Zwei Schwestern
Maria war so ehrlich und offen, wie…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
»Freund Rikar,« antwortete ich, »da ist ja gar nichts zu schämen, das ist ja alles so gut und so ehrenwerth und so herrlich! Hätte ich nur im Mindesten gewußt, daß ihr in Noth seid, meine Lage war damals schon ziemlich gut, ich hätte euch gewiß mit irgend etwas Beistand geleistet.«
»Ich weiß, ich weiß,« erwiederte er, »ihr hättet mir geholfen; aber es ist doch besser, daß es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Fremde Hülfe, wie gut sie auch gemeint sei, wie gerne sie auch geleistet wird, drükt doch immer den, der sie empfängt. So aber ist alles aus unserm Eigenen hervor gegangen. Alfred war so zart, daß er zu der Zeit, da wir noch nichts vergelten konnten, immer nur mit guten Rath oder Handanlegung half, so daß er uns nicht den Glauben nahm, wir haben alles gemacht, und haben durch Pflichterfüllung die Sache in den Stand gesezt, in dem sie ist.«
Bei diesen Worten hatten wir auf unserem Rükwege um die Eke eines Felsens gebogen und das ganze Haus, das uns früher zum Theile verborgen gewesen war, lag vor uns. Es lag mit seinen Nebengebäuden ein wenig tiefer, als unser Standort war, so daß wir alles überbliken konnten. Die unaufhörlich reine Sonne dieser Tage schien mit ihren blendenden Strahlen auf das Anwesen nieder, die Dächer glänzten, die Mauern waren in angenehmem Sonnendufte, die Gewächse strekten alle ihre dunkeln Blätter zu dem segnenden Himmel empor, und die Haide mit ihren Steinen lag in ruhiger, in grauer und sonnenhafter Farbe herum.
Nachdem wir unwillkührlich ein wenig stehen geblieben, und die Sache angeschaut hatten, sagte ich: »Lieber Freund, den größten Schaz habt ihr bereits in eurem Hause: ihr lebt ein innerliches liebliches belohnendes Leben, und wenn ihr auch von der Welt abgeschieden seid, und wenig mit fremden Menschen zusammen kommt, so habt ihr doch in euch und den Eurigen ein Glük, das ihr vielleicht nicht kennen gelernt hättet, wenn das Uibel nicht über euch gekommen wäre.«
»Denkt ihr auch so,« erwiederte er, »mir ist das schon öfter in den Sinn gekommen. Wir haben einfach gut und einträchtig gelebt, als wir noch im Wohlstande waren, und fast gleichmäßig unsere Zeit und unsere Einkünfte verzehrten: aber erst, als das Mißgeschik zu uns gekommen war, erkannten wir, welche Liebe und Güte und zusammenhaltende Treue in dem menschlichen Herzen wohnen könne. Ich habe es also für eine Schikung der göttlichen Vorsicht gehalten, ich habe es für eine Wohlthat gehalten, daß alles so gekommen ist, wie es gekommen ist.«
»Meine Erfahrung hat mich gelehrt,« antwortete ich, »daß der Schmerz und das, was wir im gewöhnlichen Leben ein Uibel nennen, eigentlich nur ein Engel für den Menschen ist, ja der heiligste Engel, indem er den Menschen ermahnt, ihn über sich selbst erhebt, oder ihm Schäze des Gemüthes zeigt und darlegt, die sonst ewig in der Tiefe verborgen gewesen wären. – Und wegen des Briefes, Freund Rikar, braucht ihr gar nicht besorgt zu sein, ich hätte um kein Haar anders von euch gedacht, wenn ihr auch seiner gar nicht erwähnt hättet. Nur darum ist es mir jezt lieb, daß ihr von ihm gesprochen habt, weil ich durch diese Gelegenheit das so Schöne und Ehrenwerthe erfahren habe, was ich erfahren habe.«
Wir gingen während dieses Gespräches die schwellende Wiege des Rasens sanft abwärts dem Hause zu. Mein Freund war gerührt, seine in das immerwährende Schwarz gekleidete Gestalt schnitt sich scharf von dem hellbeleuchteten Grunde des Rasens und von den in der Sonne fast weiß erscheinenden Steinen ab. Ich ging schweigend neben ihm. Als wir durch die lose Steinmauer in die Anlagen eintraten, betrachtete ich die kräftigen Blätter des Kohles, die dunkeln aufwärtsstrebenden der Gemüse, die Pflanzen, welche blos zum Tragen von Blumen bestimmt waren, die höheren Stämme und das überall verbreitete Zwergobst mit einer Art von Ehrfurcht. Wir gingen die Anlagen hindurch, rechts und links stand alles im besten Gedeihen, die fleißigen Hände von Arbeitern regten sich auf verschiedenen Punkten, und sie griffen nach ihren Kopfbedekungen, wenn sie uns erblikten, um uns zu grüßen, was sie jedes Mal thaten, wenn wir von einem unserer Spaziergänge zurük kamen. Wir traten in das Haus, und begaben uns nach einigen unbedeutenden Gesprächen jeder in unsere Zimmer.
Ich war den ganzen Tag über in einer edleren Stimmung.
Es vergingen von da an mehrere Tage, ich brachte sie mit gewöhnlichen Dingen zu, theils mit Zeichnen, theils mit Maria's Pflanzenpflege.
Da geschah es eines Nachmittages, daß wir an dem Rande des Kastanienwäldchens saßen, nehmlich Mutter Victoria, Rikar und ich. Die Mädchen waren in dem Garten beschäftigt, oder eigentlich Maria that ein Geschäft und Camilla sah ihr zu. Die Lüfte waren lind und der Springbrunnen plätscherte angenehm. Die Mutter war besonders freundlich und mild, und erzählte mir von Camilla, und wie sie dazu gekommen sei, die Geige als ihr liebstes musikalisches Instrument zu pflegen.
