ihm in Güstrow

äußern sollte mit der Versicherung grenzenloser Ergebenheit der Prager

Judenschaft.

Wallenstein stand ihnen im Jagdschloß zu Güstrow, zwischen den riesigen

Eichen- und Buchenwaldungen, im roten Mantel gegenüber, hager, hoch. Den

vorsichtig vorgetragenen Schrecken der Herren über das Stifteredikt beruhigte

er; auf die Wismarer Werft geführt, besahen die ausländischen Herren das graue

rollende Meer, ließen sich bewimpelte Ausleger und Kaperschiffe zeigen, riefen

den lübischen Bürgermeister Heinrich Brokes, ein verschimmeltes schlitzäugiges

Männlein herüber, das ihnen gelassen jede Auskunft erteilte —, auch nebenbei,

daß die Schonenfahrerkompagnie eine Defensionskasse der Stadt Lübeck

eingerichtet habe gegen jegliche Überwältigung durch welchen Feind auch

immer, durch Besteuerung aller Güter, die auf der Achse ein- oder ausgeführt

wurden; kein Laken käme unbesteuert heraus.

Der graue träge Wasserrücken. Auf ihn geladen wie auf eine Tischplatte mit

wallender Decke der fuderhohe ganze blinkende Reichtum der Menschen. Hier

rann es wie in einem Engpaß vorüber, versucherisch; sie hingen am Fels darüber.

Die Ausdehnung der Länder war verschwunden; Livland die Wolga Smolensk

Stettin Wiborg Saragossa Ofen Venedig stießen aneinander. Und so nah, so

schutzlos, wie kichernde Weiber, die baden gehen und spritzen.

Das lag vor den Füßen der drei Böhmen, die unter breiten federlosen

Filzhüten, in langen weißen Mänteln am Strand neben dem gestikulierenden

mißtrauischen Lübecker über den Sand schurrten. De Witte und Michna

stampften erregt und fast betäubt von dieser Unterredung in das friedländische

Quartier; der Herzog blies bedenklich vor der Weinkredenz die Backen, fächelte

sich die Stirn mit einem Sacktuch. Ihr Schluß war, daß man sich der Hansa zu

versichern habe. Ihre Augen funkelten, als sie schweigend hinter ihren

Weingläsern phantasierten.

Neben Schwarzenberg, einem schmeerbauchigen Grafen vom Kaiserhofe, der

auf eigene Faust spanisch-deutsche Meerpläne trieb, die Lübecker Kaufherren

und Krämer mißtrauisch machte, tauchten in Lübeck die beiden Prager Herren, Friedlands Vertrauensmänner, auf, der kühle Kaufmann und der

menschenkundige harte Serbe; sie nahmen Fühlung mit den einflußreichen

Familien, den von Höveln, Bröntsee, Kirchring. Sie wurden auffallend oft von

den höflichen Herren auf die Wälle geführt, die eben erst ein Italiener vom

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