Zwei Schwestern
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Als ich ihr meine Bemerkung mittheilte, daß hier die Blumen nach Gattungen bei einander stehen, sagte sie: »Die Pflanzen sind in ihren Bedürfnissen äußerst verschieden, daher kann man nicht jeder Gattung geben, was ihr noth thut, wenn alle unter einander stehen. Ich sezte sie daher allein, daß ich jede genau nach ihrer Art pflegen kann. Seit wir die Pflanzen verkaufen, ist es natürlich um so mehr nothwendig, daß die einzelnen Gattungen sehr schön seien.«
»Also haben Sie selber alle diese Pflanzen gesezt?« fragte ich.
»Nicht gerade ich selber,« antwortete sie, »aber mit Beihülfe der Leute, die zu dieser Beschäftigung aufgenommen worden sind. Es ist sehr schön, wenn man den Dingen die ihnen zugeartete Erde geben kann, wenn man sie nach ihrem Begehren feucht oder troken halten, und ihnen nach Wunsch Licht und Schatten ertheilen kann. Dann sind sie auch dankbar, und werden so schön, wie man es vorher kaum geahnt hatte. Sehen Sie einmal.«
Mit diesen Worten beugte sie sich nieder, und fuhr mit der Hand über einen sehr dunkeln Wald von Ranunkeln. Ich hatte wirklich nie diese stämmigen, festen, hohen und dunkeln Ranunkelblätter gesehen. Ich sagte es ihr.
»Nicht wahr?« erwiederte sie, und hatte ihre Freude darüber.
Dann zeigte sie mir auch ihre Nelken, Levkojen, Rosen und anderes; sie zeigte mir ihre Tulpenbeete, und die, wo sie die Hiazinthen aus Samen ziehe.
»Ich habe,« sagte sie, »wenn ihnen die Zeiten ganz besonders günstig waren, schönere Zwiebeln bekommen, als die sind, die man aus Harlem bezieht.«
Dann gingen wir um eine Eke zu den Gewächshäusern. Sie waren sonderbarer Weise sehr viele, und meistens kleine, in deren einzelnen immer die zusammengehörigen Gattungen standen. Ich mußte mich fast büken, da ich durch die gläsernen Kästchen ging. Auch hier waren die einzelnen Pflanzen sehr schön. Auf meine Bemerkung, daß größtentheils Modegewächse da stünden, wie ich sie jezt gar so viel auf meiner Reise gesehen hätte, antwortete sie: »Ich habe Ihnen ja gesagt, daß wir die Pflanzen verkaufen, ich zöge sie freilich lieber nach meinem Herzen, aber zu unserem Zweke müssen wir solche haben, die die Leute wollen. Die Leute sind aber auch sehr gütig, und nehmen unsere Waare gerne. Wir haben mehrere Esel, wovon täglich einige mit Ladung nach Sanct Gustav hinab gehen, und von dort an den See, wo die Sachen dann von verschiedenen Händlern weiter verführt werden. Sie würden gewiß in mancher Uferstadt von unserem Obste essen, wenn Sie zur Zeit der hiesigen Reife dort wären. Aber es geht auch noch weiter hinab, es geht bis dorthin, wo sie viel bessern Boden haben, als wir hier; aber bei uns in den Steinen wird das Obst kräftiger, und es kommt nur darauf an, daß man die gehörige Sorge darauf verwende.«
Da sie so von dem Obste sprach, und ich auf die Bäume sah, und an jedem ein Blechtäfelchen bemerkte, auf dem die Art geschrieben war, da ich überhaupt die Reinlichkeit und gute Haltung der Bäume sah, fragte ich sie, ob sie auch über die Bäume, so wie über die kleineren Gewächse die Oberaufsicht führe.
»Freilich,« sagte sie, »ich habe ja die jüngeren alle mit Hülfe unserer Leute gesezt.«
»Das ist ja nicht möglich,« antwortete ich, indem ich ihr in das Angesicht sah.
»Sie halten mich wahrscheinlich für viel zu jung,« sagte sie, »ich bin jezt fünf und zwanzig Jahre alt. Vor etwas mehr als sechs Jahren haben wir die Stämmchen gesezt. Sie gedeihen vortrefflich. Die älteren sind noch von dem Urgroßvater her. Vor mehreren Menschenaltern glaubte man allgemein, daß diese Gegend durchaus nicht im Stande sei, Bäume zu tragen; aber es ist nicht wahr, wenn man nur beim Sezen recht tiefe und große Gruben lokert.«
»Aber,« sagte ich, »wo haben Sie denn die Kenntnisse hergenommen, die man, wie ich zu meinem Schaden recht gut weiß, zu diesen Dingen unumgänglich braucht?«
»Wo?« antwortete sie, »aus Büchern. Das sah ich wohl ein, daß ich aus mir selber nichts wisse. Wo sollte ich nun die Kenntnisse finden, als in Büchern, in denen sie stehen. Ich kaufte und lieh mir dieselben zusammen, und lernte. Freilich ist mir hier ein Freund an die Hand gegangen, der mir die Wahl erleichterte, und mich wohl selber oft unterrichtete. Er hat in der Nähe ein großes Besizthum und ist jezt verreist. Da er täglich zurük kommen soll, so können Sie ihn kennen lernen, wenn Sie sich länger aufhalten, er ist eine vortrefflicher außerordentlicher Mensch. Er kömmt, wenn es seine Geschäfte ein wenig zulassen, zu öfteren Zeiten zu uns herauf. Ich weiß nicht genau, woher ich mehr lernte, aus den Büchern oder aus seinem Unterrichte. Uibrigens hoffe ich schon nach und nach noch mehr zu lernen, was ich brauche.«
Wir waren während dieses Gespräches unter den Bäumen in einem großen Bogen herum gegangen, und waren allgemach in die nördliche Gegend des Hauses gekommen, wo der Garten mehr den Anblik eines Vergnügungsplazes gewann. Es war eine Kreisfläche von gestreutem Sande da, in deren Mitte ein Wasserbeken ruhte, das zwar den Stift, nicht aber den Strahl eines Springbrunnens hatte – es war eine gezimmerte Laube da, in der man essen, oder sonst sich versammeln konnte, und es war in einiger Entfernung ein Kastanienwäldchen aus alten Bäumen, in deren Schatten man sich erfrischen konnte.
Wir gingen quer über die Sandfläche hin.
