Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs
3. Die Stellungnahme gegen die mechanische Physik, Kritik einzelner physikalischer Begriffe.
3. Die Stellungnahme gegen die mechanische Physik,
Kritik einzelner physikalischer Begriffe.
„Meine Darlegungen gehen stets von physikalischen Einzelheiten aus und
erheben sich von da zu allgemeineren Erwägungen“, sagt Mach[56], und da wir
im vorigen Abschnitt gesehen haben, daß von den allgemeinen Erörterungen
keine Klärung der Frage zu erhoffen ist, ob und inwiefern die Naturerkenntnis
bedeutenderen Einschränkungen unterliegt, als gewöhnlich angenommen wird,
wollen auch wir den Weg vom Einzelnen aus einschlagen. Denn wenn sich auch
aus der allgemeinen Betrachtung des Wissens als eines Anpassungsprodukts
keine Einschränkungen des Wissensbereiches, weder seiner Extensität noch
seiner Intensität nach, ableiten ließen, so bleibt doch noch das Umgekehrte
möglich, nämlich daß die im einzelnen an der Naturwissenschaft vollzogenen
Einschränkungen den Gesichtspunkten der allgemeinen Betrachtung einen bis zu
gewissem, eventuell hohem, Grade skeptischen Sinn verleihen.
Es sind zwei Gedankengänge, die wir in dieser Hinsicht zuerst besprechen
wollen, Machs Stellungnahme gegen die sogenannte mechanische Physik und
seine Kritik an einzelnen physikalischen Begriffen: Diese auf mechanischen
Grundlagen fußenden Theorien und diese Begriffe haben nach Mach keinen
selbständigen Wert, keinen Erklärungswert; sie sind nur da als an sich
gewissermaßen gleichgültige, ökonomische Repräsentanten der Tatsachen, wie
dies schon im bisherigen angedeutet wurde. Im Gegensatz nun sowohl zu der
Auffassung, die in den Hypothesen der mechanischen Physik das hinter den
Erscheinungen[57] liegende wahre Geschehen zu erschließen hofft, wie zu den
(davon unabhängigen) Bemühungen, durch fortschreitende Verschärfung der aus
den Erscheinungen entnommenen Begriffe, die wahre Struktur dieses
Geschehens zu erfassen, bedeutet dies eine Einschränkung des Erkenntnisideals
in dem Sinne, daß etwas, das bisher als Zweck galt, zum bloßen Mittel
herabgesetzt wird. Die Theorie, das Begriffssystem sind nicht mehr Endzwecke der Forschung, sondern nur Mittel zur Beherrschung der Tatsachen; und indem
jede darüber hinausgehende Funktion als unmöglich und widerspruchsvoll
nachgewiesen wird, erhält die Behauptung, daß es sich in der Wissenschaft nur
um ein ökonomisches Verhältnis zu den Tatsachen handle und mehr nicht
möglich sei, einen spezifischen Sinn.
Newton trennte das Ergebnis der analytischen Untersuchung der
Erscheinungen, das ist das, was aus den als sicher festgestellten Tatsachen mit
Gewißheit gefolgert werden kann, von den Hypothesen, die zur Erklärung der
Erscheinungen dienen, ohne aber selbst bewiesen zu sein. In diesem Sinne galt
ihm die verkehrt quadratische terrestrischen Falls mit den kosmischen
Bewegungen als Schwerebeschleunigung und die Uebereinstimmung des
Ergebnis der analytischen Untersuchung, die Frage, wie die dabei unterlegte
Fernwirkung näher erklärt werden könnte, als Hypothese und Gegenstand bloßer
Spekulation.[58] „Es genügt, daß die Schwere existiere,“ sagt er, „daß sie nach
den von uns dargelegten Gesetzen wirke und daß sie alle Bewegungen der
Himmelskörper und des Meeres zu erklären imstande sei ... ich habe noch nicht
dahin gelangen können, aus den Erscheinungen den Grund dieser Eigenschaft
der Schwere abzuleiten und Hypothesen erdenke ich nicht.“[59] Wo er aber
dennoch Hypothesen erdenkt, wie seine Emissionstheorie, da entschuldigt er
seine willkürlichen Annahmen damit, daß seine Entdeckungen von der Theorie
unbeeinflußt bleiben und daß er selbst kein Interesse habe, über das Wesen der
Erscheinung zu entscheiden, daß er selbst seine Theorie nur als bequemes
Hilfsmittel zu Erklärung annehme, aber nicht als Wirklichkeitlehre.[60]
Es ist schwer zu sagen, ob dieses Newton'sche hypotheses non fingo bloß ein
methodisches Streben nach Abgrenzung der sicheren Ziele physikalisch-
analytischer Forschung von den ungewissen Ergebnissen der darauf weiter
bauenden physikalisch-philosophischen Ueberlegungen bedeuten soll, – das
wäre eine dem damaligen Stande des Wissens entsprechende Grenzlinie, die sich
aber im Laufe der Entwicklung immerhin bis zur Einbeziehung der
‚Hypothesen‘ in das Bewiesene erweitern könnte, – oder ob es die Hypothesen
ein für allemal auf einen untergeordneten Platz verweisen will.[61] Sei dem
jedoch wie immer, schon sein berühmter Zeitgenosse Huygens dachte ganz
anders über den Wert der Hypothesen und die von diesem ausgedrückte
Auffassung ist es, die fast in der ganzen Folgezeit herrscht. „Man darf nicht
zweifeln, daß das Licht aus der Bewegung irgend eines Stoffes besteht, denn sei
es, daß man seine Entstehung betrachtet, so findet man, daß es hier auf Erden
vorzüglich durch Feuer und Flamme erzeugt wird, welche ohne Zweifel Körper in heftiger Bewegung enthalten, weil sie mehrere der härtesten Körper auflösen
und schmelzen; sei es, daß man dessen Wirkungen betrachtet, so sieht man, daß
das durch Hohlspiegel gesammelte Licht die Fähigkeit hat, wie Feuer zu
brennen, d. h. daß es die Teile der Körper trennt, was sicherlich Bewegung
andeutet, wenigstens in der wahren Philosophie, welche alle natürlichen
Wirkungen auf mechanische Ursachen zurückführt. Denn das muß nach meiner
Meinung geschehen, wenn man nicht jede Hoffnung, etwas in der Physik zu
begreifen, aufgeben will,“ schrieb er in seinem Traité de la lumière[62] und
tatsächlich blieb das damit gesetzte Ziel einer „wahren Philosophie“ auf lange
Zeit hinaus für alle bestimmend, die nach einem „Begreifen“ der
Naturerscheinungen strebten.[63] Das ganze 18. und der größere Teil des 19.
