Wallenstein: Erster Band
Drittes Buch Der Krieg
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
wenig verlange; die Hauptsache bliebe, daß der Kaiser nicht „nein“ sagen könne.
Eggenberg gab ein schlechtweg friedländisches Votum ab; Wallensteins
Unkosten und Auslagen seien vom Kaiser zu begleichen, darüber hinaus sei der
Herzog zu belohnen. Er habe ihrer Majestät Königreiche, Lande, Erzhaus und
Nachfolge, die jedermann für verloren gehalten habe, von des Feindes Gewalt
befreit, ganz Deutschland zum Gehorsam gebracht, ihre Majestät zum Herrn
vom Adriatischen bis zum deutschen Meer gemacht.
Sie zerrten aneinander, dachten auf ihre Weise sich Wallensteins zu
entledigen. Er knirschte und krachte ihnen, wie sie noch saßen, sein Begehren
über Nacken und Schultern. Er vermöge, ließ er sich schallend aus Prag
vernehmen, keinen Unterschied zu sehen zwischen seinen Leistungen und denen
des Kurfürsten Maximilian nach der Prager Schlacht; danach ergebe sich das
Weitere für die Schulden des Hofes. Was den Landbesitz anlange, auf den er bei
der zeitigen Geldknappheit des Kaisers Anspruch erhebe, so hätten die beiden
Mecklenburger Herzöge durch ihren Anschluß an den Niedersächsischen Bund
ihr Land verwirkt wie der Pfälzer. Nur Trautmannsdorf ging spöttelnd in dem
lautlosen Kreise: „Jetzt wollt Ihr ihm alle an den Leib. Warum die Dinge so
überstürzen! Jetzt möchtet Ihr ihn aus purer Voreiligkeit lieber heute als morgen
absetzen, ja köpfen. Ihr Herren! Habt Geduld! Laßt uns noch eine Zeitlang
siegen. Warum so kurzatmig? Mir, dem sehr beliebigen Trautmannsdorf, sogar
Euch, dem verdienten Fürsten Eggenberg, kann zwischen heute und morgen
Schlimmes vom Herzog begegnen. Und zwar Endgültiges. Derart, daß wir mit
Homer lieber lebendige Mäuse wären als begrabene, beiseite geschaffte, allerhöchste Würdenträger und Bemäkler Wallensteins, des Feldherrnwunders
und so fort. Vorläufig hat er es aber gar nicht mit uns zu tun. Ich betone:
vorläufig; ich lege Gewicht auf den Zeitpunkt. Und Habsburg, oh, das nimmt es
mit sehr vielen Attentätern Bösewichten Hochverrätern auf. Das lebt sehr
ungerührt und kaltherzig über solche momentanen geistreichen Einfälle hinweg.
Das meint Ihr doch auch. Einem Herrscherhaus wie den Habsburgern kann im
Grunde gar nichts passieren. Und damit, Euer Liebden, möchte ich rechnen. Es
ist nicht so kurios, wie es scheint. Ich lasse dem Herzog seine Indolenzen und
Maßlosigkeiten durch. Als Vorspann macht er sich gut. Ein wildes Pferd schlägt
auch mal gegen den Wagen. Warum nicht? Es zeigt damit, daß es töricht ist und
eventuell nicht in den Stall geführt wird, vielleicht sein hoffnungsvolles Leben in
einer Roßschlächterei endet.“
In Prag hatten unter den Feiern andere Boten vergeblich Zutritt zu den
krönungstrunkenen Majestäten gesucht, stille, sehr wenig eilige Männer, Greise,
bettlerhaft gekleidete Menschen in großer Zahl, müde und verloren
herumwandernd, sich umblickend. Sie drängten traurig zum Römischen Kaiser,
Bürgermeister des niedersächsischen Kreises, Ausschüsse von Stadt- und
Dorfgemeinden, die nicht wußten, ob ihre Heimat noch aus mehr bestand als
Schutthaufen, leeren Häusern und Ställen; ihre friedliche Menschenherde
zerstäubt, Kinder, Bauern, Frauen, Tiere. Sie hatten sich eine grausige Audienz
ausgedacht, da sie nicht redekundig waren, auch nicht viel von Worten erhofften.
Sie schleppten zwischen lose gebundenen Brettern Leichen ihrer Stadthäupter
und Vorsteher mit weiter nach Wien; auf die Deckel hatten sie genagelt
beschriebene Rollen, Urkunden, enthaltend die kaiserliche Zusicherung von
Privilegien und Freiheiten; mit Siegeln hingen beschwert aus den triefenden
schimmligen Spalten der Gehäuse Schutzbriefe des kaiserlichen Generals oder
seiner Obersten; kleine aufgeklebte Zettelchen nannten den Preis der
Salvaguarden. Etwa sechs dieser Leute starben zwischen ihrer Heimat und Prag,
mißhandelt wie sie waren, auf die beschwerliche Fahrt mitgeschleppt, um ihre
Wunden, Brüche, Geschwüre, Hinfälligkeiten sprechen zu lassen; sie vermehrten
die Zahl der Särge. Man wich der stinkenden Gesellschaft aus, Torwächter
Stadtgarden ließen sie unbehelligt, weil sie Beerdigungen annahmen; sie mußten
wochenlang hingehalten mit Bettelei sich durchschlagen, hingen zäh und still an
der Burg des deutschen Kaisers. Bis der Kaiser von ihnen gehört hatte und
begehrte sie zu sehen und zu sprechen. Er ließ ihnen, bevor er sie annahm, am
Burgeingang ihre Särge abnehmen, die Särge in Wagen stürzen, durch die
Totenbrüderschaft begraben. Sie selbst in einen Vorsaal gelassen, hörten schon
vor dem Empfang sein Schmähen, Aufstampfen gegen eine Person, die sie nicht
kannten. Es war der hohe weißbärtige Obersthofmeister Wolf Mansfeld, der die ungewöhnliche Audienz zu verhindern suchte. Wie er bleich, heftig atmend, mit
erregten Blicken die Tür öffnete und die Schar an sich vorbeiließ, wo sie in
einem Haufen an der Tür sich sammelte, zuckte sein feinhäutiges Gesicht vor
Widerwillen und Ekel. Der Kaiser, ohne sich ihnen zu nähern, Schweißperlen
auf der Stirn, schrie sie wild an, sie möchten herein, sie sollten die Tür schließen.
Er hieb auf- und abgehend in eine Masse von Rollen, die auf seinem Schreibpult
hinter einer Eichenbarriere lagen. Maßlosigkeit, Gedankenlosigkeit warf er ihnen
vor. Glaubten sie, er wüßte nicht? Was heiße das: Leichen mit sich
herumschleppen? Ja, was das heiße? Als sie ohne Antwort sich
umeinanderschoben und sich fast hintereinander versteckten, prasselte sein
Schelten hitziger gegen sie her. Vergessen der Untertanenpflicht sei es,
Rebellion, malefizischer Aufruhr. Dazu Beleidigung, ja vornehmlich dies,
Beleidigung seiner Person und Stellung. Und dann zu wagen, vor ihn zu
kommen, in sein Haus, ihm den Spott in seinen eigenen Mauern antun. Da
machte sich einer Mut und auf Tod und Leben lossprechend sagte er etwas von
ihren unertragbar gewordenen Leiden, bat um die kaiserliche Gnade Hilfe und
Fürsorge. Wie ein eingesperrtes, grenzenlos gereiztes Tier klammerte sich der
fette kleine Herr unter dem weißen Federhut an den Schrecken an, rüttelte sie,
brüllend, prustend, speiend, blauroten Gesichts; er brauche sie nicht, Anmaßung,
Anmaßung, er wisse, was seine Pflicht sei, er brauche keine Belehrung. Gerecht
sei es, was sie sich anmaßten über ihn, diese Schmach, sie, die Untertanen, vor
seinem Gesicht gegen ihn den Kaiser; was schleppten sie sich durch die Länder,
versäumten ihre Zeit, nicht auszudenken.
