Zwei Schwestern

Adalbert Stifter · Kapitel 1 von 2 · Teil 2/3

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Zwei Schwestern

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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Hier war es ganz anders, als unten. Die Fruchtbarkeit hatte ganz und gar und völlig aufgehört. Der Grund war mit dem grüngrauen Filze bedeckt, den ich oft auf Steinen angetroffen hatte, nur war er hier noch um vieles schaler und schwächer, als irgend wo. Aber die Aussicht, von welcher der Greis nur im Allgemeinen geredet hatte, war außerordentlich schön. Sie ging größtentheils nur in die Gegend, gegen welche ich wandern sollte. War ich schon unten am See von den manigfaltigen seltsamen Dingen, die ich angetroffen hatte, ergriffen, so war ich hier vollständig hingerissen, und ich kann sagen, in der Tiefe meiner Seele entzükt. Die Maler haben eigentlich diese Dinge noch nicht gemalt; denn da war kein Baum, kein Gesträuchlein, kein Haus, keine Hütte, keine Wiese, kein Feld, sondern nur das sehr dürftige Gras und die Felsen – gewiß wenige Künstler hätten das für die Aufgabe eines Meisters gehalten, wenn sie nicht früher die Erfahrung gemacht hätten, wie so unaussprechlich die düstere Schönheit solcher Oeden auf die Seele des Menschen zu wirken vermag. In allen Stufen des matten Grün, Grau und Blau lag das fabelhafte Ding hinaus; schwermüthig dämmernde schwebende webende Tafeln von Farben stellten sich hin, und die Felsen rissen mattschimmernde Lichtzukungen hinein; und wo das Land blos lag, und etwa nur Sand und Gerölle hatte, drangen Flächen fahlen Glanzes oder sanft gebrochene Farbtöne vor. Draußen über allem duftete ruhig und schwach röthlich ein Berg, der die rothen Steine enthalten mochte, von denen der Greis gesprochen hatte. Von ihm gingen zwei langgestrekte feurige Wolkenbänke weg, die von der bereits zum Untergange neigenden Sonne angezündet waren, und das schwache trübe Grün des südlichen Himmels neben sich hatten, das so sanft glänzte, und oben in ein flammendes Blau überlief. Alles das hätte schon genügt zu der Größe des Bildes: aber weit links von mir lag noch zwischen den Felsen ein grauer sanfter Strich durch den Himmel, der die Ebene der Lombardie war.

Gewohnt an die lieblichen Höhen meines Vaterlandes, wo Obstbaum an Obstbaum steht, Wäldchen sich mit Wäldchen ablöset, grüne Wiesen dazwischen ansteigen, und das Gold der Weizenfelder leuchtet, wo kein Pläzchen unbenüzt ist, ohne daß ein Kräutlein oder Baum steht, wo Quellen und Bäche in Menge rieseln, manche klare Flüsse und Ströme ziehen, und weit draußen das sanfte Blau der Gebirge geht, hatte ich keinen anderen Begriff von Schönheit der Landschaft, als, daß sie so sein müsse – ja in einem schönen Lande lebend, achtete ich nicht einmal sonderlich auf derlei Reize: aber hier stand ich in einer Oede, wo alles fehlte, wo gar keine Mittel waren, etwas darzustellen, und wo sich doch eine so ruhige Schönheit zeigte, als legte die Natur ein einfach erhabenes Heldengedicht vor mich hin. Ich war gleichsam gebeugt, und die Lautlosigkeit um mich rükte erst alles recht in die Weite und Breite, daß ich mich verlor. –

Ich ging endlich von diesem Plaze auf die Ebenen von Grasund Steinboden, die sich vor mir erstrekten, hinaus. Ich ging der nach Untergang strebenden Sonne nach. Vorher hatte ich noch einen Blik zurük gethan, ob ich meinen See sehen könnte. Wie eine blaue Sichel lag ein Stük von ihm zwischen rothen Bergen, und da hier die Aussicht beschränkter war, verschwand dasselbe beim ersten Schritte, den ich noch vorwärts that.

Ich beschloß nun, recht tüchtig darauf los zu gehen, um bei Zeiten an meinem Ziele anzulangen.

Ich ging ohne Pfad auf dem festen prallen Grasboden fort.

Das sah ich sehr bald, daß der Greis mit seiner Warnung recht hatte, die besagte, daß ich öfters auf den Bühel zurük schauen und ihn mir merken solle; denn wie sehr sich die Felsen auf dieser Berghalde, auf der ich offenbar fortging, glichen, kann nur der ermessen, der schon in solchen Gegenden gegangen ist. Wenn man daher die Richtung verliert, und kein Merkmal hat, an dem man sie wieder gewinnen kann, so könnte man in jeder beliebigen falschen gehen, ohne es zu wissen. Allein das Merkmal, welches mir der Greis angegeben hatte, war sehr deutlich zu erkennen, denn der Bühel unterschied sich durch seine eigenthümliche wulstige und getriebene Gestalt von allen Höhen, die ich sah.

So bin ich denn neugierig, dachte ich, wie ich in diesen wilden Gegenden, durch die ich gehe, den einfachen harmlosen Mann finden werde, auf dessen Werbung ich aus bin.

Die Felsen zogen sich neben mir zurück, und hatten bald lichtgold'ne Stellen bald blauliche Schatten. Den Dunststreifen der südlichen Ebene hatte ich bald in kleinen Stükchen zwischen Felskuppen, bald war er ganz verschwunden. Er wurde durch den feurigen Ball der Sonne, der über ihm schwebte, nur noch dunstiger, flimmeriger und leuchtender.

Ich hatte ein par Male den lächerlichen Einfall, eine Pistole los zu drüken, um die Wirkung unter dieser Steinbevölkerung zu beobachten; aber ich that es doch wieder nicht, weil ich eines Theils wirklich nicht mehr kindisch genug zu dieser Handlung war, und weil mich andererseits das Gefühl zurük hielt, diese einsame Ruhe, die überall und allüberall herrschte, zu stören.

Den rothen Berg meines Wegerklärers hatte ich unausgesezt vor mir, und das Eisengestein, welchem er seine Farbe verdankte, wurde von einer Zeit zur andern immer deutlicher, so daß es endlich beinahe greifbar bei mir war.

Als ich wieder einmal etwas lange auf meinen Bühel zurük schaute, den mir der Greis Hieronimus als Rükmerkmal angegeben hatte, und dann mich zum Weitergehen wieder umwendete, sah ich die Sonne in einer zakigen Felsenmauer im fernen Westen untergehen, gleichsam in die Zaken zerfallen; aber diese Erscheinung war nicht geeignet, mir Unruhe oder Besorgniß einzuflößen; denn ich erreichte so eben den rothen Berg, ließ ihn an meiner rechten Hand, und ging auf dem Pfade neben ihm fort. Auch konnte mein Ziel nicht mehr ganz ferne sein, da der Greis gesagt hatte, daß ich es bis Sonnenuntergang erreichen werde, und ich mir eben keine gar große Langsamkeit im Gehen vorwerfen konnte.