»Sie war ein sehr schönes frohes Kind,« sagte sie, »sie war lebendig, feurig, rosenwangig und jauchzend. Jeder, der sie sah, gerieth in Entzüken. Wir waren damals noch in Mailand und die Eltern von beiden Seiten lebten noch. Da nahm ich das Kind einmal in den Dom mit. Die Eltern waren der Meinung, daß man ein Kind nicht zu früh in die Kirche führen solle, wenn es nehmlich noch nichts von den heiligen Handlungen versteht. Da Rikar und ich diese Meinung theilten, war noch keine unserer Töchter in eine Kirche gekommen. Weil aber Camilla schon Vorstellungen von Frömmigkeit zu bekommen schien, da sie immer so andächtig bei ihrem Morgen-und Abendgebete kniete, und da sie die Aeuglein nach oben erhob, als wüßte sie, wo das Wesen wohne, zu dem sie das Gebet richtete, so beschloß ich, sie einmal in die Kirche mit zu nehmen. Ich führte sie zuerst an einem Nachmittage in den Dom, zeigte ihr die Säulen, den Schmuk, die Wölbung und die Altäre, und sagte ihr, daß dieses das Haus Gottes sei, wo die gläubigen Menschen zusammen kommen, um ihn, den man wohl überall anbeten könne, doch hier ganz besonders zu verehren. Ich versprach ihr, daß ich sie, wenn sie recht gut wäre, bald wieder mit mir in die Kirche nehmen würde, aber nicht, wenn dieselbe so leer stünde, wie heute, sondern, wenn die Menschen versammelt wären, um Gott anzubeten. Das Kind erinnerte mich nun alle Tage daran, und eines Tages, als ich in die Messe ging, nahm ich es mit. Ich wiederholte dieses von Zeit zu Zeit. Einmal war ein feierliches Hochamt. Wir gingen ebenfalls hin. Ich weiß nicht, warum ich dem Kinde nie gesagt hatte, daß man in der Kirche auch zuweilen Musik mache; wir hatten bisher nur immer die stille Messe besucht. Als in den großen Räumen, die heute noch dazu mit Menschen voll gefüllt waren, theils mit gepuzten, theils mit armselig gekleideten, die Töne der Orgel erklangen, war Camilla außerordentlich überrascht. Das Kind mochte bisher die heiligen Verrichtungen des Priesters an dem Altare für die einzige Gottesverehrung gehalten haben, wie mußte es ergriffen werden, als es diese neue Anbetung vernahm. In unserem Hause war damals wenig Musik, blos ein bischen Clavier und Gesang. Das Kind, welches bisher immer neben mir gesessen war, und die Händchen gefaltet und die Augen gegen den Altar gerichtet hatte, vergaß seine Andacht, und horchte mit der ganzen Kraft seiner Seele auf die Musik. Im Benedictus war ein Violinsolo, und als die Töne recht deutlich und verständlich von der andern Musik weg gingen, sah ich das Kind neben mir sizen, seine Händlein waren ihm in den Schoß gesunken, und die Wänglein waren rosenroth erblüht. Als die Messe aus war, nahm ich es an der Hand, führte es hinaus, und das Kind hüpfte an meiner Seite nach Hause. Als wir zu Hause angekommen waren, erzählte es dem Vater von der Musik, die es gehört hatte, und fragte, was das für Klänge gewesen seien, die so annehmlich und so lieblich getönt hätten. Ich antwortete: »eine Geige.« Von nun an fragte Camilla immer, was eine Geige sei, wie sie aussähe, und wie man sie behandle, daß sie klinge. Als sie einmal eine in einer Gesellschaft sah, rührte sie dieselbe an, und versuchte darauf zu spielen. Da ihr der Großvater eine zum Scherze kaufte, spielte sie immer darauf; und da sie einen Lehrer bekam, machte sie große Fortschritte. Sie liebte diese Töne ungemessen, und suchte sie immer hervor zu bringen. Sie machte oft tagelange oft nächtelange Uibungen, daß es selbst ihrer Gesundheit schadete. Als die Großeltern schon lange todt waren, und als sie den Lehrer nicht mehr hatte, der ihr nur die Anfangsgründe hatte beibringen können, ging sie allein zu ihren Notenbüchern, und suchte den Inhalt derselben in ihre Saiten zu sezen. So trieb sie es fort, und gelangte nach und nach zu ihrer lieblichen himmlischen Kunst, die ihr jezt so viel gilt.«
»Theure Victoria,« antwortete mein Freund auf diese Worte, »ja es ist eine himmlische Kunst; aber unser Kind wird an dieser Kunst sterben. Du hast selber gesagt, wie die Uibungen ihrer Gesundheit geschadet haben – du hast auch gesagt, wie sie rosenwangig und jauchzend gewesen sei – aber siehe, wo sind denn nun die rothen Wangen, und wo ist die Fröhlichkeit? – Es ist wahr, daß die Kunst in jeder ihrer Darstellungsarten himmlisch ist, ja sie ist das einzige Himmlische auf dieser Welt, sie ist, wenn ich es sagen darf, die irdische Schwester der Religion, die uns auch heiligt, und wenn wir ein Herz haben, sie zu vernehmen, werden wir erhoben und beseligt: aber, liebe Victoria, der, der sie ausübt, muß fast mehr sein, als ein Mensch, daß er ihr nicht unterliege. Er muß von dem, was er andern reicht, und wovon er mehr ergriffen wird, als sie, nicht überschüttet und zerstört werden. Darum muß er auch die übrigen Kräfte in hoher Gabe haben: er muß im Haupte den erhabenen Verstand haben, daß er die Dinge in großen Maßen verbinden und würdigen kann, er muß in den Nerven den festen Sinn haben, daß er die Welt aufnehmen und mit Entschiedenheit und Liebe tragen kann, und er muß in dem ganzen Körper die klare Gesundheit haben, daß er alles, sowohl die linden Lüfte und den warmen Sonnenschein als auch die starre Kälte und die schneidenden Winde mit Anmuth genieße. Von dem bloßen einseitig wiederholten heißen Gefühle ermattet das Herz. Siehst du nicht, wie von der Hingabe Camillas an ihr Spiel ihr Gemüth verwelkt? Ihre Wangen sind blasser, um die Stirne ist ein Flor, und die Augen sehen stiller, aber auch sehnsüchtiger und trauriger. Siehst du nicht, wie sie beim Fortschreiten dieser Dinge nur immer mehr zur Geige flüchtet, um ihr das versinkende Leben anzuvertrauen?«
»Du siehst wohl etwas zu hart, Rikar,« antwortete die Mutter, »die Gefühle Camillas sind wohl auch ohne der Kunst vorhanden, ja die Kunst ist eine Folge davon. Wenn ihre Wangen blasser sind, und ihre Augen sanfter schauen, als in der Kindheit, so ist das schon die Wirkung der Wesenheit solcher Menschen, die ein tieferes inneres Leben leben, als andere, wodurch es geschieht, daß das äußere leidet. Auch haben ja Mädchen in ihren Jahren noch allerlei andere Gefühle, die sie beunruhigen, und die wir im Alter wohl belächeln.«
Ich konnte bei diesen Aeußerungen einen tiefen Blik in das Innere der Familie thun, der mir manches enthüllte; aber ich konnte die Fortsezung des Gespräches, und was der Vater auf die Worte der Mutter gesagt haben würde, nicht mehr erfahren; denn die angefangene Rede ward durch den Gegenstand derselben, durch die Mädchen, unterbrochen, welche auf dem Sandwege gegen uns heran kamen.
Sie gingen Arm in Arm. Sie waren beide ganz gleich gekleidet. Jede hatte einen breiten Sommerstrohhut auf, dessen grüne Bänder an der Wange nieder gingen; jede hatte ein Sommerkleid von roher Seide an, nur daß es bei Maria um ein Merkliches kürzer war, als bei Camilla; und jede hatte endlich ein blaues Seidentüchlein um den Busen. Der einzige Unterschied war, daß Camilla einen Sonnenschirm hatte, den Maria nie trug.