Jahrhunderts zeigt die meisten der hervorragenden Physiker mit der
gedanklichen Durchbildung solcher hinter den Erscheinungen liegender
Vorgänge beschäftigt, die diese erklären sollen. Als Grundvorstellungen dienten
dazu Kraft, Bewegung und Materie, letztere in den verschiedenen Gestalten der
erst für wägbar gehaltenen, später als inponderabel erkannten Fluida, in den
mannigfachen Formen, die der Atomistik und der Kontinuitätshypothese
entsprachen, als Weltäther u. dgl.
Aber eben die große Zahl dieser von einander verschiedenen Theorien
erschütterte die Glaubwürdigkeit der einzelnen. Zudem zeigt sich, wenn man den
Kampf dieser Gedanken miteinander betrachtet, die bemerkenswerte Tatsache,
daß die unterliegenden viel seltener durch den Nachweis ihrer Unmöglichkeit
zugrunde gingen, als daß sie bloß deswegen fallen gelassen wurden, weil sich
andere Vorstellungen besser als sie zu der vor allen Dingen angestrebten
mathematischen Durchbildung eigneten. Außerdem litten aber auch die übrig
gebliebenen Theorien daran, daß sie vor den stets neu hinzukommenden
Tatsachen immer komplizierter gerieten und dennoch nicht imstande waren, alle
diese Tatsachen hinreichend zu erklären. Dadurch wurden einerseits die auf
solche Theorien gesetzten Hoffnungen herabgestimmt und damit der Blick für
ihrer aller fundamentale Schwäche, die eigene Ungeklärtheit der in ihnen zur
Erklärung des Uebrigen dienenden Begriffe von Kraft, Materie und Bewegung,
geschärft, andererseits lag es nahe, indem man rückblickend die mathematische
Durchbildbarkeit als das historisch ausschlaggebende Motiv erkannte, statt des
Erklärungswertes einzig das durch sie ja tatsächlich repräsentierte ökonomische
Moment als maßgebend gelten zu lassen. Auf diese Weise endeten dann die so
zuversichtlich aufgetretenen Bestrebungen früherer Zeiten in der sehr kühlen
Haltung der jetzigen. Für sie ist Maxwells Beispiel charakteristisch, der, obwohl
er selbst noch einer der größten Förderer der wissenschaftlichen Durchbildung mechanischer Hypothesen war, dennoch bereits die dabei benutzten
anschaulichen Vorstellungen nur mehr als bloße Bilder betrachtet wissen wollte,
und noch prägnanter drückt dies Hertz aus, indem er die allein noch bleibende
Funktion der Hypothesen ausdrücklich in der Forderung begrenzte, daß sie nicht
mehr als anschauliche Bilder der Tatsachen zu sein brauchen, die dadurch, daß
auch die Folgen dieser Bilder Bilder der Folgen der Tatsachen sind, eine
einheitliche Darstellung der letzteren gestatten.
