Worte wie Pfeile, Über emotionale Gewalt an unseren Kindern und wie wir sie verhindern
KAPITEL 3 Denn sie wissen nicht, was sie tun – Erziehungsstile und ihre Folgen
KAPITEL 3
Denn sie wissen nicht, was sie tun –
Erziehungsstile und ihre Folgen
Aus der Absicht, das Beste für das Kind zu tun, entstehen häu g die schlimmsten Verletzungen.
Die meisten Eltern sehen sich einem Dilemma ausgesetzt. Einerseits ist es nicht nur ihre gesellschaftliche, sondern auch ihre biologische und evolutionäre Bestimmung, sich um ihre Kinder zu kümmern. Andererseits sind sie sich der beängstigenden Tatsache bewusst, was dabei alles schiefgehen kann und dass sie alleine die volle Verantwortung tragen. Umso wichtiger ist, dass wir alle, also die Gesellschaft insgesamt, uns dieser hohen Verantwortung bewusst werden und sie entsprechend honorieren. Eltern sollten wesentlich mehr Anerkennung und finanzielle Unterstützung dafür bekommen – zum Beispiel in Form von kostenfreien Kitas –, dass sie den Mut haben, Kindern ein Leben zu schenken. Ich denke, es gibt keine größere und keine schwierigere Aufgabe, als Kinder ins Leben zu begleiten. Wenn man diese Aufgabe richtig gut erfüllen will, und die meisten Eltern wollen das auch, dann brauchen sie von uns allen Unterstützung, Wertschätzung und Verständnis. Die meisten Eltern wollen ihr Bestes geben, wissen aber oft schlicht nicht, welche Folgen ihr unreflektiertes Handeln haben kann. »Schwarze Pädagogik« in Kita und Schule – einfach nicht auszurotten
Es gibt sie, die jungen, mutigen Familien, die unter das Erbe der »schwarzen Pädagogik« einen Schlussstrich setzen möchten. Sie wenden Attachment Parenting an und begleiten ihre Kinder bedürfnisorientiert, indem sie eine stabile und sichere Bindung und die Wahrnehmung von Bedürfnissen an oberste Stelle setzen. Sie protestieren, unterstützt von der wachsenden Zahl
wissenschaftlicher Studien,71 gegen das alte, dunkle Gebaren, das auch heute noch in so vielen Köpfen herumgeistert und Kindern eindeutig schadet.
Doch spätestens, wenn Kinder auf den institutionellen Alltag in Kitas und Schulen prallen, wird es auch für diese neuen Eltern schwierig. Denn gerade in unseren Bildungseinrichtungen ist der Alltag in Form von Disziplinierungen, Strafen und vor allem Verwahren und Verwalten noch immer viel zu häufig an der »schwarzen Pädagogik« ausgerichtet. Vielleicht kennen Sie Kitas, in denen Zuspätkommen mit Teilnahmeverbot am Morgenkreis geahndet wird – mir ist das im Rahmen meiner Tätigkeiten in Kitas sehr häufig aufgefallen. Wie eine Endlosschleife habe ich Sätze gehört wie »Wer kein Gemüse isst, bekommt auch keinen Nachtisch« – »Wenn du nicht leise bist, schneide ich deinem Hasen das Ohr ab!« – »Alle gehen in den Garten, auch du, aber du brauchst ja immer eine Extraeinladung!« und »Was du willst, steht auf einem anderen Blatt, hier wird gemacht, was ich sage und zwar, weil ich es sage, Ende der Diskussion!« Und ich höre sie immer noch.
Die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Kindes zählen meist wenig. Es geht vielmehr darum, dass die Gruppe möglichst reibungslos funktioniert, was ja an sich richtig und wichtig ist. Mein großes Bedenken ist allerdings, dass die individuellen Talente, Fertigkeiten und Fähigkeiten zu vieler Kinder dabei auf der Strecke bleiben, und genau das sollte nicht sein!
