Zwei Schwestern
Maria war so ehrlich und offen, wie…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Auch von Rikar erzählte mir Alfred einiges. Er achtet ihn sehr hoch, weil er, wie er sagt, in seiner Einfachheit so tief ist. Er hat außer den zwei Mädchen auch einen Sohn gehabt, von dem er aber nie eine Erwähnung gethan hatte. Als der Jüngling sein zwanzigstes Jahr begann, wurde er ihm durch eine schwere Krankheit, die ihn in der Fremde befiel, und in der ihn Rikar, der zu ihm geeilt war, pflegte, entrissen. Er mußte einen großen Schmerz empfunden haben, er sagte nichts davon, aber er trug das schwarze Kleid seit jenem Tage, und trägt es heute noch.
Als wir unser Mittagmahl unter den Kastanien verzehrt hatten, begleitete mich Alfred auf einem großen Umwege durch das Gebirg, welchen Umweg er mich geführt hatte, damit ich auch diese Theile der Gebirge kennen lernte. Als die Sonne sich schon gegen Untergang neigte, als wir auf dem Kamme der Gebirge standen, zeigte er mir die Richtung, nach welcher ich in Rikar's Haus gelangen würde, und wir trennten uns. Er ging thalwärts, ich aber wandelte auf der Schneide so mancher Gesteine dahin, bis ich spät in der Besizung meines Gastfreundes ankam.
In den nächsten Tagen, die ich noch in dem Hause zubrachte, glaubte ich eine sonderbare Bemerkung zu machen. Camilla trug eine Neigung zu Alfred im Herzen. Die Zeichen waren leise, ihr selber vielleicht unbewußt, aber ich glaubte sie doch deutlich zu erkennen.
Wenn er da war, sprach sie viel weniger, als sonst. Sie saß da und horchte aufmerksam zu, wenn er erzählte. Wenn wir spazieren gingen, wandelte sie sanft gesenkten Hauptes meistens vor ihm, und achtete der Worte, die von seinen Lippen kamen. Wenn er abwesend war, sprach sie am liebsten von den Ländern, in denen er gewesen, und von denen er eben zurükgekehrt war. Ich habe sie allein in dem Garten lustwandeln gesehen, ihre Wangen waren zart gefärbt, in den Mienen war etwas Gehobenes, und die schönen Augen, in welchen ohnedern eine solche Schwermuth lag, waren gegen die Ferne gerichtet, so daß es aussah, als befände sich dort etwas, oder als suchte sie dort etwas. Oder sie stand auch zuweilen an dem Springbrunnen, dessen Strahl Maria so gerne im Gange erhielt, und woran sie sich ergözte, und sah auf das Silber der emporsteigenden Säule, und sah viel länger darauf hin, als es die bloße Betrachtung dieses Dinges erforderte. Sie spielte vor dem Schlafengehen oder am Morgen nach dem Aufstehen wieder gerne auf ihrer Violine.
Die Töne waren sanft und sehnsuchtsvoll, als fragten sie oder suchten sie nach irgend einem Dinge, sie waren nicht entzüken- und jubelerfüllt, aber sie waren auch nicht so traurig, wie in der ersten Nacht, als sprächen sie von einem schmerzlichen Glüke, das zerflatternd und vergehend nirgends zu ergreifen sei.
In dem gewöhnlichen Verkehre mit uns und andern Menschen war sie nicht anders, als sie bisher immer gewesen war, nämlich gütig und einfach gegen Jedermann, und bestrebt, Jedem eine Freude zu machen. Wenn sie mit Alfred sprach, so waren ihre Worte nicht bedeutender, als wenn sie mit Andern sprach, nur waren sie immer kurz und der Sache angemessen.
Ihr Antliz trug das Durchscheinen eines Erhabenen oder eines, das mit dem Gewöhnlichen, das die Zeit und das Leben bringt, nichts zu thun hat.
Diese Merkmale hatte ich nach und nach beobachtet, ohne daß ich eben darauf ausging.
So wandelte sie unter uns dahin, und ließ den Tag kommen, wie er kam, und ließ den Tag gehen, wie er ging.
So standen die Sachen, als die Zeit, die ich noch zugegeben hatte, ohne dem Ganzen meiner Reise gar zu viel abzubrechen, beinahe verstrichen war. Da geschah es eines Tages, daß Alfred nicht in seinen gewöhnlichen Kleidern, sondern in einem schwarzen Anzuge zu Rikar herauf kam. Ich hatte ihn durch den Garten herein gehen gesehen. Er war Anfangs eine Weile bei dem Vater gewesen, dann ging er über den Gang zu der Mutter. Als ich von meinen Zimmern in das Freie hinab ging, hieß es, er habe um Maria geworben.
Ich stand da, und fragte den Gärtner, aber der wußte nicht, von wem er es gehört habe, jedoch gewiß sei es ganz und gar. Ich fragte noch Andere, die sagten, es sei schon gewiß, wenn man auch nicht wisse, woher; es sei schon gewiß, und könne nicht anders sein.
In diesem Augenblike, da ich mir nicht getraute, in das Haus hinein zu gehen, um Niemanden ungelegen zu sein, kam die Mutter in geschäftigem Eifer heraus, und da sie mich erblikte, ging sie auf mich zu und sagte: »Er hat um Maria geworben. Wir wissen nicht, wo Maria ist, vermuthlich ist sie in dem äußeren Garten mit irgend etwas Angelegentlichem beschäftigt.«
Nach diesen Worten verließ sie mich, und ging in die Tiefe des Gartens zurük.
