Zwei Schwestern

Adalbert Stifter · Kapitel 2 von 2 · Teil 1/3

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Zwei Schwestern

Maria war so ehrlich und offen, wie…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Maria war so ehrlich und offen, wie sie sich gleich am ersten

Tage gegen mich gezeigt hatte. Rikar war gerade so, wie er bei unserer Reisebekanntschaft und dann bei unserem Aufenthalte in der Dreifaltigkeit gewesen war. Er war der einfache bescheidene Mann, der sich mit seinen Verhältnissen nicht aufdringt, aber er war freundlich gefällig, und zeigte eine besondere Zuneigung und Anhänglichkeit an mich. Die Mutter war zwar ebenfalls nicht zuvorkommend und mittheilsam mit ihren besonderen Verhältnissen, aber sie war einfach, war klar, anmuthig, und hatte jene Offenheit, aus der man sieht, daß man bei einer Familie willkommen ist. Camilla kümmerte sich um die Gartenangelegenheiten nicht so, wie Maria, sondern sie pflükte nur zuweilen Blumen, und machte Kränze. Sie war sehr weich zart und edel, aber es war etwas sonderbares an ihr, etwas verwelkendes und verblühendes, als hätte sie einen geheimen Kummer, und als zehre ein innerer Gram an ihr. Beide Mädchen hatten die Bildung der höheren Stände erhalten, das sah man an dem geregelten und ruhigen Benehmen derselben.

Wir waren einmal, wie die Mutter vorgeschlagen hatte, auf das Gratek gegangen. Es war dies ein nicht gar weit von dem Hause gelegener Punkt von unbeträchtlicher Höhe, der aber wegen seiner günstigen Lage eine bedeutende Aussicht both. Wir sahen Sanct Gustav in einer grünen üppigen Thalfurche liegen, die sich zwischen kahlen Bergen dahin zog, wir sahen manche Landhäuser, manche Hütten, und in der Ferne manche weiße Punkte, die ebenfalls Wohnungen sein mochten. Wir sahen noch manche andere grüne Thallinie, die sich wie ein feines Sammtband in den grauen und von ferne her blaulich schimmernden Felsen dahin wand. Nachdem wir alles beschaut hatten, und nachdem wir mit dem Fernrohre alle weißen Pünktchen aufgesucht hatten, und Rikar uns alle Namen von den Dingen, die uns besonders auffielen, gesagt hatte: gingen wir wieder auf unsere einförmige Haide und in unser einsames Haus zurük.

Ein ander Mal war ich mit Rikar allein auf der Adostaspize. Ich hätte dem alten Manne nimmermehr die Rührigkeit im Felsenklettern zugetraut. Er mußte sich in seiner Jugend viel in der hiesigen Zerklüftung der italienischen Alpen herum getrieben haben. Der Umblik von der besagten Bergspize war wirklich außerordentlich. Ich will nichts von dem duftenden Gewimmel der Berggipfel sagen, die man auch von andern Bergen sieht, aber die große Ebene war es, welche man hier übersieht, und welche wirkte. Ohne die einzelnen Merkmale des Bewohntseins zu gewahren, war es nur ein einfacher unkenntlicher undeutlicher erschütternder Hauch, der in der Trübe des Himmels gehend und in ihr schwimmend die Seele mit dem ganzen riesenhaften Eindruke des Unendlichen erfaßte. Das Meer hatte ich nicht gesehen, aber ich nahm mir vor, wenn ich die Merkmale der Klarheit, die ich recht gut kannte, ganz besonders an dem Himmel gewahrte, hin zu gehen, um den Glanz, der fabelhaft draußen liegen mußte, zu erspähen.

Ein drittes Mal waren wir in den Hallthälern, sanften grünansteigenden Weiden in dem Gesteine. Wir waren an den Felsen gesessen, die die Lüfte des Nordens und den kühlen Hauch, der von daher kommen könnte, abhielten – wir waren längs der Grünbrüche gegangen – wir hatten die Erkspizen erstiegen – und wir waren in den vielfach verschlungenen und um die Steine herumgehenden Krummweiden gewandelt. – –

Die zauberhaften Musiktöne jenes Abends hatte ich nie wieder gehört. An dem hohen azurblauen Himmel der Nacht hörte ich jezt nichts, als das nun niemal mehr unterbrochene leise gleichartige Rauschen des Springbrunnens, das sich oben an seinem Gewölbe zu sammeln schien. Nach Mitternacht zierte die schöne Kuppel jezt ein halber im Silberglanze funkelnder Mond, um, wenn er am höchsten Punkte seines Bogens erblaßte, einem Tage Plaz zu machen, der in gleicher Schönheit über die Haide herüber blühte, wie alle die gewesen waren, die ihm voraus gegangen waren.

Einmal, da ich nachmittags von einem Spaziergange nach Hause zurük kehrte, und mich dem Gebäude meines Freundes näherte, hörte ich aus dem Innern desselben plözlich die lieblichen Töne, die ich nur einmal hier, und dann vor mehreren Jahren in Wien gehört hatte. Ich ging näher, ich ging durch den Garten, ich ging in die Halle, ich bestieg die Treppe, und ich kam in den Gang, der durch das Geschoß des Hauses lief. Auch hier hörte ich die Töne – sie waren wirklich die Geigentöne meiner ersten hiesigen Nacht. Ich hörte sie hier gedämpfter, und sie schienen aus den Zimmern der Mutter zu kommen. Obwohl ich nie dort gewesen war, so ging ich doch jezt auf dieselben zu. Als ich die große Thür geöffnet hatte, befand ich mich in einem Vorsaale, der leer war, und in dem nur die großen Kästen standen, die die Kleider der Frauen enthalten mochten. Die Thür in das weitere Zimmer war offen. Als ich in dieselbe trat, sah ich an einer schönen Alabastervase Camilla stehen, die Violine an ihrem Busen. Die Mutter saß in der Tiefe des Zimmers und hörte zu. Das Mädchen war in einem weiten weißen Gewande, wie sie es sonst nur an Vormittagen zu tragen pflegte. Der Arm, der entblößt aus dem weiten Aermel des Kleides ragte, und die Geige trug, war mit einem goldenen Reife geziert, der andere war schmuklos, und führte den Bogen. Sie schlug aus dem weichen Angesichte die schönen großen Augen gegen mich auf, als ich unter der Thür erschien, und endete ihr Spiel. Sie stand da, die gesenkte Geige in der Linken, den Bogen in der Rechten haltend.

»Weil unser verehrter Gast nun einmal entdekt hat, daß du diese Kunst treibst,« sagte die Mutter, »so magst du nun fortfahren, wenn es dir überhaupt zusagt es zu thun, er wird herein treten und wird dir mit mir ein wenig zuhorchen.«

Sie rükte hiebei auf dem Sopha etwas weiter, gleichsam um mir neben sich Plaz zu machen.