Von dem Berge kam ich auf die kleine Haide hinaus, welche Hieronimus voraus gesagt hatte, und ging wieder auf festem Grasboden zwischen häufigem fast metalldichtem Gesteine dahin.

Als ich eine Weile so gewandert war, stellte sich auch das lezte Merkmal, das mir angegeben worden war, dar, der schwarze Stein mit der verdorrten Fichte. Er war auf viele Schritte Entfernung kennbar, da er der einzige solcher Art in großer Umgebung war. Als ich zu ihm hinzu gekommen war, hatte ich einen seltsamen Anblik. Hoch im zartgoldenen Abendhimmel gerade über dem feinen Gerippe des dürren Baumes schwebte ein Adler, wie eine dunkle Fliege anzuschauen, und am Fuße des Steines in dem Schatten desselben, den er von dem Abendlichte warf, saß ein Mädchen. Ich konnte nicht erkennen, ob es schön sei, und wie es gekleidet sei, da die ganze hochgelbe Glut des Abends in mein Angesicht fiel, und mich blendete; aber so viel erkannte ich doch, daß die Kleider weiß waren, und daß die Gestalt noch der Jugend angehörte. Das Mädchen saß ganz einfach da, wie auf einem Spaziergange begriffen, und hier ein wenig der Ruhe genießend. Daß es so unbekümmert da saß, bewies mir auch, daß ich schon sehr nahe an menschlichen Wohnungen sein müsse.

Ich ging etwas näher, und fragte, in welcher Richtung ich zu der Wohnung des Franz Rikar komme.

Das Mädchen hob den Kopf ein wenig empor, um mich anzuschauen, dann sagte es in einer wunderschönen deutschen Sprache: »Wenn Sie zu Ihrer Rechten in die Thalebene hinein gehen, so werden Sie bald Bäume und unter ihnen ein Haus sehen, in welchem Rikar wohnt.«

Das war genau die Weisung, welche mir der Greis gegeben hatte. Ich dankte daher, und wendete mich rechts, wie sie sich ausgedrükt hatte, in die Thalebene.

Es war wirklich eine Thalebene, gleichsam eine Niederung von der Haide aus in den Gebirgskörper hinein geschnitten. Auf der Erde hatten die Farben des Tages aufgehört, die Felsen waren unbestimmt, der Rasen wurde dunkler, und nur in der Luft schwamm das helle flüssige Gold des Himmels über die Dinge dahin. Ich fand hier auch den Weg, welchen mir Hieronimus vorausgesagt hatte. Als ich ein Weilchen darauf gewandert war, bog ich um eine Felseke, und sah nun auch die Bäume. Ein Baum muß auf diesem Hochlande eine solche Seltenheit sein, daß ich nun recht wohl begriff, daß er als ein vorzugsweises Merkmal der Wegerklärung angeführt werde; ich begriff es um so mehr, da die Bäume, welche sich mir eben darstellten, meinen Augen so unsäglich wohl thaten. Sie waren sehr groß, mußten bedeutend alt sein, und schienen in Kastanien, vielleicht mit Obstbäumen untermischt, zu bestehen. Auch das Mauerwerk sah ich, so viel es der Abend zuließ, zwischen den Bäumen hervor schimmern.

Ich ging auf dem Wege fort, und sah bald, daß das Thal sich nach Innen erweitere, und einen ziemlich offenen freien Plaz bilde.

Nach einer Zeit kam ich zu einem Garten, an dessen Gitterthore der Weg endete. Das Gitter stand offen, und ich ging in den Garten hinein. Ein breiter Weg führte in gerader Richtung auf das Haus zu. Wahrscheinlich, dachte ich, ist dieses das Haus, welches mir der Greis und das Mädchen als unter den Bäumen stehend und als Wohnort des Franz Rikar bezeichnet hatten – und ist es dasselbe nicht, so können mir wenigstens seine Bewohner angeben, wo ich Rikar finde. Ich ging also auf das Haus zu. Ich ging zwischen Kastanien, dann zwischen Obstbäumen, und endlich zwischen Gemüsebeeten und Lattenobst hin. Als ich an das Ende des Weges gekommen, und die einigen Stufen, die zu dem Hause empor führten, hinauf gestiegen war, befand ich mich an einem großen eisernen Gitter, hinter dem eine geräumige Halle war, wahrscheinlich der gemeinschaftliche Eingang des Hauses.

Der Abend war ganz still, hinter dem Hause hörte ich das Rauschen eines Springbrunnens, und in der Halle zündete ein altes Mütterlein eine Hängelampe an.

Die Fäden dieses Lichtes spannen sich in den Garten heraus, der durch sie auf einmal viel dunkler wurde. Die Züge des alten Mütterleins waren sehr schön, wie man sie oft auf italienischen Gemälden an Matronen antrifft, und in dieser Lage war das Mütterlein selber schier ein Gemälde, da es von oben herab recht schön beleuchtet wurde. Ich stand an dem Gitter, legte mein Angesicht zwischen die Stäbe, und sah hinein.

Als sie mit ihrem Geschäfte fertig war, erhob ich meine Stimme, und sagte: »Verzeiht, daß ich euch anrede; ich bin ein Fremder, bin erst in der Abenddämmerung hier angekommen, der Weg hat mich an das Gitter geführt, und ich möchte gerne eine Frage thun.«

Das Mütterlein wendete sich rasch von ihrem Schämel gegen mich und sagte: »So fragt nur.«

Dieses Wort hatte sie in einem reinen Italienisch gesagt.

»Ich suche einen Mann Namens Franz Rikar,« antwortete ich hierauf, »welcher hier irgendwo wohnen soll. Wenn ihr ihn kennt, oder sonst etwas von ihm wisset, so könnt ihr mir vielleicht Auskunft geben.«

»Freilich kenne ich ihn,« sagte sie, »und ihr dürft nicht mehr weit zu ihm gehen; denn er wohnt hier. Bleibt nur eine Weile stehen, ich werde es ihm sagen, daß ihn jemand sucht, und wenn er euch kennt, wird das Gitter aufgesperrt werden.«

Nach diesen Worten ging die alte Frau fort, und verschwand in dem Hintergrunde der Halle, war sie nun durch eine Thür hinein gegangen, oder über eine Treppe empor gestiegen.

Obwohl sie italienisch gesprochen hatte, hatte sie meine deutschen Worte doch sehr gut verstanden.