Ich wußte eigentlich nicht, wie mir bei dieser Nachricht geschah, aber daß ich jezt Niemanden begegnen müsse, daß ich nicht in das Haus gehen müsse, und daß ich mit keinem Mitgliede der Familie reden müsse, das schien mir deutlich zu sein. Ich ging daher in einen abgelegenen Theil des Gartens, den wir gewöhnlich nicht viel besuchten, und ich ging noch dazu auf Wegen, die weniger betreten waren, als die andern, weil sie zwischen dichten Pfirsichgeländern lagen, und selbst in trokenen Zeiten ein wenig feucht waren; allein wie ich so zwischen den Pfirsichgeländern wandelte, sah ich außerhalb derselben dicht neben mir meinen Freund Rikar bei mir vorbei und in ein hölzernes Häuschen hinein gehen, das in dieser Gegend stand, um Früchte, Sämereien, Gemüse und andere Dinge, die man nicht gleich in das Haus bringen wollte, gelegentlich aufzubewahren. Als er in die Thür des Häuschens trat, drükte er seine Hände in einander und sagte: »Ich habe es ja gewußt, ach, ich habe es ja gewußt!«
Ich brach bei einer Lüke, die sich mir darbot, aus dem Pfirsichgeländer hinaus, weil es mich sonst unmittelbar zu dem Häuschen geführt hätte, in dem Rikar war, und wollte quer durch die Gemüse und Blumen gehend, zu der Steinmauer gelangen, um ein Stük auf dem Rasen hinauszugehen. Als ich unter den Blumen und etwas freier war, sah ich in der Ferne des Gartens die Mutter und Maria dem Hause zugehen. Die Mutter hatte Maria an der Hand, und so gingen sie gegen das Haus. Ich erreichte die lose Steinmauer, und weil an dieser Stelle kein Pförtlein war, so kletterte ich über dieselbe hinüber, gelangte in die offeneren Gründe, und ging von ihnen in die völlig leere Haide hinaus.
Ich ging an dem Gesteine dahin, und als eine geraume Zeit verflossen war, wendete ich mich wieder gegen das Haus.
Da ich dort anlangte, war Alles entschieden: sie hat ihn ausgeschlagen. Rikar, der mir auf dem Gange begegnete, sagte es mir selber. Die Mutter hat sie in dem Garten gesucht, hat sie in das Arbeitszimmer geführt, und dort mit ihr geredet. Nach Kurzem sind sie wieder heraus gekommen, Maria hatte sich entschlossen und Alles abgelehnt.
Ich ging auf meine Zimmer, und dachte über diese Begebenheit nach.
In einer Weile kam Alfred herauf. Er war sehr freundlich, er war sehr ruhig, aber auch sehr ernst. Er sagte, nachdem er sich zu mir gesezt hatte: »Sie werden wohl schon Alles wissen. Ich habe zuerst um die Einwilligung der Eltern nachgesucht, und hätte dann das Mädchen um ihr Jawort gebeten. Bei dieser Familie wäre es unwürdig gewesen, hinter dem Rüken zu werben. Ich war Anfangs der Meinung, man solle es Maria nicht gleich sagen, sondern sie darauf vorbereiten; aber die Mutter machte dagegen gelten, daß man keine Zeit vor ihr ein Geheimniß haben könne, da von ihr allein die Entscheidung abhänge, und die Sache ihr Eigenthum sei. Das sah ich ein und willigte in alsogleiche Kundgebung. Die Würfel sind gegen meine Wünsche gefallen. Aber wie es auch sei, ich werde diese Familie immer lieben und ehren. Es ist Alles in größter Freundschaft und Ordnung vorgefallen, und das Haus, das mir so lieb und theuer geworden ist, wird auch in Zukunft meine Freude und meine Erholung sein.«
Nach diesen Worten redete er von meiner Reise, fragte, wohin sie jezt unmittelbar gerichtet sei, was ich dann vorhabe, wie lange sie dauern werde, und ob ich dann zu Hause zu bleiben gesonnen sei. Er bat mich auch, ihn vor meiner Abreise noch einmal zu besuchen, und ihm vielleicht auch von irgend woher einen Brief zu senden. Ich versprach Beides.
Alfred blieb bei dem Mittagsessen. Die Gespräche waren herzlich und gut, ja es schien mir, als sei man noch zarter und gemüthsreicher als sonst.
Eine Zeit nach dem Essen nahm Alfred Abschied. Er war zu Fuße herauf gekommen, und wollte auch zu Fuße wieder hinab gehen. Als man sich unter dem großen Thore trennte, sagte er: »Wenn ich wieder komme, werde ich die Aurikelsamen und einen Theil der neuen Zwiebel mitbringen.«
Als ich am Nachmittage durch das Kastanienwäldchen ging, und gegen ein Gebüsch bog, das ziemlich dicht war, sah ich Maria vor demselben stehen und in die Zweige hinein schauen. Sie hatte die Hände in einander geschlagen und hielt sie gesenkt so vor sich hin. Das Gebüsch bestand aus wilden Rosen und Flieder, es war ziemlich weit von dem Hause entfernt, hatte für den Gartengebrauch keinen Werth, und war von uns sonst nicht beachtet und besucht worden.
Als ich sie so stehen sah, ging ich näher. Da sie meine Tritte vernahm, lös'te sie die Hände auseinander, und ließ sie so zufällig und lose von ihrem Körper hängen. Ich aber ging völlig hinzu, sah ihr in das Angesicht, und blieb ein Weilchen stehen. Dann faßte ich eine ihrer Hände, hob sie empor und sagte: »Maria, ich kenne Sie, ich kenne Sie sehr genau!«
Sie drükte mir die Hand, mit der ich die ihre hielt, und sagte: »Sie sind ein edler, Sie sind ein guter und vortrefflicher Mensch.«
Mehr konnte sie nicht sagen. Aus ihren ehrlichen Augen brach ein Strom von Thränen, und ihre kräftigen Lippen zukten vor Schmerz. Sie nahm das Taschentuch, das sie in ihren Kleidern verborgen gehalten hatte, hervor, drükte dasselbe an die Augen, und weinte heftig und lange. Ich blieb schweigend bei ihr stehen, und hielt nur ihre Hand, die sie mir gerne ließ.