Die Tür brach fast hinter ihnen auf, sie schwollen hinaus. Am äußeren Burgtor
wurden sie festgehalten, von dem Oberst der Leibgarde in sechs Verliese der
Burgmauer geworfen. Der Kaiser hatte den bösen Verdacht geäußert, die Leute
seien bestochen, gehetzt von fremder Seite in seine Länder in diesem Aufzug
geschickt. Nach zwei Wochen vergeblicher Nachforschung wurden die fünf
jüngsten von ihnen gepeitscht, sie selbst zwangsweise bei einem
Provianttransport unter militärischer Bedeckung in ihren Kreis abgeschoben. Der
Kaiser gab die Vermutung der fremden Aufhetzung nicht auf; triumphierend
sagte er zur Mantuanerin, wie entlarvt seien die Männer gewichen, als er ihnen
vorhielt, sie seien von Fremden hergeschickt; sie seien ins Eisen gesteckt und
gepeitscht worden; man würde sich in Zukunft scheuen und schämen, klägliches
schwaches Gesindel so für sich arbeiten und das Fell zu Markte tragen zu lassen.
Der Kaiser, drängend auf Vorschläge über die Belohnung des Herzogs von
Friedland, sog verzückt die Gehässigkeiten des Grafen Wilhelms Slawata in
seiner Kammer ein: daß dem Herzog nicht zu trauen sei bei seinen
weitausschauenden Plänen, daß die Herzöge von Mecklenburg seit achthundert Jahren das Land besäßen, ihre Entthronung Dänemark, Schweden, ja das ganze
Kurfürstenkolleg auf den Plan rufen würde. Daß er mit armer deutscher Leute
Schweiß und Blut die Kriegsvölker der ganzen Welt sättige und bald so viel
Länder werde an sich gerissen haben, daß keine Möglichkeit mehr sei, ihn
abzufinden. Ja, man werde ihn so erhöhen, daß man alle Freiheit gegen ihn
verliere und auch die Macht verliere, ihn zu erniedrigen.
Dies, fühlte Ferdinand, war gut. Wallenstein führte es aus. Und so stellte er
sich ihm selbst gegenüber, das ganze Kurfürstenkolleg tragend, auf den
Schultern noch Dänen und Schweden, und wich nicht.
Der riesige Luxemburger, Lamormain, sein Beichtvater, trat an den heftig
atmenden Kaiser, bat ihn im Namen der heiligen Kirche, das fromme Werk nicht
zu versäumen, den ungläubigen Fürsten das Land Mecklenburg zu entreißen; er
werde gottgefällig wirken wie einstmals, als er den Pfälzer aus seinen Ländern
wies. Ferdinand an seinem Gürtel nestelnd, hörte ihn verwirrt an, sah ihn
verwirrt sprechen, seine Hand nehmen. Er glühte auf, beugte sich tief vor der
ernsten schwarzen Gestalt, beschämt und wagte nicht, seine Stimme anklingen
zu lassen, um sich nicht, er wußte nicht worin, zu verraten.
Eine Urkunde bestimmte: die Herzöge von Mecklenburg haben es
mitverschuldet, daß Krieg in den niedersächsischen Kreis getragen wurde. Der
Kaiser hat das von ihm und dem Heiligen Römischen Reich zu Lehen rührende
Herzogtum mit Heeresmacht überziehen und sich des Landes mit fast
unerschwinglichen Kriegskosten bemächtigen müssen. Deshalb wird das Land
der Genannten, das Herzogtum Mecklenburg, Fürstentum Wenden, Grafschaft
Schwerin, die Herrschaft der Lande Rostock und Stargard dem Herzog von
Friedland überlassen. Und zwar zu einem rechten wahren und beständigen Kauf
für die geleisteten, ansehnlichen und treuen Dienste in Dämpfung und
Bezwingung der Rebellen, für die Erhaltung des schuldigen Gehorsams im
niedersächsischen Kreise und die Zerschmetterung zweier Armaden, für die
Eroberung und Besetzung großer Fürstentümer neben einem Teil des
Königreichs Dänemark, er, der General, Feldhauptmann, ritterlich daran setzend
Gut und Blut.
Die Bestimmung des Kaufschillings wurde für später festgesetzt; vom
Schätzungswert wurden in Abzug gebracht die Schulden des Landes, die
Forderungen des Herzogs, eine Gnadengabe des Kaisers in Höhe von
siebenhunderttausend Gulden rheinisch. Verpfändet wurden dem General das
Bistum Schwerin und die im Mecklenburgischen liegenden geistlichen Stifte
gegen vorgeschossene siebenhundertfünfzigtausend Gulden.
In Prag traf der Kaiser ein zum Empfang des Marschalls Schlick, der aus der
Affäre von Aalborg und Hobro achtundzwanzig dänische Kornette und zwei Fähnlein samt dem Generalmajor Konrad Nell und dem Obersten Heinrich von
Kalenberg hereinführte. An diesem Tage begrüßte Ferdinand den Herzog von
Friedland auf der Burg als einen reichsunmittelbaren Fürsten; er forderte ihn in
seiner Kammer bei geheimer Audienz auf, sein Haupt zu bedecken, was
Wallenstein nach kurzem Zögern tat. Als am nächsten Morgen die Majestäten
sich vor Tisch wuschen, reichte ihnen der Herzog das Handtuch. Der Kaiser hieß
ihn an offener Tafel sich bedecken. Das Fürstentum Sagan erhob an diesem Tag
Ferdinand zu einem Herzogtum, gab es dem General als ewiges Erblehen.
Zu jener Zeit tauchte der Plan Wallensteins auf, konfisziertes Land mit
tapferen Offizieren zu besetzen. Zu Wallenstein wurden der Abt Anton und
Kollalto in Prag geschickt mit der Frage, wie er sich die Belohnung und
Abfindung solcher Offiziere denke. Der Herzog meinte, daß dazu kein neues
Prinzip nötig sei und daß der Umstand der zeitigen Geldknappheit des Kaisers
von Wichtigkeit wie von Vorteil sei. „Konfisziertes, also rebellenuntertäniges
Land wird am sichersten in Gehorsam gegen die Römische Majestät durch
Männer erhalten, die ihr Leben für die Majestät eingesetzt haben. Zugleich
wächst dadurch die Macht des Kaisers im Reich. Besetzungen und
Inthronisierungen sind furchtbare Drohungen für abfallslustige Fürsten. Man
erwäge keine andere Methode.“ Sachlich und ohne Scheu erklärte sich Friedland
für Schaffung einer Militäraristokratie. Im Innersten erschüttert war Ferdinand,
als ihm der friedländische Vorschlag hinterbracht wurde. Er hatte selbst mit dem
Gedanken gespielt im Verfolg des friedländischen Ideenkreises; jetzt sah er den
Gedanken draußen nach Realisierung drängen in der schauerlichen Konsequenz
des Handelns seines Generals. Er nickte kaum „ja“, floh, bestürzt, von oben nach
unten durchwogt nach Wien, wo er sich in die Gebete und Jagden warf.
