Zwei Schwestern
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Adalbert Stifter
Zwei Schwestern
Ihr wißt alle, meine theuren Freunde, wie ich von jeher ein Kind des Zufalles gewesen bin. Zuerst ist schon meine Erziehung ein Zufall gewesen; denn nach dem Tode meiner vortrefflichen Mutter, welche der Meinung war, daß man das Herz und Gemüth vorzugsweise zu größtmöglichster sittlicher Vollkom menheit ausbilden müsse, kam mein Vater an die Reihe, der früher wegen seiner vielen Geschäfte nicht im Stande gewesen war, sich um mich zu bekümmern, der aber im Allgemeinen den Plan meiner Mutter vollständig gebilligt hatte. Er wollte auf die Grundlage des Gefühles nun auch die wissenschaftliche Ausbildung setzen. Aber er starb ebenfalls in dem ersten Jahre. Nach ihm übernahm mein Oheim, der Bruder des Vaters, die Erziehung. Dieser verwarf alles, was nicht nach seinem Ausdruke praktisch war. Praktisch war aber dasjenige, das er dafür erklärte. Ich mußte nun immer arbeiten, das heißt, wie er selber sagte, etwas hervor bringen. Das Hervorgebrachte aber mußte ein Sichtbares und Greifbares sein, das dem Staate und der menschlichen Gesellschaft nüzte. Er theilte mir Lehrer und Gehülfen zu, die selber arbeiteten, und mich zur Arbeit anleiteten. Die Einbildungskraft, und alles, was mit ihr zusammen hängt, nehmlich alle Kräfte, die zur Ausschmükung und Ergözung des Geistes dienen, hielt er strenge darnieder. Ich bin selber der Meinung, daß das heitere und freie Spiel jener Kräfte, die so schön und lieblich in der menschlichen Seele liegen, in Verbindung mit einer Thätigkeit, wodurch das irdische Gut für den einzelnen und so auch für die Gesellschaft hervorgebracht wird, den Menschen ganz und völlig erfüllt und glücklich macht; aber ich konnte beides zusammen nie erreichen, sondern immer nur eines allein; denn als ich aus der Erziehung des Oheims entlassen war, weil ich nun selbstständig in seiner Richtung vorwärts gehen konnte: that ich es nicht. Ihr wißt, wie sich lange niedergehaltene Kräfte rächen. Ich gab mich nun, da ich frei war, dem Zuge meiner Einbildungskraft und den Anregungen meiner sinnenden Kräfte unbedingt hin. Ich ließ die schönen Künste, und allerlei Schwelgereien der Gefühle ohne Maß auf meine Seele wirken. Wenn mir damals ein hochherziges edles starkes tieffühlendes Wesen entgegen getreten wäre, das aber auch im Schaffen und Wirken tüchtig gewesen wäre, daß sich die Fülle der Habe und Wohnlichkeit ergieße: ich glaube, ich hätte es nicht erkannt und gewürdigt. – Jetzt, da die Geschicke es weigern, könnte ich es wohl.
So wurde ich also durch Zufall, da ich meine Kräfte abgesondert und einseitig übte, ganz das Entgegengesezte von dem, was meine Erziehung bezwekte. Was weiter kam, war die natürliche Folge davon.
Im Kleinen war es ja auch ein Zufall, daß ich einmal mit den Schwestern Milanollo in einem Wagen fuhr, ohne sie zu kennen, und daß ich dann mit einem meiner damaligen Reisegenossen wieder zusammen traf, und sie mit ihm hörte.
Noch mehr aber wirkte der Zufall später, da ich mich von meinem Zimmernachbar in der Dreifaltigkeit getrennt hatte.
Ich wollte damals, als ich in Wien war, durch die vielen Verbindungen, die ich meinem Vater verdankte, eine Stelle erringen, die ich meinen Fähigkeiten angemessen erachtete; denn das ohnehin nicht große Vermögen von meinen Eltern sah ich durch mein schlenderndes Leben sich nach und nach dem Ende zuneigen. Ich hatte große Versprechungen und zehrte durch den langen Aufenthalt in der großen Stadt noch einen Theil von Zeit und Geld auf. Da erhielt ich den abschlägigen Bescheid und reiste nach Hause. Es war die äußerste Zeit, irgend etwas fest zu sezen. Nun fing ich sofort an, durch außerordentliche Thätigkeit und durch sehr geschikte Berechnungen, welch beides ich von meinem Oheime gelernt hatte, mir im Handel ein Vermögen zu erwerben. Ich hatte den Plan, mir mit demselben, wenn es einmal groß genug wäre, ein recht nettes Häuschen mit einer Landwirthschaft zu meinem künftigen Lebensunterhalte anzuschaffen, freilich, um wieder träumen zu können. Zu meinen Berechnungen, deren Stoff ich mir mühsam durch stettes Herumfragen und Reisen erworben hatte, trafen noch glükliche Umstände hinzu, die niemand ahnen konnte, die mein Oheim selber nicht ahnte, und die machten, daß ich mein Ziel viel früher erreicht hatte, als ich dachte. Ich kaufte das Häuschen, und da ich es eingerichtet hatte, da um das ganze Besizthum eine Einfriedigung lief, da ich die Bearbeitung meiner Grundstücke begann: machte ich eine Erbschaft, in welcher das alles viel reicher und schöner vorhanden war, als ich es mir je hätte einbilden können. Eine Tante, die älteste Schwester meiner Mutter, die mich einmal als Kind lieb gehabt hatte, die nach dem Tode ihres Gatten, eines reichen Mannes, einsam gelebt hatte, und dem Anscheine nach allmählich, ohne daß man die Ursache wußte, in tiefe Armuth versunken war, war mit Hinterlassung eines bedeutenden Reichthumes gestorben. Sie hatte schon seit Jahren in einem kleinen Stübchen gelebt, und sich nur mit dem Nothdürftigsten genährt und gekleidet. Sie nahm von der Familie nie etwas an, und wurde im Laufe der langen Zeit von uns fast vergessen, als wäre sie gar nicht mehr vorhanden gewesen. Ein großes äußerst reizendes Anwesen, welches ein Anwalt, der in ihrer Stadt lebte, bewirthschaftete, gehörte zu ihrem Eigenthume. Er verwaltete es nur unter der größten Verschwiegenheit, daß niemand wisse, daß sie Vermögen habe, und sie etwa in ihrer Abgeschiedenheit überfalle, und ermorde. Dieses Besizthum, welches die Tante Treulust nannte, obwohl das nahgelegene Dorf Reutschlag hieß, und wohin sie troz der großen Entfernung von ihrer Stadt jährlich einmal im tiefsten Geheimniße fuhr, hatte sie mir nebst einer beträchtlichen Summe Geldes, das zur ersten Einrichtung dienen sollte, als Erbtheil hinterlassen. Die Söhne meines Oheims bekamen als bloße verschwägerte Glieder der Familie jeder nur ein kleines Vermächtniß, und alles Uibrige, dessentwillen sie so bitterlich gedarbt hatte, das sie durch lange Jahre und ungeheure Mühe zusammen gebracht hatte, wurde milden Stiftungen zugewandt, und zwar nur solchen, die werkthätig zur Linderung menschlichen Leidens eingreifen. Das war der Zwek ihres Lebens gewesen. Das Testament meiner Tante hatte ein außerordentliches Aufsehen gemacht, theils der Willenskraft wegen, die mit einer solchen Verfahrungsart verbunden ist; theils des Gegensatzes wegen, da nach vermutheter Armuth ein solcher Reichthum zum Vorscheine gekommen war. Blos Treulust hatte für sie eine Schwäche dieses Lebens abgegeben: sie hatte den Siz mit vieler Freundlichkeit und mit einem Geschmake ausgestattet, den man der alten herben Frau nicht zugemuthet hätte, sie ließ das Besizthum immer im besten Baustande und Betriebe sein, und gab es endlich dem einzigen blutverwandten Wesen, das sie noch auf der Erde hatte, zur Erbschaft. Ich reisete, als mir diese Dinge durch die Gerichte bekannt gemacht wurden, nach meinem neuen Eigenthume, fand es unendlich herrlicher, als mein altes, verkaufte daher alles, was ich mir mit so vieler Mühe und so vielem Fleiße zusammen gerichtet hatte, und übersiedelte mich in meine neue Wohnstätte.
