Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs

Robert Musil · Kapitel 2 von 11

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Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs

Einleitung. 1. Stellung der Aufgabe.

Einleitung.

 

1. Stellung der Aufgabe.

 

Das Wort des Naturforschers wiegt schwer, wo immer heute

erkenntnistheoretische oder metaphysische Fragen von einer exakten

Philosophie geprüft werden. Die Zeiten sind vorbei, wo das Bild der Welt in

Urzeugung dem Haupte des Philosophen entsprang. Die Philosophie sucht heute

ihr Verhältnis zu der in so weitem Bereiche aufgedeckten Gesetzlichkeit der

Natur, ihre Stellungnahme zu dem alten Suchen nach einer richtigen Fassung des

Substanzbegriffes und des Begriffs der Kausalität, zu den Beziehungen zwischen

Psychischem und Physischem usw. mit Berücksichtigung aller Mittel und

Ergebnisse der exakten Forschung neu zu gestalten.

 

Man kann daraus ermessen, was es bedeutet, wenn nun gerade ein

Naturforscher mit der Behauptung auftritt, daß in diesem Streben nach

philosophischer Orientierung – (wenigstens in der Gestalt, die es meistens

annimmt) – trotz seines Anschlusses an die Naturwissenschaft fast ebenso viele

Verkehrtheiten wie philosophische Fragestellungen liegen, und dies ungefähr

durch folgende Thesen erhärtet, die eine Wand zwischen der Naturwissenschaft

aufzurichten streben, welche die Philosophen meist ihren Untersuchungen

zugrunde legen, und der Naturwissenschaft, die wirklich existiert.

 

1. Alle Naturwissenschaft beschreibt bloß das Geschehene, statt es zu

erklären. Zumal sind Naturgesetze nichts weiter als tabellarische Beschreibungen

der Tatsachen bezw. mathematische Symbole, die solchen Tabellen äquivalent

sind, und naturwissenschaftliche Theorien nichts als Zusammenhänge, in die wir

solche Tabellen untereinander setzen; unter dem Gesichtspunkt der Erklärung

nichts als umfassendere Unverständlichkeiten anstelle speziellerer. Weder das

einzelne Gesetz noch die Theorie sagt mehr als auch die Kenntnis der

zugrundeliegenden Erfahrungen für sich schon sagen würde.

2. Wie es überhaupt keine Erklärungen gibt, so gibt es insbesondere keine

kausalen. Gäbe es selbst kausale Zusammenhänge, so würde man mit ihrer Hilfe

bestenfalls doch nur eine Verkettung der Ereignisse konstatieren, ohne in die

Gründe dieser Verkettung blicken zu können. Ueberdies zeigt aber die exakte

Naturforschung, daß es selbst kausale Zusammenhänge nicht gibt. Das Suchen

nach solchen war in früheren Entwicklungsstadien der Naturwissenschaft

aufgenötigt worden, heute hat sie sich bis auf wertlose und hinderliche Reste

davon frei gemacht. Ihr wirkliches Ziel ist die Aufstellung funktionaler

Beziehungen, welche nicht eine Tatsache als die Ursache einer anderen

hinstellen, sondern lediglich die Berechnung einer Tatsache aus einer anderen

gestatten, welches Verhältnis durchaus umkehrbar ist.

 

3. Mit der Kausalität fällt auch ein wesentlicher Teil der Bedeutung der Ding-

bezw. Substanzbegriffe dahin, und die philosophische Hoffnung, aus

Substanzbegriffen vermittelst der kausalen Beziehungen zwischen den Dingen

die Welt der Erfahrung aufzuklären, wird durch den Wegfall der Kausalrelation

gewissermaßen mitten entzwei geschnitten.

 

Aber auch an und für sich sind die Substanzbegriffe der Vernichtung verfallen.

Denn was sich von Substanzen aussagen ließe, wäre nur ihr gesetzliches

Verhalten; die Gesetze, die dieses ausdrücken sollen, haben sich aber zu

lediglich funktionalen Beschreibungen entwickelt, zu dem Ausdruck viel

allgemeinerer Beziehungen, aus denen die Substanzbegriffe wie gegenstandslos

gewordene Zwischensubstitutionen ausgefallen sind.

 

4. Indem so die Wissenschaft sich von den früher in ihr gesuchten Zielen

abgewendet hat, entbehrt sie doch keineswegs letzter Gesichtspunkte. Alles

bisherige wird verständlich und alle falschen Voraussetzungen schwinden,

sobald man in der Wissenschaft nicht mehr als ein im Kampf ums Dasein

notwendig gewordenes Mittel zur Beherrschung der Tatsachen sieht, d. h. sie

dem Entwicklungsgedanken unterstellt. Alle ihre Gesetze, Begriffe und Theorien

erscheinen dann als ökonomische Hilfsmittel, uns mit unserer Umgebung in ein

praktisch hinreichendes Verhältnis zu setzen. Versteht man diesen ihren Zweck,

so versteht man alles, was es an ihrer Existenz überhaupt zu verstehen gibt.