»Die Schwester hat wieder den Springbrunnen stehen gelassen,« sagte meine Begleiterin, ging gegen das Beken, schürzte den Arm auf, kniete auf den Steinrand, beugte sich vor, und öffnete mit der Hand den Hahn, der an der messingenen Spize des Springbrunnenrohres angebracht war. Das zurükgehaltene Wasser schoß in einem mächtigen Strahle empor.
»Sehen Sie, wie das prächtig ist,« sagte sie, nachdem sie aufgestanden war, sich die Hand abgewischt hatte, und wieder zu mir zurük gekommen war.
Wir gingen hierauf durch die Anlagen bis in das Freie hinaus, woselbst, wie ich schon früher bemerkt hatte, auch noch Bäume zwischen den Steinen auf ihren gelokerten Pläzen standen. Meine Begleiterin ging mit ihren Stiefelchen, ohne weiter darauf zu achten, durch das thauige Gras. Als wir bis zu einer Stelle gekommen waren, wo wieder eine leichte Mauer von losen zusammen gelesenen Steinen lag, und wo man recht schön gegen die Felsenwand hinsehen konnte, die gegen Norden den Gesichtskreis schloß, blieb sie stehen, und sagte: »Hier ist die Grenze unseres Besizthumes. Nur eine Kleinigkeit haben wir noch dort an dem Felsen, wo Sie den Rauch aufsteigen sehen; wir haben den dortigen Grund angeschafft, weil er zu den Erdbrennereien so geeignet ist. Das ganze Anwesen ist klein, ich habe Ihnen alles gezeigt. Es ist nichts mehr übrig. Es wurde bisher daraus gemacht, was nach den Verhältnissen daraus zu machen war; aber es wird schon noch besser werden. – Sie müssen gewiß lächeln, wenn Sie das ansehen. Bei Ihnen, denke ich, wird das alles weiter und breiter und prächtiger sein. Wenn man so durch mächtige Felder und Wiesen wandelt, muß das einen erhebenden Umblik gewähren. Felder und Wiesen haben wir nicht, weil der Grund, den wir geerbt haben, zu klein dazu ist. Auch sind seit Menschengedenken keine Felder hier gewesen: aber ich denke, warum soll es nicht möglich sein, da doch Bäume, die so tief wurzeln, da Blumen, Kräuter und Gemüse gedeihen, und der Regen nicht gar so selten ist. Grund und Boden wäre hier nicht theuer – denken Sie nur, wie es schön wäre, wenn da bis zur Felsenwand im Frühlinge die Saaten stünden, und im Sommer die hohen Wagen belastet würden.«
»Ich zweifle keinen Augenblik, daß es möglich wäre,« gab ich zur Antwort, indem ich die Fläche mit den Augen prüfte.
»Sehen Sie, ich auch nicht,« sagte sie, »es sind schon viele Dinge auf der Welt geworden, wie in den Büchern der Geschichte steht. – Wer weiß, was noch geschieht, wenn man nur zum Geschehen ein wenig nachhilft. An mir sollte es wahrlich nicht fehlen.«
Wir blieben noch eine Weile stehen, und schauten gegen das nasse in der Sonne funkelnde Gras der Haide. Dann wendeten wir uns zu dem Rükwege.
Sie führte mich durch die andere Seite des Gartens zurük. Dieselbe war ungefähr, wie die, die wir bisher durchwandert hatten. Es zeigte Jegliches denselben Zwek: Verwerthung der Gewächse. Meine Begleiterin zeigte mir manches, und erklärte mir verschiedene Dinge, die ich da anders fand, als sonst wo.
Als wir in die Eingangshalle gekommen waren, hing sie ihren Strohhut wieder auf den Nagel, und führte mich die Treppen zu meinen Zimmern empor. An der Thür derselben machte sie mich auf ein im Futter des Holzes befindliches Fach aufmerksam, und sagte: »Solche Fächer haben wir bei allen Thüren machen lassen, um dem ewigen Verlegen der Schlüssel vorzubeugen. So macht man auf.«
Sie zeigte mir mit diesen Worten, wie man verfahren müsse, damit der Dekel des Faches aufspringe.
»Da legen Sie den Schlüssel hinein, wenn Sie fort gehen, und da werden Sie ihn wieder finden,« sagte sie. »Ich muß Sie jezt verlassen, um mich zum Frühmale anzukleiden, bleiben Sie in Ihren Zimmern, ich werde Sie durch die Amme holen lassen; denn es ist nicht mehr viel Zeit übrig.«
»Ich danke Ihnen recht schön, mein Fräulein, für Ihre Güte und Freundlichkeit,« sagte ich.
»Sie sind mir durchaus, durchaus keinen Dank schuldig,« antwortete sie, verneigte sich, und ging in dem Gange zurük, woher wir gekommen waren.
Ich nahm nun den Schlüssel, den ich während des Spazierganges in der Tasche getragen hatte, heraus, sperrte meine Zimmer auf, trat ein, und legte den Hut auf den Tisch.
Die Verhältnisse meines Freundes Rikar sind also der Art, dachte ich, daß es mit dem Plane, den ich in Hinsicht seiner gefaßt hatte, nichts ist. Da das kleine Anwesen, welches ich so eben durchwandert hatte, und das Haus, in dem ich übernachtet hatte, sein Eigenthum sind; da er eine Tochter hat, die dieses alles verwaltet, und da diese noch von einer weitern Schwester gesprochen hat, die den Springbrunnen stehen gelassen habe, so ist von irgend einer Versezung auf einen andern Grund und Boden keine Rede. Auch muß ihn die Wirthschaft, wie ich das aus meiner eigenen Erfahrung kenne, hinreichend nähren. Welche nun auch noch immer seine ferneren Verhältnisse sein mögen, die Ursache, aus der ich gekommen bin, ist dahin. Ich vergrub sie daher in meine Brust, und nahm mir vor, mit keinem Menschen weiter davon zu reden.
Daß meine Begleiterin meine Verlegenheit nicht bemerkte, in die ich gerieth, als ich gewahr wurde, daß ich nicht zu einem armen Manne, gleichsam zu einem Bettler gekommen sei, wie ich aus den Mittheilungen zu Meran vermuthen mußte, war natürlich, da sie ja gar nicht ahnen konnte, daß ich nicht wisse, daß das Haus, in dem ich mich befinde, Eigenthum des Franz Rikar sei. Ich ließ also alles gut sein, und beschloß, in weiterer Zeit schon zu ermessen, wie ich mich der anderweitigen Lage der Dinge nach zu benehmen hätte.