Diese Spirale beginnt oft bereits in den Kinderkrippen, wo Demütigungen, Essens- und Schlafzwang wie auch Vernachlässigung wegen viel zu großer Gruppen und eklatantem Personalmangel an der Tagesordnung sind. Über diese Zustände habe ich in meinem Buch
Seelenprügel72 bereits ausführlich geschrieben. Diese Dramatik setzt sich im Kindergarten und in der Schule fort, nur kommt hier noch der Leistungs-und Selektionsdruck hinzu. Gerade in der Schule müssen Kinder funktionieren, ohne den Sinn zu hinterfragen, ansonsten werden sie mit schlechten Noten nicht nur aussortiert, sondern, wenn sie doch kritisch werden und durch ihr Verhalten zeigen, dass es ihnen nicht gut geht –
pathologisiert. Kinder drücken sich durch ihr Verhalten aus,73 leider wissen das viele Lehrende nicht, daher ist ihnen in den meisten Fällen nicht bewusst, was sie Kindern eigentlich antun. Denn auch ihr Verhalten ist oft genug unreflektiert.
Die helfende Hand –
aus meinem Beratungsalltag
Nach einem meiner Vorträge auf einem Kita-Leitungskongress trafen sich alle in der Pause zu Kuchenhäppchen und Kaffee. Statt der üblichen Hö ichkeiten geriet ich diesmal in eine Grundsatzdiskussion. Die Leiterin eines bekannten, großen, deutschlandweit agierenden Kita-Trägers sprach mich an, als ich auf dem Weg zum Käsekuchen war: »Jetzt muss ich Sie aber doch mal fragen: Sie haben gerade gesagt, dass Kinder keine Grenzen brauchen, das meinen Sie aber nicht wirklich, oder? Wie soll denn ein Kind im Leben zurechtkommen, wenn man ihm alles durchgehen lässt? Ich kann ja auch nicht machen, was ich will. Finden Sie Ihre Sichtweise nicht weltfremd und sehr theoretisch? Andere Experten sagen auch, dass man Kindern nicht alles
durchgehen lassen soll – Sie haben ja auch keine Kinder, oder?« Diese Haltung begegnet mir oft. Die damit verbundenen Fragen gehören zu meinen Lieblingsthemen, was meine leidenschaftliche Antwort erklärt, die ich der Leiterin nun gab – eine Antwort, die mir seitdem als helfende Hand dient und die ich hier Bezugspersonen reichen möchte, die sich diese Fragen auch stellen. »Nein, ich habe keine Kinder und bin deshalb keine Expertin fürs Muttersein. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin, kenne mich gut mit Lernen aus und weiß einiges über Entwicklung. Vor allem weiß ich, dass die früheren Lerntheorien vollkommen überholt sind und Versuche, die im letzten Jahrhundert an Ratten durchgeführt wurden, nur bedingt auf Menschen übertragbar sind. Sie kennen diese Versuche sicher noch aus Ihrer Ausbildung in den 1970er-Jahren. Die Ratten wurden für bestimmte Verhaltensweisen so lange mit Stromschlägen bestraft, bis sie diese Verhaltensweisen unterließen. Man ›löschte‹ ihr Verhalten. Es gibt noch immer Menschen, die glauben, das funktioniert auch bei Kindern. Ich nde es bedenklich, dass man heutzutage noch immer auf Fachleute trifft, die ihre Pädagogik mit der Lerntheorie von Skinner begründen, die auf positiver und negativer Konditionierung beruht. Ich nde auch die Literatur über Tyrannenkinder unsäglich, weil darin ein vollkommen veraltetes Bild vom Kind dargestellt wird, obwohl man mittlerweile weiß, dass Verhalten nicht gelöscht, sondern nur verschoben werden kann. Hand aufs Herz: Wenn Sie sich als Erwachsene durchsetzen und Ihre Macht dazu benutzen, dass ein Kind sich dem fügt, was Sie verlangen, und Sie sehen in die traurigen Augen dieses Kindes, dann haben Sie zwar einen Sieg errungen, aber es ist ein Pyrrhussieg – denn alle Beteiligten haben verloren! Sie haben zwar konsequent gehandelt, doch Sie spüren