Ich hatte in meinen frühern dürftigen Zeiten ein sehr schönes Mädchen gekannt. Ich weiß nicht, ob ich es liebte, was man lieben nennt; jenes Lodern, Leiden und Sprudeln, was ich an meinen Freunden sah, wenn sie liebten, war nicht in mir; aber ich hatte es sehr gerne, wenn ich die schöne Mathilde sah, und mit ihr sprechen konnte. Ich näherte mich ihr, zeichnete sie aus, und gestand ihr einmal meinen Wunsch, ihr näher angehören zu wollen. Sie war nicht abgeneigt und sagte, daß sie gerne einwillige, wenn ich nur so viel habe, eine Gattin den Verhältnissen gemäß erhalten zu können. Ich hatte mir eben damals mein erstes Besizthum erworben, und legte ihr dessen Beschaffenheit vor. Sie erwiederte, es möchte doch vielleicht noch zu wenig sein. Als ich Treulust erhalten hatte, war freilich alles zu spät; denn die schöne Mathilde war bereits mit einem Schloßbesizer, der in einiger Entfernung wohnte, vermählt. Ich war verdrießlich, war übel gestimmt, und beschloß wenigstens jezt allein zu bleiben, und meinen Kohl zu bauen.
Ich begann es auch und die Sache fügte sich nach und nach zusammen.
In jener Zeit dachte ich wieder an die Schwestern Milanollo. Wenn ich nehmlich manchmal Abends, da meine Leute etwa gar schon zur Ruhe gegangen waren, oder hinten an den Wirthschaftsgebäuden saßen und plauderten, einsam in meiner grünen Stube saß, und nichts um mich war, als die schönen Kupferstiche, die ich von der Tante geerbt hatte, nahm ich gerne meine Geige aus ihrem Fache, und geigte mir etwas vor. Ich hatte nehmlich in jener Zeit, als ich meinen Träumereien gelebt hatte, die Geige spielen gelernt, und hatte manche Stunde mit meinem Meister vergeigt. Aber so schön wie Theresa geigte ich weder damals mit meinem Meister, noch jezt in meiner grünen Stube, obwohl ich eine aus alter Zeit stammende Cremoneser Geige besaß, und mir die besten Saiten kommen ließ, die auf der Welt zu haben waren.
Wir hielten damals unser vier Mitglieder zwei politische Zeitungen, nehmlich der Dechant zu Blumenau, der Forstmeister zu Olshag, der Schulmeister meines Dorfes und ich, da wir aber auch alle viere die Geige spielten, so wurde einmal, als wir uns bei einer Kircheneinweihungsfeier trafen, verabredet, daß wir alle Monate wenigstens einmal bei mir zusammen kommen, und ein Quartett einrichten wollten. Das Ding geschah und kam bald in den Gang. Wir übten uns in wenigen der bekannteren Tonsezer, und spielten gewöhnlich zuerst aus Haidn, dann aus Mozart, und endlich aus Beethoven. Wenn nun meine Mitspieler sehr zufrieden waren, und sagten, die Kirchenmusik in Blumenau und in Stromberg sei lange nicht so gut, als unsere Aufführungen, und die todten Meister könnten sich in ihrem Grabe freuen, daß sie so verehrt würden, und daß wir sie doch so gut vortrügen; dann dachte ich: ihr habt nie so gut spielen gehört, wie ich, und mögt euch immerhin freuen, ich kann es nicht. Ich ließ sie gewähren und verschwieg meine Gedanken. – Unsere Lust an der Sache ermattete aber endlich ein wenig, und die monatlichen Quartette schrumpften zu vierteljährigen ein, die wir aber auch da nicht immer abhielten, außer wir schikten uns eigene Einladungsbriefe dazu. Am Ende kam alles in Vergessenheit.
So waren mehrere Jahre vergangen, die ich mit Einrichtungen in Treulust verbrachte. Da dachte ich wieder an meine italienische Reise. Ich konnte sie jezt mit Bequemlichkeit machen. Meine Verhältnisse waren geordnet, ich hatte nichts zu erbauen, ich hatte keine Veränderungen vorzunehmen, und ich hatte keine Hoffnungen, die erfüllt werden sollten. In Tirol lebten zwei Freunde von mir, die mich beständig zu sich einluden. Der eine derselben hatte eine Musterwirthschaft, die schon oft von Reisenden und Zeitungen gelobt worden war. Ich konnte sie besuchen, dann weiter durch Südtirol gehen, und bei dieser Gelegenheit auch in Meran nach meinem alten Reisefreunde fragen; denn der Brief, den er mir über seinen neuen Wohnort zu schreiben versprochen hatte, war nie angekommen.