Mir war wohl während des Spazierganges auch das nächtliche Geigenspiel eingefallen, aber ich fragte nicht darüber, weil ich nicht zudringlich erscheinen wollte, und weil sich ja alles von selber entwikeln müsse, wenn noch einige Zeit verginge.
Als ich so eine Weile nachgedacht hatte, fiel mir auch das Frühstük ein, und daß ich dabei zu erscheinen hätte. Ich nahm daher ein Tuch, und verwischte so viel als möglich die Spuren des heutigen Morgenspazierganges an meinen Kleidern, ordnete meine Haare vor einem Spiegel, und erwartete so gerüstet die Ankunft der Amme.
Sie ließ nicht gar lange warten. Das alte Mütterlein mit dem Bilderangesichte, das also, wie ich bereits wußte, die Amme war, kam nach ehrerbiethigem Klopfen zu mir herein, und sagte, sie habe den Auftrag, den Herrn in die Speisestube zu führen.
Ich folgte ihr, sie führte mich eine Treppe hinab, dann durch einen langen Gang, öffnete hierauf den Flügel einer hohen Thür, und sagte, ich solle eintreten.
Ich trat ein. Das Gemach war ein ziemlich hoher Saal, dessen Fußboden mit schönem verschiedenfarbigem Marmor belegt war. Die Wände hatten hohe Fenster, sie hatten einige nicht unbedeutende Wandgemälde, sonst aber nichts Auffallendes. In der Mitte des Saales stand der gedekte Tisch, mit den verschiedenen Geräthen und Speisen eines Frühstükes versehen. An der obern Seite des Tisches in einem wohlgepolsterten und fast thronartigen Sessel saß eine ältliche Frau, deren Züge einstige und vielleicht große Schönheit verriethen. Sie war in reines Weiß gekleidet, und die gefaltete Krause der Haube lief schön um die feinen lieblichen aber verblühten Züge des Antlizes. Ihre noch schönen Hände, die mit dem einzigen einfachen Goldreife der Ehe geziert waren, gingen aus dem Weiß der weiten Aermel hervor. Neben dieser Frau saß ein junges sehr schönes Mädchen, ebenfalls in völliges Weiß gekleidet. Es hatte dieselben Züge wie meine Begleiterin, nur viel zarter und lichter gefärbt. Auf der andern Seite saß mein Reisefreund in seinem gewöhnlichen Schwarz. Meine Morgenbegleiterin war noch nicht da.
Als ich eingetreten war, standen alle auf. Mein Reisefreund ging mir entgegen, nahm mich an der Hand, führte mich zu der Frau, und sagte, indem er meinen Namen nannte: »Diese ist meine vielgeliebte Gattin Victoria, die mir schon durch eine Reihe von Jahren die Bürde des Lebens tragen hilft. Bleibe nur auf deinem Size, Victoria, mein Freund soll nicht wie ein Fremder behandelt werden.«
»Seid mir recht vielmal und aufrichtig in unserem Hause willkommen,« sagte sie, »bleibt lange bei uns, und seid wie ein Glied unserer Familie; denn ihr seid einmal mit meinem Gatten sehr gut gewesen, und das vergessen wir, wenigstens in unserer Familie, nie.«
Nach diesen Worten, die sie in sehr schönem Deutsch gesprochen hatte, verbeugte sie sich, und sezte sich wieder in ihren Sessel nieder.
»Diese ist mein liebes Kind Camilla,« sagte mein Freund, indem er mich dem jungen Mädchen vorstellte.
Das Mädchen neigte sich sehr sittsam, und erröthete ein wenig; es öffnete aber den Mund nicht, um etwas zu reden. Ich verneigte mich, und schwieg ebenfalls.
»Die zweite von den Schwestern ist noch nicht da,« sagte mein Reisefreund.
In diesem Augenblike öffnete sich die Thür, und meine Morgenbegleiterin trat ein. Sie war völlig umgekleidet, und hatte ein langes eben so schönes weißes Kleid an, wie die andere.
»Diese ist meine zweite Tochter, Maria,« sagte mein Freund, indem er die Hand gegen das näher kommende Mädchen strekte, »ein anderes Kind haben wir nicht mehr, diese zwei schließen den Kreis unserer Familie.«
»Vater, ich kenne unsern Gast schon,« antwortete das Mädchen, »wir sind heute Morgens mit einander in dem Garten herum gegangen.«
»Also hast du ihn schon herum geführt, und ihm vielleicht seine Morgenzeit genommen,« sagte der Vater.
»Wenn er zu Hause auch solche Dinge hat, so müssen ihn ja diese hier freuen, wenn sie gleich den seinen nachstehen,« antwortete Maria.
»Sie freuten mich in der That,« sagte ich, »und ich hätte meinen Morgen nicht besser und angenehmer zubringen können. Uibrigens, wenn Sie glauben, daß meine Gewächse zu Hause schöner seien, als die Ihrigen hier, so irren Sie sehr; sie sind nicht nur nicht schöner, sondern es wird überhaupt nicht viele so schöne geben.«
»Das kann dich freuen, Maria,« sagte der Vater.
Das Mädchen wurde bei dieser Rede purpurroth, viel röther, als es sich aus diesem Anlasse hätte ergeben sollen. Die andern sahen freundlich, und wir sezten uns zu dem Frühstüke nieder.
»Verzeiht, daß wir euch nicht schon gestern empfangen haben,« sagte die Mutter, »aber wir haben von eurer Ankunft nichts gewußt. Mein Gatte wollte wahrscheinlich mich und Camilla, die wir uns bald in unsere Zimmer zurük gezogen hatten, nicht stören.«
»Mir hat es der Vater wohl gestern noch gesagt, erwiederte Maria, aber erst so spät, daß von einem Empfange keine Rede mehr sein konnte. Als ich des Abends ein kleines Mahl für einen Gast des Vaters bereiten sah, konnte ich freilich nicht ahnen, wer dieser Gast sei.«
Unter diesen Worten begann das Frühstük, es war ein einfaches deutsches mit einigen kleinen Zuthaten, die wohl meinetwegen vorhanden sein mochten. Es wurde während desselben von manchen Dingen gesprochen, und hauptsächlich aus Höflichkeit gegen mich meiner Reise erwähnt, von der ich erzählen mußte.
