Wallenstein: Zweiter Band
Viertes Buch Kollegialtag zu Regensburg
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.
Gesichtsmuskeln zusammenreißend, schmetterte er, würgte, wühlte, klopfte,
rollte, malmte an dem weichen Körper vor sich. Der richtete sich einmal, blau,
japsend, auf, wollte die Augen aufreißen, brach einen Strom Blut, legte sich
seitlich um. Der Braune, noch hingekniet, packte den Schwarzen mit beiden
Fäusten beim Hals, zog den Rumpf lang am schlaffen Hals hoch, ließ ihn auf das
Gesicht zu klappen. Wütend spie er sich in die blutbeschmierten Handteller.
Unten lachte man schallend über sein böses Gesicht.
Der schmeerbäuchige Fürst zu Hohenzollern wechselte mit dem
aufgestandenen Kurfürsten einige Worte. Die Wache formte sich zum Spalier. Maximilian sprach erregt auf Richel ein. Sie verließen die Halle. Leuchter
wurden von Pagen in das Haus getragen.
Im kleinen Singvogelsaal bemerkte Maximilian, ohne den Jesuiten Kontzen
oder Richel anzusehen: „Jedenfalls soll der Musketier belohnt werden und die
ganze Patrouille, die den Boten abgefangen hat. Es war mir eine Genugtuung,
diese Aufklärung zu erhalten.“
Richel auf dem Schemel: „Leider geht aus dem Handschreiben Meggaus nicht
hervor, wie lange der Hof schon Geld für den Kaiser aus Kontributionen bezieht.
Oder ob es nur eine einmalige Zahlung war.“
„Das Tüpfelchen auf dem I? Mir genügt es.“
Richel, den geschwollenen Zeigefinger an der Nase: Dieser Brief wiege so
viel wie eine gewonnene Schlacht. Maximilian wechselte häufig die Farbe, er
hatte die Knöpfe seiner Lederweste geöffnet, hauchte stark, von Hitze
überströmt. Es dürfe nicht davon gesprochen werden, er werde selbst und allein
mit dem Kaiser darüber verhandeln. Es kam zu keinen weiteren Debatten. Die
Herren merkten, dies war eine Angelegenheit der Fürsten. Richel wurde
entlassen.
Der Jesuit wurde mit funkelnden Augen gefragt, welche Treue ein Kurfürst
seinem Kaiser schuldig sei. Kontzen sprang an: „Dem Kaiser alle Treue, dem
Nichtkaiser keine.“ Des näheren ergab sich: Ferdinand der andere ist nur, und
besonders nach dem eben aufgedeckten Vorgang, nur dem Namen nach Kaiser.
Er hat die Machtfunktion an seinen General abgetreten. Man hat also keinen
Kaiser, den man verraten könnte, und an dem Herzog von Friedland kann man
keinen Verrat begehen. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder der Kaiser billigt
willensfrei den Friedland oder er wird genötigt von ihm; im ersten Fall hat er
sich seiner Herrscherattribute begeben; oder er steht in friedländischer Sklaverei.
Man muß den letzten Fall bei seiner christlichen Frömmigkeit annehmen. Verrat
an diesem Verratenen heißt ihm, als dem Kaiser, beistehen. Er konkludierte: Wie
die Dinge liegen nach der Kapuzinerrelation und dem aufgefangenen Schreiben
Meggaus ist es Pflicht jedes Deutschen, besonders jedes Fürsten, den Kaiser von
seinem Vergewaltiger zu befreien.
Maximilian fragte leise: „Auch wenn die Befreiung des Kaisers mit
Unterstützung fremder, ausländischer Mächte geschähe?“ Kontzen solle nicht
gleich antworten, er möchte sich gut besinnen.
Wozu man, erhielt Maximilian zur Antwort, das Beispiel der Heiligen Kirche
habe; ob sie Unterschiede zwischen den Nationen mache, ob es ihr nicht einzig
auf die Sache ankäme.
Max ihn aus seinen kalten, traurigen Augen lange betrachtend: „Wenn meinen
Untertanen meine Regierung nicht gefällt und sie zu meiner Beseitigung die Türken oder Schweden ins Land rufen, tun sie dann Recht?“
„Nur insofern tun sie Unrecht, als sie sich wahrscheinlich mit dem türkischen
Einfall selber ins Fleisch schneiden; im übrigen —“
Der Kurfürst unverwandt den Jesuiten betrachtend: „Ich darf die Türken ins
Land rufen oder ins Reich, wenn ich das Reich damit aufrichte?“ „Das ist nicht
fraglich.“ Lächelnd schloß Kontzen aufstehend, es seien doch wohl nicht die
Türken.
Wie ein Jäger seinem Hund pfeift, so hatte der sanfte Kardinal Richelieu
seinem Volke das Signal gegeben, es hieß Habsburg. Deutsches und spanisches
Blut lockte, duftete herüber; sich einwälzen, sich überkugeln, die Uneinigkeit
vergessen!
„Wir müssen uns in Metz befestigen,“ sang er ihnen vor, „wir müssen nach
Straßburg vordringen, um ein Eingangstor nach Deutschland zu erlangen.
Geduld, Geduld! Ich will Euch nicht aufspießen lassen. Gebt mir noch Zeit, seid
zart; ich werde mit süßer, offener Miene voranschreiten.“
Die Zähne seines Rades griffen in die Vertiefungen von Wallensteins Rad. Zu
den Hanseaten, zum Dänen, Schweden, zu den Generalstaaten waren die
verführenden Reden und Goldstücke gerollt, klirrten lauter in das Reich von
Westen und Süden her ein.
Die Gesandten erhielten die Instruktion vom Kardinal: „Die Kraft Habsburgs
ist der Herzog von Friedland; die Gegenkraft die Kurfürsten. Sie streiten sich um
das Heilige Reich. Wir müssen sie streiten lassen, bis sie uns das Reich öffnen.
Jetzt ist Habsburg stärker; reizt, stärkt die Kurfürsten.“
Wie eine sanfte Eingebung glitten die breiträdrigen Reisewagen mit dem
großäugigen vornehmen Herren Marcheville, dem entschlossenen Soldaten
Charnacé, Säbel über die Knie, über die hüglige Reichsgrenze, über den Rhein,
in das Heilige Reich. Kaum beachtet in dem Lärmen der Durchzüge,
schweigend, höflich wandten sie sich nach Süden und Osten, näherte sich
Marcheville der Stadt Mainz, die Anselm Kasimir beherrschte, dem Gebiet
Philipp Christophs von Trier, Köln unter dem Kurfürsten Ferdinand, in Dresden
trat er vor Johann Georg.
Marquis von Charnacé war unterwegs von Fontainebleau, als Maximilian den
Wunsch äußerte, einen Geheimvertreter des Königs Louis zu sprechen. Man
hatte in Fontainebleau nichts versäumt; Charnacé trug Instruktionen mit sich.
Der Bayer saß unter einem Baldachin in der Ritterstube der Neuen Feste, saß
vor einer langen ungedeckten Holztafel, an der der hochgelehrte Herr
Bartholomäus Richel neben Kontzen schrieb und in Faszikeln blätterte, als
Charnacé, ein unansehnlicher häßlicher Mensch mit rotem Gesicht und
schielenden Augen von dem hohen Fürsten zu Hohenzollern hereingeführt wurde. Die Unterhaltung, bei der Charnacé es immer wieder ablehnte, sich vor
der Kurfürstlichen Durchlaucht zu setzen, wurde fast allein zwischen dem
Kurbayern und dem Marquis geführt; später holten die Räte Dokumente zu
Hilfe, ein Sekretär des Franzosen im Vorraum durfte eintreten, das Akkreditiv
des Gesandten diesem zur Vorlage überreichen, ferner eine große Blankourkunde
mit der Unterschrift des katholischen Königs. Charnacé wurde vom Kurfürsten
nach seinem kurzen Arm befragt; er erzählte in bescheidenem Ton von seinen
Gefechten in Polen, dann: er käme auch von Larochelle. Näheres von dem Fall
dieser Stadt, worauf Maximilian drängte, wollte er nicht hergeben; er erklärte
streng, die hugenottische Angelegenheit sei ein Bruderzwist in Frankreich
gewesen, sie sei erledigt. Es würde insbesondere der neu erstarkten gallischen
Nation eine Freude und Genugtuung sein, Gelegenheit zu erhalten, ihre Macht
und Einheit nun nach außen zu zeigen unter Führung des glorreichen dreizehnten
Ludwig. Er sprach die Freude seines Souveräns aus, daß die Verhandlungen mit
Bayern, die auf eine Beendigung des deutschen blutigen schreckvollen Krieges
zielten, nun in rascheren Fluß kommen sollten.