Camilla zauderte ein wenig, als wollte sie nicht thun, was die Mutter gesagt hatte. Als ich aber auf die Einladung, hinein zu treten, eine abwehrende Bewegung machte, als ich verlegen wurde, und als ich eine Wendung machte, fort zu gehen, erröthete sie leise, zögerte noch ein Weilchen, und nahm dann die Geige empor, und begann schüchtern zu spielen.

Die Töne, die von der Geige gingen, waren die merkwürdigen, die mich in der ersten Nacht so ergriffen hatten. Sie waren wieder die fast schmerzlich schönen Töne, die so eindrangen. Sie spielte ohne Noten, das Tonstük war mir völlig unbekannt, es mochten eigene hier ausgesprochene Gedanken sein. Das wunderbare Ding, von dem diese Töne hervor gingen, ruhte sicher an ihrem Herzen, als wäre es ein athmender Theil ihres Wesens, und der Bogen ging leicht, ich möchte den Ausdruk gebrauchen, gehaucht über die Saiten, daß die Töne klar und einzeln aber auch zart und bildsam hervor traten, wie flüssiges durchsichtiges Gold, wenn es eines gäbe. Sie hatte während des Spieles die großen Augenlieder mit den langen feinen Wimpern gesenkt. Nach dem ersten Stüke, das nur etwas durch mein Erscheinen unterbrochen worden war, spielte sie ein zweites, das aber weniger traurig war, als das erste, gleichsam als trüge sie es dem fremden zuhörenden Manne vor. Dann spielte sie noch etwas, dann noch etwas. Es waren eingeübte Dinge aus bekannten Tonsezern. Zulezt spielte sie noch eine Kleinigkeit, unterbrach sich ein wenig, und spielte sie dann aber doch aus. Hierauf legte sie die Geige sachte auf ein in der Nähe stehendes Clavier, ging zu ihrer Mutter, sezte sich zu ihr, und schmiegte sich an sie an. Sie schlug jezt die Augen zu mir auf, gleichsam zu fragen, ob es mir nicht mißfallen habe.

Als ich das Mädchen so vor mir stehen, und sie spielen gesehen hatte, war es mir immer gewesen, als müßte ich sie schon irgend einmal, ehe ich dieses Haus betreten hatte, gesehen haben, nur konnte ich nicht heraus bringen, wo. Als sie jezt bei der Mutter saß, war sie in dieser Gruppe wie ein altgriechisches Bildniß, das aus hartem Marmor so zart gehauen ist, daß man meint, man könne in die Körpertheile durch Berührung ein feines Grübchen drüken, und das Kleid war so fein, daß man glaubte, man könne es in den Raum einer hohlen Hand bringen.

Die Mutter lud mich nun wiederholt ein, in das Zimmer zu treten. Ich that es, legte das Buch, welches ich auf meinem Spaziergange mit gehabt hatte, weg, nahm mir einen Stuhl und sezte mich den Frauen gegenüber nieder.

Ich sagte zu Camilla: »Ich habe nie so schön und außerordentlich spielen gehört, als Sie, mein verehrtes Fräulein; nur einmal habe ich so ungewöhnliche das Herz rührende Töne vernommen, und das war in Wien von Theresa Milanollo.«

Sie erglühte bei diesen Worten, daß der Purpur sich bis zu den schönen Augen und bis zu dem Naken verbreitete. Die Mutter sah mit seligen freudestrahlenden Augen vor sich.

»Mein Kind,« sagte sie, »hat zu dieser Kunst eine tiefe Zuneigung gefaßt, sie hat dieselbe viele Jahre geübt, und macht uns nun durch sie in mancher einsamen Stunde großes Vergnügen und großen Trost.«

»Ich habe Sie heute auch nicht zum ersten Male gehört, mein Fräulein,« sagte ich, »sondern ich habe Sie schon in der ersten Nacht gehört, die ich in diesem Hause zugebracht hatte.«

»Warum haben Sie denn nichts davon gesagt?« fragte sie.

»Weil ich keine Ahnung haben konnte, wer gespielt habe,« antwortete ich, »weil ich dachte, es werde sich schon entwikeln, und weil ich, da weiter nicht mehr gespielt wurde, und man davon nicht sprach, die Sache für ein Geheimniß hielt, in das ich nicht befugt wäre einzudringen.«

»Ach nein,« antwortete Camilla, »es war kein Geheimniß, ich wollte Sie mit meinem Spiele nur nicht behelligen, ich habe in jener Nacht nicht gewußt, daß Sie in unserem Hause seien, und von da an habe ich immer nur ein wenig gespielt, wenn Sie auf einem Spaziergange abwesend waren.«

»Da müßte ich ja das Haus augenbliklich verlassen, wenn ich die Ursache wäre, daß Sie Ihre holde liebe Kunst nicht ausüben könnten,« sagte ich.

»O nein, nein, Sie sind kein Hinderniß,« antwortete sie, »weil Sie mich nun einmal spielen gehört haben, so werde ich nun schon öfter spielen, wenn Sie sich nicht dadurch beirrt fühlen. Es würde den Vater, die Mutter, Maria und mich sehr kränken, wenn Sie fort gingen.«

»Es freut mich ja die Freundlichkeit, mit der ich hier behandelt werde,« sagte ich, »ich bleibe gerne, und wenn Sie spielen, so macht mir das keine Beirrung, sondern es macht mir Freude, und erregt mir schöne Gefühle.«

Sie erröthete bei diesen Worten wieder.

»Sonderbar ist es,« fuhr ich fort, »daß mir, als Sie spielten, plözlich der Gedanke kam, daß ich Sie schon früher als in diesem Hause gesehen habe.«

»Sie haben mich auch gesehen,« antwortete sie, »ich saß an dem Abende, da Sie in unser Haus kamen, an dem schwarzen Steine draußen, Sie traten an mich heran, und fragten um den Weg zu dem Vater.«

»Also sind es Sie gewesen,« sagte ich; »da der Sache nie erwähnt wurde, dachte ich, es müsse irgend ein Mädchen des Thales gewesen sein, das an jenem Abende zufällig herauf gestiegen, und an dem Steine gesessen sei.«

»Als ich herein gegangen war,« sagte sie, »und mich zur Mutter begeben hatte, erzählte ich ihr wohl, daß ein fremder Mann an dem schwarzen Steine draußen um den Vater gefragt habe; aber da uns der Vater keine Ankunft eines Gastes angezeigt hatte, so glaubten wir, es könne ein Bothe oder ein Geschäftsmann gewesen sein, wie sie manchmal kommen und gleich wieder gehen. Der Vater aber hat die Anzeige unterlassen, weil die Mutter wegen leichten Unwohlseins in ihre Zimmer gegangen war und kein Abendmal genommen hatte. So ist es gekommen, daß ich nicht gewußt habe, daß Sie in unserem Hause seien, und daß ich in der Nacht gespielt habe. Ich habe Sie am andern Morgen gleich erkannt.«

»Und haben nichts gesagt?«

»Weil ich es nicht für erheblich hielt.«

»Ich konnte Sie nicht erkennen,« sagte ich, »weil Sie in der Dämmerung des Steines gesessen waren, weil gegenüber das Abendroth geglüht hatte, und weil meine Augen geblendet waren. Sie waren damals in einer außerordentlich malerischen Ausnahmsstellung, und da ich Sie heute spielen sah, und dieses auch eine Ausnahmsstellung war, so mußte wohl die eine Vorstellung die andere erweken.«

»Da Sie nie etwas sagten,« erwiederte sie, »so glaubte ich, Sie hätten in der ersten Nacht geschlafen, und nichts von meinem Spiele gehört.«

Nach diesem Gegenstande sprachen wir von anderen Dingen. Sie fragten mich, wo ich gewesen sei, ich sagte es ihnen, und

zeigte ihnen die Pflanzen, die ich auf dem Spaziergange gesam

melt, und in einem Fache bei mir hatte.