Ganz im Sinne dieser allgemeinen Entwicklung und historisch mitunter ihre
Gründe zu rechnen ist das, was Mach zu diesem Gegenstande sagt. Allerdings
finden sich bei ihm nicht viele ausschließlich gegen die Bilderhypothesen
gerichtete Ausführungen, weil dies für ihn, der, wie wir sehen werden, direkt die
diesen Theorien zugrunde gelegten physikalischen Begriffe angreift, eigentlich
garnicht notwendig ist, mit der Erschütterung der Grundlagen fällt auch das
darauf Gebaute dahin. Unter diesem Gesichtspunkte erhalten eine Reihe mehr
gelegentlicher Ausfälle[64] erst den richtigen Hintergrund, seine übrigen
Ausführungen lassen sich sachlich aber folgendermaßen gruppieren: Das
Wichtigste ist wohl der an mehreren Stellen gegebene Nachweis, daß ein und
dieselbe Gruppe von Tatsachen sich gleich gut durch verschiedene, eventuell
einander widersprechende bildlich-hypothetische Voraussetzungen erklären
lasse, so daß zwischen solchen Hypothesen eigentlich garnicht auf wahr und
falsch entschieden werden kann.[65] Dadurch hat man aber ihnen gegenüber
völlige Freiheit, und so schließt Mach an den gegebenen Nachweis die
Forderung, daß man sich bei der Wahl der Hypothesen tatsächlich nur von ihrer
Zweckdienlichkeit (für eine Beschreibung der Erscheinungen) leiten lasse,
zumal ja die beliebten Modelle der mechanischen Physik, auch wo andere
garnicht mit ihnen in Konkurrenz stehen, dennoch nicht das Geringste für das
Verständnis der Erscheinungen leisten.[66]
Dies vorausgeschickt, lassen sich die allgemeinen Ausführungen Machs über
Wesen und Art der Bilderhypothesen ohne weiteres verstehen. Mach gebraucht
für sie auch den Ausdruck „indirekte Beschreibung“ und eine solche ist nach
ihm dann gegeben, wenn man sagt, „die Tatsache A verhalte sich nicht in einem
einzelnen Merkmal, sondern in vielen oder allen Stücken wie eine bereits
bekannte Tatsache B“, man beruft sich dabei „gewissermaßen auf eine bereits
anderwärts gegebene oder auch erst genauer auszuführende“ Beschreibung.[67]
So sagt man, das Licht verhalte sich wie eine Wellenbewegung oder elektrische
Schwingung, der Magnet wie mit gravitierenden Flüssigkeiten beladen u. dgl.[68]
Ihrem Wesen nach sind dies also Analogien, da ja dabei „in Gedanken an die Stelle einer Tatsache A doch immer eine andere einfachere oder geläufigere B
gesetzt wird, welche die erstere gedanklich in gewisser Beziehung vertreten
kann, aber eben weil sie eine andere ist, in anderer Beziehung doch wieder
gewiß nicht vertreten kann“.[69] Darin liegt nun einerseits der Vorzug,
andererseits die Gefahr dieser Hypothesen. Entschiedene Vorzüge liegen
bezüglich der Darstellung in der ermöglichten Einheitlichkeit der Auffassung,
bezüglich des induktiven Vorschreitens in dem heuristischen Werte. „Welche
Erleichterung muß es gewähren, wenn man einfach sagen kann, eine in Betracht
gezogene Tatsache A verhalte sich in vielen oder allen Stücken wie eine bereits
bekannte Tatsache B. Statt eines einzelnen Zuges von Aehnlichkeit tritt uns ein
ganzes System von Zügen, eine wohlbekannte Physiognomie entgegen, durch
welche die neue Tatsache uns plötzlich zu einer wohl vertrauten wird. Ja die Idee
kann mehr bieten, als wir in der neuen Tatsache augenblicklich noch sehen, sie
kann dieselbe erweitern und bereichern mit Zügen, welche erst zu suchen wir
veranlaßt werden und die sich oft wirklich finden. Diese Rapidität der
Wissenserweiterung ist es, welche der Theorie einen quantitativen Vorzug vor
der einfachen Beobachtung gibt“.[70] Andererseits liegt aber gerade darin, daß
zwei Gruppen von Tatsachen als im Wesen identisch ausgesprochen werden,
während sie nachweislich nur in Analogie stehen, auch eine Gefahr. So heißt es
bei Mach: „Außer den Elementen, welche zur Darstellung der Tatsache, aus der
eine Hypothese geschöpft ist, unerläßlich sind, enthält dieselbe immer oder doch
gewöhnlich noch andere, die zu dieser Darstellung nicht notwendig sind. Denn
die Hypothese wird nach einer Analogie gebildet, deren Aehnlichkeits- und
Differenzpunkte unvollständig bekannt sind, da ja sonst nichts mehr daran zu
erforschen wäre. Die Lichtlehre spricht z. B. von Wellen, während nur die
Periodizität zum Verständnis der Tatsachen notwendig ist. Diese über die
Notwendigkeit hinausgehenden accessorischen Elemente sind es, welche in der
Wechselwirkung von Denken und Erfahrung von der Umwandlung ergriffen
werden. Dieselben werden allmählig ausgeschieden und durch notwendige
Elemente ersetzt.“[71] „Wird nun darauf, wie es leicht geschieht, nicht genug
geachtet“,[72] das heißt vertraut man zu sehr der Hypothese und läßt sie
widersprechenden Tatsachen gegenüber nicht bereitwillig genug fallen, „so kann
die fruchtbarste Theorie gelegentlich auch ein Hemmnis der Forschung
werden“[73] und wird dies auch tatsächlich in einer Reihe historischer Fälle.[74]
Hält man sich aber von solchen Fehlern frei, so kommt im Laufe der
historischen Entwicklung von selbst das zustande, was Mach die „teils ... sich
selbst befestigende, verschärfende, teils sich selbst zerstörende“[75] Funktion der