Ich machte wirklich in Folge dieser Gedanken im Winter meine Vorbereitungen. Ich machte sie freilich nicht mit jener großen freudevollen Hoffnung, wie ich sie vor mehreren Jahren gemacht hätte, wo mir mein Reiseziel noch so hold vorschwebte, und es an allen Mitteln gebrach. Ich weiß nicht, war ich nun um eben diese Jahre älter geworden, oder hatte ich mich so in mein Besizthum hinein gelebt, daß das Fortgehen davon schwerer war, als früher alle Reisen, wo ich eigentlich zwar immer irgend wo wohnte, aber nirgends zu Hause war. Indessen machte ich meine Anstalten doch noch immer mit gehöriger Lust, und besonders war es wohlthätig, daß jezt alle Mittel dazu vorhanden waren, die damals gänzlich gefehlt hatten.
Ich war gegen Anfang des Frühlings mit meinen Vorrichtungen fertig, und an einem sehr schönen Morgen fuhr mich mein Altknecht mit meinen liebsten Braunen, die ich ihm während meiner Abwesenheit recht auf die Seele band, auf einem Feldwege der nächsten Post zu.
Mein Plan war folgender: ich wollte erst in den Frühlingstagen reisen, um sie zu genießen. Eine kleine Zeit wollte ich bei meinen Freunden in Tirol zubringen, dann während des Sommers in Oberitalien verweilen. Gegen die mildere Herbstzeit zu wollte ich dann südlicher gehen, den Winter in Rom und den Sommer im Albanergebirge zubringen. Endlich wollte ich nach Neapel reisen, und im Winter dort, im Sommer aber auf Capri wohnen. Hiebei würde ich einmal Sicilien besuchen. Der dritte Winter würde in Florenz verlebt, und der nächste Frühling darauf würde mich wieder in der Heimath sehen.
Ist die Reiselust dann gelöscht, dachte ich, so bleibe ich zu Hause, erwacht sie wieder, so besuche ich dann andere Länder, da ich ja in meiner Behausung nichts zurück lasse, das sich nach mir sehnt.
Auf der Post nahm ich von meinem Knechte und von den Pferden Abschied, ließ alle meine Leute grüßen, trug ihnen genaue Obsorge über das Hauswesen auf, und fuhr dann, da mein Gepäcke indessen umgepackt worden war, in die fremden Länder hinaus.
Ich rükte nun an Berg um Berg, an Thal um Thal vorüber. Die Reise übte, wie es jede an dem Menschen thut, einen sehr wohlthätigen Einfluß auf mich aus. Das gleichmäßige Einerlei, in welches mich das ewige Betrachten des Getreidewachsens versetzt hatte, milderte sich, und erfüllte sich nach und nach mit den Mosaikstüken grüner Berge, weißer Städte, leuchtender Landhäuser, und vermannigfaltigte sich durch die tausend fremder Angesichter, die mir begegneten, fremder Trachten, die ich sah, und durch das fröhliche und seltsame Gewimmel, das die unzähligen Menschen dieser Erde treiben müssen, um dem Tage das Leben abzugewinnen, und dieses Leben dann doch wieder in der Schnelle zu vergeuden.
Es ist ein großer sonderbarer Anblik, dieses merkwürdige Geschlecht im Ganzen zu überschauen – wie es sich immer und immer geändert hat, und immer zu größerer Vollkommenheit zu gehen vermeinte. Wie mag es in den Millionen künftiger Jahre sein, wohin unser befangener Blik nicht zu dringen vermag – wer kann es wissen? Wenn man mit seinem Fühlen und Denken außer der Gegenwart steht, und von ihr nicht fortgerissen wird, so hastet alles in Unruhe, in Begehren und in Leidenschaft vorüber – manches schöne edle Herz lächelt uns an, daß man es liebt, und an sich drücken möchte; aber es geht auch vorüber: – – wenn man dann die Natur betrachtet, wie die Geselligkeit der Pflanzen über alle Berge dahin liegt, wie die Wolken ziehen, wie das Wasser rieselt, und das Licht schimmert – welch ein Treiben jenes, welch ein Bleiben dieses! Durch die Natur wird das Herz des Menschen gemildert und gesänftigt, durch das Wogen der Völker, sobald man einen tieferen Geist hinein zu legen vermag, wird es begeistert und erhoben. Da ich immer ein Einzelner war, der nicht hatte, was er lieben oder hassen konnte, lernte ich die Menschen in der Weltgeschichte kennen. Da waren sie anders, als sie sich immer in der nächstberührenden Welle geltend machen möchten. Was die Gegenwart oft als ihr Höchstes und Heiligstes hielt, das war das Vorübergehende: was sie nicht beachtete, die innere Rechtschaffenheit, die Gerechtigkeit gegen Freund und Feind, das war das Bleibende. Was ein Redner, von dem blossen Theile eines Ganzen ergriffen, seinen Zeitgenossen heftig predigte, ist in den folgenden Geschlechtsräumen anders, weit anders gekommen.
Mit diesen Gedanken fuhr ich die Straße des schönen Tirols hinan, und ließ diese Berge und Lasten auf mich einwirken, zwischen denen die Menschen herum gehen, und wie überall, während sie wähnen, nur für die nächsten Bedürfnisse zu sorgen, den Bau der Zukunft aufbauen. Und je nach der Güte oder Zerworfenheit der Gegenwart wird dieser Bau auch dauernder oder hinfälliger.
Ich fuhr durch das lange Innthal, und lenkte dann in das Pusterthal ein. Ich hatte den einen meiner Freunde besucht, und war eine Woche bei ihm geblieben. Die Zeit wurde verbracht, indem wir theils schöne landschaftliche Stellen besuchten, theils mit seinen Freunden zusammen kamen, theils die Land- und Alpenwirthschaft dieses Volkes besahen. Dann reisete ich wieder weiter und kam zu dem andern, der den berühmten Hof hatte. Ich blieb drei Wochen bei ihm. Ich schaute alles an, was da war, ich betrachtete die Arbeiten, ich ließ mir erzählen, und fertigte ein Buch an, in welches ich alles eintrug, was ich mir merken wollte. Mit der schönsten Erinnerung und mit dem Bilde eines edlen Mannes – denn in früheren Zeiten hatten wir uns doch nur sehr oberflächlich gekannt – verließ ich das Haus, und wandte mich nach dem südlichen Tirol.
Es gingen noch duftblaue Berge, glänzender Firn, dunkelnder Wald und grünes Gelände an mir vorüber. Ueber manchen rauschenden Bach mußte ich fahren, und an mancher freundlichen Häuserreihe mußte ich vorbei, bis ich eines Abends in Meran einzog.
Es waren sehr viele Fremde in dem Orte, die sich gewöhnlich im Sommer einfinden, um die ungemeinen Reize der Gegend zu genießen. Im Herbste, sagte man mir, kommen meistens noch mehrere, weil sie da eine Traubenkur zu gebrauchen pflegen.