Als wir von dem Tische aufgestanden waren, bathen mich Rikar und seine Gattin, nun längere Zeit bei ihnen zu bleiben.
»Da eure Reise,« sagte er, »eine Vergnügungsreise ist, so werden ihr mehrere Tage wohl keinen Abbruch thun; da ihr einmal hier seid, da ihr so gut gegen mich gewesen seid, wie kein anderer fremder Mensch, und da vielleicht viele Jahre vergehen können, bis ihr wieder einmal in diese Gegend kommt, so könntet ihr wohl einige Zeit in unserer Familie zubringen, um zu sehen, wie wir hier mit einander leben – ihr könnt mehrere Wochen oder Monate in unserem Hause zubringen, das so einsam und abgeschieden von der Welt da liegt.«
Da ich nun wirklich die Verhältnisse hier ganz anders gefunden hatte, als ich erwarten konnte, und da mich in der That die ungemein herzliche und freundliche Aufnahme in dieser angenehmen Familie ungewöhnlich freute, und mir einsamen Menschen sehr wohl that, so war ich nicht abgeneigt, auf einige Zeit meinen Aufenthaltsort hier aufzuschlagen.
Ich sagte daher: »Es freut mich sehr, so gütig und zuvorkommend eingeladen zu werden, ich nehme die Einladung mit vielem Danke an; aber da ich nur so auf das Ungewisse hin, und blos um meinen Freund vorerst zu finden, herauf gegangen bin, so bin ich durchaus mit nichts versehen, was auch nur zu einem Aufenthalte von einigen Tagen unumgänglich nöthig ist, auch wartet ein Fährmann am See auf mich: es wäre daher sehr wünschenswerth, wenn ich einen Boten bekäme, der zu meinem Fährmanne am See eine Botschaft brächte, und zu dem Wirthe nach Riva, wo ich mein Gepäke habe, einen Brief trüge. Unter dieser Bedingung kann ich einige Zeit hier verweilen, sonst muß ich selber heute noch zu dem See hinab gehen.«
»Einen Boten könnt ihr ja sogleich von unsern Leuten haben,« sagte Rikar, »geht nur auf eure Stube, wo ihr Schreibzeug findet, und fertigt den Brief an, alles wird bald in Ordnung sein. Und wenn ihr geschrieben habt, so werde ich zu euch kommen, daß wir uns bereden, wie wir den heutigen Tag zubringen wollen.«
Das war nun gut. Ich erklärte meine Bereitwilligkeit zu schreiben, wir trennten uns vorläufig, und ich ging auf meine Zimmer.
Dort schrieb ich an den Wirth zu Riva, ich sende ihm hier meinen Schlüssel, der die Lade öffne, in welcher meine Kleider liegen, die ich zu dem gewöhnlichen Gebrauche bedarf. Diese möchte er mir durch den Boten schiken. Den Koffer und das andere, was sich noch in dem Zimmer befinde, möchte er stehen lassen, bis ich nach Riva zurükkehre.
Als ich diesen Brief beendigt und gesiegelt hatte, pochte es an die Thür, und Maria kam mit einem ältlichen Manne herein.
»Das ist der Bote,« sagte sie, »der Ihre Sache gut besorgen wird. Battista, merke wohl auf, was dir dieser Herr sagt, und thue genau so, wie er es haben will, ich werde schon auf dich denken.«
»Ja, Signora, ich werde es genau thun,« sagte der Mann.
Ich gab ihm hierauf das Fahrgeld, welches ich dem guten Gerardo schuldig war, und ließ demselben sagen, daß er nach Hause fahren möchte, und daß ich ihn schon noch besuchen würde, wenn ich nach Riva zurük gekommen wäre. Zum Zeichen, daß ich es sei, der den Bothen schike, gab ich demselben meine Ledertasche mit, und sagte ihm auch, er möge alle meine Dinge, die noch in Gerardos Schiff seien, zu dem Wirthe nach Riva bringen, dem er auch diesen Brief übergeben solle, worauf er mit den Sachen, die er von dem Wirthe erhalten würde, wieder hieher zurük kommen müsse.
Als ich den Boten so unterrichtet hatte, und als ich mir von ihm die ganze Botschaft noch einmal hatte wiederholen lassen, entließ ich ihn.
Hierauf kam sogleich Rikar mit seiner Gattin zu mir herauf und sagte: »Ich drüke euch noch einmal meine Freude aus, lieber Herr, daß ihr hier bleibt, nehmt vorlieb mit dem, was wir biethen können, wir werden suchen, euch den Aufenthalt so angenehm zu machen, als es möglich ist, und wünschen, daß ihr denselben recht lange, lange hinaus dauern lassen möget. Jezt sagt nur, wie wünschet ihr den heutigen Tag zuzubringen, und was soll ich thun, daß er euch auf das Angenehmste verfließe?«
»Freund Rikar,« antwortete ich, »wenn ihr mir den Aufenthalt so angenehm machen wollt, als es mein Wunsch ist, so ändert in eurem ganzen Hauswesen gar nichts, als daß um eine Person mehr ist; nehmet an, diese Person sei schon lange hier, und gehe im Hause herum, wie es etwa ein weitläufiger Verwandter thun würde, der bei euch im Hause lebte. Je weniger ich euch gebunden fühle, je weniger ich selber gebunden bin, desto leichter und freier und angenehmer vermag ich mich zu bewegen. Was den heutigen Tag anbelangt, so bin ich durch meine Beschäftigung gewohnt, mich viel zu bewegen, ich würde daher jezt, wenn nichts dagegen ist, einen Spaziergang machen. Ohnehin ist eure Gattin noch in Morgenkleidern, vieles in dem Hause mag zu ordnen sein, und ihr dürftet vielleicht selber einige Geschäfte haben. Wenn ich von dem Spaziergange zurük komme, und ihr Zeit habt, so würde ich euch ein wenig um eure Gesellschaft bitten, ob ihr mir vielleicht manches in eurem Hause zeigen wollt, wie man es gerne mit Freunden thut, oder ob ihr auf eine andere Weise die Zeit hinbringen wollt.«
»Seid in unserm Hause ganz unabhängig, und thut, wie es euch gefällt,« sagte die Mutter, »in dem Gange des ersten Stokwerkes, Zahl sechs, ist eine Thür, welche zu meinen und Camillas Zimmern führt. Sie stehen täglich von zehn Uhr Morgens an offen; wollt ihr uns besuchen, so wird es uns sehr freuen. Im Uibrigen kommt und geht, wie es euch beliebt, und benehmt euch nach Wohlgefallen: nur bedenkt immer, daß ihr bei Freunden seid, die euch sehr wohlwollen.«
»Ich danke noch einmal auf das wärmste für die freundliche Aufnahme und Einladung,« sagte ich, »die größte Freude, die mir bisher in eurem Hause zu Theil wurde, Freund Rikar, ist die, daß ich euch so wohlbehalten in dem Schoße einer lieben Familie finde.«
»Das bin ich, das bin ich,« sagte er, indem er meine dargereichte Hand annahm, und sie schüttelte.