Endlich ermannte sie sich doch. Sie drükte mit dem Tuche mehrere Male gegen die Augen, um sie zu troknen, und sagte: »Er weiß gewiß Alles, o gewiß – gewiß – er weiß Alles. Sie hätte den Schmerz nicht ertragen können, ich aber werde ihn ertragen. Sie ist so gut, so gut und unschuldig, daß sie das höchste Glük auf Erden verdient. Ihr Gemüth ist so zart geartet, daß sie alle Eindrüke aufnimmt und fest hält. Sie würde den Schmerz im Herzen halten, bis es bräche. Sie hat ohnedem dieses Herz durch das Spiel ihrer Geige, das so schön ist, und das uns so erfreut, noch mehr gelokert, daß alles Uebel viel viel tiefer eingreift.«
Nach diesen Worten fuhr sie sich noch einmal mit dem Tuche über die Augen, um Alles völlig abzutroknen. Ich gab ihr den Arm und führte sie in dem Garten herum. Sie sammelte sich nach und nach gänzlich. Wir sprachen ernsthaft und freundlich miteinander, und gingen noch lange herum, bis wir uns trennten.
Ich ging hierauf in meine Zimmer, legte die Stirne an das Glas eines Fensters, und es traten mir die Thränen des Mitleides in die Augen.
Ich nahm nach einer Weile das Buch, das ich mir in Tirol zusammen geheftet hatte, um Wirthschaftsgegenstände einzuschreiben, und schrieb diese Begebenheit hinein.
Ich schrieb bis tief gegen den Abend.
Am Abende kamen wir wieder Alle, wie gewöhnlich, zusammen, und es waren Gespräche von fernen auf die gegenwärtige Lage keinen Bezug habenden Dingen.
Obwohl nun meine Zeit, die ich noch zugegeben hatte, vorüber war, so wollte ich doch in diesem Augenblike nicht fort reisen, weil es geschienen hätte, als nähme ich jezt die Flucht, wo in die Familie etwas Drükendes eingetreten sei. Ich blieb noch da. Ich ging ein Paar Male zu Alfred hinunter, er ist auch einige Male zu uns herauf gekommen.
Als sich nach und nach die Spannung und das Gefühl, das in Folge des lezten Ereignisses doch in der Familie entstanden war, gemildert hatte, und wieder der liebe freundliche Umgang war, der vorher statt gehabt hatte, erklärte ich, daß ich jezt reisen müsse, und daß ich keinen Aufschub mehr machen könne. Man versuchte auch keinen zu erzielen, und es wurde der Tag festgesezt.
Ich ging noch zu Alfred hinunter, um Abschied zu nehmen.
Ich pakte nach und nach meine Sachen zusammen. Ich war jezt viel reicher, als da ich herauf gekommen war. Man wollte mich überreden, den Weg über Sanct Gustav zu nehmen, aber ich sagte, daß mir der, auf welchem ich gekommen sei, so lieb geworden, daß ich ihn auch auf der Rükreise einschlagen wolle. Nur das wurde jezt nothwendig, daß man mir ein Saumthier geben mußte, was mit den andern, wenn sie die Gartenwaaren fort trügen, hinab ginge, und meine Sachen an den See brächte, von wo sie nach Riva kommen könnten – ferner, daß man mir an dem See ein Schiffchen bestellte, das mich nach meinem Gasthofe überführte. Beides wurde in das Werk gesezt.
Als der Tag der Abreise gekommen war, wollten sie mich eine Streke begleiten. Ich verbat es mir aber und gestand nur zu, daß sie mit mir bis an die Grenze des Gartens gehen dürften. Ein längeres Begleiten sei doch nur ein längerer und schmerzlicherer Abschied.
In dem Gefunkel einer schönen Morgensonne gingen wir durch den Garten. An dem Pförtchen der losen Steinmauer angelangt, blieben wir stehen und nahmen Abschied. Die Mutter sagte mir liebe freundschaftliche Worte, die meist dahin gingen, daß ich sie bald wieder besuchen solle, Rikar und ich drükten uns an die Brust, Maria hielt ich einen Augenblik fest an beiden Händen, und Camilla brach in heftige Thränen aus.
Man wollte doch wieder mit mir gehen, als ich mich zum Weitergehen wendete, aber ich drükte sie mit den Händen in den Garten zurük, wendete mich in tiefer Bewegung um, und ging weiter.
Sie mochten in den Garten zurükgegangen sein, denn als ich nach einer Weile umsah, sah ich sie nicht mehr. Ich ging in dem Thale fort. Als ich zu dem schwarzen Felsen kam, wo ich die sanfte Camilla zum ersten Male gesehen hatte, war mir unsäglich wehe: ich hätte nicht gedacht, daß ich so schwer von diesem Hause fort gehen würde. Ich sah das todte Bäumchen, das auf dem Felsen stand, eine Weile an, und ging dann weiter. Ich wendete mich, wie es mein Weg vorschrieb, links. Als ich in der verödeten Landschaft weiter schritt, kam ich mir recht einsam und verlassen vor, ich fühlte erst jezt recht lebendig, wie lieb und wie hold es sei, einer Familie anzugehören, dergleichen ich früher nicht gehabt hatte, und jezt auch nicht hatte.