Ich fragte, da ich nun da war, bei meinem Gastwirthe um Franz Rikar, so hieß nehmlich mein ehemaliger Zimmernachbar.
»Dieser Mann,« antwortete der Wirth, »ist schon sehr lange nicht mehr in Meran, er hat sich sehr einschränken müssen, es geht ihm sehr schlecht, und er hat sich an die Ufer des Gardasees zurük gezogen, wo er geboren ist.«
Als ich um den Ort fragte, sagte er, den wisse er nicht genau, wenn es aber nicht Riva sei, so müsse es ganz gewiß in der Nähe sein.
Als ich des Abends ein wenig in dem Städtchen herum ging, um es mir anzuschauen, fragte ich auch noch andere Leute, und erhielt fast überall die nehmliche Antwort, nirgends aber eine genauere.
Da ich diese Sache erfahren hatte, kam mir der Gedanke, den alten Mann nach Treulust zu schaffen. Er könnte, dachte ich, dort recht gut leben; ich bin ganz allein, er könnte unbeirrt sein, er könnte etwas thun, oder auch nicht; wenn ich zurük käme, könnte ich mit ihm reden und umgehen; vielleicht gewinne ich ihn gar lieb, kränke mich um ihn, wenn er krank wird, pflege ihn, und weine um ihn, wenn er stirbt.
Diese Gedanken und dieser Beschluß änderten meine bisherige Reiserichtung, ich ließ von dem Wege, den ich nach Mailand verfolgen wollte, ab, ließ meine Sachen auf ein eigens gemiethetes Fuhrwerk paken, und fuhr in demselben am andern Tage Morgens auf dem nächsten Wege nach Riva zu. Ich beschloß den Mann mit den nöthigen Schriften und mit Geld zu versehen, ihn auf den Weg nach Treulust zu geben, und dann meine Reisepläne wieder weiter zu verfolgen.
Als ich in Riva angekommen war, bewunderte ich nur ganz kurz die außerordentlich schöne Lage dieses Ortes, und erkundigte mich gleich nach meinem Manne. Allein in ganz Riva kannte niemand den Namen Rikar, und als ich den Mann beschrieb, war niemand vorhanden, der sich erinnern konnte, je einen solchen gesehen zu haben.
Ich stand also an dem ersten Hindernisse meines gutgemeinten Planes. Weil ich aber einmal so weit war, so beschloß ich gleich noch ein Mehreres zu thun. Ich beschloß, da man einstimmig gesagt hatte, er müsse in der Nähe von Riva wohnen, sofort einen beliebigen Bogen an den Riva-Ufern des Gardasees herum zu fahren, an allen Orten, wo ich Menschen vermuthete, anzuhalten, und zu fragen.
Zu diesem Zwecke miethete ich ein Schiffchen und einen Fährmann, der es lenken konnte. Ich besorgte Lebensmittel, wenn wir etwa länger an unwirthbaren Stellen verweilen sollten, barg meine Sachen in meinem Zimmer im Gasthofe, und beschloß, so bald als möglich meine Fahrt zu beginnen.
Dies geschah schon am nächsten Morgen, da sich mein Fährmann sehr früh eingestellt hatte. Wir begaben uns auf unsere sonderbare Reise, und wurden durch das herrlichste Wetter und manch anderes seltsame Ding belohnt. Was in mir von früheren Zeiten träumerisch war, war ganz geeignet gewekt zu werden. Für Freunde landschaftlicher Natur und Entwiklung ist eine solche langsame von häufigem Anhalten unterbrochene Fahrt an den Ufern bei weitem vorzüglicher, als eine längs der Mitte des Sees, wo alles, was schön ist, nur in allgemeinen Bildern unentfaltet vorüber rükt. Wir fuhren stets an den Gestaden. Bald war es ein großer unermeßlich scheinender Fels, den wir umschifften, und der wie ein Stük Alpe in das seichte Fahrwasser des Sees geworfen schien. An seinem Körper spielten die grauen Lichter und die violetten Schatten, und an seinem Fuße plauderten oder flüsterten die Wellchen, die unbemerkt und unablässig an seinem Korne wuschen. – Ein ander Mal war es wieder eine blendende Sandbank, die gegen das Dunkelblau des Wassers hinaus ging. Hinter ihr klomm das reine Grün empor, das wieder oben in Felsen überging, die dann blaulich in die noch blauere fast funkelnde Luft hinein dämmerten. Oft stach eine solche Zunge gleichlaufend mit dem Ufer weit in den See hinaus, und jenseits derselben lag das ruhigste dunkelblaueste Wasser wie ein geborgenes Band an dem Gürtel des Gestades dahin. Wenn wir dann in die Langbucht einfuhren, so entwikelte sich eine Hütte, ein Häuschen, ein Landsitz, wo wir früher nur einen mattgrauen oder schwachweißen Punkt gesehen hatten. – Oft wurde das breite Wasser des Sees ganz schwarzblau, unendlich dunkler, als die Luft, und längs des fernen Saumes glänzte, wie eine lichte Kalkwand, das Zierathenwerk der Felsen, und warf sein Gitter zauberhaft in die Fläche des schwarzen Spiegels. – Wenn wir manchmal eine Wand sahen, und meinten, sie sei weithin die glatteste rizenloseste Mauer, so that sie sich, wenn wir an ihr entlang fuhren, auf einmal auf, und trug in ihrer Faltung eine niedersteigende von dichtem Buschwerke bewucherte Furche, in der das klareste glasdurchsichtigste Alpenwasser nieder strömte. Und wenn wir dann um die Sandhügel, die sich heraus schoben, herum fuhren, und in die Bucht einlenkten, die sich darstellte, so sahen wir, daß der Schauplaz sehr groß sei, und an seinem Rande statt des grünen Wucherwerkes, welches wir erblikt hatten, riesengroße schöne Bäume trug, und in mancher Eke noch ein aus rohen Steinen oder Stämmen zusammen gefügtes Fischerhäuschen barg.
