Wallenstein: Erster Band
Drittes Buch Der Krieg
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
um sich darauf zu setzen bei ihren Untaten. Da müßte ja der Christ ein Narr sein,
der derartiges erdulden wollte aus purer Halsstarrigkeit. Aber dumm sind meine
Lutheraner nicht, sie sind mit vielen Wassern gewaschen und mit den meisten
die unter ihnen, die sich Gelehrte, Prädikanten schelten und fromme Seelen
verlocken. Für sie ist eine besondere Strafe erfunden, damit sie, die im irdischen Leben etwas Besonderes waren, sich auch dort dessen rühmen können. Da
hängen so zierliche Seilchen von der Decke der Hölle herunter, versteht Ihr
recht, Seilchen, nicht viele, denn gar so viele sind nicht so schlimm. Nicht gut
kann man die Seilchen sehen, denn ein Dunst, ein Nebel, ein Wrasen wie aus
einem Kochtopf steigt immer von unten auf. Und wenn die Teufel nun so einen
erwischt haben, so eine abgelebte alte Prädikantenmißgeburt, die vermeinte,
flugs und unversehens in den paradiesischen Vorraum zu schlüpfen, so heben sie
ihn sacht auf ein bequemes Schemelchen, binden ihn an zwei Seilchen, ziehen
ihn hoch und lassen nun den Wrasen gehen, verkleben ihm auch schön die Ohren
mit Pech. Und täglich kommt zu einer Stunde ein Teufel, nimmt ihm das Pech
aus den Ohren heraus und tut mit ihm disputieren, damit sein hoher Witz sich gar
nicht abstumpft. Das scheint Euch nichts? Oh, oh! Das lebt, das sieht nichts, das
hört nichts. Vom Dampf verschrumpfeln sie wie Äpfel, sie sitzen den ganzen Tag
in der warmen Nässe wie Waschfrauen, tropfen, ziehen keinen Zug gute Luft
und werden nicht trocken. Mögen sie sich umgucken, mögen sie in den Rauch
hineinschnappen, ob’s nicht wo was zu sehen gebe: ist nichts zu sehen. Sie
tropfen, verschrumpfeln, verfaulen in langer Weile. Nur eine Nadel steckt in der
Rücklehne des Schemels, die bohrt sich in ihre Rücken, wenn sie einschlafen
wollen. Möchten nur recht viel von ihnen kommen, wären die geplagten Teufel
froh genug und hätten ihre Ergötzlichkeit. Wie sie sich drehen auf ihren
Schemeln, möchtet Ihr sehen, wie sie rasen, nicht trocken werden, den Dampf
wegblasen wollen und unten kochen sie immer weiter, wie sie schäumen gleich
den wütenden Ebern, wie sie sich anfallen in der Einsamkeit da oben an den
beiden Seilchen schwebend an der Decke der Hölle, sich die Knöchel zerbeißen,
sich gern umbrächten, wenn sie nur könnten. Da ist nichts in ihnen als Schäumen
und Rache, Geschrei, Gewein, bis sie müde werden, und wenn sie wieder frisch
sind, dann sehen sie wieder nur sich und es ist nichts.“
In den neugläubigen Landkreisen ließen die Werber die Parole „deutscher
Kaiser“ gehen, mit Macht suchten sie Protestanten zu gewinnen, Wallenstein
hatte mit den stärksten Ausdrücken darauf gedrungen; er hatte befohlen, Anlauf-
und Antrittsgeld zu verdoppeln, wenn es Lutheraner und Kalvinisten gälte.
Heftig sprudelten und schäumten die frommen Kreise der Erblande dagegen,
schwer konnten sich die jesuitischen Gesellschaften beruhigen. Der Herzog gab
kein Wort der Erklärung; er wollte auch Lutheraner im Heer, hieß es in Prag.
Von der Wiener Hofkammer und dem Geheimen Ratskolleg wurde auf des
Friedländers schlaue Taktik hierin hingewiesen; er verfahre nach der
allgemeinen Direktive, den Oppositionsmächten den Vorwand der Religion zu
benehmen; man dürfe nicht länger sagen die garantierte Religionsfreiheit werde
vom Kaiser bedroht. Der Herzog zog lutherische Offiziere in sehr großer Zahl an sich; kaiserliche Oberstpatente gab er ihnen. Die zu Bruck seinen Erklärungen
beigewohnt hatten, begriffen scheu, daß sich seine finsteren furchtbaren Ideen
vom Kaisertum dahinter regten: der Kaiser über Deutschland, und sonst nichts.
Nichts von Kirche.
An seinen Wagen spannte er die ungeheuerlichen Wildgestalten der Herzöge
von Lauenburg. Die verschuldeten Reichsfürsten, lahm daliegend, buckelten sich
hoch und schüttelten sich, sie ließen sich die langen starken Leinen Wallensteins
überwerfen. Der Mansfelder, abenteuerlich, bezaubernd vorüber tosend, hatte
ihnen ins Herz gestochen, die Zungen klebten ihnen am Gaumen vor Gier.
Rudolf Maximilian, der Sachsenlauenburger, ein haarschaukelnder Kentaur,
langschenklig, stieß seine Fahnen im Erzstift Mainz in den Boden, ließ die
rotblutigen Glotzaugen rollen, donnerte, schrie, kehlte Spießgesellen heran,
Grauen verbreitend. Er war eine Röhre, ein Rinnsal, ein Kanal, Wein und Biere
flossen von Morgen bis Abend über ihn; er war wie ein Schwimmer, ertrank
nicht drin, schlug um sich, wie ein Fisch. Der Fürstbischof suchte ihn zu
besänftigen, ließ ihm Proviant, Furage zufahren; er stopfte, was man ihm gab,
ohne zu danken, behielt den Hunger. Seine Backen blaurot geädert; die Söldner
sahen es mit Freude. Reich war das goldene Mainz. Kleine Detachements
erbrachen Kirchen; wie Rudolf Max sagte, aus Verzweiflung. Und eines
Sonntags machte sich der Herzog selbst auf, ging auf Lüttich zu. Da hatten seine
Leute trefflich geworben, und als sein Quartiermeister kein Handgeld weiter
hatte und die Reiter ins Saufen kamen, schenkte Max ihnen den Markt von
Lüttich und die sechs einstrahlenden Hauptstraßen. Die Pferde standen parat. Die
Bürger waren auf der Hut. Als man einige Pikeniere totgeschlagen hatte, andere
aus Schenken Weinfässer fortrollten auf geraubte Karren und Wagen, wurden die
widerstrebenden Bürger, die sich zu Hilfe kamen, umringt. Mordiogeschrei und
Getümmel in die Finsternis hinein. Alarm die Glocken. Bei Morgengrauen saß
das Untier, der barhäuptige Herzog, flüchtig in der Sakristei des Sankt
Lambrecht Klosters auf den Stufen; die mitleidigen Mönche wichen angstvoll
vor ihm aus, dem schnaubenden schweißflutenden, der sich entstellt den
Brustharnisch schlug. Der Bürgermeister von Lüttich nahm sich drohend und
höhnisch seiner an, heimlich in der Frühe zu ihm gelassen. Knirschend mußte
der Lauenburger sich gefangen geben. Pferde Wagen Leute Soldateska im Stich
gelassen. Knirschend mußte er sich vom Bürgermeister und Stadtsekretär die
Knie binden lassen. Dann wie ein Kalb in den Sack gesteckt, auf einen
Packwagen des Klosters geworfen, von Mönchen gefahren aus der
tumultierenden Stadt über die Grenze. Fünfhundert Gulden hatte er dem
Bürgermeister aus seinem Säckel geben müssen. In Mainz wurde er nicht stiller,
warb sechstausend Mann zu Fuß, eintausendfünfhundert zu Pferd.
