Worte wie Pfeile, Über emotionale Gewalt an unseren Kindern und wie wir sie verhindern

Jenseits von Bullerbü – wenn das ganze Leben emotionale Gewalt ist

Jenseits von Bullerbü – wenn das ganze

Leben emotionale Gewalt ist

 

Kinder brauchen mehr als ihre Herkunftsfamilien – sie brauchen den Schutz einer Gemeinschaft.

 

Als ich mich an die Konzeption des vorliegenden Buches machte, war dieses Kapitel gar nicht vorgesehen. Aber nachdem ich den finalen Punkt hinter das Kapitel »Mission Kinderschutz« gesetzt hatte, wurde mir plötzlich klar, dass ich noch nicht am Ende angekommen war. Noch nicht dort angekommen sein durfte, weil etwas Wichtiges fehlte. Aus diesem Grund lesen Sie nun diesen Epilog, der mir speziell am Herzen liegt.

Viel zu viele Kinder leiden ständig und ohne Unterlass unter den verschiedensten Formen von psychischer und emotionaler Gewalt. Diesen Kindern und ihrem Leid soll dieses eigenständige Abschlusskapitel gewidmet sein. Denn es liegen Zahlen vor, die erschrecken. Rund 2,8

Millionen Kinder in Deutschland wachsen in Armut auf.170 Etwa drei Millionen Kinder in Deutschland werden bei einem suchtkranken Elternteil

groß, die meisten bei Alkoholikern.171 Weitere drei Millionen Kinder leben

mit einer psychisch kranken Mutter oder einem psychisch kranken Vater.172 Zwischen diesen drei Gruppen gibt es Überschneidungen. Familien mit Suchtkranken sind häufiger arm, psychisch kranke Eltern öfter suchtkrank. Wie groß die Schnittmenge zwischen allen dreien ist, ist nicht eindeutig zu bestimmen, und Armut alleine bedeutet nicht, dass Kindern Gewalt angetan wird. Doch wir können davon ausgehen, dass jedes zweite bis dritte Kind mit psychisch kranken und armen Eltern auf unterschiedlich starke Weise von Gewalt betroffen ist. Manche Kinder haben einen Vater, der abends nicht mehr ansprechbar ist, weil er mit der Bierflasche vor dem Fernseher hängt, andere hungern regelmäßig, da ab dem 15. des Monats der Kühlschrank gähnend leer ist, und bei wieder anderen leidet die Mutter unter absurden Wahnvorstellungen und geistert nachts lautstark durch die Wohnung. Vielleicht sind es auch die Oma, die Tante, der Onkel oder die große Schwester, der oder die regelmäßige Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Alle diese Kinder eint dasselbe Gefühl: Akute und permanente Scham!

Verstärkt wird diese von der Stigmatisierung, die mit diesen drei Erfahrungen einhergeht. Unsere Gesellschaft hat für arme, süchtige und psychisch kranke Menschen meist nur latente bis offen gezeigte Verachtung übrig. Die Kontinuität dieser Haltung reicht weit in die Neuzeit zurück, wirkt bis heute ungebrochen nach und wurde kaum breitenwirksam reflektiert. Der Begriff des »Asozialen« findet sich bereits im Sprachgebrauch der Weimarer Republik und erfuhr besondere Bedeutung in der Zeit des

Nationalsozialismus,173 er wird heute noch im exakt gleichen Kontext verwendet und ist nicht weniger gewaltvoll.

 

Wir als Gesellschaft sind aufgerufen

Die Folgen, die diese miterlebten Süchte, psychischen Krankheiten und Armut in den Seelen der Kinder erzeugen, sind exakt die gleichen wie die von Gewalt. Den tobenden Vater, die verbal abusive Mutter zu verurteilen, das ist einfach. Doch zu erkennen, dass wir als Gesellschaft Armut von Kindern alle gemeinsam bewusst in Kauf nehmen, dass wir einfach wegsehen, sie damit jedoch schweigend tolerieren und vielleicht insgeheim auch noch denken: »Da sind die Eltern doch selbst schuld« oder »Soll die Mutter doch arbeiten gehen«, stellt eine sehr viel komplexere Gemengelage dar.