Ich blieb an dem Gitter und wartete.

Nach einiger Zeit kam die Frau wieder zum Vorscheine, und hinter ihr ging ein Mann, der eine brennende Kerze trug. Ich erkannte ihn sogleich, es war mein alter Zimmernachbar aus dem Gasthofe zur Dreifaltigkeit in Wien. Ich fand ihn ganz den nehmlichen, er hatte wieder schwarze Kleider, und der Frak sah aus, als wäre es derselbe, den er damals getragen hatte. Er ging über die Breite der Halle, das Licht vor sich her tragend. Als er zu mir gekommen war, hob er die Kerze in die Höhe und leuchtete mich an.

»Gott grüße euch, Herr,« sagte ich zu ihm, »ihr seid es schon, den ich suche; seht, ich habe Wort gehalten, und bin bei meiner Reise zu euch gekommen.«

»Ja wohl, Cornelia,« antwortete er, »den Mann kenne ich sehr gut, den kenne ich sehr gut, mache nur schnell auf.«

Das Mütterlein öffnete, und ließ mich hinein.

»Seid mir vielmal gegrüßt,« sagte er zu mir, »seid mir vielmal gegrüßt; es freut mich sehr, daß ihr mich alten Mann nicht vergessen habt, und gar zu mir auf die Haide herauf gegangen seid. Ihr habt mir immer Liebes gezeigt, seid immer freundlich gewesen, und nun kommt ihr gar in die Oede, mich zu besuchen. Seid mir vielmal vielmal gegrüßt.«

Mit diesen Worten hatte er mir die Hand gereicht, welche er frei hatte, und hatte die meinige sehr freundschaftlich gedrükt.

»Seid mir ebenfalls auf das Herzlichste gegrüßt,« sagte ich, »ich bin recht gerne zu euch herauf gestiegen, und freue mich, euch so wohl zu finden.«

»Ich habe hier alles, was ich brauche,« sagte er, »aber ich bin auch so einfach, wie ich es kaum in meinem Stüblein in der Dreifaltigkeit war, wißt ihr, dessen Fenster auf den Ziehbrunnen des Hauses hinab gegangen sind. Seid ihr von Sanct Gustav herauf gestiegen?«

»Ist Sanct Gustav eine Ortschaft?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er.

»Dann bin ich nicht von dort herauf gekommen,« sagte ich, »ich bin von dem See herauf gekommen, und bin durch eine Schlucht gestiegen, in welcher das Häuschen eines Mannes Namens Hieronimus Rüdheim steht. Er hat mir den Weg zu euch erklärt, und hat gesagt, daß ich euch von ihm recht schön grüßen solle.«

»Ich danke, ich danke, das ist ein treuer Freund,« antwortete er. »Also von dem See seid ihr herauf gekommen, das ist ein sehr langer und wilder Weg. Aber wie habt ihr mich denn ausgeforscht, daß ich hier bin?«

»Ich habe in Meran nach euch gefragt,« sagte ich, »und man hat mich an den Gardasee gewiesen. Dort habe ich wieder geforscht und habe euch so gefunden.«

Ich wollte ihm die näheren Umstände meines Forschens am See nicht genauer angeben.

Während dieser Worte waren wir theils in der Halle gestanden, theils waren wir langsam über dieselbe gegangen. Jezt befanden wir uns am Fuße einer Treppe. Das alte Mütterlein hatte sich gleich, nachdem es das Gitter geöffnet und geschlossen hatte, entfernt.

»Steigt nun herauf in meine Stube,« sagte er, »und sizt wieder ein wenig bei mir, wie einstmals. Steigt nur herauf.«

Mit diesen Worten begannen wir die Treppe empor zu steigen. Er ging voraus, hielt aber das Licht immer seitwärts, daß ich alle Stufen deutlich sehen konnte. Derlei Höflichkeiten hatte er immer gehabt. Als wir das erste Stokwerk erreicht hatten, kamen wir in einen Gang. Wir gingen in demselben eine Streke fort. Hierauf öffnete er eine Thür und hieß mich eintreten. Ich that es, und befand mich in einer Stube, die für einen einzelnen Menschen eingerichtet war. Auf dem Tische stand eine Lampe, und er stellte die Kerze dazu.

»Wir werden hier den Abend zubringen, wenn es euch gefällig ist,« sagte er, »und wenn die Schlafenszeit kömmt, werde ich euch schon in ein Zimmer führen, in welchem ihr ruhen könnt. Legt die Ledertasche ab, die ihr an einem Riemen umhängen habt, legt den Hut ab, und setzt euch hier in diese guten Kissen nieder.«

Ich war nicht unbedeutend müde, namentlich hatte mich das unbequeme Gehen in den Steinen angegriffen, und ich folgte daher seiner Einladung gerne.

»Ihr müßt verzeihen,« sagte er nach einem Weilchen, »daß ich euch eine kleine Zeit allein lasse. Ich muß einige Anstalten machen, dann werde ich gleich wieder kommen.«

Mit diesen Worten verließ er mich, und ging zur Thür hinaus.

Als ich allein war, benüzte ich die Zeit, mich ein wenig umzuschauen, wie es hier aussähe. Der Mann selber war nicht gar abgetragen; freilich war sein schwarzer Anzug nicht neu und vornehm, aber das war ich an ihm gewohnt, da er ihn beständig trug. Die Dinge, welche ihn in diesem Zimmer umgaben, waren ebenfalls nicht ärmlich. Uiber den Tisch, der die Lampe trug, war ein feiner Teppich gebreitet, der erst kürzlich gestikt worden sein mußte; unter dem Tische stand ein weicher gefütterter Fußschemel, der ebenfalls Stikerei zeigte; die Sizgeräthe waren mit grünem Leder, und wie ich an meinem Sopha empfand, sehr gut gepolstert; alles übrige war sehr anständig; und auf dem Schreibtische standen sogar einige Ziergegenstände, die unter die aufgeschlagenen Bücher und umherliegenden Schriften gemischt waren.

In Folge dieser Beobachtungen beschloß ich, den Abend bei ihm ohne irgend einer weiteren Maßregel zuzubringen. Morgen, dachte ich, würde ich schon sehen, bei wem er hier sei, und wie ich meine Handlungen einzurichten hätte.

Als ich mit meinen Betrachtungen und Vorsäzen fertig war, kam er wieder bei der Thür herein. Er sezte sich zu mir auf das Sopha, genau so, wie er es in der Dreifaltigkeit immer gethan hatte, wo er es nicht leiden konnte, wenn einer von uns auf einem Sessel saß.

»Ihr seid also wahrscheinlich auf eurer italienischen Reise begriffen?« sagte er.