Ich ging in dem Felsengebiete, das ich rechts und links von mir hatte, fort, und sah beinahe durch zwei Stunden den sonderbaren Bühel des Hieronimus vor mir. Endlich erreichte ich ihn, und da ich ihn erstiegen hatte, hatte ich wieder den blauen Blik des Sees unter mir. Ich stieg die Stufen hinunter, gelangte zu dem weißen Häuschen, sprach vor, und blieb eine Weile bei dem alten Manne, dem ich von Rikar erzählte. Endlich stieg ich die Schlucht gar hinab, kam zu dem Höllwässerlein, das, wo möglich, noch kleiner und dünner war, und kam zu dem Gerölle, das in den See hinein ragte, und an dem auch das Schifflein lag, das auf mich wartete.
Ich stieg ein, und wir fuhren in die blaue säuselnde Fluth hinaus. Bald sah ich das gewaltige Gerölle nur mehr als ein kleines weißes Dreiek hinter mir, das an die dunkle Fläche des See's grenzte, und bald waren auch die ganzen Ufer hinter mir in eine einzige gestrekte gerade Linie versunken, während die weißen Punkte von Riva vor mir auftauchten.
4. Reiseziele
In Riva kannten jezt sehr viele die Pflanzenanlage meines Freundes, wenn ich von dem Berge Sanct Gustav sprach.
Ich hielt mich aber nicht mehr lange in Riva auf. Nur die Zeit verbrachte ich dort, die ich brauchte, um meine Sachen, welche ich in Rikar's Hause zum Geschenke erhalten hatte, sehr gut zu paken, und auf den Weg nach Treulust zu geben. Dann dachte ich auf die Weiterreise. Ich pakte meine Reisestüke aus den Laden des Wirthes in den Koffer, und bestellte auf den nächsten Morgen einen Plaz auf einem Schiffe, welches südwärts ging.
Als dieser Morgen angebrochen war, und ich mit einem Manne, der mein Gepäke trug, gegen den See ging, kamen wir an einer Planke vorbei, über welche Weinlaub herüber ragte. Plözlich hörte ich eine Stimme, die mir bekannt schien, rufen: »Signore, Signore!«
Ich wandte mich gegen die Stelle, woher die Stimme kam, und sah Gerardo's Lokenhaupt über die Bretter herüber schauen, zugleich sah ich ein nettes Häuschen in dem Garten stehen, das ganz mit Weinlaub umfaßt war, und große Fenster hatte. Bei einem dieser Fenster sah ein schönes Mädchen mit offenen feurigen Augen heraus.
»Ich bin da,« rief Gerardo, »und das ist unser Garten und unser Haus, und das ist meine Schwester.«
»So? das ist ja recht schön,« antwortete ich.
»Signore, eure Flaschen sind noch da,« sagte er wieder.
»Sind die Flaschen noch voll?« fragte ich.
»Ei freilich,« antwortete er, »ich habe sie im Keller aufbewahrt.«
»So trinke sie in meinem Namen aus,« sagte ich, »und die lee ren Flaschen wirf in den See. Deiner Schwester aber gib dieses kleine Goldstük, daß sie es sich aufhebe und sich meiner erinnere, wie ich mich deiner erinnern werde, weil du ein so guter fröhlicher Bursche bist.«
»Ich danke, Signore,« rief er, »ich danke. Seid ihr noch immer in Riva? ich habe euch gesucht und nicht gefunden. Machen wir bald wieder eine Fahrt?«
»Siehst du nicht,« sagte ich, »daß dieser Mann meine Reisesachen trägt? Wir gehen zu dem See, wo ein Schiff ist, das mich auf immer von Riva fort bringen wird.«
»Auf immer?!« rief er, »nun so lebt recht wohl, Signore, lebt wohl, und nehmt unsern Dank mit.«
»Lebt wohl und nehmt unsern Dank,« tönte jezt eine helle schmelzende silberklare Stimme. Es war die Schwester gewesen, die aus dem Fenster gerufen hatte.
»Lebt auch ihr wohl,« sagte ich, winkte freundlich gegen das Fenster, und wir gingen weiter.
Das waren die lezten Stimmen gewesen, die ich von Bekannten meines Aufenthaltes in dieser Gegend gehört hatte. Im nächsten Augenblike sah ich den Bord und die Stangen unseres Schiffes.
Mir kam das Zusammenleben dieses Geschwisterpaares fast lieblich vor. Ich hatte nicht gefragt, ob auch noch eine Mutter, ein Vater, oder Beide, oder noch sonst Jemand in dem Häuschen wohne. Ich konnte mir nicht anders vorstellen, als daß nur diese zwei da wohnen, daß das Häuschen äußerst reinlich gehalten werde, daß sie mit ihrer silberklaren Stimme öfters singe, daß er sie gutmüthig behandle, und daß sie sehr glüklich zusammen seien.
Ich bestieg mein Schiff, auf welchem ich lauter fremde Menschen antraf. Einen Stich gab es mir in das Herz, als ich unter den Waaren, die auf dem Schiffe lagen, auch zwei Ballen liegen sah, die Maria's Zeichen trugen.
Ich gab dem Manne, der mein Gepäke getragen hatte, seinen Lohn, und er ging fort.
In kurzer Zeit machte das Schiff, welches nur ein gewöhnliches Transportschiff war, sich von dem Ufer los, die Ruder fielen in das Wasser, klatschten in ihrem gewöhnlichen Takte fort, die weiße Häuserlinie von Riva und die Berge hinter ihr wichen allgemach zurük, immer mehr legte sich die dunkle Fluth zwischen uns und das Land, bis die Bergwelt, in welcher ich jezt so lange und so glüklich gelebt hatte, nur mehr wie blaue duftige Erhebungen hinter mir stand.
