Worte wie Pfeile, Über emotionale Gewalt an unseren Kindern und wie wir sie verhindern

KAPITEL 5 Bauchschmerzen, Beißen und Wutanfälle – Signale der Kinder erkennen

KAPITEL 5

 

Bauchschmerzen, Beißen und

Wutanfälle – Signale der Kinder

erkennen

 

Informierte Eltern sind der beste Schutz vor seelischer Gewalt gegenüber Kindern.

 

Bereits auf jahrtausendealten Tontafeln der Sumerer und Babylonier finden sich Beschwerden über die Jugend. Sie sei »verdorben, böse, gottlos und

faul«,84 heißt es da, mit ihr sei nichts anzufangen und sie führe die Gesellschaft direkt in den Ruin. Eine Klage, so alt wie die Welt. Auch in der Gegenwart sind diese Aussagen und Wehklagen überall zu vernehmen. Erst

hieß es über die sogenannten Millennials,85 also jene, die von den frühen 1980er- bis in die späten 1990er-Jahre geboren wurden, sie seien selbstbezogen und kaum in Unternehmen integrierbar. Nun sagt man über

die Generation Z,86 sie sei besessen von ihren Handys und sonstigen virtuellen Spielwiesen und befinde sich in beständiger Opposition zu den sogenannten Boomern, und so geht es weiter und weiter. Jede Generation hat scheinbar an den Kindern der nachfolgenden Generation etwas auszusetzen und zu bemängeln. Grundsätzlich gibt es meines Erachtens auch heute noch zu viele Generalisierungen, wie Kinder zu sein hätten und was sie tun oder lassen sollten.

Für Kinder und das, was sie begeistert und interessiert, seien es Computerspiele oder Zeichentrickserien, haben Erwachsene oft nur Geringschätzung übrig, ebenso für ihre fantasievollen Spiele und kreativen Erfindungen. Viel zu schnell heißt es, ein Kind lüge sich etwas zusammen oder beschäftige sich mit den falschen Dingen. Dieses »Falsch« aus Elternmund wird von Kindern und Jugendlichen häufig übersetzt in ein »Ich BIN falsch«, ohne dass es den erziehenden Erwachsenen überhaupt bewusst ist. Und in diesem »Ich bin falsch« steckt bereits ein gewaltvoller Ansatz, er ist die Wurzel aller Selbstzweifel und vieler psychischer Probleme im Kinder- und Erwachsenenalter. Mir ist wichtig, diesen Zusammenhang aufzuzeigen, weil emotionale und psychische Gewalt nicht erst dort beginnt, wo ein Kind angeschrien, beschimpft und beschämt wird, sondern schon sehr viel früher, bei der unausgesprochenen oder auch deutlich formulierten Ablehnung dessen, was das Kind gerne macht und was es ausmacht.

 

Wenn Verständnis fehlt

Ganz egal, ob es um das Verhalten, die Wünsche oder Vorlieben von Kindern geht – sie sind Erwachsenen oft suspekt. Auch den eigenen Kindern begegnen Eltern zuweilen mit einer bemerkenswerten Portion Misstrauen. Manche Eltern haben an ihren Kindern ständig etwas auszusetzen, fast, als bestünde von Geburt an eine natürliche Gegnerschaft zwischen diesen dauerkritischen Eltern und ihrem Kind. Woher kommt diese Haltung? Und steht sie nicht in eklatantem Widerspruch zu der allgegenwärtig erklärten Liebe zwischen Eltern und Kindern, dem familiären Band, dem dicken Blut der Familie und dem Zuhause, das immer wieder als Rückzugsort und Hort von Vertrauen, Zugehörigkeit und Akzeptanz beschworen wird?

Die Unsicherheit vieler Eltern beginnt schon sehr früh. Sie überwachen und kontrollieren, sie unterstellen und prüfen, ganz so, als trauten sie ihren Kindern bereits im Kindergartenalter das Allerschlimmste zu. Mich verwundert dieses Verhalten immer wieder, drückt es doch zweierlei aus: Zum einen weist es auf eine erstaunlich brüchige Beziehung zwischen Eltern und Kind hin, in der offensichtlich jederzeit damit gerechnet werden muss, dass sich das Kind durch Lügen und Tricksereien widersetzt. Zum anderen wird deutlich, dass die angewendeten Erziehungsmethoden nicht die gewünschte Wirksamkeit zeigen. Vertrauen Eltern vielleicht weder sich selbst noch ihren eigenen Methoden, und überprüfen sie diese, indem sie ihre Kinder kontrollieren?

Zwar versichern gerade viele Eltern ihren Kindern unablässig, dass sie sie bedingungslos lieben und sie in allem unterstützen. Doch genügt oft schon die kleinste Abweichung im gewünschten Verhalten eines Kindes, um mit Liebesentzug zu reagieren. »Wenn du so bist, habe ich dich nicht mehr lieb«, ist dann die Botschaft. Auch nonverbal drückt sich das Gesagte in der Folge durch diverse subtile oder auch weniger subtile strafende Verhaltensweisen aus, wie dem Kind die versprochene Gute-Nacht-Geschichte nicht mehr vorzulesen, weil es zu lange gebraucht hat, um seinen Schlafanzug anzuziehen. Was Eltern dabei nur kaum bedenken: Möglicherweise ist dieses Trödeln ein Ausdruck des innigen Bedürfnisses des Kindes, ein wenig länger zu spielen, zu kuscheln oder schlicht noch ein bisschen Zuwendung von dem Menschen zu bekommen, den man den Tag über vielleicht so sehr vermisst hat.