»Ja,« antwortete ich; »was ich einstens gar nicht mehr gehofft hatte, ist durch einen Zufall möglich geworden; ich kann jezt mit Ruhe und auf längere Zeit jenes Land besuchen.«

Ich erwartete nun, daß er etwas von dem Briefe sagen, und sich entschuldigen würde. Er that es aber nicht.

»Es scheint euch sehr gut gegangen zu sein, seit wir uns damals in Wien trennten,« sagte er, »ihr seht vortrefflich aus, und seid ein sehr stattlicher junger Mann geworden.«

Ich konnte von ihm zwar nicht ganz dasselbe sagen, er kam mir noch magerer vor, aber es schien doch eine gewisse Heiterkeit und Fröhlichkeit in ihm zu sein.

»Ja,« antwortete ich, »es ist mir in der lezten Zeit sehr wohl geworden, und ich glaube, daß ich nun für die ganze Dauer meines Lebens gesichert bin.«

Er lehnte sich auf den Tisch, sah mich mit treuherzigen Augen an, und sagte: »Das freut mich sehr, es kann gewiß niemanden geben, den es so freut, als wie mich.«

»Und wie habt denn ihr seit der Zeit gelebt, seit der wir uns nicht gesehen haben?« fragte ich ihn.

»Ich bin nicht mehr krank gewesen, seit ich jenes Uebel in der Dreifaltigkeit ausgestanden hatte,« antwortete er, »ich lebe vergnügt, und warte allgemach auf meinen Tod, der bei alten Leuten nicht lange ausbleiben kann.«

»Wird noch lange lange ausbleiben, lieber Freund!« sagte ich.

»Nun, wie es ist, und wie es Gott will,« antwortete er.

Da wir also gerade auf die Weise bei einander saßen, wie wir es an so manchem Abende in Wien gethan hatten, so dachte ich, ich könnte ihm erzählen, was mir bisher im Allgemeinen begegnet sei, und könnte dabei etwas von meinem Plane mit ihm leise einfließen lassen. Ich sagte daher zu ihm: »Ich bin noch immer unverheirathet, es hat sich eben nicht gemacht. Von den vielen seltsamen und abentheuerlichen Planen, mit denen ich euch oft in früherer Zeit unterhalten habe, habe ich die meisten, ja ich kann sagen, alle aufgegeben, und bin jetzt nichts mehr und nichts weniger, als ein einfacher Landwirth. Eine alte Muhme, die sich im Leben nicht um mich bekümmert hatte, hatte im Tode recht gut für mich gesorgt, und mir ein sehr schönes Anwesen hinterlassen. Es liegen liebliche Fluren um dasselbe herum, in einiger Entfernung davon steigen Wälder auf, und hinter ihnen sieht man das Blau der Hochgebirge hervor bliken. Das liebe ich nun, bin gerne dort, und hätte nie geglaubt, daß diese Dinge einen solchen Zauber ausüben könnten. Als ich das neue Besizthum antrat, fing ich gleich an, in demselben herum zu wirthschaften. Ich begann alle Felder zu lokern; ich habe zu den par tausend Obstbäumen, die ich geerbt hatte, noch ein par tausend neue hinzu gesezt, habe alle diese Stämmchen veredelt, und habe die alten gereinigt und geordnet; dann habe ich Glashäuser angelegt, in denen jezt schon sehr schöne Blumen und Früchte sind, die noch immer schöner werden sollen, ich habe mir einige Zimmer zu meiner Wohnung eingerichtet, und mehrere andere stehen bereit, Gäste aufzunehmen, wenn sich einige bei mir einfinden sollten. In der Gegenwart bin ich auf einer längeren Reise begriffen, und wenn ich wieder nach Hause komme, werde ich aufs neue meine Felder bearbeiten, werde bauen, Ruhebänke, Aussichten anlegen, und so weiter – und so weiter. Nur einen Wunsch hätte ich: es wäre gut, wenn ich außer dem gelegentlichen Umgange, der sich einfindet, noch einen vertraulicheren und näheren hätte, etwa einen älteren bewährten Freund, der mir mit Rath und That an die Hand ginge, bei mir wohnte, und mir manchen Augenblik seiner Zeit schenkte; denn ich bin allein, und fühle es manchmal recht bedeutend.«

»Es freut mich, daß ich euch so reden höre, und daß ihr die Landwirthschaft so liebt,« antwortete er, »ihr könnt gar nicht ahnen, wie wohlthätig eure Rede auf mich gewirkt hat. Und was einen Gefährten anlangt, so könnt ihr bald eine liebe angenehme Hausfrau bekommen, und Angehörige werden dann auch nicht fehlen.«

»Ich rede hier nicht von Angehörigen des Blutes,« erwiederte ich; »die, von denen ich herstamme, habe ich kaum gekannt, und ob sich andere einfinden werden, steht in sehr sehr weitem Felde. Wenn es aber auch wäre, so wäre ein Mann doch noch recht gut, der durch die gleichen Bande der Gesinnung gebunden wäre, der sich mit mir vereinigte, ein heiteres edles Landleben darzustellen, das andere anlokte, erhöbe, und zur Nacheiferung verleitete. So möchte manches Ersprießliche gewirkt werden, das selbst nach unserm Tode fort lebte, und für manche Zukunft segensreiche Früchte brächte. Ich habe in lezter Zeit oft gedacht, eine solche Aufgabe wäre eines Mannes nicht ganz unwürdig, daß er die Dauer seines Lebens daran sezte, natürlich wenn er von der Würde seiner Aufgabe ganz durchdrungen wäre.«

»Ich muß euch noch einmal sagen,« antwortete er, »daß es mich sehr freut, daß ihr die Pflege des Bodens so hochachtet – es ist ein schöner Abend für mich, daß ihr von diesem Dinge so redet. Es gibt auch noch andere Beschäftigungen, von den Menschen bedeutend hoch geschäzt, Künste, die sehr, sehr schmerzlich sein können, die ungemein, ganz ungemein schmerzlich sein können!«

Ich wußte nicht, was er bei diesen Worten immer an der Lampe zu thun und umzudrehen hatte. Er hatte dies auch in Wien öfters gethan. Wenn wir so in seinem Zimmer etwa bei schlechtem Wetter beisammen saßen, stand er manchmal plözlich auf, ging in dem Zimmer hin und her, richtete etwas, das ohnehin recht stand, oder sah emsig bei dem Glase des Fensters hinaus, obwohl nichts zu sehen war, weil draußen eine rabenschwarze Finsterniß lag. Es war gleichsam, als ob den Mann eine Sorge, oder ein Kummer drükte.