„Ich habe,“ flüsterte Maximilian, der während der Unterhaltung müde an
seinem Hut rückte, „seinerzeit den Herrn von Marcheville gefragt, was
Frankreich in Deutschland für Ziele verfolge. Wollt Ihr mir darauf antworten.“
Charnacé, den Degen fest in der Linken, die Augen auf dem Teppich; ein
Souverän hätte zum Ziel, und dies müsse er festhalten, die Zustände im Reiche,
wie sie durch Reichsgrundgesetze, Goldene Bulle, Wahlkapitulation festgelegt
seien, erhalten zu sehen; er möchte keinen gefährlichen revolutionären
Nachbarn; er erblicke in der weiteren Ausbreitung der augenblicklichen inneren
Gewaltvorgänge in Deutschland eine Bedrohung der französischen Grenze.
Maximilian flüsterte nach einigen Worten: „Weiter.“
„Wir haben ein Interesse daran, im Reich eine Macht wie die Liga und einen
Fürsten wie die bayrische Durchlaucht zu wissen, die den Stand des Reiches
gewährleistet. Wir sind daher bereit, die Kraft der Liga auf jede erdenkliche
Weise zum Schutz gegen den gewalttätigen ungesetzlichen Umsturz zu stützen
— soweit man es von uns begehrt. Wenn ich genauer sagen soll, führen wir
durch solch Vorgehen einen Präventivkrieg gegen das Reich. Unbedingt erkennt
der katholische König daher die Kurfürstenwürde der gegenwärtigen bayrischen
Durchlaucht an.“ Plötzlich endete der Franzose und fühlte sich auch durch den
forschenden Blick des Fürsten nicht bewogen, weiter zu sprechen.
Richel rückte seinen Stuhl, überreichte herantretend dem Kurfürsten eine
Note, auf eine Stelle mit dem Zeigefinger weisend. Ohne hinzusehen, nahm
Maximilian das Blatt mit der Linken, mit der Rechten Mund und Kinn
zudeckend, immer den Gesandten fixierend, der ruhig wartete. Dann Maximilian sehr bestimmt, keinen Ton lauter: „Der Herr kennt die Verhältnisse im Reich.
Der Bericht des Kapuziners Alexander aus Prag soll, wie mir berichtet wurde,
ihm vertraut sein. Ich habe wegen dieser uns überwältigenden Zustände den
katholischen König ins Vertrauen gezogen, meinem Pariser Gesandten fleißige
Korrespondenz mit den königlichen Funktionären befohlen. Die Liga, deren
Oberster ich bin, hat kein Interesse, bei treuster kaiserlicher Gesinnung, diese
Zustände hinzunehmen oder gar zu befördern. Sie wünscht Abschaffung der
drückenden Fronden. Dies ist dem Herrn bekannt.“ Der verneigte sich. „Ich will
nur angeben,“ präzisierte Maximilian, „welche Wege gemeinsamer Art denkbar
sind. Es genügt die Erklärung der Liga, in kommenden Angriffskriegen des
Kaisers sich neutral beiseite zu stellen, bei der Bewahrung der Neutralität aber
im schlimmsten, ernstesten Fall der Hilfe Frankreichs gewiß zu sein.“ Hierzu
seine Zustimmung zu geben, erklärte der Botschafter wieder gesprächig, hätte er
Vollmacht und ausdrückliche Instruktion. Es läge dem katholischen König daran,
ihre Friedensziele, die so segensreich für die Menschheit und die katholische
Christenheit wären, auf eine möglichst sichere Basis zu stellen. Man werde
glücklich sein in Frankreich, am glücklichsten am Hofe des Königs, eine
katholische Phalanx mit der deutschen Liga geschaffen zu haben, die der Welt
Friedensgedanken aufzwänge und die Rechtgläubigkeit unangreifbar machte.
„Ich will,“ wiederholte nach einigem Abwarten Maximilian, „dann die
Neutralität der Liga bei einem weiteren Angriffskrieg des Kaisers durchsetzen.
Die bayrische Absicht ist weiter: Verteidigung gegen die Umsturzbewegungen
im Reich, Verteidigung der Reichskonstitution, Verteidigung der heiligen Kirche;
die französische Absicht darf dem in keinem Punkt widersprechen.“ Als
Charnacé das Wort Bündnis hinwarf, hob Maximilian ablehnend beide Hände.
Man möge nicht wie ein Holzfäller bei ihm eindringen. Die Not im Reich sei
groß; dies vor dem kundigen Gesandten zu verhüllen, hätte er keinen Anlaß.
Jedoch sei er deutscher Kurfürst und werde durch keine Vergewaltigung sich von
der geschworenen Treue gegen die Römische Majestät abbringen lassen. Bei
allen Einzelheiten sei festzuhalten: keine Präjudiz gegen Reich Kaiser und
Kurfürstenkolleg. Die Räte sahen auf; Maximilian war erglüht, hatte die Zähne
wie in Scham zusammengebissen; Charnacé blätterte gleichmütig in seinen
Papieren: Durchlaucht werde freie Hand gegeben, sich der Hilfe des
katholischen Königs nach Belieben zu bedienen; bei der Herzlichkeit der
Gefühle Louis und Richelieus für das aus tausend Wunden blutende Deutschland
sei ein Mißbrauch des Bündnisfalles unmöglich. Friede, Friede die gemeinsame
Parole; geboren aus Erwägungen der Menschlichkeit Christlichkeit und
Selbsterhaltung.
Weich schlich Maximilian in die Wilhelminische Residenz herüber in das enge Stübchen zu seinem Vater, dem Herzog.
Der Alte, im schwarzen Wollröckchen am Ofen, rieb seinem großen Sohn die
Hand. Sie hockten über die Mittagsstunde zusammen. Den Kaiser Ferdinand
bewarf Maximilian mit Bitterkeit. Dem Kaiser hat ein Satan diesen Wallenstein
geschickt. Und nun floriert das Haus Habsburg und wirft seine Ketten und
Schergen aus; es wiehert brünstig vor Glück, und er, der Wittelsbacher, muß es
hinnehmen. Schande, Schande: er, ein Deutscher, müsse sich mit dem
französischen König verbünden. Er sei gezwungen, mit Zähnen und Klauen und
brüllender Offenheit den Stier, den Teufel anzufallen. Das Reich, das Heilige
Reich, das er liebe, müsse er zerstören, weil es der Habsburger, der tolle, der
Schalk, denn wolle. Nun käme es auf nichts an, als auf Habsburg und
Wittelsbach! Die Masken, die lange festgeklammerten, endlich, endlich
herunter! Zertrampelt das Römische Reich. Es gibt nicht mehr Kaiser, es gibt
nicht mehr Kurfürsten; in den Abgrund alles.
Das graue Männlein ging neben ihm am Ofen hin und her, streichelte dem
schmerzvoll Zerrissenen demütig die Hand, dankte innerlich Gott für seinen
Sohn. Möge das Heilige Römische Reich sich selbst anschuldigen, schäumte der
leichenblasse, die Tischplatte knetende Kurfürst, wenn es breit gewalkt werde,
wenn die Sintflut der Ketzerei anwüchse, wenn die Grenzen durchbrochen
würden. Es muß geschehen. Der Hüter des Reichs, der Vogt der Heiligen Kirche,
der Mehrer des Reichs: Schande, Schande.
Den schieläugigen wartenden Charnacé behandelte er in seiner eigenen
Kammer, das Degengehenk zu Boden werfend, sehr heftig. Ein Ende mit dem
Gerede von dem mächtigen einigen siegreichen Frankreich. Er sei deutscher
Kurfürst, Bayern und die Liga seien stark, er solle nach dem Haag gehen, sich
vom Pfälzer darüber ein Lied singen lassen. Was habe Frankreich im Elsaß vor,
was wühle es in Straßburg; der Bischof von Straßburg sei Mitglied der Liga; er
werde keinen Angriff und Überfall da dulden. Er war erbittert und höhnisch.