unterschwellig, dass Ihr Handeln doch irgendwie falsch war. Nun sind Sie unzufrieden mit sich, und das Kind ist unglücklich, weil Sie so hart und erbarmungslos zu ihm waren. Kein gutes Gefühl, nicht wahr?«
Erziehungsstile und ihr gemeinsamer Nenner
Erziehung bedeutet immer Machtausübung und das ständige Abwiegen von Interessen. Einige Erziehungsstile verorten alle Macht beim Erwachsenen, andere lassen den Kindern zumindest Raum zur Mitsprache. Natürlich ist die Antwort auf die Probleme, welche die »schwarze Pädagogik« in Form von psychischer und emotionaler Gewalt aufwirft, nicht, Kinder sich selbst zu überlassen. Das wäre Vernachlässigung und damit auch eine Form von Gewalt. Kinder benötigen verlässliche Rahmenbedingungen und liebevolle Begleitung, um sich zu entwickeln. Sie brauchen Orientierung. Dabei kommt es darauf an, wie und mit welchen Mitteln Erwachsene diese Orientierung vertreten und wie Kinder dies erleben. Sind die Erwachsenen Leuchttürme oder kleine Windlichter? Fungieren sie als Vorbilder oder sind sie mit sich selbst im Unreinen und agieren unkalkulierbar?
Wenn es Erwachsenen nicht gelingt, Kinder entsprechend zu begleiten, ist viel zu oft erzieherische Gewalt nach wie vor das Mittel der Wahl. Das hinterlässt zwar immer seltener blaue Flecken und Gürtelstriemen, aber ganz sicher Spuren auf der Seele. Erzieherische Gewalt lässt sich in allen Milieus finden. Sie ist kein Schichtenproblem, wie so viele gerne glauben möchten. So manches Kind aus sehr wohlhabendem, gut situiertem Elternhaus verbringt viel zu viel Zeit vor seinen Displays, weil es zwar mit allen Varianten der neuesten Technologie ausgestattet ist, aber ihm nie jemand zuhört. So ein Kind hat alles, doch es ist emotional verarmt, sich selbst überlassen und vernachlässigt.
Je nach Perspektive lassen sich verschiedene Erziehungsstile, -konzepte und -philosophien unterscheiden. Grundsätzlich wird in der Literatur zwischen autokratischer, autoritärer, demokratischer, Laisser-faire-,
antiautoritärer, autoritativer, permissiver und egalitärer74 Erziehung unterschieden – also zwischen acht verschiedenen Stilen. Je nach Wissenschaftszweig tragen sie andere Namen. Ich lade Sie zu einem kleinen Überblick ein, der sowohl für Eltern als auch pädagogische Fachkräfte sehr augenöffnend sein könnte.
Autokratischer Erziehungsstil: Alle Macht den Erwachsenen Der autokratische Erziehungsstil verlangt den absoluten Gehorsam des Kindes. Erwachsene sind allmächtig, stellen alle Regeln auf und strafen, wenn ihre Vorgaben nicht eingehalten werden. Selbstbestimmung oder die kindliche Meinung sind nicht gefragt. Die geringste Abweichung vom vorgegebenen Weg wird sanktioniert, auch Widerworte werden streng geahndet. Diese Art der Erziehung verhindert die Entwicklung eines starken Selbst sowie eine stabile und sichere Bindung. Erinnern Sie sich einmal an Gespräche mit Ihren Urgroßeltern und Großeltern – sehr wahrscheinlich kennen Sie daher Geschichten von eingesperrten und geprügelten Kindern in Kindergärten und Schulen.
Autoritärer Erziehungsstil: Zuckerbrot und Peitsche Auch hier hat Gehorsam absolute Priorität, allerdings wird das Kind für erwünschtes Verhalten entsprechend belohnt. Es gibt klare Vorgaben im Zusammenhang mit Disziplin und Leistung und nur wenig Freiheiten. Das Misstrauen der »schwarzen Pädagogik« ist sehr präsent. Diese Form der Erziehung repräsentiert das System von Zuckerbrot und Peitsche. Sie
dürfen davon ausgehen, dass die überwiegende Anzahl der Kriegskinder75 so erzogen wurde. Und wenn diese Kriegskinder sich nicht reflektiert haben, dann dürfen Sie ebenso davon ausgehen, dass auch Ihre Eltern und vielleicht sogar Sie selbst in den Genuss von Zuckerbroten und Seelenpeitschen gekommen sind.