Er war von jugendlicher Frische und fast überlebendiger Raschheit, aber
zugleich von einer schäumenden Gereiztheit und Aufgerissenheit; ruhelos
zwischen Empfindungen. Es war ihm eine Freude, als er bei den Jagden in
Sumpfgebieten vom Sumpffieber ergriffen wurde und schwer krank wochenlang
lag; der Beichtvater suchte nach der Sünde, deren Strafe der Kaiser erfuhr, der
Kaiser träumte, schlief matt; er sagte zu der Mantuanerin, er raste, er sei ihr
herzlich ergeben. Er klammerte sich im Fieber, wie ein Jüngling blühend, an
ihren strengen demütigen Leib an. Sie fühlte sich über ein Weltenmeer, einen
sinkenden Sumpf zu ihm geführt; mit Leiden und Gebeten für ihn fing es an, mit
Gram um ihre Kühle; manchmal tobte in ihr das Gefühl, von einer Wut
verschlungen zu werden, aber diese Wut war keine fremde, war die des Kaisers,
und es verlangte sie leise, zähnebeißend an den Orkan heranzugehen. Sich
ruhegebietend hineinzuwerfen als Beute; sie war sein Weib, seine demütige
Helferin.
Fauchend setzte sich in Dresden Johann Georg, der behäbige Kurfürst, auf die
Nachricht von Maßnahmen des kaiserlichen Generals vor einen Bogen, malte
einen Brief an den Mainzer als den Erzkanzler mit dem Verlangen, ungesäumt
einen Kurfürstentag anzuberaumen, zur Beschlußfassung über seine
Beschwerden. In Mülhausen tagten die Vertrauensmänner der Kurfürsten;
Johann Georg war selbst gekommen; Bayern, nicht entschlußfähig, hatte einen
Vertreter ohne Instruktion geschickt. Aus Kanzleien Kammern Spielstuben
Ballhäusern ihrer Fürsten gestiegen, saß die feine weiche Gesellschaft
beieinander auf Polsterbänken, zwischen Blumen, Springbrunnen, unter den
prunkvoll geschuhten Füßen die blanke schaukelnde Diele, im Rücken, um sich
weiße Bildsäulen des Theseus, des zitherspielenden Apollo, pfeilschießende
kleine Götter, enthüllte nach sinkenden Tüchern greifende Frauen, saßen
einander zugewandt in geheizter Luft unter gepuderten hohen Haaraufsätzen,
dünne Degen zwischen den Knien, wie farbenglitzernde Fasane in einem
Lustgarten, hörten sich an. Sie sprachen, während sie aus Silberbechern tranken
und neben sich auf Tischchen stellten, voll Abscheu über den Herzog von
Friedland und seine Praktiken. Sie lachten viel, durchgingen häusliche und
nachbarliche Veränderungen, flammten bei Jagdkuriosa auf. Mehr ächzend
zwischendurch, gestört, gepeinigt, tropften sie Worte vor sich über die Ereignisse
im Reich. Johann Georg, wegen seiner geschwollenen Beine in einem
Polsterstuhl halb liegend, nacktschädlig, brustfließenden Bartes, eine stämmige
dickbäuchige Masse, lappige Backen, blickte aus verquollenen munteren
braunen Augen um sich; es sei schon fast zu viel getan, sich mit dem
sogenannten Herzog von Friedland zu beschäftigen. Denn das sei zuerst zu
bedenken: wer ist dieser Mann eigentlich? Haben Edle, gefürstete und gekrönte
Häupter wie sie, es wirklich nötig, sich mit einem Böhmen aus dem Hause
Wallenstein zu befassen, Häuser, die es zu vielen Dutzenden in Böhmen, zu
Hunderten im Reich gäbe, noch bessere als Wallensteins? Wenn er jetzt Herzog
von Friedland sei oder von Sagan. Der Kurfürst lachte kräftig kopfschüttelnd,
die andern wie er; da könnte er sogleich ein halb Dutzend seines Hofgesindes
adeln freiherrn und grafen lassen und seien doch eben Küchenjungen Boten
Pürschmeister gewesen und nun nicht einen Heller und böhmischen Groschen
besser. Nein, nicht einen Groschen besser seien sie dadurch. Und damit legte er
sich die Hände über dem Bauch, zurück, fast gesättigt; noch gelegentlich
knurrend: „Kurios. Spaßhaft.“ In schwarzem Atlaskleid, silbern ornamentiert,
mit bauschig hervortretenden Hemdspitzen beider Ärmel, ernst und hoch unter
einem bunten Reiterbild der durchlauchtige hochgeborene Fürst und Graf zu Hohenzollern, Herr Johannes, hielt die Arme verschränkt über seiner langen
Perlenkette; wie bitter es zu denken sei, monierte er leise gegen den Dresdner
Koloß, daß sie ernsthaft in großer Versammlung über Personen derartiger Natur
zu verhandeln hätten; es gäbe niemanden in dieser Gesellschaft, der der
fraglichen Person nicht überlegen sei sowohl in Art wie Geist Charakter
Frömmigkeit; vom Stand zu schweigen. Und doch hätten es die Dinge, der
Verlauf im Reich gefügt, daß sie über die Person handelten, nicht allein
ernsthaft, sondern sogar mit größtem Gewicht. Ein Kölner, schwer wie ein Stier,
in blauem Tuch dasitzend, legte nahe, dem Römischen Kaiser, zu bedeuten, wie
man über diese lärmmachende fatale Person denke. Die Fürsten und Regenten
seien angestammt ihren Ländern und Untertanen, sie hätten wohl recht, gehört
zu werden, wenn in dieser Weise deutsche Art beseitigt und über den Haufen
geworfen werden solle. Da käme ein Taugenichts, ein Brausewicht daher, wild
wie ein Sturmwind, reiße an Bäumen und Gewächsen — nun er werde sich
verrauschen und verbrausen, aber genug Schaden richte er an und sollte nicht
geduldet werden um seines Tosens willen.
Sie tranken, freuten sich ihrer Einigkeit, erzählten von niederländischen
Bildern, kamen auf das Reich zurück. Das Neuste, das Neuste im Heiligen
Reich, Herr Wallenstein und Böhmen. Wer wird ihm noch Länder verkaufen zu
billigem Preis, damit er dem Kaiser bessere Vorschüsse leisten kann? Die Jüdlein
haben ihn im Sack. Wie lange, klopft Herr Bassewi, das Hofjüdlein aus Prag, in
der Burg an: „Kaiserliche Majestät, alles vertan; wollen die Majestät noch leben,
müssen sie ein Jüdlein werden, einen gelben Fleck auf den Purpurmantel
nehmen. O heiliges jüdisches Reich deutscher Nation.“
„Seid nicht so kräftig“, warnte der zufriedene Kurfürst; sie aßen Lebkuchen
von Tellern, die sächsische Pagen herumtrugen. „Es ist schon gut, wenn wir uns
hier zusammenfinden. Nicht verzagen, nicht übermütig sein. Mag der Römische
Kaiser wissen, daß wir hier zusammensitzen und unliebsam die Dinge im Reich
empfinden. Er wird uns gnädig anhören.“
Der feine Kurz von Senftenau, vom Bayern geschickt, neben dem
Hohenzollern sitzend, rosig wie ein Kind, klein, die Stirnhaut ständig gerunzelt,
pfiff: „Der Böhme wird sich lustig machen über uns. Wir wissen ja, daß er die
Liga verachtet und unsern Grafen Tilly erbärmlich und veraltet findet. Er ist sehr
sicher, der Böhme, er verachtet das Alter. Er wird seine Macht erfahren. Wir
haben still mit unseren Völkern am Boden liegend die Jahrhunderte für uns. Der
Böhme soll versuchen, diesen Urwald zu roden. Ein einziger Baum kann ihn
umwerfen. Er ist ein Knecht Habsburgs, einer von den zahllosen; eines Tages
wird Habsburg ihn abschütteln.“
Grollend zustimmend richtete sich der schmeerbäuchige Kurfürst im Stuhl auf: „Auf einem unterwühlten Boden lebt der Kaiser. Seine Räte sind gekauft, es
bleibt ihm nichts übrig, als sich ihnen zu fügen.“
Auf dem riesigen Treppenflur und im Prunkvestibül wurden die Schritte vieler
Menschen laut. Während einzelne feierlich gekleidete Männer, von
pikenbewehrten Trabanten und Saalwächtern hereingeführt wurden, sprach man
drin von dem Auftreten der niedersächsischen Landvertreter in Wien. Behaglich
erzählte man sich Einzelheiten, stritt über die Zahl der Leichen, die sie
mitgeführt hatten, wie viele Leichen hinzugekommen wären, wie sie verpackt
waren, über den Heroismus der Leute. Es erschienen die ehrsamen Vertreter der
Reichsstädte mehrerer Kreise in der Mitte des Halbrunds, in dem die Herren
saßen; mit freundlicher Grußerwiderung, mit gnädigem Schnurren und Behagen
ließen sie an sich die Klage vorüberziehen. Die Reichsstädte erhoben entrüsteten
Protest gegen die endlosen Einlagerungen Durchzüge und Kriegspressionen,
denen sie ausgesetzt seien, trotz teuer erkaufter Assekuranzen und
Salvaguardien. Der fränkische Kreis drohte, er sei nicht mehr geneigt, beim
Herzog von Friedland zu petitionieren. Das Stift Magdeburg enthielt sich bitter
jeder Klage; legte seine Kontributionsrechnungen für die letzte Zeit vor, an
siebenhunderttausend Taler. Die Stadt Halle kam, Schwarzburg-Rudolstadt,
Sondershausen mit hunderttausenden Gulden an erzwungenen Kriegsabgaben.