Man glaube nicht, sich die Not Deutschlands zunutze machen zu können und im
Trüben zu fischen. Was habe Frankreich in Holland vor und plane mit den
Generalstaaten. Nein, nein, Frankreich und der katholische König mißverständen
ihn, den Bayern, gänzlich; er sei nicht der alberne Knecht, der in der Nacht die
Tür zum Haus offen läßt, damit die Räuber einfallen können. Man wage es nicht,
ihm so zu kommen. Da sei ihm der böhmische Schelm noch lieber.
Charnacé focht sicher. Er fühlte, der Kurfürst wünschte von ihm über
Schwierigkeiten geleitet zu werden. Dunkle Punkte wurden im Dunkeln
gelassen, helle beleuchtet. Maximilian wurde gegen den Schluß still.
Man kam so weit, über die Zahl der beiderseits aufzustellenden Söldner zu
verhandeln. In dem Vertragsdokument war nach Maximilians Willen nichts zu vermerken von der Neutralität Bayerns und der Liga; das sollte brieflich abseits
fixiert werden. Schweigend, ohne besondere Huld, wurde Charnacé abgedankt.
Maximilian fuhr in sechsspänniger Karosse auf den Berg Andechs. Der
Heiland trug die bunte Wunderkrone der Heiligen Mechthilde. Wallfahrten
zogen mit ihm, Prozessionen von Kindern mit farbigen Kreuzen, mit Geißeln,
Speeren. Ungeheure, armdicke Kerzen wurden voraufgetragen; an seidenen,
grell bemalten Fahnen kleine Glöckchen. Umschlungen von Kranken
Gebrestigen der Pfahl mit dem Marienbilde vor der Kirche; sie lagen, von
Priestern umgangen, in Krämpfen davor. Mütter hoben ihre Kinder hoch gegen
das Bild, tasteten die Schmerzstellen der Kinder ab. Dabei sangen sie. Wie
Balken stürzten einige hin, eben den freien Platz erreichend, schnellten
übereinander; Kuttenträger beschworen die bösen Geister.
Selig Maximilian: Habsburg, nicht er hat das Römische Reich zerrissen.
Die Macht der Heiligen Kirche zu vermehren, war ihm, ihm und seinem
Geschlecht zugedacht von den Himmlischen. Es sollte an ihm nicht fehlen.
Von der grauen windgefegten Meeresplatte bis auf Postenstellungen
zurückgezogen, schob sich das Gros der Armee mit wachsender Stärke in das
Zentrum Deutschlands und nach Süden. Es legte einen dichten Schleier über die
kaiserlichen Erblande, stieg die Grenzberge hinauf.
Als die Fühlungnahme der Fürsten und Stände begann, die Proteste gegen die
Anwesenheit und das grenzenlose Wuchern dieses Armeekolosses in allen
Gauen schrillten, glomm im Süden plötzlich ein Funke auf, der sich im
Augenblick zur Lohe entwickelte.
Ein Reichslehen jenseits der Alpen, Mantua, war durch den Tod seines
Inhabers erledigt, die Nachfrage umstritten. Der Großneffe des Verstorbenen, ein
junger Herzog von Nevers, glaubte nicht der Belehnung durch den Kaiser und
Entscheidung des Rechtsstreites zu bedürfen. Da nahm der römische Kaiser,
Ferdinand der Andere, Mantua und das zugehörige Montferrat in Sequester, und
der Oberst eines Infanterieregiments, Graf Johann von Nassau, wurde als sein
Sequestrationskommissar nach Mantua geschickt. Der junge Herzog leistete dem
kaiserlichen Kommissar nicht Folge, gehetzt von Richelieu, der hinter ihm stand
und einen Sprung in die Lombardei tun wollte. Der Römische Kaiser fragte in
diesem Augenblick den Generalfeldhauptmann, ob er zu einem Zug nach
Oberitalien bereit wäre, zur Exekution gegen Mantua.
Die Armee wurde formiert. Geschwollen fuhr es aus dem Prager
Hauptquartier über das Reich, das Klagen dunstete wie eine Wiese in der Morgendämmerung: Man habe Krieg, möge jeder still sein, Kaiser und Reich sei
beleidigt. Die alte Armee wuchs wieder; der Herzog brauchte zwei Armeen, eine
zum Kampf, eine zu Kontributionen. Regimenter aus Schwaben marschierten
südwärts, besetzten die Pässe der Graubündener Alpen, hingen wie eine
Wetterwolke über Italien. Über das Meer war man nicht herübergekommen; die
Alpen konnten nicht aufhalten. Und wie der junge Nevers noch schwankte,
erschien der französische König Ludwig selbst mit einem starken Heer, rückte
gegen die Stadt Susa und besetzte sie. Sie überschritten, eine neue Kriegsmacht,
die Brücke der Doria; Richelieu, der schmächtige kinnbärtige Mönch, von allen
Waffengattungen bejubelt, ließ im grellen Märzsonnenschein am Brückenkopf
sein geharnischtes Roß voltigieren, zwei Pistolen trug er am Sattelbug, das lange
Schlachtschwert an der Seite, den wallenden blauen Federhut. Pinerolo fiel, die
Alpenpässe wurden geöffnet, das Heer stürzte an, zehntausend Mann, gejagt von
ihren Marschällen Krequi, Schomberg, La Force.
Losgelassen die Kaiserlichen hinterher, unter dem Grafen Kollalto. „Der Herr
Bruder ziehe Menschen an sich,“ schrieb der Böhme, „das Reich hat genug, ich
vermag nicht zu bewältigen, was zu mir kommt. Je mehr ich aufnehme an
kräftigen Männern, um so sicherer wird der Widerstand im Lande hinschmelzen;
vor dem Knurren und Keifen alter Weiber und Kanaillen fürchte ich mich nicht.“
Kompagnienweise wurden die Söldner bei den ersten Scharmützeln
verschlungen. Aus Wallensteins Quartier flogen der Kriegskommissar Metzger
und der Rittmeister Neumann her; ein neues Lied hatte angefangen. Sie drängten
gewaltig den schlachtengierigen strategielüsternen Kollalto zu Attacken; hielten
verschlagen mit Artillerie und Harnischen zurück. Sie reizten durch verräterische
Meldungen den Franzosen zu Angriffen; worauf die deutschen Verluste
wuchsen.
Und Ludwig, wie er triumphierte über die albernen vielgerühmten
Wallensteiner. Er machte sich anheischig, sie in fünf Monaten mit Stumpf und
Stiel in Italien auszurotten. Und so gewiß war er seiner Sache, daß der noch
ängstliche junge Herzog von Nevers, der Prätendent, die kaiserliche Fahne in
Casale einzog. Die friedländischen Regimenter, deren Verluste furchtbar waren,
meuterten nicht; die Landschaft blieb üppig, Ortschaft um Ortschaft wurde ihnen
zur schonungslosen Plünderung mit Gütern und Menschen preisgegeben, zur
Reizung und Betäubung.
In Prag wiegte sich Wallenstein; Patente für neue Truppenkörper flogen aus
seiner Kanzlei; er hieß sie, für einige Monate die Zügel im Reich etwas schlaffer
halten, der Kaiser brauche ein Heer, der italienische Krieg verschlinge Massen,
man müsse locken, locken. Mit rasendem Pfeifen, Heerpauken durchzogen die
Werber die Landschaften, fuhren Wagen voll des besten Geldes, jagten in die Wälder zu den neuen Siedelungen der Vertriebenen; schlugen eine gute Musik,
bunte Schärpen, wilde Hüte, Macht über Männer und Weiber. Möchte lieber wer
von den Verkommenden arm und Knecht sein. Der Krieg in der italienischen
Ebene war ein Schlund, er schluckte und spie in die Gräber.
Bassewi ging den harten Herzog an. Der gab zurück: „Jammere er nicht,
Bassewi. Er hat keinen Grund, über diesen Tod zu klagen, wo kein Deutscher
einen Finger aufheben würde, wenn sein ganzer Stamm an einem Tage
weggerafft würde. Wir kommen von der Stelle. Oder zweifelt er?“ Der
weißhaarige Jude schüttelte mit weiten starren Augen den Kopf: „Ich werde
nicht zweifeln, daß dem Herzog von Friedland irgendein Erfolg ausbleiben wird.