Vor allem die nonverbalen Signale von Kindern werden oft übersehen, weil Erwachsene meinen, alles besser zu wissen, und ihnen nicht vertrauen. Ich behaupte: Gerade diese Unfähigkeit der Erwachsenen, Botschaften zu lesen, ist die Ursache dafür, dass sie Hilferufe und Warnsignale ihrer Kinder leicht falsch verstehen und als Aufsässigkeit, Renitenz oder gar tyrannisches Verhalten interpretieren. Dadurch beginnt in der Folge ein toxischer Kreislauf seelischer Gewalt, aus dem es für Erwachsene und Kinder oft keinen Ausweg gibt und alle Beteiligten leiden, weil sie einfach nicht wissen, wie sie aus diesen Teufelskreisen herauskommen. Emotionale und psychische Gewalt sind dabei nicht auf die Eltern beschränkt. Auch Erzieher, Verwandte, Lehrer und Trainer können wissentlich und unwissentlich seelische Gewalt ausüben und Kindern massiv schaden. Schon für uns Erwachsene ist es oft schwierig, emotionale Gewalt zu erkennen und zu benennen. Für Kinder ist es unmöglich. Deshalb ist umso entscheidender, dass Eltern und andere den Kindern vertraute Personen achtsam und aufmerksam auf mögliche Verhaltensänderungen der Kinder achten und diese nicht als Böswilligkeit interpretieren, sondern im Zweifelsfall immer als Hilferuf! Im Folgenden finden Sie Beispiele, mit denen Sie kindliches Verhalten besser deuten und zu einem besseren Verständnis kommen können.

 

Zeichen seelischer Gewalt – Kinder »sprechen« durch ihr Verhalten

Kinder zeigen ihre Gefühle normalerweise direkt und unverstellt.87 Erst negative Erfahrungen bringen sie dazu, jene Empfindungen zu verstecken, die, wie sie wissen oder glauben, unerwünscht sind. Das äußert sich dann über andere Symptome und Verhaltensweisen. Ein besonders häufiges Symptom sind Bauchschmerzen, speziell, wenn diese regelmäßig morgens auftreten, wenn das Kind in die Kita oder in die Schule muss. Wir Erwachsene kennen dieses Phänomen nur allzu gut. Wir sagen nicht von ungefähr im übertragenen Sinn, etwas »bereitet uns Bauchschmerzen«, wenn wir in einer Situation starkes Unbehagen oder gar Widerwillen empfinden. Genauso ergeht es auch schon Kindern. Die Bauchschmerzen drücken ihren Widerstand gegen eine Situation aus, mit der sie nicht zurechtkommen und der sie sich ausgeliefert fühlen. Deshalb sollten wiederkehrende Bauchschmerzen als Warnsignal unbedingt ernst genommen werden! Achten Sie als Eltern daher immer darauf, wann und in welchem Zusammenhang Kopf-, Bauch oder andere Schmerzen sich bei

Ihren Kindern zeigen88, und bitte, nehmen Sie Kinder ernst, denn Kinder sprechen auch von Bauchschmerzen, wenn sie sagen wollen, dass es ihnen psychisch nicht gut geht. Sie übertragen seelischen Schmerz auf den Körper – Sie kennen sicher den Begriff Psychosomatik.

Wenn Kinder Geschichten erfinden, was Erwachsene vorschnell als Lüge verurteilen, ist das ebenfalls ein Warnsignal. Kinder maskieren auf diese Weise bestimmte Empfindungen, etwa Scham. Sie denken sich Geschichten aus, die sie bestimmte Erlebnisse besser aushalten lassen. Ich erinnere mich an eine Beratungssituation, in der eine Mutter mich um Rat fragte. Sie erzählte von ihrer sechsjährigen Tochter Lisa, die in der Schule Lügengeschichten erzählt. Das Mädchen berichtete von zwei Autounfällen, die es erlebt habe, von der Geburt seines Bruders, bei der es dabei war, und von einem Hund, den sich die Familie angeschafft habe. Die Klassenlehrerin des Mädchens schien das alles nicht zu glauben und wandte sich an die Mutter. Es stimmte – nichts davon entsprach dem wirklichen Erleben des Kindes. Nach einiger Reflexion mit der Mutter stellte sich heraus, dass ihre Tochter oft unglücklich war, weil sie von ihrem Vater regelmäßig wegen ihres Aussehens geneckt wurde. Er nannte sie Minimaus, weil sie so klein und zierlich war. Wie sich in einem Gespräch mit Lisa herausstellte, waren das keine liebevollen Neckereien für sie, sie empfand das Verhalten ihres Vaters als immer wiederkehrende Demütigung, litt unter seinem sehr eigenwilligen Humor und wollte sich mit ihren Geschichten Gehör verschaffen und größer machen.