Hypothesen nennt, das heißt von den verschiedenen einander ablösenden
Hypothesen bleibt nur das übrig, worin sie übereinstimmen, das Wesentliche, das
ist aber der von jeder Bildlichkeit befreite begriffliche Ausdruck der Tatsachen,
[76] denn alles was darüber hinausgeht, läuft, wie wir gehört haben, Gefahr, mit
neuen Tatsachen in Widerspruch zu geraten. Einige Beispiele mögen diesen
Umwandlungsprozeß erläutern: Stehen zwei gleichartige Körper in
Wärmeaustausch, so gilt die Beziehung, daß das Produkt der Masse und des
Temperaturverlustes bezw. Gewinnes bei jedem das gleiche ist. Dies gab Black
den Anstoß, die Wärme als ein Fluidum zu betrachten; im Laufe der
Entwicklung mußte diese stoffliche Vorstellung aber wieder bis auf einen
bleibenden Rest fallen gelassen werden, und dieser Rest ist nichts anderes als die
vorerwähnte Beziehung.[77] Ebenso ging Carnot bei Betrachtung seines
Kreisprozesses von der Black'schen Stoffvorstellung aus, sein Resultat hat sich
aber unabhängig davon erhalten.[78] Ebenso erhielt sich der Gedanke, daß die
farbigen Lichter unabhängige, unveränderliche, beständige Komponenten des
weißen Lichtes sind, wie dies Newton gefunden hatte, was er aber in Gedanken
hinzutat, die stoffliche Auffassung, fiel wieder davon ab.[79] Aber auch von der
Huygens'schen Undulationstheorie des Lichtes bleibt, wie wir schon gehört
haben, eigentlich nichts über als daß „die periodischen Eigenschaften des
Lichtstrahls sich wie geometrisch summierbare Strecken in einem
zweidimensionalen Raume verhalten“.[80] Und ebenso „haben sich die
Eigenschaften des Aethers, des lichtfortpflanzenden Raumes, der sich teilweise
wie eine Flüssigkeit, teilweise aber wieder wie ein starrer Körper verhält, nach
und nach begrifflich bestimmt“.[81]
Eine solche lediglich begriffliche Fassung der Tatsachen, die nichts
Unwesentliches mehr enthält, nennt Mach eine direkte Beschreibung.[82] Hat
man einmal den zu ihr strebenden Zug der Entwicklung erfaßt, so empfiehlt es
sich überhaupt, sobald man der heuristischen Dienste der Hypothese entbehren
kann, stets die indirekte Beschreibung durch eine direkte zu ersetzen.[83] „Wenn
der Geometer die Form einer Kurve erfassen will, so zerlegt er sie zuvor in
kleine, geradlinige Elemente. Er weiß aber wohl, daß dieselben nur ein
vorübergehendes willkürliches Mittel sind, stückweise zu erfassen, was auf
einmal nicht gelingen will. Ist das Gesetz der Kurve gefunden, denkt er nicht
mehr an ihre Elemente. So würde es auch der Naturwissenschaft nicht ziemen, in ihren selbstgeschaffenen veränderlichen ökonomischen Mitteln ... Realitäten
hinter den Erscheinungen zu sehen ... mit dem Wachsen der intelektuellen
Erziehung an ihrem Stoff, verläßt die Naturwissenschaft das Mosaikspiel mit
Steinchen und sucht die Grenzen und Formen des Bettes zu erfassen, in welchem
der lebendige Strom der Erscheinungen fließt. Den sparsamsten, einfachsten
begrifflichen Ausdruck der Tatsachen erkennt sie als ihr Ziel“.[84] Freilich bleibt,
zumal an den großen theoretischen Zusammenhängen, eine gewisse Färbung
durch die ursprünglichen Bilder zurück. Betont man aber mit hinreichender
Schärfe, daß das Wesen solcher Theorie doch nur auf Analogien beruht, so birgt
dies keine Gefahr. Man stellt genau fest, worin das Bild begrifflich[85] mit der
Tatsache übereinstimmt[86] und worin nicht, wodurch man bewahrt bleibt, es für
etwas Wirkliches zu halten.[87] So gebraucht, wird dann die Analogie sogar zu
einem vorzüglichen Mittel, heterogene Tatsachengebiete durch eine einheitliche
Auffassung zu bewältigen, und weist den Weg, auf dem sich eine allgemeine
Phänomenologie entwickeln kann. In der geforderten begrifflichen Präzisierung
vereinigt sie das Wesen der direkten Beschreibung mit den Erleichterungen der
Bildlichkeit.[88]
Für uns ist das Wichtigste an diesen Ausführungen, daß sie uns scharf betont
eine Bedeutung des Oekonomieprinzips (bezw. des der Kontinuität) erkennen
lassen. Was eingangs erwähnt wurde, ist nun deutlich geworden, Mach hält das
ursprüngliche Ziel der mechanischen Physik sowohl für unerreichbar wie für
zwecklos, so daß von ihren theoretischen Gebilden tatsächlich nur deren
ökonomische Eignung für eine Darstellung der Erscheinungen von Wert bleibt
und in Betracht kommt. Als selbstverständlich ist dabei vorausgesetzt, daß die
Hypothesen in ihren Konsequenzen mit den Tatsachen übereinstimmen müssen,
und dies wird natürlich nicht nach dem Gesichtspunkt der Oekonomie sondern
nach den normalen erkenntnistheoretischen Kriterien entschieden, darüber
hinaus bleibt aber die Oekonomie das einzig Maßgebliche und darin liegt älteren
Auffassungen gegenüber eine erhebliche Einengung des Erkenntnisideals. Dabei
ist Machs Standpunkt wohl der heute allgemein vorherrschende und wenn auch
vielleicht bezüglich der mechanischen Physik damit noch nicht das letzte Wort
gesprochen ist, so ist die ganze Angelegenheit doch so beziehungsreich, daß wir
im Rahmen unserer Aufgabe nicht weiter zu ihr Stellung nehmen können, und
steht derzeit so sehr zu Machs Gunsten, daß wir dies einfach anerkennen wollen.