Ich erkannte, daß ich jezt eine unangenehme Saite in ihm berührt hatte, und brach das Gespräch ab. Wir saßen eine Weile stumm neben einander, dann redeten wir von anderen Dingen. Er erzählte mir von dem See, beschrieb mir manche Punkte und Stellen an ihm, und that dies mit solcher Liebe und Angelegentlichkeit, daß ich sah, daß er hier geboren worden sei.

Während wir noch so sprachen, ging die Thür auf, und es kam eine Magd und ein Mann herein. Die Magd war so, wie man sie in manchen Häusern zu untergeordneten Diensten hat, und der Mann sah einem Gärtner, oder so etwas Aehnlichem gleich. Sie trugen Tischzeug, um den Tisch damit zu deken. Sie thaten den Teppich weg, stellten die Lampe seitwärts auf einen Kasten, dekten den Tisch für zwei Personen, stellten zwei Lichter darauf, und ließen die Lampe auf dem Kasten fort brennen.

Dann gingen sie wieder zur Thür hinaus.

Nach Kurzem brachte die Magd unsere Speisen, und der Mann brachte das Getränke.

Wir hatten eine Suppe, guten Braten mit Sallat, eine Flasche vortrefflichen Weines und sehr frisches Wasser.

Das Abendessen hatte nichts Armes oder Bettelhaftes an sich.

Als wir es verzehrt hatten, kamen wieder die zwei nehmlichen Menschen, und räumten ab. Sie trug das Geschirr und er die übrigen Eßgeräthe fort. Zulezt breiteten sie wieder den Teppich über den Tisch, stellten die Lampe darauf, und verließen uns.

Rikar hatte während ihrer Beschäftigungen manchmal ein freundliches oder berichtigendes Wort mit ihnen geredet.

Als wir allein waren, saßen wir noch lange beisammen, und sprachen von verschiedenen meistens gleichgültigen Dingen. Endlich sagte er zu mir: »Wenn es euch genehm sein wird, zur Ruhe zu gehen, dann dürft ihr es nur sagen, ich werde euch in euer Zimmer geleiten.«

Als ich daher dachte, daß es spät genug sein könnte, mein Lager zu suchen und ihm auch die Ruhe zu gönnen, äußerte ich diesen Wunsch. Er zündete mit einem Papierstreifen eine der da stehenden Kerzen an, und sagte: »Wenn es euch gefällig ist, folgt mir.«

Ich nahm meine Ledertasche und meinen Hut, und folgte ihm.

Er führte mich noch eine Treppe hinauf, dann ein Stükchen über einen Gang, dann schloß er ein Zimmer auf, und führte mich hinein. In demselben zündete er die zwei auf dem Tische stehenden Kerzen an, stellte die seinige einen Augenblik weg, nahm mich bei der Hand, und sagte: »Schlaft recht wohl, genießt einer recht angenehmen und erquikenden Ruhe.«

»Ihr auch, Freund Rikar,« antwortete ich, »ihr auch.«

»Gute Nacht,« sagte er, drükte meine Hand, nahm seine Kerze, und ging zur Thür hinaus, die er hinter sich zuzog.

Ich war also in meinem Schlafzimmer allein.

An diesem Abende, dachte ich, hast du nunmehro gar nichts über die näheren Verhältniße des Franz Rikar erfahren, wir werden nun sehen, wie es morgen damit beschaffen ist.

Mit diesem Gedanken ging ich gegen die Thür, schloß mich mit dem innern Riegel ab, und legte dann meinen Hut und meine Ledertasche auf den Tisch nieder.

Es ist meine Gewohnheit, wenn ich in fremden Räumen übernachte, dieselben, bevor ich schlafen gehe, noch recht genau zu untersuchen. Dies that ich auch jezt. Ich nahm ein Licht und leuchtete umher. Ich sah sogleich, daß mein Schlafzimmer eigentlich aus zwei Zimmern bestehe, indem ich durch eine offen stehende Thür in ein anderes Gemach gelangen konnte, das wie ein Wohnzimmer eingerichtet war. Eine weitere Thür, die vielleicht in fernere Zimmer führen mochte, war durch einen Kasten verstellt. So war mein Bereich also ein völlig abgeschlossener. Ich ging nun an die Betrachtung der Geräthe. Sie waren alle sehr anständig und fest, aber nicht neu, ja es konnte Zweifel entstehen, ob sie nicht ein par Jahrhunderte alt seien. Das weiße Linnenzeug des Bettes stach sehr schön von dem braunen Holze des Gestelles ab. Der Geräthe waren gerade so viele, als unumgänglich nöthig war, die Zimmer einzurichten, keines mehr und keines minder. Was mir besonders auffiel, war, daß in jedem der Gemächer wohl ein Spiegel an der Wand war, sonst aber nichts erblikt werden konnte, was etwa wie ein Gemälde oder wie ein Kupferstich ausgesehen hätte. Es ist dies eine seltene Thatsache in Wohnungen und Landhäusern. Da ich mich nun über das Innere gänzlich vergewissert hatte, schritt ich an das Aeußere. Ich ging in das Nebengemach meiner Schlafstube, öffnete eines der Fenster, und sah hinaus. Aber von einer Aussicht war in einer Nacht, wie diese, keine Rede: Millionen dichter Sterne standen an dem fast schwarzen Himmel, und funkelten nicht in weißem, sondern fast buchstäblich, in goldenem Lichte hernieder. Unter ihnen lag die Gegend so unkenntlich, gleichsam wie eine schwarze Schlake, an der die Funken des Himmels verknisterten. Selbst in der nächsten Nähe unter mir konnte ich keine Gegenstände unterscheiden, als einige Ballen schweigender Bäume, und fahle Dinge, wie Anlagen und Geländer. Weil aber die Nacht gar so milde war, und die sanftere Kühle auf die Hize des Tages so wohl that, so blieb ich längere Zeit am Fenster, und genoß der Annehmlichkeit und des erquikenden Bades der Luft.

Endlich entfernte ich mich doch, und beschloß, mich zu Bette zu begeben. Ich ließ aber das einmal geöffnete Fenster offen stehen, um die holde Luft nicht von mir auszuschließen.

Ich ging in meine Schlafstube zurük, entledigte mich allgemach meiner Kleider, legte alles auf einen Sessel, löschte die Lichter aus, und legte mich in das Bett. Ich dachte noch des armen Burschen Gerardo, was etwa er für eine Nacht in seinem Schiffe auf dem See haben möchte; und weil ich doch theils von dem Gange theils von den vielen seltsamen Eindrüken etwas ermüdet war, strekte ich meine Glieder, und entschlief bald angenehm und fest. Ohnehin mochte ich schon der lezte im Hause sein; denn da ich bei dem offenen Fenster hinaus geschaut hatte, waren alle andern Fenster an dieser Seite des Hauses bereits finster gewesen.