Hierauf beurlaubte er sich mit seiner Gattin, um mich nicht ferner zu beirren, und Maria, die schweigend da gestanden war, folgte ihnen.
Weil nun wirklich in meinen Zimmern noch nicht zusammen geräumt war, da ich den Schlüssel in der Tasche herum getragen hatte, und weil es meine Gewohnheit ist, mir in jedem neuen Aufenthaltsorte die Gegend zu beschauen, so beschloß ich, meinen Spaziergang zu machen.
Ich nahm den Hut, ging zur Thür hinaus, sperrte sie ab, und legte den Schlüssel in das Fach, welches mir Maria anempfohlen hatte. Ich ging über die Treppen, durch die Halle, und durch den großen Gartenweg hinaus. Dort wendete ich mich aber seitwärts, um nach der entgegengesezten Seite zu gelangen, als von der ich gestern gekommen war, und wo möglich eine Anhöhe zu gewinnen, um herum schauen zu können. Ich war sehr bald aus den grünen Anlagen, und befand mich jenseits des Besizthums. Hier war es wirklich wieder so, wie dort, wo ich mich gestern genähert hatte. Das Haus mit seinen Anlagen war der einzige bewohnte Flek auf der Hochebene. Ich ging nun über denselben fahlen Rasen, wie gestern, und über dasselbe harte Gestein, nur daß jezt ein tiefblauer Himmel und eine funkelnde Morgensonne darüber schwebten.
Der Thau war schon von den kurzen Gräsern gewichen, die Luft war noch nicht heiß, sondern erquikte, und ich ging daher gerne immer weiter und weiter. Bei meinem Bestreben, auf eine Anhöhe zu gelangen, wo freilich die Felsen immer mehrere wurden, unterstüzte mich der Rasen; denn wie dicht auch das Gestein starren mochte, so zog sich doch immer wenigstens ein dünner Streifen Grün hindurch, auf dem ich empor gehen, und in dessen Lokerheit ich meinen Fuß einsezen konnte. Meine Mühe belohnte sich nach und nach, und ich kam immer höher hinauf. Endlich war ich auf der Wölbung des Hügels, wie ich bezwekt hatte, angekommen. Ich wendete mich um, und sah auf das Ganze hinab. Welche Einsamkeit! Wie eine Insel lag das weiße übertünchte Haus mit dem Grün seiner Bäume und Gemüse in dem allgemeinen grau blau und violettlich duftenden Grunde, der eine Gestalt hatte, wie überall auf der Höhe des Gebirges. Die Schindeldächer des Hauses hoben sich nicht einmal von der Allgemeinheit des Ganzen heraus, sondern waren in ihrem Grau wie über dem Hause schwebende Steine. Das ältere Holzwerk, welches angebaut war, erschien ebenfalls in der aschenhaften Farbe, so daß das weiße Haus und das frische Grün der Bäume und Gewächse in der Unendlichkeit und Breite dieser einförmigen Umgebung von ferne aussah wie eine weiß und grün gestikte Rose auf grauem Grunde. Und über das Ganze war ein so tiefes Schweigen ausgebreitet, daß gerade die Feierlichkeit der Oede durch dieses menschliche Haus eher vermehrt, als vermindert wurde.
Wie es mir jedes Mal geschieht, daß, wenn ich einmal im Gehen bin, ich immer weiter gehe, so geschah es mir auch hier. Ich beschloß, da ich diese Ansicht genossen hatte, nun noch höher zu steigen, um eine noch weitere zu genießen. Ich wollte
wo möglich den höchsten Kamm der Felsen zu erreichen suchen. Derselbe lag in jener Reihe, die sich im Norden des Hauses dahin zog. Ich ging frisch an die Unternehmung, und harrte troz der größer werdenden Hize aus. So gelangte ich endlich auf die Schneidelinie des Gesteins, von der ich auch in die jenseitigen Gegenden hinab sah. Ich sah aber auch die ganze Linie des Weges, auf dem ich gestern von dem Bühel des Hieronimus bis hieher gegangen war. Ich erblikte Spize an Spize in demselben Grau, wie bisher; nur weit draußen zwischen matten Zinken lag das frische Blau sehr ferner Berge, wie ich es in meiner Heimath zu sehen gewohnt war. Den Dunststreifen der Lombardie sah ich nirgends, ich wußte auch gar nicht, in welcher Richtung er sein sollte.
Ich sah rechts, ich sah links in verschiedenen Richtungen. Uiberall war die größte Mannigfaltigkeit der Gestalten, und überall doch die größte Gleichmäßigkeit, und überall das blauliche Heraufdämmern der Schatten aus den Gründen.
Als ich lange gestanden war, und als ich lange herum geschaut hatte, und als die Sonne bereits schon einen großen Theil ihres Vormittagsbogens zurük gelegt hatte, dachte ich an den Rükweg. Ich wollte denselben nicht auf den Umkreisen, auf denen ich herauf gekommen war, zurük legen, sondern ich sah mich nach der geradesten Richtung um. Allein diese hatte die größten Schwierigkeiten, und ich wäre in üble Lagen gekommen, wenn mir nicht meine Gewandtheit im Bergsteigen, die ich mir in meinen Jünglingsjahren erworben hatte, beigestanden wäre. Nach dem verwikeltsten Klettern in gebrochenen und in zertrümmerten Linien kam ich endlich nicht weit von dem Rauche, wo Rikar die Erden brennen läßt, herunter, und ging auf dem straffen und schwellenden Rasen dem Hause zu.