Wir kamen nach dem Süden, dessen langgestrekte einfache verschwimmende Linien mich aufnahmen.
Mit einem sonderbaren gedrükten und schweren Herzen saß ich in dem Wagen, und fuhr in der sonnenglänzenden freundlichen und fruchtbaren Lombardie dahin. – –
Ich war von da an in einer langen Reihe von Tagen und von Wochen in Venedig gewesen, ich hatte dessen Schönheiten, sie mochten der Kunst oder der Natur angehören, gesehen – ich war in Florenz gewesen, und hatte seine Schäze und den gesitteten achtungswerthen Menschenschlag kennen gelernt – ich war von da durch Toscana gefahren, das man den Garten Italiens nennt – ich hatte mich in die Campagna gewendet, die so luft-, duft- und lichtdurchwoben ist – ich war dann in Rorn gewesen, das zwei große Vergangenheiten hat, eine geschichtliche und eine künstlerische – ich war nach Neapel gekommen, und hatte gesehen, wie das blaue Meer, in dem die weißen Segel leuchteten, von dem langen Kranze der Stadt umschlungen ist, und wie wieder die Stadt in weitem Kreise von den grünen Höhen umfangen wird, in denen die Landhäuser wie andere Segel in einem zweiten Meere glänzen – ich war endlich einige Wochen in Neapel, das sie ein Stük Himmel nennen, geblieben: aber ich konnte nicht recht froh werden. Wenn ich in dem Wagen fuhr, wenn ich so auf freie Anhöhen kam, wenn ich die Merkwürdigkeiten der Zeit und Kunst ansah, oder wenn ich auf einer Felseninsel in der Bai von Neapel saß, schwebten mir die sanften Wangen und die schönen Augen Maria's vor. Ich habe nie ein einfacheres, natürlicheres, edleres und großmüthigeres Mädchen kennen gelernt. Die braune Farbe ihrer Wangen, gegen welche sie ihre Schönheit aufgeopfert hatte, kam mir verehrungswürdig vor, ich hätte sie durchaus nicht wegwünschen mögen, weil sie ihr Preis, ihr Schmuk und ihre Würde ist. Ihr klares gerades Herz hatte sich so schön an das meine gewendet, was sie sagte und that, war mir so zugeartet und verwandt, daß mir jezt, da ich unter andern Menschen herum wanderte, war, als hätte ich meine Heimath, als hätte ich Vater, Mutter und Alles verlassen. Ich hatte nie gewußt, was Zuneigung und Liebe zu einem Wesen des weiblichen Geschlechtes sei, jezt wußte ich es.
Ich ging von Neapel noch gar in die Südspize der Halbinsel und nach Sicilien. Dort aber wendete ich um. Den Plan eines längeren Verweilens in Italien gab ich nun vollends auf, und suchte so schnell als möglich Treulust zu gewinnen. Ich ging durch die Halbinsel zurük, sah noch Alles an, was ich auf der Hinreise nicht gesehen hatte, und nahm es mit ernstem Gemüthe auf. In Livorno schiffte ich mich nach Genua ein, ging von da nordwärts und kehrte durch die Schweiz in das Vaterland zurük.
Es war ein trüber, nebliger Tag, als ich in Treulust eintraf. Der tiefe Herbst hing über der Gegend. Auf den Feldern waren keine Früchte mehr, sondern die Halme waren eingefurcht, und die braunen nassen Schollen liefen dahin. Nur einige Futterkräuter und das lezte Gras auf den Rainen und Wiesen gab der Gegend ein Grün. Als ich zwischen meinen Gartenanlagen hinein fuhr, kamen mir die Gewächse, die in denselben standen, und die ich selber mit Freude gepflanzt hatte, wie schlechte Dinge vor. Unter Maria's Händen wären sie besser gediehen.
Man hatte mich noch nicht erwartet; denn ich hatte in der lezten Zeit nicht geschrieben und von meiner Rükkehr nichts gemeldet. Als ich daher mit Postpferden in den Hof hinein fuhr, und sie mich beim Aussteigen erkannten, kamen Alle herbei, welche eben im Gebäude waren, und begrüßten mich und bezeugten ihre Freude, daß ich da sei. Mancher hatte mir zu sagen, welche Veränderungen während meiner Abwesenheit vorgefallen seien, und was er mir zeigen müsse. Mich freute die Freude der Leute, und es rührte mich, daß ich hier eine solche Anhänglichkeit besize.
Ich dankte Allen und grüßte sie von Herzen. Dann ließ ich meine Sachen abpaken, und mehrere der Leute geleiteten mich in meine Zimmer.
Dort erwartete mich etwas Liebes. Ich fand nämlich da die Dinge, welche ich in Rikar's Hause geschenkt erhalten und von Riva hieher gesendet hatte. Der Altknecht hatte sie auspaken und da nieder legen lassen. Auf dem Tische lag der Teppich, und ließ einen Zipfel herab hängen, zum Zeichen, daß ihn meine Leute auseinander gelegt hatten, um zu sehen, ob er schön sei. Daneben lag das Fernrohr, lag der Lichtschirm, die Bücher Maria's, die Büchschen mit dem Geigenharz, die Fächer mit den Saiten und alle die landwirthschaftlichen Gegenstände und Dinge. Nur was an Knollen und Sämereien noch im Herbste in die Erde mußte, hatte der Gärtner nach meiner gesendeten Anweisung untergebracht.
Die Zimmer waren nicht im geeigneten Zustande.