Deshalb sollten Eltern unbedingt hinhören und zuhören, wenn Kinder »Geschichten erzählen«, und sie nicht dafür bestrafen. Wofür schämt sich das Kind möglicherweise? Auch Phänomene wie ein angespannter Muskeltonus, mangelndes Selbstvertrauen, aggressives Verhalten, Einkoten, Haare ausreißen, Fingernägel kauen, kratzen, Ablehnen von Zärtlichkeiten, anhaltende Traurigkeit, Ängste oder das strikte, vielleicht sogar zwanghafte Einfordern bestimmter Rituale sind immer Zeichen dafür, dass ein Kind das

Gefühl hat, etwas in seinem Leben sei außer Kontrolle geraten.89 Weitere Anzeichen für ein schwieriges Erleben können Rückzug, Stimmungslabilität, Wortkargheit, Konzentrationsstörungen, Schulleistungsabfall, aber auch, je nach Alter und Umständen, Aggressionen wie Beißen, Schlagen, Gegenstände zerstören und heftige Wutanfälle sein.

Je kleiner Kinder sind, umso schlechter können sie ihre Gefühle einordnen und ausdrücken. Ein deutliches Warnsignal ist immer, wenn ein Kind auört zu spielen, sich nicht mehr kreativ oder entdeckerisch betätigt oder wenn es große Schüchternheit und Ängste zeigt, die sich zum Beispiel auch durch Albträume und Bettnässen äußern können. In extrem belastenden Situationen kann es vorkommen, dass Kinder sogar auören zu sprechen oder zu stottern beginnen.

Eine scharfe Grenze zu ziehen, wann auffälliges Verhalten beginnt, ist nicht so leicht möglich, da Kinder Individuen sind. Entscheidend ist, wann und wie sehr sich das Verhalten von dem bisher bekannten Verhalten unterscheidet und ob sich dies mit einem normalen Entwicklungsverlauf in Einklang bringen lässt. Letztlich bleibt es zunächst dem Gefühl der Eltern und Pädagogen überlassen, ab wann »etwas nicht mehr in Ordnung ist«. Dabei gilt: Je früher wahrgenommen wird, dass es dem Kind nicht gut geht, umso früher kann gegengesteuert werden.

 

Die helfende Hand –

aus meinem Beratungsalltag

In einem meiner am meisten nachgefragten Inhouse-Seminare der vergangenen zehn Jahre geht es um Entwicklungsverläufe. Das

Seminar hat den Titel »Was muss ein Kind wann können?« Dieses Seminar sehe ich ganz besonders als helfende Hand, denn in diesen intensiven acht Stunden ist es mir bisher immer gelungen, Vertrauen in Kinder und Gelassenheit für Erwachsene zu säen. Vermutlich erahnen Sie das Fazit eines solchen Tages – es lautet: Es gibt keine pauschalen Antworten, denn Entwicklung ist ein höchst individueller Vorgang.

Manche Kinder laufen mit acht Monaten, manche mit zwei

Jahren. Manche Kinder lesen mit vier Jahren, manche mit acht. Manche Kinder mögen nur die roten Gummibärchen, manche mögen keine. Ich plädiere dafür, dass wir Kindern viel mehr Zeit geben und sie weniger vergleichen, und dafür, dass wir auch uns mehr Zeit geben und uns weniger vergleichen. Wir sind die Vorbilder.

 

Externe Erziehungs-Zurufe ignorieren – Ihr Kind geht vor

Es gibt wenige Bereiche, in denen es so von Experten wimmelt, wie in dem der Entwicklung und Erziehung. Manchmal denke ich, es scheint auszureichen, selbst einmal Kind gewesen zu sein, um Tipps, um die keiner gebeten hat, großzügig in die Welt zu entlassen. Diese Form von Einmischung, die oft nur wenig unterstützend ist, löst bei Eltern und sogar bei Fachkräften meist starke Gefühle aus und macht sie wütend, vor allem dann, wenn sich diese wohlmeinenden Pseudoexperten in ohnehin schon herausfordernden Situationen einbringen. Es gibt Tage, da genügen schon bestimmte Blicke von Fremden, damit Mütter und Väter sich vollkommen verunsichert fühlen. Aber auch Großeltern, Verwandte, Freunde und Nachbarn haben vermeintlich gute Ratschläge immer wieder schnell zur Hand, wenn Kinder sich nicht so verhalten, wie sie sich in ihren Augen verhalten sollten, wenn Kinder nicht so sind, wie sie sie gerne hätten. Ganze Fernsehformate drehen sich nur darum, Eltern zu beurteilen und vor allem auch genussvoll zu verurteilen.

Wir sollten uns aus diesem Diskurs von Misstrauen, Projektion, falschen Erwartungen an das Kind, Scham und Wut verabschieden.

