Worte wie Pfeile, Über emotionale Gewalt an unseren Kindern und wie wir sie verhindern

TEIL I Kinderseelen in Gefahr

TEIL I

 

 

Kinderseelen in Gefahr

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KAPITEL 1

 

Formen der Gewalt –

das Zuhause als größte Gefahr?

 

Dort, wo Kinder in Sicherheit sein sollten, werden ihnen oft die größten Verletzungen zugefügt.

 

Kinder sind uns Erwachsenen hilflos ausgeliefert, das muss uns im Umgang mit Kindern immer klar sein. Die meiste Gewalt erfahren Kinder dort, wo die größte Sicherheit sein sollte – in ihrem Zuhause, bei ihren Eltern, Geschwistern und Großeltern. Und nein, das ist keine Übertreibung, sondern die nackte und oft grausame Wahrheit.

Als vor einigen Jahren die Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia

Guddat das Buch Deutschland misshandelt seine Kinder veröffentlichten,11 waren viele Menschen entsetzt über das Ausmaß der alltäglichen körperlichen Gewalt gegen Kinder, die sie zumeist in ihrem eigenen Zuhause ertragen mussten. Der Schock saß tief, denn vor dieser Lektüre war kaum jemandem klar, wie viele Eltern existieren, die ihre Kinder beißen, sie mit Bügeleisen und Zigaretten verbrennen, fesseln, einsperren und blutig prügeln. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Misshandlung, Vernachlässigung und sexualisierte Gewalt gegen Kinder sind nach wie vor Alltag in viel zu vielen Familien und Institutionen. Das bedarf unser aller Aufmerksamkeit, wir alle müssen hinsehen, hinhören und vor allem agieren. All dieses Leid passiert gleich nebenan, nicht irgendwo und weit weg. Ich finde es schier unerträglich, das zu wissen, und noch unerträglicher, wenn jemand etwas vermutet, sich aber lieber nicht einmischt. Weil vielleicht nichts ist, und man will auch nicht gleich eingreifen, und es geht einen auch nichts an, und es sind ja sonst so nette Nachbarn, und das kann eigentlich nicht sein, man will auch keinen Ärger. Was für Ausreden zur Gewissensberuhigung!

Physische Gewalt gegen Kinder ist furchtbar und ein Problem, bei dem wir als Gesellschaft nicht wegsehen dürfen. Doch sie ist auch ein Thema, das hier nur gestreift werden kann. Ich schreibe in diesem Buch von jenen Formen der Gewalt, die subtiler, normaler, alltäglicher sind und genauso tiefe Spuren hinterlassen können, wenn diese auch nicht in Form von verbrannter Haut, Narben und blauen Flecken sichtbar sind. Es sind Spuren auf der Seele, die oft erst nach vielen Jahren, in der Pubertät oder im Erwachsenenleben, deutlich an die Oberfläche treten und zu Belastungen werden. Diese unsichtbaren Narben können starke Auswirkungen auf jedes einzelne Kind haben und damit auf die gesamte Gesellschaft.

In den meisten erziehenden Köpfen herrscht auch heute noch die Überzeugung vor: Man muss Kindern Grenzen setzen! An diesem Credo hat bis auf einige kleine experimentierfreudige Gruppen in den 1970er und 1980er Jahren bislang noch keine Generation wirklich gerüttelt. Allerdings regt sich seit mittlerweile zehn Jahren Widerstand, der zunehmend auch

von der Forschung12 unterstützt wird. Die stetig steigende Anzahl beziehungsorientierter Mütter und Väter zeigt, dass ein Leben mit Kindern gewaltfrei oder zumindest gewaltbewusst hervorragend funktionieren kann. Diese neuen Eltern nehmen ihre Kinder ernst, sie interessieren sich für sie, sie beziehen sie in Entscheidungen mit ein, sie sehen die Bedürfnisse der Kinder – nicht immer, aber überwiegend. Das bedeutet nicht, dass Kindern jeder Wunsch erfüllt wird, aber ihre Bedürfnisse werden respektiert. Keine Sorge, das bedeutet auch nicht, dass es keine Grenzen gibt, doch sind es keine willkürlichen Grenzen, sondern durchdachte – ich nenne sie Schutzgrenzen und Empathiegrenzen, denn Kinder sind keine Inseln und ihre Grenzen sind dort, wo sie Schutz brauchen oder an die Grenzen anderer Lebewesen kommen.

Doch abgesehen von diesen – noch – relativen Einzelmeinungen einiger schon sehr reflektierter Eltern, deren Bücherregale vermutlich gut gefüllt sind mit den Werken von Nicola Schmidt, Nora Imlau, Herbert Renz-Polster und Jesper Juul, gilt nach meiner beruflichen Erfahrung nach wie vor das Motto: Kinder brauchen Erziehung und damit auch eine gewisse Form von Strenge. Durchgesetzt wird diese Erziehung heute zunehmend nicht mehr durch Schläge, aber in Form von Demütigung, von Beschämung, Ausgrenzung und Herabsetzung. Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie damit schon auf der Klaviatur emotionaler und psychischer Gewalt spielen.