Ich wußte nicht, wie lange ich geschlafen haben mochte, denn mein Schlaf ist gewöhnlich so fest, daß er nicht unterbrochen wird, außer wenn er überhaupt schon aus ist – ich wußte also nicht, wie lange ich geschlafen haben mochte, als ich durch ein Geräusch gewekt wurde. Ich wußte Anfangs nicht, was es sei, und sezte mich im Bette auf, um besser zu horchen. Nach und nach erkannte ich das Ding als Klänge, und endlich, da ich mich völlig gesammelt hatte, als Töne einer Geige. Sie umspielten fast lieblich das sich mehr und mehr ermannende Gehirn, und als ich völlig wach und nüchtern war, waren es klare, reine, entschiedene, und scharf gezogene Töne. Allein da ich kaum einige Takte zusammenhängend vernommen hatte, hörte alles auf. Ich sezte mich in meinem Bette zurecht, um gut zu lauschen. Nach einer Weile begann es wieder mit dem zartesten Piano, und wuchs der Sache gemäß zu der Stärke, wie sie die Kunst erforderte. Ich erstaunte auf das Aeußerste. So konnte weder ich selber spielen, noch habe ich je so spielen gehört, wenn es nicht Theresa Milanollo war. Das gab sich als höchste edelste Kunst zu erkennen. Es war so ungemein genau begrenzt, kein Har darüber und kein Har darunter, es prägte sich klar, bestimmt, und gegenständlich aus. Je länger ich zuhörte, je mehr wurde mir die Aehnlichkeit einleuchtend, bis ich, als das vorgetragene Stük aus war, fast zu der unumstößlichsten Gewißheit kam, das müsse Theresa Milanollo sein, die eben gespielt habe. – Es begann wieder, und trug seine Dinge mit männlicher Entschiedenheit vor.

Ich stand nun auf, warf schnell etwas von meinen Kleidern um mich, und schlich mich auf den Zehen in das andere Zimmer, dessen Fenster ich offen gelassen hatte. Ich ging an das Fenster, und lehnte mich hinaus, um zu horchen. An dem ganz heiteren Himmel stand jezt eine schmale silberne Mondessichel, so dünne, wie ein in die Luft geschnittener Zirkel, erleuchtete aber doch so viel, daß ich sah, daß unter meinen Fenstern eine Terasse sei, auf welcher Bäume standen, und auf welcher der schwache Schimmer einer Einfassung hin lief. Sonst sah ich nichts, nicht einmal das Dämmern der Felsen, von denen ich doch wußte, daß sie in einer nicht großen Entfernung sein müßten. Auch woher die Töne kamen, konnte ich mit dem Ohre nicht bemessen, kamen sie von rechts, kamen sie von links, oder kamen sie von unten. Selbst, ob im Hause oder im Garten gespielt wurde, war mir nicht recht klar. Auf der Terasse glaubte ich niemanden zu sehen, auch würde ich es da wohl erkannt haben, wenn auf ihr jemand gespielt hätte, da sie gerade unter meinen Fenstern hinlief.

Es begann wieder, nachdem es eine geraume Weile ausgesezt hatte – und man könnte gleichsam sagen, es gab seine Seele in die Lüfte. Ich horchte fort und fort. Wenn es Theresa Milanollo ist, so mußte ich denken: ist denn das Kind in dieser kurzen Zeit um so viel älter geworden, daß die süße Unwissenheit sich gewendet hat, die uns sonst so entzükte? Oft ist es ja in dem Spiele gar nicht anders, als sei bereits die Glut der Leidenschaft darinnen. Es ist nicht mehr das Ding, das mit einfacher Liebe in den goldenen Tönen gespielt hat, blos aus dem Grunde, weil sie goldene sind; sondern das ist so zu sagen ein schreiendes Herz, welches seinen Jammer erkannt hat. Es lag in dem Spiele ein Schmerz und eine Sehnsucht, die so einleuchtend ausgesprochen waren, daß man sah, das sei nicht ein vorgebildetes und vorgespiegeltes Ding der Kunst, sondern das sei aus dem wirklichen, bitteren, erfahrenen Leben hergenommen. Es war für mein Ohr die ganz natürliche Steigerung des Herzens darinnen. Zuerst war eine sanfte Klage, die versuchsweise bittet, und, wiewohl vergeblich, hinschmilzt – dann war das heiße Flehen, das ein fernes wohlerkanntes Glük so gerne herbei ziehen möchte – dann war die Ungeduld des Heischens – dann stand die Seele auf, und es war ein Zürnen, daß das Gut, das man geben wolle, nicht erkannt werde – dann war ein Hohn, der da sagt, wie hoch das eigene Herz steht, und wie es sich durch Verachtung rächen will – – endlich war eine Fröhlichkeit, die es sich rauschend vorsagt, daß sie es sei. – – Ich dachte: du armes, armes Kind! was mußt du gelitten haben, daß du diese Dinge verstehst, und sie mit der einzigen Stimme, die dir Gott in so reichlichem Maße gegeben hat, ausdrüken kannst! Mir fiel auch jener wundersame Auftritt ein, den ich hatte, als ich Rikar in das Theater führte, und als er so auffallend weinte, da er die Schwestern Milanollo hörte. Wie mag das zusammen hängen?!

Ich hüllte mich fester in meinen Rok, den ich übergenommen hatte, weil die Nacht doch ein wenig kühl war, und hörte zu. Das Spiel sezte nun ziemlich lange aus, und begann wieder. Es wurde immer besser und geläuterter, als machte sich doch nach und nach die Kunst geltend, die das menschliche Herz so beseligt und sänftigt, und als dränge sie die Leidenschaft zurük. Endlich wurde einmal jene Stärke, jene Begeisterung und Emporhebung, die gerne dem Ende einer Musik, namentlich dem einer sich selbst hörenden, vorausgeht, weil gleichsam die Seele sich selbst überholt hat, und das Werkzeug, wodurch sie sich ausgesprochen hatte, weglegt. So war es auch hier. Der Schluß, den ich selber als einen solchen erkannt hatte, offenbarte sich wirklich als einen solchen. Gleichsam wie ein goldener Bliz war der lezte Ton der Saiten über die Gegend hinaus gegangen – und es blieb still. Die silberne Luft und die starre weiße Lavasichel des Mondes standen unbeweglich.

Ich blieb noch lange an dem Fenster, und wartete, ob es nicht wieder beginnen würde. Aber es begann nicht mehr. Alles blieb stille. Die Bäume unter mir hielten die Blätter an sich, daß keines wanke, und selbst das Rauschen des Springbrunnens, das ich deutlich vernommen hatte, als ich heute Abends zu dem Hause herzu gegangen war, mußte versiegt sein; denn ich hörte es nicht.

