Zwischen Irgendwo und Nirgendwo

Alina Hoenselaar · Kapitel 2 von 3

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Zwischen Irgendwo und Nirgendwo

Kapitel 2

Damit hatte sie sich wirklich getäuscht. Denn Ochite führte sie durch Straßen, deren Rand mit unheimlich kleinen und unheimlich großen Häusern voll gestellt waren. Zwar war Lucita neugierig, was für Wesen dort wohl leben würden, doch Ochite riet ihr ab, ihre Neugierde nachzugehen. Das Kaninchen führte sie über mehrere Plätze und durch viele Seitenstraßen. Einmal verliefen sie sich und fanden sich in einer dunklen Gasse wieder. Nach gefühlten Stunden bogen sie in eine weitere schmale Straße ein und Ochite flüsterte: „Wir sind da.“ „Warum flüsterst du?“, fragte Lucita verwundert. Sie mochte das Kaninchen gut leiden, auch wenn es etwas seltsam war. „Lass mich einfach runter“, raunte das Kaninchen und Lucita setzte es vorsichtig ab. Sofort rannte es davon, kam aber noch einmal zurück. „Du bleibst hier!“ Mit diesen Worten verschwand es wieder. Lucita verdrehte ihre Augen und lehnte sich gegen eine kalte Mauer, die doppelt so hoch war, wie sie groß war. Die Sonne versteckte sich nun schon hinter den Dächern der besonders großen Häuser. Binnen Minuten kam Ochite wieder, im Schlepptau hatte sie einen Fuchs. Er lief wie die anderen Tiere auf zwei Beinen. Sein rotbraunes Fell schimmerte in der Abendsonne und seinen Oberkörper hatte er mit einer Lederjacke versteckt. „Das ist Lucita“, sagte Ochite und zeigte auf das braunhaarige Mädchen. „Es freut mich dich kennen zu lernen“, sagte der Fuchs mit seiner tiefen Stimme und nickte ihr höfflich zu. Lucita erwiderte das Nicken und beinahe kam es ihr so vor, als würde sie mit einem Menschen reden. „Mein Name ist Astis von Mohamu.“ „Die Mohamus waren früher eine reiche Familie“, erklärte Ochite. „Aber der König verboten ihnen ihren Laden weiter zu führen und jetzt verkauft Astis seine Ware in den Straßen – illegal versteht sich.“ „Es freut mich ebenfalls, Astis“, erwiderte Lucita und lächelt den Fuchs an. „Sie können mir also helfen, meinen Weg nach Hause zu finden?“ „So etwas in der Art“, sagt der Fuchs und fuhr sich mit seiner Pfote über das Fell zwischen seinen schwarzen Ohren. „Ich kann dir helfen den Weg zu finden, aber nicht das Ziel.“ Lucita öffnete den Mund um etwas zu sagen, klappte ihn aber wieder zu. „Ich sehe schon, du verstehst nicht was ich meine“, lachte der Fuchs. „Sie ist eben eine Andernweltlerin“, grinste Ochite. „Weißt du was meine Familie verkauft hat, bevor der König unseren Laden schließen ließ?“ „Woher sollte ich das wissen?“, frage Lucita. „Kompasse“, rief das Kaninchen und sprang dabei fröhlich in die Luft. Nun lachte Lucita auf, was die beiden Tiere verstummen ließ. „Aber Kompasse zeigen doch immer nach Norden, wie sollen sie mich dann nach Hause führen?“ „Nicht die der Mohamu“, erwiderte Astis. „Wir bauen besondere Kompasse, die nicht nach Norden zeigen. Zum Beispiel diese hier.“ Er holte einen grünen Kompass aus seiner Jackentasche. „Dieser bringt dich zu der Person, die dir am wichtigsten ist. Oder dieser hier.“ Nun holte er einen silbernen aus der anderen Jackentasche. „Dieser führt dich zu dem Ort an dem dein Seelenpartner wartet.“ „Und das funktioniert?“, fragte Lucita skeptisch und musterte die Kompasse. „Bis jetzt hat sich keiner unserer Kunden beschwert. Zu deinem Glück habe ich einen Kompass, der dir helfen könnte. Er wurde für Reisende angefertigt, die von ihrem Weg abgekommen sind. Er führt sie zu dem Ziel, nachdem sie sich sehnen.