Häufig wird diese Art von Gewalt damit gerechtfertigt, dass sie zum Besten der Kinder sei. Die, so glauben viele Menschen nach wie vor, nicht

verwöhnt werden dürfen,13 damit sie nicht zu kleinen oder großen Tyrannen heranwachsen. Und sie sollen hart genug werden, um da draußen in der Welt bestehen zu können. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich in meinen Coachings sowohl von Eltern als auch von Erzieherinnen schon gehört habe, dass man Kinder abhärten muss, weil sie sonst weder in der Schule noch im Leben zurechtkämen. Ich frage dann immer, ob sie auch für eine etwaige Hungersnot vorbereitet würden, indem man ihnen mal ein paar Tage jegliche Nahrung verwehrt. Die Angst vor der »Verweichlichung« von Kindern ist alt, aber nicht unauslöschlich.

Im Laufe des Buches werde ich noch darauf eingehen, was es mit diesem vermeintlichen Verwöhnen auf sich hat. Doch zunächst möchte ich auf die Formen alltäglicher Gewalt hinweisen, die oft gar nicht wie Gewalt erscheinen, sondern Teil einer Erziehung sind, von der Eltern denken, dass sie von der Gesellschaft erwartet wird.

Die helfende Hand –

aus meinem Beratungsalltag

Ich bin keine Psychotherapeutin, sondern Erziehungswissenschaftlerin mit fast dreißig Jahren Berufserfahrung. Ich therapiere keine Störungen, ich berate Erwachsene und Kinder, wenn es um alltägliche Herausforderungen in Kita und Schule geht. Meine größte Leidenschaft ist das Lernen, und ich weiß, lernen kann man in jedem Alter – es kommt nur auf die innere und äußere Umgebung an. Vor allem bin ich ein zugewandter, pragmatischer Mensch mit großen Erwartungen und noch größerem Verständnis für wiederholtes Scheitern. Wenn man sich selbst erst einmal damit arrangiert hat, dass das Streben nach Perfektion zu täglichem Scheitern führt, gesteht man Erwachsenen und noch viel mehr Kindern Freude am Fehlermachen zu, denn genau durch diese Fehler lernen wir. Je nach Typ und Tempo unterschiedlich viel und schnell. Ich wage es nicht, nicht einmal in meinem Institut, Menschen zu beraten, die nicht explizit einen Rat wünschen. Das emp nde ich als übergrif g. Stattdessen biete ich gerne eine helfende Hand in Form von Re exionsfragen, Provokationen, humorvollen Anmerkungen und manchmal auch durch Geschichten aus meinem Beratungsalltag an.

In diesem Buch nden Sie meine helfende Hand in jedem

Kapitel. Ich lade Sie herzlich dazu ein, sie zu ergreifen – denn bei einem so ernsten und wichtigen Thema können wir alle helfende Hände gebrauchen, weil wir nur gemeinsam große Veränderungen schaffen können.

Wenn Eltern oder Fachkräfte bei mir im Institut sind, kommen

sie mit ganz bestimmten Vorstellungen, wie sie mit Kindern

umgehen möchten. Sie berichten mir, dass sie in den Herausforderungen des Alltags nicht einmal in die Nähe ihrer Träume von Geduld, Verständnis und Frieden kommen und ständig unzufrieden mit sich sind. Sie suchen Tipps und Tricks, Ratschläge, lesen sich durch Blogs, Instagram und Ratgeber, lesen mehr und mehr und merken letztendlich: Der Schlüssel zu friedvoller Erziehung (Sie können es auch gerne Begleitung nennen) liegt in ihrem Umgang mit sich selbst. Ich frage in diesen Gesprächen gerne: Wie ist das bei Ihnen, wo beginnt Gewalt für Sie? Wann haben Sie zuletzt mit einem Kind geschimpft? Haben Sie heute schon Worte ausgesprochen wie »Du bist unmöglich!« oder »Wenn du nicht x machst, dann passiert y!«? Haben Sie heute schon Zwang und Drohungen angewendet, um bei einem Kind ein gewünschtes Verhalten zu erreichen? Ja? Wunderbar, dann haben auch Sie heute schon Fehler gemacht, denn dass es falsch ist, das wissen Sie. Und Sie werden diese Fehler immer wieder machen. Nun können Sie sich den Rest des Tages selbst zer eischen oder Sie könnten den Blick darauf werfen, was Ihnen heute schon alles gelungen ist, sich darüber freuen und sich überlegen, wie Sie dem Kind, das Sie angemotzt haben, zeigen können, wie sehr Sie es wertschätzen und lieb haben – auch heute, auch nach Ihrem Streit.