Als sie herzu gekommen waren, und so vor uns standen, konnte ich die Wahrheit oder Unwahrheit von Rikars Ausspruche beobachten. Wer die Schwestern mit oberflächlichem Blike angeschaut hätte, würde sie für Zwillinge gehalten haben, und doch konnte es nichts Ungleicheres geben. Camilla hatte sanfte weichgebildete Wangen, die von dem Strohhute überschattet wurden; die lichte zarte Farbe derselben war von einem leichten Hauche von Roth überflogen; das Sommertuch dekte den schlanken keuschen Busen; und die lange Wimper hüllte sich über große Augen, in welchen wirklich, wie in einem Spiegel, Schwärmerei, wo nicht gar Schwermuth und Leiden lag. Maria hatte dieselben Wangen, nur schienen sie fester gebildet, und die Uiberschattung durch den Strohhut konnte weniger bemerkt werden, weil sie ohnedem durch den Sonnenstrahl, dem sie immer ausgesezt waren, gebräunt erschienen; das Sommertuch saß knapp und dicht über dem Herzen; und aus denselben großen spiegelnden Augen, wie sie Camilla hatte, sah der Glanz der Ruhe oder der der Zufriedenheit und Ehrlichkeit.
Das Gespräch der Ehegatten, welches für mich so bedeutsam werden wollte, war also unterbrochen, und es begann ein anderes mit den Ankömmlingen, die die Mutter fragte, was sie in der Blumeneinfassung gethan hätten.
»Wir haben eben nichts Besonderes gethan,« antwortete Maria, »ich habe die langgewachsenen Georginenstämme an Stüzen gebunden, und Camilla hat mir zum Theile geholfen. Meine Arbeit ist für heute abgethan, und ich stehe euch zu Gebote, wenn ihr etwas unternehmen wollt, sei es nun, daß wir in dem schattigen Wäldchen hier bleiben, oder daß wir einen Spaziergang hinaus auf die Höhen und unter die Steine versuchen.«
»Bleibt ein wenig bei uns, und sezt euch hier nieder,« sagte die Mutter, »es ist zum Spazierengehen in dem Augenblike noch zu warm, und später werden wir schon sehen, was zu thun sei.«
Camilla lehnte ihren Sonnenschirm an einen Kastanienstamm, was sie immer that, weil sie ihn auf einem Tische oder auf einer Bank vom Staube gefährdet gehalten hätte, den sie, wie jede Unreinlichkeit aufs Aeußerste fürchtete, und beide Mädchen sezten sich nieder.
Die Bänke standen am Rande des Kastanienwaldes und auch in dessen Mitte so, daß immer ihrer mehrere einen kleinen Kreis bildeten, in welchem man sich gegenüber sizen konnte.
So thaten wir auch heute; wir saßen so, daß wir uns in die Angesichter sehen konnten, und sprachen, wie es öfter geschah, wenn wir während der Hize unter dem schirmenden Laubdache dieser Bäume saßen, von verschiedenen wichtigen Dingen. Es wurden die menschlichen Angelegenheiten besprochen, und nicht selten kamen wir auch auf die Abhandlungen der Weltweisheit und mancher Aussprüche, die gelehrte und berühmte Männer in Vorzeiten gethan und verfochten haben, was sie zum Zweke ihres Lebens gemacht, und wofür sie nicht selten dieses ihr Leben eingesezt hatten.
Wir gingen an diesem Tage auch nicht mehr auf die Höhen und unter die Steine hinaus, sondern, wie es sich öfter ereignete, weil der Garten so reich und mannigfaltig war, und viele Gegenstände zur Betrachtung und Unterhaltung bot, blieben wir in demselben, wir zeigten uns dies und jenes, wir befragten uns, unterredeten uns, arbeiteten gelegentlich noch etwas, trennten und fanden uns, wie es eben der Gegenstand, mit dem wir uns beschäftigten, erheischte, und als, wie es allemal war, eine außerordentlich prachtvolle Nacht über diese Einöde herüber zog, lehnte ich noch sehr lange in meinen Fenstern und schaute hinaus. – –
Endlich richtete ich mich doch zu meiner Abreise zusammen. Ich brachte meine Sachen in Ordnung, und wollte sie in den nächsten Tagen in das Ränzlein paken, um von diesem Punkte meine Reise wieder in die weitere Welt fortzusezen.
Aber es kam ein wenig anders.
Als ich eben mein Ränzlein pakte, hörte ich im Gange ein freudiges Laufen, ein Rufen, ein Zuschlagen der Thüren – und dann war es stille. Ich ließ ab von meinem Geschäfte, ließ die aufgelösten Riemen des Ränzleins über den Tisch herabhängen, und begab mich hinaus, um zu erforschen, was die ungewöhnliche Bewegung bedeute. Gleich bei meiner Thür stieß mir die Amme auf, und ich fragte sie, was es gäbe.
»Mein Gott,« sagte sie, »so habt ihr denn von Allem nichts gesehen und gehört – und es ist doch ein solcher Lärm gewesen. Drei Maulthiere haben die Kisten getragen, man hat sie abgeladen, und hat sie unterdessen in das Gewölbe der Halle gesezt. Wo seid ihr denn gewesen, daß ihr nichts gesehen und gehört habt? Alfred Mussar ist gekommen, er ist von seiner großen Reise zurükgekehrt, und ist auf seinem braunen Pferde herauf geritten. Jezt sind sie Alle im Speisesaale beisammen.«
Die Amme war hochroth vor Freude, und ich drehte den Schlüssel im Schlosse meiner Thür vollends um, und stekte ihn zu mir, um in den Speisesaal zu gehen.
Als ich eintrat, hatte ich einen Anblik, wie der war, den ich in meinem Zimmer verlassen hatte. Es lag nämlich auf dem Tische ebenfalls ein Ledersak, der ebenfalls zum Theile geschnürt war, und die andern Riemen über den Tisch herab hängen ließ: nur der Unterschied war, daß dieser Ledersak viel größer, als der meine, und daß man nicht im Zusammenpaken, sondern im Auspaken begriffen war. Alle standen um den Sak herum. Man hatte mich ganz vergessen. Als ich herein kam, riefen sie mir zu, ich solle mich nähern, und solle an dem Vorgange Antheil nehmen.
Außer den gewöhnlichen Mitgliedern der Familie, nämlich Rikar, der Mutter und den beiden Mädchen, stand noch ein junger Mann mit freundlichen leuchtenden Augen an dem Tische. Er war in die Gebirgstracht der Gegend gekleidet, nur hie und da ein wenig veredelt, die ihm sehr wohl stand. Er war äußerlich angenehm gebildet, ich könnte sagen, ungemein schön: die Wangen waren fein und roth, nur etwas zu dunkel, der Mund edel, das Kinn rein, die Stirne hoch und die Loken darum anmuthig gelegt. Er hatte die Augen zu mir erhoben, als ich eingetreten war, und als er das Rufen der Umgebenden vernahm, und hatte von seinem Geschäfte abgelassen; denn unstreitig war er darin begriffen, den Ledersak aufzuschnallen.