Das Gleiche kommt bei der Thematik Süchte zum Tragen. Süchtig sind immer nur die anderen. Wie etwa die Junkies am Hauptbahnhof, die mit den Nadeln im Arm und den Crackpfeifen. Aber die halbe Million Menschen, die von verschreibungspflichtigen Medikamenten abhängig ist, empfindet sich nicht als süchtig. Wissen Sie, wie es den Kindern abhängiger Eltern ergeht? Haben Sie schon einmal jemanden erlebt, der unter dem Einfluss starker Schlaf- und Beruhigungsmittel steht? Jemand, der niemals richtig präsent ist, sondern sich in einem permanenten Nebel vor sich hin bewegt? Und dann stellen Sie sich vor, Sie sind das Kind einer Mutter, deren Bewusstsein derart umnebelt ist. Oder was es bedeutet, wenn der eigene Vater regelmäßig bis hin zur Bewusstlosigkeit Alkohol trinkt, dann für nichts und niemanden mehr erreichbar ist oder sogar aggressiv wird? Dazwischen gibt es außerdem noch die vielen Formen leichter oder funktionaler Sucht. Das Kiffen zum Feierabend, der Amphetaminkonsum, um den Stress auf der Baustelle oder während der Nachtschicht auszuhalten, das Kokain, um im Büro weiterhin als High-Performer mitzuhalten. Es gibt unendlich viele Beispiele für diese für Kinder extrem unaushaltbaren Voraussetzungen. Dazu kommt: Die betroffenen Eltern sind meist der Überzeugung, ihre Kinder wüssten davon nichts, doch Kinder spüren, wenn etwas nicht stimmt. Und noch viel schlimmer, sie denken dann, dass etwas mit ihnen selbst nicht stimmt, und fühlen sich als der Auslöser der elterlichen Verhaltensweisen.

Im Falle von psychischen Krankheiten wird es noch viel schwieriger. Darüber sprechen wir als Gesellschaft nämlich nicht, nicht einmal in abfälliger Form. Hier erfolgt als Reaktion meist absolutes Negieren und Schweigen. Die betroffenen Familien werden praktisch unsichtbar und ausgeschlossen vom Rest der Welt, ganz so, als seien Depressionen, Angstzustände, posttraumatische Belastungszustände oder Persönlichkeitsstörungen höchst ansteckend. Für die Kinder in solchen Familien hat das fatale Folgen. Sie können das, was an ihrem Zuhause krankheitsbedingt nicht »normal« ist, durch das Erleben in »gesunden« Familien nicht ergänzen, da sie von solchen nicht eingeladen werden und daher ausgegrenzt bleiben. Sie sind dem Drama ihres eigenen familiären Umfeldes hilflos ausgeliefert, ohne jede Chance, Alternativen zu erleben. Die Scham für etwas, das sie weder verstehen noch verändern können, frisst sich dann tief in sie hinein und richtet sich im schlimmsten Fall als Schuldzuweisung an den erkrankten Elternteil. Somit beginnt ein Teufelskreis, der oft über Jahrzehnte anhält und die ohnehin belasteten Beziehungen vollkommen zerstört. Was bleibt, sind für immer bindungstraumatisierte Individuen, als Kinder wie auch später als Erwachsene. Dabei wäre es so einfach, diese Familien zu unterstützen, den Kindern zu helfen und die Folgen abzumildern, denn psychisch kranke, süchtige oder von Armut geplagte Menschen sind nicht per se dazu verdammt, als Eltern zu scheitern. Nein, wir als Gesellschaft verdammen sie dazu und sprechen damit gleichzeitig das Urteil über die Seelen ihrer Kinder. Eine ganz besonders intensive Form von Grausamkeit und Gewalt, derer wir uns alle mitschuldig machen.