Mein Begleiter plauderte fast unablässig fort. Ich lernte sein seltsames Italienisch bald verstehen, und antwortete ihm darin, worüber er große Freude hatte. Er nannte mir alle Stellen, von denen er die Namen wußte, erzählte mir Geschichten, die oft sehr abentheuerlich und unglaublich waren, und zeigte, wie fast alle Südländer gewohnt sind, das lebhafteste Entzüken über sein schönes Land. Das erste Mal aßen wir zu Mittag auf unserem Schiffchen, das wir ruhig stehen ließen, und über dessen Borde wir ein Brett als Tisch legten, auf dem wir unsere Sachen ausbreiteten. Er that mir aus meiner Flasche Bescheid, und wurde noch gesprächiger und lustiger, als vorher. Da ich ihm den Zweck unserer Fahrt geoffenbart hatte, wurde er von dem Seltsamen des Dinges ergriffen, und so oft wir landeten, frug er in die Leute, die uns vorkamen, hinein, als müsse er ihnen den alten Mann um jeden Preis und mit Gewalt entreißen; und das Märchenhafte, daß ich nichts als den Namen Rikar wußte, ergözte ihn so, daß er nach jedem Punkte am Ufer spähte, und oft ausrief: »Dort liegt ein Haus, dort liegt eine Hütte, dort liegt ein Stein.«
Die Nacht brachten wir in einer einzeln gelegenen Herberge zu, die mit ihren schimmernden Mauern, gleichsam wie eine weiße Tafel, an die Felsen geklebt schien, und von einem ganz verwikelten Geländer des grünsten Weinlaubes umgeben war. Am andern Tage fuhren wir sehr früh ab, und sahen Riva, von dem wir gestern ausgegangen waren, wie kleine Papierstreifchen auf dem Wasser schwimmen.
Wir hatten alle unsere Vorbereitungen für den Gebrauch des Tages und für unser Mittagmahl wieder in das Schiffchen gethan, und fuhren das blaue schwellende Wasser dahin. An all den zahlreichen Stellen, an denen wir bisher gefragt hatten, hatten wir keine Antwort erhalten. Gespeist wurde wieder auf dem See.
Am Nachmittage gelangten wir in eine ödere Gegend des Wassers. Das Land stieg sanfter aber auch unfruchtbarer gegen den Spiegel herab. Wo der See seichter gegen die Ufer auslief, lagen viele große Steine in der Gestalt von Knollen und Platten in ihm. Am Gestade stand ein graues Haus, und über ihm am Rande der Landschaft, waren, wie überall, die Felsen.
Wir fragten in dem Hause, ohne eine Auskunft zu erhalten. Vielleicht, sagte man, wüßten die Fischer etwas, die weiter unten am Strande seien.
Da wir ein Weilchen gefahren waren, kamen uns die besagten Fischer zu Gesichte. Mehrere Männer standen mit hochaufgeschürzten Beinkleidern in dem seichten Wasser, und wuschen Schmutz und schwarzes Gras aus den Netzen, die sie stükweise aus den Fahrzeugen wikelten. Wir lenkten den Schiffsschnabel gegen sie, und fragten um Franz Rikar. Aber sie sahen uns sprachlos an, als ob sie sich auf eine Antwort besännen. Als ich, wie gewöhnlich, eine kleine Beschreibung von dem Manne gab, rief seitwärts eine feine knabenhafte Stimme: »Da kann ich vielleicht eine Antwort ertheilen.«
Wir sahen dahin, woher die Stimme gekommen war, und sahen einen Knaben auf einem der aus dem Wasser hervorragenden Steine stehen. Er gehörte nicht zu den Fischern, sondern hatte ihnen nur zugeschaut. Um das sehr schöne aber sehr braune Angesichtchen mit den großen italienischen Augen waren äußerst verwirrte und verwilderte Haare, der Hals und die Oberbrust waren nakt, dann hatte er ein rauhes Ziegenfell um die Schultern, zu einer Art Ueberkleid geheftet, aus dem die nakten Arme hervor ragten, deren einer einen oben gekrümmten unten mit der Spitze in das Wasser gestemmten Stab hielt. Die Beinkleider endeten mit zerrissenen Fetzen gleich unter dem Knie, von wo die nakten braunen Füsse bis zum grauen Steine nieder gingen. An einer Schnur hatte er eine runde hölzerne Flasche umhängen. Die Erscheinung war, wie ein kleiner Johannes in der Wüste.
»Nun, wenn du Auskunft geben kannst, redete ich, so sprich.«
Wir wendeten während dem unser Schiffchen etwas näher gegen ihn.
»Sagt, ist der Mann, den ihr suchet, alt?« fragte er mit seiner feinen klaren Stimme.
»So ziemlich alt,« antwortete ich.
»Nein, er ist sehr alt, sagte er; – und hat er immer, wie ihr sprecht, ein blasses Angesicht und ein schwarzes Kleid?«
»Ja,« erwiederte ich.
»Dann ist er es schon, sagte der Knabe, der ist es, der so wunderbar geigt, und auf den Anhöhen wohnt.«
»Er geigt?« fragte ich.
»Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie herzergreifend er geigt,« erwiederte der Knabe.
»Das ist ja nicht möglich, sagte ich, hast du ihn geigen gesehen?«
»Ich bin nicht bei ihm gestanden, da er geigte, antwortete der Knabe, aber ich habe ihn oft in der Ferne gehört. So geht er.«
Bei diesen Worten beugte sich der Knabe mit dem Oberleibe vor, und fing an, auf seinem Steine hin und her zu gehen. Ich erkannte augenblicklich in dieser Nachahmung den Gang meines Reisefreundes. Ich hatte ihn oft so gehen gesehen, ohne es mir besonders klar zu machen; der Knabe hatte es jetzt genau dargestellt.
»Ja, ja, der ist es schon, rief ich, der ist es schon. Ist er wohl sehr abgetragen und zerrissen?«
Der Knabe blikte mich stumm an, so daß ich sah, daß die Vorstellung von Ganz oder Zerrissen nicht in seinem Haupte sei.
»Nein, sagte er endlich, ich glaube nicht, daß sein Gewand zerrissen sei.«
»Nun, so weise uns nur an, wie wir zu ihm kommen,« sagte ich.
»Da müßt ihr noch um das Höllwasser fahren, antwortete er, seht, wo dort die Steine liegen. Ich werde auch hinüber gehen, und wenn wir drüben sind, werde ich euch schon hinauf weisen.«
Er zeigte hiebei dem Ufer entlang in der Richtung, in der wir zu fahren hatten. Es lag da ein großes Geröllwerk, wie es gerne entsteht, wo Gießwasser in den See gehen, Sand und Steine mitschleppen, und diese Dinge wie einen Wall an der Mündung liegen lassen, der von Ferne, wie ein blendendes Dreiek, aussieht. Während der Knabe auf diese Steine zeigte, beschrieb er zugleich mit seinem Arme sehr lebhaft einen Bogen, um anzudeuten, daß wir sie umfahren sollten.