Sein Freund war der Herr von Gürzenich, Adam Wilhelm Schelhard
Dorenwart; er hatte das Patent, in der Wetterau und den Nachbarquartieren ein
Regiment zu Fuß aufzurichten, ferner zu seinen auf den Fuß gebrachten vier
Kornetten Kürassiere sechs Kompagnien Arkebusierreiter. Eine
Kartätschenkugel steckte ihm aus einem Gefecht in Ungarn mit dem Grafen
Zriny in der Leber; sein Blut floß gelb. Nichts hatte er; auf sein ausgeschlagenes
Auge und die Kugel im Bauch schoß ihm der Herzog von Friedland Anritt und
Laufgeld vor; davon warf der Gürzenich vor die Soldaten keinen Heller, die
Ausrüstung beschaffte er; Lohn hieß er sie sich selber holen. Auf einem
stämmigen Rumpf mit krummen starken Beinen saß der kurze Hals mit dem
gelben Kleinkindergesicht und den riesigen Kiefern. Seine Kompagnien stürzten
sich über die Wetterau. An den Weibern hatte ihr Oberst solchen Spaß, daß er
schwur, kein Weib im Umkreis zwischen vierzehn und vierzig Jahren sollte
passieren, ohne sich seinen Leuten ergeben zu haben oder über die Klinge zu
springen. Und wenn seine Leute auch die Ernte wegfräßen und die Menschen
verdürben, krächzte er voll Wonne, so wollte er doch verbürgen, daß ihre
Aussaat unvergleichlich sei, prächtig, gescheckt braun und purpurn mit der
Franzosenkrankheit, geschwürige Embleme auf der Haut, wie sich für Adlige
ziemt, schöne Kielköpfe, pralle Wasserbäuche; man würde nicht wissen, wenn
sie auf den Beinen stünden, ob sie besser watscheln, schwimmen oder fliegen
könnten; aber rauben, saufen und stehlen würden sie, so wie sie das Tageslicht
erblickten, so gewiß ihre Väter es täten.
Vor Limburg an der Lahn erschien der Herzog Adolf von Holstein-Gottorp,
ein Bruder des regierenden Herzogs Friedrich. Ihm hatten ein Jahr zuvor seine
Quartiere nicht behagt; darauf machte er sich mit einigen Fähnlein Knechten auf,
fiel ins Gebiet des Trierer Erzbischofs ein, wüstete dort. Jetzt trat er ganz zaghaft
zu Limburg auf, sein Trompeter verkündete dem Torschreiber, sie wollten
friedlichen freundlichen Durchzug durch die Stadt. Der Herzog Adolf liebte
Zorn und Blut für sein Leben. Drin würfelten sangen spazierten die Spanier,
lagen als Besatzung in den Häusern Schenken Gärten Bädern; und als der
Herzog die schönen Quartiere besah, erschien ihm doppelt gut, hier
haltzumachen. Die Spanier lachten: sie säßen da; der Herzog: er käme an.
Wachtmeister Kornett Korporal Musketier sahen nur ihren weißblonden Oberst
auf seinem Gaul an, schlank stählern im silbernen Küraß, unter der buntfedrigen
Eisenhaube das lange viereckige Gesicht, frisch rosa, mit den vorstehenden
Oberzähnen; sie sahen, wie seine Unterlippe sich füllte, hochstieg wie eine
Pflanze nach dem Regen und umkippte. Er gab vom Pferde springend den
Spitzhammer abhalfternd das Zeichen; von fünfhundert schäumenden Spaniern
entkamen nur sechs. Die Bürger hatten gedroht, sie fürchteten sich nicht, hätten
sich vor dem Grafen Mansfeld nicht gefürchtet. Sie mußten das Wort bald
bereuen. Nach vier Tagen ritt der weißblonde Herzog mit seinen Knechten und
vielen Beutewagen wieder aus, die Lippe schlaff, der Blick leer.
Der Oberst von Merode, Schrecken Schlesiens, schlug im Fränkischen seine
Werbeplätze auf: zehntausend Mann war sein Ziel.
Bei Nürnberg tauchten auf zwei Großoheime des regierenden Märker
Kurfürsten, die Markgrafen Johann und Johann Georg von Brandenburg-
Kulmbach; zwei Regimenter zu Fuß, zwei Regimenter zu Pferd.
Hans Georg von Arnim aus der Uckermark stand in Diensten Gustav Adolfs
von Schweden, dann bei Sigismund von Polen, beim Mansfelder. Vom
Friedländer wurde er mit einem Regiment beliehen.
Torquato Konti Graf von Quadragnola, am Weißen Berge bewährt,
Generaloberstleutnant in päpstlichen Diensten, zum Wallenstein einschwenkend.
Wolmar von Fehrensbach, Graf von Karkus zubenannt, aus schwedischem
Dienst verräterisch zum Polen übergehend, vom Friedländer zum Obersten über
ein Infanterieregiment mit dreitausend Mann bestellt, in Schlesien eingelagert.
Herr Sparr von Hohen-Finow, zehn Kompagnien Arkebusierreiter, nach
Jüterbog gewiesen.
Die Pfalz Birkenfeld, die Grafschaften an der Eifel besetzten die Brüder Cratz
von Scharffenstein, Alwig Graf Sulz. In der Grafschaft Stollberg nahm Quartier
Hans Ernst Vitztum von Eckstädt, Oberstleutnant über fünfhundert Dragoner.
Johann Franz Barwitz, Oberst über fünf Kompagnien Dragoner.
Verdugo, des Ordens Sankt Jakobi a Spada Ritter, des Königs in Hispanien
Kriegsrat, dreitausend Mann zu Fuß, fünfhundert Kürassiere.
Baron Bettino Riccasoli della Trappola, fünfhundert Arkebusierreiter.
Johann Philipp Hußmann de Namedy, tausend Kürassiere.
Graf Ferdinand Nagaroll, elf Kompagnien.
Oberst Hebron, ein Arkebusierregiment, ein Dragonerregiment.
Herrmann Frank, der Däne, ehemaliger Mansfelder, ein Infanterieregiment.
Hans Friedrich von Stößel, sechs Kompagnien Arkebusierreiter.
Marquis de Boissy, sechs Kompagnien Arkebusiere.
Scharen über Scharen, unermeßliche, strömten dem Friedländer zu. In der
Nähe von Pirnitz erschien der Kroatenführer Milli-Dragsi mit fünfhundert
leichten Reitern.
Freiwillige Franzosen, vierhundert Mann, eine begeisterte kampfgierige Schar,
setzten bei Lauenburg über den Rhein; in Rotten folgten andere.
Als die Ordnung unter dem Übermaß des Zudrangs zu springen drohte, wurde
zum Generalwachtmeister ernannt: Lorenzo del Maestro, Hannibal von
Schaumburg. Don Balthasar Marradas wurde Stellvertreter des Herzogs, sein
Generaloberstleutnant und Feldmarschall.