Rikar löste sich von der Gesellschaft los, ging auf mich zu, nahm mich bei der Hand, führte mich zu dem Fremden und sagte: »Mein sehr lieber Freund, Otto Falkhaus, der in Wien mein langwochentlicher Nachbar war, der mir jene Liebesdienste that, wovon ich euch erzählt habe, und der uns jezt die Freude machte, uns auf einer Durchreise zu besuchen und eine Zeit in unserm Hause zu verweilen.«
Als er mich so vorgestellt hatte, wendete er sich mit der Hand gegen den jungen Mann und sagte: »Mein anderer sehr lieber Freund, Alfred Mussar, der uns dieses Haus und Anwesen in den Stand sezen half, in dem es jezt ist, der uns immer ein treuer Freund und Rathgeber gewesen ist, der uns zu lange verlassen hat, und der nun doch wieder in seine Heimath zurükgekehrt ist.«
Bei diesen Vorstellungen verbeugten wir uns gegenseitig stumm, und ich sah bei dieser kleinen Bewegung, daß der Fremde das Benehmen der feineren Stände haben müsse.
»Jezt laßt uns aber unser Geschäft nicht mehr unterbrechen,« sagte die Mutter, »stellen Sie sich zu uns, und sehen Sie mit uns, was unser Freund vornehmen wird.«
Ich stellte mich auf diese Einladung der Mutter an den Tisch, und zwar auf Seite der Mädchen, und Alfred fuhr fort, die Schnallen des Sakes aufzulösen.
Als man ihm hiebei helfen wollte, hatte ich auch Gelegenheit seine Stimme zu hören; denn er sagte den Scherz: »Ich bitte, mich nicht zu unterstüzen; Niemand kennt die Geheimnisse meines Sakes, und es könnte nur Verwirrung entstehen.«
Die Stimme war rein und einnehmend und wohltönend.
Als er alle Schnallen gelöst hatte, that sich der Sak auseinander und zeigte im Innern zwei Hauptfächer, in denen wieder mehrere in Papiere gewikelte Gegenstände verpakt waren.
»Ehe ich weiter schreite,« sagte er, indem er bei seiner Arbeit inne hielt, die Hand auf den Sak legte und die Augen gegen die Anwesenden richtete, »bitte ich Alle, daß Niemand gegen die Geschenke, welche ich gebracht habe, und welche mich freuen, eine Einwendung mache, sondern daß Jeder die für ihn bestimmten freundlich und bereitwillig annehme.«
Als Alle auf diese Bedingung eingegangen waren, sagte er: »Nun so fahren wir fort.«
Nach diesen Worten löste er noch die inneren Schnallen und Bänder, die der Sak hatte, und es kamen nun sehr viele und verschiedene Papierpäke zum Vorscheine, auf deren jedem der Name dessen stand, dem er gehörte. Aber auch Anderes war dabei.
»Jezt ist es erlaubt,« sagte Alfred, »daß Jedes das Papier, auf welchem sein Name steht, auflöse, und die Sache, die es enthält, herausnehme. Damit aber dieser Sak nicht weiter stört, wollen wir ihn beseitigen.«
Mit diesen Worten nahm er den leeren Sak von dem Tische und trug ihn in eine abgelegene Eke des Saales. Die Anwesenden aber begannen die vielen Schnüre und Papiere zu lösen, mit denen die unbekannten Gegenstände umwikelt waren. Alfred und ich halfen gelegentlich bald hier bald da. In Kurzem war der Tisch mit Schnüren, Papieren und Geschenken bedekt.
Alfred war in Paris gewesen. Da kamen nun schwere Seidenstoffe zum Vorscheine, es kamen Teppiche, Umhängtücher, Halstücher, Kleiderzeuge von allen Arten, und endlich Kopfpuze, Handschuhe und sogar Stiefelchen. Aber auch jene vielseitigen Spielereien und Tändeleien fehlten nicht, an denen Paris so reich ist, und in denen das französische Volk alle andern Völker der Erde übertrifft. Außer diesen allgemeinen Geschenken waren aber auch noch besondere, welche nur einzig und allein auf den Betheiligten paßten, daß man sah, wie emsig Alfred auf die Familie bedacht war, und wie sehr er sich in der Ferne mit jedem Einzelnen beschäftigt hatte.
Die Mutter bekam eine kleine goldene Uhr, sehr zierlich gearbeitet und so flach, daß sie fast mit einer Münze wetteifern konnte. Sie bekam noch einen kostbaren Lichtschirm, mehrere französische Bücher, die sie noch nicht hatte, und endlich ein Schreibgeräthe und feines Siegellak, weil sie die einzige in der Familie war, die noch zuweilen freundschaftliche Briefe und zwar an eine alte Jugendfreundin in Mailand schrieb.
Der Vater erhielt ein Schachspiel aus Ebenholz und Elfenbein, ein auserlesenes Fernrohr, ein Thermometer, und ein Instrument, die Bläue des Himmels zu messen, mit welcher Erscheinung er sich besonders abgab.
Camilla empfing zu ihrem goldenen Armringe, den sie gewöhnlich bei ihrem Geigenspiele anzuhaben pflegte, einen zweiten ähnlichen, der ungemein leicht und edel gearbeitet war, dann erhielt sie noch in mehreren ebenholzenen Büchslein duftendes Geigenharz, und in violett samtenen Fächern eine Sammlung aller Geigensaiten, welche in der ganzen Welt gemacht werden.
Maria bekam ein großes Werk in gepreßtes Leder gebunden, das eine Einzelbeschreibung der Camellien nebst ausgezeichneter Abbildung aller bekannten Arten enthielt. Außerdem empfing sie noch ein Werk über Orchideen, und eins über Landbenüzung, das in Paris neu war und Aufsehen erregt hatte. Und zum Schlusse erhielt sie einen Schwank, nämlich gleichsam wie ein chirurgisches Bestek, ein Fach mit allen kleineren Gartenwerkzeugen, Messern, Scheren und dergleichen, Alles zierlich eingetheilt und mit silbernen Griffen versehen.