Dem schwäbischen Kreis waren unerschwingliche Summen abgenötigt worden.
Eine lange Klageschrift lasen die märkischen Herren vor, klagten über die
Regimenter des Fahrensbach und Montekukulli, deren Übermut darin bestünde,
daß sie ganze Kontributionen für halbe Regimenter erhöben.
Man genoß die Klagen, schwelgte in den Schandtaten. Auf den Vorschlag
Johann Georgs, dem Hauptübeltäter doch einmal auf die Schultern zu klopfen,
ganz leise leise, kam man überein, dem kaiserlichen General einen Brief zu
schreiben über die Vorgänge, zu deren Kenntnis man gelangt sei. Man
schmunzelte, das werde wirken. Es wurden drei lange Zusammenkünfte damit
verbracht, die Anrede an den Herzog zusammenzubringen. Es sollte dem Herzog
einen Vorgeschmack geben. Würde man ihn als Reichsfürst anerkennen, müßte
man ihm die Titulatur „Herr und Freund“ geben; man wollte ihn nicht
anerkennen, andererseits auch nicht abschrecken. Man einigte sich unter
gespannter Mitwirkung des schließlich tief saturierten Kollegs auf die Anrede:
„Besonders lieber Freund, auch gnädiger Fürst und Herr.“ Und dann schrieben
sie, was sie wußten. Und gingen kichernd auseinander.
Das Heer, lagernd im Reich und den Erblanden, wuchs den Winter durch. Der Herzog Franz von Lothringen erhielt eine Kapitulation auf ein Regiment zu Fuß,
sechstausend Mann stark. Franzesko Magni, der Bruder des langen Kapuziners
Valeriano Magni, nahm eine Oberstenbestellung über fünfhundert
Arkebusierpferde. Oberhauptmann Friedrich von Damnitz warb tausend
Knechte, Hebron sechshundert Kürassiere, tausend Arkebusiere, dreitausend
Musketiere. Johann Wengler brachte ein Regiment Hochdeutscher auf den Fuß.
Johann Virmont wurde angewiesen, fünfhundert Arkebusiere aufzustellen. Zwölf
Infanterieregimenter führte Torquato Konti heran. Augustin von Morando
verpflichtete sich auf sechs Fußkompagnien, Johann Ludwig Isolani auf
neunhundert Berittene. Neue Regimenter stellten auf Graf Wratislaw, der dem
Uckermärker Arnim hatte Platz machen müssen, Kolloredo, Karboni, Aldringen.
Die Bewehrungen der Regimenter Wratislaws Kolloredos Aldringens streckte
der Herzog mit sechsunddreißigtausend Gulden vor. Für die übrigen Truppen,
Werbe- und Anrittgeld, Anfangssold, stiegen die Vorschüsse des Herzogs über
den Betrag von einer halben Million, zu der sich der Kaiser erkannte.
Wallenstein verstärkte seine eigene noch in Pommern liegende Leibgarde auf
zwei Kompagnien Arkebusiere, zwei Kompagnien Dragoner, nur Welsche
Wallonen und Italiener, dazu katholische Iren; die ihnen zustehende Kontribution
zahlte er aus eigener Tasche.
Die Armee, zum Wintersende seiner Ankunft und seines Befehls wartend,
strotzend stolz ungeduldig, wurde von ihm gereinigt, sie sollte biegsam wie eine
Rute in seiner Hand sein. Im Magdeburgischen sahen die eingelagerten Ligisten
mit Schrecken von weitem angezogene Friedländische Regimenter halbe unter
Prozeß stehende Kompagnien umzingeln, fesseln, entwaffnen, aus größter Nähe
mit Rottenfeuer über den Haufen schießen. Die Proviantstäbe einzelner
Regimenter wurden samt und sonders rasch beseitigt. Eine Anzahl Obersten
wurden nach Prag gerufen, andere ritten selbst herbei, um Befehle für den
Feldzug entgegenzunehmen. Sie saßen als Gäste im Palast des Herzogs, um Tags
darauf dem Generalprofoß zugeführt zu werden. Dem wurde vom Herzog
bedeutet, der Herren, die in den letzten Jahren gut waren, Schrecken in
Deutschland zu verbreiten, bedürfe er nicht mehr. Der krummbeinige
gelbgesichtige Herr von Gürzenich, Schellard Dorenwert, der Einäugige war
gefangen, er der die Kurtrierer Nonnenklöster verwüstet hatte; später hatte ihn
rachsüchtig der Kölner Erzbischof gefaßt, eingekerkert, erst auf Wallensteins
Andringen freigelassen; vom Rhein zur Elbe losbrechend, übte der wilde
Schellard Schandtaten über Schandtaten, Plünderungen, Erpressungen; mit
triefenden Schnauzen stießen seine Arkebusierreiter und vier Kornette
Kürassiere zu der Wallensteinschen Hauptmacht, sie schluckten die Wonnen des
Feldzugs herunter. Das Gericht verurteilte den fade blickenden gefesselten Mann zum Tode durch das Rad. Er spuckte dem Generalprofoß, keifend und ihn wie
einen Wahnsinnigen verlachend, gegen den Stiefelschaft; es half ihm nicht, daß
er sich als friedländischen Lehensmann gab, er wurde eines warmen
Märzmorgens auf dem Felde vor der Prager Altstadt ohne Aufsehen mit dem
Schwert exekutiert.