Als ich in meine Zimmer gekommen war, sah ich, daß dieselben nicht mehr meine Zimmer von gestern waren. Alles war in denselben im Laufe des Vormittages verändert worden, und ich traf noch die Leute, welche eben im Begriffe waren, die Veränderungen zu vollenden.
Auf mein Befragen antwortete der Mann, den ich schon gestern als Gärtner oder dergleichen beim Aufdeken zu meinem und Rikars Abendmale bemerkt hatte: »Eigentlich hat uns Signora Maria schon am Morgen in der Halle unten, da ihr mit ihr in den Garten ginget, den Auftrag gegeben, diese Geräthe nach und nach in die Zimmer zu tragen; aber da der Zimmerschlüssel nicht in seinem Behältniße lag, konnten wir nichts thun. Deßhalb haben wir es jezt bewerkstelliget, da ihr aus waret, damit wir euch nicht beunruhigten. Nur noch die Sessel sind herein zu stellen, und dann sind wir fertig.«
Also das war es, dachte ich, was sie am Morgen, da sie den Strohhut genommen hatte, noch zu befehlen gehabt hatte, und darum war es, daß sie mir sagte, daß ich den Schlüssel immer in sein Fach legen sollte.
Man hatte mich nicht nur besser eingerichtet, sondern meine zwei Zimmer auch noch mit einem dritten vermehrt. Die Thür nehmlich, vor welcher der Kasten gestanden war, war geöffnet, und ich konnte in das angrenzende Zimmer gehen, dessen Fenster nach Norden schauten, und mir die Felsenwand, und den Rauch vor ihr, der etwas näher herwärts war, und den funkelnden Strahl des Springbrunnens ganz in meiner Nähe zeigten. Die Geräthe, die ich jezt hatte, waren ganz neu. Was zur Annehmlichkeit und Bequemlichkeit beitragen konnte, war da. Ein anderes Bettgestelle, andere Sessel, andere Kästen, schöne Tische, ein Sopha mit schwellenden Kissen, ein Schreibtisch mit allem Nothwendigen versehen, eine Wanduhr, die ihr geselliges Piken ertönen ließ, Vorhänge, die in blendender Weiße die Fenster dekten, und die Zimmer mit lauschender Dämmerung füllten, und endlich ein großer Stoß von Büchern, die auf einem Gestelle lagen, und auf mein Beschauen und Untersuchen warteten. Ich muß gestehen, daß ich so schwach war, daß mich diese Aufmerksamkeit sehr freute. Was mir aber demohngeachtet wieder abging, waren Bilder; es hing nehmlich kein einziges, nicht einmal der allerunbedeutendste Holzschnitt, an der Wand. Es war diese Bemerkung von meiner Seite natürlich, indem ich von meinem Hause gewohnt war, mich immer von den Kupferstichen der Tante umgeben zu fühlen. Auch besaß ich einige werthvolle alte Bilder, die in einigen Zimmern zerstreut waren, und vor denen ich gerne stand. Ich hatte sie mir in der Zeit, da ich noch schwärmte, von einem guten Theile meines väterlichen Erbes angeschafft, was namentlich den Zorn meines Oheims sehr anfachte; denn ich hatte nach und nach eine kleine Sammlung von Gemälden zusammen gebracht, die mich unermeßlich ergözten, aber ich hatte nicht mehr so viel Geld, daß ich ordnungsgemäß in den Jahren, die noch vor mir lagen, hätte leben können.
Als ich den Gärtner – denn das war er unstreitig, wie mir immer klarer wurde – gefragt hatte, wo die früheren Geräthe hin gethan worden seien, damit ich mir meine Dinge, die in deren Laden wären, hole, als er sie mir gezeigt, als ich diese Sache in Ordnung hatte, und er fort gegangen war, sezte ich mich in die Kissen meines Sophas nieder, und schaute unthätig in das Zimmer hinaus, weil ich erstaunlich ermüdet war.
Die Kühle, welche hier herrschte, und gegen die große Hize, die draußen nach und nach anzuwachsen begann, angenehm abstach, die liebliche Lichtbrechung, die durch die Fenstervorhänge erzeugt wurde, die sanften Kissen, in denen ich ruhte und der Anblik dieser schönen Geräthe, wie ich sie von Kindheit an gewöhnt war – das alles sprach mich übereinstimmend und regelmäßig an, ich blieb sizen, genoß meiner Ruhe, und war so in dieselbe versenkt, daß ich mir nicht einmal eines der da liegenden Bücher holte, um in demselben zu blättern, und zu sehen, was es enthalte.
Diesen meinen Zustand mußte wohl Rikar geahnt haben; denn obwohl er mich nach Hause kommen gesehen, und mich von einem Fenster aus gegrüßt hatte, kam er doch nicht in mein Zimmer, um mich der Verabredung gemäß in dem Hause herum zu führen, oder sonst die Zeit mit mir zuzubringen; sondern er ließ mich allein und ließ mich erholen.
Als ich endlich nach einer Weile schon wieder anfing, gelegentlich herum zu gehen, und dies und jenes anzuschauen, pochte er, und kam herein.
Er fragte mich, ob ich von dem Spaziergange schon ausgeruht hätte, und als ich dies bejahte, trug er mir an, mich in dem Hause herum zu führen.
Er führte mich in alle Räume, die nicht besonders zu einem ausschließlichen Gebrauche eines Familiengliedes bestimmt waren, und zeigte mir alles und erklärte mir alles. Das Haus hatte eben nichts Besonderes, aber seine Gelasse waren räumlich, und die Aufbewahrungsorte der Pflanzen waren eigenthümlich und zweckmäßig eingerichtet. Sie waren, wie manches in diesem Hause, erst in neuerer Zeit errichtet, und erregten meine besondere Aufmerksamkeit. Rikar hatte an meiner Theilnahme große Freude. Bei diesem Gange durch das Haus sah ich auch die Zimmer, welche geplündert worden waren, um die meinigen einzurichten.
Als wir von der Rundschau zurük gekommen waren, blieb er bei mir, und wir redeten von verschiedenen Dingen. Ich erzählte ihm, wo ich am Vormittage gewesen sei, und er sagte, ich müsse vorsichtig sein; denn oft schieße wider Vermuthen hier das Gestein senkrecht ab, daß man sich verirren, oder nur mit Lebensgefahr herab kommen könne. Ich suchte ihn darüber zu beruhigen, und sagte, daß ich in meiner Heimath als einer der besten Alpensteiger bekannt sei, und daß ich die Merkmale gangbarer Richtungen schon recht gut zu unterscheiden wisse.