 

Ausdrucksformen verbaler Gewalt

Kinder sind verletzlich – nicht nur körperlich, sondern gerade auch auf der emotionalen Ebene. Welche Worte, welches Verhalten und welche Blicke Kinder in welchem Ausmaß verletzen und was die Auswirkungen dieser schmerzvollen Erlebnisse auf ihr weiteres Leben sind, hängt von den äußeren Umständen und der individuellen Entwicklung in den verschiedenen Lebensphasen ab. Wichtige Entwicklungsphasen sind beispielsweise das erste Lebensjahr, die Autonomiephase etwa um das dritte

Jahr herum, die Wackelzahnpubertät,14 die Kinder zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr besonders sensibel macht, weil sich sowohl körperlich als auch geistig unglaublich viel verändert, und die hormonell gesteuerte Pubertät. In dieser Phase reagieren Kinder und Jugendliche besonders vulnerabel auf Erfahrungen emotionaler Vernachlässigung, Kränkung oder Ablehnung,weil sie sich auf der Reise ins Erwachsenenleben neu finden und erfinden.

Bei emotionalen Verletzungen handelt es sich nicht immer um tiefgreifende Schocktraumata wie beim Erleben einer Naturkatastrophe oder eines schweren Unfalls, tatsächlich reichen schon chronische Konflikte in den Beziehungen zu wichtigen Bindungspersonen oder das Miterleben chronischer Konflikte, um traumatisches Erleben auszulösen. In solchen

Fällen spricht man von Bindungs- oder Entwicklungstraumata.15 Wenn man diese breite Definition von Trauma betrachtet, wird deutlich, dass jeder von uns mehr oder weniger Traumata aus der eigenen Kindheit mit sich herumträgt. Ich wage zu behaupten, dass jeder Erwachsene in seiner Kindheit – absichtlich oder unabsichtlich – auf irgendeine Weise seelisch verletzt wurde.

Verbale Gewalt kann sich in unsere Psyche regelrecht eingraben und dort

eine verheerende Wirkung entfalten.16 Wer von uns hat nicht selbst in der Kindheit und Jugend Sätze gehört wie »Aus dir wird nichts« – »Du taugst nichts« – »Das schaffst du nicht« – »Du bist dumm« – »Du bist dick« – »Das habe ich dir doch gleich gesagt«? In diesem Buch geht es daher nicht nur darum, für diese Formen der Gewalt zu sensibilisieren, sondern auch Wege aufzuzeigen, wie wir Kinder liebevoll begleiten und zu gesunden und starken Erwachsenen werden lassen.

Es ist möglich, dass einiges, was Sie in diesem und in den nachfolgenden Kapiteln lesen, in Ihnen Gefühle von Schuld und Scham auslöst. Ich lade Sie ein, diese Gefühle als Teil eines wichtigen Prozesses zu betrachten, an dessen Ende Sie sich selbst und Ihre Kinder besser verstehen und zu einem anderen, respektvolleren und achtsamen Umgang mit sich selbst und Ihrer Familie gelangen können. Denn das Zuhause sollte immer ein sicherer und liebevoller Ort für Kinder sein und kein gefährliches Minenfeld, in dem ein Satz oder auch nur ein falscher Blick Explosionen unterschiedlicher Natur auslösen kann.

Eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Holger Ziegler aus dem Jahr 2013 zeigt, dass von 900 befragten Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen sechs und 16 Jahren 25,1 Prozent schon einmal von einem Erwachsenen als »dumm« oder »faul« beschimpft worden waren. Ein Fünftel erklärte, dass Erwachsene ihnen das Gefühl gegeben hätten, weniger wert

zu sein als andere junge Menschen (21 Prozent).17 Was glauben Sie, macht es mit Kindern, wenn Erwachsene, von deren Liebe, Anerkennung und Zuwendung sie abhängig sind, so zu ihnen sprechen?

Vor kurzem habe ich eine in diesem Sinn typische Szene in einem Supermarkt erlebt. Ein offensichtlich übermüdeter, etwa dreijähriger Junge brachte seinen Unmut kraftvoll und laut brüllend zum Ausdruck. Die Mutter schien mit ihren Nerven ebenso am Ende wie ihr Sohn und wusste sich nicht mehr anders zu helfen als durch diese Aussage: »Hör auf zu schreien, ich ertrage es nicht mehr, gleich gehe ich ohne dich!« Und ein weiterer Wortpfeil hat eine kindliche Seele getroffen, mit möglichen späteren Auswirkungen, die weder die Mutter noch ihr Kind in diesem Augenblick ermessen können. Niemand weiß, wie schwer der Tag für diese beiden bisher war. Vielleicht wurde der Junge noch nie angeschrien, vielleicht ist es der übliche Ton dieser Mutter. Sicher ist, das Kind ist sehr erschrocken, und nach der Eskalation waren beide noch unglücklicher und gestresster als vorher.