Ich ging endlich ziemlich durchfroren in mein Bett zurük, und legte mich nieder.

Bis sich meine Glieder erwärmten, dachte ich nicht viel nach; dann aber kam das Reich der Gedanken, der Ahnungen und Vermuthungen. Anfangs hatte ich den zwekwidrigen Gedanken, Licht zu machen, zu dem Fenster zu gehen und hinunter zu leuchten; aber sogleich erkannte ich, daß ich gerade dann unten nichts sehen würde, wenn ich mir ein Licht vor die Augen hielte, und daß gerade, wenn ich jemanden sehen wollte, derselbe fort gehen würde.

Ich blieb also in dem Bette.

Mir fielen jezt auch die Worte des Hirtenknaben ein, daß Rikar so schön geige. Aber den Gedanken, daß es der alte Mann gewesen sein könne, der gespielt habe, verscheuchte ich gleich. Wie könnte er auch solche Töne hervor gebracht haben; das waren die Töne der Jugend, die noch in den Empfindungen große und glühende Maße hat, und über das Mögliche und Erreichbare hinausgeht; während das Alter blos um größte Genauigkeit, Reinheit und Art des Spieles frägt, ohne in der Empfindung weit über das Mittelmaß diesseits oder jenseits hinaus zu kommen. Und insbesondere kannte ich meinen Reisefreund zu genau, als daß ich ihm nur das Geringste von dem, was ich gehört hatte, zuzuschreiben vermocht hätte.

Die Musik hatte mich in der That zu sehr angegriffen, als daß ich sie gleich aus meinem Sinne hätte bringen können. Von einem Schlafen war daher keine Rede. Ich ging sie im Gedanken noch einmal durch, und senkte mich in die Seele, aus der sie gequollen sein mochte.

Ich hielt meine Ohren bereit, um sie, wenn sie doch wieder begänne, aufnehmen zu können, und sah hiebei auf die unklaren Dinge meines Zimmers, die in dem schwachen und noch nichts bedeutenden Schimmer des Mondes da standen.

Aber sie begann nicht mehr.

Zulezt übte doch die Natur ihr Recht, meine Gedanken wurden allgemach verworrener, und ich entschlief endlich.

Ich mußte sehr gut und ziemlich lange geschlafen haben; denn nach meiner Rechnung mußte die Musik bedeutend nach Mitternacht statt gefunden haben, und da ich erwachte, war es heller Morgen und die Sonne warf ihr Strahlenmeer durch meine Fenster herein. Ich war von meiner Feldwirthschaft her gewohnt, immer vor der Sonne aufzustehen, schämte mich daher vor mir selbst, und sprang schnell aus dem Bette. Ich war sehr ruhig, war gestärkt und heiter, wie ich es immer am Morgen bin. Daß ich wieder auf die Musik der Nacht dachte, war begreiflich; aber sie kam mir jezt nicht mehr so zauberisch vor, als in der Finsterniß. Vielleicht war sie auch nur in der Erinnerung ein wenig abgeblaßt, da jezt die erwachten Sinne anders, und von den klaren und scharfen Dingen des Tages in Anspruch genommen waren. Ich wusch mir Angesicht und Haupt, und begann mich anzukleiden. Während dieses Geschäftes ging ich auch mitunter an die Fenster, um hinunter zu schauen. Was ich gestern vermuthet hatte, war richtig: eine Terasse lag gerade unter meinen Fenstern. Sie enthielt Bänke, zwischen denen Kübel mit Orangenbäumen standen. Dann waren Weingeländer, Blumen und Zwergobst. Das alles war durch ein graues Gitterwerk von dem äußeren Garten getrennt. In diesem äußeren Garten standen Obstbäume, aber in ziemlichen Räumen von einander entfernt, und zwischen ihnen waren Gemüsebeete und wieder Blumen. Leztere aber waren sonderbarer Weise nicht zu Verzierungen verwendet, sondern sie standen alle nach Gattungen in großen einfärbigen Fleken beisammen. Da war nun einer hellroth, der andere blau, der dritte weiß. Jenseits des Gartens, der durch eine Mauer von rohen Steinen eingefaßt war, hörte die Baumpflanzung nicht auf, sondern es standen noch viele, je nach dem es der Grund zu ließ, bald dichter bald dünner beisammen, und zwischen ihnen lagen die grauen Steine der Gegend zerstreut. Außerhalb dem Ganzen sah ich wieder die Landschaft, die ich gestern den ganzen Nachmittag gesehen hatte, nehmlich den schwachgrünen Rasen und die grauen aus ihm hervorragenden Felsengruppen. Das Haus, in dem ich übernachtet hatte, mußte also am Ende einer Ortschaft liegen, oder es war das einzige in diesem Thale. Manche Anlagen um dasselbe mußten erst vor nicht langer Zeit gemacht worden sein; denn viele der Bäume waren noch sehr jung und schmächtig, und standen zwischen den älteren da. Selbst der Gemüsegarten mußte neueren Ursprunges sein; denn auch in ihm lagen zwischen den Pflanzen noch größere Stüke des grauen Steines, die man nicht hatte weg bringen können, oder die nur unterdessen noch da waren. Dies gab dem Garten ein seltsames, aber ich muß gestehen, malerisches Ansehen, da es die Einerleiheit, mit der uns unsere Gärten troz ihrer Uiberladung quälen, sehr eigenthümlich und fantastisch unterbrach. Daß ich als Landbewohner diese Dinge, wenn auch schnell, doch genau betrachtete, war natürlich.

Ich hatte mich endlich völlig angekleidet und ging in dem Zimmer herum, um manches, wie das nach der ersten Nacht natürlich ist, zu ordnen. Namentlich nahm ich meine Ledertasche her, um sie auszupaken. Der kalte Braten, den ich als Lebensmittel mit auf meine Wanderung genommen hatte, war schon fast ganz eingetroknet und unbrauchbar. Ich wikelte ihn sehr sorgfältig in Papiere, und schloß ihn in eine Lade des Kastens ein; denn ich wollte ihn als Speise für die Fische meines Sees, denen ich ihn lieber gönnte, als den Wieseln der Haide, aufbewahren. Die Pistolen, das Fernrohr, die Weinflaschen, und anderes, was ich mit hatte, that ich gleichfalls aus der Ledertasche in eine Lade.

Als ich so hin und her ging, hörte ich ein feines Pochen an der Thür, ich hatte es früher schon einmal zu hören geglaubt, ohne darauf zu achten, jezt aber ging ich zu der Thür, schob den Nachtriegel, der noch vor war, zurük, und öffnete.

»Ist es schon erlaubt, herein zu treten?« fragte eine zarte schön klingende Stimme.

»Allerdings,« gab ich zur Antwort, indem ich einen Schritt in das Zimmer zurük that.