 

Borderline – das Drama gescheiterter Bindungen

Psychische Krankheiten haben viele Gesichter. Ich konzentriere mich in dem folgenden Fallbeispiel auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung, weil diese Erkrankung besonders intensiv mit Bindung zu tun hat und aus diesem Grund in unserem Kontext interessant ist. Diese Art der Störung ist mit drei Prozent in der Bevölkerung relativ verbreitet und häufiger bei Frauen als bei Männern anzutreffen. Als Ursachen werden sowohl genetische Faktoren als auch frühkindliche Bindungsfaktoren diskutiert sowie spätere, traumatische Erfahrungen. Die Betroffenen zeichnen sich durch instabile Persönlichkeitswahrnehmung, heftige emotionale Umschwünge, große Verlassenheitsängste, die Unfähigkeit zu dauerhaften und belastbaren Bindungen zu anderen, große Selbstzweifel sowie unter

Stress suizidale Gedanken und Selbstverletzung aus.174 Was sind die Folgen dieser Erkrankung für die Elternschaft und damit für die Kinder? Das Zentrum für seelische Gesundheit in Mannheim hat dazu eine größere Studie angelegt und kommt zu klaren Ergebnissen. Diese Kinder haben ein

signifikant höheres Risiko, selbst psychisch zu erkranken!175 Der Psychologe Bernd Abendschein, der seit vielen Jahren mit betroffenen Familien und Kindern arbeitet, spricht von dysfunktionalen Familien mit instabilen Strukturen und zu wenig Kommunikation. Die Borderline-Störung führe dazu, dass keine stabile Bindung aufgebaut werden könne. Der von Borderline betroffene Elternteil könne auf der einen Seite nicht adäquat auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren, auf der anderen Seite behindere er

dessen Entwicklung durch ein übermäßiges Beschützen.176

Die Erkrankung bringt es außerdem mit sich, dass Betroffene oft impulsiv und unvorhersehbar reagieren, was Kinder als Willkür erleben müssen. Auch fehlt ein stabiles, näheres Umfeld, weil es oft zu Kontaktabbrüchen und Konflikten kommt. Außerdem ist es ein Teil der Krankheit, dass in emotional intensiven Phasen andere Menschen nur als entweder gut oder böse gesehen werden, auch die eigenen Kinder. Vielleicht haben Sie schon vom typischen Schwarz-Weiß-Denken der Borderliner gehört?

Deutlich wird, warum Familien, in denen ein Elternteil an dieser Krankheit erkrankt ist, dringend Hilfe brauchen, und zwar zuverlässig und von außen. Borderline ist langfristig gesehen und mit den richtigen Therapien heilbar. Die Betroffenen können lernen, sich zu stabilisieren und zuverlässige und liebevolle Eltern zu sein, die sogar besonders gut auf die Bedürfnisse ihrer Kinder reagieren. Doch das schaffen sie nicht alleine und vor allem nicht, indem man sie stigmatisiert. Wer dabei nach wie vor übersehen wird, sind die Kinder der Kranken. Sie aus diesen Familien herauszunehmen, kann dabei keine Lösung, sondern immer nur der allerletzte Schritt sein. Hier braucht es Institutionen, die mit Wissen und Erfahrung in den Familien helfen, die dort Brücken bauen, wo die Krankheit Lücken schlägt, innerhalb der Familien und nach außen. Diese Hilfsangebote müssen niedrigschwellig und selbstverständlich ausfallen, sie müssen frei von Stigma und von Belehrung sein und natürlich kostenlos angeboten werden. Wir brauchen Fachkräfte, die da hingehen wollen, wo der Ursprung des Leids liegt, nämlich in die Familien.