Antiautoritärer Erziehungsstil: Das Kind bestimmt Hier wird ganz bewusst die autoritäre Erziehung auf den Kopf gestellt. Dieser Erziehungsstil kam Ende der 1970er-Jahre auf. Das Kind soll sich frei entfalten können, es werden keine Grenzen gesetzt. Regeln gibt es nicht, das Kind darf alles selbst entscheiden, da man darauf vertraut, dass es selbst weiß, was gut für es ist. Das kann klappen, aber in einer Welt, in der nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene Bedürfnisse haben, funktioniert es definitiv nicht. Und wenn es auch in einem bekannten Liedtext wunderbar klingt, »die Welt in Kinderhänden« ist keine Option. Dann kann Orientierungslosigkeit die Folge sein, und Kinder lernen nicht, wo die Grenzen anderer liegen und wie man aufeinander Rücksicht nimmt.
Autoritativer Erziehungsstil: Erziehung durch Vorbild Dieser Erziehungsstil setzt vor allem auf die Vorbildfunktion. Kinder haben viele Freiheiten, die letzte Entscheidungsverantwortung liegt aber bei den Eltern. Die Familie spricht viel miteinander, Regeln werden klar kommuniziert. Das Verhalten der Eltern dient als Orientierung, ganz nach dem Motto »Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts«. Der deutsche Pädagoge Friedrich Fröbel (1782–1852), von dem dieses Zitat stammt, wusste bereits, was Eltern wissen müssen, um ihre Kinder gut begleiten zu können. Nur eines hat er vielleicht nicht bedacht – Vorbild sein ist schwer, sogar sehr schwer, denn es hat mit großer Selbstdisziplin und viel Achtsamkeit zu tun. Und es ist leicht, von Kindern Dinge zu verlangen, auch wenn man sie selbst nicht beherrscht. Ich denke da an Kleinigkeiten, wie den anderen ausreden lassen oder nicht aus der Flasche zu trinken.
Demokratischer Erziehungsstil: Alle haben Rechte In diesem Fall sind Eltern und Kinder gleichwertige Partner. Kinder bekommen Erklärungen, und Eltern diskutieren mit ihren Kindern. Die Kinder haben das Recht, Vorgaben zu hinterfragen, und wenn sie gute Argumente liefern, können Regeln geändert werden. Trotzdem gibt es auch Sanktionen, und im Zweifel haben immer die Eltern das Sagen. Eng verwandt damit ist der egalitäre Erziehungsstil, bei dem ebenfalls diskutiert wird. Allerdings gibt es keine Strafen, und Kinder gelten als gleich würdige Menschen. Die große Chance dieses Umgangs mit Kindern ist, ihnen Angstfreiheit und Beziehungsorientierung geben zu können. Würden Sie nicht auch gerne in einer Welt leben, in der Kinder lernen, dass jeder Mensch würdevoll behandelt wird und jeder die Grenzen des anderen wahrt?
Laisser-faire-Stil und permissive Erziehung: Mir doch egal! Im Grunde sind beide Vorgehensweisen keine bewussten Erziehungsstile, wie es die antiautoritäre Erziehung ist, sondern vielmehr Vernachlässigung. Eltern, die sich nicht oder nur wenig um ihre Kinder kümmern, haben aufgegeben und lassen ihre Kinder einfach gewähren – ohne Gewährenlassen als Konzept bewusst zu verfolgen. Konsequenzen oder Regeln gibt es nicht – mit den entsprechenden Folgen für die Kinder und ihre Umgebung. Der permissive »Erziehungsstil« erlaubt Kindern einfach alles und belohnt, wo es nur geht. Das ist eine sehr perfide Variante von Gewalt, denn diese Eltern entschuldigen das Verhalten ihrer Kinder jederzeit – und es ist ebenso eine klare Form von Vernachlässigung. Die Kinder müssen sich um viel zu viel selbst kümmern und bekommen von ihren Eltern oft nur dann Hilfe, wenn sie konkret darum bitten. Kinder brauchen aber Orientierung und Leuchttürme, die sie leiten. Der Laisser-faire-Stil ist außerdem nicht im Ansatz beziehungsorientiert, denn Beziehungen sind keine Einbahnstraßen. Kinder lernen nur, dass sie tun können, was immer sie wollen – und das bringt mit Sicherheit keine verantwortungsvollen Erwachsenen hervor, die man gerne um sich hat.