Als wir eine Weile gesprochen hatten, sagte die Mutter: »Jezt müssen wir unserem Gaste doch auch unsere Wohnung zeigen, in welcher ich und Camilla die meiste Zeit des Sommers und fast alle des Winters zubringen. Da er zum ersten Male hier ist, muß er die Sachen schon anschauen, die uns umgeben.«

Wir waren nehmlich bisher immer nur im äußersten Zimmer gesessen.

»Kommt, lieber Herr,« sagte sie.

Ich war bereitwillig, wir standen auf, und gingen durch alle Zimmer.

Es waren ihrer fünf; drei für die Mutter, und zwei für Camilla. Was mir gleich bei dem Eintritte aufgefallen war, war, daß sie schöner seien, als alle andern. Die Fußböden waren mit neuem eingelegten Getäfel belegt, während alle andern Gemächer des Hauses nur die langen glatt hingehenden Bretter hatten. Alle Geräthe waren neu, und nach den geschmakvollsten Mustern gearbeitet, die Spiegel waren groß und edel, und an den Fenstern hingen große dunkelrothe Falten, hinter denen erst die weißen feinen Vorhänge lauschten. Gegen die Stürme des Winters waren außer den Fenstern noch feine Glaswände im Innern der Zimmer, die man im Sommer öffnen und wie einen Fächer zusammen legen konnte. Neben dem Schlafzimmer der Mutter, das mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, und namentlich mit feinen Teppichen, die den nakten Fuß weich umfangen, reichlich versehen war, befand sich ein Zimmer, das ausschließlich zur Aufbewahrung der Bücher diente. In einem großen die ganze Wand dekenden Kasten waren sie aufgestellt, und hie und da waren gepolsterte Size und Tischchen zum Lesen. Die Bücher hatten lauter alte aber sehr zierliche mit Gold eingelegte und durch die festen Lederstoffe für die Dauer berechnete Einbände. Es sah aus, als wären sie sämmtlich Theile aus einer großen schon durch lange Zeit bestehenden Büchersammlung. Daß mich diese Sache ansprach, daß ich hinzu ging, und um die Erlaubniß bath, näher einsehen zu dürfen, war natürlich. Ich besah die Aufschriften auf dem Rüken der Bücher, und ich machte manche auf, und besah den Inhalt. Da sah ich nun, daß von den Meisterwerken der neueren Nationen fast kein einziges fehlte, daß aber von mittelmäßigen Arbeiten keine einzige da war. Vorzüglich war die Dichtkunst vertreten, dann kamen die Werke belehrenden und betrachtenden Inhalts, dann eigene Fachbücher, und endlich sogar die mit wissenschaftlichem Inhalte. Ein Buch, das zur bloßen lediglichen sogenannten Unterhaltung diente, kam mir gar nicht in die Hände. Auf den Tischchen lagen aufgeschlagene umher, und in anderen, die zugemacht dort waren, staken Streifen Papier oder Seidenbänder, zum Zeichen, daß eben in ihnen gelesen wurde.

Aus den Zimmern der Mutter gingen wir in die Camillas. Das Bett stand in einer eigenen Vertiefung, die von der andern Wohnung durch einen Vorhang getrennt war. Der übrige Theil der Zimmer war so nett und rein, wie bei der Mutter, ja noch sorgsamer und achtlicher zusammen gehalten. Die Zimmer waren in der äußersten Eke des Hauses gegen den Springbrunnen zu. In dem Ekzimmer, das vier Fenster hatte, und in dem selbst im Sommer die feinen fächerartigen Nothfenster nicht weggenommen waren, standen die Geräthe, die sich auf das Geigenspiel bezogen. Von dem schwersten glattesten Ebenholze stand ein Notenpult fast mitten im Zimmer. Daneben war ein Fachwerk ebenfalls von Ebenholz, das dazu diente, daß man die Notenbücher in dasselbe hinein lege, in dem sie leicht gesehen, und aus dem sie leicht heraus genommen werden konnten. Dann waren noch zwei Tischchen von Ebenholz. Auf ihnen lagen die Fächer, in denen sich die Geigen befanden. Diese Fächer waren von dunkelblauem Sammet, und innerlich mit feuerrother Seide gefüttert. Nur in einem war eine Geige, das andere stand offen, weil die Geige heraus genommen war, und in dem ersten Zimmer der Mutter, in welchem Camilla gespielt hatte, auf dem Claviere lag. Ich bath um die Erlaubniß, das geschlossene Fach öffnen, und die darin liegende Geige betrachten zu dürfen. Es war eine Geige von dem alten Meister Guarnero. Außer den Geigengeräthen war nichts in den Zimmern Camillas von Ebenholz, sondern es war genau in der Art und Weise, wie in den Zimmern der Mutter. Mich freute es, daß das Mädchen gerade auf ihre geliebte Kunst diesen Schmuk und diese Auszeichnung verwendet hatte. Besonders bezeichnend war es für mich, daß sie zu den Geigenfächern den weichen Sammet und die dunkle Farbe gewählt hatte, welch beides ihrer sanften und mehr dem Traurigen zugewandten Gemüthsart entsprach, wie ja auch ihre Stimme sich zu einem reinen klaren Alte hinneigte.

Von diesem Ekzimmer gingen wir wieder durch alle Zimmer zurük.

