Zwischen Irgendwo und Nirgendwo
Kapitel 1
Lucita schlug die Augen auf. Mehrmals musste sie blinzeln, bevor sie wieder scharf sehen konnte. Ihren Blick war starr nach oben gerichtet, um sie herum wuchsen hohe Backsteinhäuser gen Himmel. Vor Schmerz stöhnend rappelte sie sich auf und stieß auch sofort einen grellen Schrei aus. „Verdammt, was hat dich denn gestochen?“, quiekte das weiße Stoffkaninchen und hielt sich mit den Pfoten die Ohren zu. Sein rechtes Ohr, seine linke Gesichtshälfte und der Bauch waren mit bunten Flicken übersät. Das blaue Halsband war mit einem goldenen Glöckchen versehen. Mit zitternder Hand zeigte Lucita auf das Wesen. „W-Was … w-wie k-kann das s-s-sein?“ Das Kaninchen ließ seine Pfoten sinken und legte den Kopf schief. „Wie kann was sein?“ Doch Lucita brachte als Antwort bloß einen kehligen Laut von sich und hätte sich dabei beinahe verschluckt. „Herrje, ich seh’ schon“, seufzte das Kaninchen und schüttelte seinen Kopf. „Du kommst nicht von ihr. So ein hässliches Wesen wie du ist mir bis jetzt noch nie begegnet.“ Noch immer zitternd schlang Lucita ihre Arme um ihren Körper und richtete sich langsam auf. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre gesamte Kleidung mit Erde verdreckt war. Verwirrt blickte sie an ihrem Körper hinunter. „Du bist auf meinen Bau gefallen“, sagte das Kaninchen monoton. „Aber das macht nichts, ich wollte mir eh einen Neuen machen. Bloß bin ich jetzt ohne zu Hause, du schuldest mir also etwas, Boncho.“ „Boncho?“, keuchte Lucita. „So nennen wir Fremde, deren Namen und Gattung uns unbekannt ist. Wenn es dir nicht gefällt, dann sag mir einfach deinen Namen. Ich kann mir Namen gut merken, ehrlich.“ Das Stoffkaninchen zupfte sich verlegen an dem mit Flicken übersäten Ohr. Sie schloss für einen Augenblick die Augen. „Ich heiße Lucita“, sagte sie schließlich und ging vor dem kleinen Stoffkaninchen in die Hocke. „Wie ist dein Name?“ Das Stoffkaninchen machte einen sprungartigen Schritt auf sie zu, sodass die Knopfaugen direkt vor Lucitas Gesicht waren. „Glaubst du echt, dass ich so dumm bin und jemand Fremdes meinen Namen verrate?“ Noch bevor Lucita reagieren konnte, klapste das Kaninchen seine Stoffpfote in ihr Gesicht. Die vermutliche Backpfeife tat zwar nicht weh, jedoch war Lucita mehr als überrascht. Sofort richtete sie sich auf und blickte sich noch immer verdutzt in der Seitengasse um. „Das muss ein Traum sein“, wisperte sie. „Genau, ich träume. Stofftiere können nicht reden, nicht einmal normale Tiere können reden – na gut, ein Papagei vielleicht.“ Ein hohes Lachen entrann ihrer Kehle. „Ich muss einfach nur wieder aufwachen.“ Mit ihrem Blick tastete sie den Boden ab. Wenige Zentimeter neben ihrem linken Fuß lag ein dicker Steinbrocken. Ein Versuch ist es wert, dachte sie sich und nahm den Brocken in ihre Hand. „Was hast du vor?“, fragte das Kaninchen mit brennender Neugierde. „Aufwachen“, entgegnete Lucita, holte mit dem Steinbrocken aus und ließ ihn auf ihren Kopf fallen. Anstatt aufzuwachen, wie sie es sich vorgestellt hatte, durchzog ein stechender Schmerz ihren Kopf und keuchend sank sie in die Knie. „Selbst Schuld“, sagte das Kaninchen. „Wo bin ich hier?“, fragte Lucita und überhörte einfach den Kommentar des Stofftiers. „DAS kann ich dir auch nicht sagen. Unser Land hat keinen richtigen Namen.“ „Wie jetzt?“, fragte Lucita und rieb sich die Beule, die sich auf ihrem Kopf gebildet hatte. „Der König hat das Land nach seinem Namen benannt, aber da bis jetzt keiner von uns ihn jemals gesehen hat, sagt keiner seinen Namen. Jeder nennt unser Land wie er möchte und trotzdem weiß jeder, welches Land gemeint ist“, erklärte das Kaninchen schon beinahe stolz. „Wie nennst du dieses Land?