Der fatale Kreislauf der Schemata Die Grundlage guter Erziehung – und ich werde den Begriff in diesem Buch weiterhin benutzen, weil wir ihn nicht zwingend umbenennen müssen, sondern auch positiv besetzen können – ist Bindung. Dieser Aspekt kann gar nicht oft genug betont werden! Eine sichere Bindung ermöglicht uns, voller Urvertrauen in die Welt zu gehen und mit Selbstvertrauen zu entdecken, was das Leben für uns bereithält. Bindung erfüllt unsere
wichtigsten Bedürfnisse, macht uns resilient und mutig.76
Wenn in unserer Kindheit wichtige Grundbedürfnisse nicht oder nur ungenügend befriedigt werden, können dadurch Verhaltensmuster entstehen, die uns im schlimmsten Fall unser Leben lang negativ beeinflussen. Der amerikanische Psychologe Jeffrey Young nennt diese
Muster Schemata.77 Es sind tief in uns verankerte Gefühls- und Gedankenmuster, die wie innere Landkarten in uns festgeschrieben sind und unser Verhalten steuern – ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Diese Landkarten des Lebens nennt Young ungünstige Muster oder maladaptive Schemata. Sie sind eine Art dauerhafte Bewältigungsstrategie als Reaktion auf kindliche Belastungserfahrungen.
Schemata sind per se nicht negativ. Sie sind zunächst einfach nur handlungsbestimmende Grundannahmen einer Person über sich selbst. Sie entlasten unser Gehirn und helfen uns, unsere Umwelt zu sortieren. Alle Schemata, positive wie negative, entstehen zu einem frühen Zeitpunkt unserer persönlichen Entwicklungsgeschichte. Sie prägen uns nachhaltig, ohne dass wir uns ihrer voll bewusst sind. Sie sind ein Teil von uns – tief eingegraben in unserem Selbst, weil sie mit ihm gewachsen sind. Sie sind ein in uns gemaltes Bild, ähnlich einer Tätowierung. Das Beispiel der Tätowierung finde ich besonders passend, da man dabei eigentlich selbst auswählt, welches Bild den Körper zieren soll. Und nun stellen Sie sich vor, Sie suchen ohne Vorlage ein Tattoo-Studio auf und müssen sich auf die Idee, die Fantasie und das Können der tätowierenden Person verlassen. Ihnen bleibt dann nur noch zu hoffen, am Ende eine gelungene Tätowierung, die Ihnen gefällt, Ihr eigen zu nennen. Wie auch immer das Experiment ausgeht, diese Tätowierung ist nun ein untrennbarer Teil von Ihnen und zeichnet Sie aus. Genau so, wie Eltern mit ihrem Verhalten in ihre Kinder »zeichnen« und dadurch bestimmte Schemata erzeugen. Zugegeben, ein wenig hinkt der Vergleich – Sie müssen sich ja nicht zwingend tätowieren lassen und können sich das Studio aussuchen. Kinder jedoch haben keine Wahl und müssen sich voll und ganz auf ihre Eltern und die Umwelt, in die sie geboren wurden, verlassen.