“ Astis zog einen Kompass aus der Innentasche seiner Jacke. Er war dunkelbraun, alt und erinnerte Lucita an einen alten Piratenfilm. Sie nahm ihn in die Hand und klappte den Deckel hoch. Die rote Nadel zuckte und drehte sich sofort nach Westen. Ochite war an Lucitas Rücken hochgeklettert und schaute über ihrer Schulter auf den Kompass. „Interessant. Er zeigt in die Richtung von Chin-Chins Gärten.“ „Wer ist Chin-Chin?“, fragte Lucita. „Er war zu seiner Zeit der König unseres Landes. Nach seinem Tod trat sein Sohn die Thronfolge an und unser Land wurde fortan unterdrückt“, sagte Astis. „Die Schlafsender gab es zu Chin-Chins Zeit noch nicht.“ „Astis, begleitest du uns?“, fragte Ochite und ihr Bommelschwänzchen begann zu wedeln. „Warum sollte ich?“ Verdutzt blickte er das Kaninchen an. „Weil du während unserer Reise neue Kunden gewinnen könntest.“ „Punkt für das Kaninchen“, erwiderte er und gab ein helles Lachen von sich. „Wartet hier, ich geh noch eben ein paar Kompasse holen. Schließlich muss ich gegen alles gewappnet sein.“ Mit diesen Worten verschwand er, tauchte wenig später jedoch wieder auf. Belanden mit einem Rucksack, der bis oben hin gefüllt war. Auf Lucitas fragenden Blick hin antwortete er: „Die Reisenden brauchen alles Mögliche und ich muss ja so viel wie möglich verkaufen. Deinen leihe ich dir übrigens nur, also denke nicht, dass du einen besonderen Status genießt.“ „Werde ich nicht, keine Sorge“, antwortete Lucita und sah wieder auf die rote Nadel des Kompasses. „Sind auch im Westen diese Schlafsender?“ Ochite, die es sich auf Lucitas Schulter bequem machte, antwortete: „Doch natürlich. Dort sind sie sogar noch am schlimmsten.“ Gemeinsam gingen sie los, Richtung Westen. „Wohnt dort nicht auch irgendwo der Herzog?“, fragte Astis voller Hoffnung. „Das schon“, antwortete Ochite. „Aber wann verlässt der schon sein Anwesen? Dafür ist er viel zu sehr mit seinen drei Frauen und den sechsundzwanzig Dienern beschäftigt.“ Seufzend nickte Astis und übte sich in Schweigen. Lucita genoss die Ruhe und folgte konzentriert den Weg, den ihr der Kompass wies. Auf ihre Umgebung achtete sie wenig, ebenso wenig auf das Gespräch, welches Ochite wieder mit Astis angesetzt hatte. Auf einmal schlug die Nadel abrupt nach Norden und Lucita bog scharf ab, sodass Ochite beinahe von ihrer Schulter rutschte. „Warum änderst du die Richtung?“, schrie sie und klammerte sich um Lucitas Hals. „Wegen dem Kompass“, antwortete diese und wedelte mit dem Holzkästchen vor den Knopfaugen des Kaninchens herum. Dieses gab eine Art murren von sich und rückte sich wieder in der Beuge von Lucitas Schulter zurecht. „Wir haben den Garten erreicht“, reif Astis aus und deutete mit dem Kopf auf eine Mauer, dessen Gestein mit goldenen Schlieren überzogen war. Die Spitzen von Bäumen und von hoch gewachsenen Sträuchern waren zu sehen. „Was sagt der Kompass?“ „Westen“, antwortete Lucita. „Schade, wir müssen nicht durch den Garten“, seufzte Ochite und sah sehnsüchtig zu den Mauern. „Aber wenn wir weiter nach Westen laufen, dann müssen wir in die Wälder. Lucita, dort verstecken sich die Schlafsender.“ „Wollt ihr nicht mitkommen?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie hatte Gefallen an den beiden gefunden und würde es traurig finden, wenn die beiden wirklich gehen wollten. Doch zu ihrer Überraschung schüttelten beide ihren Kopf. „Wir begleiten dich“, sagte Astis mit geöffneter Schnauze und hochgezogenen Lefzen, was wohl ein Lächeln darstellen sollte. „Ein kleines Wesen wie du würde sich den Tod in diesem Wald holen und irgendwie muss ich ja meinen Kompass wieder bekommen.