Wir begannen die Fahrt, und zu gleicher Zeit hüpfte er am Ufer auf den Steinen neben uns her. Wir bemerkten dabei, daß der lange Stab, den er in der Hand hielt, eine starke eiserne Spitze habe, und daß er sich mit Hülfe desselben von Stein auf Stein schwang. Er that dies sehr behende und sicher, daß wir sahen, daß das Ding oft in einsamen Stunden seine Lieblingsunterhaltung gewesen sein mochte. Weil der Sandhügel ziemlich hoch und lang war, mußten wir zu seiner Umschiffung bedeutend weit in den See hinaus fahren, und sahen den Knaben nun von Ferne und ganz klein, wie ein graues Hüpfmännchen, in den grauen Steinen sich bewegen.
Als wir die Mündung umschifft hatten, stand er schon auf dem Rasen und wartete auf uns. Zugleich sahen wir mehrere Ziegen auf dem Grasgrunde, die zwischen den Steinen und dem wenigen Gestrippe kletterten, und zu denen er gehören mochte.
Da wir nahe genug waren, sagte er: »Da müßt ihr nun hinauf steigen, bis ihr in den Felsen, seht dort oben, in die Furche kommt, welche die Tiefspalte heißt – ihr könnt da wo immer empor steigen; denn alle Ziegenpfade des Grases führen in die Tiefspalte hinauf. In derselben müßt ihr fortgehen, bis ihr zu dem Häuschen des alten Hieronimus kommt. Es steht nur ganz allein in der Spalte. Da fragt wieder an, und der alte Hieronimus wird euch ganz gewiß zu dem Manne leiten, den ihr sucht.«
Da ich ihn fragte, ob er mich nicht selber durch die Schlucht, die er die Tiefspalte heiße, hinauf führen, und mir manches von dem Manne, den ich suche, erzählen könnte, antwortete er: »ich kann euch ja nicht hinauf führen, weil da die Ziegen sind, und von dem Mann kann ich nichts sagen, als daß er es schon ist, den ihr suchet.«
Da nun die Sonne noch sehr hoch stand, und ein bedeutender Rest des Tages übrig war, so beschloß ich nach der Weisung des Knaben das Abentheuer zu wagen, um entweder meinen Mann selber zu finden, oder doch etwas Näheres von ihm zu erfahren. Deßhalb wendete ich mich zu meinem Fährmanne und sagte: »Gerardo, die Flaschen, die da in dem Korbe stecken, sind Weinflaschen. Jede, wie du siehst, hat auf dem Halse ein Petschaft, welches auf dem Korke so angedrückt ist, daß man ihn nicht heraus nehmen kann, ohne die Buchstaben und die Zierden um dieselben zu verletzen. Wenn du es daher doch thätest, um ein wenig Wein zu trinken und Wasser nachzufüllen, würde ich es erkennen. Hier hast du eine Flasche, die darfst du trinken, die übrigen mußt du unberührt lassen; denn sonst würdest du betrunken werden, und müßtest mir den theuren Wein bezahlen. Nun merke auf, was ich dir sage. Ich werde jetzt da hinauf steigen, um in den Bergen nach unserm Manne zu fragen. Du mußt hier in dem Schiffe warten, bis ich entweder selber komme, oder dir einen Boten mit der Nachricht schike, was du thun sollst. Wenn bis zu dem Abende weder ich selbst komme, noch ein Bote erscheint, so fahre in das graue Fischerhaus zurück, oder sonst irgend wohin, und bleibe dort über Nacht. Am Morgen aber mußt du wieder auf diesem Plaze sein, und auf mich warten. Habe auf die Sachen Acht; ich will dir eine meiner Pistolen nebst Pulver und Blei zurük lassen, wenn du mit diesen Dingen umgehen kannst; verpuffe aber nicht etwa aus Kurzweile und Lustigkeit die Sachen auf dem See da, und loke dir die müßigen Leute auf den Hals. Habe auf alles Sorge, was ich sage, und sei klug.«
»Ja, ja, Signore, ich werde klug sein, sagte der freundliche Bursche; aber die Pistole brauche ich nicht, ich kenne die Ufer ohnehin recht gut. Ich werde auf euch hier warten, und wenn ihr bis Abends nicht kommt, und wenn auch keine Nachricht kommt, werde ich nicht ins Fischerhaus fahren, weil es mir nicht gefällt, sondern ich werde ein wenig in den See hinaus rudern, werde dort den Schiffspfahl in den Boden schlagen, und das Schiff daran binden. Dann werde ich mich auf die Rohrmatten legen und schlafen. Ich habe zwei wollene Decken mit, die sind gut. Es wird eine warme Nacht kommen und kein Wind sein, wie alle Tage her.«
»Gut, sagte ich, mache es, wie du willst.«
Ich nahm nun meine Ledertasche vom Schiffsboden auf, und hing sie um. Ich nahm mein Fernrohr, nahm die Pistolen, nahm eine Flasche Wein und etwas kalten Braten, stekte alles in meine Ledertasche, und stieg zu dem Knaben am Ufer aus, der mich mit einem wirklich außerordentlich schönen aber auch außerordentlich verwilderten Angesichte und mit verständigen Augen ansah. Ich gab ihm ein Geschenk, das er mit freundlichem Lächeln annahm.
»Lebt wohl, Signore,« rief mir mein Fährmann noch nach.
»Leb wohl Gerardo, antwortete ich, sei folgsam und obsichtig.«
Und nun begann ich auf dem kurzen und ziemlich unfruchtbaren Grase empor zu steigen, während meine zwei Gesellschafter, wie ich hinter mir hörte, ein Gespräch mit einander begannen.
Das Höllwasser mußte zu Zeiten seinen Namen recht wohl verdienen, da ein solcher Gräuel von Schutt und von Steinen neben mir lag, obwohl es jetzt so schwach und ohnmächtig, wie ein Kind in diesen Dingen dahin fädelte, jeden Stein umgehen, und in dem feinen Sande sich sein dünnes Rinnsal graben mußte.
Als ich eine Weile gestiegen war, und mir in der großen Hitze, die im Gebirge herrschte, der Schweiß kam, blieb ich stehen, und wendete mich um, um auf die zwei einzigen Wesen, welche ich in dieser Gegend verlassen hatte, zurück zu schauen. Ich nahm mein Fernrohr heraus, und richtete es, um sie besser betrachten zu können. Ich fand sie mit dem Rohre auch sehr bald. Gerardo lag bereits über die Sachen des Schiffes längelang ausgestreckt, das Antlitz nach aufwärts gekehrt, die Arme oberhalb des Hauptes geschlagen, die rothe Müze über die Augen gezogen, und von der warmen südlichen Nachmittagssonne beschienen. Er genoß auf diese Art fröhlich der süßen Ruhe, die den Menschen seines Standes und Landes nächst der Nahrung des Leibes, oder noch vielleicht vor derselben, das Höchste ist. Den Hirtenknaben fand ich auch, wie er gleichfalls auf der Erde zwischen den grauen Steinen lag, und sich wärmte. Außer diesen zwei Menschen und den wenigen Ziegen war in der ganzen Gegend nichts lebendiges zu schauen. Die Umgebung stimmte gerade so feierlich und lächelnd, wie sie immer im Süden ist, dazu. Ich ließ mein Rohr abwechselnd von dem einen, der auf dem blendenden Schiffholze lag, zu dem andern, der in die einförmigen Steine gelegt war, hin und her gehen. Von ihnen weg dehnte sich die tief dunkelblaue Fluth des Sees hinaus, die nur zeitweise eine weiße feurige Furche warf, oben stand der ebenfalls tiefdunkle Himmel, der zu dem Bilde gehörte, und an dem Rande woben die violetten duftigen Berge.