Schimpfworte sind nicht die einzige Ausdrucksweise verbaler Gewalt. Sie zeigt sich ebenfalls durch die Drohung des Verlassens wie im geschilderten Fall, aber auch durch Zuschreibungen und Abwertungen, entwürdigende Bezeichnungen, öffentliche Demütigungen, Bloßstellungen, Drohungen, Anschreien, Einschüchterungen, Entmutigung, bewusstes Angstmachen, ständiges Ermahnen, die Negation von Gefühlen, Schuldzuweisungen, Vorwürfe, das Bagatellisieren kindlicher Leiderfahrungen, das »Vergessen« getroffener Vereinbarungen. Demütigende Witze und Scherze sowie absichtliches Ignorieren gehören ebenfalls in diese Kategorie.

 

Der sensible Prozess der kindlichen Ich-Werdung

Nicht nur Worte können Pfeile sein. Auch nonverbales Verhalten wie Augenrollen, ein Kind ständig absichtlich zu übersehen oder nicht

aussprechen zu lassen,18 repräsentiert Gewalt und verletzt die Integrität eines jungen Menschen. Körpersprache und Mimik der Erwachsenen haben einen großen Einfluss darauf, wie Kinder sich und die Welt wahrnehmen. Liebesentzug und nicht verfügbar zu sein als eine Form von Strafe kann dramatische Auswirkungen haben. Wenn ich einem Kind vermittle, dass meine Liebe zu ihm an Bedingungen geknüpft ist, dann konditioniere ich es und mache eine Marionette aus ihm. Kinder kooperieren und tun fast alles, um Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen, sie schaden sich oft selbst, nur damit sie beachtet werden, und sie verleugnen ihre Bedürfnisse, damit

sie geliebt werden.19 All das ist fatal, denn Marionetten können nicht ganz plötzlich von allein laufen und ein verantwortungsvolles Leben führen. Das gilt auch für entsprechend konditionierte Kinder, die zu jungen Erwachsenen werden.

Kinder müssen sich selbst kennenlernen, dazu gehört, dass sie Grenzen haben dürfen, ihre Grenzen zeigen dürfen, und dass ihre Grenzen nicht übertreten werden, also ihre Integrität gewahrt wird – ein schwieriges Thema, wenn es um Kontrolle geht. Denn auch Kontrolle ist Gewalt. So ist das Eindringen in die Privatsphäre eines jungen Menschen ein sensibler Bereich, auch wenn dies häufig mit der Absicht, das Kind beschützen zu wollen, geschieht, etwa, wenn das Zimmer durchsucht oder Handys kontrolliert werden. Kinder erleben das als zutiefst übergriffig. Sie haben dann selbst keine Kontrolle mehr über ihren eigentlich geschützten Raum. Ihre persönlichen Geheimnisse könnten von den Eltern benutzt werden, etwa, um Vorwürfe an das Kind zu richten oder es zu beschämen. Stellen Sie sich vor, Ihre Kinder durchsuchen Ihre Handtasche oder Ihr Nachttischkästchen – wie würden Sie sich fühlen?

Was alle diese Formen von Gewalt, ob verbal oder nonverbal, eint, ist, dass sie auf das Selbstbild des Kindes zielen, das aufgrund des kindlichen Entwicklungsprozesses noch nicht ausgereift ist. Das Selbstbild eines Menschen entsteht zum einen aus der Selbstwahrnehmung, aber im Kindesalter vor allem auch aus den Rückmeldungen des direkten Umfeldes, allen voran der wichtigsten Bezugspersonen: Eltern, Geschwister, Erzieher, Lehrer. Sie vermitteln Kindern eine Antwort auf die Frage »Wer bin ich?« und darauf, welchen Wert dieses »Ich« hat. Der Grund dafür liegt in der menschlichen Evolution. Verglichen mit anderen Säugetieren kommen wir Menschen aufgrund unserer Kopfgröße relativ unreif zur Welt, verfügen aber über ein sehr sensibles Resonanzsystem, das durch soziale Kontakte heranreift. Im Zentrum dieses Resonanzsystems stehen die Spiegelneuronen, mittels derer wir schon in einem sehr frühen Alter die Emotionen anderer Menschen nachempfinden können. In einem dyadischen Austausch spiegelt der Säugling die häufig unbewussten Reaktionen der Mutter, bis er nach und nach deren Auslöser erkennt. So lernt ein Baby allmählich, dass es ein »Ich« und ein »Du« gibt und dass diese

beiden in einer Beziehung zueinander stehen.20 Und dieser Beziehungsauau ist störanfällig.