 

Auch Süchte wirken wie Pfeile

Es ist eine Tatsache: Kinder von suchtkranken Eltern bilden die größte Risikogruppe, später selbst süchtig zu werden. Untersuchungen zeigen, dass die Risikobelastungen für die Kinder nicht nur aus dem schlechten Vorbild des Elternteils stammen (genetische Faktoren spielen bei Suchterkrankungen bekanntermaßen auch eine Rolle), sondern dass hier mehrere Auslöser zusammenkommen. Meist ist nur ein Elternteil süchtig,

der andere nicht da oder eventuell co-abhängig177 und fördert dadurch bewusst oder unbewusst das Suchtverhalten seines Partners durch Verharmlosung, Entschuldigung, Verdrängung, Verheimlichung oder Verleugnung der Sucht. Diese Kinder können zu keinem Elternteil eine stabile Bindung auauen, der Familienalltag ist entsprechend chaotisch, oft müssen die Kinder den suchtkranken Elternteil versorgen – erinnern Sie sich an den ersten Teil des Buches, an den Missbrauch durch Parentifizierung?

Hinzu kommen Armut und soziales Stigma, nicht selten auch

verschiedene Formen von Gewalt.178 All das sind für das Kind Stressoren. Wie man mit diesen Stressoren umgeht, das lernen Kinder durch Beobachtung, und wenn sie in einem Umfeld aufwachsen, in dem Stressbewältigung den Konsum von Drogen, Alkohol oder auch nur Zigaretten bedeutet, dann werden sie genau diese Verhaltensweisen nachahmen. Ein weiteres Problem stellt vollkommen unverhältnismäßiges Belohnungs- und Bestrafungsverhalten suchtkranker Eltern dar. Selbst bei nur minimalen Vergehen – etwa eines heruntergefallenen Glases – können die Strafen drakonisch ausfallen, während Kinder im nächsten Moment ohne Anlass mit Geschenken überschüttet und wirklich verwöhnt

werden.179

Unter dem Einfluss diverser Substanzen gibt es für die Gewalt der Eltern oft keine hemmenden Faktoren. Psychische Misshandlungen beinhalten Zurückweisungen, öffentliches Blamieren, Erniedrigen, Lächerlichmachen, fehlendes Verständnis oder aber Gleichgültigkeit. Auch die Androhung von Gewalt oder sogar eine Tötungsdrohung gegenüber dem Kind oder anderen Personen stellt eine psychische Misshandlung des Kindes dar. Oftmals erinnern sich die Eltern nicht einmal an diese für das Kind tief traumatisierenden Erfahrungen, die sie ihnen in ihrem weggetretenen Zustand zugefügt haben. Gleichzeitig fehlt es oft an ausgleichenden, positiven Faktoren, wie stabilen Beziehungen zu nicht suchtkranken Menschen außerhalb der Familie, Freizeitbetätigungen oder anderen Aktivitäten und Beziehungen, die das Selbstwertgefühl der Kinder stärken

und dem Alltag Struktur geben.180 Nicht selten geben sich die Kinder die Schuld an der Sucht der Eltern oder versuchen, diese zu retten. »Wenn ich das oder das gemacht hätte, hätte Papa nicht wieder getrunken … «, sind dann kindliche Gedankengänge, die später im Leben desaströse Auswirkungen haben können.

Die amerikanische Psychologin Sharon Wegscheider-Cruse hat für die Kinder alkoholkranker Eltern verschiedene Rollen entwickelt: »Der Held«,

»Das schwarze Schaf«, »Das stille Kind« und »Der Clown«.181 Es sind Anpassungsstrategien an eine ungesunde Umwelt, die auf Dauer mit einer Reihe von Problemen einhergehen und dazu führen, dass die eigenen Bedürfnisse ständig unterdrückt und schließlich gar nicht mehr wahrgenommen werden. Diese Kinder können, auch später als Erwachsene, nicht mehr sie selbst sein. Kinder suchtkranker Eltern wählen signifikant häufiger Menschen als Partner, die ebenfalls suchtkrank sind, und sie haben öfter Probleme, ihren Alltag zu bewältigen, als Menschen, die in nicht von Sucht betroffenen Familien aufwachsen.