Wir gehen daher zum zweiten Teil unserer Aufgabe über, zur Besprechung der
von Mach an einzelnen physikalischen Begriffen geübten Kritik. Ueber ihre
Bedeutung sind einige Worte vorherzuschicken: Mach spricht, wie wir gesehen haben, von indirekter Beschreibung und von direkter. Manchmal wird dabei die
direkte Beschreibung der indirekten als eine begriffliche entgegengesetzt;[89] das
ist mißverständlich, denn begrifflich sind selbstverständlich beide; der Ton liegt
bei der direkten Beschreibung vielmehr darauf, daß sie die einfachste
begriffliche Beschreibung ist, d. h. eine, die keine unwesentlichen Zutaten mehr
enthält. Unter unwesentlichen, accessorischen Zutaten sind dabei aber solche
gemeint, welche durch die Erfahrung nicht gewährleistet sind, daher der
Erfahrung möglicherweise auch widersprechen können. Und deswegen trifft man
den Sinn dieser Unterscheidung am genauesten, wenn man sie auf die
Entgegensetzung des tatsächlich Konstatierbaren als Inhalt der direkten
Beschreibung zu dem bloß hypothetisch Zugrundegelegten oder nach Analogie
als unbewiesenes Plus Hinzugedachten bezieht, das den Inhalt der indirekten
Beschreibung ergänzt. Dabei liegt die Bedeutung der Unterscheidung noch
gänzlich in der Beweisbarkeit auf Seiten der direkten Beschreibung; es deutet
hier noch gar nichts darauf hin, daß Tatsachen etwa nur in der Bedeutung
sinnlich wahrnehmbarer Realitäten den Inhalt einer direkten Beschreibung
ausmachen sollen, ja im Gegenteil ausdrücklich wird auch die exakte
Konstatierung einer Analogie (man erinnere sich deren wiedergebener
Definition!) als Gegenstand direkter Beschreibung bezeichnet,[90] z. B. der, daß
sich die Planeten wie Körper verhalten, die an einem Faden von bestimmter
Spannung geschwungen werden.[91] Unter Tatsache ist hier also einfach jede
gesicherte Erkenntnis zu verstehen und unter direkter Beschreibung eine
Aussage, deren Bedeutung in nichts über das tatsächlich Gewährleistete
hinausgeht.
Hier aber setzt jetzt ein zweiter Gedankengang ein und verlegt den
Schwerpunkt um einiges mehr in das direkt Sinnlich-Anschauliche. Was nämlich
so gemeinhin als tatsächlich konstatiert erachtet wird, hat nach Mach in vielen
Fällen keinen Anspruch darauf. Auch die direkte, von hypothetischen
Grundlagen frei begriffliche Beschreibung der Tatsachen ist an sich noch nicht
das, was er die einfache oder einfachste begriffliche Beschreibung nennt; für
letztere müssen vielmehr auch noch die verwendeten naturwissenschaftlichen
Begriffe bestimmten Forderungen genügen. Man denke etwa an das seit Hume
aktuelle Problem der Kausalität; als tatsächlich erwiesen gilt für diesen nur die
zeitlich-räumliche Verknüpfung gewisser Ereignisse, die Notwendigkeit dieser
Verknüpfung und was sonst noch zur Bedeutung der Kausalität gehört, ist nach
ihm bloß hinzugedacht. Diesen Humeschen Standpunkt nimmt nun Mach auch
gegenüber anderen physikalischen Begriffen ein; so sind Masse, Energie,
Trägheit zu nennen, Raum, Zeit, Bewegung, Temperatur, Wärmemenge u. a. Sie alle enthalten ihrer üblichen Bedeutung nach mehr als empirisch zu belegen ist;
der Grund dazu liegt in historischen, psychologischen und ökonomischen
Motiven. Will man aber mit solchen Begriffen ein Bild der Welt aufbauen, das
richtig sein soll, so muß man dieses unbewiesene Plus davon fernhalten. Diese
Scheidung führt Mach an einer Reihe von Beispielen durch und die Ergebnisse,
zu denen er gelangt, wollen wir nun in Kürze wiedergeben.
Es sind in den folgenden Beispielen stets zwei Punkte, auf die sich Machs
Augenmerk richtet, erstens die Konstatierung der tatsächlichen Grundlagen der
untersuchten Begriffe, zweitens der Nachweis, daß jedes Ueberschreiten dieser
Grundlagen und jedes Argumentieren aus den Produkten solcher
Ueberschreitung zu Unklarheiten führt.[92]
So besteht bei dem Gesetze von der Erhaltung der Energie die tatsächliche
Grundlage in der Beobachtung, daß es unmöglich ist, Arbeit aus nichts zu
schaffen, m. a. W. daß die mannigfachsten physikalischen Zustandsänderungen
durch mechanische Arbeit hervorgebracht werden und dort, wo sie wieder
vollständig rückgängig gemacht werden können, den zu ihrer Erzeugung
notwendig gewesenen Arbeitsbetrag wieder zurückliefern.[93] Die
Verwandelbarkeit der Energie in verschiedene Formen besagt aber nicht mehr als
solche Aequivalenz; daß man die Beobachtung überdies dahin deutet, ein
unzerstörbares Etwas – die Energie – bleibe dabei im Grunde erhalten und
ändere nur die Form seiner Aeußerung, diese substantielle Interpretation,
entspricht lediglich einem Bedürfnis unseres Denkens nach Stabilität der
Auffassung, sie wird an die Tatsachen von uns herangebracht, die sich ihr zwar
fügen, sie aber nicht als notwendig verlangen.[94] Und nicht einmal die
Möglichkeit der Interpretation darf man hoch bewerten; die sie gewährleistende
Tatsache der Aequivalenz hängt ganz von zweckentsprechender Wahl der
Maßbegriffe für die neben der Arbeit in Betracht kommenden physikalischen
Zustandsgrößen ab; würde man gewisse Größen anders messen (was nur
historisch bedingt erscheint), so wäre nicht einmal diese Aequivalenz vorhanden
und jeder Anhalt fehlte.[95]
Ganz ähnliches gilt aber von dem Begriffe der Wärmemenge; für gewisse
verschwindende thermische Reaktionen treten Aequivalente auf,[96] d. h.