Wenn wir liebevoll mit uns selbst sprechen, können wir uns zutrauen, dass uns gute Kommunikation auch mit unseren Kindern gelingt und wir ihnen gegenüber authentisch, offen und emotional zugewandt sind. Kinder sind sehr sensibel für das, was man in der Psychologie Doublebind nennt, nämlich Doppelbotschaften. Das Gesagte steht dann nicht im Einklang mit dem, was wirklich gefühlt und ausgedrückt wird. Hört ein Kind »Das hast du ja super gemacht!«, sieht aber eine gerunzelte Stirn und einen abschätzigen Blick dazu, verwirrt und irritiert das. Kinder wissen dann nicht, welche Botschaft die echte ist und wie sie sich weiter verhalten sollen. Oft reagieren sie dann unsicher, trotzig oder mit Rückzug, ein Verhalten, das die Eltern wiederum nicht verstehen und das in der Folge abermals zur Quelle neuer Konflikte wird.

Falls Sie als Elternteil immer wieder unter Zurufen in Sachen Erziehung zu leiden haben, steigen Sie aus diesem Kreislauf aus! Konzentrieren Sie sich voll auf Ihr Kind, auch und gerade dann, wenn es Sie herausfordert und an Ihre Grenzen bringt. Was andere Leute, egal ob Fremde im Supermarkt oder Familienmitglieder, über Sie und Ihr Kind denken, darf Ihnen herzlich egal sein. Ihr Kind ist einfach wichtiger als all die klugen Menschen, die immer alles besser wissen – letztlich aber durch ihr Verhalten zeigen, dass sie zu den Ewiggestrigen gehören.

Sie werden Ihren Verdacht bestätigt finden, dass das, was die Gesellschaft immer noch als gute Erziehung einfordert, nichts anderes als Gewalt an Kindern ist. Aus diesem Hamsterrad der vermeintlich guten alten Erziehung gilt es schleunigst auszusteigen.

Unsere Kinder brauchen Hilfe

Die Corona-Pandemie hat vieles, was in unserer Gesellschaft im Zusammenhang mit Kindern im Argen liegt, wie unter einem Brennglas noch sehr viel deutlicher gemacht. Während Konzerne binnen Tagen mit Milliarden gerettet wurden, sind Kinder auch im zweiten Corona-Jahr ohne Luftfilter und tragfähige Bildungskonzepte in eine ungewisse Zukunft gestartet. Die Zahl psychischer Probleme bei Kindern und Jugendlichen hat im Laufe der Pandemie so stark zugenommen, dass die Kinder- und

Jugendpsychiatrien überfüllt waren.90

Diese Entwicklung hat nicht erst mit dem Auftritt der Corona-Pandemie begonnen. Die Anzahl von Diagnosen wie ADHS, Wahrnehmungsstörungen, Autismus, Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen bei Kindern nahm auch schon vor Corona jedes Jahr enorm zu. Hinzu kommen psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Allergien, Hautausschläge, aber auch Verhaltensweisen wie Mobbing, Magersucht, Selbstverletzung, Komasaufen, Drogenmissbrauch, der frühe Kontakt mit Pornografie, gewaltvolle Videospiele, Gewaltexzesse, Straftaten wie Körperverletzung, Diebstahl oder Sachbeschädigung. Alle diese Zahlen

sind seit Jahren kontinuierlich im Steigen begriffen!91

Wir diagnostizieren, behandeln und therapieren Kinder ohne Ende, doch wir fragen viel zu selten, was eigentlich mit den Eltern, Pädagogen und ihren Erziehungsmethoden nicht stimmt, die nach meiner Erfahrung zu den Problemen, die Kinder haben, beitragen. Es muss einfach Gründe haben, wenn einer aktuellen Studie zufolge 16,9 Prozent aller jungen Menschen

zwischen drei und 17 Jahren unter psychischen Problemen leiden.92 Diese Zahlen haben sich unter Corona stark erhöht, ohne dass wir als Gesellschaft im zweiten Jahr der Pandemie auch nur eine Debatte darüber führen, wie wir den betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen können. Stattdessen wird Nachhilfe in den Sommerferien angeboten, was ich nur als Gedankenlosigkeit und Ignoranz gegenüber kindlichen Bedürfnissen einordnen kann. Festzuhalten bleibt, dass der Leistungsdruck, der auf Kinder ausgeübt wird, nicht nur innerhalb der Schule stetig wächst. Kinder sollen jederzeit und allüberall funktionieren, gehorchen, repräsentieren und ihre Eltern möglichst gut dastehen lassen. Das ist heute nicht anders als vor hundert Jahren, auch wenn sich die Werte und die Ansprüche an das Leben ein wenig geändert haben mögen.

Wie genau schauen wir als Gesellschaft eigentlich hin und fragen uns ernsthaft und unter Einbeziehung aller, auch finanzieller und institutioneller Konsequenzen, was Kinder fühlen – und was sie wirklich brauchen?