Als ich ein wenig gesessen war, und mich wieder an den Anblik meiner Wände gewöhnt hatte, befahl ich, daß man die Zimmer etwas in Ordnung bringe, namentlich daß man sie lüfte und dann heize, ich würde unterdessen ein Weilchen in dem Hause herum gehen.
Als meine Anordnung in Vollzug gesezt und die Zimmer in Bereitschaft waren, ging ich in dieselben hinauf. Es war mittlerweile auch die Nacht herein gebrochen. Noch bei dem Scheine der Kerzen ließ ich die geschenkten Sachen ihrer Bestimmung zuführen. Ich ließ den Teppich unter den Schreibtisch breiten, stellte den Schirm vor meine Lichter, legte Camilla's Geschenke zu meinen Geigensachen, stellte die Bücher in den Bücherschrank, that das Fernrohr zu seines Gleichen, und brachte die landwirthschaftlichen Gegenstände an den geeigneten Pläzen unter. Als dies geschehen war, und als ich den Abend gar mit Lesen, mit Verzehrung meines Nachtmahles und mit Unterredung mit meinen Leuten hingebracht hatte, legte ich mich auf das Bett, um das erste Mal wieder in meinem Hause zu schlafen.
Am andern Morgen ging ich an die Arbeit und Besichtigung meiner Angelegenheiten.
Als die ersten dringenden Beschäftigungen vorüber waren, und als die Vorrichtungen, die ich brauchte, fertig waren, schikte ich auch einige Geschenke nach Rikar's Hause. Ich schikte ihm zwei ausgezeichnete und gut erhaltene Wouvermann, damit er nicht mehr zu sagen brauchte: Vielleicht kommen auch wieder Bilder in das Haus. An die Mutter sendete ich einen schön gebundenen Dante und mehrere Bücher der neuern Zeit, die sie noch nicht hatte. An Camilla schikte ich meine Cremoneser Geige, zu der ich ein Fach aus Ebenholz mit violettem Sammet gefüttert hatte machen lassen, genau, wie es bei ihren Geigen ist. An Maria sandte ich die Bücher desselben Inhaltes, wie sie mir gegeben hatte, nachdem ich sie sehr schön hatte binden lassen. Ueberdies schikte ich ihr Pflanzen aus meinem Garten und bat, sie möchte dieselben, wenn sie auch nicht so schön wären, als die ihrigen, doch annehmen, und ihnen bei sich einen Plaz anweisen. Auch bat ich, daß sie jeden Herbst eine Zusammenstellung von Hiacinthenzwiebeln von mir annehme. An Alfred ließ ich ebenfalls eine Sendung kleiner Landwirthschaftsdinge nebst einem guten Chronometer abgehen.
Alle Sachen wurden von mir eigenhändig in eine Kiste gepakt und auf den Weg gegeben.
Sie kamen sehr gut an; denn nach ein Paar Wochen bekam ich ein Schreiben, das die glükliche Ankunft und den außerordentlichsten Dank aussprach. Das Schreiben bestand aus fünf Briefen, deren vier aus Rikar's Hause und der fünfte von Alfred waren. Jeder freute mich herzlich; denn jedes sprach in demselben seine wahrsten freundschaftlichsten Gesinnungen aus. Ich legte die Briefe von den fünf liebsten Menschen, die ich jezt auf der Erde hatte, zu meinen Kostbarkeiten in einen Schrein. Kostbarkeiten sind bei mir Dinge, die mir in irgend einer Beziehung zu einem Menschen lieb geworden sind.
Ein Winter kam und verging. Ein Sommer kam und verging. Ein neuer Winter kam und verging auch. Als der Frühling angebrochen war, wurde es mir wie den Zugvögeln. Ich that die nothwendigen Anordnungen in meiner Besizung, sagte, daß ich eine Weile aus sein würde, sezte mich in einen Wagen, und fuhr fort.
Ich fuhr auf dem geradesten Wege nach Riva.
Als ich dort angekommen war, ging ich in das Häuschen Gerardo's.
»Da seid ihr ja wieder,« rief er, als er mich ansichtig wurde.
»Ja,« sagte ich, »ich bin doch nicht auf immer von Riva fort gegangen, sondern ich bin wieder gekommen, und will sogar wieder in dieselben Berge gehen, in denen ich vor zwei Jahren gewesen war, und du mußt mich über den See fahren.«
»Hat es euch dort so gefallen?« fragte er, indem er mich ansah.
Bei der Anfrage dieses natürlichen Menschen war es mir, als durchschaue er mich, und ich erröthete.
»Heute müßt ihr aber auch in unser Haus herein gehen,« sagte er.
Er führte mich in das Häuschen, in welchem ich die Schwester fand.
Wirklich war es so, wie mir ein Instinkt gesagt hatte. Die zwei Menschen wohnten allein in dem Häuschen, das Häuschen war sehr rein, und sie waren sehr glüklich. Ob sie auch singe, konnte ich nicht heraus bringen, sie läugnete es, aber ihre Stimme war so biegsam, so ausgebildet, daß ich es mir nicht anders erklären konnte, als sie müsse öfters und zwar viel singen. Beide waren noch sehr jung, sie aber viel jünger als Gerardo. Er wachte eifersüchtig über sie, wie über eine Geliebte. Sie zeigte mir den Dukaten, den sie vor zwei Jahren von mir empfangen hatte.
Als wir verabredet hatten, daß er mich morgen vor Tagesanbruch abholen solle, ging ich fort.