Ich mußte nun auch die Arbeiten der Frauen besehen. Außer den nüzlichen Arbeiten, die größtentheils in Stößen von feiner Wäsche auf den Tischen lagen, war meistens die andere nur solche, die zuvörderst auf Hervorbringung allerlei schöner Dinge abzielt, bei denen der Nuzen nur Nebensache ist, als Bettdeken, Tischüberzüge, Taschen, Fächer, und dergleichen. Namentlich that sich hierin die Stikerei und Bildnerei auf das Trefflichste hervor. Ich mußte alles ansehen, und mußte mir alles erklären lassen. Da waren Arbeiten, die auf die längste Zeit hinaus sahen, unternommen worden. Für den Vater war ein großer Tischteppich angefangen worden, der eine Uiberraschung sein sollte, und an dem sie daher nur arbeiten konnten, wenn sie sicher waren, daß er sie nicht besuche und die Sache sehe. Dann hatten sie eine große Anzahl verschiedenfarbiger Seidenfleke; aus diesen wurden die Fäden in einen großen Korb gezupft, und wenn genug derlei bunten Gemisches vorhanden wäre, dann würden daraus Deken gemacht, diese würden fein geschoren, und dann sähen sie aus, als wären unzählige Blätter, Blättertheile und Staubfäden von Blumen in allen Farben auf die Fläche gestreut worden, wie man eine bunte Spezerei hat, die man auf den warmen Ofen streut, daß der Rauch die Zimmer angenehm durchdufte. Für Maria wurde eine Tasche gemacht, die innerlich Seide, äußerlich Stikerei hatte, weil sie gerne, wenn sie in dem Garten herum ging, eine Tasche an sich hängen hatte, in die sie reife Sämerei und andere Dinge that, die sie in das Haus tragen wollte. Uibrigens lagen in den Zimmern an verschiedenen Orten Arbeiten von vergangenen Zeiten herum. Da waren Kränze, Blumensträuße, Verzierungen, selbst Menschen und Thiere auf Pölstern, Schemeln, Teppichen und Gehängen abgebildet. Manches war noch roh, gleichsam wie zu Anfange der Lehrzeit Camillas, manches war sehr zierlich, ja mit einer gewissen Fertigkeit und Anmuth eines Kunstanfluges verfertigt.

Als ich das Alles gesehen hatte, nahm ich von den Frauen Abschied und begab mich auf mein Zimmer. Sie sagten, sie würden sich nun anziehen, würden dann in den Garten hinunter kommen, und wir könnten alle mit einander dann noch einen kleinen Spaziergang unternehmen. Ich versprach, zu rechter Zeit zugegen zu sein.

Als ich eine Zeit auf meinem Zimmer gewesen war, ging ich in den Garten, ich fand die Frauen schon in ihrem gewöhnlichen Tagesanzuge gegenwärtig, auch der Vater war da, und wir machten unsern Spaziergang. Als wir zurük gekommen waren, sezte sich Maria auf eine Bank vor dem Hause. Sie war sehr ermüdet, da sie den ganzen Tag fleißig gearbeitet hatte.

Weil nun der Rükhalt in Bezug des Geigenspieles Camillas weggefallen war, hörte ich sie von jezt an öfters. Bald war es in dem Zimmer der Mutter, in das ich nun zuweilen ging, und wo sie an der Alabastervase stehend ihre Uibungen machte – bald war es auch in der Nacht, wo sie die Töne recht leise und gleichsam nur versuchsweise erklingen ließ, wo der Springbrunnen wieder manchmal gestillt war, und die schwachen Laute in den weiten Flimmer der Natur hinaus gingen; denn der Mond war endlich voll geworden, und stand mit einer wahrhaft prangenden Herrlichkeit über der Oede. Ich ging jedes Mal an mein Fenster, öffnete es, lehnte mich hinaus, und hörte zu, so lange ein Ton zu hören war.

Ziemlich weit von dem Hause war eine Stelle, auf welcher das lagernde Gestein sich in einem Kreise herum schob und erhöhte, als wollte die Natur da ein Theater zum Sehen und Horchen errichten. An diese Stelle gingen wir öfter, auch der Vater und Maria. Da trug manchmal Camilla das Fach mit ihrer Geige mit sich. – Und wenn es dann sehr stille war, wenn ein klarer Schein durch alle Lüfte ging: öffnete sie das Fach, nahm die Geige heraus, und spielte vor uns auf der Haide. Da geschah es zuweilen, daß man wie eine liebliche Staffage einen Knaben auf dem gegenüberliegenden Bergrüken erscheinen, mittelst eines langen Stabes von Stein auf Stein näher hüpfen, endlich aber auf den Stab gelehnt stehen bleiben und zuhorchen sah. Manchmal erschienen auch die Ziegen, die wie weiße Punkte auf den entfernten blaulichen Rasengründen kletterten. Ich erkannte sogleich den Ziegenbuben, der mich an Hieronimus gewiesen hatte. Ich begrif auch nun, wie er bei seiner doch ziemlichen Entfernung in den Irrthum hatte verfallen können, Rikar geige so schön.

Auf diese Weise gingen die Stunden in dem Hause dahin. Ja ich verfiel sogar wieder auf mein Zeichnungstalent; denn, was man kaum glauben sollte, in dieser Einsamkeit waren Linien von solcher Schönheit, daß sie mich reizten, ob ich sie nicht nachahmen könnte. Ich suchte mein Buch hervor, welches mit den gehörigen Bleistiften in den Ledersak gepakt war, und zeichnete manche Felsengruppe, manchen Bergrüken, manche Fernsichten, und manche Rasenpläze hinein, und ließ sie zu Hause sehen.

Eines Tages, als wir schon sehr vertraut waren, ließ mir Rikar sagen, ich möchte mit ihm einen kleinen Spaziergang machen, er hätte etwas Nothwendiges mit mir zu reden. Ich sandte ihm die Antwort, daß ich sehr bereitwillig sei, daß ich mich zusammen richten, und ihn dann in seinem Zimmer abholen würde.

Als ich meinen Rok gewechselt und meinen Hut aufgesezt hatte, begab ich mich zu Rikar, den ich schon völlig zu dem Spaziergange gerüstet fand.

Wir gingen durch den Garten rükwärts hinaus, wo man den Springbrunnen zur Linken und die hohe Felsenwand im Angesichte hat. Als wir durch die lose Steinmauer hindurch gegangen waren, und uns auf dem trokenen Grasboden befanden, sagte er: »Ich habe euch eigentlich wegen etwas um Verzeihung zu bitten, welche Pflicht ich wohl schon längst hätte erfüllen sollen, wenn mich nicht eine Scheu zurük gehalten hätte; – aber einmal muß es doch sein.«

»Ich wüßte durchaus nicht, Freund Rikar,« sagte ich, »was ihr gegen mich begangen haben könntet, dessentwillen ihr mich um Verzeihung zu bitten hättet. Ihr seid ja gegen mich immer die Güte und Freundlichkeit selber.«

»Und doch habe ich etwas,« sagte er, »das mir auf dem Gewissen liegt. Ihr werdet euch erinnern, daß ich euch, als wir in Wien von einander schieden, das Versprechen gegeben habe, euch einen Brief zu senden, der euch von meinem Aufenthalte Nachricht geben soll. Den Brief habt ihr nicht erhalten.«

»Nein, ich habe ihn nicht erhalten,« antwortete ich.