Eines der bekanntesten Beispiele für eine nur vermeintlich fürsorgliche Erziehung, von der wir heute wissen, dass sie Kinder in ihrer Entwicklung schädigt, ist die Vorstellung, dass man Babys nach einem vorgegebenen Plan beim Einschlafen weinen lassen soll, damit sie lernen, sich selbst zu beruhigen, und irgendwann durchschlafen: die sogenannte Ferber-

Methode.21 Mittlerweile ist wissenschaftlich belegt, dass Babys, die man schreien lässt, sich eben nicht selbst beruhigen, sondern eher mehr als weniger schreien und dass diese Methode vor allem die Gefahr birgt, nachhaltige Bindungsstörungen hervorzurufen, da die schreienden Babys die Erfahrung machen, dass sich niemand zuverlässig um ihre Bedürfnisse kümmert. Wenn sie dann doch auören zu weinen, haben sie einfach nur gelernt: »Ich kann schreien, wie ich will, es kommt niemand …« Irgendwann geben sie auf und sind still. Ahnungslose Eltern freuen sich dann, weil das Kind endlich ruhig ist, sich also wohlfühlt. Ein eindeutiger Trugschluss! Wahr ist: Wenn Babys schreien, gibt es dafür immer einen Grund, und sie weinen tatsächlich kürzer, je schneller und adäquater Eltern oder andere Menschen auf ihr Rufen reagieren.

Kein Wunder, dass es dramatische Folgen haben kann, wenn ein Kind in dieser Phase im Rahmen der Ferber-Methode einfach sich selbst überlassen wird. Kinder erkennen in diesem Alter auch rasch, wie ihr Umfeld auf sie reagiert – liebevoll oder abweisend, gleichgültig oder wütend. Aus diesen Reaktionen entstehen die ersten Überzeugungen über das eigene Selbst. Aus

dem, was wir am »Du« erfahren, werden Teile unseres Selbst.22

Im Kleinkindalter reifen nach und nach Bereiche im Gehirn, die dafür sorgen, dass Kinder in verschiedenen Entwicklungsstadien ihr Selbst ausprobieren und verstärken. Sie entdecken neue Dinge, üben sich in Autonomie und begeben sich in soziale Interaktionen mit Gleichaltrigen. Die Bindung an die wichtigsten Bezugspersonen spielt dabei eine entscheidende Rolle und kann so negative Erfahrungen ausgleichen. Wenn jedoch zu viele Erfahrungen mit der Außenwelt und den Bezugspersonen zu negativen Rückmeldungen über das eigene Ich führen, dann internalisieren Kinder diese und akzeptieren sie möglicherweise als wahr und praktisch normal. Kränkungen, Herabsetzungen, emotionale und alle anderen genannten Formen verbaler Gewalt vermitteln dem Kind ein Selbstbild, dass etwas mit ihm nicht richtig sei. »Mit dir stimmt etwas nicht, sonst müsste ich dich nicht mit Worten und Handlungen verletzen«, das ist die Botschaft. Kinder lernen also, dass sie nur richtig sind, wenn sie das machen, was andere von ihnen wollen. Sie erfahren auch, dass ihre Gefühle falsch sind, denn Wut, Trauer und Zorn werden bestraft, also darf man sie nicht haben. Sie sind aber da, und sie verschwinden nicht, nur weil man sie bei »braven« Kindern nicht sieht. Im Gegenteil, sie verstecken sich, wachsen heimlich weiter, kommen möglicherweise zwanzig Jahre später leise oder auch laut zum Vorschein und haben Namen wie Depression und Angststörung.

Und genau hier liegt das große Risiko emotionaler Gewalt, selbst wenn sie mit den besten Absichten, also als erzieherische Maßnahme,

daherkommt.23 Sie kann ein defizitäres Selbstbild erzeugen, das wir alle im schlimmsten Falle ein Leben lang mit uns herumschleppen. »Ich bin nicht liebenswert« und »Ich bin einfach nicht gut genug« sind dann Überzeugungen, die sich tief im Unterbewusstsein verankert haben und von dort aus eine negative Wirkung auf die Art und Weise entfalten, wie Menschen die Welt und ihre Rolle darin wahrnehmen. Lebenslange Selbstzweifel und Ängste können die Folge sein, gefolgt von Leistungsschwierigkeiten, Misstrauen und Problemen in der Interaktion mit anderen. Wie viele Erwachsene machen sich erst in der Mitte ihres Lebens auf die Suche nach sich selbst? Sehr viele, und oft haben sie eines gemeinsam: Ihr Zuhause war kein geschützter Ort und geprägt durch zahlreiche verletzende Erfahrungen. Viele lernen erst im Erwachsenenleben, sich selbst zu schützen, nachdem sie in einem mühsamen Prozess des sich selbst Hinterfragens die Erfahrungen ihrer Kindheit und ihre eigene Erziehung reflektiert und dadurch erkannt haben, welche Glaubenssätze ihnen das Leben schwer machen und wie wenig wahr Sätze wie »Ich brauche es gar nicht erst zu versuchen« oder »Ich bin nicht gut genug« sind.