Da noch die Sterne an dem Himmel standen, kam er, und wir fuhren in das finstere Wasser hinaus. Ich hatte ihm gesagt, daß er mich in gerader Richtung zu dem Höllwässerlein hinüber fahren sollte; denn ich hatte meinen Willen darauf gesezt, genau denselben Weg zu gehen, den ich vor zwei Jahren gegangen war.
Als der Morgen herauf gekommen war, als die Sonne sich über die Berge erhoben hatte, und ihr Licht über die wunderschöne Oede dieser Landschaft ausgegossen hatte, kamen wir an dem Geröllstrome und an dem Höllwässerlein an. Dieses Mal waren weder die Fischer noch der Ziegenknabe anwesend, sondern die Gegend war völlig menschenleer.
Ich gab Gerardo seinen Lohn, hieß ihn zurükfahren, und stieg gegen die Schlucht empor. Ich sprach auch ein wenig bei dem alten Hieronimus ein, und plauderte ein Weilchen mit ihm. Dann ging ich den Felsenweg bis zu dem schwarzen Steine, an dem dieses Mal auch Niemand saß. Als ich in das Seitenthal einbiegend die grünen Bäume sah, und aus ihnen das weiße Haus Rikar's hervor schimmerte, klopfte mir das Herz, und ich verdoppelte die Schritte. Da ich näher kam, hatte ich eine Ueberraschung: alle großen Steine waren aus den Gemüsebeeten fort, und jenseits des Hauses bis zu dem Rauche hin, wo die Erden gebrannt werden, wogte eine lustige junge und sehr grüne Saat.
Ich ging durch den Garten, und als ich mich dem Hause näherte, sprang Maria in ihren kurzen Kleidern und mit dem Strohhute auf dem Haupte die Stufen von der Halle herab, und grüßte mich. Hatte sie mich nun kommen gesehen, oder war sie eben zufällig im Begriffe, heraus zu gehen.
»Seien Sie gegrüßt,« rief sie, »seien Sie gegrüßt, das ist sehr schön, daß Sie kommen.«
Sie faßte mich an der Hand, und führte mich in das Haus.
»Kommen Sie, kommen Sie,« sagte sie.
Sie führte mich die Treppe empor, sie führte mich an ihren und an des Vaters Zimmern vorbei, und gerade auf die der Mutter und Camilla's zu. Als wir eingetreten waren, als wir das Vorzimmer zurükgelegt hatten, und sie die Thür in das erste Zimmer öffnete, rief sie: »Vater, Mutter, wen bringe ich da?!«
Die Mutter kam uns aus dem nächsten Zimmer entgegen, und der Vater schritt aus einem weiteren heraus.
»Ach, das ist schön, das ist schön!« riefen sie fast gleichzeitig.
Die Mutter reichte mir die Hand, der Vater umarmte mich, und drükte mir wiederholt die Hände. Es war von beiden Seiten eine große unverholene Freude, und ich entzükte mich an der Wärme des Empfanges.
»Kommt herein, kommt herein,« sagte die Mutter.
Sie führten mich in eine Art Gesellschaftszimmer, das früher nicht so gewesen war, und an das die Zimmer Camilla's stießen. Aber bei der offenen Thür hinein sehend, sah ich nicht die Geigengeräthe und die Einrichtung Camilla's, sondern Rikar's Tisch, sein Sopha, und aus dem ferneren Zimmer heraus blikend sein Bett, wie er Alles früher in dem Gemache gehabt hatte, in dem ich bei meiner ersten Ankunft mit ihm zu Abend gegessen hatte. Als wir uns niedergesezt hatten, und sie mein Befremden bemerkten, sagte die Mutter: »Nicht wahr, da haben sich Veränderungen begeben, und ihr vermißt etwas? Camilla hat uns verlassen, sie ist jezt unsere Nachbarin auf dem Gute Alfred's, und ist mit allen ihren Sachen dahin gezogen. Rikar ist zu mir gekommen, und so leben wir jezt in unserem Alter wieder in gegenseitigem Beistande, wie wir in der Jugend gelebt hatten.«
Als ich meinen Beifall zu dieser Veränderung ausgesprochen hatte, sagte sie: »Ja, es hat sich bei uns Vieles und sehr zum Guten geändert. Die jungen Eheleute leben sehr glüklich – wir müssen sie einmal besuchen – und auch bei uns haben sich sehr angenehme und sehr zwekmäßige Veränderungen ergeben.«
Nachdem sie mir noch vielfach ihre Freude ausgedrükt hatten, daß ich gekommen sei, nachdem wir von verschiedenen Dingen, namentlich von unseren Erlebnissen während der zwei Jahre gesprochen hatten, und die Mutter noch Manches von den jungen Leuten erzählt hatte, führte mich Rikar in sein Schreibzimmer, und zeigte mir die zwei Wouvermann, die er dort aufgehängt hatte. Ueber dem Schreibtische hing ein kleines Bildniß von Guido, das ihm Maria zum Geburtstage gegeben hatte. Die Mutter zeigte mir meine Bände auf dem Ehrenplaze in ihrer Büchersammlung.
Als wir in den Garten hinunter gegangen waren, und ich Alles, was in der Zeit geschehen war, besah, führte mich Maria zu dem Plaze, wo meine Blumen standen. Sie waren in dem vortrefflichsten Zustande. Die Hiacinthen waren längst verblüht, aber sie standen allein in einem eigenen Beete beisammen.