 

5. Diese Auffassung leistet überdies unschätzbare Dienste, indem sie das

verzweifelte Problem des Verhältnisses zwischen Psychischem und Physischem

als sinnlos ergibt. Die Vorstellungen von einer Welt der Körper und einer

geistigen Welt sind instinktiv entstanden und sind für eine primitive Orientierung auch von praktischem Werte. Als wissenschaftliche Vorstellungen darf man sie

aber nicht höher bewerten als andere und darf ihren Zweck nur in ihrer Eignung

zu ökonomischer Orientierung suchen. Erfüllen sie diesen nicht mehr, wie jetzt,

wo sie zu dem Stande der Wissenschaft nicht mehr passen und so zu einer Quelle

der Verwirrungen werden, ist es eine methodische Forderung, sie fallen zu

lassen.

 

6. Dies wird durch die Erkenntnis ermöglicht, daß die funktionalen

Beziehungen, die den Gleichungen der Naturwissenschaft zugrunde liegen,

ohnedies schon Beziehungen zwischen Empfindungen seien, oder wie Mach

dies, um jeden dualistischen Anklang zu vermeiden, nennt, zwischen Elementen.

 

Ein Zusammenhang von Elementen, wie Rot, Grün, Druck, Bewegung, liegt

unseren Vorstellungen von Körpern zugrunde, und nur ein anderer, weit

präziserer und fruchtbarerer, aber zwischen prinzipiell ebensolchen Elementen

bestehender Zusammenhang ist es, der durch die Naturgesetze ausgedrückt wird.

 

Unsere wissenschaftliche Orientierung in der Außenwelt besteht also in nichts

anderem als in dem Aufsuchen von Gleichungen zwischen Elementen. Dies ist

somit das aus der hochentwickelten Physik abstrahierte Ideal der Erkenntnis.

 

Dann kann aber auch die Psychologie, soferne sie wissenschaftliche Festigkeit

anstrebt, nur nach der Aufstellung funktionaler Beziehungen trachten, und ihr

Substanzbegriff, das Ich, die Seele, fällt dabei ebenso für die wissenschaftliche

Bearbeitung weg, wie es mit dem Begriff einer physischen Substanz geschah.

Nun sieht Mach als die psychischen Grund-Elemente, in deren funktionaler

Abhängigkeit voneinander das wissenschaftliche Bild des Seelenlebens erfaßt

wird, die Empfindungen an. Empfindungen waren aber auch die Elemente des

physischen Geschehens: also zeigt sich, daß Physik und Psychologie ein und

dasselbe Objekt haben.

 

Das überhaupt Gegebene sind somit Elemente in mannigfachen

Zusammenhängen; indem man auf bestimmte dieser Zusammenhänge achtet,

treibt man Physik, indem man auf andere achtet, Psychologie, – das ist aber

lediglich ein Unterschied in der Betrachtungsweise, und ein solcher bringt so

wenig eine Kluft zwischen Physischem und Psychischem mit sich, wie etwa eine

Kluft zwischen den Reaktionen eines Gases besteht, wenn sie sich, je nach dem

beachteten Zusammenhange, bald durch das Boyle'sche, bald durch das

Mariotte-Gay-Lussac'sche Gesetz ausdrücken lassen.

Auf diesem Punkte hört für eine zu voller geistiger Freiheit gelangte und

kritisch scharfe Methodologie der Dualismus auf, als Problem zu existieren, und

alle seine Schwierigkeiten erweisen sich als Folgen des unberechtigten

Festhaltens an einer primitiven, überholten Fragestellung.

 

Wir haben hiermit in freier Wiedergabe die bezeichnendsten Leitsätze aus den

Schriften des Physikers Ernst Mach dargestellt. Man sieht schon aus dieser

vorläufigen Zusammenstellung, daß einzelne Bestandteile dieser Lehre nicht neu

sind. Sie finden ihre Verwandtschaft in älteren Schriften sensualistischer und

positivistischer Richtung, zumal in den Arbeiten von Condillac und Comte, und

bei der Behandlung des Kausal- und Substanzproblems wird man an den Einfluß

von Hume erinnert. Das Kennzeichnendste, der Schlüssel zu dem Uebrigen und

zugleich das der historischen Situation nach Irritierendste ist aber die, sich auf

die genauere Einheit berufende, starke Betonung des methodologischen

Standpunktes und die damit zusammenhängende Behauptung, daß Mach mit

allen seinen Konsequenzen, so einschneidend sie sind, rein und lediglich auf

dem gesicherten Boden der exakten Naturwissenschaft bleibe: „Ich wünsche nur

in der Physik einen Standpunkt einzunehmen, den man nicht sofort verlassen

muß, wenn man in das Gebiet einer anderen Wissenschaft hinüber blickt“,[1]

heißt es an einer Stelle.