Da ich eine Zeit gestanden war, und mich erholt hatte, wendete ich mich wieder um, und verfolgte meinen Weg wieder weiter.
Ich kam nach und nach in die Schlucht, welche der Knabe angedeutet hatte. Es begannen aus dem Rasen sich Steine zu heben, die mich in den natürlichen Zwischenraum, den sie zwischen sich ließen, hinein lokten. Bald ging ich auf einem Pfade, zu dessen beiden Seiten hohe Felswände waren, aufwärts. Der Pfad hob sich dann selber an der rechtseitigen der Wände, und hatte links unter sich einen tiefen Grund, in welchem die Furche eines Gießwassers lief. Die Furche aber war nicht zu sehen, da die ganze Spalte, wie überall an den Ufern dieses Sees, mit dichtem Gebüsche und mit schlanken wuchernden Bäumen bedeckt war. Unter dem Geheimniße dieser grünen Decke hörte ich das Wasser, das jetzt sehr schwach war, fließen, ich hörte bald das Rascheln kleiner Abstürze, bald das Rieseln größerer Wasserfälle, während rechts von den Felsenmauern der brennende Sonnenstrahl auf mich fiel. So ging ich weiter.
In kurzer Zeit erblikte ich das Häuschen, von dem der Knabe gesprochen hatte. Es war schneeweiß, stand sehr nahe an dem Felsen, und schien von Weitem so flach zu sein, als wäre es mit dem Weinlaubgeländer, das hier überall um die Häuser läuft, an die Steine angebunden.
Da ich hinzu gekommen war, klopfte ich an die Thür, worauf eine Magd erschien, und mich um mein Begehren fragte.
Ich sagte, daß ich einen Mann mit Namen Hieronimus suche.
»Mein Herr heißt eigentlich Hieronimus Rüdheim, antwortete sie, aber die Leute, denen er schon vierzig Jahre Gutes thut, und die ihn betrügen, nennen ihn nur schlechtweg und undankbar den alten Hieronimus. Wartet ein wenig, ich werde es ihm gleich sagen.«
Sie ging hinein und schloß vor mir wieder die Thür.
Nach Kurzem öffnete sich dieselbe abermals, und ein alter Mann trat heraus, der den ganzen dichten Tirolerbart in blendend weißer Farbe trug. Er hatte einen schwarzen Rock an, der eine Tirolerjacke gewesen wäre, wenn ihn nicht seine Länge und Weite fast zu einer Kutte gemacht hätte. An der Brust blikten die breiten grünen Hosenträger hervor. Das dunkle Beinkleid reichte bis an die Knie, dort waren silberne Schnallen, dann kamen grüne Strümpfe und schwarze Bundschuhe.
»Was willst du denn?« fragte er mich, indem er unter der Thür stehen blieb.
»Unten am See hat man mir gesagt,« antwortete ich, »daß ihr mir über einen Mann Namens Franz Rikar Auskunft zu ertheilen im Stande seid.«
»Gehe herein, ich werde dir etwas zu essen und zu trinken geben,« sagte er.
»Hinein gehen will ich wohl,« antwortete ich, »da es hier vor dem Hause so heiß ist, trinken will ich auch, wenn ihr mir etwas gebt, aber essen kann ich nichts, da es von meinem Mittagmale noch gar kurz her ist.«
»Nun so gehe nur herein,« sagte er.
Ich trat, da er jezt von der Thür zurük wich, in eine Art Vorhalle ein, die stark gewölbt und sehr angenehm kühl war. Um einen eichenen Tisch, der in einer Eke stand, liefen Bänke herum, auf deren eine ich mich nieder ließ. Er sezte sich mir gegenüber.
»Marianne, rief er, bringe Wein, Brod und sehr frisches Wasser.«
Die Magd, welche sich im Hintergrunde der Halle beschäftigt hatte, entfernte sich, und brachte bald auf einem blanken Untersaze die geforderten Dinge.
»So, greife nun zu und stärke dich,« sagte er.
Ich schenkte mir Wein und Wasser ein, da ich in der That durstig war, trank, und nahm dann ein Schnittchen von dem weißen schönen Brote.
»Du willst also über Franz Rikar Auskunft haben?« sagte er.
»Nicht sowohl Auskunft, antwortete ich, als vielmehr den Weg zu seiner Wohnung wünschte ich zu erfahren. Wir waren einmal Reisegenossen, dann waren wir ein ander Mal sehr lange Zeit Zimmernachbarn, und versprachen, da wir schieden, daß wir uns, wenn einer in die Nähe des andern käme, besuchen wollten. Da ich nun zufällig durch diese Gegend reise, und in Erfahrung gebracht habe, daß er hier herum irgend wo wohne, so möchte ich mein Wort lösen, und ihn besuchen.«
»Du bist wahrscheinlich sein Freund von Wien her,« sagte der alte Mann.
»Ja, so ist es,« antwortete ich.
»Ich kann dir schon den Weg zu ihm zeigen, sagte er, und werde ihn dir zeigen; aber sage, wer hat dir denn Anweisung gegeben, daß du mich um Franz Rikar fragen sollst?«
Ich beschrieb ihm den Hirtenknaben, und sagte, daß mich derselbe in die Schlucht zu ihm herauf gewiesen habe.