In der Lichtung des Thürfutters standen zwei Frauengestalten. Die Vordere erkannte ich, es war dasselbe alte Mütterlein mit dem schönen kleinfaltigen italienischen Bilderangesichte, das gestern in der Halle die Lampe angezündet, und mir dann meinen Freund Rikar geholt hatte. Sie trug mehrere sehr weiße und frische Linnen über den Arm, und hatte zwei kristallklare Flaschen mit Wasser in den Händen. Die zweite der beiden Gestalten, die durch die erste ein wenig gedekt war, war ein junges Mädchen von höchstens zweiundzwanzig Jahren. Die Wangen waren äußerst blühend und gesund, aber für die gewöhnliche Vorstellung von Schönheit viel zu viel gebräunt. Die Stirne war lichter, aber doch noch dunkel genug. Die Augen waren bedeutend groß und glänzend, und schienen mir in dem ersten Augenblike schwarz. Die dunkeln Hare waren vorne gescheitelt, und hinten in einem Geflechte mit einer goldenen Quernadel empor geheftet. Der Anzug war ein häuslicher und deutscher.

»Ich bitte nur herein zu treten,« sagte ich.

Sie gingen herein.

»Lege nur die Linnenzeuge dort auf den Waschtisch hin, Cornelia,« sagte die jüngere, »stelle die Flaschen dazu, und dann bist du schon fertig.«

Die Alte that, wie ihr befohlen worden war, und ging dann wieder fort.

Das junge Mädchen war nun allein bei mir, es sah mich mit den großen Augen ruhig an, und sagte: »Ich bin die Tochter des Franz Rikar; Sie haben ihn einmal in Wien in einer langen Krankheit gepflegt und gewartet; er ist noch gestern, da Sie schon schlafen gegangen waren, zu mir in mein Zimmer gekommen, und hat mir gesagt, daß Sie da seien, und daß Sie vielleicht länger bleiben würden, ehe Sie Ihre Reise nach Italien wieder fortsezten. Ich bin also heute früh zu Ihnen gegangen, um Ihnen auf die herzlichste und innigste Weise, die es nur auf Erden gibt, zu danken, und Sie willkommen zu heißen.«

»Ach, Fräulein,« antwortete ich, »was ich gethan habe, ist so einfach und natürlich, daß es keiner Rede werth ist.«

»Es ist einfach und natürlich,« sagte sie, »viele Menschen würden so handeln; aber eben so einfach und natürlich ist es, daß derjenige, gegen den die Handlung gerichtet war, sich bedankt. Ich stehe gewöhnlich vor Sonnenaufgang auf, ich hatte mir gleich gestern vorgenommen, zu Ihnen zu gehen, und da ich heute in einer Verrichtung an Ihrem Zimmer vorbei ging, und Sie in demselben herum gehen hörte, holte ich mir die Amme Cornelia, daß sie zugleich besseres Linnen und Wasser mit herein brächte, und wir versuchten, ob wir schon zu Ihnen kommen dürften. Sie waren wirklich angekleidet, und somit danke ich Ihnen noch einmal, verehrter Herr, was Sie an dem Manne gethan haben.«

»Ich bitte Sie sehr,« antwortete ich, »von dem Danke nichts weiter zu erwähnen.«

»Der Vater hat mir auch gesagt,« entgegnete sie, »daß Sie ein Landwirth seien, daß Sie Felder und Gärten haben, und daß Sie von der Pflege dieser Dinge mit vieler Liebe und Wärme gesprochen haben. Sehen Sie, das ist sehr schön und lieb von Ihnen. Sie sind wahrscheinlich als Landwirth gewohnt, sehr früh aufzustehen, die andern schlafen noch, obwohl die Sonne schon aufgegangen ist; wenn es Ihnen daher nicht unangenehm wäre, so würde ich Sie vor dem Frühmale ein wenig herum führen. Sie sehen, ich bin darnach angekleidet.«

Wirklich war sie zu einem solchen Zweke gut gekleidet. Ich hatte den Anzug, da sie so vor mir stand, schon früher bemerkt. Die Kleider waren kurz, und von einem Stoffe, der, wenn er beschmuzt wird, leicht zu reinigen ist. An den Füssen hatte sie zwar schlanke, aber feste und weit hinauf reichende Stiefelchen an.

Ich sagte, daß mir ihr Antrag großes Vergnügen mache, und daß ich sofort bereit sei.

Ich nahm meinen Hut, wir verließen das Zimmer und gingen die Treppen hinab.

Als wir in die Halle gekommen waren, in der gestern das Mütterlein die Lampe angezündet hatte, sagte sie, ich solle ein wenig warten, sie habe noch etwas zu thun. Sie ging in eine ebenerdige Stube hinein, und ich hörte sie dort reden.

Sie sprach immer in schönem reinem Deutsch, und ich hatte schon in meinem Zimmer gesehen, daß, wenn sie die sehr gut gefärbten Lippen aufthat, zwei Reihen sehr schöner und gesunder Zähne zum Vorscheine kamen.

Als sie aus der Stube heraus trat, nahm sie einen Strohhut, der an einem Nagel in der Halle hing, herab, sezte ihn auf, und sagte: »Nun bin ich in Bereitschaft, kommen Sie.«

Wir gingen aus der Halle in den Garten. Was ich zum Theile schon von ihm gesehen hatte, bestättigte sich in ganzem Umfange. Er war durchaus ein Nuzgarten, sehr viele Obstbäume, theils Zwerg- und Lattenobst, theils hohe reiche Stämme, standen auf dem Raume umher, und hatten die Blumen, und eine große Menge verschiedener Gemüse unter sich. Da wir uns etwas weiter entfernt hatten, sah ich auch, was ich schon fast vermuthet hatte, daß wirklich da keine Ortschaft liege, sondern daß dieses Haus das einzige sei, das sich mit seinen Anlagen in dem Thale der Hochebene befinde. Gegen Norden, wohin ich früher keinen Blik gehabt hatte, zeigte sich in geringer Entfernung eine bedeutende Felsenmauer, welche das ganze Anwesen vor kalten Winden schüzte. Das Haus, welches ich nun auch übersah, hatte zwei Stokwerke, war nicht zu weitläufig und nicht zu klein, und war von einigen Wirthschaftsgebäuden umgeben, die offenbar erst in neuerer Zeit gebaut worden waren. Die Mauern des Hauses waren glänzend weiß übertüncht. Meine Begleiterin schien diese meine schnellen Blike auf die Lage des Ganzen nicht zu bemerken, weil ihr selber ja alles längst bekannt und geläufig war. Sie ging voraus, so lange der Weg enge war, wies auf verschiedene Dinge und sprach über sie.

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