Wie der Fürstbischof von Mainz, des alten sanften in das Grab gesunkenen
Schweikhard Nachfolger, Friedrich von Greiffenklau, die Untaten des wütigen
Lauenburgers auf seinem Stiftsboden sah, hatte er keine Freude mehr an
Messelesen Falkenbeizen Würfeln. Finster kaute er an seinem Zorn. In seinen
Jagdgründen erlegte er mit eigener Hand wildernde Pikeniere, das schaffte ihm
eine kleine Ruhe. Sein Grimm labte sich an den brennenden kleinen
Bauernhäusern, die den Wallensteinern über den Köpfen angezündet waren. Er
ritt an der Spitze seiner geharnischten Leibgarde, segnete vor den drohend
andringenden Knechten die Bauernhaufen. An der Tafel saß er abends mit seinen
Äbten und Domherren, man löste ihm den Brustpanzer. Schmetternd sprach er,
ließ seine schwarze Inbrunst rollen vor den samtenen händefaltenden sich
sättigenden Frommen. Auf seinen Gütern! Auf dem Stiftsbesitz der heiligen
Kirche! Freches Raubgesindel, vom Kaiser legitimiert! Den anderen weichen
troffen die Lippen, sie lobten den Bischof; das Unrecht, das sie erlitten, blähte
sie auf; das Rebenblut, das sie schluckten, feuerte ihr Herz. Draußen zogen die
Bauern trübe in die Wälder, Kinder auf den Schultern, Gänse, Hühner auf
Karren. Das Schreiben, das der Herr, des Heiligen Reiches Kanzler, an seinen
benachbarten Freund, den Kölner Kurfürsten, richtete, besagte im Stolz des Rechtes, wenn nicht baldigst Abhilfe erfolge, so werde er auf Mittel bedacht
sein, sich der unerträglichen Last mit der Tat zu erwehren. Als darauf die Kölner
ihn sondierten, ob er nicht an den Kaiser schreiben wollte, schob er sie erregt
beiseite; er wollte sich seine Wut, die ihn erfrischte, nicht durch einen Brief
entreißen lassen. Der Kölner Ferdinand selbst, ein Bruder des bayrischen
Maximilian, vexierte die Wallensteiner auf seine Weise; er hatte von
Bestellungen gehört, die Wallensteinische Obersten in seinem Gebiet auf
Rüstungsstücke gemacht; als Oberst Hebron nach seinen Kürassen forschte,
stellte sich heraus, daß der Kölner Kurfürst sie hatte beschlagnahmen lassen. Da
zappelten sie und schrien vor dem Wiener Kriegsrat.
Wie im Frühling die Meldungen einen abenteuerlichen, nie gesehenen
Umfang der Rüstungen erkennen ließen, fanden sich Vertreter der ligistischen
Herren zusammen; Maximilian gab das Stichwort; unruhige fragende
Klageschreiben gingen an den Kaiserhof ab, von Mainz und Köln, dann
gemeinsam von den vier altgläubigen Kurfürsten. Der Druck der Einlagerungen
wuchs; der Umfang des Heeres nahm zu, von Tag zu Tag; Werbungen
Durchzüge Einlagerungen Kontributionen, in immer neuen Reichsbezirken.
Bayrische Zwischenträger streuten die Ansicht aus: Wallenstein suche durch die
große Menge des Volkes die deutschen Länder zu beschweren und durch
unerhörte Drangsale zu entnerven; alsdann gedenke er alles nach Belieben zu
disponieren. Man geriet in wachsende Spannung und Furcht. Der starke
Greiffenklau von Mainz war schon nicht mehr so eigenbrödlerisch; er ließ an
seiner Tafel hören, es möchten seines unvorgreiflichen Ermessens noch Mittel zu
finden seien, wie sich die Liga, wenn es gegen die Freiheit der Fürsten ginge,
mit dem König von Dänemark so weit verständige, daß die Bundesarmee mit
anderen Reichsständen das Reich verteidigen könnte, die kaiserliche Armada
aber sattsam zur Erhaltung der Erbkönigreiche gebraucht werde.
Das Frühjahr rückte gnadenlos vor, jeden Tag konnte der Losbruch der
Heeressintflut auf das Reich erfolgen.
Da wußten sich die Fürsten, in Würzburg zusammengekommen, keinen Rat.
Sie bewilligten ohne Debatte eine Million Taler für Heereszwecke. Es würde
erfolgen — blickten sie sich lahm an — was man sich erzählte, daß der Däne
geschlagen würde, das Heer aus Deutschland nicht wiche, sondern wachse, ohne
Schranken, wie es in den wenigen Monaten gewachsen war. Und niemand
konnte wissen, was ihnen drohte. Was aus ihnen würde. Wie weit es Friedland
mit seinen Kontributionen triebe. Sie faßten Beschlüsse; im letzten Augenblick
sollte vorgebeugt werden. Zwei Kuriere jagten sie nach Wien zum Kaiser. Sie
baten ihn erstmals, ihnen einen baldigen Kurfürstentag zu veranstalten zur
Besprechung urwichtiger Dinge und einzuschlagender Maßnahmen, dann flehten sie an, des unbeschreiblichen Unwesens gedenk zu sein, das mit der Überflutung
Deutschlands durch die riesigen Truppenmassen erfolge; der Fluch der Nation
würde sich gegen die Fürsten richten, die dies nicht haben verhindern können.
Sie böten ihm starke, ausreichende Truppen gegen den Dänenkönig an; dem
friedländischen Heere würde die Säuberung und Verteidigung der Erblande in
Schlesien nach Ungarn gegen die Türken zufallen. Hinter die beiden
Abgesandten lief ein Kurier, der ihnen als letzten Trumpf eine Verschärfung
ihrer Instruktion ans Herz zu legen hatte: man sei bei Ausbleiben einer Remedur
des Heereswesens entschlossen, die Bundesarmee vom Feind abzuziehen und in
Notwehr zur Verteidigung der deutschen bedrängten Stände zu gebrauchen.
Friedland gelüstete nach Wien. Kein besonderes Vorkommnis drängte ihn; er
wollte noch einmal den Kaiser, die Räte sehen. Er wollte wissen, woran er war,
bevor er aufbrach.
Er lag im Harrachschen Haus in Wien auf der Freyung; wieder lähmte ihn das
Podagra. Obersten meldeten sich bei ihm, berichteten, Ordonnanzen von den
Gütern; sonst lag er allein. Es besuchte ihn niemand. Im Auftrag des Kaisers
bewillkommnete ihn an den ersten Tagen der liebenswürdige Fürst Eggenberg,
der ihm zwei Ärzte zuführte. Kurze formale Audienz bei Hofe. Der Hof
schwieg, die Räte schwiegen, der Kaiser schwieg. Wallenstein wunderte sich
nicht. Er war gewohnt, daß man ihn fürchtete oder verabscheute. Er wies seinen
Wirt und Verwandten, den Grafen Harrach, ab; ihn trösten, beruhigen? Was die
Herren bei ihm sollten. Als er acht Tage gelegen hatte und leidlich hergestellt
war, machte er einen kurzen Abschiedsbesuch bei Eggenberg, reiste gekräftigt,
geleitet von einer Kompagnie des Regiments von Löbl, ab. Er war zufrieden; ihn
hatte am letzten Tage seiner Anwesenheit noch sehr die Hilflosigkeit der Wiener
Stadtgarde beim Löschen eines Brandes in seiner Nähe gelabt, wo im Anschluß
an eine Verbrennung beschlagnahmter protestantischer Bücher im Bischofshof
eine Feuersbrunst sich erhob, die den Bischofshof selber, zwei Klöster,
hundertsechsundzwanzig Häuser einäscherte. Am Fenster zusehend lachte er
stundenlang; dort unten ritten auch die hohen aufgeregten Würdenträger und
Beamten, sie schlugen die Hände zusammen, schrien sich Unverständliches zu,
zeigten in den Qualm, stoben davon; es sei ein vortrefflicher Abschluß, meinte
der Herzog gegen seinen Wirt, so hätte er die Herren doch alle kennengelernt.