Wieder heißt die Lösung niedrigschwellige Angebote, die Kindern zeigen, wie sie gesunde Beziehungen zu sich selbst und zu nicht suchtkranken Bezugspersonen entwickeln. Es braucht sichere Orte für Kinder und noch viel mehr Familienzentren, in denen Kinder lernen, wie ein Alltag jenseits von Sucht gelingt und welche Strategien sie anwenden können, um Herausforderungen zu bestehen. In diesen Familienzentren stehen vielfältige Angebote rund um die Themen Familie und Kind zur Verfügung. Kinder werden betreut, Eltern haben die Möglichkeit, sich unterstützen und beraten zu lassen. Familienzentren sind Knotenpunkte in familienunterstützenden Netzwerken. Statt das Thema Sucht totzuschweigen oder kleinzureden, ja, zu verharmlosen, müssen wir als Gesellschaft endlich eine klare und konsequente Debatte führen, die den verheerenden Konsequenzen von Sucht gerecht wird. Es gibt keine harmlose Form von Sucht, und auch der vermeintlich normale Genuss von Nikotin oder das allabendliche Glas Wein können negative Folgen haben. Dabei geht es mir nicht darum, als Spaßbremse aufzutreten. Sondern darum, Verantwortung für jene zu übernehmen, nämlich die Kinder, die ja noch nicht entscheiden können, ob sie an diesem »Spaß« überhaupt teilnehmen möchten, und dennoch schwer davon betroffen sind.

 

Armut – die unsichtbarste Form von Gewalt

Die Zeiten, in denen Armut ein echtes Aufregerthema in Deutschland war, sind spätestens seit Einführung der Agenda 2010 vorbei. Das Problem Armut wurde dadurch höchst erfolgreich individualisiert! Wer möchte, kann ja arbeiten, lautet der Grundtenor in diesem Zusammenhang, und damit ist es legitim, sich von dieser Thematik abzuwenden, aber leider auch von den Kindern, die eben keine Wahl haben, ob sie in Armut aufwachsen oder nicht.

Armut geht, vor allem für die Kinder, mit einer Reihe von psychosozialen Folgen einher. Doch zunächst sollten wir uns ansehen, was Armut überhaupt ist, denn davon haben wir häufig keinen Begriff mehr. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass man als Einwohner eines Industrielandes gar nicht wirklich arm sein könne, dass Armut etwas sei, das sich nur in der »Dritten Welt« finden lässt. Dann wird Armut zu etwas, das nur in Relation existiert. Im Verhältnis zu einem Multimilliardär ist jeder von uns arm, doch das sagt nichts über die Qualität dieser Armut aus. Deshalb brauchen wir andere Begriffe für diese Armut, um über sie und ihre Folgen zu sprechen.

Unterschieden werden drei Arten von Armut: absolute, relative und gefühlte Armut. Bei diesen Definitionen hat man sich auf den Einkommensmangel und dessen Konsequenzen beschränkt. Sofort fällt auf, dass Kinderarmut noch nicht einmal eine Kategorie bildet, denn Kinder haben kein eigenes Einkommen! Hier liegt auch zugleich schon die Lösung, aber dazu später mehr.

Ich fasse die Definition des Kindernothilfswerks World Vision wie folgt zusammen: Die absolute Armut bezeichnet eine Existenznot, »ein Leben am äußersten Rand der Existenz«. Kennzeichnend dafür sind die mangelnden Ressourcen von lebenswichtigen Mitteln zur Befriedigung der Grundbedürfnisse (z. B. Essen, Trinken, Wohnen etc.). Der Alltag ist von einem ständigen Kampf ums Überleben geprägt. Die Grenze für die Bestimmung der absoluten Armut erfolgt auf der Basis eines Indikators der Weltbank. Dieser liegt derzeit bei 1,25 US-Dollar pro Tag, die den Menschen zur Verfügung stehen. 1,2 Milliarden Menschen weltweit fallen in diese

Kategorie.182

In Wohlstandsgesellschaften spricht man von relativer Armut, wenn weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung stehen. Der Schwellenwert für Armutsgefährdung in Deutschland lag bei Alleinerziehenden mit einem Kind unter 14 Jahren im Jahr 2019 bei 1.396

Euro.183 Arme Menschen subsumieren sich in der sogenannten Unterschicht. Diese Unterschicht zeichnet sich durch geringes Einkommen und wenig Aufstiegsmöglichkeiten aus. Die gesellschaftliche Teilhabe ist stark eingeschränkt, schlicht, weil es dafür an Geld fehlt. Die »gefühlte Armut« spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Wenn alle um mich herum mehr haben als ich oder ich nicht genug habe für das, was ich mir wünsche, bin ich nach meinem eigenen Empfinden arm.