Werden kindliche Bedürfnisse wie Zuwendung, Stabilität, aber auch Abgrenzung und Autonomie, nicht oder nur unzureichend erfüllt, können Schemata entstehen, die unser Verhalten auch noch als Erwachsene beeinflussen. Jeffrey Young bezeichnet dies als »Lebensfallen«. Er unterscheidet insgesamt 18 Schemata, die in fünf Domänen aufgeteilt sind:
1. Domäne Abgetrenntheit und Ablehnung: Diese Domäne umfasst
die Schemata Verlassenheit, Misstrauen und Missbrauch, emotionale Entbehrung, Unzulänglichkeit, Scham, soziale Isolation und Entfremdung. Gefühle der Verlassenheit treten bei einer unsicheren Bindung auf, Misstrauen gegenüber anderen Menschen entsteht durch die Erfahrung narzisstischer Beziehungen. Bei emotionaler Entbehrung fühlen Betroffene oft ein starkes Gefühl innerer Leere. Unzulänglichkeit und Scham werden meist durch Demütigungen und Beschimpfungen hervorgerufen. Soziale Isolation und Entfremdung entstehen durch fehlende soziale Kontakte.
2. Domäne Beeinträchtigung von Autonomie und Leistung: In dieser
Domäne finden sich Abhängigkeit und Inkompetenz durch Eltern, die ihren Kindern nichts zutrauen. Durch überängstliche und überbehütende Eltern entwickeln sich unter Umständen Ängste, es entstehen Verstrickungen und ein unentwickeltes Selbst durch
kindliche Schuldgefühle und Versagensängste durch fehlende Ermutigung seitens der Eltern.
3. Domäne Beeinträchtigung im Umgang mit Grenzen: Diese
Domäne betrifft die Wahrnehmung der eigenen Grenzen und jene der anderen, es finden sich die Schemata Anspruchshaltung und Grandiosität als übersteigerte Selbstwahrnehmung und unzureichende Selbstkontrolle in Form heftiger Gefühlsausbrüche. Besonders bei der antiautoritären Erziehung laufen Kinder Gefahr, keine Selbststeuerung zu lernen und sich nicht in ein soziales Gefüge integrieren zu können.
4. Domäne Fremdbezogenheit: Zu dieser Domäne gehören die
Schemata Unterwerfung, wenn beispielsweise im Elternhaus keinerlei Widerspruch erlaubt war, sowie Selbstaufopferung und ein Streben nach Anerkennung. Menschen, die nicht auf sich selbst achten, Probleme haben, »Nein« zu sagen und es allen recht machen wollen, könnten jetzt, wenn sie diese Zeilen lesen, ein Aha-Erlebnis haben.
5. Domäne übertriebene Wachsamkeit und Gehemmtheit: Diese
Domäne enthält die Schemata Negativität und Pessimismus, also den Glauben, dass immer nur das Schlimmste eintritt. Durch eine autoritäre Erziehung entsteht emotionale Gehemmtheit, weil die eigenen Gefühle nicht geäußert werden. Folgen können weiterhin überhöhte Standards in Form von Perfektionismus und Bestrafungen sein in Verbindung mit der Überzeugung, dass Menschen im Allgemeinen von Grund auf schlecht seien, auch man selbst, und Strafe verdient hätten. Falls kein strafender Mensch anwesend sein sollte, bemüht man einfach höhere Mächte. Die geradezu klassische Aussage dazu lautet: »Womit habe ich das nur verdient?«
Wie stark sich Schemata auswirken, kommt auf die Intensität der jeweiligen Erfahrung an und hängt davon ab, ob sie sich gegebenenfalls überschneiden. Man kann auch mehrere Schemata verwenden: ziemlich praktisch für das Gehirn, allerdings nicht besonders wohltuend für die Seele. Werden Schemata später durch bestimmte Situationen reaktiviert, können heftige Gefühle wie Angst vor dem Verlassenwerden, Traurigkeit oder auch Wut auftreten, die man dann erst einmal nicht einzuordnen weiß.