Dicht bei Wien stellte ihn Doktor Leuker, hinter den sich die beiden Kuriere
gesteckt hatten, die nach einigen unverbindlichen Worten vom Grafen Kollalto
an den Friedländer selbst gewandt waren, ihm aber ständig aus Furcht
auswichen. In einem Dorfgasthaus traf Leuker den Friedländer; der Herzog gab
ihm freundlich die Hand. Leuker, sehr blaß, stammelnd, wollte ihn zu einer
Unterredung im Garten bitten, der Herzog lehnte lächelnd ab: „Was gibt es zwischen uns zu sprechen, das nicht jeder hören könnte?“ Militärische Wünsche
trug der kaum seiner Sinne mächtige Resident vor, steif zu Boden blickend, sich
an sein Schwert haltend; Tilly wünschte eiligst die Wallensteinsche Hilfe mit
einigen Regimentern; er brachte nicht klar heraus, was ihm aufgetragen war, daß
Tilly Kommando und Disposition dieser Hilfstruppen haben sollte. Der Herzog,
halbseitlich am Fenster einem Ochsengespann zusehend, gestand es bereitwillig
zu. Dann gab sich der dicke Leuker einen Ruck, preßte hervor, erst den
gelbsüchtigen Herzog mit dem Blick streifend, dann über dessen Kopf sich mit
den Augen am oberen Fensterrahmen festnagelnd, was von Truppenübergriffen
verlautet sei, von Erpressungen, Verwüstungen. Gutmütig stimmte der andere
bei: „Wird wohl bei den Herren Ligisten nicht anders zugegangen sein.“ Als der
Bayer glaubte, aus den Geschehnissen den Schluß ziehen zu müssen, daß die
Werbungen vermindert würden, meinte der Herzog nur, ihm zutraulich die
Schulter berührend, er sei unlogisch, eine einzige schlimme Kompagnie richte
mehr an als zehn gute Regimenter, er werde die schlimmen Truppen entlassen
und weiter gute Regimenter anwerben. Was den Bayern, der den Boden unter
den Füßen verlor, zu der fast unwillkürlichen Entladung veranlaßte aber die
Kurfürsten und Fürsten wünschten, beständen auf einer Einschränkung der
Rüstungen. In voller Heiterkeit der Herzog: „Ja, warum lassen das die erlauchten
Herren mir, gerade mir sagen? Sie haben ja den Grafen Tilly: so mag man es ihm
doch befehlen; auf die Minute wird es geschehen. Wie sind die Herren hilflos!“
Zähne beißend, halbtoll wiederholte, quetschte der andere an seinen Sätzen; der
General blieb im schallenden Lachen, bat den Residenten um Verzeihung für
seine Heiterkeit; wenn man wolle, werde er es dem Tilly auftragen. Bis der
Bayer sich, komme was wolle, zu dem Geständnis hinreißen ließ, auf eben die
kaiserlichen Rüstungen sei es abgesehen, weil man sie für überflüssig hielte.
„Nicht überflüssig. Sagt nur deutlich, lieber Herr Doktor, gefährlich. Gefährlich
für Euch, Ihr werdet nie finden, daß ich ein zugebundenes Maul habe; und Ihr
seid ja auch reichlich offenherzig. Euer Herr, der Kurfürst in Bayern, wünscht
den Kaiser nicht im Reich. Ich kann es der bayrischen Durchlaucht nachfühlen,
aber die bayrische Durchlaucht kann den Kaiser nicht hindern, andere Wünsche
zu haben.“
„Die Kurfürsten haben dem Kaiser geschworen. Aber der Kaiser hat auch dem
Reich geschworen.“
„Woraus sich nicht der Schluß ziehen läßt, lieber Herr Doktor, daß der Kaiser
eine Holzpuppe ist. Ich kenn Euch gut, Herr Leuker, hörte, daß Ihr sonst ein
kluger Mann seid. Ich rechne es Euch darum nicht an, daß Ihr heute kein Glück
mit Argumenten habt. Fahrt nur wieder heim. Berichtet so: ich hätte selbst
gesagt, Ihr hättet Euch tapfer geführt.“
Mit einer Handbewegung lud er den kauenden Mann an den ärmlichen
Kieferntisch im Zimmer, auf dem Messingbecher um einen Weinkrug standen.
Als der noch nicht gefaßte Doktor ohne sich zu drehen stumm Bewegungen mit
den blassen Lippen machte, lachte Wallenstein, der schon auf dem Schemel saß,
so daß ihm die Tränen die Backen herunterliefen: „Was wollt Ihr nur, Herr
Leuker? Ihr habt ja alles gut gemacht! Ihr habt das Examen bestanden. Merkt
Euch zum Bericht nach Hause das Wort Bildsäule, Statua auf lateinisch. In
solchem Zustand kommen Kaiser nur nach ihrem Tode vor.“
Vierzehn Regimenter zogen mit Wallenstein aus Böhmen. Es ging auf den
Hauptsammelplatz Neiße. Die Beruhigung der katholischen Kurfürsten hatte er
dem Wiener Hofe überlassen. Seine Leibgarde, zweihundert ausgewählt starke
und geschickte Knechte aus allen Nationen, eisenknarrend vom Kopf zu den
Füßen, auf gepanzerten Pferden, Musketen Lanzen Spieße Beile führend,
umschloß seine Sänfte, ritt ihm voraus, folgte auf den wärmebrütenden
menschenleeren Chausseen. Meilenweit wich das Volk aus. Er stieß durch ein
wüstes Böhmen auf Schlesien zu. An der Spitze der Regimenter fuhr der Herzog
in einem puschelwedelnden sechsspännigen Wagen; achtzehn Rüstwagen mit
roten Juchten ihm voraus, zwölf zweispännige Kaleschen mit dem Stab; hinter
ihm seine prunkende Sänfte, auf Pferden bunte unbewaffnete Pagen und
Trabanten, Leibpferde; am Ende offene Feldgeschütze mit Artilleristen und
Munitionswagen.
Gitschin Nachod Glatz wurden passiert. Durch Deutschland, das schwang,
sich unruhig bewegte und zuckte, donnerten neue Regimenter herüber aus
Schwaben Franken Mähren, vom Rhein Dragoner mit Piken, fliegende
Musketiere, leichte polnische Reiter, die Freitag und Samstag keine Eier und
Butter aßen; Kroaten mit Arkebusen, Husaren, die Panzerstecher trugen, die
eingemauerten Eisenmenschen, die Kürisser, ungesehene Massen zu
unbekannten Zwecken. In hellen Haufen eine graue Gesellschaft hinter schweren
unförmigen Wagen, Schanzbauern Büchsenmeister Schnaller Fuhrknechte
Konstabler Schlangenschützen Pulverhüter; unter ihren leinenbezogenen
Gefährten Sturmtöpfe Pechkränze Sturmfässer Mordschläge Brandkugeln, Fuder
von Salpeter Schwefel Kohle, hundertpfündige Mörser, offen durch die sonnigen
blumigen erschreckenden Landschaften gefahren, mäulersperrend wie Leichen
urzeitlicher Untiere, Kartaunen Hagelgeschütze Totenorgeln Haubitzen.
Inzwischen saßen die Kinder vor den Kellertüren, spielten, kreischten, lachten,
drehten ihr Rosenkränzchen, ritten auf Stecken; die Frauen wiegten ihre Säuglinge, sangen, tändelten mit Ohrringen und Ketten; die Bauern vergrößerten
ihre Scheunen, dengelten Sensen, prüften Dreschflegel, die Bürger schrieben
sich Briefe, kauften, lasen Kalender, malten die Tafeln ihrer Vorfahren auf,
dachten an Adelsdiplome, die Kranken betrauerten ihr elendes Schicksal,
grollten, daß sie bald sterben mußten; aus den Fenstern hingen Teppiche vom
letzten Festtag.
Gleichmäßig schön das Wetter, Tag um Tag, helle luftdurchwehte Nächte, die
Tage wuchsen, langsam verschoben sich oben unhörbar die Gestirne.