 

Was Kinder fühlen

Zunächst einmal lieben Kinder, und zwar bedingungslos. In dieser Hinsicht können wir noch eine Menge von ihnen lernen. Sie lieben sogar Eltern, die sie (körperlich) misshandeln. Sie lieben Teddybären und Spielkameraden, sie lieben Geschwister. Sie sind in der Lage, sich in andere Menschen und ihre Bedürfnisse hineinzuversetzen, und das schon in einem frühen Alter. Zu lieben ist ein urkindliches Bedürfnis, das eng mit dem Bedürfnis nach Bindung einhergeht. Wer liebt, möchte geliebt und am besten zurückgeliebt werden, doch Kinder lieben auch, wenn das nicht der Fall ist. Das ist eine ebenso tragische wie berührende Wahrheit. Aus der Liebe, die Kinder empfinden, leiten sich weitere Gefühle ab. Erstaunlich ist hier vor allem das Gefühl der Verantwortlichkeit. Wenn Eltern sich trennen oder ihnen etwas Schlimmes geschieht, fühlen sich Kinder oft unerwartet schnell schuldig. Sie halten sich für den Auslöser des Leids, ohne ihren Eltern diese Gedankengänge mitzuteilen. Es ist von immenser Bedeutung, dass Eltern diese möglichen Handlungsmuster ihrer Kinder im Hinterkopf behalten, wenn sie selbst in ein krisenhaftes Erleben wie eine Trennung, den Verlust ihres Arbeitsplatzes oder eine schwere Krankheit hineingeraten. Je transparenter mit Kindern darüber gesprochen wird, was gerade geschieht

und warum sie nicht schuld sind, umso mehr werden sie entlastet.93 Falsch wäre es, mit Kindern gar nicht über belastende Ereignisse zu sprechen, um sie zu schonen, denn dann werden sie in der Erklärung dieser Ereignisse sich selbst überlassen und geraten schnell in die Schuldfalle. »Du bist nicht schuld!« ist ein liebevoller und machtvoller Satz, den Eltern gar nicht oft genug aussprechen können.

Ebenso wichtig ist, nicht wissentlich und absichtlich Schuldgefühle bei Kindern auszulösen oder gar als Erziehungsmittel einzusetzen: wie etwa, dass die Sonne nicht mehr scheint, wenn der Teller nicht leer gegessen wird, oder auch drohende Formulierungen wie »Der Mama geht es jetzt schlecht, weil du nicht brav warst.« Kinder nehmen sich diese Aussagen garantiert zu Herzen, sie können sie über Tage und Wochen hinweg belasten. Überaus wichtig im Zusammenhang mit eventuellen Schuldgefühlen ist zudem, Kindern keine Verantwortung aufzubürden, die sie nicht tragen können. Sie brauchen die Sicherheit, dass ihre Eltern die volle Verantwortung für alle Entscheidungen tragen, etwa, wo der nächste Urlaub verbracht wird oder ob man umziehen möchte. Der Gedanke, Kinder mit in solche Entscheidungen einzubinden, ist löblich, doch die Verantwortung für die Folgen muss immer bei den Erwachsenen liegen. Nie darf daraus die unterschwellige oder direkte Schlussfolgerung entstehen: »Du bist schuld, weil du das so gewollt hast.« Eltern können sich oft nicht vorstellen, wie schwer eine solche Schuld auf Kinderschultern liegt.

Kinder empfinden auch Gefühle, die Erwachsene zunächst gar nicht bei ihnen vermuten. Sie haben eine ausgezeichnete Wahrnehmung für ihre eigene Identität und ihre Zugehörigkeit. »Hier gehöre ich hin, und da komme ich her« ist für sie von besonderer Bedeutung. Sie fühlen sich ihrer Familie wie auch ihren Freunden gegenüber loyal. Auch Stolz und Selbstwert spielen für Kinder eine große Rolle. Deshalb ist es so entscheidend, dass Eltern zum einen gute Vorbilder für Selbstachtung und Zugehörigkeit sind und zum anderen das Kind an diesem Punkt nie angreifen, demütigen oder verletzen. »Du gehörst nicht mehr zu uns«, »Du bist nicht wie wir« oder »Auf dich kann man nicht stolz sein« sind harte Worte, die diese Gefühle tief und nachhaltig verletzen und im schlimmsten Fall ein Leben lang in einer Seele nachwirken.

Auch Scham ist je nach Alter ein starkes Gefühl, das sich unterschiedlich ausdrücken kann. Viele Eltern, Erzieher und Pädagogen benutzen Beschämen bewusst als Mittel der Erziehung, indem sie Kinder gnadenlos bloßstellen. Sie halten das für ein »sanftes« Mittel der Zurechtweisung, doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Wer beschämt wird, schlimmstenfalls noch vor Publikum, wird oft in seiner Identität beschädigt, zieht sich in ein Schneckenhaus zurück und wird misstrauisch. Ein beschämtes Kind wird Schutzmauern um sich herum auauen, um nicht noch einmal einer solch peinlichen Situation ausgesetzt zu sein, es wird Geheimnisse hüten und sich von anderen Menschen abschotten, statt mutig auf diese zuzugehen. Es wird den Eindruck haben, dass es Anteile hat, die es besser vor anderen verbergen sollte. In meinem Berufsalltag bin ich oft in Kitas und coache Teams. Dabei beobachte ich immer wieder Situationen, die mich erschrecken. Ich weiß nicht mehr, wie häufig ich schon erlebt habe, dass Kinder, die eingenässt haben, vor allen anderen Kindern und Erwachsenen bloßgestellt und beschämt wurden. Aussagen wie »Das darf ja wohl nicht wahr sein! Hast du schon wieder in die Hose gemacht! Schäm dich – und du willst ein Vorschulkind sein! Jetzt muss ich dir wohl auch noch beim Umziehen helfen!« Sie können sich sicher gut vorstellen, wie sich das anfühlen muss und wie sehr sich Kinder grämen und schämen.