Ich werde nicht daran zweifeln. Ich würde glauben, wenn der Herzog von
Friedland ein Jude wäre, würde die arme Judenschaft morgen nach Palästina
wandern können und das Reich Salomos neu begründen.“ Wallenstein lachte
kräftig: „Hinbringen könnte ich Euch schon; aber der Großherr in
Konstantinopel würde Euch verspeisen. Es wäre kein so schlechter Gedanke
eines Christen, Euch hinzubringen.“ Der Jude runzelte die Stirn: „Bewahre mich
Gott. Ich bin zufrieden, daß Ihr uns wohlgesinnt seid.“
Zwischen seinen grellgeputzten Vogelhäusern und Fischteichen spazierte
Friedland mit seiner schönen Frau, im Vergnügen über das milde Winterwetter.
Sein Vetter, der klobige Oberst Graf Max Wallenstein führte neben der
Herzogin ein Bologneserhündchen an der Leine. Friedland stand auf dem Kies,
seinen Stock vor sich am Boden einstampfend: „Hätt’ ich geglaubt, daß die
Dinge bei Mantua solchen Verlauf nehmen. Der Mund wird denen im Reich
gestopft. Schaff’ mir Leute heran, Max; die Deutschen gehören nach Italien.
Hast du bemerkt, was der Franzose macht. Er will ein Feind Deutschlands sein.
Der! Richelieu, der überfeine, glaubt, uns in der Tasche zu haben. Sein Pater
Joseph, der Kapuziner, er und der Tölpel Ludwig haben uns schon. Eine Freude!
Er bringt unsere Feinde um, jeden Tag hundert mehr; wie gut sich die Menschen
eignen zu unserer Bedienung. Und wir — wir haben jeden Tag ein Stückchen
Sorge weniger.“ Gepeinigt pfiff die Herzogin ihrem tanzenden Hündchen; sogar
Graf Max sah betroffen an seinem Zobelpelz herunter. Wallenstein prahlte, mit
seiner knöchernen Linken heftig gestikulierend: „Wir werden stärker; aber er
kriegt den Kaiser nicht herunter. Er kann es anstellen, der besessene
Seidenspinner, wie er will, er tut uns einen Dienst. Die Franzosen, Max — die
haben mir gefehlt.“ Er zotete vor der erblassenden Herzogin von der
vortrefflichen Franzosenkrankheit, die sein Heer befallen hätte. Sprudelnd zog er
die Arme der zu Boden blickenden Frau an sich.
In dem kleinen astronomischen Kabinett, in einem Flügel seines Palastes,
mußte bei Fackelschein der paduanische Astronom Argoli, mit seinem sanftmütigen schmeichelnden Schüler, dem Johann Baptist Zenno, die
Aussichten des Feldzugs berechnen. Pläne auf Pläne legte er ihm vor, sie hatten
die glückbringenden Tage anzugeben. Die unermeßliche Nacht blickte zu ihnen
herein. Erregt, vor sich murmelnd, ging Friedland unter der Bronzetafel, in die
sein eigenes Horoskop eingegraben war: „Tiefsinnige, melancholische Gedanken
macht Saturn, die menschlichen Gebote werden verachtet. Jupiter folgt. Der
Mond steht im Zeichen der Verworfenheit.“ Friedland stellte sich unter Knurren
und Lachstößen neben Argolis Fernrohr: „Ich bin ein frommer Christ, Argoli. Du
weißt, was ich gestiftet habe. Man wird mich nicht für teuflisch halten, weil du
mir die Geheimnisse Gottes deuten sollst.“
Die unaufhaltsam über die Lombardei niederströmende Menge breitete sich
aus. Von der Schweizer Grenze blühend Gebiet neben Gebiet, das Herzogtum
Savoyen, Piemont, das spanische Mailand, die große Republik Venedig von
Bergamo bis Belluno, Gradiska. Was geneigt war, sich aufzubäumen, bäumte
sich auf. Im Süden der Staat des gewaltigen von Civitavechio bis zum
Kastelfranko herrschenden Papstes Urban.
Er hatte mit Ruhe den deutschen Krieg toben sehen; jetzt brüllte er über das
Vordringen der Männer aus dem fluchwürdigen Lande, das die Ketzerei geboren
und großgezogen hatte. Der brutale spanische Botschafter Gasparo Borgia fuhr
stolzgebläht zur Audienz beim Heiligen Vater, der ihn nicht zuließ; aber feierlich
holte der Kardinalstaatssekretär Franzesko Barberini, der Nepot, die bayrische
Kreatur Krivelli aus seinem Quartier ab zum Papst.
Der Papst schnob gegen ihn: das Haus Österreich ist der Kirche abtrünnig
geworden, daß es keinen Fürsten mehr achte; maßlos übermütig, mischt es sich
in die Verhältnisse Italiens ein, mit gräßlichen Massen des Abschaums aller
Nationen bewirft es den blühenden Boden der Lombardei; die Züchtigung Gottes
wird nicht ausbleiben; von solchem Treiben des Hochmuts wendet sich der
Gerechte ab.
Mit donnernder Stimme warnte er vor Eingriffen in seinen Machtbereich; der
Papst sei vom Heiligen Geist selbst auf den Stuhl gehoben, er habe die Pflicht,
die Gerechtsame Gottes wahrzunehmen. Die Verbrecher würden es so lange
treiben, bis das Breve der Verdammung an den Kirchentüren angeschlagen
werde und er alle Kreatur gegen sie aufrufe.
Der Gesandte des Wiener Hofes wagte sich zum Protest in den Vatikan. Der
achte Urban, auf seinem Stuhl sitzend, ein ungeschlachter graubärtiger
bäurischer Mann in weißseidener Soutane, einen roten breitkrämpigen Filzhut
auf dem glühenden Kopf, übergoß ihn mit ätzenden Worten: „Die höchste
Richtergewalt liegt beim Kaiser. Wie aber kann ich richten, kommt nicht mein
Amt und Richterspruch von Gott? Wie kann ich mich vergreifen, wie darf ich es an Gottes Geschöpfen? Denn diese Menschen sind vielleicht kaiserliche
Untertanen oder kaiserliche Unterworfene, aber sie sind auch Gottes Geschöpfe.
Und wir wissen doch, daß wir im letzten Augenblick gleich sind vor dem
himmlischen Herrn, gleich die Richter und Gerichteten. Sie werden beide nicht
leicht zu schleppen haben. Fürchten sich die Herren dieser Welt, daß sie sich
nicht gar zu viel aufbürden! Der Triumph des Rechtes wird nicht ausbleiben.“
An das umstehende Kolleg wandte er sich, sich schüttelnd vor Abscheu, den
Gesandten keines Blickes mehr würdigend: „Es gibt Menschen, die ihre
Machtgelüste auf das schamloseste, auf das tiefste beleidigend maskieren. Sie
wagen es mit dem Schein der Frömmigkeit sich zu schmücken. Es ist schwer zu
verstehen, wodurch sich diese Menschen, wenn sie richten, von Mördern
unterscheiden und von Dieben, von Räubern. Die lombardische Erde wird davon
zeugen. Ich will nicht mehr davon sprechen, es ist uns ein grausiges Geschick,
daß dies in die Zeit unseres Wirkens hineinschlägt.“
Wie er sich wand, seine Flüche auswürgte, die Befestigungen an seiner
nördlichen Grenze beschleunigte, Söldner anwarb, klangen die herrischen
Wünsche aus dem Reich herüber: der Kaiser Ferdinand der Andere, der geliebte
Sohn der Kirche, begehre sich krönen zu lassen vom Heiligen Vater; Urban
möge ihm entgegenziehen bis Bologna oder Ferrara. Auch sollten die
Lehensrechte des Kaisers über Montefeltro und Urbino untersucht werden. Das
Schrecklichste an Drohung, was man im Vatikan vorausgesehen hatte, kam aus
dem Hauptquartier des übermächtigen Böhmen: man möge sich nicht sperren in
Italien; Rom sei vor hundert Jahren schon einmal geplündert worden, inzwischen
wäre es noch viel reicher geworden.