 

Nun ist ja auch diese Berufung auf die Naturwissenschaft sowohl wie die

Beschränkung der Erkenntnis auf den Zusammenhang der „Erscheinungen“ ein

Charakteristikum der positivistischen Philosophie seit Comtes Tagen. Aber teils

schon zur Zeit, als Comtes Hauptwerk erschien (1830—42), teils wenig später,

wirkten Faraday, R. Mayer, Joule, Rankine, Clausius, W. Thomson, Krönig,

Grassmann, Redtenbacher u. a., deren Ziel ein ganz anderes als das von Comte

gesteckte war, und auch heute scheint die Mehrzahl der Physiker nicht vom

Positivismus durchdrungen zu sein. (Ein Beweis hierfür ist der Widerstand, den

Machs Ansichten gerade auch in diesen Kreisen fanden.) So blieb der

Positivismus trotz gelegentlicher Exkurse stets eine mehr philosophische

Angelegenheit, und die erkenntnistheoretische Erörterung des Verhältnisses von

Subjekt und Objekt blieb seine Hauptfrage, die Verwerfung alles Extramentalen

seine Grundposition bis auf Avenarius, Laas, Schuppe, Rehmke und die anderen

gleichgerichteten Forscher unserer Tage.

 

Dadurch aber ist unser Interesse an Mach bestimmt. Denn er, heute wohl der

Vertreter des Positivismus, der in die breitesten Kreise wirkt, ist zugleich

derjenige, der wirklich (und zwar als Forscher von Bedeutung) von der Naturwissenschaft herkommt, und der – ein Alleingänger (denn das

Fühlungsuchen mit der geistigen Verwandtschaft ist spät und spärlich in seinen

Werken), dem die Anregungen zu seinen Gedanken hauptsächlich aus seiner

Spezialwissenschaft erwachsen sind, – als der erste mit der Behauptung Ernst

machte, daß seine (positivistischen) Ueberzeugungen nur durch Uebertragung

der in der Naturwissenschaft bewährten Anschauungen gewonnen und nichts als

ein Ergebnis der Entwicklung der exakten Forschung seien. Damit löst Mach in

seiner Person das ein, was vor ihm, mehr oder weniger, nur behauptet wurde,

und gibt dadurch Gelegenheit, dieses blendendste und lockendste Versprechen

des Positivismus, daß nämlich nur die Rückständigkeit der Philosophen

verkenne, wie sehr die exakte, fruchtbare Wissenschaft längst schon in den

Bahnen der positivistischen Philosophie gehe, auf seine Haltbarkeit zu prüfen.

 

Es wird also unsere Aufgabe sein, uns zu überzeugen, ob Mach zu seinen

Behauptungen tatsächlich in logischer Folge von einer richtigen oder wenigstens

widerspruchslosen Auffassung der Naturwissenschaft aus gelangt. Dadurch wird

gleichzeitig die beunruhigende Erscheinung aufgeklärt, daß ein Naturforscher

der an der Naturwissenschaft Halt suchenden gegenwärtigen Philosophie so

gänzlich abweisend entgegentritt, daß er mit Bezugnahme auf deren wichtigste

Positionen sagen kann: „Ihre (vorliegender Schrift) Tendenz ist vielmehr eine

aufklärende oder, um es noch deutlicher zu sagen, eine antimetaphysische“[2]

und: „Ich habe getrachtet, eine alte, abgestandene Philosophie aus der

Naturwissenschaft zu entfernen“[3].

 

Eines besonderen Umstandes ist noch zu erwähnen: Machs

erkenntnistheoretische und selbst die eigentlichen metaphysischen Ausführungen

sind in seinen Schriften nicht in strengem methodischen Gefüge gegeben,

sondern tragen einen aphoristischen Charakter und sind mitunter, wie in den

Schriften über Mechanik und Wärmelehre, auch bloß gelegentlich eingestreut.

Daraus erwächst in erster Linie die Forderung einer systematischen

Herauslösung und Zusammenfassung der zu einander gehörenden Gedanken,

und ich möchte betonen, daß ich damit auch schon das wesentlichste unserer

eigentlichen Aufgabe für geleistet erachte, da ja dann die

Begründungszusammenhänge offen liegen und einen ganz anderen Einblick in

ihre Tragfähigkeit gestatten, als es möglich ist, solange die einzelnen Gedanken,

von einander isoliert, das gewissermaßen verantwortungslose Leben des

Aphorismus führen.

 

Ein anderes Ziel aber als dieses einer möglichst genauen Einsicht in die innere Festigkeit der Machschen Darlegungen wird hier nicht angestrebt. Wollte man

statt der Stringenz ihrer Begründung die Richtigkeit der Resultate selbst

erwägen, so wäre dazu eine erkenntnistheoretische Arbeit auf weit

umfassenderer Grundlage nötig. Zu einer solchen soll diese Schrift nur ein

Beitrag sein, der sich nach Tunlichkeit aller Stellungnahme dort enthält, wo eine

solche die Begründung durch persönliche Ansichten erfordern würde, und sich

darauf beschränkt, in immanenter Kritik nachzuweisen, daß in den Darlegungen

Machs, trotz ihrer zahlreichen Vorzüge, doch so viele Widersprüche oder

wenigstens Unklarheiten enthalten sind, daß es nicht möglich ist, ihnen eine

entscheidende Bedeutung zuzuerkennen.