Als man Alles ausgepakt hatte, als man nun im Ernste mit Erstaunen vor diesen Geschenken da stand, und mit Aufrichtigkeit, auf die im Scherze eingegangene Bedingung vergessend, versicherte, daß das zu viel sei, sagte Alfred: »Ich habe es ja gewußt, daß es mir so ergehen wird. Ich habe mich auf der ganzen Reise auf diesen Augenblik gefürchtet. Wollt ihr mir denn keine Gefälligkeit erweisen? Ich habe gar Niemanden. Ihr wißt, daß mein Haus allein steht, daß kein Nachbar da ist, daß nur meine Arbeitsleute mit mir unter demselben Dache wohnen, daß ich keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, keinen Bruder, keine Gattin habe. Ich habe bei meiner Art zu leben um viel weniger zu dieser Reise gebraucht, als mir ein Bekannter, der in diesen Dingen erfahren ist, voranschläglich ausgerechnet hatte. Ich habe also erspart. Ich habe verschiedene Dinge gekauft, um auch die größte Freude, die eine Reise gewährt, zu haben, nämlich die, Geschenke zu bringen. Ich wollte sie euch bringen, weil ihr meine nächsten Nachbarn seid, und mir sonst auch gerne eine Freundschaft erwiesen habt. Ich hatte den Wunsch gehabt, noch viel mehr zu kaufen, allein mir fehlte der Muth dazu.«
Auf diese Worte war es um den ganzen Tisch herum sehr stille; denn Jedes fühlte in sich, daß es unedel wäre, auch nur ein einziges der Geschenke zurükzuweisen, und daß sie daher alle angenommen werden müßten.
Rikar ging auf den jungen Mann zu und sagte: »Ihr seid recht gut und recht wahrheitsliebend, und das Gefühl, das ihr ausgesprochen habt, lebt allerdings in dem menschlichen Herzen, ich kenne es sehr gut; darum fühlen wir uns geehrt, daß ihr dieses Gefühl gegen uns gewendet habt, da euch nähere Angehörige abgehen; und ich glaube die Gesinnung aller der Meinigen zu treffen, wenn ich erkläre, daß wir die Geschenke mit großer Freude annehmen und unsern Dank für die Erinnerung, die ihr in fremden Ländern an uns bewahrt habt, auf das Innigste ausdrüken.«
Victoria stimmte der Erklärung ihres Gatten bei, und die Mädchen sahen Alfred an, dessen Angesicht voll Zufriedenheit glänzte.
»Aber da wir noch bei diesen herrlichen Sachen beisammen stehen,« fing jezt die Mutter an, »so fällt mir etwas ein, das ich vortragen will, und für das ich um die Zustimmung bitte – oder vielmehr ihrer gewiß bin. Während wir über diese lieben Dinge, die uns ein Freund als Andenken mitbrachte, sehr erfreut sind, während er selber erfreut ist, sie gebracht zu haben, steht ein anderer Freund bei uns, der eben so wie der Angekommene keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, keinen Bruder, keine Gattin zu Hause hat, der uns Allen gleich lieb ist, und der daher ein Recht hat, zu uns zu gehören. Da Alfred, der zur Bedingung seiner Reise gemacht hat, keinen Brief zu schreiben und zu empfangen, nicht wissen konnte, welch' lieben Besuch wir in seiner Abwesenheit erhalten haben, so konnte er auch bei der Vertheilung der Ankommensrechte nicht auf denselben Rüksicht nehmen, wie er wohl sonst gethan hätte: ich stimme daher, daß wir den Sinn des Gebers ergänzen, und einen Theil unserer Rechte, so viel Jedes will, an unsern Gast abtreten, daß er nicht ein Fremder, sondern ganz und gar einer der Unserigen sei.«
Dieser Vorschlag der Mutter hatte aus dem Ernste, der einige Augenblike geherrscht hatte, wieder die Heiterkeit hervorgerufen. Alle riefen einstimmig: »Ja, ja, das wollen wir thun.«
Ich fühlte, wie mir das Blut in das Angesicht stieg, ich fühlte es an der Hize meiner Wangen, und widersezte mich dem Antrage. Aber Alle stürmten auf mich ein, sie sagten, ich dürfe keine Widerrede machen, es dürfe einmal nicht sein, und man werde zur Theilung schreiten.
»Wenn eine solche Sache beliebt wird, und wenn Allgemeinheit unter uns eingeführt wird,« sagte Alfred, »so ist meine Freude und mein Vergnügen noch größer.«
»Er ist zu Hause ein Landwirth, wie wir hier,« sagte Maria, »und wenn Sie in den Kisten, die in der Halle stehen, landwirthschaftliche Gegenstände haben, wie Sie sagten, und er einige brauchen kann, so muß er auch davon noch nehmen, nicht wahr?«
»Freilich,« sagte Alfred, »und es freut mich doppelt, daß der Gast dieses Hauses ein Landwirth ist. Es sind viele Gegenstände in den Kisten, er kann sich auswählen, und wenn er mir die Ehre seines Besuches in meiner Behausung angedeihen lassen will, so muß er manches als Erinnerung an diese Gegend annehmen, und es nach seiner Heimath schiken.«
»Mengt nicht neue Dinge ein,« sagte die Mutter, »sondern laßt uns zur Erledigung der alten schreiten. Ich stimme zuerst. Nehmt diesen Lichtschirm, gebraucht ihn manchmal, wenn ihr an langen Winterabenden zu Hause bei eurem Arbeitstische sizt, und etwas schreibt oder leset, und erinnert euch dabei an uns.«
Mit diesen Worten legte sie ihren schönen Lichtschirm auf die Stelle des Tisches, an welcher ich stand.
Rikar stimmte der zweite. »Nehmt dieses Fernrohr,« sagte er, »unter allen Dingen, die ein Reisender nöthig hat, ist dies eines der nöthigsten und zwekmäßigsten, namentlich für einen, der nicht Geschäfte halber reiset, sondern ansehen will, und insbesondere Gegenden und Fernen ansehen will.«
Ich erwiederte hierauf: »Nein, Rikar, dieses kostbare Instrument kann ich nicht annehmen; es dient euch selber sehr gut, und ihr erinnert euch ja, daß ich ohnedem ein gutes Fernrohr mit mir führe.«
»Eben darum sollt ihr es nehmen,« sagte er, »weil an dem eurigen etwas brechen und es zeitlich untauglich machen kann. Ich habe denselben Grund wie ihr, ich habe ebenfalls schon ein sehr gutes Rohr. Und der lezte Grund, den ich habe, ist der, daß ihr es annehmen müßt.«
Er legte mit diesen Worten das Rohr zu dem Lichtschirme.
»Ich weiß nicht, was ich von meinen Dingen geben soll,« sagte Camilla, »aber Sie sind ein so guter Kenner von Geigentönen, daß Sie zu Hause gewiß auch nicht anders, als vortrefflich spielen. Ich gebe Ihnen daher von diesem Geigenharze und theile die Saiten mit Ihnen.«
»Ich kann eigentlich nicht theilen,« sagte Maria, »da ich lauter Ganze erhalten habe; aber ich gebe Ihnen ein Ganzes, nämlich diese Bücher, sie sind unvergleichlich ausgestattet, stellen Sie dieselben in Ihre Sammlung, und denken Sie an uns. Weil ich den Inhalt nicht entbehren kann, so wird Alfred schon so gut sein, mir anzugeben, wo ich sie wieder bekommen kann.«
Mit diesen Worten reichte sie mir das französische Werk hin, das ihr Alfred gebracht hatte, und das sehr kostbar gebunden war.