»Weil er gar nicht geschrieben worden war,« sagte er, »und diese Untreue ist es, derentwillen ich euch um Verzeihung bitte.«

»Aber Freund Rikar,« erwiederte ich, »wie könnt ihr nur so reden, wenn ihr den Brief nicht geschrieben habt, so wird gewiß eine vollgültige Ursache vorhanden sein, derentwillen es unterblieben ist.«

»Wenigstens ist sie keine leichtsinnige gewesen,« sagte er, »höret mich an.«

»Nein, nein, Rikar, ihr braucht euch vor mir nicht zu entschuldigen,« erwiederte ich, »es wäre thöricht und schlecht von mir, wenn ich zweifelte.«

»Wenn es aber eine Rechtfertigung und eine Genugthuung für mich ist, dann lasset ihr mich wohl reden, und hört mich an?«

»Ja, wenn das ist, Rikar, so redet,« sagte ich.

»Ich muß manches voraus erzählen, damit ihr alles versteht,« begann er. »Ich wurde in Mailand geboren, meine Eltern aber waren deutsch aus Tirol, und siedelten sich erst nach ihrer Vermählung des Seidenhandels willen in Mailand an. Wir lebten im Winter in der Stadt, im Sommer auf dem Lande. Ich war der einzige Sohn und das einzige Kind. Da wir außer dem Handelsgeschäfte auch noch liegende Gründe in den Bergen hatten, so sah es mein Vater nicht gar so ungerne, daß ich zu dem Handel keine Freude hatte, und mich mehr den Wissenschaften zuwendete, um einmal in die Dienste meines Vaterlandes zu treten. Ich war sehr eifrig, und meine Lehrer lobten mich. In Mailand lernte ich auch meine jezige Gattin Victoria kennen. Sie war ein ausgezeichnetes Mädchen, und wollte mir wohl. Die beiderseitigen Eltern, die in Handelsverbindung standen, und auch sehr große Achtung vor ihrem wechselseitigen Karakter hatten, legten ihren Kindern gar nichts in den Weg. Wir waren sehr glüklich, und wenn sonst die Abwesenheit jedes Hindernißes gewöhnlich die Zuneigung erkalten läßt, so wuchs die unsere vielmehr an diesem Umstande, und ich muß euch sagen, daß sie bisher in unsere alten Tage hinein immer gewachsen ist. Als ich in das Amt trat, wurde Hochzeit gemacht. Die Freunde und Verwandten der beiden Familien waren zugegen. Mein Vater hatte uns in einem Hause, das dem seinigen sehr nahe lag, eine Wohnung eingerichtet, daß wir in ihr leben und selbstständig sein könnten. Wir waren zufrieden, wie man es nur immer in der Welt sein kann. Meine Gattin gebar mir einen Sohn und zwei Mädchen. Der Sohn ist als Jüngling gestorben, die Mädchen leben, und ich habe sie noch. Zuerst starben die Eltern Victorias, dann starben auch die meinigen. Wir verkauften die Handelschaften, wir verkauften Victorias Haus, denn sie war auch die einzige Tochter und das einzige Kind ihrer Eltern gewesen, und wir zogen in das Haus meines Vaters. Ich war in den Diensten unserer Stadtgemeinde und diente unentgeldlich. In jener Zeit begannen mich üble Nachreden zu verfolgen, es wurden mir Hindernisse gelegt, und zulezt brach noch ein Prozeß mit einem meiner weitschichtigen Verwandten aus. Diese Dinge veranlaßten uns, daß ich mein Amt nieder legte, und daß wir nach Meran, dem Stammorte Victorias, gingen; denn ihre Großeltern hatten in der Gegend gelebt. Wir wohnten in Meran abgeschieden und ohne Feinde. Aber die Gerichtssache wurde immer schwerer. Je weiter wir kamen, desto mehr dehnte sie sich aus, und ich mußte ihr meine ganze Aufmerksamkeit widmen. Weil wir in Meran sehr zurükgezogen lebten, so konnte ich den erforderlichen Antheil an dem Rechtsgange nehmen. Zulezt wurde die Entscheidung nach Wien verlegt, und ich reiste ebenfalls dahin. Ich gab mir alle Mühe, das Ende herbei zu führen, und scheute keine Anstrengung und keine Aufopferung. Das Ende kam auch. Was ich nimmermehr geglaubt hätte – ich hatte den Prozeß verloren – und mit ihm hatte ich aber auch mein ganzes Vermögen verloren. Von den Handelsgütern unserer Eltern war ohnehin nicht viel übrig geblieben, unsere Habe bestand größtentheils in unserem landschaftlichen Besize, und dieser war der Gegenstand des Prozesses gewesen. Mein Gegner war ein sehr edler Mann, und er hat gewiß von meiner Lage nichts geahnt. Als ihr mich zu dem Postwagen begleitetet, und ich meinen zertretenen Mantel, auf den die Leute gestiegen waren, von der Erde aufhob, um einzusteigen, wußtet ihr wohl nicht, wie es mir im Herzen war. Es saßen lauter fröhliche Menschen in dem Wagen, ich drükte mich in die Eke, und schwieg. Ich kam nach Meran. Ich versammelte die Meinigen, und sagte ihnen, was uns begegnet sei. Da war ein großer Schrek und eine große Traurigkeit. Aber wir faßten uns wieder, und beschloßen, uns in dem, was uns geblieben war, umzusehen, und zu versuchen, ob wir davon, wenn wir es zu Gelde gemacht hätten, leben könnten. Wir beschloßen den Verkauf aller unserer Dinge in Mailand. Unter den Liegenschaften, die wir besaßen, war auch dieses Haus hier, in dem wir jezt wohnen. Es war nicht in den Verzeichnißen der streitigen Gegenstände aufgenommen gewesen, wollte mir nun mein Gegner ein Geschenk machen, oder hatte er es vergessen. Unsere Vorfahrer hatten einst sehr ausgedehnte Besizungen in den Gegenden des Gardasees gehabt, die später unter ihren Nachfolgern bedeutend zusammen geschmolzen sind. Als noch die Hochebenen des Sees mit dichtem Walde bedekt waren, erzählt die Sage, haben sie hier dieses Haus als ein Jagdschloß erbaut, um sich bei ihren Ausflügen und Vergnügungen zu schüzen und zu sammeln. Aber diese Sage ist nicht wahr. Hier ist nie ein Wald gewesen, und weßhalb unsere Voreltern das Haus erbaut haben mögen, können wir nicht mehr ergründen. Unsere nächsten Vorfahrer kümmerten sich nicht um das Gebäude, sie vergaßen es, und es gerieth in Verfall. Mein Großvater, der ein Freund ländlicher Natur und Abgeschiedenheit war, erinnerte sich wieder daran, und wollte darin wohnen. Er besah es, und machte seine Entwürfe. Er sandte dann Bauleute herauf, die diese Entwürfe verwirklichen mußten. Er ließ aus den vielen kleinen Zimmern, die dem Geschmake des Mittelalters zusagten, wenigere aber größere machen, wie sie von seiner Zeit gefordert wurden. Er ließ auch zubauen, ließ die Wände mit den Bildern bemalen, die ihr noch seht, darum so viele Schäfer und so viele Gegenstände aus der Götterlehre sind, und ließ alles nach seinen Ansichten und seinen Neigungen verzieren. Ja er sezte sogar die Bäume, die ihr jezt als großgewachsen und alt um das Haus herum stehen sehet. So sehr ist man gewohnt, alles, was in dem Hause auffällt, auf Rechnung des Großvaters zu sezen, daß ihn auch sogar meine Mädchen, wenn sie von ihm reden, den Großvater nennen, obwohl er gegen sie der Urgroßvater ist. Als alles fertig war, ließ er Geräthe herauf bringen, und brachte in jedem Sommer einen Theil seiner Zeit hier zu. Ich erinnere mich, daß ich als ganz kleiner Bube ein par Male bei ihm heroben war. Mein Vater, als