Und während alles an der Nord- und Ostgrenze des Reiches ruhig blieb, die
Armada bändigend mit eisernen Netzen über Deutschland lag, Italien
aufschäumte, wurde im Triumph in die Wiener Hofburg der uralte
Karmeliterpater Dominikus a Santa Klara eingeholt, der in der
Entscheidungsschlacht am Weißen Berge den Siegeswillen der Ligisten
hochgehalten hatte. Er wollte daran erinnern, daß alle Macht und Übermacht des
Kaisers nur errungen sei durch die Kirche, die Fürsprache ihrer Gebete. Der
Kaiser sollte ehrerbietig sein und ablassen von dem Mordversuch auf die heilige
Mutter. Nach wenigen Tagen erkrankte der schwache Mönch, von der langen
Reise angegriffen, starb unter Ferdinands Augen. Abends fand das
Leichenbegängnis von der Hofburg nach dem Karmeliterkloster statt unter den
Klängen aller Glocken; Ferdinand und seine Familie warteten in der
Karmeliterkapelle.
An diesem Abend suchte durch den langen unterirdischen Gang der Kaiser
seit langem wieder den Fürsten Eggenberg in seinem Hause auf. Er erklärte, es sei bei der überwältigenden Wendung der Dinge, bei dieser sichtbaren Erhebung
des Hauses Habsburg durch Gott und die allerseligste Jungfrau notwendig, an
die Sicherung des Erreichten zu denken. Er sei ein Mensch, hinfällig. Er wolle
seinen Sohn neben sich sehen. Eggenberg möge die Nachfolgerfrage, die Wahl
zum römischen König, in Angriff nehmen.
Es gab in den europäischen Ländern unzählige Orden von Männern und
Frauen, die das Wunder des Jesus von Nazareth vereinte. Die erneuerten alten
Orden der Dominikaner, Franziskaner, Benediktiner, die Kapuziner, Theatiner,
die Kampforganisation der Jesukompagnie. Die Feuillantinen, Frauen, die
maßlosen Bußübungen oblagen, so daß sie zu Massen hinstarben und der Papst
einschreiten mußte, Nonnen und Mönche, die Tag- und Nachtwache sich
auferlegten, Stillschweigen, unaufhörliches Anbeten des Mysteriums der
Eucharistie. Die Nonnen von der Schädelstätte, die die Regel des Benediktus
beobachteten: durch unausgesetztes Beten am Fuße des Kreuzes Buße zu tun für
die Beleidigungen, die dem Heiland angetan waren, sie auszulöschen, wenn sie
je auszulöschen waren. Der Orden von der Heimsuchung des Franz von Sales
und Chantal, der vor Entzückungen warnte; man müsse durch Arbeit beten. Die
Ursulinerinnen, die Männerkongregation von Sankt Maur. Über allen schwebte
ein Hall des Schreis, der am Tiber von den fürstlichen Anhängern des Barberini
und dem römischen Pöbel ausgestoßen wurde beim Gerücht, daß der deutsche
Kaiser sich nach Rom durchkämpfen wolle, um sich vom Papst salben zu lassen,
und daß ein neuer Ferdinand römischer König werden sollte: „Ghibellinen!
Ghibellinen!“ An den Moles Hadriani, den neronischen Wiesen, an der neuen
Mauer Urbans am Kapitol, Lateran, an den Thermen des Diokletian und des
Karakalla, von der Skala santa, am Palazzo Caffarelli, Massini, Farnese. Wühlen
in allen Gliedern der Kirche: man wolle dem Papst zu Leibe, es ginge wider den
Vatikan. Wutausbrüche des gestachelten Urban, umgedeutet in ängstliche Klagen
um den Bestand der Kirche.
Ein Fanal war der vom Papst genehmigte Raub der Asche der großen Gräfin
Mathilde aus Mantua, die eine Freundin Gregors im Kampf gegen den
sächsischen Kaiser Heinrich war: man werde sich wehren, sich nicht
totquetschen lassen.
Und aus tausend Rinnsalen quoll nach Deutschland der Haß. Wallenstein
schickte Truppen durch Graubünden, schwere Belagerungsartillerie ließ er mit
Mauleseln herüberschleppen. Eines Tages riefen in Rom Mönche und Laien aus,
was in Prag und Wien allen bekannt war. Daß der Herzog von Friedland sich selbst an die Spitze der italienischen Armee zur Aufrechterhaltung der
Kaiserlichen Hoheit in Italien stellen werde. Sie kreischten frenetisch in Rom:
„Die Barbaren kommen! Die Goten!“ Man stellte sich dem tollwütigen
verfinsterten Papst für Schanzwerk Geschützguß Kugelguß zur Verfügung. Er
reiste mit dem Kardinalstaatssekretär und dem venetianischen Botschafter an die
nördliche Grenze seines Gebiets. Hundert römische Edle, gewappnet in leichten
Eisenpanzern, die Pferde unter klirrenden Plättchenpanzern, ritten seiner Karosse
vorauf; eine starke Rotte schweizer Gardisten, blaue Wämser, Piken, Birnenhelm
mit aufgebogener Krempe aus blauem Eisen, prächtige Offiziere in rotem Samt
umringten ihn. Außerhalb Roms sprengte der Papst, auf seinem schwarzen
riesigen Gaul ragend unter einer goldgestachelten Stahlkappe, in einem
schwarzen Panzerhemd mit Samtkragen und Ringpanzerbeinkleid, Bronzeplatten
vor dem gewölbten Leib, vor den Knien Platten mit Stacheln, seine Stimme
tobte, er drängte vorwärts. Französische Offiziere trafen aus Grenoble ein.
Sie krochen aus Erdhöhlen herauf, lehmbraune Männer, verkniffene ängstliche
Mienen, schmierige Bauernkittel, suchten mit den blinzelnden Augen die flach
unter ihnen abfallende Ebene ab, die grünen windgeschüttelten Gebüsche,
winkten, pfiffen rückwärts. Kinder arbeiteten sich hoch, lichtscheu,
verschüchtert, Weiber, langzopfig, mit sandigen Hauben, schüttelnd die braunen
Röcke in der grauweißen Morgenluft. Der hohe Waldrand belebte sich, das
Dickicht zwischen Kiefern und Buchen wurde durchbrochen; leise Pfiffe. Kleine
weiße Zelte in Doppelreihen hinten in der Ebene, dünne, hohe Lanzen die
Dorfhäuschen überragend; das Steinkreuz am Fuße der Berglehne umgestürzt;
Pferdewiehern, einzelne Schüsse; Qualm in trüber Schicht unbeweglich über
einigen Schindeldächern, weit am andern Ende des Dorfes Wägelchen die Allee
aufwärts gezogen. Links am Horizont der Kirchturm von Zittau. Oben
schleppten die Männer Spaten und Beilpiken aus dem Wald, wühlten einen
angebrochenen Graben auf, tiefer, breiter, zogen ihn, immer still sich bückend,
halblaut sich anrufend im Zickzack über den Hang durch lange Stunden. Vieh
blökte im Wald; Weiber Kinder waschend kochend am Feuer, dessen Rauch
durch breite hochüberspannte Rinderfelle verteilt zwischen den Baumwipfeln in
losen Zügen sich verlor. Kleine Männertrupps, in der Mittagsstunde, verstreut,
sich abwärts lassend, das Dorf umschleichend, umfaßten von zwei Seiten
einzelfahrende Wagen, schlugen die Söldner nieder, schleiften die Säcke in die
nahen Verstecke, stahlen sich abends wieder hoch.
