Zwischen Irgendwo und Nirgendwo
Prolog
Alina Hoenselaar
Zwischen Irgendwo und
Nirgendwo
Die innere Stimme ist der Kompass der Seele.
– Andreas Tenzer
Prolog
„Ernsthaft Lucita, du übertreibst maßlos“, grummelte Melena und festigte ihren Griff um das Steuer, sodass ihre Knöchel weit hervor ragten. „’Mir wird vorne schlecht!’ Ich bitte dich, vorne ist es auch nicht anders als hinten. Außerdem komme ich mir verdammt blöd vor, wenn ich mich mit jemandem unterhalte, den ich gar nicht sehen kann.“ Lucita, eine zierliche junge Frau, mit langen braunen Haaren, hatte sich in den Rücksitz des alten Ford gekuschelt und schenkte ihrer Schwester herzlich wenig Beachtung. „Dafür hast du eine Heidenangst vor Spinnen und die tun dir nun mal wirklich nichts“, entgegnete sie schließlich. Es stimmte, dass Lucita auf dem Vordersitz eines Autos schlecht wurde und sie deswegen immer hinten saß, egal ob es den anderen passte, oder nicht. Aus diesem Grund ließ sie ihren Gedanken auch lieber freien Lauf, als Melenas lautem Gefluche zuzuhören. „Hättest du dich dann nicht wenigstens hinter den Beifahrersitz setzten können, anstatt dich hinter mich zu setzten?“, fragte sie in einem erstaunlich beherrschten Ton, während sie den Gang wechselte. „Hätte ich nicht“, erwiderte Lucita belanglos. „Denn dann hätte ich ums Auto laufen müssen und das wäre unnötiger Energieverbrauch.“ „Was du nicht sagst“, zische Melena durch zusammen gepressten Zähnen. „Ich meine das wirklich ernst. Schließlich haben wir heute Abend noch nichts gegessen und somit könnte ich bei mehr Anstrengung möglich schnell unterzuckern“, sagte nun Lucita mit weit aus mehr Elan, als es Melena verkraften konnte. Sie fuhr auf den Seitenstreifen, schaltete das Standlicht an, und nachdem der Motor des Wagens verstummte, drehte sie sich abrupt um. „Willst du mich eigentlich verarschen?“ Kopfschüttelnd sah Lucita Melena mit großen, grünen Augen an. „Nein, eigentlich nicht.“ Seufzend rieb sich Melena die Schläfen. „Ich geh kurz an den Kofferraum und hol uns eine Cola“, sagte sie und stieg somit aus dem Auto. Die Tür knallte viel zu laut, sodass Lucita zusammenzuckte. Das laute Quietschen von Reifen ertönte und wurde von den dicken Bäumen, die am Rand der Straße wuchsen, widergehallt. Gerade noch konnte Lucita sich umdrehen und durch die Heckscheibe das herannahende Auto sehen, als Melena laut auf zu schreien begann. Ein lauter Knall ertönte. Metall und Glas zerbarsten. Die Sitze wurden nach vorne gedrückt, das Auto bewegte sich gefährlich. Und um Lucita herum wurde alles Schwarz.