»Und daß er nicht blos etwas von den einzelnen Gaben habe, die uns zugedacht worden sind, sondern auch von den allgemeinen,« sagte die Mutter, »so wollen wir ihm noch diesen Teppich geben, der die Bestimmung haben soll, daß er ihn zu Hause unter seinen Schreibtisch lege.«
»Ja, den Teppich müssen Sie noch nehmen, den müssen Sie noch nehmen,« sagten die Mädchen.
Man schob ihn auf dem Tische gegen meinen Plaz hin.
Ich war nun im äußersten Grade verlegen und sagte: »Nein, diese Sachen kann ich unmöglich alle annehmen, sie sind zu viel. Ich bin durch die Mittheilung aller jezt reicher geworden, als die einzelnen Gebenden.«
»Wenn ihr reicher geworden seid,« antwortete die Mutter, »so ist das ganz natürlich; denn wem mehrere andere geben, der kann leicht etwas mehr haben, als die Einzelnen. Aber wem von uns könnt ihr etwas zurük geben, ohne ihm wehe zu thun? Nehmt es daher so freundschaftlich an, als es geboten worden ist.«
Das Wohlwollen und die Güte Aller war so unverkennbar und eindringend, daß es unzart gewesen wäre, sich noch gegen irgend etwas zu weigern; ich schämte mich, daß ich es schon gethan habe, und nahm die Sachen mit Freude und mit der Aeußerung des Dankes an.
»Jezt aber, Kinder,« sagte die Mutter, »müssen wir den Tisch abräumen und diese Sachen wegschaffen. Alfred hat sich zu Mittag eingeladen, die Zeit rükt heran, und der Tisch muß zu andern Zweken benüzt werden. Ich dächte, Jedes sollte sich seine Sachen auf seine Zimmer bringen lassen, daß hier Raum werde.«
So thaten wir auch. Die Mädchen riefen Leute herbei, die ihnen halfen; ich nahm meine Dinge zusammen, rollte den Teppich in eine Rolle, und trug Alles in meine Zimmer.
Das Mittagessen ließ nicht lange auf sich warten. Es war recht lieb und freundlich, daß heute ein Gast da war, und man sah es auch, daß man seinetwegen ein Mehreres gethan habe.
Nach dem Essen wollten Alle in den Garten; aber Alfred verlangte, daß man noch eher die Sachen auspaken solle, welche in Kisten unten in der Vorhalle stünden. Wir begaben uns daher Alle hinab. Rikar beorderte einen Mann mit Hammer und Meißel, der die Kistendekel aufbrechen sollte. Als dies geschehen war, und die Kisten offen standen, machte sich Alfred daran, die Gegenstände heraus zu nehmen. Es waren lauter Bedürfnisse der Landwirthschaft, namentlich der Gärtnerei. Samen, Knollen, Wurzeln, Ableger, die in dieser Gegend noch nicht bekannt waren oder großen Werth besaßen; dann Geräthe, Werkzeuge und Modelle, die im Größeren ausgeführt werden sollten. Ich mußte von manchen Dingen, welche mehrzählig vorhanden waren, nehmen, um sie in meiner Besizung anzupflanzen, und von manchen Geräthen nahm ich mir vor, Zeichnungen zu machen, weil ich sie als vorzüglich anwendbar erkannte. Als Alfred fertig war, und man die Dinge in Körben fortgetragen hatte, war erst Zeit, in den Garten zu gehen.
Hier hatte ich nun Gelegenheit, ihn noch mehr zu beobachten, und noch mehr mit ihm zufrieden zu sein. Er ging gleich mit vieler Theilnahme zu allen Dingen, er fragte um Alles, er ließ sich Alles zeigen, und nahm Antheil, als ob es sein Eigenthum wäre, oder als ob er es selber gepflanzt hätte. Fast der ganze Nachmittag ging so in dem Garten dahin.
Gegen Abend nahmen wir das Vesperbrot in den Zimmern der Mutter ein, und als die Sonne sich dem Rande der Felsen zuwendete, war es für Alfred Zeit, an den Aufbruch zu denken. Der erste Besuch nach seiner Reise war vorüber. Er lud uns Alle ein, recht bald zu ihm auf seine Besizung hinab zu kommen, und einen ganzen Tag dort zuzubringen. Insbesondere lud er mich ein, einmal allein zu kommen, daß er mir Alles bis zum Kleinsten zeigen könne, was die Andern ohnedem schon genau kannten. Zu diesem Behufe bat man mich, meine Abreise nun noch ein wenig aufzuschieben, und ich willigte ein.
Nach einer halben Stunde sezte sich Alfred zu Pferd, um wieder nach Hause zu reiten. Ich ging in den Hof zurük, um ihn zu sehen. Er saß auf einem braunen nicht gar großen aber sehr zierlichen Pferde. Die Männer mit den Maulthieren, welche die Kisten und den Mantelsak gebracht hatten, waren gleich wieder umgekehrt. Alfred mußte also jezt allein hinab reiten. Es standen Alle bei ihm und nahmen Abschied. Als er recht höflich gegrüßt hatte, ritt er bei dem hintern Thore hinaus, und schlug den schmalen Saumpfad nach Sanct Gustav hinab ein.
Als die Dämmerung gekommen war, und ehe es zum Abendessen wurde, ging ich in mein Zimmer. Die Riemen meines Ränzleins hingen noch von dem Tische herunter. Ich pakte also aus, was ich gegen Mittag so sorgsam eingepakt hatte.
Es war, als sollte ich aus diesem Hause nicht fortkommen.
Die Dinge, die man mir geschenkt hatte, legte ich in eine Ordnung, freute mich darüber, und nahm mir vor, sie, sobald ich nach Riva käme, auf den Weg nach Treulust zu geben.
Nach wenigen Tagen verabredeten wir den Tag, an welchem wir zu Alfred hinunter wollten, und ließen es ihm wissen.