Der ältere Kratz, Graf Hans Philipp von Scharffenstein, wurde in Prag auf
dem Kirchgang überrumpelt und aufgehoben. Ihm hatte der Friedländer stolz
und mit vielsagenden Blicken versprochen, er hätte ein Herz für seine Soldaten,
Kratz solle herrliche Quartiere mit seinen Regimentern beziehen. Darauf ging
Kratz, verständnisvoll lächelnd, mit sich zu Rate, führte seine Reiter nach
Franken und Schwaben, den Markgraf von Baden herausfordernd. Das Urteil des
wilden, der vom Leben zum Tode befördert werden sollte, war schon
gesprochen, als ihm, der riesenstark war, gelang, sein Zellgitter zu zerbrechen,
bei Nacht in den Graben zu springen. Dem Wachposten, der ihn jenseits
erwartete, drückte er, ihn hin und her werfend, mit den Ellbogen den Brustkasten
ein, entkam in den Kleidern des Ausgeraubten, in den Graben Geschleuderten. In
Baden zeigte er sich an der Spitze der von ihm geworbenen Regimenter, schickte
einen Höhnbrief an seinen General; nach drei frech im Lande durchbrausten
Wochen führte er seine Regimenter über den Rhein zum Herzog von Lothringen.
Oberstleutnant Gottfried Eichzel, des Regimentes Fahrensbach, ein
dickleibiger flinker blutrünstiger Mann, stationierte im Gefolge der Armee
Arnims in der Grafschaft Ruppin. Er, der den Krieg nicht als Martyrium für sich
und seine Offiziere erachtete, bemächtigte sich in Ruppin der Häuser von
Adligen, schließlich des kurfürstlichen Schlosses selbst, von da mächtig und in
Ruhe das Land überfallend, ausplündernd. Vom Herzog von Friedland
verlautete, er hätte wegwerfend vom Brandenburger Kurfürsten gesprochen, der
mit dem Schweden und Bethlen versippt war, und man hätte keinen Grund, sein
Land sonderlich zu schonen und in Acht zu nehmen. Der runde wippende
Eichzel verließ Prag nach dem Besuch für lange Zeit nicht; nach Formierung
seines Prozesses wurde er in Eisen geschlagen, in einem Kellerloch verwahrt.
Den Obersten Marquis Brissy und Haußmann wurden die Regimenter
abgesprochen. Des Daniel Hebron, eines strengen ihm mißliebigen Mannes,
konnte er sich nicht bemächtigen. Aus dem Heer gestoßen wurden nach kurzem
Prozeß die Kroatenobersten Orahoczi, Hrastowacki. Hinweise auf frühere
Verdienste drangen beim Herzog nicht durch. Die Namen einiger Entflohenen
wurden vom Henker an den Galgen geschlagen.
Wie ein Eber den weichen Waldesboden aufreißt, daß die Erde und Moos
beiseite spritzen, so stießen Wallensteins Armeen im Reiche vor, warfen die
Menschen auseinander, zerschmetterten und durchwirbelten sie, zerstreuten sie
in die Winde. In dem Schritte des Heeres war kein Gleichmaß, aber gebändigt
war die steife tragende Kraft, die die Dächer abhob, mit Sicherheit Korn Heu
Stroh in tausenden Maltern aus den Dörfern trug, unduldsam, bei Gefahr völlig
vernichtete.
Wie der süßeste Wein schlich dem Kaiser der Brief der Fürsten ins Herz, der
ihm die drohsam vergewaltigende Übermacht des Generals schilderte. Sein
Gesicht blühte auf, seine Augen weiteten sich feuchtverklärt. Und dann erlosch
er, sank mit schlaffen Knien, schlotterndem Kopf auf den Sessel, ließ den
Speichel vor sich auf den roten Teppich träufeln, blickte stier. Nach langen
Minuten fand er sich zusammen. Ging freudig weich durch die Kammern, sein
Herz voll Seligkeit. Der zarte Doktor Frey fragte ihn, was er zu antworten
gedenke. Ferdinand sah in die wasserblaue Frühlingsluft: „Ich danke ihnen.“ Der
wiederholte seine Frage. Ferdinand: „Ich danke ihnen, ich ließe ihnen vielen
Dank sagen.“ Befremdet der Sekretär: „Den durchlauchtigen Kurfürsten und
Fürsten.“ Ferdinand, die Arme verschränkt, in einer sonnigen Gewißheit:
„Schreib’ ihnen recht schön. Frage Eggenberg, was du schreiben sollst. Ich ließe
ihnen doch danken, vielen Dank sagen.“
Der Böhme schrieb an den Rand des Briefes: „Es deucht mich ein Gutes, daß
die Mißgünstigen sich regen. Sie werden bald offen abtrünnig werden. Es gibt
keine andere Möglichkeit sich auszubreiten als durch Reizung der Übelwoller.“
Er selbst empfahl als Antwort für den Brief: wie man, Fürsten und Stände, dem
Kaiser seine Kriegskosten zu ersetzen gedenke, wenn man Schatzungen und
Kontributionen nicht wolle; und wenn er Frieden schließen solle sofort und bei
beliebiger Kriegslage, wie man sich die Abdankung des Heeres denke, von der
Rachsucht des Dänen zu schweigen.
Der Kaiser las den Brief der Fürsten noch einmal. Er ging am Arm Freys in
den sprießenden Garten herunter, straff, den Degen wie einen Stock aufstoßend.
Durchdringend und mitleidig blickte er Frey an, als der wieder Bedenken
vortrug. Er ließ seinen Arm.
Unter dem Schall der Abendglocken diktierte er an den Fürsten Eggenberg
und den Präsidenten des Hofkriegsrats. Es müsse zur Durchführung der
kriegerischen Notwendigkeiten, zur Sicherung der kaiserlichen Vormacht dem
von Wallenstein freie Hand gelassen werden. Er wiederholte: „Freie Hand“. Und
daß Friedland zum Generalobersten Feldhauptmann über die gesamte
Kriegsmacht ernannt werde, mit Vollmacht, Regimenter nach Gutdünken zu reduzieren und aufzustellen, Obersten selbständig zu ernennen; keine
Verhandlungen mit dem Feinde gegen seinen Willen.
Vom Wiener Hof fuhren auf Wagen und wanderten mit nackten Füßen in die
verwüstete Heimat die bettlerhaften Abgesandten, die ihr Unglück hatten
bejammern wollen und vom Kaiser ausgepeitscht waren. Sie wanderten durch
unruhige, seltsam aufgeregte Städte. Von den Häusern Gassen Scheunen, aus den
Gewölben, Fenstern blinkte der Wohlstand. Die Felder wurden zum Frühjahr
bestellt. Prozessionen begegneten ihnen, Söldnertrupps zogen vorbei mit Wagen
und Geschütz, fochten die Bettler nicht an, die gedrängt still gingen. Die Bettler
hatten leere ausgeweitete Blicke, mit denen sie die trottenden Menschen
überzogen. Stumpf beobachteten sie die staunenden, ausweichenden Bürger und
Weiber, denen sie ängstliche Kriegserlebnisse waren; wild zuckte und stach
plötzlich den Städtern das Herz. Sie schleppten sich träge aus den Mauern, keine
Liebe, kein Traum blieb hinter ihnen zurück. Die Häuser schützten nicht, die
Mauern schützten nicht, Kanonenkugeln konnten die Tore umlegen, Soldaten
über die Mauern springen, Pferde durch die Wassergräben schwimmen,
geworfene Brandpfeile, Granaten konnten Flammen über die Köpfe tragen. Die
Torwächter konnten blasen, Kroaten bliesen auch. Die Kinder konnten spielen,
Pferdehufe und Kavallerieregimenter unterschieden nicht zwischen Steinen und
Knochen. Blumen vor den Fenstern, Altarstationen an den Gassenkreuzungen;
für den Augenblick gemacht; Täuschung, daran sein Herz zu hängen. Kirchen
voll herrlicher Bildsäulen, prangender Glasfenster, bunter schmerzlicher
Gemälde: was war dies alles! Kein Amulett gegen den Oberst Fahrensbach,
Quartiermeister mit peitschenschwingendem Gefolge, gegen Isolani, den
stinkenden mit dem Affenkopf und seinen schnatternden Ungarn. Seidenkleider
über weibliche Glieder, fließendes glattes gebundenes Haar: kein Sinn, Fastnacht
und Spiel, man mag nicht einmal darüber lachen. Einer wird sein Pferd an einen
Torweg binden, wird euch knebeln und tun, was ihm lieb ist. Da ist nichts drüber
zu sagen. Es ist die Welt und das Leben.