Kinderarmut ist eine ganz spezielle Form von Armut und als solche sehr schmerzvoll für Kinderseelen. Sie ist untrennbar mit dem Einkommen der Eltern verbunden. Ihr wichtigstes Merkmal ist die Unfähigkeit der Kinder, sich selbst aus dieser Armut zu befreien. Sie sind ihr ausgeliefert, mit allen nur denkbaren negativen Folgen. Denn Armut wirkt sich auf alle Bereiche des Lebens aus und kann zu einer Art Urtrauma werden. Auf das Selbstwertgefühl, auf die Beziehungen, den Bildungserfolg, die Gesundheit, die Berufswahl, die spätere Familiengründung. Kinder, die in Armut aufgewachsen sind, vergessen diese Erfahrung niemals, denn Entbehrung hat viele Gesichter. Sie kann sich in gebrauchten Kleidern ausdrücken, die aus der Kleiderkammer oder von Verwandten stammen, im permanent leeren Kühlschrank und beengten Wohnverhältnissen. Diese Armut drückt sich auch aus durch die Unmöglichkeit zu reisen oder die nächste Klassenfahrt zu finanzieren, durch die Angst vor unbezahlten Rechnungen, die Furcht, dass eine neue Brille notwendig ist oder die alte kaputtgeht, dass die Waschmaschine ihren Geist aufgibt und nicht ersetzt werden kann. Alle diese Mankos führen in der Regel zu unzähligen Demütigungen durch Vermieter, Arbeitgeber, Mitarbeiter beim Jobcenter, die ausgehalten werden müssen, weil tiefe materielle Machtverhältnisse dahinterstehen. Familien mit Migrationserfahrungen und Einelternfamilien haben dabei außerdem

ein sehr viel höheres Risiko, von Armut betroffen zu sein.184 Dafür haben wir kein Geld

Ausreichende materielle Ressourcen sind eine entscheidende Voraussetzung für ein erfolgreiches Heranwachsen und Erwachsenwerden, das hat die breit angelegte Studie der Arbeiterwohlfahrt und des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. zu Langzeitfolgen von Armut bei Kindern und Jugendlichen (AWO-ISS-Studie) gezeigt. Dies beinhaltet die materielle Grundversorgung in Form von Wohnen, Kleiden,

Ernähren, Bildung und Freizeitgestaltung.185 Treten hier Mängel auf, kommt es zu Störungen der Identitätsentwicklung. Außerdem entwickeln betroffene Kinder die Tendenz, sich sozial zu isolieren. Diese Tendenz wird durch das gesellschaftliche Stigma noch verschärft. »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«, solche Sätze hat wahrscheinlich jeder von uns schon gehört oder vielleicht sogar ausgesprochen. Vielleicht haben auch Sie Ihr Kind bereits dazu gebracht, mit diesem oder jenem Kind nicht zu spielen. Da ist das Kind der Alleinerziehenden, die immer so überfordert wirkt. Da ist die Familie mit den vielen Kindern, die nicht mal ein Auto hat. Da ist der Sohn, dessen Vater mittags schon am Kiosk steht. Ihr Elterninstinkt sagt Ihnen, dass von diesen Menschen eine gewisse Gefahr ausgeht und dass Ihr Kind mit ihnen besser keinen Kontakt halten sollte. Denn Sie sind überzeugt davon, »Ich bin nicht wie die«. Und nicht »wie die« zu sein, ist für Sie essenziell und möglicherweise entscheidend für das soziale Überleben.