wiederum nur solche, die sich als äquivalent auffassen lassen –, dies ist das
Tatsächliche, für eine substantielle Interpretation desselben fehlt aber die
notwendige Grundlage so sehr[97] wie für die entgegenstehende kinetische; beide
sind also von der einfachen Wiedergabe des Tatsächlichen fernzuhalten. Um hierin klar zu sein, muß vor allem der Temperaturbegriff sicher gestellt werden,
dessen mißverständliche Auffassung vielfach die Quelle nutzloser
Ueberlegungen wurde. Dies wendet sich[98] gegen alles Suchen nach einem
„natürlichen“ Temperaturmaß, nach einer „wirklichen“ Temperatur, für die die
abgelesene nur ein unvollkommener Ausdruck sei, und betont, daß das Maß des
Wärmezustandes eines Körpers – d. i. dessen an die Wärmeempfindung
geknüpftes physikalisches Verhalten – durch irgend eine thermoskopische
Methode nur ein konventionelles ist, so daß Schlüsse daraus nur unter diesem
Vorbehalt zu ziehen sind, wenn sie nicht auf Sinnlosigkeiten führen sollen.[99]
Von größter Wichtigkeit ist ferner die Klarstellung der Begriffe von Raum,
Zeit und Bewegung. Sie alle sind nach Mach durch die Erfahrung nur in der
Bedeutung von Relationen gesichert. Ob eine Bewegung gleichförmig sei, kann
nur in Bezug auf eine andere beurteilt werden, die Frage, ob sie an sich
gleichförmig sei, hat daher keinen Sinn.[100] Newtons Versuch, zwischen
absoluter und relativer Bewegung durch das Auftreten, bezw. Fehlen von
Fliehkräften zu entscheiden,[101] ist hinfällig, da er doch nur zwischen zwei
Gruppen relativer Bewegungen trennt.[102] Da somit auch jedes dynamische
Kriterium hinwegfällt und rein phoronomisch ohnedies keine absolute
Orientierung möglich ist, bleibt für die Erfahrung nur relative Bewegung
gegeben.[103]
Damit ist aber auch dem Begriff eines absoluten Raumes der Boden entzogen.
Denn für ihn wird zugegeben (Newton), daß in der Erfahrung nur relative Lagen
gegeben seien, und bloß aus den dynamischen Unterschieden der Bewegung
wird die Notwendigkeit gefolgert, einen absoluten Raum als Korrelat der
wirklichen Bewegung anzunehmen. Da Mach aber diese Unterschiede für
hinfällig ansieht, finden sich in der Erfahrung keine Anhaltspunkte für den
Begriff eines absoluten Raums; stellt man ihn dennoch auf, so überschreitet man
damit die Grenzen der Erfahrung.[104]
Dasselbe gilt aber auch von der Zeit. Auch sie schied Newton in eine relative
und eine absolute, wobei ihm die relative als das nicht ganz genaue Maß
(Stunde, Tag, Jahr) der absoluten, wahren oder mathematischen Zeit galt, die in
den physikalischen Gleichungen auftritt. Mach wendet dagegen ein, daß die
tatsächliche, physikalische Grundlage des Zeitbegriffs einzig dies sei, daß sich
die Umstände eines Dinges A mit denen eines anderen Dinges B ändern und von
diesen abhängig sind; so bedeutet beispielsweise, daß die Schwingungen eines
Pendels in der Zeit vor sich gehen, nichts anderes als daß die Exkursion des
Pendels von der Lage der Erde abhängig sei.[105] Die Veränderungen der Dinge
an der Zeit schlechthin zu messen, ist man aber völlig außer Stande.[106] Ebenso
kann aber auch eine absolute Zeit – unabhängig von jeder Veränderung – an
nichts gemessen werden, ihre Vorstellung hat daher keinen wissenschaftlichen
Wert.[107] Eine absolute Bewegung, ein absoluter Raum, eine absolute Zeit sind
bloße Gedankendinge, die in der Erfahrung nicht nachgewiesen werden können.