Nach Norden. Nach Brandenburg, Mecklenburg, Bremen, Schleswig. Nicht in
diesem Lande bleiben. Sie wissen nicht, daß Krieg ist. Es ist nicht die richtige
Welt, es ist die falsche, die sich eigensüchtig pflegt hinter den Mauern, sich auf
Polsterbänken wiegt, wärmt, die Kammern voller Vorräte hat. Sie genießen sich,
spielen miteinander, essen voneinander, bereiten sich einer für den andern. Das
Getuschel, Gelutsche, die sanften Backen, frommen Äuglein, sauberen Hände,
gestriegelten Haare, bunt geschuhten Füße, der dufthauchende Kleiderwust um
die Leiber: sie servieren sich wohl, schmecken und schmatzen. Wenn dampfende
Panzerreiter dazwischen traben, Schwadron hinter Schwadron, verweht der Duft,
ist alles verblasen, die Welt ist weiter als die Mauern; es geht nur die Rede von
Heu, Stroh und Hafer für die Gäuler, die Soldatenweiber und Wäscherinnen
tragen Körbe, ziehen Karren hinter sich, darauf haben sie die Zelte Stiefel
Kleider Wämse. Es wird geschrien, zerbrochen, vergossen, verwundet,
erschlagen, betrogen. Die bemalten Häuser verbrennen eines Nachts eine Gasse
lang, denkt keiner zu löschen, dreht sich keiner um danach. Und so ist alles
verbrannt, die Kinder mit, die Frauen erschlagen, verschleppt, verlaufen, der
Hausrat zertrümmert; die lieben Eltern, Frauen, lieben Kinder, der behütete
Hausrat von Ahn und Urahn her. Die Herzen schwollen ihnen, sie weinten auf
den langen Landstraßen, schutzlos, nackt einer vor dem andern, weinten, die
Stöcke schleppend, über das blanke Gesicht, der Wind blies ihnen hinein, sie
flennten weiter, zeigten ohne Gedanken den Entgegenkommenden ihre
zitternden, mürrisch zusammengezogenen und wieder aufgelösten Mienen; das
rieselnde Wasser lief von oben her aus den Nasen vor ihnen her auf den Weg in
den Staub, Tröpfchen hinter Tröpfchen, einer ging auf denen des andern. Bis sie
nur noch verzagt stöhnten, die Köpfe auf die Schultern, vor die Brust hängen
ließen und weiter trieben. Nach Norden. Zum Oberst Fahrensbach, zum Isolani,
und wer ihnen beschert war. An ihrem Erdflecken, zwischen den und den
Hügeln, hinter dem und dem Weiher, zwischen den und den Wäldern.
Einmal fielen sie einem wandernden böhmischen Emigranten in die Hände,
einem plötzlich aus einer Strohmiete auftauchenden Vagabunden, der einen
zerfetzten schwarzen Prädikantenrock trug mit weiten Ärmeln, in die er
Brotstücke und Speck eingebunden hatte. Ein Kranz von grauen Stoppelhaaren
stand um seine beschmierte Glatze; er schmatzte viel, schien irr zu sein. In
einem Bauernhof, wo man sie eingelassen hatte, hielt er ihnen mit Gelächter
über seinem verschrumpften Gesicht, Äpfel und Brot schmatzend, an einem
Heuwagen eine Rede. Sie sollten nicht mit Christus kommen, sollten nicht von
Gott reden. Was das alles für Kindergewäsch wäre. „Gott ist so groß, so — so —
groß! Niemand weiß etwas von ihm, als was geschrieben steht. Es steht nicht
einmal fest, ob er lebt. Jawohl, er kann schon verschwunden sein aus Ärger und Abscheu und hat die ganze Gesellschaft wie ein hohles Gehäus liegenlassen.
Und da können wir heulen, beten und schöne Sonntagskleider machen, singen
von morgens bis abends, und Gott ist schon über alle Berge, daß es zum Lachen
ist.“
Wie sie mit starren Seelen, leicht heiß, ganz innen sonderbar durchglüht, sich
ihren Dörfern näherten, fanden sie wenige, denen sie zuflüstern konnten. Daß
der Römische Kaiser ihre Toten hatte auf Wagen kippen und verscharren, sie
selbst aber auspeitschen lassen; er wolle sie gar nicht schützen. Vielleicht
würden die starken Hansastädte, die Fürsten sie schützen. Vielleicht. Es waren
zu viele geflohen und gestorben inzwischen. Und wenn sich plötzlich die Dörfer
von den Soldaten leerten, das Trompetenblasen kein Ende nahm, gingen sie
zwischen den leeren Häusern herum; es wurde leichenstill, sie faßten
gedankenlos die Säcke Sensen in den Scheuern an, blickten zu den Baumwipfeln
hoch, gruben die Fäuste in die Taschen. An einem Ende des Dorfes fing es an,
das leise Flüstern, vor sich Herschimpfen, Fluchen auf den Kaiser, und lief durch
die Gäßchen, Gehöfte, wo sich Menschen schwer aus Lehm und Schutt wühlten
hinter den Truppen, die sich unter dem Herzog nach dem Meer zu schoben.
Schreie, Drohungen; wie wenn Mäuse in einem Schrank beißen, so knisterten,
knackten, knatterten um Ferdinand die leisen scharfen Verwünschungen, rissen
mit blitzschnellen Krallchen an seinen Schuhen, Strümpfen, ließen sich durch
kurze Stöße nicht verjagen in ihrer Wut, knatterten, liefen an, kratzten, krallten,
bissen. Bei Strelitz grub sich ein Einsiedler eine Höhle in einem Hügel. Er betete
nicht, saß feueräugig, wildbärtig, fellbehangen, an einer Kiefer auf dem
nadelbestreuten Boden, sang Soldatenlieder, schaufelte um sich einen Wall, auf
den er Moos trug. Dörflern, die zu ihm jammernd nach Rat, Papieren und
Amuletten schlichen, gab er Auskunft: Die Welt hat einen Hauch von
Verwesung. Es ist ein zarter Geruch, der bei mancher Witterung stärker wird.