Im Verlaufe des Gespräches kamen wir auf Hieronimus Rüdheim, und er erzählte mir von ihm, daß er ein Tiroler aus dem Innthale sei, daß er einmal viel Vermögen besessen, manches auf einen ungerathenen Neffen verwendet, und manches unter arme Leute vertheilt habe. Er besize einen großen Meierhof, auf dem er im Winter lebe. Den Sommer bringe er gerne in seinem kleinen Häuschen in der Schlucht zu, weil es da viel kühler und einsamer sei. Er komme öfter in die Meierei hinab, und Knechte und Mägde gehen öfter auf und nieder, damit das Geschäft im Gange sei. Man habe ihn wegen diesem Häuschen den Einsiedlerbauer genannt. Er sei ein sehr rechtschaffener uneigennüziger Mann, und habe sich gegen ihn selber, als er von Meran hieher kam, als edlen hülfreichen Freund gezeigt.
Unter solchen Gesprächen kam endlich die Zeit des Mittagessens heran. Es wurde in demselben Saale verzehrt, in welchem wir das Frühmal eingenommen hatten. Die Frauen waren jezt statt mit dem weißen Morgengewande mit den bunten Kleidern des Tages angethan.
Nach Tische ist es gebräuchlich, den heißeren Theil des Tages in seinen Zimmern zuzubringen. Ich benüzte die Muße, um die Bücher, welche man mir hergelegt hatte, zu besehen, und mir diejenigen bei Seite zu legen, in denen ich allenfalls lesen mochte.
Als sich die Wärme etwas gemildert hatte, wurde ich von meinem Freunde Rikar neuerdings besucht und bescheiden gefragt, ob ich einen Theil meiner Zeit mit ihm und seinen Angehörigen zubringen wollte. Ich bejahte es bereitwillig, und er führte mich in den Garten hinunter. Wir trafen hier am Rande des Kastanienwäldchens die Gesellschaft, und es wurde das Vesperbrot bereitet. Maria ließ Milch, Käse und andere Dinge, die sich schikten, herbei bringen, und Camilla beschäftigte sich damit, dieselben auf dem Tische zu ordnen. Wir hatten die Aussicht nach allen Richtungen des Anwesens. Im Garten zog einer den Ziehbrunnen, daß das Wasser in große Gefäße laufe. Andere schöpften es aus diesen heraus, und begossen die Gewächse. Einige jäteten in den Gemüsen, andere reinigten die Bäume, und manchmal kam eines herzu, und rief Maria bei Seite, um mit ihr etwas zu reden. In einer kühlen Gartenhalle wurden bereits die Gegenstände gereinigt und geordnet, welche zunächst an der Reihe waren, versendet zu werden. In dieser Einsamkeit ist man gewohnt, auf die einfachsten Dinge als wie auf Abwechslungen zu schauen. Wir sahen auf die Vorragungen und Felsen der Landschaft, und bemerkten, wie sich die Schatten derselben allgemach wendeten, und nach anderen Richtungen wiesen.
Als es Abend geworden war, schlug man einen Spaziergang vor. Die Mädchen nahmen ihre großen Strohhüte und wandelten neben uns her. Hier sah ich die Aehnlichkeit der Schwestern. Neben dem dunkeln bräunlichen Angesichte Marias hob sich das lichte und weiße Camillas hervor; es hatte dieselben Züge, nur weicher, und die Wangen waren mit dem Anhauche der lieblichsten Röthe bedekt. Die Augen waren gleich, nur blikten Marias feuriger und entschiedener.
Rikar führte uns zu dem sogenannten Brünnlein. Es war dies eine Falte der Berge, gleichsam eine schiefe Grube, die nur nach einer Richtung hin die Aussicht offen ließ. Auf dem Grunde der Grube quoll ein wunderbar klares Wasser hervor, füllte ein Beken, in dem es wie ein Spiegel stand, und ließ den Ueberfluß längs der Haide dahin rinnen. Rikar hatte Steinsize herum machen lassen, weil die Familie gerne an die Stelle ging, und da saß. Wir blikten gegen die Anhöhen, die weit draußen an dem grünlich matten Himmel hinzogen, und sahen, wie die müden Nachmittagslichter auf den fahlen Rasen derselben hinschweiften. Die Einsamkeit der Lage dieses Hauses hatte etwas so Eindringliches, daß es fast wie Traurigkeit aussah.
Die Mutter hatte meinen Gedanken errathen, oder sie mochte in der unglaublichen Abgeschiedenheit des Ortes, an dem wir saßen, von ähnlichen Gefühlen ergriffen sein; denn sie sagte: »Wir sind nicht ganz so abgeschieden und von der menschlichen Gesellschaft getrennt, als ihr etwa glauben mögt: wir werden euch einmal auf das Gratek hinauf führen, von wo man nach Sanct Gustav und in die andern bewohnten Thäler hinab sieht. Auch kömmt mancher Freund zu uns herauf, und wir kommen manchmal hinunter. Im Winter ist es fast noch geselliger, weil da die Menschen, wenn man die Höhen und Häuser verschneit und unzugänglich vermuthen sollte, gerade absichtlich zusammen kommen, und sich Gesellschaft leisten, und Vergnügungen veranstalten, um den traurigen Winter und die Einförmigkeit und die Kürze der Tage zu betrügen.«
»Wenn die Zeit schön bleibt, und meine Gesundheit es zuläßt,« sagte Rikar, »so werde ich euch einen Genuß ganz anderer und seltener Art bereiten. Ich werde euch auf die Adostaspize geleiten, von welcher aus man das ganze nördliche Italien übersieht, und an durchsichtigen Tagen gar den Glanz des Meeresspiegels erblikt.«
»Dann haben wir hier auch noch schöne Dinge,« sagte Maria, »die Hallthäler, die Krummweiden, die Erkspizen, die Grünbrüche, die Langhänge und anderes.«
Wir saßen auf den Steinbänken und neben dem klaren Wasser, bis die Sonne untergegangen war, und die Gegend sich mit der gleichmäßigen Farbe der beginnenden Dämmerung bedekte. Dann gingen wir bei einem leise wehenden Lüftchen, aber auf einem ganz andern Wege, als auf dem wir her gekommen waren, und in einem großen Umkreise nach Hause.