Viele von Armut betroffene Kinder nehmen diese auf sie gerichtete soziale Ausgrenzung wahr und kommen ihr zuvor, indem sie erst gar keine Kontaktversuche zu anderen Kindern machen, ein Verhalten, das oft ein ganzes Leben lang beibehalten wird, mit dramatischen Folgen für privates

Glück sowie die Karriere.186

Armut führt oft zu einer Verhärtung der innerfamiliären Beziehungen, zu einem Mehr an Disziplinierung statt zu einem Mehr an Liebe und oft, nicht immer, geht sie mit einer geringeren Bildung der Eltern einher, die gleichermaßen den Bildungshorizont der Kinder einengt. Bücher, Malsachen, ein Besuch im Museum – all das wird im Sinne von »Dafür haben wir kein Geld« zu unerreichbarem Luxus. Das Familienleben findet nach meiner Erfahrung hauptsächlich vor dem Fernseher statt. Dieses Klischee ergibt sich aus der Abschottung nach außen und dem Fehlen von Alternativen, weil alle Alternativen Geld kosten. Die Häme, mit der bestimmte Fernsehformate sich über ebendieses scheinbar stereotype Verhalten einkommensschwacher Familien lustig machen, verschlägt mir immer wieder den Atem.

Der radikale Ausschluss von der Möglichkeit, sich Dinge und Erlebnisse zu leisten, führt dazu, das Kinder und Jugendliche delinquentes Verhalten oft als die einzige Alternative betrachten, den beengten Verhältnissen zu kommen. Das ist ein verzweifelter Versuch, aus der Armut auszubrechen, weil die Betroffenen sehr wohl wissen, dass unsere sonstigen Bildungsversprechen für die meisten von ihnen eine Farce darstellen. Es stimmt eben nicht, dass man nur etwas lernen muss, damit »etwas aus einem wird«. In erster Linie bestimmt immer noch die Herkunft darüber, wo Menschen später einmal landen, denn sie hat den größten Einfluss auf

den Schulerfolg.187

Es ist eine etablierte Tatsache: Armut wirkt sich auf die Ernährung, die Schlafverhältnisse, die Gesundheitsversorgung, die motorische Entwicklung, die sprachlichen Fähigkeiten, die Art der Mediennutzung, das Risiko zur Suchtentwicklung und das Auftreten psychischer Krankheiten aus. In den allermeisten Fällen ist Armut allerdings der Auslöser, nicht die Folge dieser Phänomene. Die Menschen sind nicht arm, weil sie sich falsch verhalten. Sie verhalten sich so ungesund oder unvernünftig, weil sie arm sind. Hinzu kommt eine ganz besondere Form von Stigmatisierung. Armen Menschen wird per se unterstellt, sie seien schlechtere Eltern. Ein Blick auf

die Zahlen188 zu Inobhutnahmen und Eingriffe durch das Jugendamt zeigt, dass Jugendämter deutlich schneller und heftiger eingreifen, wenn eine Familie von Hartz IV lebt, als wenn es sich um einen prügelnden Papa im Villenviertel mit Porsche vor der Tür handelt.

 

Zeit zum Handeln!

Die Lösungen sind bereits da – die Ausreden ebenfalls. Seit Jahren befürworten und fordern die Bertelsmann-Stiftung, das Bündnis Kindersicherung, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die SPD, Die Linke und die Grünen, Kinder sollten ein Eltern-einkommensunabhängiges Grundeinkommen zur Verfügung gestellt bekommen, das für ihre materiellen Ressourcen sorgt. Alle diese Organisationen und Parteien haben ein und dasselbe Ziel, das sie aber auf unterschiedlichen Wegen erreichen möchten. Sie sind sich einig, dass Kinderarmut kein in Stein gemeißeltes Schicksal sein darf – nicht in einem der reichsten Länder dieser Erde. Es existieren bereits diverse Finanzierungspläne, es wäre also möglich, die Kinder vor fortschreitender Armut zu retten – genauso selbstverständlich, wie die Rettung großer Unternehmen seit Jahren gang und gäbe ist!