„Der Regen fällt herunter, der Wind wirft die Blätter und Stacheln von den
Ästen, sie vermantschen; es sitzt eine schreckvolle Unruhe in der Welt. Jeder
Tag, der aufgeht, die Nacht, die über uns fällt, drängt und jagt. Es läßt uns keine
Geduld; so ist es doch. Es frißt von uns. Ihr denkt nicht daran. Ihr habt Euch
damit abgefunden. Der Mond ist Euch blaß und schön, nicht wahr. Blaß, schön,
golden und silbern. Die Sonne ist der schamloseste Heuchler, der frechste
Schelm, Betrüger, Ihr kennt sie nicht. Sie wärmt Euch, wärmt, wärmt, bis Ihr
nicht wißt wie Euch wird, wie sie Euch das Fett abschwitzt, Muskeln und
Sehnen vertrocknet. Es soll nichts dauern. Auf eine Schaubühne von Betrug
zwischen Äsern ist der Mensch hingestellt samt dem Getier und den Blumen. Sie
sollen den Mist mehren, der auf der Erde lagert. Vorüber! Vorüber! In Verwesung
ist unser Leben eingehüllt. Wer hat dies angestellt? Von wem ist dies also gerichtet? Häuser sind nicht nötig, Hütten sind nicht nötig. Es schadet nichts,
wenn man Euch totschlägt; wenn Ihr tote Ratten und Kröten fressen müßt und
dran sterbt.“
Mit unsicheren Schritten, wochenlang anhaltend, heftig vorstürzend, torkelte
nach rechts und links über das zerschlagene, ausgesogene Land die Pest, wie der
weiß und grünliche Schimmel über dem faulen Fleisch. Man fing an, die Äcker
zu bestellen, richtete neue Schmieden ein. Das Frühjahr rückte vor. Wieder
schwärmten, rasch verschwindend, Söldnertrupps vorüber; Gerüchte liefen um
von Schießen bei Magdeburg, vom Krieg der Hansa mit dem Kaiser, über
Stralsund solle es gehen. Es sickerte durch das Land, die Zeit des Satans sei
wieder gekommen, er habe das Szepter der Erde an sich gerissen. Er führe auf
glühenden Karossen durch das Reich mit gelben und kleinen Pferden. Er
schwirre und sause durch die Finsternis her, lecke das Menschen- und Tierblut,
den jungen Getreidesaft. Auf den Laternen der feurigen Karossen sitzen
tropische Schimpansen aus dem Urwald, schreien greulich: „Mach’ Platz, mach’
Platz.“ Der Satan hat lange behaarte Arme, die er hinter sich schleifen läßt aus
den Wagentüren, er belfert, peitscht, triumphiert. Ihm hängt ein Schlüssel an dem
Hals, damit will er die Schleusen der Sintflut wieder öffnen. Von Tag zu Tag tobt
und drängt er schrecklicher. Er hat den Bart und das Gesicht des römischen
Kaisers Ferdinand, seinen Harn träufelt er in die deutsche Reichskrone und
spritzt die Jauche um sich in den Wind. Er hat den römischen Kaiser gestürzt,
seine Maske genommen, will das Heilige Reich von Grund aus verderben und
versenken.
Es schwelte in Oberösterreich im Hunsrückviertel, dem Pfandbesitz des
Bayern, in Mähren kroch die Flamme am Boden, Dunst hing über den
okkupierten Ländern, einzelne Schreie stiegen aus dem schwäbischen
fränkischen Kreise auf. Die Städte am Rhein wanden sich stumm unter dem
Soldatendruck. Soldaten des Regiments Verdugo wurden im Eichsfeld in ihren
Quartieren zersprengt, von Ort zu Ort gejagt. Am Harz verbarrikadierten sie sich
in den Gehöften. Vor Wallensteins eigenen Türen erhoben sich die Bauern auf
den Trzkaschen Gütern. Er konnte nicht zum Heere ausrücken, ohne die
Hurensöhne geschlagen zu haben. Ein großes Bauernheer wurde von ihm bei
Smiritz durch die Regimenter Marradas und Liechtenstein eingeschlossen, nach
drei Tagen zersprengt, fünfhundert Bauern in Stücke gehauen.
Die Tage wurden wärmer, aus den abgegrasten norddeutschen Gebieten ritten
fünftausend Arkebusiere und Kürassiere des Kaisers nach Süden, gegen Ulm zu. Da gab es Futter Quartier Geld und Vieh. In gefährlicher Nähe der ligistischen
Herren zogen sich immer dichtere Schwärme her von Norden; sie standen,
grasten da untätig, erzwangen Kontributionen, dehnten sich aus.
Er selbst, der Herzog rückte im Hochsommer zwischen den wandernden
klirrenden Mauern seiner Leibgarde aus, über Sagan Berlin Prenzlau Greifswald,
um die Hansastadt Stralsund zur Aufnahme einer Besatzung zu zwingen und den
Rest der Dänen zu vernichten, die von der Ostsee andrangen. Über Pommern
und der Mark lagerte sein Heer, taub für den Widerspruch der Landesfürsten.
Torquato Konti hielt die Mittelmark, ein anderer die Priegnitz, fünf Kompagnien
Dohna erpreßten den Kreis Starnberg, mit Wallensteinschen Leibgardisten
besetzte Arnim Frankfurt. In Gardelegen Pappenheim; nach Norden reckten sich
Montekukulli Hebron Marradas, Franz Albrecht von Lauenburg. Friedlands
Marschall, den zähen strengen braunbärtigen Arnim von Boitzenburg, hungerten
die Stadtbürger Stralsunds auf der Insel Dänholm aus. Auf der Reise schmähte
der General: sie seien Reichsfeinde und Verräter, ihrem Bekenntnis wolle
niemand zu Leibe, Arnim sei ihr Nachbar, Märker, dazu Lutheraner.
Bürgerschaft und Rat schworen zur Fahne der Stadt einen heiligen Eid in
sieben Artikeln, daß sie Rat, Bestellte der Stadt, Oberste, Kapitäne und
Befehlshaber, Alter- und Hundertmänner, Werkmeister und Gemeine keine
Besetzung und Einquartierung innerhalb ihrer Ringmauern Schlagbäume und
Zingeln dulden wollten; sie wollten sie, wenn nötig, mit Blutvergießen
abwehren; schworen unter sich alle Parteiung Rotten Zank und Schmähung ab.
Achtzigtausend Taler wollten sie, meldeten sie heraus, dem Kaiser zahlen, ihre
Garnison dem Kaiser mit Eiden und Pflichten zu verbinden; der Herzog mit
fünfzehn Regimentern in Heinholz unter ihren Wällen lagernd, gab ihrem
Protonotar Wahl zurück, es sei ihm nicht um das Geld zu tun, er müsse sein Volk
drin haben, so wäre er verwahrt. Er brauchte die Küste, die Häfen; der Däne
versteckte sich hinter dem Wasser.
Sie mußten nach einem grausigen Bombardement klein beigeben. Dann aber
kam zu den tausend Dänen, die sie bei sich hatten, ein schwedisches Hilfskorps
auf Schiffen an. Vom Frankentor fielen die Schweden gegen Arnim aus. Der
Pommernherzog legte sich ins Mittel, wie die Raserei drin und draußen stieg, er
sah das Schicksal der ihm untertänigen Stadt voraus, wenn man den Böhmen
zum Äußersten reize; stand für die Erfüllung der Bedingungen ein, die
festgesetzt wurden in Schleifung der Außenwerke, Abschaffung jeglicher
Besatzung aus der Stadt, Abbitte, Geldzahlung.
In Wien, München kicherte man über den Akkord; der Herzog ruhig
abrückend bedeutete dem Notar Wahl, der ihm das stralsundische Gelöbnis der
Devotion gegen Kaiser und Reich überbrachte, wenn die Stadt sich zum Sprungbrett des Dänen oder Schweden machen wolle, werde sie bald aufgehört
haben, deutsch zu sein, sie werde das ganze Römische Reich gefährden, er habe
Zeit und warne die Stadt.
Den Dänen fing er bei Wolgast ab. Die Verzweiflung des dänischen Volkes
über die Beraubung fast ihres ganzen Festlandes war besiegt worden von dem
Gram und der Empörung über die erlittene Niederlage. Ihr König Christian, vom
Pöbel angefaßt im Unglück, flammte wieder vor ihnen.