Am neunten Tage des Aufbruchs erreichte der Generalissimus seine
Hauptmacht bei Neiße, der schlesischen Stadt.
Er machte sich den Rücken frei. Von dem teuflischen Zug Mansfelds nach
Ungarn steckten schlesische Städte voll feindlicher Besatzungen; die Dänen
hatten sie planmäßig aufgefüllt; furchtbar auf das Land ausfallend, eroberten sie
Zuckmantel, Starnberg, überrumpelten Sohrau, Beuthen; Kosel wurde
ausgeplündert; herausfordernd schwärmten leichte Trupps, Brände um sich
werfend, kleine Detachements abfangend, bis vor den Sammelplatz der
Kaiserlichen.
Wallenstein schritt mit vierzigtausend Mann am Gebirge entlang. Die Städte
Loebschütz Jägerndorf geworfen. Er bog gegen die Oder um, umfaßte Kosel, wo
siebentausend Dänen saßen unter Joachim von Mitzlaff, einem bissigen
Kavalier, der die Pest und die ungarische Krankheit überstanden hatte, in
Polenschlachten zerfleischt war. Er nahm die Belagerung an hinter seiner
sumpfumzogenen Schanze; am fünften Tag von drei Seiten bestürmt floh er mit
der Reiterei. Raste nach Süden, den Weg Mansfelds, Bethlen Gabor zu. Vom
Lande, aus den Nachbarorten schwirrten ihm zersprengte Fähnlein zu,
viertausend Pferde staubten Tag und Nacht gegen den Jablonkapaß. Sie prallten
auf Kaiserliche. Umwerfend zurück; Mitzlaffs Tobsucht riß seine meuternden
Reiter mit; er mußte durch Schlesien Polen auf Brandenburg zu gehen. Hinter
ihnen Pechmann und Merode mit der ganzen Friedländischen Reiterei.
„Sie sind verloren wie Judas Seele“, hob Wallenstein die Arme.
Er fiel, von abtrünnigen Dänen verstärkt, Troppau an, das ein Rantzau halten
wollte. Nach vierzehn Tagen war drin das Pulver verschossen. Die Stadt war
sein. Keine dänische Maus lief mehr in Schlesien. Auf Neiße schwenkte er um.
Harrach auf der Wiener Freyung empfing einen Brief: „Ich übersende Ihrer
Majestät fünfundsechzig Fähnlein und Kornette, die dem Feinde abgenommen
sind. Übermorgen marschiere ich ins Reich.“
Die Schweidnitzer Stände sandten zu ihm nach Neiße Vertreter, feierlich voll
Rühmens glückwünschend zu den unerhörten, blitzschnell herniederfahrenden
Siegen, dankend für die Befreiung von den Kriegslasten und den Truppen. Er empfing die barhäuptigen berittenen Herren noch vor dem blumengeschmückten
Tore im geöffneten Reisewagen, sah sie, gebückt sitzend, kalt an; es war nicht
sicher, ob er ihnen zuhörte.
Ohne weiteres verließ er das Land, ließ hinter sich in dem dumpf staunenden
Schlesien und Mähren fünfzehntausend Mann, die sich zu verstärken hatten.
Und während er sich in drei Heersäulen nach Norden und Nordwesten schob,
erwartete ihn der Dänenkönig Christian.
Fiebernd und sich selbst grollend erwartete ihn der Däne; voll Ruhmbegier,
ohne Not, in der Hoffnung auf den sicheren Sieg hatte er den Krieg begonnen,
dann hatte sich, wie von Satanas geschickt, in Böhmen dieses Wesen
emporgewälzt, nicht vorauszusehen, noch jetzt nicht zu fassen, ausgestattet mit
Reichtum, Härte, Unabhängigkeit, neben einem zusammenbrechenden
Kaisertum, und tatzte nach ihm, nach seiner jungen lebensdurstigen Herrlichkeit.
Mit diesem gab es keine Versöhnung, der kannte kein Paktieren, der
niedriggeborene Mensch, das widrige feuergeglühte Geschöpf. Er jagte jetzt den
edlen teuern Mitzlaff her durch halb Europa, wollte ihn fassen. Wenn er doch
käme, der Mitzlaff, der tapfere, nicht zu zerbrechende. Und um sich sah der
Däne alles anders wie vor einem halben Jahr im winterlichen Haag, wo man sich
zugetrunken hatte. Er mußte danken und sich freuen, wenn zwei drei neue
Fähnlein Schotten zu ihm stießen und eine Handvoll Franzosen. Wie strahlten
die Augen des Grafen Montgommery, der auf seine Franzosen zeigte, die schon
gegen die Spanier Siege errungen hatten; was würden sie machen gegen diese
zermalmende Masse, von deren Schwere und Sicherheit sie keinen Begriff
hatten. Zarte süße dänische Frauen nahmen sich ihres Königs zu Stade im Lager
an; er sagte ihnen, ihrem Gesange würden viele dänische Soldaten die Ehre zu
verdanken haben. Und dann übergoß ihn mit dem tiefsten Entzücken und stellte
ihn wieder ruhig hin die Ankunft eines alten Mannes, des Markgrafen von
Durlach, den einmal Tilly besiegt hatte. Das kleine Land, um dessen Erbschaft
Durlach gekämpft hatte, war ihm nicht zugefallen; sein eigenes war verloren; er
kämpfte jetzt, wie er sagte, für etwas Besseres, wie die andern gegen den neuen
Antichristen, der ehedem Papst, jetzt Kaiser und Friedland hieße und wie der
Papst sinken werde. Der alte Markgraf hatte als wandernder Kaufmann den
schlesischen Besatzungen Mut zugesprochen, dann warb er in Frankreich für
Christian, ein holländisches Kriegsschiff trug ihn nach Dänemark. Dünn waren
Christians Scharen, die sich von Bremen bis in die Mark streckten, aber tapfere
unbekümmerte Männer; oft mußten die Frauen den König trösten, der immer wieder weinte, wenn er seine jungen lachenden Offiziere sah. Er ließ verbreiten,
daß auch Mitzlaff zu ihnen stoßen würde, was hellen Jubel auslöste; er sagte
nicht, wie Mitzlaff zu ihm komme.
Still lag zwischen Niederelbe und Weser im hildesheimischen Städtchen Peine
Tilly. Hinter dem Rücken des Friedländers hatte er dem Feinde einen schweren
Schlag versetzt, von dem sich der Feind noch nicht erholt hatte. Jetzt drängte der
Böhme von Süden herauf, er mußte ihn noch rufen, sich mit ihm verständigen,
denn es sah aus, als ob der Däne sich über die Weserarmeen werfen würde.
Schrecklich antwortete der kaiserliche General, er könne keine Truppen
entbehren; Tilly hätte genug Regimenter, um den Feind in Schach zu halten. Der
Ligist, fast erstarrend, meldete den Bescheid dem Bundesobersten, dem
bayrischen Kurfürsten. In der Gefahr, überrannt zu werden von den Feinden, die
der Friedländer offensichtlich gerade gegen ihn jagte, sprang er auf und drang an
die Elbe, nordostwärts durch Lüneburg. Er wollte selbst den Feind stellen und
schlagen. Der Däne sollte nach Süden abgeriegelt werden, um im Norden von
einer einstoßenden Armee wie in einer Falle gefaßt zu werden. Der Ligist setzte
seine Hauptmacht aufs Spiel; der entscheidende Schlag, der Elbübergang unweit
Lauenburg gelang. So glückverwirrt war der edle Graf, so völlig aus seinen
Angeln gehoben, daß er selbst an den Kaiser, den Herrn der nahenden
friedländischen Macht, schrieb, die Entscheidung in dem Feldzug sei gefallen,
sei schon gefallen, es sei nicht nötig, daß Truppen herbeieilten, um den Dänen
den Garaus zu geben, fast getraue er sich mit einiger Hilfe, ihn zu übermannen.