er selbstständig wurde, hatte keine Freude an dem abgelegenen Haidehause, sondern er brachte seine Sommermonate weit davon in einer kleinen Besizung in Tirol zu. Ich kam in meinen Jugendstreifereien einige Male herauf, und achtete dann später, als ich mit Victoria in der Ehe lebte, nicht mehr auf diese Behausung. In der Zeit unserer Verluste aber, da wir die Reste unseres Besizes zusammen zählten, dachten wir wieder auf das Haus, und ich schlug vor, um von den Leuten weg zu gehen, und zu sparen, uns einstweilen hieher zurük zu ziehen, und hier zu wohnen. Victoria, die mich sehr liebte, willigte ein, und die Mädchen hatten mir ohnedem in ihrem Leben noch nie widersprochen. Wir gingen also von Meran herauf. Als wir da wenigstens unter Dach waren, begann ich den Verkauf unserer Habseligkeiten in Mailand. Ich reiste hin, und verkaufte das väterliche Haus, das ohnedem nur zur Bewohnung für seine Familie und zur Bewahrung seiner Handelsgegenstände eingerichtet gewesen war. Ich verkaufte hierauf alle Geräthe, die sich in dem Hause vorgefunden hatten. Ich verkaufte die Gemälde, die in dem Hause waren, und die Bücher, die man in vielen Jahren noch von Tirol her gesammelt hatte, nur die ließ ich zurük, die sich Victoria heraus gesucht, und zu ihrem künftigen Gebrauche aufbehalten hatte. Von den meinigen behielt ich kein einziges zurük. Wir verkauften auch, was wir an Schmuk besassen, bis auf die zwei Eheringe, und den goldenen Reif, den Camilla bei dem Geigenspiele anzuhaben gewohnt ist, und dann verkauften wir auch noch, was etwa wegen Seltenheit, wegen besonderer Vorliebe oder aus sonst einem veralteten Grunde vorhanden war. Als ich alles dieses verrichtet hatte, kehrte ich wieder zu den Meinigen zurük. Wir hatten nunmehr auf der ganzen Erde keinen einzigen dauernden Punkt mehr, den wir unser Eigenthum nennen konnten, als das Haidehaus. Aber wie sah es damals hier aus! Victoria und Camilla mußten die ausgedörrten Fugen der Fensterrahmen ihrer Zimmer mit Wolle verstopfen, damit ihnen bei der Nacht der Wind nicht das Licht blies. Maria machte sich ihr Bett in einer Obstkammer, und die Magd, die einzige, die wir hieher mitgebracht hatten, schlief bei ihr in einem Vorkämmerchen; denn die größeren Zimmer und der Saal waren durchaus unbewohnbar. Es klaften in ihnen die Fensterrahmen fingerbreit, oder hingen durch das Wetter so verbogen hinaus, daß das Glas zersprungen war, und sie nicht mehr in ihre Fugen gepaßt werden konnten. Andere Fenster waren leere Höhlen oder mit Brettern verschlagen. Von dem Dache hatte der Wind einen Theil weggetragen, daß der Regen eindringen konnte, und daß die Pflasterungen und Täflungen der Zimmerböden theils eingesunken, theils zersprungen waren. Die Oefen hatten Löcher, der Staub rieselte aus ihnen heraus, und in den Eken der Wände hingen die Fahnen alter und verlassener Spinneweben. Blos für mich war am besten gesorgt worden, damit ich nicht krank würde. Das nehmliche Zimmer, welches ich noch jezt bewohne, und welches schon damals eines der besterhaltenen war, richteten die Meinigen, während ich in Mailand war, zusammen. Sie ließen alle schadhaften Stellen der Wände ausbessern, verstopften die Fensterrizen mit Wolle, bis auf einen Flügel, der zum Oeffnen und zur Auslüftung des Zimmers diente, bekleideten die theilweise feuchten Wände mit Teppichen, legten dergleichen auch auf den Fußboden, und machten mir ein Bett aus den besten Dingen, die wir mitgebracht hatten. – Die Geräthe, die in dem alten Hause standen, waren demselben nicht entsprechend, sondern noch schlechter. Da sie der Großvater hatte heraufbringen lassen, hatte er nicht etwa die Zwekmäßigkeit oder Bequemlichkeit im Auge gehabt, sondern er war einem eigenthümlichen Zuge seines Karakters gefolgt. Er war nehmlich ein großer Liebhaber und Verehrer von alten Sachen, namentlich von mittelalterlichen und ganz besonders von vorchristlichen. Um nun sein Jagdhaus geschichtlich einzurichten, hatte er alles, was er an alten Sachen besaß, herauf bringen lassen, und kaufte noch, was er antraf, zusammen. So wurde das Haus nicht etwa ein Denkmal, sondern es waren da Dinge aus den verschiedensten Zeiten beisammen und stachen von den auf die Wände gemalten Schäfern und Schäferinnen widerspänstig ab. Nach seinem Tode zerfielen sie völlig. Sie waren vom Wind und Regen verwittert, die Fugen ließen nach, manches hing nur lose zusammen, und fiel, wenn wir es rükten, in einen Haufen Trümmer. Wir nahmen, was zu gebrauchen war, und räumten unsere Habseligkeiten ein. Wie manches Fach wurde nun mit unsern gewöhnlichen Dingen gefüllt, das einst zu einem ganz andern Gebrauche bestimmt war. Das Aeußere des Hauses sah auch sehr übel aus. Es hatte schwarze ausgebrökelte Mauern, von denen manches große Stük im Grase lag. Die Thore waren theils geschwunden, daß kein Riegel paßte, theils standen sie unbeweglich in verrosteten Angeln. Die Bäume des Großvaters waren verwüstet, und vom Sturme gepeitscht. So war es, und da sollten wir nun leben und bis zum Ende unseres Lebens bleiben. Gleichwohl sahen wir alle ein, daß es geschehen müsse. Wir ließen zuerst das Dach und die Fenster und die Thüren herrichten, daß wir wenigstens von Außen gesichert wären, und dann gingen wir daran, uns im Innern eine Wohnung zurechte zu machen. Wir ließen das Nothwendigste in Stand sezen, und zogen uns in wenige Zimmer zurük. Als dies geschehen war, nahmen wir noch einen alten Mann mit einem Maulthiere zu uns, welcher alle Geschäfte des Thales für uns zu verrichten hatte. Nach allen diesen Anordnungen, da wir nun heroben in unserem einsamen Hause wohnten, war es an der Zeit, daß wir auf die Mittel, welche uns nach dem Unglüke noch geblieben waren, einen aufmerksamen Blik richteten. Ich legte die Summe, die von dem Erlöse unserer Verkäufe nach Abzug der Auslagen noch da war, den Meinigen vor. Nach den bündigsten und genauesten Rechnungen zeigte sich, daß wir von ihr, wenn wir sie nach und nach aufzehrten, acht bis zehn Jahre leben könnten, das heißt, in äußerster Sparsamkeit, dann aber gar nichts mehr besäßen, als das alte Haus auf der Haide. Wollten wir hingegen die Summe sogleich auf Zinsen austhun, und sollten wir die höchsten dafür bekommen, so zeigte sich, daß wir bei der allergrößten Beschränkung nicht davon zu leben vermochten. Es war also eine große Besorgniß vorhanden, und wir mußten ernstlich darauf denken, was nun zu beginnen sei. In dieser Zeit fing meine Gattin an, Camilla, die uns oft in früheren Jahren mit ihrem Geigenspiele ergözt hatte, und von der uns manche nähere Freunde versichert hatten, daß sie besser spiele, als viele berühmte Meister, zu quälen, daß sie öffentlich auftreten, und zu dem vorhandenen Vermögen so viel hinzu