Operiert man mit solchen Begriffen, so überschreitet man die Grenzen der
Erfahrung, was unstatthaft ist und zudem sinnlos, weil man nichts über diese
transempirischen Dinge auszusagen vermag.[108]
Wichtig für das Spätere ist noch Machs Haltung gegenüber den Begriffen der
Masse und Trägheit. Entgegen der Newtonschen, eng mit dem Begriff Substanz
zusammenhängenden Definition der Masse als Menge der Materie, weist Mach
nach, daß die Bedeutung dieses Begriffes durchaus nicht aus einer solchen
Vorstellung zu gewinnen ist, sondern nur aus gewissen experimentellen
Erfahrungen.[109] Es läßt sich nur sagen, daß man dann einem Körper die Masse
m zuschreibt, wenn er einem als Einheit angenommenen Vergleichskörper unter
bestimmten Umständen die m-fache Beschleunigung erteilt als er von ihm
erfährt,[110] und daß dann erfahrungsgemäß zwei Körper, die sich im Verhältnis
zu einem dritten als von gleicher Masse erweisen, dies auch in ihrem
gegenseitigen und in ihrem Verhalten zu anderen Körpern tun.[111] „In einem
solchen Massenbegriff liegt keine Theorie, die Quantität der Materie ist unnötig,
er enthält bloß die scharfe Fixierung einer Tatsache“;[112] „über die Anerkennung
dieser Tatsache ist aber nicht hinauszukommen ohne in Unklarheiten zu
verfallen“,[113] heißt es bei Mach. Auf diesen selben Kreis von Erfahrungen
reduziert sich aber auch die ganze Bedeutung des Trägheitsgesetzes.[114] Es sagt
nicht mehr, als daß es Beschleunigungen sind, die Körper unter gewissen von der
Experimentalphysik anzugebenden Umständen aneinander bestimmen,[115] daß,
wenn diese Umstände fehlen, auch die Beschleunigungen ausbleiben[116] und
daß beides gilt, nicht nur wenn man die Beschleunigungen irdischer Körper
relativ gegen die Erde beurteilt, sondern auch wenn man das Verhalten der Erde
gegen die fernen Himmelskörper beachtet.[117] Dabei ist nach dem Früheren
selbstverständlich überall nur von Relativbeschleunigungen die Rede.[118]
Diese Darlegungen bilden, obwohl in dem hier vorgezeichneten Rahmen ihrer
Wiedergabe nur wenig Raum gegeben werden konnte, vielleicht den
bedeutendsten Teil von Machs Leistungen. So interessant sie aber auch sind und
so sehr sie mitten in heute noch lebhaft in den beteiligten Fachkreisen
umstrittene Fragen führen, wir haben es nur mit ihrer erkenntnistheoretischen Bedeutung zu tun und dieser gegenüber ist die Stellungnahme kurz und klar
vorgezeichnet.
Was ist nachgewiesen? Nachgewiesen ist, daß gewisse physikalische Begriffe
den maßgeblichen Teil ihres Inhalts nur durch die Erfahrung erhalten, und dies
ist eine Selbstverständlichkeit. Selbstverständlich ist dann auch, daß die
Definition eines solchen Begriffs „eine Summe von Erfahrungen konzentriert in
sich enthält“[119], und daß „alle physikalischen Begriffe gekürzte Anweisungen,
die oft selbst wieder andere Anweisungen eingeschlossen enthalten, auf
ökonomisch geordnete, zum Gebrauch bereitliegende Erfahrungen“[120] sind.
Nachgewiesen ist ferner, daß faktisch vorliegende Versuche, bestimmten
physikalischen Begriffen eine Bedeutung zu sichern, die zwar auch aus den
Erfahrungen gefolgert sein soll (und in diesem Sinne als deren Repräsentant
gelten kann), die aber nicht bloß die Erfahrungen ausdrückt, sondern eben auch
das aus diesen Erschlossene (welches wie der absolute Raum selbst durchaus
nicht in die unmittelbare sinnliche Erfahrung zu fallen braucht) fehlschlugen.[121]
Was strebt dieser Nachweis aber an? Und da ist zu sagen: Zunächst kann er
bloß mit der Forderung zusammenwirken, daß man nach voreiligen Versuchen
sich mit den Begriffsbildungen einstweilen wieder möglichst eng an die
Erfahrung anschließe, sich möglichst wenig über die durch sie gegebene sichere
Basis erhebe. Eine solche Besonnenheit kann niemals schaden und unter
Umständen kann sie auch zur methodischen Forderung werden. Wir werden im
späteren sehen, daß dies tatsächlich sich mit bemerkenswerten Tendenzen der
modernen Physik berührt. Diese strebt unter der Nachwirkung von Erfahrungen,
deren einige in diesem Abschnitt schon erwähnt wurden, danach, ihren Betrieb
tunlichst vor den Unsicherheiten der an ihre Resultate angrenzenden Metaphysik
zu sichern, indem sie möglichst scharf das, was von ihren Begriffen rein
physikalisch in Betracht kommt, von allem übrigen abscheidet und sich nur auf
ersteres konzentriert. Wir werden über die Schranken dieser Tendenz noch zu
sprechen haben, hier sei festgestellt, daß ihr bei Mach auch nur der Schluß aus
dem Bisherigen auf derzeit gebotene Vorsicht entspräche. Es müßte heißen,
Erklärungen durch Hypothesen schlugen fehl, Ansätze zu Begriffssystemen, die
sich über das unmittelbar Erfahrene erheben wollten, brachen zusammen, es
bleibt uns daher nichts übrig, als unsere Begriffe einstweilen möglichst naiv
empirisch zu gestalten. Ihre ökonomische Repräsentanz der Erfahrungen ist der
einzige Dienst, den wir jetzt schon mit Sicherheit von ihnen beanspruchen
können. – Damit wäre auch für uns die Angelegenheit Mach gegenüber erledigt.