Schemata funktionieren wie Brillen, mit denen man die Welt betrachtet. Besonders in Partnerschaften und wenn Menschen Eltern werden, also dann, wenn intensive Emotionen auftreten und viel Nähe gegeben ist, werden solche Schemata aus der Kindheit wieder aktiv. Die Betroffenen merken, dass mit ihnen etwas nicht zu stimmen scheint, dass sie insbesondere die gewünschte partnerschaftliche Nähe, das weinende Wunschkind oder gar beides nicht gut aushalten können oder sehr misstrauisch und ängstlich sind. Doch sie spüren auch, dass sie ihre Gefühle und ihr Verhalten nicht oder nur schwer ändern können. Sie wollen es unbedingt schaffen, versuchen alle mögliche Psychotricks, lesen zahlreiche Ratgeber, und doch – immer wieder siegt das alte Verhalten. Was Wunder, handelt es sich doch um eine tief eingeritzte Zeichnung auf der Seele, die man nicht einfach so mit Wasserfarben übermalen kann.
Mir ist hier wichtig zu betonen, dass Schemata auch sehr hilfreich für Kinder sind, denn sie dienen als Training, mit der Welt zurechtzukommen, zu sprechen, zu laufen und Strategien zu entwickeln, um verletzenden Situationen so heil wie möglich zu entkommen. Deshalb sprechen Schematherapeuten auch von drei kindlichen Bewältigungsstrategien: Erdulden, Vermeiden und Kompensieren. Diese Strategien helfen dem jungen Menschen zwar für den Moment dabei, intensiven seelischen Schmerz zu ertragen, auf Dauer führen sie aber dazu, den Schmerz seelisch zu verfestigen – und dadurch beginnt ein fataler Kreislauf.
Jemand, der etwa Erduldung zu seiner Bewältigungsstrategie macht, lernt nie, seine eigenen Bedürfnisse anzumelden, und ordnet sich unter. Vermeiden bedeutet, Konflikten um jeden Preis aus dem Weg zu gehen und damit auch einer Vielzahl von Chancen und menschlichen Interaktionen. Kompensation zeigt sich häufig in Form von Aggression oder Suchtverhalten: Oft treten auch interessante Trilogien all dieser Strategien auf und führen zu einem Leben mit dementsprechenden Konsequenzen und Belastungen.
Auch Lob und Überbehütung können gewaltvoll sein
Von Strafe als Form von psychischer und emotionaler Gewalt war bereits die Rede. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass auch Lob gewaltvoll sein kann. Beide Ausdrucksformen, Lob wie Strafe, beabsichtigen, das Verhalten eines Kindes in der gewünschten Weise zu beeinflussen. Ein Zuviel an Lob kann dem Kind seine innere Motivation nehmen, etwas zu tun. Kinder sind aus sich selbst heraus aktiv, kreativ, entdecken freudvoll die Welt und beschäftigen sich selbstvergessen mit vielen verschiedenen Dingen. Wenn also Eltern oder Pädagogen Kinder ständig überschwänglich loben und sie mit Geschenken und andauernder Aufmerksamkeit belohnen, kann das dazu führen, dass Kinder ihre intrinsische Motivation verlieren und nur noch auf die äußere, extrinsische Motivation reagieren. Im schlimmsten Fall hat ein Kind dann keinen inneren Antrieb mehr, sich selbstständig mit den Dingen zu beschäftigen, die es eigentlich interessant findet. Es tut nur noch etwas, wenn es von außen eine Belohnung zu erwarten hat. Vielleicht schreiben Kinder besonders gute Noten, wenn sie sich innerhalb weniger Jahre durch hohe monetäre Belohnungen fast schon eine Yacht kaufen könnten. Doch diese Kinder werden die Yacht nicht unterhalten können, wenn sie mit wenig eigenem Antrieb in ein selbstständiges Leben starten. Menschen brauchen Ziele, die für sie Sinn machen, das macht zufrieden und frei – und nicht die Belohnung. Sie erzeugt vielmehr Abhängigkeit und Unfreiheit! Wichtig ist dabei, zwischen Lob und Ermutigung eindeutig zu unterscheiden. Ermutigung bedeutet, ein Kind darin zu unterstützen, seine Kreativität zu entdecken und seine Fähigkeiten auszubauen, indem man als Elternteil etwa Bastelmaterialien kauft oder Ideen zusammen bespricht. Lob hingegen belohnt manche Ergebnisse, andere hingegen nicht und ignoriert den Weg, der zu dieser Leistung geführt hat, vollkommen.