Er triumphierte wild gedankenlos hinaus, nur noch einer kleinen Nachhilfe
bedürfe es, um dem Krieg das gewünschte Ende zu geben, bettelte zum Schluß
um die Belohnungen und Gaben, die, wie er sich ausdrückte, wohlverdienten
Kriegsobersten von kaiserlich mildesten Gnaden aus den verwirkten und
konfiszierten Feindeslanden zufielen. „Ich hätte nicht leben können,“ schrie er,
auf seinem weißen Gaul hängend, gespenstige kleine Figur, unter wallenden
Federn, schwarzen Mänteln sich verbergend, gegen den Marschall Anhalt, der
ihn am breiten Elbstrom auf einer Pappelallee zur Beratung aufsuchte; „ich hätte
nicht länger leben können,“ schrie er nach allen Seiten gegen seinen Stab, seine
Zeltgäste, „dies ist mir geglückt, Maria sei gelobt.“ Und morgens und abends
heiser herausfordernd: „Ich hätte nicht leben können; jetzt soll er kommen, der
Wallenstein.“
Aus Böhmen kam er heraus, ohne Zeit für Worte und Blicke, ein nackter Leib
der Gewalt, schamlos wie ein Säugling.
Er drängte eine Heeressäule unter seinem Oberst Arnim von Boitzenburg, dem
schwärmerischen Protestanten, von Neiße über Krossen auf Frankfurt in die
Mark hinein. Dem Kurfürst Georg Wilhelm wurde durch ein Schreiben bedeutet:
der Herzog habe vernommen, daß er, der Kurfürst, die Pässe in der Mark und an
der Oder gegen des Dänen Einfall nicht versehen könne mit eigenem Volk; der
Kaiser habe ihm den Schutz der getreuen Reichsstände wider den Feind gnädigst
empfohlen; so werde der Oberst Arnim abgefertigt, Städte und Pässe in der Mark
und an der Oder mit der notwendigen Besatzung zu versehen. Ein offenes Patent
verkündete den brandenburgischen Landen, man solle sich hüten,
Schwierigkeiten zu machen; der Kaiserlichen Majestät sei ein dankbares Gemüt
zu erzeigen. Durch die Mark schob sich, nach rechts und links mit Kompagnien
ausschlagend, Arnim die Havel und Spree entlang, stieß gegen den weichenden
Dänen über Oranienburg, Bernau, legte sich über seine heimische Uckermark,
tastete bei Lychen über die mecklenburgische Grenze.
Eine zweite Heeressäule trieb Friedland mit dem Marschall Schlick, die
gesamte Kavallerie führend, über Breslau, Liegnitz auf Krossen gegen
Havelberg.
Die dritte geleitete er selbst mit dem Fußvolk durch Schlesien über Kottbus,
Jüterbog, den ausgesogenen nördlichen Landstrich vermeidend, gegen den festen
mecklenburgischen Ort Dönitz an der Elbe.
Und in das Getriebe der sich fortbewegenden Heereskörper geriet, von Süden
gescheucht, hin und her taumelnd, der pockennarbige Mitzlaff; bei ihm die
Obersten Buben, Holk, Baudissin und zweitausend Pferde und sechs
Dragonerkompagnien. Merode und Pechmann hinter ihnen her; wie die Hirsche
flogen sie am Jäger vorbei. Schon waren sie bei Küstrin, da zwang sie Pechmann
ostwärts herüber. Von seinem Überfluß schickte der vorbeimarschierende
kaiserliche General Regimenter um sie herum, todeswütig brachen die Gehetzten
über eine Warthebrücke noch einmal nach Westen vor, es war nicht mehr weit
nach Dönitz.
Da standen in einer Augustnacht die Wallensteinischen Regimenter auf an
allen Seiten um sie. Bei Bernstein wurden die Dänen in der wolkenlosen
mondhellen Nacht zusammengehauen, nachdem sie noch vergeblich die
geängstigten brandenburgischen Befehlshaber, Lutherische wie sie, ihnen
herzlich zugetan, um Durchzug gebeten hatten. Buben, Holk wurden gefangen.
Pechmann, der Wallenstein geschworen hatte, er würde die Dänen nicht an ihren
König lassen, in der Mondhelligkeit von Mitzlaff erkannt, durch zwei dänische
fliehende Leutnants von seinem Stabe abgelockt, wurde, er, der Sieger, von einer
besonders beorderten Rotte niedergemacht, zermalmt, im Tode enthauptet,
geplündert, zerhackt; man fand später nur seine Rüstungsstücke.
Mitzlaff und Baudissin schwammen, während man im Morgengrauen nach
ihnen suchte, schon über die rollende Warthe. Christian gelobte ihnen, als er sie
umarmt, den Krampf seines Herzens beruhigt hatte, er werde Widerstand leisten
dem Böhmen, aber er wolle fort, er wolle fort aus Deutschland.
Der Uckermärker Arnim mit Ungestüm gegen die Dänen unter dem
unbeugsamen Markgrafen von Durlach in Mecklenburg vordrängend nahm von
der überschwappenden Fülle der beiden Hauptmächte sieben Regimenter zu
Pferde und zu Fuß an sich, hieb aus Ort um Ort, Stadt um Stadt, Schloß um
Schloß den Durlach heraus. Die Proteste der beiden regierenden Mecklenburger
Herzöge, dem niedersächsischen Kriegsverband angeschlossen, nahm er nicht
an. Keinen Ort, der eine Mauer hatte, verschonte er. Vor Wismar, auf die Insel
Poel verkroch sich der Feind; da hielt Arnim an.
Der Kommandant von Dönitz übergab kampflos den Ort nach zwei Tagen.
Elbabwärts fuhr der Herzog zu Schiffe nach Lauenburg in Tillys Lager; mit
Pomp, kostbarer Bewirtung wurde er empfangen, selber mit königlicher Pracht,
wahrhaft asiatischem Gepränge auftretend, umgeben von seiner Leibgarde und
gefangenen feindlichen Offizieren.
Eine Verabredung wurde getroffen. Graf Schlick, achtundsechzig
Reiterkompagnien herumwerfend, gegen die geballten Massen des alten
Matthias Thurn, überritt die holsteinische Grenze, brauste über Trittau,
Altrahlstadt, an Hamburg vorbei. So groß war die Verwirrung Angst Ratlosigkeit
in der Hansastadt, als unabsehbar die Armeen herantobten, daß sie drin die
Waffen gegeneinander erhoben und erst die Sorge um die schwere
Lebensmittelkontribution sie zur Besinnung zwang. Die schweren Völker des
Herzogs, des Brabanters rollten nach, getrennt Lager und Hauptquartiere. Tilly,
von Tag zu Tag gepeitscht durch Briefe des Bayern, sich in seiner
Selbständigkeit nichts zu vergeben, im Erfolg die Vorderhand zu erlangen,
hitzig, vergrämt, kaum dem Kommando gewachsen, Offiziere dauernd an den
Herzog verlierend, flackernd zwischen Groll auf sich, Verbitterung gegen seinen
Kurfürsten, wurde, der wachsblasse Eisenzwerg, erlöst durch eine
Musketenkugel, die ihm nächst den Wällen Pinnebergs das linke Knie aufriß,
herunterwarf vom Pferd. In der Prunksänfte Wallensteins, der Herzog drängte sie
ihm auf, wurde er aus Pinneberg rückwärts getragen. Und dann, wie er lag,
weiter rückwärts. Seine Truppen zog er mit sich, an die Weserstellungen; im
Augenblick löste er sich von Friedland, ächzte, blickte steif und drehte sich nicht
um. Hinter Wallenstein marschierten nur drei ligistische Regimenter,
Fürstenberg, Reinach, Herberstorff, dazu die Artillerie.