[122]
Aber dies ist nicht die einzige Tendenz der gebrachten Ausführungen. Aus
dem Zusammenhange des Ganzen, aus den Folgerungen, die Mach, wie wir
sehen werden, aus ihr zieht, ergibt sich ein zweiter Sinn seiner Kritik mit
Gewißheit, dahin zielend, daß es überhaupt nicht möglich sei, etwas aus den
Erfahrungen zu erschließen (und einen entsprechenden physikalischen Begriff
sinnvoll zu bilden), das nicht selbst unmittelbar sinnlich erfahrbar ist. Und nur
dies kann, wie gesagt, die mögliche Interpretation seiner Ausführungen sein,
wenn man diese in Zusammenhang mit dem breiten Zuge seines Denkens
betrachten will, der von vielen Seiten her in jenen Sensualismus mündet, für den
nur die sinnlichen Erscheinungen das Reale sind und für den alle
wissenschaftlichen Begriffe nur dazu da sind um zwischen ihnen zu orientieren,
ohne irgend etwas mehr besagen zu können.[123]
Dies aber wiederum ist nicht das Bewiesene, selbst wenn man den Umfang
des letzteren mit noch so großer Konzilianz festsetzt. Denn Schwierigkeiten und
tatsächliche Fehlschläge sind noch keine Unmöglichkeiten, auf Grund reiferer
Erfahrungen könnten dieselben Versuche wieder aufgenommen und zum Ziele
geführt werden. So bleibt man in der Akustik ja auch nicht bei den Tönen stehen,
sondern erschließt die sie erregenden Schwingungen und überall wo ein solches
Ueberschreiten der unmittelbaren Erfahrung einwandfrei begründet werden
kann, wird es auch statthaft sein, gleichgültig ob das Erschlossene wie die
Schwingungen tönender Körper, in anderer Hinsicht wieder anschaulich gemacht
werden kann oder nicht.[124] Der Ratschlag, bloß weil bisher Versuche
fehlschlugen, einfach auch alle künftigen für sinnlos zu erklären, ist
wissenschaftlich nicht berechtigt.
Denn darüber muß man sich klar sein, daß das danach noch Zurückbleibende
etwas Unzureichendes ist. Man betrachte etwa die bloß nach den Tatsachen
gegebene Definition der Masse; die Masse ist in ihr freilich etwas, das nur in
Relation zu anderen Körpern sich äußert, aber diese anderen Körper können
wechseln und das Verhalten des untersuchten Körpers bleibt doch so, daß ihm
stets dieselbe Masse zuzuschreiben ist. Ist diese individuelle Masse dann dem
untersuchten Körper oder den Vergleichskörpern eigentümlich? Ich möchte diese
Frage, die in den Bereich des Substanzbegriffes gehört, nicht so einfach
beantworten; aber aufwerfen wollte ich sie, denn, wie immer die Antwort
ausfällt, das ist klar, daß die Reaktion, die man unter der Bedeutung „von der
Masse X“ befaßt, enger mit dem Körper zusammenhängt, an dem sie stets
gefunden wird, als mit den Vergleichskörpern, die dabei nur in einem beliebigen,
nicht in einem individuellen Exemplar vorhanden zu sein brauchen; dann liegt aber auch in den Erfahrungen, auf die sich Mach beruft, zumindest schon der
Anstoß zur Bildung eines Eigenschaftsbegriffes. Und ein ganz ähnlicher Fall ist
bei Raum und Zeit gegeben. Weil man verschiedene Vergleichskörper benutzen
kann, sagt Mach, und dadurch von dem einzelnen unabhängig ist, scheinen
Raum und Zeit etwas Besonderes zu sein; darin liegt ein Fehler, denn
unabhängig von Vergleichskörpern kann räumliches und zeitliches Verhalten
nicht beurteilt werden und man weiß auch nicht, wie es in solchem Falle
ausfiele.[125] Aber auch dem gegenüber gilt das Gleiche wie vorhin: gerade der
Umstand, daß trotz verschiedener Vergleichskörper (gemeint ist, daß man
beispielsweise die Zeit an einer Uhr, nach dem Drehungswinkel der Erde, nach
einem Temperaturabfall usw. beurteilen könne) von dem gleichen räumlichen
oder zeitlichen Verhalten gesprochen werden kann, spricht auch dafür, daß dieses
Verhalten etwas von den Vergleichskörpern Unabhängiges ist.[126] (Daß aber bei
völliger Abwesenheit anderer Körper das ursprüngliche Verhalten nicht mehr
vorausgesetzt werden dürfe, gehört überhaupt nicht hierher sondern zur
Besprechung der induktiven Methodik ganz im allgemeinen.) Und so steht es
auch in anderen Fällen.
Dann sind aber überall Impulse zum Weiterschreiten tatsächlich vorhanden
und was Mach verlangt, wäre einfach ein Ignorieren derselben und als letztes
Resultat etwas höchst Unbefriedigendes. Es könnte ja sein, daß so etwas bei
genauer Einsicht hingenommen werden müßte, aber man wird dies niemandem
zumuten, wenn nicht zwingende Gründe vorhanden sind oder – wenn als Ersatz
eine andere, die Schwierigkeiten ausschaltende erkenntnistheoretische Haltung
zu Gebote steht. Gerade dies ist aber Machs Fall; die Auffassung, daß es sich um
einen allgemeinen, wechselseitigen Zusammenhang der Erscheinungen handle,
der nirgends fest sondern da und dort nur fester als anderswo ist, spielt hier
bereits herein, die Hoffnung, unter Berücksichtigung dieses Umstandes trotzdem
ein in sich gefestigtes Erkenntnisideal aufstellen zu können, die Aussicht, daß
von diesem aus gesehen ein Bedürfnis, in den vorhin angedeuteten Richtungen
weiter zu schreiten, überhaupt fehlen werde, u. a.
Damit hat sich dann aber das Gesamtverhältnis umgekehrt: die geübte Kritik
macht solche Anschauungen nicht in dem Sinne notwendig, daß sie irgendwie
aus ihr schon folgen würden, sondern vielmehr in dem Sinn, daß die Kritik sie
notwendig hat, wenn ihr Resultat ein definitives sein soll. Und wir können auch
am Schlusse dieses Abschnittes sagen: kommen anderswoher noch Argumente
für die Mach eigentümlichen Positionen, so können die hier besprochenen
Ausführungen ihre Tragweite vergrößern, einen selbständigen, entscheidenden Beweiswert haben sie aber nicht.