Ein weiterer Aspekt, die Überbehütung, wurde bereits bei den Schemata angedeutet. Es ist mir ein Anliegen, ihn noch einmal näher zu erklären, um zu zeigen, welche subtilen Formen emotionale und psychische Gewalt haben kann. Wenn ein Kind ständig Entmutigung erfährt, weil es nichts ausprobieren darf, keine Verantwortung übernehmen soll, ständig nur an willkürlich gesetzte Grenzen stößt, dann wird es stark in seiner Entwicklung eingeschränkt und regelrecht zur Unselbstständigkeit gezwungen.
Wenn jede Gefahr zu groß ist und alles unter der Kontrolle der Erwachsenen steht, kann ein Kind nie lernen, seine Flügel auszubreiten und zu fliegen. Ich frage Sie: Wie soll ein Mensch jemals Höhenflüge erreichen, wenn sämtliche Flugübungen im Keim erstickt werden? Selbstbewusstsein braucht viele positive Erfahrungen im Meistern von Herausforderungen. Dazu gehört auch, dass man lernen darf, zu scheitern. Wo diese so wichtigen Erfahrungen fehlen, bleibt Ängstlichkeit, und diese erlernte Hilflosigkeit kann ein Leben lang bremsen. Solche Menschen gehen zwar ihren Weg, werden aber wahrscheinlich viele Phasen haben, in denen sie blockiert von Selbstzweifeln und Ängsten vor sich hindümpeln, anstatt kraftvoll durch ihr Leben zu reisen.
Ich beobachte immer wieder, dass Menschen Kinder, vermutlich aufgrund von eigenen Ängsten, überbehüten. Bei anderen geht es darum, unbedingt zu verhindern, dass Kinder selbstständig werden, sich abnabeln und ihre eigenen Wege gehen. In Kitas sehe ich häufig, wie sich Kinder gegen ihren Willen helfen lassen müssen, damit es schneller geht. Sie werden gefüttert, obwohl sie selbst essen wollen, sie werden an- und ausgezogen, obwohl sie es selbst machen wollen. Sie müssen einen Schneemann malen, obwohl sie sich lieber im Garten bewegen würden. Sie müssen sich ausschließlich an die Vorgaben und Regeln halten, die Erwachsene sich für sie – nicht zusammen mit ihnen – ausdenken.
Diese Kinder werden nicht als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen. Sie dürfen weder ihren Bedürfnissen noch ihren Ideen folgen und in manchen Fällen tun sie das dann nicht einmal, wenn sie längst erwachsen sind – sie haben gelernt, sich anzupassen und nach den Vorstellungen ihrer Eltern zu leben. Ja, es gibt sie, die Erwachsenen, die tun, was ihre Eltern verlangen. Und es gibt Eltern, die sich wünschen, dass ihre erwachsenen Kinder wie sie selbst leben. Das ist fatal, denn Kinder haben das Recht auf ein Leben, das ihren Wünschen und Talenten entspricht, und vor allem auf ein Leben, das sie selbst für lebenswert halten und das nicht den Normen anderer, auch nicht ihrer Eltern, entspricht.
Menschen können nichts für das, was ihnen als Kindern geschehen ist. Doch alle tragen Verantwortung dafür, wie sie als Erwachsene damit umgehen, ganz gleich, in welcher Form sie das tun – in einer Therapie, einer Selbsthilfegruppe oder indem sie Kurse besuchen, entsprechende Literatur
lesen und sich mit sich selbst beschäftigen.78
In diesem ersten Teil des Buches war es mir ein Anliegen zu schildern, wie stark die unterschiedlichen Ausprägungen von verbaler wie nonverbaler Gewalt in viel zu vielen Kinderleben präsent sind. Denn erst, nachdem wir alle als Gesellschaft ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, ist es möglich, wirksame Wege der Gewaltfreiheit zu finden und zu beschreiten.
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