Schimpfen und das kindliche Gehirn

Sich mit den neurowissenschaftlichen Grundlagen unseres Selbstbildes und unseres inneren Erlebens sowie der Macht von Worten vertraut zu machen, hilft zu verstehen, welchen Einfluss das Gesagte auf Kinder haben kann. Worte können ein Kind erschüttern, tief verletzen, können seine Entwicklung verändern, nachhaltig beeinflussen oder sogar zum Stillstand

bringen.24

Seit rund zwanzig Jahren ist die Neurowissenschaft mithilfe sogenannter fMRT-Scans dabei, nach dem Sitz der Sprache in unseren Gehirnen zu

suchen.25 Abschließend bestimmen konnte man ihn noch nicht, doch es zeigt sich, dass zwischen einem tatsächlichen Erlebnis und einem solchen, von dem wir nur hören oder über das wir reden, in den Reaktionen unseres

Gehirns kein Unterschied besteht.26 Die für Angst, Aufregung, Stress oder Vorfreude zuständigen Areale leuchten im Scanner auf, gefolgt von den entsprechenden körperlichen Reaktionen. Verbale Gewalt erzeugt also

Stress im kindlichen Gehirn und Körper.27 Kinder erleben verbale Attacken genauso bedrohlich wie körperliche Gewalt. Das dürfen wir niemals vergessen. Wenn ein Kind angeschrien, beschämt oder erpresst wird, ist das Gewalt. Für Kinder findet dann immer ein »Angriff« statt, sie erleben eine gefährliche und bedrohliche Situation, aus der sie nicht entfliehen können: Das kann traumatisieren.

Martin Teicher von der Harvard Medical School und sein Team haben in

mehreren Studien28 nachgewiesen, dass der Hippocampus bei Heranwachsenden und Erwachsenen, die als Kinder immer wieder Stress durch emotionale Gewalt ausgesetzt waren, kleiner ist im Vergleich zu den Menschen, die keine Gewalterfahrungen gemacht haben. Die Ursache für den zu kleinen Hippocampus liegt vermutlich in der hormonellen Stressverarbeitung, die vor allem bei Kindern unter fünf Jahren störungsanfällig ist. Dieser Teil des Gehirns spielt eine besonders große Rolle für die Bewertung und Steuerung von Emotionen und die Fähigkeit, mit Emotionen umzugehen. Er ist maßgeblich für die Entstehung psychischer Erkrankungen verantwortlich und, Sie ahnen es – eine

Basiskompetenz für die Stressbewältigung.29 Der Umgang mit Kindern und ihren starken Emotionen, wie beispielsweise Wut, löst sehr häufig Stress bei Erwachsenen aus. Wenn Erwachsene als Kinder selbst Gewaltopfer waren, fällt es ihnen höchstwahrscheinlich schwer, entspannt zu bleiben, wenn ein Kind wütend ist – klingt logisch, nicht wahr?

In den genannten Forschungen wurden alle denkbaren Arten von Missbrauch untersucht, dies geschah durch Befragungen und anschließende Hirnscans der Probanden. Es kamen bei den Versuchspersonen alle Gewaltvarianten vor, dazu zählen physischer, sexualisierter, emotionaler Missbrauch wie auch emotionale Vernachlässigung. Die Ergebnisse belegen, dass wiederholt erlebte verbale Gewalt, wie Beleidigungen, Demütigungen und Drohungen sich als die hauptsächlichen Risikofaktoren für Angsterkrankungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Borderline-Störungen und Depressionen erwiesen haben.

Stellen Sie sich vor: Da steht der übergroße Erwachsene, nimmt eine bedrohliche Körperhaltung ein, schreit und benutzt Worte, die verletzen. Was passiert im Kinderkörper? Der Puls steigt, die Oberflächenspannung der Haut nimmt ab, die Wahrnehmung verengt sich. Der Körper schaltet auf Gefahr um und schüttet Stresshormone aus, bereitet sich auf Flucht, Kampf oder Erstarren vor.

Vor einigen Jahren belegte die Molekularbiologin Elizabeth Blackburn, dass Stress der Hauptauslöser für die Aktivierung nachteiliger Gene in der Epigenetik ist – und dieser Stress beginnt leider schon in der frühesten

Kindheit.30 Hinzu kommt die Wirkung der Worte. Worte bringen etwas in uns zum Klingen, ähnlich wie Musik. Sie erzeugen Bilder, Assoziationen, Gefühle, unbewusst und ohne unser Zutun. Wir können nicht verhindern, dass das, was ein anderer sagt, in uns etwas zum Schwingen bringt. Das beginnt bereits, bevor wir sprechen lernen. Wenn also jemand mit einem jungen Kind schimpft, was nahezu jeder irgendwann tut, oder eine der anderen genannten Formen verbaler Gewalt anwendet, wird eine ganze Kette in Form von Gefühlen und körperlichen Reaktionen in Gang gesetzt. Auch wenn ich mich wiederhole: Kinder sind dem schutzlos ausgeliefert, und wir Erwachsenen tragen zu hundert Prozent die Verantwortung für unseren Umgang mit Kindern! Erwachsene sind aber auch nur Menschen, und da Kinder weder perfekte Eltern noch perfekte Fachkräfte brauchen, kann man gelegentliche Ausraster ganz sicher wiedergutmachen, indem man sich beim Kind entschuldigt. Ganz egal, wie alt das Kind ist; wenn es spürt, dass durch das harsche Verhalten des Erwachsenen die Beziehung gerade abgebrochen wurde, spürt es auch, dass sie durch eine liebevolle und

ernst gemeinte Entschuldigung wieder verbunden wird.31

 