Die Kroaten, leichten Reiter, wehten dicht schwärmend wie Staub vor der
Stirn des bewegenden Heereskörpers. Ihr Windzug, der Dunst ihrer Pferde warf Beklemmung über den Feind. Der Graf Thurn schäumend, seine Rüstung
zertretend, zwang seine Kavallerie, neben sich den Rheingrafen Otto Ludwig,
noch einmal ins Feld zwischen Elmshorn und Horst; wie Wasser über dem Feuer
verdampfte, verbrodelte die Masse beim Anrücken des Friedländers. Zum König
von Dänemark nach Glückstadt wich Thurn. Der Rheingraf rettete sich
nordwärts nach Rendsburg. In Glückstadt äscherte der König Häuser und
Scheunen um sich ein, das Land längs des Elbeufers setzte er unter Wasser. Die
Heere marschierten rechts vorbei. Über Itzehoe, vier Kompagnien Schotten
zermalmend, traten und tauchten sie. Die Schlicksche Kavallerie breitete sich
ostwärts aus in Holstein, nach Oldenburg im Lande Wagrien. Der Durlacher
setzte rettungsuchend, von der Insel Poel abgesperrt, auf Schiffen mit dem
Überbleibsel seiner Söldner nach Holstein über, flüchtend und bereit, heimlich
am Meer entlang zu schleichen. Von der Höhe des Dorfes Großenbrode stieg im
Morgengrauen Schlick überwältigend gegen ihn herunter. Das Heer, nur die
graue See hinter sich, in die Knie brechend, streckte die Waffen.
Siebenundzwanzig Kompagnien Infanterie, fünfzehn zu Pferd, die des dänischen
Königs Krone und Herz gewesen waren, hoben ihre Fahnen, ließen das
Regimentsspiel erklingen, dienten dem Sieger. Der Durlach hieb sich, sein Herz
versteinernd, durch seine eigene, Wege und Strand finster überlagernde Armee.
Zweitausend Reiter riß er mit sich nach Flensburg, nach Fünen. Schlick flutete
wild herauf nach Jütland.
Links von ihm Wallenstein faßte Rendsburg mit den Zähnen, schüttelte die
Besatzung wie aus einem Sack heraus. Sie liefen zu ihrem König.
Christian in Glückstadt an der Elbe verlassen schwamm mit seinen sanften
Frauen auf drei kleinen Barken, um seiner zerschlagenen zertrümmerten Dänen
ansichtig zu werden und sich gemeinsam mit ihnen fortwehen zu lassen. Jetzt
weinten die Frauen um ihn; aber er, ohne Waffen, weichäugig, im goldgelben
Rock, jünglingshaft schlank an einem Mast unter dem bunten Himmel stehend,
winkte den Dänen ruhig mit seinem leichten Federhut; es sei eine Wiederholung,
was hier geschehe. Der Pfälzer Friedrich, sein lieber edler Freund, sei wie er
gegen den römischen Kaiser gezogen; es sei ein Glück, daß Dänemark nicht in
Deutschland läge, man könne nicht heran an ihn. Er müsse siegen, stöhnten die
Damen, in dünnen Seidentüchern das Gesicht verhüllend, er würde siegen;
spitzfüßig liefen sie auf weißen Schuhchen zu drei und vier auf ihn zu, die losen
bunten Röcke raffend beim Sprung über die Balken und Seile, die Reseden aus
dem Haar verlierend. Nicht, tätschelte er sie, oder doch, er werde siegen, er
werde den deutschen Kaiser besiegen, durch Ruhe und Klugheit; er werde
Frieden mit ihm schließen. „Ich muß bezahlen, meine lieben Kinder, oder mich
in dies weite schöne Meer stürzen.“ Seine Armee suchte er bei Rendsburg und fand sie nicht; in Flensburg nahm ihn die Woge der Durlachschen Kavallerie auf;
sie legten Hadersleben hinter sich in Asche, Kolding machten sie dem Erdboden
gleich; sie mußten Schiffe nehmen, die brachten sie nach Fünen.
Hinter ihnen nahm das Drängen kein Ende. Die Schlickschen Massen faßten
nach Westen herüber, packten bei Viborg versprengtes feindliches Kriegsvolk an,
das entwich nordwärts, stach verzweifelt Dämme und Gräben hinter sich durch,
warf Brandfackeln um sich, hinter sich in Gehöfte Dörfer: sechsundzwanzig
Kompagnien der Regimenter Kalenberg, Nell, Holk; Baudissinsche Reiter,
schleswigsche Landmannschaften. Am Limfjord machten sie halt, wollten sich
in die Sümpfe, Moräste von Vandsyssel werfen. Da stellte sich ihnen das gereizte
Landvolk entgegen, Kompagnien verweigerten den Gehorsam, voll Unsicherheit
lief man durch Aalberg zurück ans Meer. Bei Hobro wurden sie
zusammengehauen, im Getümmel wälzten sie sich zum drittenmal auf Aalborg;
da saß, Piken und Musketen vorstreckend, Graf Schlick. Sie wurden nur schwer
durch die Kaiserlichen abgehalten, unter sich selbst in der Wut ein Blutbad
anzurichten; man nahm ihnen die Waffen ab; keiner entkam. Die dänischen
Generäle, verwundet, von ihren eigenen Soldaten ihrer Pferde beraubt, Konrad
Nell, Heinrich Kalenberg, gaben sich schamzuckenden Gesichts in den Schutz
ihrer Feinde.
Durch das herbstliche Fünen fuhr langsam in einem Sechsspänner, den Stern
auf der linken Brust, eine breite goldene Schärpe auf dem gelben zerdrückten
Rock, Christian, sprach freundlich mit jeder Bäuerin, die sich seinem Wagen
näherte, ihm weinend ihre Kinder zeigend, drückte in Odense auf dem Rathaus
den Reichsräten mit Stolz und Ruhe die Hand. Die, um ihren König klagend,
Christian Friessen, Magnus Uhlfeld, Olof Rosenspars, Breide Rantzau, Ewald
Kruse, Kanzler, Reichsadmiral, Statthalter, erhoben, wie er den Rücken kehrte
und donnernd ungesättigt das grausame Kriegsungeheuer die Krokodilskiefern
über ihre Grenze streckte, ein markerschütterndes Wehegeschrei: nicht die Krone
Dänemark, nur der niedersächsische Kreis habe mit diesem Krieg etwas zu
schaffen, man möge dessen gedenken, menschlich sein, der nachbarlichen
Freundschaft sich erinnern. Man möge ein Ziel setzen diesem grausigen, durch
fast ganz Europa gezogenen Brand, bei eines fremden Reiches Wassern und
Seen, nicht noch mehr, endlos mehr Königreiche Fürstentümer und Lande dem
Unwesen, Raub, Verwüstung, grenzenlosem Blutvergießen übergeben und
aufopfern.
In Seeland erhob sich das Volk gegen den König, die Begleiter schützten ihn,
in Fischertracht flüchteten sie weiter. Im nördlichen Deutschland verbreitete sich
das Gerücht, die dänischen Bauern und Bürger hielten in Odense ihren Reichsrat
gefangen. Wollten in Entsetzen den Römischen Kaiser oder Wallenstein zu ihrem König wählen, um sich zu retten.
Der Kaiser entschloß sich, nach den Siegen nach Böhmen zur Krönung zu
reisen. In einer unbezwinglichen Bewegung nahm ihn der Entschluß gefangen.