Die dänische Flotte, hundert Schiffe, kreuzte vor Warnemünde, Barth,
Usedom. Bei Wolgast landeten sie. Zwischen Sümpfen, Morästen, hinter Wällen
stürzte sich der Kaiserliche auf sie, griff sie bei Hals und Schultern an, schlug
sie, Fußvolk und Reiter, nieder, warf den flüchtigen Christian aus der Stadt, dem
festen Schloß. Die Masse der Fremden aufgerieben, der Rest mit dem König in
die Schiffe gejagt. Rostock fiel, Krempe; der Däne war hoffnungslos vom
Festland verdrängt.
In alle erreichbaren Häfen der Ostsee schob der Herzog Besatzungen, Wismar
nahm er ein, da baute er eine Werft. Das Meer von zwei Seiten einspannend,
drängte er herüber. Er brauchte Schiffe. Wasser war dem Herzog neu, nach den
Chausseen, marschierenden Truppen, Kanonen in Fahrt, rollenden Wagen und
Zelten. Jetzt fehlte das einfachste, der Weg, eine flüssige, schwere Masse
schwamm vor seinen Füßen; die Herren, kraftstrotzend, standen mit einem Strick
am Bein am Küstenrand. Gegen sein neues Herzogtum Mecklenburg schwankte
das zerquellende widerstandslose Element an, er beobachtete es widerwillig. In
Wismar setzte er neben sich einen Generalleutnant, Fiskel, Sekretär. Die
befreundete spanische Monarchie, die Herrscherin zur See ging er um Rat an
gegen dies wässrige, grüne Gespenst. Dem aus Brüssel anfahrenden spanischen
Beauftragten, Gabriel de Roy, einem kühn auftretenden Offizier, erklärte er, man
müsse noch das Meer überwinden; Spanien solle Hilfe leisten, die verbündete
Monarchie könne Vorteil aus der Sache ziehen. Er werde die Elbe- und
Wesermündungen halten, die Ligisten die Grafschaft Oldenburg und die Ströme
der Grafschaft Emden; man müsse die Ostsee gemeinsam beherrschen, den
niederländischen Handel matt setzen. Der Stadtoberst von Lübeck wurde um
Schiffe angegangen, versprach achtzehn gute Orlogs auszustaffieren. Der
polnische König, vom Schweden bedrängt, hilfenehmend, erklärte sich zu
vierundzwanzig Schiffen bereit. Dann heischte er generell von den Hansastädten,
sie sollten eine Flotte bilden gegen die schwedisch-dänische Übermacht; es sei
ein gemeinsames deutsches Interesse. Der Böhme glaubte der Hansastädte sicher
zu sein, die schwersten Drangsalierungen Vergewaltigungen Beraubungen ihrer
Privilegien auf Malmö, Schonen, Ystert durch Christian ausgesetzt waren. Mit
hartem Druck umlagerte seine Truppenmacht sie, die die Brücken und Wege innehatten über das nachgiebige Element, Lübeck, Hamburg, Rostock, Bremen,
Wismar, Stralsund; er drohte herüber nach Lüneburg, Magdeburg, Köln.
Zweihunderttausend Kronen wies Spanien an.
In Güstrow ließ er sich huldigen von seinen neuen Untertanen. Vor seine Füße
rollte ein kaiserliches Handschreiben. Der Böhme erinnerte sich in manchen
Augenblicken kaum des Kaisers. Der schrieb, daß er ihn zum Kapitängeneral
dieses erreichten ozeanischen und baltischen Meeres ernenne, nachdem die
feindliche Macht zu Land gedämpft und man dazu übergegangen sei, eine
Armada zu Meere herzurichten und zu unterhalten. Der Kaiser huldigte: er
vertraue, daß mit einem solchen Haupt versehen, in Tüchtigkeit, Qualität,
Erfahrung, Genie reichlich im Krieg und Frieden erprobt, Heer und Flotte in
sicherster Hut seien, machtvoll blühen werden zum Ruhm des Hauses Habsburg,
des Römischen Reiches und des Geschlechtes Wallenstein. Der Herzog schniefte
gestört, fast gereizt, zuckte die Achseln.
Hinter den schützenden Wasserbergen vergraben der blonde König Christian,
der dem niedersächsischen Kreis Bundesoberst gewesen war. Klagend über den
menschlichen Größenwahn, der ihn auf Eroberungen nach Deutschland trieb; er
forderte seine Reichsstände heraus, sie möchten es wagen und sich an ihm
vergreifen.
Gelähmt hinter dem anderen Wasser England. Die verzogene kapriziöse
Königin, von ihrer Schönheit besessen; ihre duftende französische Umgebung
brüskierte noch die puritanischen Lords, die sehr zeremoniell am königlichen
Hofe erschienen. Mit katholischem Pomp, Weihrauch, Bildern und Fahnen, die
sich auf die Straße wagten, forderte sie die Londoner heraus. Nach einer Revolte
mußte Karl die Franzosen heimschicken. So wuchs die Erregung des Volkes an,
daß Karl in seiner Bestürzung daran dachte, die Königin selber
zurückzuschicken. Er brach mit den französischen Machthabern, nur besänftigen
wollte er das Volk, das Parlament, ging betteln bei der Opposition, lockte ratlos
mit Baronettstiteln. Unter dem Beben des Bodens, dem drängenden. Grollen von
Parlament und Hauptstadt rang der blasse König täglich mit der übermütigen
kreischenden Tochter der Medizäerin, die ihr Spielzeug, ihren Hof, prunkvolle
Andachten wieder verlangte.
Als Buckingham, nicht mehr Herr seines Spottes und Dialektik, flehte, um
sich selbst in Angst, dem Parlament nachzugeben, um das Schlimmste zu
verhüten. Grausam drohten die Lords, die Bürgerschaften. Buckingham, zitternd,
machte sich selbst auf, den Parlamentswillen zu vollstrecken, Hilfe den Hugenotten gegen Richelieu zu bringen, der sie in der französischen Seefeste
Larochelle eingeschlossen hatte. Aber auf der Rheede des Hafens sah er die
furchtbare Übermacht der Katholischen, hochmastige Schiffe, zu Lande zielende
Kanonen, Männer, verwirrt gab er, noch auf der Rheede Befehl, umzukehren.
Brüllte weinend in seiner Kajüte gegen die Kapitäne, es sei unmöglich,
unmöglich, er könne dies nicht verantworten, die englische Flotte sei mehr als
ein fettes Futter für die Welschen.
Ans Land gestiegen kam er nicht weit. Sein Haus in Portsmouth hielt eine
tobende Menschenmenge eingeschlossen; er wollte zum König nach London. In
der Vorhalle seines Hauses wurde er nach vier Tagen, gewaltsam versuchend
auszubrechen, von der Volksmenge erstickt, zerquetscht, seine weißgepuderte
Perücke zerfasert, seine tanzlustigen Knochen zerbrochen, seine lasciven Lippen
mit Kot bedeckt. Der König in London schloß sich zwei Tage ein, verfluchte
sich, die Königin, das Parlament, machte sich mit innigstem Grimm zum
Zweikampf mit dem Volk bereit. In wilden Zuckungen warf sich England, griff
keinen Feind mehr an.
Preisgegeben der stolze Friedrich von der Pfalz. Die englische Königstochter
preisgegeben. Die Welt konnte sich erbarmen ihrer Ansprüche. Rusdorf, der
leidenschaftliche kleine Johann Joachim, hatte lange England verlassen; seinen
kranken Freund Pavel auf niederländischen Boden verbracht, wich nicht aus
Haag, aus der Nähe seines Kurfürsten Friedrich; die Erde mochte untergehen,
der Kurfürst sich aller Ansprüche entschlagen; er wollte von dem Recht nicht
lassen, durchfiebert von der Rachsucht auf das grausame übermächtige
Habsburg, angewidert von der englischen und dänischen Schwäche.