Scham ist ein sehr mächtiges Gefühl, das unser Fühlen und Handeln, vor allem aber unser Selbstbild nachhaltig und zum Negativen beeinflussen kann.

Kindliche Gefühle wie Wut erkennen und angemessen reagieren

Wut, Zorn, Trotz und Aggression sind Gefühle, auf die Eltern und Pädagogen oft mit Alarmbereitschaft reagieren. Zeigen Kinder diese Gefühle, reagieren manche Erwachsene mit Druck in Form von Zurechtweisung, Strafe oder sogar körperlicher Aggression, damit Kinder lernen, solch »unbeliebte« Empfindungen möglichst zu unterdrücken. Viele Erwachsene halten diese starken Gefühle weder bei sich noch bei Kindern aus und wollen Kinder aus diesem Grund möglichst schnell davon befreien. Sie lenken Kinder ab, erfüllen ihnen alle Wünsche, nur damit Kinder sich möglichst schnell wieder beruhigen und glücklich sind. Gelingen alle eingesetzten Strategien nicht, wird das Verhalten von Kindern schnell pathologisiert: Mit dem Kind stimmt doch etwas nicht! Dabei sind Wut, Zorn und sogar Aggression durchaus gesund, auch wenn die erziehenden Personen das selten wissen oder nur schwer akzeptieren können. Wut ist ein Ausdruck der Selbstbehauptung. »Ich will das nicht!«, sagt das Kind und setzt damit eine Grenze. Es sorgt für sich, wenn auch auf eine Art, die Erwachsenen oft nicht gefällt. Aus diesem Grund ist es so entscheidend, einen guten Umgang mit der kindlichen Wut zu finden, sie nicht zu dämonisieren, zu unterdrücken oder zu pathologisieren. Damit verschwindet die Wut nicht, sie sucht sich nur neue, möglicherweise toxische Kanäle, in denen sie wieder zum Vorschein kommt. Verdrängte Wut ist giftige Wut, sie quält, verletzt, erstickt. Und zerstört! Daher ist es so elementar, einen achtsamen Umgang mit der kindlichen wie auch mit der eigenen Wut zu finden, indem man sich selbst erlaubt, wütend zu sein. Dann erst kann man lernen, mit Wut umzugehen und Aggressionen zu steuern.

Kinder beobachten das Verhalten anderer, vornehmlich Erwachsener, und ahmen dieses Verhalten nach. Sie erlernen auf diese Weise Strategien, um alltägliche Probleme zu lösen, vom Öffnen einer Flasche bis zum Umgang mit komplexen Gefühlslagen. Dieses Lernen geschieht nicht bewusst, sondern ist ein universaler, menschlicher Vorgang, der keiner willentlichen Anstrengung bedarf. Zusätzlich gibt es Prozesse der Ko- und Fremdregulierung in menschlichen Interaktionen, die schon bei sehr kleinen Kindern zu beobachten sind. Wenn diese miteinander spielen, beeinflussen ihre Handlungen und Gefühle sich gegenseitig. Sie können sich aufschaukeln und auch wieder beruhigen, Kinder weinen miteinander und sie lachen miteinander. Wird ein bestimmtes Level der Erregung erreicht, kann es zu einer Koregulierung, also einer Regulierung von außen, etwa durch einen Erwachsenen kommen, der dieses Aufschaukeln durch

empathisches Eingreifen stoppt.94 Gleichzeitig nimmt das den Kindern die Möglichkeit, Selbstwirksamkeit durch Selbstregulation zu lernen. Ein Rezept, wann Eltern und Fachkräfte eingreifen sollten, gibt es nicht. Wut und Aggression sind so individuell wie das Kind, das sie erlebt. Das sind immer Einzelfallentscheidungen. Wütend zu sein, ist zunächst einmal vollkommen legitim. Das ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Wut!

Statt Kinder für ihre Wut zu bestrafen oder zu beschämen, können Erwachsene ihnen zeigen, wie man mit Wut besser umgeht: etwa, indem man gemeinsam einige Male tief ein- und ausatmet, seine Gliedmaßen ausschüttelt, tanzt und springt oder einfach die Wut hinaus in die Welt schreit. Es geht darum, den Kindern zu zeigen, wie sie starke Gefühle kanalisieren können, damit sie in ihrer Wut möglichst keine Dinge zerstören, sich selbst wehtun oder andere Menschen und Tiere aus Versehen verletzen.