Als der Tag gekommen war, und Maria noch am Morgen ihre Anordnungen getroffen hatte, was während ihrer Abwesenheit geschehen sollte, ritten wir auf Maulthieren längs des Saumpfades hinunter. Als wir tief genug gekommen waren, sah ich in einer jener grünen Furchen, die ich am ersten Tage meiner Anwesenheit von den Felsen aus als durch die kahlen Berge laufend gesehen hatte, und die in der Nähe breite üppige Thäler waren, Alfred's Haus. Eine Reihe wohnlicher Fenster glänzte uns aus dem Gebüsche, das das Haus reichlich umgab, an. Als wir näher gekommen waren, sah ich die große Ausdehnung und die reinliche Haltung des Ganzen. Alfred empfing uns in dem Sandhofe des Hauses, der Blumenbeete und einen Springbrunnen hatte. Er half uns mit einem Diener von den Maulthieren, überließ leztere dem Knechte, und führte uns über eine Treppe in das Gesellschaftszimmer hinauf. Dieses war groß und geräumig, sah mit vielen Fenstern auf das Grüne und auf die schwankenden Baumzweige hinaus, und hatte mehrere erlesene Bilder aus der italienischen Schule. Als er uns hier einige Erfrischungen, worunter namentlich Milch und mehrere Früchte waren, die eigentlich der Jahreszeit nach im Freien noch nicht reif sein konnten, vorgesezt, und als wir manches davon gekostet hatten, gingen wir in den Garten hinunter. Maria führte mich hier zu mehreren wahrhaft ausgezeichneten Anstalten, und sagte im Triumphe: »Da sehen Sie erst, da sehen Sie erst!«
Wir gingen zu einigen Glashäusern, in denen die schönsten einheimischen Früchte reiften, und die das Edelste und Wesentlichste der fremden enthielten. Dann besahen wir die Einrichtungen, die der Garten überhaupt hatte, theils zum Bewässern der Pflanzen, theils zu ihrer Nahrung, Zucht, Pflege und Vervollkommnung. Alles war in der That auserlesen und vortrefflich, und hatte viele Aehnlichkeit mit den Anstalten Maria's. Von dem Garten gingen wir nach und nach auf einem gewundenen Wege, der durch viele Gebüsche führte, empor, und kamen endlich auf eine freie kahle Spize, die einen großen Umblik gewährte. Wir sahen von hier aus die Felder Alfred's, die sich um einen Hügel herum in einer kleinen Ebene dahin legten. Das ruhige, einfache, edle und liebliche Wogen des Getreides, das ich jezt so lange nicht gesehen hatte, legte sich schmeichelnd und befriedigend an das Herz. Wir standen lange und sahen die verschiedenen Grün an: das blauliche leichte und sanfte Mischen des Silbers, das dunklere grüne und tiefe Heraufbliken der Wogen, das hellere grünere Wellenschlagen der kleineren Saaten, und das leichte Hinzittern der Spizen; denn es ging ein sanftes Windchen unter der blauen und heiteren Kuppel des Himmels.
Es ist doch, dachte ich, eine wunderbare Anmuth, wie der Mensch in der Gesellschaft mit seinen Pflanzen lebt, die seinen Geist zum Himmel leiten, und seinem Leibe die einfachste, edelste und keuscheste Nahrung gewähren. Brot, das einfachste aller Dinge, das weltverbreitetste, ist das Simbol und das Zeichen aller Nahrung der Menschen geworden.
Von der Spize gingen wir auf einem anderen Wege und von einer anderen Seite wieder dem Hause zu. Die Aufbewahrungsorte und andern Anstalten, die wir an seinem Aeußeren trafen, hatten wieder viele Aehnlichkeit mit denen Maria's. Als wir in die Zimmer gekommen waren, führte uns Alfred auch in ihnen herum. Die Mädchen bemerkten gleich die Veränderungen, die seit ihrem lezten Besuche statt gefunden hatten, und sprachen sich billigend oder mißbilligend darüber aus. Die Zimmer waren einfach, lieb und freundlich, und sprachen einen freien heiteren Geist des Bewohners aus. Das Gesellschaftszimmer, in dem jezt die Erfrischungen weggeräumt waren, empfing uns mit Ernst und Würde. Es enthielt nichts von all' den Spielereien, mit denen man gewöhnlich unsere Besuchzimmer überladen findet, dafür stieß das Bücherzimmer an dasselbe, und an den Kästen stekten überall die Schlüssel, daß man sich nach Belieben Bücher heraus nehmen konnte. Aber dessen ungeachtet fehlte es nicht an Spielereien und Launen des Bewohners. In einem Zimmer war eine Sammlung aller Aehren der ganzen Welt, ich erstaunte, daß es eine so ungeheure Menge derselben geben könne, und in einem Buche, das auf dem Tische lag, waren lauter lose Blätter, auf denen alle Blumen, die in den Getreiden wachsen, in Wasserfarben sehr schön abgebildet waren. Alfred hatte sie sich von einem wandernden armen Künstler, der sehr geschikt war, und den er eine Zeit beschäftigte, verfertigen lassen.
»Es ist merkwürdig, wie wichtig eigentlich diese Dinge sind,« sagte Alfred. »Diese getrokneten Aehren in ihren Glaskästen, die nur einfache Gräsersamen sind, und diese Blümlein auf ihren Stängeln, die zu den bescheidensten gehören und oft keine Schönheit ansprechen, sind das auserlesenste und unbezwinglichste Heer der Welt, die sie unvermerkbar und unbestreitbar erobern. Sie werden einmal den bunten Schmelz und die Kräutermischung der Hügel verdrängen, und in ihrer großen Einfachheit weit dahin stehen. Ich weiß nicht, wie es dann sein wird. Aber das weiß ich, daß es eine Veränderung der Erde und des menschlichen Geschlechtes ist, wenn zuerst die Cedern vom Libanon, aus denen man Tempel baute, dann die Ahorne Griechenlands, die die klingenden Bogen gaben, dann die Wälder und Eichen Italiens und Europa's verschwanden, und endlich der unermeßliche Schmuk und Wuchs, der jezt noch an dem Amazonenstrome steht, folgen und verschwinden wird. Es gibt unendliche Wandlungen auf der Welt, alle werden sie nöthig sein, und alle werden sie, eine auf die andere, folgen.«
In dem an das Aehrenzimmer stoßenden Saale, der eigentlich mehr ein langer Gang war, dessen blumenverzierte Fenster gegen den Garten gingen, war eine seltsame launige Sammlung, gleichsam ein friedlicher Waffensaal der Erde. Es waren da nämlich alle Werkzeuge des Landbaues aufgestellt, nach der Art wie sie gebraucht werden und dienen: die zum Felde, zur Wiese, zum Garten, zum Walde, zum Weinberge, zum Hause gehörigen. Welche zu groß gewesen waren, als daß man sie hätte herein stellen können, die waren in einer Verkleinerung zugegen. Ich bin selber ein Landwirth, kannte sie fast alle, und war doch überrascht über die Menge und Mannigfaltigkeit derselben. Sie waren geschikt längs der Wand des Ganges aufgestellt.
Das Mittagsmahl wurde auf einem Hügelchen unter freien luftigen Kastanien eingenommen. Dann gingen wir noch eine Streke in der Thalschlucht spazieren, und sahen wunderliche Felsen, Wasserfälle, Steinlager und kühle Grotten – und als beinahe schon das Abendgold auf diesen sonderbaren Bergen glänzte, dachten wir erst auf die Rükreise.
Alfred's Leute waren sehr artig und aufmerksam gegen uns gewesen. Er selber begleitete uns auf seinem braunen Pferdchen, als wir auf unsern Maulthieren den Saumpfad wieder hinan ritten, als die grauen Steine um uns waren, und als wir auf dem troknen Grasboden lange weit hinzielende Schatten warfen. Da er umkehrte, lud er mich ein, nächstens allein zu ihm hinab zu kommen, damit er mir Alles im Einzelnen und nach landwirthschaftlichen Grundsäzen, die mir lieb sein würden, erkläre. Ich nahm die Einladung an.