»Der Knabe Giuseppe hat schon recht,« sagte er, »ich kenne den Franz Rikar sehr gut, und will ihm wohl. Er wird eine große Freude haben, dich zu sehen. Trinke deinen Wein aus, iß noch ein Stückchen von dem Brote, dann werde ich dir den Weg zu ihm zeigen.«
»Ich habe keinen Hunger,« antwortete ich, »und den Durst habe ich mir auch schon gelöscht. Wenn ich aber hier einen Boten haben könnte, der zu dem See hinunter ginge, wäre es mir lieb; denn ich habe einen Fährmann unten gelassen, dem ich gerne eine nähere Bothschaft schiken möchte, vorausgesezt, daß es zu Franz Rikar so weit ist, daß ich heute von ihm nicht mehr zu dem See zurük kommen kann.«
»Es ist so weit,« erwiederte er, »daß du von hier aus wohl bis Sonnenuntergang brauchen wirst, um zu ihm zu gelangen. Ich kann dir keinen Boten geben; denn dies Haus ist das einzige in der ganzen Gegend, und ich bin ganz allein mit der Magd auf der Sommerkühle heroben. Wenn mein Hausmeier oder sonst jemand von meinen Leuten zugegen wäre, würde ich ihn dir zu Rikar mit geben, oder zu dem See hinab schiken, wie du wolltest. So aber kann ich es nicht. Wenn du daher mit deinem Fährmanne nichts Bestimmtes verabredet hast, so steige wieder zu ihm hinunter, und schiebe den Gang zu Rikar auf morgen auf.«
»Ich habe eben so viel mit ihm verabredet,« antwortete ich, »daß es nichts macht, wenn ich heute nicht mehr zu dem See hinunter komme; ich hätte ihm nur gerne eine ganz genaue Nachricht übersendet.«
»Nun das kannst du halten, wie du es für gut findest,« sagte er. Während dieses Gespräches hatte ich mir, um seinen Willen zu thun, noch ein Bischen Wein eingeschenkt, ihn getrunken, und ein Stükchen Brod dazu gebrochen. Nun aber drükte ich meinen Wunsch aus, aufzubrechen, um mein Ziel zu erreichen, und bat ihn mir den Weg, wie er versprochen habe, zu zeigen.
»Da mußt du mit mir auf die Gasse heraus gehen,« sagte er, »trinke noch einmal auf glükliche Wanderung, und schlage dann genau den Weg ein, welchen ich dir erklären werde. Grüße mir Rikar, und sage ihm, daß ich dir den Weg zu ihm gezeigt habe.«
Ich nahm meinen Hut von der Bank auf, er stieß mit mir auf glükliche Reise an, und wir gingen dann auf die Gasse hinaus.
»Du hast eigentlich,« sagte er, »den längsten und unbequemsten Weg eingeschlagen, der von dem See zu Rikar hinauf führt; aber da du einmal da bist, mußt du schon auf ihm fortgehen. Schreite von hier gar durch die Schlucht empor. Sie wäre oben geschlossen, daß man gar nicht hinaus könnte, aber ich habe der Aussicht wegen Stufen in die Steinwulst schlagen lassen, die quer über sie liegt, und diese Stufen steige hinan. Wenn du oben bist, schaue nach der Gegend, nach welcher die Sonne geht. In diese Gegend gehe du auch. Zur Sicherheit der Richtung wirst du einen Berg sehen, der so aussieht, als ob er auf seinem Gipfel rothe Steine hätte. Auf diesen Berg gehe zu. Wenn du ihn erreicht hast, lasse ihn zu deiner rechten Hand, und gehe fort. Du wirst dort auch einen getretenen Pfad finden. Wenn du den Berg hinter dir hast, gelangst du auf eine Haide, auf welcher sehr viele graue Steine liegen. Dort ist wieder kein Pfad. Gehe aber durch die Steine immer der untergehenden Sonne nach. In einer Weile wirst du einen Stein sehen, der viel größer ist, als alle andern; du wirst ihn auch daran erkennen, daß er schwarz ist, und auf seinem Gipfel eine verdorrte Fichte trägt. Er ist der einzige Stein in der Gegend, auf dem eine Fichte ist. Bei diesem Steine brich deinen Weg ab, und gehe gerade nach der Richtung deines rechten Armes in das Thal hinein, das du sehen wirst. Du wirst da auch bald einen guten Weg finden, auf dem gehe fort, er führt dich um eine Felseneke, und da wirst du grüne Bäume und weißes Mauerwerk sehen, da ist es, wo Franz Rikar wohnt. Während du aber auf der Bergebene fortgehst, mußt du auch noch eine andere Maßregel beobachten. Schaue öfters auf die Steinwulst zurük, durch die meine Schlucht geschlossen ist, du wirst sie sehr leicht erkennen; denn sie sieht wie ein gehobener Bühel aus. Diesen merke dir. Die Steine auf dem Hochlande sehen einer dem andern gleich, und wenn du daher die Anzeichen, die ich dir gegeben habe, nicht finden solltest, und wenn dir daher der Weg zu Rikar verschlossen wäre, so kehre wieder zu dem Bühel zurük, steige die Stufen herab, und bringe die Nacht bei mir zu. Morgen kann ich dir einen Wegweiser mit geben. So – jetzt lebe wohl, schreite rüstig deines Weges, und habe auf das Acht, was ich dir gesagt habe.«
»Lebt wohl,« erwiederte ich, »und habt Dank für die Erquikung, die ihr mir gereicht, und für die Erklärung, die ihr mir gegeben habt.«
Ich reichte ihm die Hand, er schlug ein, indem er die Worte sagte: »Mit Gott, mit Gott.«
Ich stieg die par Stufen, die von seinem Hause zu dem Pfade hinab führten, hinunter, und er schaute mir nach. Als ich dann eine kleine Streke in der Schlucht weiter hinaufgegangen war, und umschaute, stand er nicht mehr auf der Gasse, sie war leer, und die dunkelbraun angestrichene Thür war zu.
Ich dachte, während ich so fortging, ich hätte wohl um Näheres über Franz Rikar fragen können, ich hätte dem wohlwollenden alten Manne meinen Plan entdeken können, er würde mir gewiß mit den besten Mitteln an die Hand gegangen sein, wie ich ihn ausführen könnte. Allein anderseits war das Gefühl von Scheu, welches mich jedes Mal zurük hielt, wenn ich den Mund öffnen wollte, auch natürlich, und ich konnte ja zuerst bei Rikar selber sehen, wie die Sachen ständen, und konnte dann um so sicherer den Weg ermitteln, der betreten werden mußte.
Mit solchen Gedanken ging ich den Rest der Schlucht empor. Sie wurde enger und ungangbarer, aber auch seichter und unfruchtbarer. Ich sah von ihrem oberen Theile ihre ganze Länge hinab. Sie lag wie ein grünes Samtbändchen, zum See hinunter. – Endlich kam ich auch zu den Stufen, von welchen der alte Mann gesprochen hatte. Es wäre wirklich unmöglich gewesen über den Steindamm, der sich quer über die Schlucht strekte, hinaus zu kommen; allein die Stufen, die schief und in einer künstlichen Wendung über ihn gehauen waren, machten die Sache leicht. Ich stieg über sie hinaus, und stand bald auf der obersten Höhe des Bühels.