Kindliche Wut kann für Erwachsene eine riesige Herausforderung darstellen. Nicht selten triggern sie eigene Wuterlebnisse und alte Verletzungen. Sie macht hilflos und dadurch wiederum erneut wütend, weil Hilflosigkeit Stress erzeugt und durch Stress Wut entstehen kann. Hilfreich ist, sich auch hier wieder vor Augen zu führen, dass das kindliche Gehirn nun einmal anders funktioniert als das erwachsene. Der kognitive Teil des Gehirns, das sogenannte Denkhirn, entwickelt sich sukzessive, sodass starke Gefühle sehr viel ungebremster auftreten und die Kontrolle übernehmen. Das ist der Grund, weshalb Kinder in ihrem Wutanfall mit

Worten kaum noch zu erreichen sind.95 Ein Kind kann sich dieser Wut vollkommen ausgeliefert fühlen, es wird davon regelrecht überschwemmt und braucht Hilfe, um diese Sturmsituation wieder verlassen zu können. Deshalb ist es umso wichtiger, einem Kind zu sagen, dass es immer geliebt wird und dass jedes Gefühl eine Existenzberechtigung hat. Ablehnung, Zurückweisung, Strafe und Schimpfen verstärken negative Gefühle noch und können diese auch nach dem Abklingen des Wutsturms lange am Leben erhalten.

Bitte sprechen Sie in einer solchen Situation niemals »von oben herab« mit Ihrem wütenden Kind, um es nicht mit der eigenen Körpersprache zusätzlich kleinzumachen. Gehen Sie in die Hocke, auf Augenhöhe, um auf diese Weise auch körperlich Zugewandtheit auszudrücken. Die Botschaft, die Sie transportieren sollten, lautet: Du bist mit und in deiner Wut nicht allein!

Damit es vielleicht gar nicht erst zu einem Wutanfall kommt, ist es sinnvoll, sich nach möglichen Stressoren umzuschauen. Wir kennen das von uns selbst: Wenn es im Umfeld laut, eng, heiß, unangenehm ist, dann steigt der Stress, und wir werden reizbar. Kinder reagieren darauf oft mit Wut, nur haben sie viel weniger Möglichkeiten, diese negativen Gefühle selbst wieder zu regulieren. Stressoren in der Umgebung zu vermeiden, ist nicht immer möglich, doch es lohnt sich, den Fokus darauf zu richten, sich nicht ständig in reizüberflutenden Umgebungen zu bewegen, sondern für Ausgleich und Rückzugsorte zu sorgen. Oft ist den Kindern selbst gar nicht bewusst, was sie überfordert und stresst – der laute Fernseher, die spielenden Geschwister, die klackernde Heizung –, und sie können es auch auf elterliche Nachfragen meist nicht ausdrücken. Und stellen Sie sich jetzt den Alltag in einer Kita vor – es ist laut, es ist voll, Ihr Kind muss den ganzen Tag kooperieren und das Programm möglichst klaglos absolvieren. Wenn Sie Ihr Kind am Nachmittag abholen, sind Sie müde, weil Ihr Tag anstrengend war, und Ihr Kind ist es, weil sein Tag auch anstrengend war. Das sind dann die Situationen, in denen ein zerbrochener Keks eine schwere Krise auslösen kann. Wenn Ihr weinendes Kind lautstark »Ich will einen großen Keks« kommuniziert, ist das dann das Synonym für »Ich kann nicht mehr!« Nun liegt es an Ihnen, mit dieser Situation umzugehen. Je nach Tagesform werden Sie gelassen, ungeduldig oder auch wütend reagieren – einfach, weil auch Sie ein Mensch mitten in einem Lernprozess sind.

 

Schwierige Themen mit Kindern auf Augenhöhe besprechen

Wenn Erwachsene mit Kindern über schwierige Themen wie Konflikte, Trennungen, Angst, Corona, Krieg oder Rassismus sprechen, egal, ob als Pädagogen oder als Eltern, ist es wichtig, sowohl körperlich als auch sprachlich Augenhöhe zu suchen. Ebenso entscheidend ist, ehrlich und wahrhaftig zu sein und nicht zu versuchen, die eigentliche Botschaft zu verschleiern, selbst wenn das in der Absicht geschieht, das Kind zu beschützen. Kinder spüren Unaufrichtigkeiten sofort und interpretieren sie möglicherweise falsch.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Zuhören und Verstehen. Wischen Sie die Gefühle und Reaktionen von Kindern auf das Gesagte niemals weg, sondern nehmen Sie sie ernst. Ermutigen Sie Ihre Kinder, suchen Sie gemeinsam nach Lösungen und bieten Sie Lösungen, vielleicht in Form von Koregulation an, wenn Sie spüren, Ihr Kind kommt nicht allein mit seinen Gefühlen zurecht.