Bäume gefällt, Pallisaden gezogen. Höhlenquartiere, Waldquartiere in der Lausitz. Gemeinden von rachsüchtigen Kompagnien angegriffen, zerschlagen,
auf der Flucht bei andern unterkriechend. Aus der Lausitz, in Böhmen
sammelten sich wandernde zigeunerartige Scharen, stiegen suchend die
Felsgewände der Elbe entlang, zwischen den Rebenpflanzungen, den blühenden
Feldern mit Hopfen, Raps, Rüben. Machten offene Städte unsicher, plünderten
die Obstwälder bei Leitmeritz; auf den weidenbepflanzten Auen bei Melnek
lagen Leichen von Verhungerten; viele Weiber, Kinder blieben in Dörfern
zurück. Durch das finstere Moldautal drängten die Massen, ziellos, in einem
leidenden Trieb. Dreitausend umschwärmten die Tore Prags. Man wußte nicht,
was sie dort wollten. Die Bürgermeister der Alt- und Neustadt schickten Brot in
Körben heraus, Wegweiser durch Böhmen. Das Gedränge gab sich nicht; sie
wollten herein nach Prag; sie redeten sich ein, der Kaiser wäre da. Als der
Verkehr an den Toren erheblich gestört wurde, eine Anzahl Boote auch an der
Hatzinsel anlegten, bis vor die große Brücke vordrangen, befahl der Oberst der
Garnison, sie zu verjagen. Die Flüchtlinge hatten sich durch ihre Weiber und
Kinder verstärkt, wurden durch Peitschenhiebe Hellebarden Salven scharfer
Schüsse auseinandergesprengt. Die großen Massen, bestürzt, ohne Fassung,
ratlos verloren sich; nach zwei Tagen fand man im Umkreis Prags keine Rotte
mehr. Im Judenviertel der Stadt jubelten manche bei den Schüssen, man stand in
starker Hut; die meisten aber schlossen sich in ihren Häusern ein, viele
bedeckten weinend die Gesichter.
Eine Welle verlief sich, andere kamen. Sie drängten zum Kaiser um Rettung.
Rotten tasteten sich hungernd im Land herum vom Harz her bis nach Schwaben;
während manche sich stumpf forttrieben, verfielen andere einem Götzendienst,
flüchteten verwildert zu Wald- und Flurgeistern, Kobolden, Marzabilla,
Waldschützen, Moosweibchen, schlichen gedrückt um Kreuzessäulchen. Wo das
Gesindel in die Städte hereinverschlagen wurde, wurde es wieder
herausgepeitscht. Gerüchte von Kreuzschändung, Ausübung todbringender
Malefizien schleppten sie mit sich; man hing es ihnen an, aber vor manchen
Städten wurden viele belauert, umstellt, nach kurzem Verhör aufgeknüpft, auch
gerädert.
Wie anklagende Chöre erschienen Menschenscharen immer häufiger vor den
Toren der größeren Städte; hinter ihnen her ritten Abgesandte ihrer Bischöfe
Herren Fürsten, drohend, sie sollten an ihr Werk gehen, auf die Äcker, an die
Mühlen, in die Bergwerke, warnend vor der Abwanderung. Sie wollten immer
zum Kaiser, wußten nicht wozu. Der Kaiser war mächtig, seine Armada mächtig,
er solle Frieden machen. Unterwegs sagten sie sich vor, was sie bedrückte:
Kriegslasten auf ihren Schultern, Getreideabgaben, Abgaben für Fallholz,
Schweinehafer, Kapaun, Kleinvieh, der dritte Pfennig vom Gemeindeholz, der kleine Zehnt, Salzsteuer, Brennöfen, Mühlen, Wegzoll, Jagdgeld, Marktgeld,
Siegelgeld, Heiratsabgaben. Lachten, der Kaiser ist mächtig, er wird noch mehr
können als dies. Im Brandenburgischen erschienen sie mit Fahnen, bald tausend
stark, demütig in Ehrbarkeit, Schöffen, Ratsmannen und Richter um Speisen
bittend, man möchte ihnen nichts antun, sie wollten zum Römischen Kaiser mit
Bittschriften. Man gab ihnen, schob sie ängstlich ab. Viele verdarben am Wege.
Als sie sich der bayrischen Grenze näherten, ließ sie der Kurfürst durch seinen
Kriegskommissar fragen, ob sie dem Bauernaufgebot, den Landfahnen,
eingereiht werden wollten. Antworteten, sie kämen gerade des Krieges wegen,
dessen Beseitigung ihnen am Herzen liege, sie hätten so viel Kontributionen
zahlen müssen an Freund und Feinde, dazu den großen Zehnt, den kleinen
Zehnt, den Schweinehafer, Salzsteuer, Brennöfen, Wegzoll, Kleinvieh, Kapaun.
Darauf wurden sie von einer kleinen Söldnerrotte und fünfzig Pferden mühelos
versprengt, gefangen, in die Büsche gejagt. In Klöstern fanden manche Zuflucht.
Da erfuhren sie, daß der Kaiser alles bewältigen und niederschmettern wolle,
Kaiser und Friedland sei ein und dasselbe, auch den Papst wollten sie beseitigen,
man müsse beten zur himmlischen Jungfrau, daß der Papst die Oberhand behalte
und dazu die ergebenen Fürsten des Reiches.
Die Kaiserin war mit dem rebellischen Herzog von Nevers verwandt. Sie war
an Ferdinand, als die Stifter der Kirche zurückgegeben werden sollten,
herangegangen wie Flamme an Holz, hatte um ihn unbändig gewallt. Jetzt
erschrak sie. Ein geheimer Stich; von Tag zu Tag stach es tiefer. Sie mußte sich
zurückziehen. Was hatte sie getan, wie hatte sie gelebt. In welche Verderbnis
trieb sie der Mann neben ihr, in brütender Besessenheit rührte er an Italien. Sie
war ihm nichts. Von Mantua fühlte er nichts. Sie keuchte aus dem Schlaf auf,
ekelte sich vor schwarzen Männern, die in großen Mänteln nach ihr liefen, hinter
ihrem Bett mit Messern und Federhüten vortauchten. Die ekstatische Frau war
plötzlich aus ihren Fiebern gerissen. Erkühlt unter dem unfaßbaren Schrecken,
die Horden Friedlands, des Schlächters, könnten über ihre süße Heimat kommen.
Sie besann sich mit hereinbrechendem Wohlgefühl auf ihre sonnenklare Jugend;
es war ein Blick durch den Spalt eines finsteren Zimmers.
Widerstrebend strich sie um Ferdinand, näherte sich ihm. Sie zwang sich ab,
zu betteln für ihren Vetter Nevers und ihre Stadt. Lauschend kniete sie vor
Ferdinand, dem dunklen Mann, horchte gepeinigt in ihn hinein. Es war keine
Frage um Mantua, sondern um ihn.
Ferdinand in sakraler Ruhe verstand nichts. In eherner Überlegenheit hing er über den Parteiungen in seiner Umgebung, sah grau auf das Gezänk herunter,
mißtrauisch, gefühllos. Er schenkte, schenkte. Was für Jesuiten geschah,
betäubte die Patres selbst. Cäsarisch duldete er nicht, daß man ihm danke. Er
sagte aus seiner Starre heraus der Mantuanerin, der junge Herzog werde zu
seinem Recht kommen, nach erfolgtem Spruch und nicht früher werde die
Belehnung erfolgen. Sie flehte, seine braune schlaffe Hand küssend: „Du hast
den Patres so viel gegeben, deine Räte sind reicher als ich.“ „Haben meine Räte
und die Väter von mir Geschenke erhalten? Ich weiß nichts davon. Sie mögen
sich nichts anmaßen.“ Sie betrachtete ihn, das goldene Vlies über der Brust, von
unten herauf, der graue zitternde Bart, hörte das rauhe Murmeln. Das war der
unverständliche Barbar, der sie durch den galanten Eggenberg aus der
Lombardei geholt hatte. Durch ihren Kopf irrte, sie wußte nicht wie, plötzlich
und hartnäckig die Erinnerung an ein fremdes Gespräch rechts von ihrem
Fenster: „Hast du mich gern, tanze morgen Nacht mit mir.“ Es waren lustige
Kavaliere mit ihren Damen gewesen, die so zueinander sprachen; warum ihr das
zarte Geflüster einfiel. Aufgewühlt verließ sie den schnalzenden Kaiser, der ihr
wie eine Pagode nachblickte.