Wenn Kinder sich kümmern müssen

Eltern, die ein Kind in die Elternrolle drängen, weil sie für sich selbst keine Verantwortung übernehmen können, üben eine besonders perfide und schädliche Form von emotionaler Gewalt aus, die durch eine Entschuldigung nicht wiedergutgemacht werden kann. Denn diese Kinder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu verdrängen, um auf die Bedürfnisse ihrer Eltern einzugehen, und das schadet einem Kind wesentlich mehr und langfristiger als das Alltagsschimpfen gelegentlich ungeduldiger Eltern.

Parentifizierung32 bedeutet, dass die sozialen Rollen umgekehrt werden. Das Kind erlebt nicht, dass es umsorgt und geliebt wird, sondern muss stattdessen selbst die Rolle eines Erwachsenen übernehmen. Häufig findet Parentifizierung während und nach Trennungen statt, wenn Eltern sehr wenig Selbstvertrauen haben oder erkrankt sind.

Ich möchte einen Fall aus meiner Beratungspraxis mit Ihnen teilen. Eine Mutter rief mich an, weil sie sich Sorgen um ihre neunjährige Tochter machte, deren Schulnoten immer schlechter wurden. Im Erstgespräch stellte sich nach und nach heraus, dass Frau Walter sich von ihrem Mann trennen wollte, weil er sie betrogen hatte. Das Ehedrama lief schon seit Jahren und hatte sich in den vergangenen Monaten zugespitzt. Als ich mich in einem weiteren Gespräch mit Tochter Franzi unterhielt, wurde schnell klar, dass sie sehr unter den lautstarken Streits ihrer Eltern litt und sich wünschte, dass ihr Vater, sie nannte ihn »abartiges Dreckschwein«, endlich auszog, weil er alleine die Schuld am Unglück ihrer Mutter trage. Wenn er nicht mehr da wäre, würde alles wieder gut, sie bräuchten ihn nicht zu Hause, denn sie und ihre Mutter hätten es viel besser ohne ihn. Und auch Gregor, der jüngere Bruder, solle nicht mit einem solchen Vater aufwachsen. Sie erzählte mir, dass sie ihren Vater früher liebhatte, aber jetzt nicht mehr. Inzwischen ist der Vater ausgezogen und hätte gerne Kontakt mit seiner Tochter, die ihn aber nicht sehen will und ihm nach wie vor die gesamte Schuld an dieser Trennung zuschreibt. Im Alter von neun Jahren kann sie die Komplexität von Beziehungen noch nicht verstehen, und ihre Eltern wiederum verstehen nicht, dass Franzi und Gregor sie als Eltern brauchen, auch wenn sie kein Paar mehr sind.

In diesem Fall hat sich Frau Walter nicht oder nur ungenügend mit ihrer Rolle als Mutter identifiziert und missbraucht ihre Tochter, um sich selbst zu definieren, zu solidarisieren und aufzuwerten – eine bittere Pille für Franzi, denn auch hier gilt: Das Kind kann sich (noch) nicht wehren und kooperiert.

Töchter, meist ab der Vorpubertät, die zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr beginnt, solidarisieren sich im Zuge von Trennungen

oft mit ihren Müttern und brechen den Kontakt zum Vater ab.33 Nicht selten entwickeln sie dadurch ein sehr negatives Männerbild, das ihnen später in ihren eigenen Beziehungen auf die Füße fallen kann. So kann neuerliches Leid entstehen, weil manche Mütter nicht gelernt haben, Konflikte offen zu (er)klären, sondern subtil aggressiv agieren, indem sie beispielsweise Schweigen als Waffe gegen ihren Ex-Mann einsetzen.