erwerben möge, daß die Familie für die Zukunft gesichert sei. Wir hatten sie sonst immer gerne gehört, und uns Eltern waren ihre Töne sehr lieblich in das Herz gegangen, ohne daß wir darauf gedacht hätten, diese Töne auch für Fremde preis zu geben: als aber jezt diese Zumuthung an Camilla erging, weigerte sie sich, darauf einzugehen, vergoß einen Strom von Thränen, und konnte sich nicht entschließen. Als die Sache öfter angeregt wurde, weigerte sie sich zwar nicht mehr geradezu, aber sie hatte rothe Augen, ein abgehärmtes Antliz, und bleiche Wangen. Da sagte eines Tages Maria, die damals noch nicht völlig achtzehn Jahre alt war: »Vater, ich werde etwas beginnen, was uns aus der Besorgniß und aus der Noth heraus reißen wird.« Auf die Frage, was denn das sei, antwortete sie: »Ich werde einen Obst- und Gemüsegarten, überhaupt eine Pflanzenwirthschaft hier anlegen, werde die Erzeugniße verkaufen, davon werden wir leben, und für die Zukunft etwas zurük legen.« Wir schauten das Kind an, und sagten, das sei wohl ein verunglükter Gedanke, da hier das Erdreich besonders unfruchtbar sei, da wir von den Orten des Verkehres abgelegen wären, da die Pflanzenpflege überhaupt nur sehr kümmerlich nähre, und da wir zulezt ein zu kleines Stük Land um das Haus besässen, als daß damit etwas anzufangen wäre. Hierauf antwortete sie: »Ich habe auf das alles schon gedacht, aber die Erde muß durch sehr sorgfältige und außerordentliche Mittel, die ich aus Büchern lernen werde, verbessert werden, so zwar, daß sie besser sei, als jede andere, welche sich in der Gegend befindet. Zu dem Verkehre müssen die einfachsten und wohlfeilsten Mittel angeschafft werden, die sich selber wieder von den Abfällen der Pflanzen erhalten. Weil wir abgelegen sind, so ist gerade das Land wohlfeiler, als in bevölkerten Thälern. Was die kümmerliche Ernährung durch die Pflanzenpflege betrifft, so muß man sie sehr sehr gut betreiben, man muß die allerschönsten Pflanzen hervor bringen, man muß ihnen einen Markt suchen, und sie müssen Aufsehen erregen. Man muß schöne Blumen pflegen, namentlich jene schönen Blumen, welche den wohlhabenden Leuten sehr gefallen, die sie nicht selber hervor zu bringen verstehen, und mit Freuden bezahlen. Was endlich den Umstand anlangt, daß wir nur ein kleines Stük Land um das Haus besizen, so können wir ja nach und nach immer mehr erwerben, wie es unser Bedürfniß erheischt.« Es wohnte damals ein jugendlicher freundlicher Landwirth unten im Thale, der seine ererbte schlechte Besizung zur Verwunderung aller Menschen in reinlichen Stand gebracht und ihr Erträgniß sehr erhöht hatte. Diesen mochte Maria vor Augen gehabt haben. Am Nachmittage nahm sie auch den alten Mann mit dem Maulthiere, und ritt zu dem Landwirthe hinunter. Sie eröffnete ihm nach ihrer Art unsere ganze Lage, und erzählte ihm, wie alles gekommen sei. Am Abende kam sie wieder zurük. Sie saß auf dem Maulthiere gegen die rauhe Luft wohl verwahrt, und hatte einen großen Pak Bücher bei sich, die sie dem Thiere aufgeladen hatte. »Vater,« sagte sie, »morgen wird Alfred Mussar herauf kommen, er wird das Land untersuchen, und uns dann einen Rath ertheilen.« Noch an demselben Abende fing sie sehr eifrig in den Büchern zu lesen an. Am andern Morgen kam Alfred wirklich zu uns herauf, und sagte uns, was ihm das Mädchen anvertraut habe, und daß er den Boden ein wenig ansehen wolle. Er hatte auch einen Mann bei sich; mit diesem ging er auf dem Haidegrunde herum, ließ Erde ausheben, und ließ an verschiedenen Stellen Gruben graben. Als dieses geschehen war, kam er wieder in das Haus zurük und sagte, er glaube, daß Maria vollkommen recht habe, daß wir durch Benüzung unseres Grundes und Bodens unabhängig leben könnten, und wir sollten unverzüglich an das Werk schreiten; er werde uns als hilfreicher Freund an der Seite stehen. Wir gaben seinen Kenntnissen und Erfahrungen nach, und verabredeten gleich im Allgemeinen einen Plan zum Beginne. Alfred hat sein Versprechen, uns beizustehen, nicht nur gehalten, sondern er hat weit, weit mehr gethan, er ist unser bester Freund geworden, und ist es bis zu dem heutigen Augenblike geblieben. Schon zwei Tage nach seinem ersten Besuche sandte er uns einen sachverständigen Mann herauf, der bei ihm in Diensten war, daß er bei uns das Ganze leite, und deßhalb auch immer heroben bleibe. Er sandte uns auch einige Taglöhner, welche in Arbeiten dieser Art erfahren waren. Nun wurde die Erde umgegraben, die Steine zerschossen, Wasserrinnen angelegt, Dünger herbei geschafft, und Rasen gethürmt, daß sich Erde bereite. Maria war bei allen Dingen dabei, sie wurde immer heiterer, und hatte sich kürzere Röke und Stiefelchen machen lassen, um überall hin gehen zu können. Wenn es Abend wurde, und die Leute ruhten, saß sie bei den Büchern, und lernte in ihnen um etwas vorwärts zu bringen. Es ist unglaublich, wie sich das Kind damals um die Sache annahm. Ich konnte ihm beinahe in keinem Stüke beistehen, weil ich nach den Erschütterungen und Sorgen der vorhergegangenen Jahre fast immer krank war. Alfred kam Anfangs in jeder Woche einmal, später sogar zweimal herauf. Wenn Maria sich nicht Raths wußte, ritt sie auch zu ihm hinunter. Sie saß hiebei immer auf dem Maulthiere, das der alte Mann an dem Zaume führte. Endlich waren die Gründe umgearbeitet, die Mauer um dieselben aufgeführt, die alten Bäume beschnitten und gereinigt, neue gesezt, und die nakte Erde des Gartens mit Pflanzen bedekt. So konnte es nun weiter gehen. Im ersten Sommer war es nicht viel, aber es wurde bald besser, so daß wir bei unserer einfachen Lebensweise nichts mehr von dem Unsrigen beisezen durften. Die Sache war nun im Gange, und schwang sich immer besser empor. Maria richtete sich das Zimmer ein, welches sie noch hat, schrieb dort alles auf, lernte dort, leitete alles, und führte es zu dem Zustande, in welchem es jezt ist. Sie strengte die Kräfte, die der Herr in ihren Körper gelegt hatte, so an, daß ihre Schönheit, welche, obwohl ich es als ihr Vater nicht sagen sollte, damals nicht nur das sanfte Aussehen Camillas übertraf, sondern wirklich außerordentlich war, ganz und gar verloren ging. Sie hatte eine sehr große Freude, als sie die erste Summe ersparte, und einen Theil ganz nach ihrem Ermessen verwenden durfte. Sie ließ das Haus damit gänzlich herstellen. Sie ließ das Dach und die Mauern ausbessern, ließ leztere mit der schönen weißen Farbe übertünchen, die sie jezt haben, und ließ im Innern die Zimmer, wenn sie auch nicht bewohnt waren, in vollkommenen Stand sezen. Als sie wieder eine solche Ersparung machte, ließ sie schöne Geräthe verfertigen, ließ Teppiche und Vorhänge herbei kommen, und richtete für die Mutter und Camilla eine Wohnung ein. Später ließ sie die schönen ebenholzenen Dinge für Camillas Geigenspiel machen, und überreichte sie ihr zum Namensfeste – und endlich kaufte sie noch Wolle, Seide, Zeuge und Zugehör, daß mir Victoria und Camilla die Deken, Teppiche, Schämel und andere wohlthätige Dinge in meine Wohnung verfertigen konnten. Für sich that sie nicht viel, als daß sie sich ihr Zimmer einrichtete, wie es jezt ist, mit den Geräthen, die sie eben vorfand.«