Vor einem lärmendem Vogelhaus, nahe der Brunnenstube ihres Schlosses
Schönbrunn, saß Eleonore in einer Rosenlaube; in Mantel und schwarzen
Schleiern gingen zwei italienische Damen draußen auf und ab, Paula Maria a
Jesu und Maria Theresia von Onufrio. Sie sagte zum alten Eggenberg: sie habe
Zutrauen zu ihm, sie bitte ihn bei der Liebe Gottes, den edlen Frieden zu
befördern, soweit er vermöchte. Er fragte sie, vor ihr stehend, bei aller Ehrfurcht
mitleidig ihr zuhörend, was sie befehle. Warum man ihn so selten sehe, beim
Quintanrennen nicht, bei keinem Reiterkarussell, bei keiner Hetzjagd; er scheine
eine Abneigung zu haben gegen sie oder den Kaiser. — Ach, er sei krank. —
Nicht so sprechen, ob sie noch Zutrauen zu ihm haben könne: sie bange um ihre
Heimatstadt; der Krieg sei ungerecht vom Zaun gebrochen, der junge Nevers sei
von Frankreich verführt worden: mein Heiland, und es könne doch nicht so
gehen, daß man Italien verwüste, wie man Niedersachsen oder Böhmen
verwüstet habe; man könne doch nicht mit aller Welt Krieg führen, mit dem
Heiligen Vater; warum denn, warum denn nur.
Da stand im Schatten am Pfosten der Laube Hans Ulrich Eggenberg; auf den
Stock stützte er die linke Hand mit dem blausamtenen Hut; auf dem hohen
steifen Mühlsteinkragen bewegte sich sein weißbärtiger Kopf wie auf einem
platten Teller; das spanische goldene Vlies über der Brust blitzte unter dem Spiel des Sonnenlichts; er lächelte für sich still, seinen Stock entlang blickend; er hätte
sich niemals unterfangen, gefährliche kriegerische Praktiken anzuspinnen; die
Dinge hätten den schweren Lauf selbst genommen; wie schwer sei es, ihnen zu
gebieten.
Sie saß gerade auf ihrem Stuhl, die Augen zwinkernd; die schwarzen Haare
gescheitelt, zu einem Knoten in den Nacken herabfallend, aus dem senkrecht
nach oben eine mächtige vornübersinkende Reiherfeder stieg. Sie ballte die
Hände in den weißen Reithandschuhen über den zusammengedrückten Knien;
ihr gelbes Kleid lag in vielen Falten lose weit um sie: er hätte sie geholt aus
Mantua, ihm sei sie in Vertretung des Kaisers angetraut; an ihn hänge sie sich.
Habe man Glauben, um an der Gerechtigkeit und dem Glück zu zweifeln; es
müsse verhindert werden, daß aus ihrer Geburtsstadt eine Trümmerstätte werde;
sie könne es nicht zugeben, und wenn sie —. Dabei bückte sie sich, hob eine
Hand vor das Gesicht, richtete sich rasch hoch, sah starr seitlich in einen Winkel.
Als wenn sie ein Kind wäre, studierte Hans Ulrich ihr Gesicht, die trotzig
aufsteigende Feder über den hilflosen zerrissenen zitternden Mienen; rasch,
geschäftsmäßig erklärte er: es sei nicht Schuld des Kaisers, wenn es zu diesem
Krieg gekommen wäre, lose Stücke hätte noch kein Habsburger unternommen.
Schlimm sei es, daß der junge Nevers sich habe von Frankreich zu respektloser
Haltung erregen lassen; vielleicht sei es möglich, ihn von Frankreich zu trennen.
— Sie wolle, äußerte sie, nicht von Schuld und Unschuld reden; man möchte ihr
nicht ihre Geburtsstätte nehmen; sie habe, brach sie aus, so viel opfern müssen,
als sie Italien verließ, man möge doch an sie denken. Stand auf, reichte ihm, der
seinen Hut fallen ließ, die eisige Hand, blieb vor ihm stehen. Er lächelte
herzlich, erwiderte ihren Händedruck; es sei schwer, rasche bindende
Versprechungen zu geben, es sei allen im Lande schmerzlich, den Heiligen Vater
gegen sich zu sehen; er nehme Gott zum Zeugen, daß er den edlen Frieden nach
Kräften fördern werde; Frieden müsse werden, schrecklich wüte die Christenheit
gegeneinander, vielleicht arbeite man für niemand anders als den Großtürken in
Stambul. Sie freute sich, heftiger seine Hand umklammernd. „Mir ist ja nicht
mehr gegeben,“ flüsterte sie, schon den Rock raffend, „als Euch meine Wünsche
zu sagen.“
Die durch den kaiserlichen Wunsch auf Wahl seines Sohnes zum römischen
König entstandene Sachlage wurde im hohen Rat erörtert.
Da saßen die, die verzaubert waren vom Herzog zu Friedland, und lachten.
Man solle den Herzog lassen, sagten sie, und den Papst und Frankreich; es sei das beste, was der Geheime Rat jetzt tun könne; das Spiel sei vorzüglich im
Gange; sie hätten den Vorteil, gänzlich außerhalb der Partie zu stehen,
einzugreifen, wenn es ihnen gutdünke. Welche Entwicklung aber die deutschen
Dinge durch ihn nehmen würden, das sei geradezu phantastisch abzusehen, ja
phantastisch. Sie spiegelten sich in diesen Gedanken. Friedlich saß der
verwachsene Graf, gelbweiß von Gesichtsfarbe, mit den Fingern spielend im
Lehnstuhl, lächelte überlegen, gähnte viel. Die Wahl zum römischen König
würde ihnen wie eine Frucht zufallen.
Der lange Strahlendorf brauchte mit Hinweis auf Trautmannsdorf die
Wendung vom friedländischen Anhang am Hofe; schreiend, der Wagen sei
verfahren, er hätte genug dagegen rebelliert; wälze die Verantwortung dafür ab.
„Wofür? Wofür?“ spöttelte der Bucklige, „für den Sieg Habsburgs?“ Brüsk warf
sich der steife glattrasierte Mann im Stuhl zurück.
Im violetten Seidenmantel, das schwermütige olivfarbige Gesicht mit den
starken Brauen auf die beringte weiße Hand gestützt, blickte Slavata gegen den
Ofenwinkel, der mit einem blaugrünen Gobelin verhängt war. Seine blauen
Augen schweiften zu Trautmannsdorf, der sich in seinen Stuhl verkroch, gingen
oft hin; er sprach anders: es bestände keine Aussicht, den kaiserlichen Wunsch
auf legale Regelung der Nachfolge durchzuführen, denn die Kurfürsten seien
über die Gewalttätigkeiten im Reich, die Verarmung, den drohenden Umsturz
erbittert. Dennoch müsse die Nachfolge des Kaisers gesichert werden. Man
müsse also die Kurfürsten eventuell zwingen.
Strahlendorf lachte höhnisch: „Wie denn, Herr Graf?“
„Durch dieselbe Gewalt, die sie zur Erbitterung gebracht hat.“ Dazu klatschte
leise der Bucklige, dem Böhmen zuwinkend, Beifall.
Es sei wohl auch das Beste, so zu verfahren, höhnte Strahlendorf weiter, in
anderer Hinsicht. Man käme dann zur Klarheit überhaupt über die
Herrschaftsverhältnisse im Reich; zum Beispiel in Pommern, in Brandenburg, in
den meisten Kreisen mit kleinen Landesfürsten. Da würde sich herausstellen,
wer herrsche. Trautmannsdorf jubelte fast: natürlich, so sei es, es würde fesselnd
bis zum äußersten werden; Konsequenzen über Konsequenzen könnten noch
gezogen werden: wie notwendig — er wandte sich armeausstreckend an alle
Herren — nicht einzugreifen, um nichts zu verderben oder zu komplizieren; das
beste, diese Frage der Nachfolge nur in die öffentliche Diskussion werfen, an
diesem Punkt könnte sich der Streit auf das bequemste entzünden: nun hätte man
den Zankapfel in der konzentriertesten Form, alle Kräfte würden aufgerufen, um
— nun, man würde sehen.