Am andern Tage führte mich Maria zu ihren neuen Feldern hinaus. Als wir so an der schönen Saat dahin gingen, sagte sie sanft: »Er hat mich errathen und hat mich belohnt. Sie leben sehr glüklich. Sie gab ihr ganzes zärtliches Herz hin, und liebt ihn unermeßlich. Er liebt sie auch, und schont und ehrt und achtet sie. Ich habe es gewußt, daß Alfred so handeln werde. Er horcht auf ihre schönen Töne, wenn sie ihr Gefühl ausspricht, und sie wird bei ihm tüchtiger thätiger und an den Wirthschaftssorgen theilnahmsvoller. Sie werden sehen, wenn wir hinab kommen, wie gesund sie ist. Sie ahnt von dem Zusammenhange nichts. Auch hier Oben weiß man nichts, wenn es nicht etwa der Vater ist, der Alles erkennt.«
Maria hatte keinen Neid, als sie dieses sprach, sondern die reinste Freude strahlte aus ihren Augen.
»Ich habe mir hier etwas anderes zusammengerichtet,« sagte sie leise, »sehen Sie, da ist Weizen, da ist Gerste, da ist Korn.«
Bei diesen Worten führte sie mich auch gegen ein kleines gemauertes Gebäude, das an einen Gartenschoppen angebaut war. In dem Gebäude standen zwei jener schönen glatten Gebirgsochsen, wie man sie in der Gegend zuweilen trifft.
»Ich habe sie mir angeschafft, daß sie meine Feldarbeit verrichten,« sagte sie.
Von dem Neubruche der Felder gingen wir in die Hallthäler, wo sie mir eine kleine Alpenwirthschaft zeigte, die sie auf den grünen Matten im Schuze der Felsen angelegt hatte.
Dann gingen wir wieder zurük.
Wir waren ganz allein gegangen. Sie ging freundlich neben mir, bükte sich manchmal um eine Blume, sprach mit mir, oder grüßte liebreich einen Mann aus ihren Leuten, der uns begegnete. Man sah dem Manne die Freude an, und wie er das Mädchen liebte und achtete.
Am nächsten Tage gingen wir Alle zu Alfred. Mit einem wahren Sturme von Freude wurden wir empfangen. Camilla konnte mir nicht genug sagen, wie es sie freue, daß ich da sei. Ich aber gerieth fast in ein Erstaunen, wie sie sich geändert hatte. Eine volle klare Gestalt stand vor mir, die Wangen waren dunkler, die Augen glänzender. Mit einer lieben Geschäftigkeit ordnete sie die Dinge des Hauses an, die unsere Ankunft nothwendig gemacht hatte. Im Triumphe zeigte sie mir meine Geige, die sie bei den andern in ihrem Fache aufbewahrt hatte. Unaufgefordert spielte sie etwas Heiteres und Kräftiges auf diesen Saiten. Alfred behandelte sie sehr zart, und man sah, er hegte und pflegte sie in seinem Herzen.
Wir blieben außer Maria, die zurük mußte, zwei Tage auf dem Gehöfte, und wurden mit Freude und Bewirthung überhäuft.
Auch Alfred und Camilla kamen später zu uns auf das Haidehaus, und blieben zwei Tage.
Als die Zeit, die ich mir bei Rikar bestimmt hatte, vorüber war, als wir Alles geredet hatten, was zu reden war, nahm ich Abschied. Der Abschied war sehr herzlich, und man trug mir auf, recht bald wieder zu kommen.
»Leben Sie wohl, lieber theurer Mann,« sagte Maria, »und kommen Sie sehr bald wieder.«
Ich hatte mir dieses Mal den Weg über Sanct Gustav gewählt, und von da nach Riva, und in der kürzesten Linie nach Treulust zurük.
Zu Maria hatte ich nicht das Leiseste – nicht das Leiseste gesagt. Wie sollte ich auch? Dieses Mädchen steht so fest auf dem irdischen Boden, und sein Herz ragt doch so schön und zart in den höchsten Himmel hinein. Ich trage ihr Bild heiß – heiß in meinem Herzen. Aber was kann sie mir sein? Sie ist gut, freundlich und lieb gegen mich, aber sie hat, wenn auch ohne Wunsch und Begehr, ein anderes Bild in sich.
Ich werde nie mehr zu Rikar gehen.
Der Zufall, der immer eine solche Rolle in meinem Leben gespielt hat, hatte mich in dieses Haus geführt, um mir zu zeigen, welch' ein Glük es für mich gäbe, und um es mir auf immer zu nehmen.
Ich hatte gar nie gewußt, daß ein solches Mädchen auf der Erde möglich ist. Wie wäre es schön, wenn sie um mich waltete, wenn sie wirthschaftete, schaffte, mich mit dem klaren, einfachen, heiteren Verstande umgäbe, immer und zu jeder Frist freundlich, offen und gut wäre, und in dem edlen starken Herzen mich mit der tiefsten heißesten Gattenliebe trüge. Wie wollte ich in dem jezt einsamen Treulust walten, oder wie gerne wollte ich auch in dem stillen Alpenthale bei ihr sein, und dort mit ihr wirken und schaffen. – Ich sollte nur erkennen, was einzig schön und göttlich ist, um es dann auf ewig ferne zu haben.
5. Nachwort
Der Zufall, von dem mein Freund behauptet, daß er so wichtig in sein Leben hinein spiele, hat ihn diesmal gut gebettet. Nie hat es zwei Menschen gegeben, die besser für einander taugen, als er und Maria. Darum wird er sein Vorhaben nicht halten. Er wird und muß wieder nach Riva und in das Haidehaus gehen. Maria wird allgemach und unvermerkt seine Gattin werden, sie werden mit einander leben, eine Schaar blühender Kinder wird sie umgeben, und sie werden ein festes, reines, schönes Glük genießen.
Dies ist so wahr, als die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht, und als sie noch viele Jahre auf- und untergehen wird.
Tag der Veröffentlichung: 11.09.2012
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Adalbert Stifter