Er ritt mit seinem Pferdchen, das sehr geschikt in den Steinen kletterte, hinunter, und wir strebten immer mehr auf die steinige und auf die einsame Anhöhe empor. Als es Abend und immer finsterer wurde, und ich deßhalb eine Besorgniß äußerte, beschwichtigte mich Maria, indem sie sagte, daß, wenn es sogar ganz finster wäre, und man keine Handbreite vor den Augen sähe, wir nur getrost die Zügel auf den Hals der Maulthiere legen dürften; diese Thiere würden nicht stolpern, und würden uns sicher auf das Haidehaus bringen.
So geschah es auch; wir langten in dichter Finsterniß auf demselben an.
Schon nach ein Paar Tagen ging ich allein zu Alfred hinunter.
Er empfing mich sehr freundlich, und wir verbrachten den Tag, indem er mir Alles, was er hatte, zeigte, und wir es nach den Grundsäzen, die wir Jeder aus Büchern und aus Erfahrungen gesammelt hatten, durchgingen. Wir näherten uns einander sehr, ich fand seine Sachen vortrefflich, und wir tauschten manche Bemerkungen aus. Die Nacht brachte ich ebenfalls bei ihm zu, wie ich es schon meinen Gastfreunden vorausgesagt hatte, und eben so einen Theil des folgenden Tages.
Er erzählte mir mehrere Dinge und auch Manches aus seinem Leben.
Er hatte als Kind in einer sehr drükenden Lage gelebt. Sein Vater, der ihn und die Mutter durch ein kleines Geschäft ernährte, starb frühzeitig und hinterließ nur ein sehr mäßiges Vermögen, das allerlei Gläubiger, Curatoren und Vormünder theils in Anspruch nahmen, theils verschleppten. Die Mutter muß eine außerordentliche Frau gewesen sein. Sie prägte dem Knaben früh ein, daß man sich nicht auf andere Leute verlassen dürfe, daß diese meistens hart und jedes Gefühl verlezend seien, wenn sie helfen – deßhalb lebten sie und der Knabe in der äußersten Versagung und Strenge, und deßhalb führte er es auch so fort, als sie gestorben war, und er in den Studien lebte. Er erwarb sich das Wenige, was er brauchte, selbst, und kam nie zu einem Andern um Hülfe. Der vorige Besizer des Anwesens, welches nun Alfred's Eigenthum war, war ihm nur verschwägert gewesen, hatte sich nie um ihn bekümmert, hatte das Anwesen vernachlässigt, und hatte es ihm nur als Erbe hinterlassen, weil er doch der einzige Anverwandte gewesen war. Alfred hatte genugsam erfahren, wie sehr man der Sklave Anderer sei, wenn man nicht genug Mittel habe, selbstständig zu sein, und wie sehr man doch abhänge, wenn man sich auch noch so eifrig bestrebe. Darum fing er mit der glühenden Freiheitsliebe, die ihm eigen war, an, seine herabgekommene Besizung zu verbessern. Er las aus Büchern, er fragte um Rath, er sah gute Wirthschaften an, er machte selber Pläne und Entwürfe, und da er für sich wenig brauchte, wandte er alles Erworbene wieder der Sache selber zu. So brachte er nach und nach sein ererbtes Anwesen in immer blühenderen Zustand. Er wurde bekannt, man suchte ihn, knüpfte Verbindungen mit ihm an, und durch glükliche Unternehmungen brachte er nicht blos Wohlstand, sondern man konnte sagen Reichthum in sein Geschäft.
Als ich ihn einmal während des Tages fragte, ob es ihn denn nicht sehr freue, wenn er sein blankes Haus zwischen den holden Gebüschen betrachte, und durch das Gedeihen und Emporblühen aller der Dinge um ihn dahin gehe, antwortete er: »Es ist sonderbar, wie die Abstufung der Dinge, unter denen wir leben, auf den Menschen wirkt. Wie fremd sind uns die Minerale, wie hart seltsam abentheuerlich sind uns ihre Farben – das giftige Grün, das Blau, das Braun, das Grau, das heftige Gelb, zum Beispiele am Schwefel – wie unbekannt ist uns ihr Entstehen in dem dunkeln Schoße der Erde, wo sie in einander verwachsen und wunderlich gebildet ruhen und lauschen. Wie näher sind uns schon die Pflanzen, sie sind unsere Gesellschaft über der Erde, der sie wohl noch mit der Wurzel angehören, von der sie aber doch mit ihrem edleren Theile, mit der Krone und mit der Blüthe, wegstreben; ihre Nahrung und ihr Wachsen ist wie das unsrige, sie nehmen die irdischen Stoffe in ihre feinen Organe und verwandeln sie in ihr Wesen, und wenn wir gleichwohl nicht begreifen, wie das geschieht, so ist es für unsere Liebe schon genug, daß sie uns hierin verwandt sind; und wie hold sprechen uns ihre Farben gegen die der Minerale an, selbst ihre heftigsten Roth und Gelb und Blau; und wie sanft ist das allgemeine Kleid, das sie anthun, das Grün. So zugeartet ist uns dasselbe, daß wir dort, wo wir Abweichendes erbliken, wie an jenen rostbraunen oder blutig rothen Blättern mancher fremder Bäume, eine Art Schauer empfinden. Noch näher sind uns die Thiere, wenigstens die außer der Erde lebenden und vollkommneren. Nur mehr ein kleiner Theil, und die am tiefsten stehenden, lebt in der Erde, die andern sind mit uns in der Luft und der Sonne. Sie sind die Spiegelbilder von uns, die abgeblaßten. Sie zeigen uns unsere Affekte, unser Leiden, unsere Freuden, die Hingabe an innere Triebe, die verstümmelte Natursprache und ein dumpfes Dämmern von Vernunft und höherer Ahnung. Daher lieben wir sie schon zuweilen, weil sie uns wie die Knospe von uns selbst erscheinen, weil sie uns in ihrer Hülflosigkeit wie zurükgesezte Menschen vorkommen, die nur nicht genug an Geist und Kraft erhalten haben, um sich empor zu schwingen und eine stättige Vervollkommnung einzuleiten. Das Nächste aber ist für den Menschen doch immer wieder der Mensch, der ihm sein eigenes Herz, sein Ahnen und sein Hoffen entgegen trägt. Das weiß man in großen Städten nicht, wo sich das Geschlecht an einander drängt, und seine Widrigkeiten zeigt. Freilich ist die Natur im Ganzen, wozu indeß der Mensch auch als Glied gehört, das Höchste. Sie ist das Kleid Gottes, den wir anders als in ihr nicht zu sehen vermögen, sie ist die Sprache, wodurch er einzig zu uns spricht, sie ist der Ausdruk der Majestät und der Ordnung: aber sie geht in ihren großen eigenen Gesezen fort, die uns in tiefen Fernen liegen, sie nimmt keine Rüksicht, sie steigt nicht zu uns herab, um unsere Schwächen zu theilen, und wir können nur stehen und bewundern.« – –