Parentifizierende Eltern lehren Kinder, ihre eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken, um geliebt zu werden und eine starke Fassade nach außen aufzubauen. Dieser Lernprozess kann sich so tief einprägen, dass Kinder ihre eigenen Bedürfnisse nicht erkennen und diese auch in späteren Beziehungen nicht reklamieren können. Und zwar nicht nur in Liebesbeziehungen, sondern auch in der Schule und am Arbeitsplatz. Parentifizierung birgt bei 25 Prozent der Kinder das Risiko für psychische Auffälligkeiten wie Selbstverletzungen, Depressionen, sozialer Rückzug

und Delinquenz.34 Diese Kinder sind für ihre Eltern Partner- oder Elternersatz geworden und haben die Rolle der Kümmernden und der Vermittler übernommen. Das ist eine zu schwere Bürde auf den Schultern

der Kinder, und die Folgen sind dramatisch.35

 

Emotionale Vernachlässigung als Form von Gewalt

Kinder von Eltern, die emotional nicht verfügbar sind, sind vernachlässigte Kinder. Für ihre materiellen Belange mag mehr als ausreichend gesorgt sein, für ihre emotionalen Bedürfnisse hingegen nicht. Es gibt niemanden, der ihnen zuhört, sich Zeit für sie nimmt, sich in sie und ihre Welt einfühlt. Wenn Eltern oder Bezugspersonen unablässig mit sich selbst beschäftigt sind und auf ihre Kinder keine Rücksicht nehmen, entwickeln schon Kinder im Vorschulalter häufig sogenannte »Heilfantasien«, in denen sie sich in eine bessere Zukunft träumen oder von sich denken, dass sie mehr geliebt würden, wenn sie ein »braves Kind« wären. Oft übernehmen sie innerhalb der Familie bestimmte Rollen, wie den Haushalt zu führen, um überhaupt

Aufmerksamkeit oder Beachtung zu erfahren.36 Diese Art von Fantasien oder Rollen werden zu Überlebensstrategien, die den Kindern zwar helfen, mit der emotionalen Vernachlässigung fertigzuwerden, die aber zu einer schweren Hypothek für ihre eigene Entwicklung, ihr Selbstvertrauen, ihr Vertrauen in die Welt und in die Bindung zu anderen werden.

Emotional nicht verfügbar zu sein, kann im Alltag schnell geschehen, niemand ist immer aufmerksam und muss das auch nicht sein. Wir alle sind beschäftigt – mit uns selbst, mit unserer Arbeit, mit Sorgen um die Zukunft und mit den Problemen der Gegenwart und Vergangenheit. Umso wichtiger ist es, immer wieder bewusst den aktuellen Moment wahrzunehmen. Was brauchen wir selbst? Was braucht das Kind? Welches Bedürfnis äußert es und wie sollte man ihm jetzt gerade begegnen? Häufig sind dabei Bauchgefühl und Empathie sehr viel bessere Ratgeber als so mancher wohlmeinende Mensch, der davor warnt, Kindern zu viel Aufmerksamkeit oder Fürsorge zu schenken. Denn: Ein Zuviel an Liebe gibt es nicht, sehr wohl aber ein Zuwenig – und zwar mit möglicherweise verheerenden Folgen.

 

Positive Veränderung ist möglich!

Nachdem es bis jetzt um viele unangenehme Fakten ging, ist es mir ein Bedürfnis, dieses Kapitel positiv zu beschließen. Sie haben dieses Buch vielleicht gekauft, weil Sie mit Ihren Kindern so gut wie möglich umgehen und Ihr eigenes Verhalten reflektieren möchten. Vermutlich haben Sie längst gespürt, dass Schimpfen und Strafen nicht die richtigen Lösungen sind, und befinden sich auf der Suche nach Alternativen. Von diesen wird in diesem Buch noch ausführlich die Rede sein, denn es gibt sie! Und keine Sorge: Das bedeutet nicht, dass von nun an der Wunsch Ihres Kindes zum Befehl für Sie wird.

Ich weiß aus meiner täglichen Arbeit mit Eltern und pädagogischen Fachkräften, dass die Doppelbelastung von Beruf und Familie den meisten Menschen intensiv zu schaffen macht. Nach wie vor fehlt es an einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung für Familien. Eltern stehen unter enormem Druck und möchten perfekt sein. Auch das erzeugt Stress – und wer unter Stress agiert, der greift einfach sehr viel häufiger zu emotionaler Gewalt. Unser aller Ziel muss also sein, diesen toxischen Stress für Eltern wie für Kinder zu minimieren.

Auch Kitas und Schulen sind leider bei weitem noch lange keine sicheren Orte für die Entwicklung unserer Kinder, sondern in vielen Fällen bloße »Verwahranstalten« oder Institutionen, in denen die genannten Formen verbaler und nonverbaler Gewalt als Pädagogik betrieben werden. Auch darauf werde ich noch im Detail eingehen.

Dass Sie dieses Buch lesen, ist in meinen Augen ein sicheres Zeichen dafür, dass Sie etwas ändern möchten, und diese Veränderung ist möglich, wenn sie auch Zeit brauchen wird. Das trifft mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch auf Sie und Ihre Kinder zu und gibt Anlass zur Hoffnung, dass wir gemeinsam auf eine neue Zukunft hinarbeiten können, in der kein Kind mehr Gewalt erleiden muss, sondern wir Kindern helfen, zu zufriedenen und mental starken Menschen zu werden.

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