Wir brauchen Bildungspakete, die für wirkliche Teilhabe sorgen und unbedingt mehr Chancengerechtigkeit ermöglichen. Dafür sollten Betreuung und Bildung qualitativ hochwertig und kostenlos sein.

Diese Armut, die so viele Kinder ein Leben lang wie ein Giftpfeil verfolgt, ist keine Naturgewalt. Sie ist menschengemacht und damit keine Notwendigkeit! Wir könnten sie beseitigen, von heute auf morgen, wenn wir wirklich wollten, und nicht ein einziger Erwachsener hätte dadurch weniger Mittel für sich selbst zur Verfügung. In meinen Augen ist diese Unterlassung die schlimmste Form von Gewalt, die existiert, denn sie ist zynisch bis ins Mark.

So unterschiedliche Formen emotional-soziale Gewalt annehmen kann, so unheilvoll sich all diese Formen miteinander verbinden und noch mehr seelische und körperliche Gewalt erzeugen können, es gibt ein wirksames Mittel gegen sie: Öffnung! Es müssen Orte geschaffen werden, in denen Familien willkommen sind, Orte, die Verbindungen in die Gemeinschaft schaffen. Je besser Eltern in Kitas, Schulen und Vereinen vernetzt sind, desto besser sind Kinder vor jeglicher Gewalt geschützt. Da gibt es Raum, um darüber zu reden, wenn es zu Hause wieder ganz schwierig wird. Da gibt es Hilfe, wenn gar nichts mehr geht. Da gibt es Vorbilder, um es in Zukunft anders und besser zu machen. Aus diesem Grund können wir gar nicht genug Stiftungen, Initiativen, Vereine, Bündnisse und Einzelpersonen haben, die zu den Familien gehen und die Familien in die Öffentlichkeit begleiten, aber dafür braucht es jede Menge staatliche Förderung, denn Kitas, Schulen, Familienzentren, Familienhelfer und Beratungsstellen kosten Geld.

Und vor allem dürfen wir alle miteinander, als Gesellschaft insgesamt, nicht mehr länger wegsehen. Ja, es ist bequem, wegzusehen, denn uns und unsere Kinder betrifft es ja nicht. Aber schon im Nachbarhaus, in der Nachbarwohnung könnten die Dinge ganz anders aussehen. Da kämpft vielleicht eine Familie einen stummen, verzweifelten Überlebenskampf. Vermutlich kennen wir alle betroffene Kinder. Vermutlich haben wir alle schon weggesehen. Wenn wir uns als Gesellschaft diese Bequemlichkeit weiterhin leisten wollen, dann muss es Menschen geben, die von Berufs wegen hinsehen. Damit ist nicht nur das Jugendamt gemeint, sondern auch Menschen, die in Familien gehen, um zu helfen.

Wenn es ein Umfeld gibt, das für die belastenden Faktoren einen Ausgleich schafft, dann können Kinder auch unter schwierigen Bedingungen seelisch gesund aufwachsen. Wir dürfen dabei jedoch nicht der Illusion unterliegen, dass es ausreicht, nach Feierabend das gebrauchte Spielzeug in einem Problemviertel abzugeben. Die sozialen Trennlinien sind messerscharf, aber es gibt eine Menge Menschen mit wunderbaren, kreativen Visionen, die bereit sind, Verbindungen zu schaffen! Überall, in jeder Stadt können Familienzentren geschaffen werden, wenn wir im Gegenzug bereit sind, dafür zu bezahlen und sowohl innere als auch äußere Räume zur Verfügung zu stellen.

Diese Investitionen werden sich für uns alle lohnen, denn wir werden in der Folge weniger Suchtkranke, weniger psychisch Kranke, weniger auf Sozialleistungen angewiesene Menschen haben und mehr selbstständige, gesunde und vor allem glückliche Menschen – wir entscheiden, ob wir aus einem Teufelskreis einen Engelskreis erschaffen.

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