“ Das Kaninchen lachte auf. „Sag ich dir nicht.“ Lucita legte den Kopf in den Nacken und breitete die Arme aus. „Warum nicht?“ „Weil jeder seinen eigenen Namen hat“, sagte das Kaninchen, packte Lucitas Hand und versuchte sie auf die Beine zu ziehen. Doch rutschte es weg und viel auf die Erde. „Komm schon, ich will dir etwas zeigen.“ Lucita stand widerwillig auf und als das Kaninchen seine Arme nach ihr ausstreckte, wie ein kleines Kind, hob sie es hoch und nahm es in die Arme. „Was willst du mir zeigen?“ „Geh einfach zum Ende der Straße und dann wirst du es selber sehen“, befahl das Kaninchen. „Warum?“, fragte Lucita und dennoch befolgte sie den Befehl und setzte sich in Bewegung. „Du erinnerst mich an etwas, was ich schon mal gesehen habe. Ich meine dein Aussehen und wer weiß, vielleicht findest du ja hier welche von deiner Art. Aber vergiss nicht, du kannst mich dann nicht einfach zurück lassen. Du hast mein trautes Heim zerstört und nun schuldest du mir etwas. Ich fände es angebracht, dass du mich einfach beschützt, bis ich ein neues zu Hause habe. Denn als Kaninchen hat man es hier einfach nicht leicht. Die Leute trampeln auf einen herum ohne es überhaupt zu merken, es ist zum verrückt werden. Nur in meinem Bau bin ich sicher vor der großen Welt.“ Lucita lauschte dem Redefluss des Kaninchens und nickte gelegentlich. Als sie am Ende der Straße ankamen, breitete sich eine große Hauptstraße vor ihnen aus. Wesen, welche Lucita zum ersten Mal in ihrem Leben sah, gingen ihren Weg; zogen an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Tiere auf zwei Beinen und eingekleidet, betraten oder verließen Geschäfte. Andere Wesen, welche auf allen vieren liefen und deren Fell in Stacheln zu allen Himmelsrichtungen abstand, scharrten mit ihren Krallen auf dem gepflasterten Boden. „Heiliger“, entfuhr es Lucita. „Wie wird deine Gattung bezeichnet?“, fragte das Stoffkaninchen, während es die Straße absuchte. „Mensch“, antwortete Lucita geduldig. „Biege rechts ab und dann geh’ einfach die Straße entlang. Wenn dich die Leute wegen deiner Hässlichkeit komisch angucken, dann ignorier es einfach“, sagte das Kaninchen. „Aber rede nicht mit ihnen, sonst werden sie sauer.“ Etwas verletzt, weil das sie als Kaninchen sie hässlich bezeichnet hatte, ging sie Straße entlang. Tatsächlich wurde sie von vielen der Tiere angesehen. Die einen waren neugierig, die anderen angewidert. Binnen Minuten hatten sie einen großen Platz erreicht, auf welchem sich unzählige dieser Tiere tummelten und die schwarzen Wesen den Boden nach Essensresten absuchten. „Hier müsste es sein“, trällerte das Kaninchen und zappelte ungeduldig in den Armen Lucitas herum. Die weißen Ohren gespannt aufgerichtet und den Kopf nach vorne geschoben versuchte es die Mitte der Menge zu erhaschen. „Was ist denn hier?“, fragte Lucita. Mittlerweile fühlte sie sich mehr als unwohl in ihrer Haut. Denn noch immer wurde sie von den Tieren angestarrt; andere begannen hinter ihrem Rücken zu tuscheln. „Die Parade“, sagte das Kaninchen, als hätte es Lucita wissen müssen. Doch besann es sich und fuhr fort: „Der König macht jedes Mal, wenn die Sonne sich von ihrem höchsten Punkt entfernt, eine Parade mit seinen Kriegern. Es ist keine schöne Parade, aber irgendetwas an dir erinnert mich daran.“ „Vermutlich weil ich hässlich bin?“, fragte Lucita mit einem sarkastischen Unterton. „Habe ich auch erst gedacht, aber es muss etwas anderes sein“, erwiderte das Kaninchen nachdenklich. Musik ertönte, doch war sie noch sehr leise. „Es geht los!