Ihm fehle, klammerte stolz Strahlendorf seinen Degen zwischen die Knie, die
Munterkeit und der leichte Sinn, um Angelegenheiten des Kaiserhauses in solcher Weise zu behandeln. Slavata hob sein dunkelblondes Haar mit der
Linken von den Schultern ab, als wenn er seinen Nacken kühlen wolle; er
betrachtete sinnend einen Sprecher nach dem andern, lief gebunden dem
Gespräch nach: man hege doch gleichmäßig die schuldige Treue und Liebe
gegen den Kaiser; nun möge man sich auch nicht trennen in den Mitteln, die
Treue zu erweisen. „Ich schlage vor,“ sagte er gedämpft, „einen Kurfürstentag
einzuberufen zur Königswahl. Im übrigen dem Herzog freie Hand zu lassen, wie
man es bisher getan hat. Weigern sich die Kurfürsten, den jungen Ferdinand zu
wählen, so nimmt der Kaiser dies zur Kenntnis, wie er anderes zur Kenntnis
genommen hat. Aber ignoriert es.“
„Liebster,“ legte sich Trautmannsdorf vor, „wie kommt Ihr zum Ziele. Der
junge König von Ungarn wird nicht römischer Kaiser vom Ignorieren.“
Still legte Slavata beide Hände in den Schoß, senkte den Kopf, seine braune
Haut wurde blasser, seine Augen funkelten einen Moment, bevor sie sich auf die
Finger richteten: er schob Silbe um Silbe zwischen Zähnen durch und stellte die
Gegenfrage an alle Herren, was wohl dann geschehe, wenn der Kaiser dem
Herzog von Friedland freie Hand wie bisher lasse und die Kurfürsten die
Königswahl ablehnten; die löblichen Kurfürsten können belfern und keifen, die
Zähne sind ihnen ausgebrochen!
Rasch wandte sich Slavata mit einem eigenartigen Lächeln an
Trautmannsdorf, das sei der Streit auf der Höhe und — er flüsterte — noch
mehr: der Sieg Habsburg auf der Höhe. Vielleicht ernenne dann der Kaiser den
neuen König.
Strahlendorf donnerte mit der Faust auf den Tisch, zitterte am ganzen Leib,
blickte mit verzerrten Mienen gräßlich auf den böhmischen Grafen; der Bucklige
warf sich bewundernd, den Mund offen, den Kopf schüttelnd, hin und her im
Sessel; der dicke Questenberg blies mit menschenfresserischen Grimassen
glücklich unter seinen struppigen Schnurrbart, saß geschwollen, glotzäugig, als
hätte ihn einer gestreichelt, am kurzen Quertisch. Strahlendorf jappste: „Das
nennt Ihr das Y und X im Friedländischen Abc. Wir sind erst in der Mitte.
Kurfürsten ohne Kur ist noch lange nicht das Letzte, den römischen König
schüttelt er so aus dem Ärmel, wie er die mecklenburger Herzöge verjagt hat;
dann kommt — der Kaiser selber. Wer soll den wählen, als derselbe einzige
Kurfürst — Wallenstein. Herr Slavata, Ihr dachtet auch einmal anders über
Euren Vetter. Dann kommen die Schwerter gegen den geheimen Rat, dann ist das
Abc zu Ende.“
Questenberg knurrte bissig gegen ihn her: „Will man uns den Braten
versauern, soll es doch nicht gelingen. Kommt sein Schwert gegen uns, so wird
es sich nur bestimmte Hälse suchen.“ „Es wird sie suchen, Herr Questenberg, Euren und meinen, wie die liebe Sonne, die über Gerechte und Ungerechte
scheint.“
Ganz unhörbar hatte Eggenberg seinen Stuhl zurückgeschoben; lautlos
klemmte er seine ungehefteten Faszikel unter den Arm, stieg hinter der
Stuhlreihe auf Zehen vorbei. Wie ihn Trautmannsdorf sich umwendend,
anstarrte, bei der Hand faßte, wehrte er ab; es gelang ihm weiterzugehen, bis der
Querbaum der Questenbergschen dicken kurzen Arme sich vor ihn legte. Hans
Ulrich schien seinen Gram beiseite tragen zu wollen. Leidend bat er
Questenberg: „Lieber, laßt mich.“ Sie standen um ihn; er blieb einsilbig dabei,
wolle gehen.
An dem kleinen Treppengeländer bedrängten sie den freundlich behäbigen
Fürsten, der den Kopf schüttelte: „Wir werden uns alle besinnen müssen. Wir
werden unsere Gutachten schriftlich vorlegen. Die Zeit drängt. Der Kaiser wird
eine höhere Instanz um Einsicht bitten müssen. Das ist alles.“ Was der
Verwachsene, der seine Einfälle nicht zügeln konnte, nicht gefährlich fand; es sei
schließlich allemal das beste und das letzte, den lieben Gott um Einsicht zu
bitten; sie seien, lächelte er fast frivol, ja nicht verpflichtet, als Geheimer Rat den
Himmel überflüssig zu machen. „Wie denkt Ihr, Slavata?“ Eggenberg wollte sich
mit kurzem Nicken verabschieden, da drückte ihn Questenberg auf einen Stuhl,
setzte sich neben ihn. „Weh unserm kaiserlichen Herrn,“ stöhnte matt
zusammenfassend Eggenberg, „er wird sich verlassen sehen von uns allen, mag
der Schutzgeist Habsburgs ihn nicht vergessen.“ Und bezwungen von seinem
Gefühl kniete er, Hut und Faszikel vor sich auf die Diele legend, neben seinen
Stuhl hin, betete, während auch die anderen die Köpfe senkten, das
Rosenkranzgebet. Sie bekreuzigten sich, standen nebeneinander. Auf der kleinen
Treppe Eggenberg: „Habsburg hat eine schwere Stunde vor sich. Was war es für
ein Geist, der unserem gnädigen Herrn dies eingegeben hat, an sein Ende zu
denken und die Nachfolge zu bestimmen. Ich weiß es nicht. Ich kann nicht bei
euch bleiben, liebe gestrenge Herren.“
Slavata, mit Trautmannsdorf und Questenberg allein, sanft höhnend: „Der
Kaiser schütze sich vor seinen Freunden. Man will ihn um den Sieg, um das
lauterste gerechteste Symbol des Siegs bringen.“
Sie gingen. Trautmannsdorf schlang ihm einen Arm um die zuckende Hüfte:
„So ist mein Herr Slavata von seinem alten lästerlichen Haß ins friedländische
Lager abgeschwenkt. Ich hör: mit Pfeifen und Flöten.“
„Mit Pfeifen und Flöten. Noch vergnügter, noch üppiger. Warum sollt ich’s
leugnen. Ob ich ihn liebe, weiß ich nicht. Aber es kränkt mich, wenn ich sehe,
wie man ihn kränken und hindern will.“
Und heftig atmend, gequält den Arm Trautmannsdorfs duldend, ging er mit den schwatzenden zweien. Zum Äußersten herausfordern hatte er Friedland
wollen. Er wollte ihn locken, er wollte sein Teil daran haben, an der Entwicklung
dieses Geschicks. Dunkel wie Wunder, halb Glück, halb Entsetzen, bewegten
sich Gefühle in ihm, hoben sich, senkten sich, verrauschten. Er wies sie ab,
verbarg sie sich. Sie drangen ihm manchmal über die Lippen und trieben ihn zu
Handlungen. Er fühlte, daß er sich einem Strudel näherte, aber er konnte dem
Geheimnis nur folgen, dieser Sehnsucht zu Wallenstein.
Der Weg, den Fürst Eggenberg in der Stifterfrage beschritten hatte, mußte
weitergegangen sein. Vergänglich Ferdinand, vergänglich Friedland. Habsburg
bestand. In seiner Bibliothek hielt Eggenberg eine bunte Chronik in den Händen,
ein Buch, das er liebte; las von den Staufenkaisern, wie ihre Welt riesenhaft
aufgebaut und mit ihnen zusammengesunken war. Die vergeblichen Kriege mit
dem Papst. Ecclesia triumphans. Unmerklich sicher hatte sich Habsburg
ausgedehnt. Reichtümer fielen ihm wie einem spielenden Kinde zu.
Der Kaiser machtgeschwollen. Er konnte das Haus in den Abgrund reißen.
Eggenberg wiegte das alte Buch zwischen den Knieen. Zurückdrücken den
Kaiser.
Die Gutachten durchlas der Kaiser, forderte dann den Fürsten Eggenberg vor
sich.
Er faßte es als ein himmlisches Zeichen auf, daß der Kaiser ihn trotz der
Einhelligkeit der anderen Gutachten rufen ließ. Zum Nachgeben den Kaiser zu
bewegen, war keine Möglichkeit. Eggenberg sah, daß diesem Mann gegenüber