Wenn Sie als Eltern und Pädagogen allerdings merken, dass Sie Kinder nicht mehr erreichen, dann ist es an der Zeit für professionelle Hilfe. Es gibt jede Menge Elternberatungen, Coachings und psychotherapeutische Unterstützung. Ein möglicher Weg führt über den Kinderarzt, man kann sich aber auch direkt an eine Elternberatung oder einen Kinderpsychologen wenden. Diese arbeiten nach verschiedenen Konzepten, etwa systemisch, verhaltenstherapeutisch, analytisch, schematherapeutisch und natürlich lösungsorientiert. Auch Ergotherapie, Bewegungstherapie, Musik- oder Maltherapie sind Möglichkeiten, sich selbst zusammen mit Kindern erfolgreich durch emotionale Verwirrungen zu begleiten.

Bei allen diesen Lösungsansätzen ist entscheidend, Kinder nicht unter Druck zu setzen. Sobald ein Kind das Gefühl hat, eine Erwartung erfüllen zu müssen, wird es sich möglicherweise nicht öffnen, und dann ist die Wurzel des Problems nur schwer erkennbar. Oft hat ein Kind auch den Wunsch, Betreuungspersonen oder Familienangehörige zu schützen, keine Konflikte heraufzubeschwören, oder schämt sich sogar für bestehende Schwierigkeiten. Gefühle können einander überlagern oder verschiedene Gefühle werden gegeneinander ausgetauscht. Aus Scham wird Wut, aus

Angst Eifersucht.96 Es gibt im Falle von emotionalen kindlichen Verwirrungen keine schnellen und einfachen Lösungen. Ähnlich wie bei verknoteten Wollsträngen braucht es Fingerspitzengefühl und vor allem Geduld, um die Fäden zu entwirren und zu sortieren. Natürlich kann man in das verwirrte Wollknäuel auch einfach rigoros hineinschneiden. Dann sind die Verknotungen zwar beseitigt, aber es fehlt an jedem Ende ein nicht unerhebliches Stück Wollfaden. Und jetzt übertragen Sie dieses Bild des ungeduldigen Hineinschneidens bitte gedanklich auf die Entwirrung der emotionalen kindlichen Situation. Ich denke, dann wird glasklar, wie notwendig Behutsamkeit und Geduld im Umgang und in Gesprächen mit Kindern sind!

 

Für Stabilität sorgen

Wir Erwachsenen vergessen oft, wie angsteinflößend die Welt für Kinder sein kann. Ständig müssen sie sich völlig neuen Situationen und Herausforderungen stellen und sich mit Unbekanntem vertraut machen. Sie haben kaum oder nur wenig Erfahrungen im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen, müssen sich aber dennoch hinaus in die Welt wagen. Was ihnen dabei hilft, ist ihre unbändige, kindliche Neugier und ihre große Freude am Entdecken. Damit überwinden sie ihre Ängste, jeden Tag und immer wieder. Das ist unendlich mutig!

Uns allen täte gut, sich diesen kindlichen Mut immer wieder ins Bewusstsein zu rufen. Wann haben Sie zuletzt etwas getan, wovor Sie Angst hatten oder das Sie noch nie zuvor getan haben? Dann erahnen Sie, wie sich Ihr Kind regelmäßig fühlt. Vertrauen und Selbstwertgefühl, das Wissen, richtig zu sein, sind wichtige Haltelinien auf dieser Reise in das Unbekannte. Sie geben Stabilität, wo der Boden wacklig ist und der nächste Schritt immer wieder ins Ungewisse führt.

Wenn althergebrachte Erziehungsmethoden genau diese psychischen Halteseile angreifen, kann das fatale Folgen haben. Diese Vorgehensweisen verunsichern Kinder und verstärken Ängste, sie hindern Kinder daran, sich selbst und die Welt zu entdecken und ein freier, starker und glücklicher Mensch zu werden, der sein ganzes Potenzial auf seiner Lebensreise ausschöpfen kann. Sie unterbinden, dass Kinder lernen können, gut für sich selbst zu sorgen.

Mal ehrlich: Wissen Sie, wie Sie gut für sich sorgen können – und wenn ja, tun Sie es? Das wäre genial, denn wer gut für sich selbst sorgt und achtsam mit sich und dem Leben umgeht, hat mehr Ressourcen frei, um empathisch auf die Gefühle von Kindern einzugehen. Dazu können bewusste Entspannungstechniken gehören, aber auch Zeit für Erholung und Entschleunigung.

Der Familienalltag ist meist anstrengend und kann viele Stressspitzen enthalten. Es ist wichtig, sich als Eltern das einzugestehen. Noch bedeutsamer ist, entspannenden Ausgleich zu schaffen. Nur dann ist genug Raum, für die Gefühle und Bedürfnisse der Kinder zu sorgen und auf sie einzugehen. Selbstfürsorge ist etwas, das gerade Mütter häufig aktiv lernen müssen. Das hat übrigens nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Verantwortung. Sie können nicht für andere da sein, wenn es ihnen selbst nicht gut geht, das ist nicht möglich. Das Verdrängen, Unterdrücken und permanente Beiseiteschieben ihrer eigenen Befindlichkeiten als Eltern und einfach immer weiter Funktionieren ist nicht das Gleiche wie Selbstfürsorge! Und mangelnde Selbstfürsorge ist oft das Ergebnis selbst erlebter Seelenprügel. Warum das so ist, sehen wir uns im nächsten Kapitel genauer an.

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