Bei diesen Worten schwieg Rikar plözlich, wir gingen schweigend unseres Weges auf dem Rasen zwischen den grauen Steinen dahin; denn auch ich mochte die Stille nicht unterbrechen.

Dann fuhr er wieder fort: »Ich wurde nach und nach gesünder, und endlich so wohl, daß ich auch bei der Führung unseres neuen Geschäftes, und unserer neuen Haushaltung thätig sein konnte. Es wurden die Erdbrennereien angelegt, es wurden die Glashäuser errichtet, es kamen die Lastthiere in das Haus, und es mehrten sich die Leute, die wir brauchten. Die erste von denen, die in früherer Zeit bei uns dienten, und die von Maria wieder gerufen wurde, war die Amme Cornelia. Sie war, da wir Meran verließen, zu einer armen Verwandten gegangen, und hatte bei derselben gelebt. Sie folgte dem Rufe recht gerne, kam herauf in unsere Einsamkeit, und schloß sich Maria bei der Führung der häuslichen Angelegenheiten an. Außer ihr kamen noch zwei andere, die sonst bei uns gewesen waren. Da alles schon gehäbiger und freundlicher war, ließen wir die Nebengebäude verfertigen, die Laube in dem Kastanienwäldchen zimmern, und zur Erheiterung den Springbrunnen graben. So wurde es uns immer besser und einträglicher. Unsere Erzeugnisse gehen unter dem Namen »vom Berge Sanct Gustav« in die Thäler, hauptsächlich aber über den See in die südlichen Gegenden, wo besonders Ableger, Knollen und Pflanzen unserer Blumen begehrt werden. Unter diesem Namen kommen auch die Briefe zu uns herauf, daher mag es gekommen sein, daß euch in Riva auf meinen eigentlichen Namen niemand Auskunft zu geben vermochte. In jüngster Zeit wurden auch die andern Zimmer eingerichtet, daß wir doch einem Gaste, wenn einer zu uns herauf kömmt, eine Wohnung anweisen können. Von den alten Einrichtungsstüken sind manche geblieben, wie ihr werdet gesehen haben, es wäre auch Schade, wenn wir sie weg thäten; denn sie sind noch brauchbar, und erweken, wenn sie an der rechten Stelle stehen, manche Erinnerung an vergangene Zeiten. Ich glaube, wir können in der Zukunft ohne Sorgen leben, da die Dinge, die wir hervor bringen, ein wirkliches Bedürfniß der Menschen sind, da wir sie immer auf das beste zu erzeugen bemüht sind, und da wir uns um alle neuen Wege, Erfindungen und Begehrungen bekümmern. Wenn es so fort geht, so kömmt doch vielleicht wieder eine Zeit, wo wieder Gemälde in dem Hause sind, und wo wieder die Bücher da sind, die ich verloren habe – zwar nicht die nehmlichen, die in meines Vaters Sammlung waren, – wo werden die sein – aber doch andere desselben Inhalts, die ich dann so binden lasse, wie die Victorias, die sie aus der alten Sammlung gerettet hat. – Doch lassen wir das. – – Daß ich wieder auf den Punkt zurük komme, um den es sich eigentlich handelt, dessentwillen ich euch heraus geführt habe, und dessentwillen ich euch alles erzählt habe, – ich habe den Brief, den ich versprochen hatte, nicht geschrieben, weil ich so arm war, daß ich mich schämte, an euch zu schreiben. Später hätte ich es wohl thun können, aber da dachte ich immer, was wird er denken, daß du nun plözlich den Brief sendest. So unterblieb es bisher. Aber es war schon beschlossen, daß es geschehen sollte, und daß euch alles dargelegt werden sollte – da kamt ihr selber, was recht gut und recht schön und recht lieb von euch ist – und ihr verzeiht mir wohl meine Scham, gedacht habe ich immer an euch, und euer Benehmen gegen mich habe ich nie vergessen.«

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