“ Kurzerhand schenkte Lucita ihm eine Umarmung. Doch dieser Wich mit einem grellen Schrei zurück und begann mit den Pfoten hektisch über das berührte Fell zu streichen. „Oh mein Gott, oh mein Gott“, wimmerte er und leckte sich über die Pfoten, um sie danach wieder über das Fell streichen zu können. „Er hat Berührungsängste“, erklärte Ochite, während Lucita vollkommen verwirrt da stand und den panischen Fuchs anstarrte. „Es wäre besser, wenn du ihn nicht mehr umarmen würdest. Wenn es ganz schlimm ist, dann beißt er sogar.“ „Also reise ich mit einem obdachlosen Stoffhasen und einem Kompass verkaufenden Fuchs, der Berührungskomplexe hat? Na das kann ja noch lustig werden“, sagte Lucita niedergeschlagen und ihr Blick wanderte wieder auf den braunen Kompass. „Vergiss nicht die Schlafsender, die dich im Wald erwarten und vielleicht töten könnten.“ Ochite wackelte ungeduldig auf ihrer Schulter herum, während sie sich an den braunen Locken festhielt. „Die werden dir, wenn sie können, die Eingeweide rausreißen.“ „Das klingt ja fast so, als würdest du darauf hin fiebern“, brummte Lucita. Doch Ochite schüttelte ihren Kopf, sodass ihre Ohren schlackerten. „Nein, ich bin nervös, weil so eine Angst habe. Die Schlafsender haben uns bei der Parade angesehen und das verheißt oft nichts Gutes. Wenn sie uns zu ihren Opfer auserkoren haben –“ „Dann sind wir tot“, beendete Lucita ihren Satz und fuhr sich mit der Hand durch ihr Haar. „Aber wir bekommen das hin. Astis, hast du keinen Kompass, der uns um die Schlafsender herum führt?“ Der Fuchs dachte einen Moment lang nach. „Nein, wir hatten zwar versucht so einen zu bauen, aber leider gelang uns das bislang noch nicht. Aber ich schwöre dir, irgendwann werden wir auch die verkaufen können und dann ist unsere Familie wieder wohlhabend.“ Lucita gab einen lang gezogenen Seufzer von sich. Natürlich wünsche sie Astis, dass seine Familie wieder den verdienten Wohlstand erlangen würde, doch ihre Gedanken kreisten einzig um die Gefahr, die im Wald lauerte. Auch wenn dies ein Traum war – da war sie sich hundertprozentig sicher – so wusste sie nicht, was mit ihrer Seele passieren würde, wenn sie hier sterben würde. Mit einer tiefen Angst vor dem Ungewissen, betrat sie den Wald, welcher direkt an der Mauer des Gartens von Chin-Chin angrenzte. Die Bäume, welche gekrümmt über ihre Köpfe empor ragten, schienen jegliches Licht zu verschlucken und somit wurde es sogleich einige Grad kälter. Lucita begann zu frösteln, doch der Fuchs und das Stoffkaninchen blieben unbeeindruckt. Ihr Blick fiel auf die Bäume, deren Blätter höchst eigenartig waren. Sie hatten etwa den Durchmesser von vierzig Zentimeter und schimmerten in einem dunklen Grün, das schon fast ins Schwarz überging. Feine Äderchen leuchteten Hellgrün. Das einzige Licht wurde von gelben Kügelchen abgegeben, welche gleichmäßig in der Luft umher tänzelten. „Was sind das für Dinger?“, fragte Lucita und deutete auf eine besonders große Kugel, mit etwa drei Zentimetern, „Das sind bloß Pickies. Echt nervige Viecher“, schnaubte der Fuchs und fegte drei von den Pickies von seiner Schulter hinunter. Lucita ließ eines davon auf ihre Hand sinken und musterte es ausgiebig. Wie Glühwürmchen waren sie bloß Insekten. Doch leuchtete nicht nur ihr Hinterteil, sondern ihr ganzer Körper. Sie hatten verhältnismäßig große Augen, in denen die schwarzen Pupillen hin und her wackelten. Zwei lange Fühler schossen aus ihren Köpfen und auch die runden Spitzen dieser Fühler leuchteten in diesem hellen Gelb. Der Pickie auf ihrer Hand grabbelte zu ihren Finger hoch und begann an den abgestorbenen Hautzellen zu knabbern. Es kitzelte ein wenig, weswegen Lucita zu kichern begann. Ochite murrte skeptisch: „Pass auf, manchmal futtern sie auch gesunde Haut und sie übertragen Krankheiten.