“ Die Menge wurde dichter und gemeinsam mit den Kaninchen im Arm konnte Lucita sich bis nach ganz vorne kämpfen. Noch weit von ihnen entfernt kamen Wesen, welche auch Lucita bekannt vorkamen. Es dauerte eine Zeit, bis diese Dinger auch Lucita erreicht hatten und sofort wusste sie, warum sie ihr bekannt vorkamen. „Marionetten“, sagte sie verblüfft. Diese Marionetten waren gute drei Meter hoch und ihre Gesichter waren zu einem breiten, hässlichen Grinsen verzerrt. Die hölzernen Arme hingen schlaff an ihren Körper herunter. Sie trugen die Uniform, die einem englischen Gardisten ähnelten. Die menschlich aussehenden Augen wanderten durch die Reihen der Zuschauer. „Jetzt weiß ich, woran du mich erinnerst“, rief das Kaninchen begeistert und warf dabei die Arme in die Luft. Lucita zog sich zurück und quetschte sich wieder durch die Menge. Als sie das Ende erreicht hatten, rief das Kaninchen: „Die sehen dir doch verdammt ähnlich. Natürlich, du guckst weniger gruselig, aber die Ähnlichkeit kann man nicht leugnen.“ Doch Lucita hörte dem Stoffkaninchen gar nicht richtig zu. Gedanken versunken ging sie die Straße weiter und bog, ohne es wirklich gemerkt zu haben, in eine Seitenstraße ab. Sie war verlassen und da nun keine Blicke mehr auf ihr ruhten, fühlte sie sich unglaublich erleichtert. Sie setzte das Kaninchen auf einem Fenstersims ab und sah es prüfend an. „Welchen Zweck erfüllen die Marionetten?“ „Mario … was?“, fragte das Kaninchen und seine Ohren hingen leblos an ihm herunter. „Marionetten, die Dinger, die bei der Parade marschiert sind“, erklärte Lucita verärgert. „Ach, du meinst die Schlafsender. Das sind die Krieger des Königs. Sie sorgen dafür, dass es keine Rebellenaufstände gibt und dass jede Regel befolgt wird. Die, die sich nicht daran halten, werden von den Schlafsendern in einen ewigen Schlaf versetzt.“ „Du meinst, sie werden getötet?“ Das Kaninchen sah Lucita bedrückt an, schüttelte dann aber den Kopf. „Wir sagen dazu ewiger Schlaf und du tust gut daran, es auch so zu nennen. Der Tod macht allen Angst und vielen geht es besser, wenn wir allein das Wort meiden.“ Nervös spielte es mit einer Naht, die über seinen Bauch ging. „Die Schlafsender sind brutal und sie kämpfen mit unfairen Mitteln. Wenn sie sich ein Opfer auserkoren haben, dann verfolgen sie es bis zum bitteren Ende. Nur während der Parade sind sie friedlich.“ „Willst du mir vielleicht jetzt deinen Namen verraten?“, fragte Lucita. Verwirrt von dem abrupten Themenwechsel sah das Stoffkaninchen Lucita erst einmal nur schweigend an, senkte dann aber einen Kopf. „Ich heiße Ochite.“ „Ochite“, wiederholte Lucita und versuchte sich den Namen einzuprägen. „Hör zu, ich gehöre nicht in diese Welt. Keine Ahnung wie ich hier her gelangt bin, aber ich muss wieder nach Hause. Meine Schwester und ich hatten einen Autounfall und ich muss wissen, wie es ihr geht. Gut, sie war nicht im Auto, aber vielleicht hat sie ja auch etwas abbekommen. Du lebst hier, also kennst du dich wahrscheinlich aus. Es muss einen Weg geben, wie ich wieder in meine Welt kommen kann. Du sagtest, dass ich dich beschützen soll und das kann ich nur, wenn du mich begleitest, also hast du keine andere Wahl.“ Sie beendete ihren Redefluss und sah Ochite gespannt an. Doch diese antwortete neugierig: „Was ist ein Auto?“ Mit der flachen Hand schlug sich Lucita gegen die Stirn. „Das ist ein Fahrzeug, womit wir Menschen uns von A nach B bewegen. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Weißt du, wie ich in meine Welt gelangen kann?“ „Ich nicht“, sagte das Kaninchen. „Aber ich kenne jemanden, der das weiß.“ „Bring mich zu dieser Person“, befahl Lucita. Ochite verzog ihr Gesicht, streckte dann aber wieder die Pfoten aus, damit Lucita sie tragen konnte. „Also, er ist etwas seltsam, wunder dich nicht.“ „Glaub mir, so schnell überrascht mich jetzt nichts mehr.“