Er ordnete die Maßnahme in finsterer Freude, Gehobenheit an, gab der
Mantuanerin, die ihn fragte, warum man im Winterbeginn reisen wolle, den
Bescheid, daß keine Wahl bliebe. Er wollte sich gekrönt seinem großen
Widerpart über alle Länder weg gegenüberstellen, während der noch in Holstein
Mecklenburg war. Man brach mit ungeheurer Pracht auf; die Gelder, aus dem
Felde geschickt, strömten aus Kontributionen.
Auf dem Laurenzerberge krachten Geschütze; die Hälfte schoß Salut, die
andere schwieg, scharf geladen, zum Schutz des Kaisers. Aus der
Wenzelskapelle wurde die Krone geholt, die sich zuletzt der geächtete Friedrich
aufgesetzt hatte; ein Kardinal führte den Kaiser zum Hochaltar. Gesalbt am
rechten Arm, Schultern, Brust, mit dem Wenzelschwert umgürtet, Szepter und
Apfel tragend, die Krone aufgedrückt.
Die Böhmen ließen es geschehen; sie hatten geträumt, Wallenstein würde in
Prag erscheinen; er ihr Trost, ihre unsinnige, immer wieder sich erneuernde
Hoffnung. Der Landtag wurde eröffnet, seit vielen Jahren der erste, man las
ihnen die königlichen Propositionen vor; keine Rettung, es gab keine Wunder.
Sie schmeichelten sich an den neuen König, brachten Geschenke, bewilligten
Steuern, boten eine Jagd bei Prag an; wurden bedankt, aber wie zum Hohn ließ
der Kaiser auch seinen Sohn vor ihnen krönen; man rief sie nicht, nicht einmal
zur Dekoration; die Prunkherren und Damen waren aus Wien gefahren, füllten
den heiligen Dom, schlossen die Wenzelkapelle auf. Kein Wort klang von den
alten Freiheiten und Privilegien, eine erneuerte Landesordnung des
Erbkönigreichs Böhmen machte allem ein Ende. Aber der geistliche Stand nahm
am böhmischen Landtag teil, Bischöfe, Priester, Jesuiten, an dem Landtag, den
die Adligen die habsburgische Krönungsmaskerade nannten. Rasend vor Haß
zogen sie sich zurück; weinende und verbissene Gesichter bei ihren
Zusammenkünften. Zum Grafen Thurn wollten sie schicken, flehend, sie nicht
zu lange leiden zu lassen, aber lebte Thurn noch? Sie schickten Leute, ihn zu
suchen; wieder wanderten Adlige aus. Wallenstein gewinnen! Wallenstein
gewinnen! Oder ermorden.
Und wie er ankam aus den Winterquartieren durch die gebändigten Gebiete,
durch Mecklenburg, die Mark, über Wittenberg Bernau, Sommerfeld Sagan, auf
Gitschin, langsam, auf den glatten und verschneiten Wegen, wußte er nicht, daß er von böhmischen Exulanten, mordsüchtigen Fanatikern, seinen Landsleuten
umzüngelt war, aber begriff, daß man ihm zu jeder Zeit ans Leben wollte. Er
hatte seine Leibgarde auf sechshundert Mann erhöht; mit vierhundert bis auf das
Blut geprüften Wallonen und Italienern, die hochmütig auf die deutschen Völker
sahen, durch Stärke Gewandtheit Prunk alle überragend, ließ er sich in den
böhmischen Kessel herunter.
Da durchwellten schreckenverbreitend zwei Ströme das Land, der römische
Kaiserhof und Wallenstein. Wie Fremde standen die Böhmen in ihrem Land, ihre
Rücken beugten sie.
Der Kaiser zog zu Huldigungen durch die Städte; in Brandeis, auf dem
kaiserlichen Schloß, erreichte ihn der General der Armada. Er hatte nicht den
Wunsch, den Kaiser zu sprechen; Ferdinand hatte ihn zu sich gefordert. Dann
begegneten sie sich in dem Empfangssaal zu Brandeis. Ferdinand, der heitere
Banketteur, Wildschweinjäger, demütiger Christ, aufgerissen zu blendender
betäubender mystischer Größe unter einem Purpurbaldachin, die
Krönungsinsignien, Mantel mit furchtbar springenden schwanzpeitschenden
Löwen, goldene Krone, Szepterstab, kreuztragenden Reichsapfel wie eigene
Organe bewegend, drohend, lodernd, gar nicht versunken. Und vor ihm durch
das Spalier der Trabanten, Fahnenträger, starr stehenden Räte, Priester
herschleichend, verwundert und widerwillig, das lange ledergehüllte gelbäugige
Geschöpf, mißtrauisch, fremdartig. Mit schwanzpeitschenden giraffenwürgenden
Löwen aus Gold, mit bügelüberzogener buntgesteinter Goldkrone, dem uralten
Reichsschwert brannte der oben zu ihm her, heischend, stumm sprechend aus
einem Gehäuse von Purpur. Er verstand ihn nicht; wollte man ihn morden, nach
den Siegen; hatte er zuviel gesiegt; er hatte seine unwiderstehlichen stählernen
Wallonen nicht zum Schutz. Man ließ ihn fort, nach feierlichen Gastmählern. Er
schüttelte sich draußen, trug nichts davon. Seine Garde führte ihn nach Prag.
Er rechnete mit dem Kaiser ab. Seine Verwaltung machte eine sehr genaue
und spezialisierte Aufstellung an den Abt von Kremsmünster, der sie lächelnd
dem Kaiser übergab. Ferdinand überflammt, tief beglückt: „So brauch’ ich doch
nicht verzagen. So gibt mir der Herzog von Friedland eine Gelegenheit, einen
Vorwand, ihn zu ehren. Daß seine Verdienste um mich nicht abzuschätzen sind,
weiß ich. Ich bin ja geradezu wehrlos, gesteht selbst, Abt Anton, gegen ihn. Wie
soll ich mich rächen an ihm für diesen Feldzug?“ Er tat, als ob er lächelte, dann
berührte er den Abt ernst an der Hand: „Ich muß mich doch behaupten gegen
ihn.“
Elf Herren bildeten den Geheimen Rat des Kaisers; zu besonderen Aufgaben
wurden noch zugezogen Zdenko Fürst Lobkowitz, Otto von Nostitz. Auf allen
lastete nach den beispiellosen Siegen des Sommers der Druck, sich mit dem Böhmen abzufinden. Slawata, der schöne, Wallensteins Vetter, in den Geheimen
Rat aufgenommen, äußerte in Abwesenheit des Kaisers: „Der Herzog hat sein
Korn schon in den Scheuern. Bemühen sich die Herren nicht. Die edlen Herren
sind nicht meiner Auffassung. Die Aufstellung, die der Herzog von Friedland
eingeschickt hat, ist schamlos. Es ist richtig, wie er schreibt, daß er den Obersten
den genannten Betrag vorgestreckt hat; doch hat er vergessen, von den Obersten,
den Offizieren, von sich selbst eine Aufstellung zu verlangen über die
Kontributionsbeträge, die von den Städten, Kreisen, Ständen, Privatpersonen
erpreßt sind. Diese Gegenrechnung wird uns selber von dem Lande und den
Fürsten gemacht werden.“
Kollalto, der Präsident des Hofkriegsrats, der Weintrinker, gab von sich, daß
man sich mit solchen Vermutungen auf unsicheres Gebiet begebe. Das
Kriegshandwerk bringe Schwierigkeiten und Härten mit sich; insinuiere man
dem Herzog keine Gewalttätigkeiten und die Betreibung so ungeheurer
Summen.
Trautmannsdorf hielt es für gleichgültig, ob der Herzog zu viel verlange, zu