“ Als wäre dies eine tödliche Beleidigung gewesen, erhob sich der Pickie und schwirrte beleidigt davon. „Lasst uns am Besten weiter gehen“, drängte Astis. „Sonst spüren uns noch die Schlafsender auf. Lucita, in welche Richtung müssen wir?“ Lucita sah auf ihren Kompass und deutet den Weg vor ihnen entlang. „Westen. Was werden wir dort finden?“ Astis zuckte mit seinen Schultern. „Ich weiß nicht so recht, schließlich war ich vorher noch nie im Wald. Die Mohamu sind schon immer Stadtliebhaber gewesen und haben sie seit vielen Königsleben nicht mehr verlassen.“ „Ich war nur einmal hier, weil ich dachte, dass hier wenig Stadtbewohner sind und mein Bau und ich vielleicht sicher wären, aber die Schlafsender haben mich vertrieben. Aber wenn ich mich recht erinnere“, sagte Ochite und fuhr sich mit der Pfote über das Kinn. „dann war hier in der Nähe der Platz der tausend Seelen.“ Astis schlug sich mit der Faust in die flache Hand. „Stimmt, jetzt wo du es sagst, Ochite. Beim Chin-Chin, den habe ich ja ganz vergessen. Dort haben viele Könige Erleuchtung gefunden. Dort sprechen die Toten zu einem.“ Die letzten Worte flüsterte er, denn immer mehr Pickies kamen näher, um den Worten des Fuchses zu lauschen. Sie schwirrten um seinen Kopf herum und versuchten Hautzellen aus seinem Fell zu zupfen. Astis geriet in Panik und schrie: „Sie wollen mich anfassen, Ochite, mach doch etwas!“ Ochite seufzte und sprang von Lucitas Schulter auf den Rücken des Fuchses. „Hey, Pickies, dieser Mensch hat noch mehr Futter. Auf ihrem Kopf, jaah, ich habe sie gesehen!“ Sie zeigte auf Lucita und sofort stürmten die gut dreißig Pickies auf sie zu. Sie klammerten sich an ihren Haaren fest und zupften die abgestorbenen Hautzellen heraus. „Wie cool ist das denn?“, lachte Lucita und versuchte die Pickies mit ihrem Blick erhaschen zu können. Doch da sie schließlich auf ihrem Kopf waren, konnte sie kaum etwas sehen. „Können wir nun bitte weiter gehen“, drängte Astis und auch Ochite wirkte ängstlicher als zuvor, während sie sich von den Rücken des Fuchses hangelte und wieder zu Lucita hoppelte. Diese nahm sie wieder auf den Arm und half ihr nickend auf ihre Schulter. Gemeinsam gingen sie den schmalen Pfad weiter, begleitet von den Pickies, als wollten sie ihnen, wie der Kompass, den Weg weisen. „Südwest, Norden, Westen.“ So ging es noch eine Zeit lang, bis die Bäume nicht mehr so dicht standen. Viele lagen, aus dem Boden gerissen, auf dem Pfad. Nachdem sie über einen besonders breiten Stamm geklettert waren, breitete sich vor ihnen ein großer Platz aus. Er war mit hellem Gestein gepflastert. Säulen aus dem gleichen hellen Gestein ragten gen Himmel. Mitten auf dem Platz stand ein kleiner Brunnen. Das Wasser war unnatürlich Blau, fast wie der Himmel an einem sonnigen Tag. Die Pickies reihten sich am Rande des Platzes zu einem Ring auf und tänzelten still vor sich hin. Astis und Ochite sahen sich ebenso erstaunt um wie Lucita. „Wie schön“, sagte sie und ihre grünen Augen begannen vor Begeisterung zu leuchten. „Schade dass hier keine Reisenden sind. Hier etwas verkaufen zu können wäre bestimmt eine ganz besondere Erfahrung gewesen“, sagte der Fuchs mit seinem seltsamen Grinsen, während sein Schweif zu wedeln begann. „Gut, dass Sie gekommen sind.“