Als wir dort angekommen waren, sagte man mir, daß mein Bothe zurükgekehrt sei. Ich ging gleich auf meine Zimmer um zu sehen, wie gut er seine Sachen vollbracht habe. Ich fand alle die Kleider, die ich von dem Wirthe begehrt hatte, nebst dem Kastenschlüssel, den er zurük schikte. Dabei lag eine abscheuliche Quittung von der Hand Gerardos, in welcher er mir anzeigte, daß er seinen Fährlohn richtig erhalten habe, und daß er den Wein gut aufbewahren wolle, bis er bei ihm erhoben würde. Battista hatte also seine Sache gut gemacht, und ich ging in den Hof hinab, um ihm seinen Lohn zu ertheilen. Er stand, so viel es die Dunkelheit zuließ, in einer Stellung, daß ich die Absicht deutlich erkannte, daß er sich leicht wolle finden lassen. Ich gab ihm seine Gebühr, und versicherte ihm auf seine Bitte, daß ich es auch Signora Maria sagen möchte, daß er seinen Auftrag gehörig vollbracht habe, ich würde es schon thun.
Hierauf ging ich wieder hinauf, brachte die Sachen in Ordnung, und war so kindisch, zum Abendessen einen schwarzen Frak anzuziehen, wie ihn mein Reisefreund stets an hatte.
Wir saßen nach dem Speisen länger beisammen, als es wohl sonst bei dieser Familie gebräuchlich sein mochte, und es löste sich das Band der Rede immer leichter, je mehr wir mit einander bekannt wurden. Endlich trennten wir uns, und jedes ging mit seinen Lichtern auf seine Zimmer.
Als ich in meiner Wohnung war, verschloß ich mich durch den inneren Riegel gegen außen, stellte die Lichter auf den Tisch, und warf den schwarzen Frak über das Sopha. – Theresa Milanollo war also ein verborgenes Geheimniß gewesen. Ich war begierig, ob ich heute die Musik wieder hören würde, über die den ganzen Tag auch nicht die geringste Erwähnung geschehen war. Ich ging in das zweite Zimmer, und öffnete das Fenster, durch das eine stille laue glänzende Nacht herein schaute; denn das Lüftchen, das am Abende geweht hatte, hatte sich auch völlig wieder gelegt. Ich schaute, wie gestern, eine Weile in die dunkle Gegend hinaus. Als ich mich von dem Fenster entfernte, um mich zum Schlafengehen zu entkleiden, ließ ich die Flügel desselben offen stehen. Ich hatte am Nachmittage unter den Büchern, die man mir her gelegt hatte, auch Göthes Reise nach Italien gefunden. Diese nahm ich vor, und beschloß, darin zu lesen. Ich stellte, da ich entkleidet war, die Lichter zu meinem Bette, legte mich nieder, und nahm das Buch in die Hand. Obwohl mir das Werk ohnehin sehr gut bekannt war, übte es doch wieder eine sehr freundliche Wirkung auf mich aus, und ich las länger, als ich vorgehabt hatte. Dann löschte ich die Lichter aus, und entschlief. Ich schlief, so zu sagen, nur mit halb geschlossenen Augen, um durch die Töne, wenn sie begännen, sogleich gewekt werden zu können. Aber ich wurde nicht gewekt, und die Nacht blieb fortdauernd stille. Nur den fernen Tritt der Saumthiere vernahm ich, als man sie mit ihrer heutigen Last bepakt hatte, und von der hintern Gartenhalle aus auf dem Wege nach Sanct Gustav hinab führte. Dann schlummerte ich wieder weiter, bis ich durch den Anbruch des Tages erwachte, der troz der Vorhänge mit einer flammenden Morgenröthe zu mir herein sah.
Ich stand auf und kleidete mich an.
Das war also der erste Tag gewesen, den ich in Rikars Hause zugebracht hatte. Ihm folgten nun mehrere, die sich alle bei der Einfachheit der Familie glichen. Sie waren alle im ganzen Hause so freundlich und zuvorkommend gegen mich, daß mir der eingegangene Vertrag, einige Tage hier zuzubringen, eine Annehmlichkeit war, und daß mir die Ursache, derentwillen ich gekommen war, so ferne wurde, als läge sie schon Jahre hinter mir. Ich theilte mir meine Zeit ein, machte weite Spaziergänge in alle Theile des Hochgesteines, um sie kennen zu lernen, und kam von solchen Gängen zuweilen erst gegen Abend in das Haus meines Freundes zurük. Es war sonderbar, daß ich hiebei sah, daß die verdorrte Fichte auf dem schwarzen Steine, die ihre zarten abgestorbenen Zweige so düster in den Himmel tauchte, wirklich der einzige Baum in dem ganzen Umkreise der Gegend war.
Ich kam einmal in Marias Zimmer, die auf demselben Gange, wie Rikars, und nicht weit von ihnen lagen. Sie sahen wie eine Kanzlei aus. Viele Papiere und Bücher lagen in der musterhaftesten Ordnung herum, auch sah man Proben von Landwirthschaftsgegenständen in Fächern oder Papieren aufbewahrt. Das Mädchen schlief in diesen Gemächern mit der Amme und einer Magd, um in jedem Augenblike, wo es nöthig sein sollte, gewekt werden zu können. In die Zimmer Camillas und der Mutter war ich noch nicht gekommen, obwohl sie mich öfter dahin eingeladen hatten; denn wir brachten schier die meiste Zeit im Freien zu, da das Wetter gar so schön war. Ich konnte wirklich nicht sagen, wie eine Wolke auf dieser Hochebene aussähe, und ich konnte mir einen trüben Tag auf derselben nicht vorstellen. Nur in der heißesten Tageszeit, wie ich bereits sagte, war man auf seinen Zimmern. Ich las da meistens etwas, oder stand an dem Fenster und sah hinaus. Und selbst da sah ich manchmal Maria, von ihrem breiten Strohhute überschattet, in dem Garten wandeln, und sah das hohe Roth des Sonnenstrahls und der emsigen Geschäftigkeit auf ihren Wangen.
Wir wurden alle immer vertraulicher, so daß von den einigen Tagen des Bleibens keine Rede mehr war, sondern daß ich immer wieder blieb, und wieder blieb.