Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs
4. Die Polemik gegen den Begriff der Kausalität; sein Ersatz durch den Funktionsbegriff.
4. Die Polemik gegen den Begriff der Kausalität; sein
Ersatz durch den Funktionsbegriff.
Die Angriffe des vorigen Abschnitts richteten sich gegen bestimmte
theoretische Gebilde, der, den wir jetzt darzustellen beginnen, ist geeignet, diese
Ziele des wissenschaftlichen Denkens insgesamt in der Wurzel zu entwerten. In
der Tat geschieht dies, sobald die Hoffnung auf eine kausale Erklärung fallen
gelassen werden muß, da diese es ist, der Begriffssystem und Theorie dienen,
wenigstens nach der Auffassung der meisten. Wir berufen uns auf das Zeugnis
von Helmholtz: der Grundsatz, daß jede Veränderung in der Natur eine
zureichende Ursache haben müsse, nötigt uns nach ihm, die unbekannten
Ursachen der Vorgänge aus ihren sichtbaren Wirkungen zu erschließen. Dabei
können „die nächsten Ursachen, welche wir den Naturerscheinungen unterlegen,
selbst unveränderlich sein oder veränderlich; im letzteren Falle nötigt uns
derselbe Grundsatz, nach anderen Ursachen wiederum dieser Veränderung zu
suchen usw., bis wir zuletzt zu letzten Ursachen gekommen sind, welche nach
einem unveränderlichen Gesetz wirken, welche folglich zu jeder Zeit unter
denselben äußeren Verhältnissen dieselbe Wirkung hervorbringen. Das endliche
Ziel der Naturwissenschaften ist also, die letzten unveränderlichen Ursachen der
Vorgänge in der Natur aufzufinden.“[127]
Dieses Ziel erklärt Mach für unerreichbar und unsachgemäß. Die ihn
bewegenden Gründe sind mannigfach und zu ihrer Aufklärung sollen sie im
folgenden nach den wichtigsten Gesichtspunkten zusammengefaßt werden.
1. Das Helmholtz'sche Ideal kausaler Analyse erstrebt das Aufsuchen letzter
Ursachen, welchen unter denselben Umständen mit eindeutiger Gesetzlichkeit
die gleichen Wirkungen folgen; dies setzt voraus, daß solche Ursachen
überhaupt vorhanden sind, oder, um es mit Fechners Worten zu sagen, daß
tatsächlich in gewissen Fällen überall und zu allen Zeiten, insoweit dieselben Umstände wiederkehren, auch derselbe Erfolg wiederkehrt, und soweit nicht
dieselben Umstände wiederkehren, auch nicht derselbe Erfolg wiederkehrt.[128] –
Dagegen wendet nun Mach ein, daß die vorausgesetzten gleichen Erfolge unter
gleichen Umständen überhaupt nur in der Abstraktion existieren, d. h. nur bei
Vernachlässigung anderer Seiten der Tatsachen, während in der Wirklichkeit
genaue Wiederholungen gleicher Fälle nicht zu finden sind. „Wenn wir von
Ursache und Wirkung sprechen,“ heißt es[129], „so heben wir willkürlich jene
Momente heraus, auf deren Zusammenhang wir bei Nachbildung einer Tatsache
in der für uns wichtigen Richtung zu achten haben. In der Natur gibt es keine
Ursache und keine Wirkung. Die Natur ist nur einmal da. Wiederholungen
gleicher Fälle, in welchen A immer mit B verknüpft wäre, also gleiche Erfolge
unter gleichen Umständen, also das Wesentliche des Zusammenhanges von
Ursache und Wirkung, existieren nur in der Abstraktion, die wir zum Zweck der
Nachbildung der Tatsachen vornehmen.“
Die eigentliche Bedeutung dieses Einwandes greift tief in die Machsche
Erkenntnistheorie ein, denn wenn dieser Einwand Recht hat, dann gibt es „in der
Natur“ nicht nur kein Kausalgesetz, sondern überhaupt kein Gesetz, da ja jedes
Naturgesetz auf den Ausdruck beständiger Verknüpfung zielt. Wie es damit
steht, zumal die Rolle, die Mach dabei der Abstraktion zuweist, können wir aber
erst an späterer Stelle erörtern.
2. Eine Teilbedeutung dieses Einwandes liegt jedoch schon in der
Behauptung, daß die Rede von Ursache und Wirkung deswegen auf ungenauer
Beobachtung beruhe, weil eine genauere Analyse die sogenannte Ursache stets
nur als ein Komplement eines die sogenannte Wirkung bestimmenden
Komplexes von Tatsachen erweist. Je nachdem man diesen oder jenen
Bestandteil des Komplexes beachtet oder übersehen hat, ist das fragliche
Komplement sehr verschieden.[130] Als Beispiel diene die Erwärmung eines
Körpers durch Bestrahlung von der Sonne. Die Erwärmung folgt auf die
Bestrahlung; letztere ist daher Ursache, erstere Wirkung. Analysiert man aber
genauer, so sind auch Zwischenmedium und Umgebung als auf die Erwärmung
des Körpers Einfluß habend in Rechnung zu stellen; die Bestrahlung durch die
Sonne ist also gar nicht die vollständige Ursache der Erwärmung des Körpers,
sie ist nur ein Komplement derselben.
3. Statt der einfachen Verknüpfung besteht also eine sehr komplizierte, eine
ganze Mannigfaltigkeit von Beziehungen. Die Beziehung zwischen Sonne und
Körper kann faktisch nicht isoliert werden; das Medium und die umgebenden Körper bestimmen gleichfalls Aenderungen an dem betrachteten und empfangen
ihrerseits wieder solche von ihm; gleichzeitig stehen sie aber überdies in
ähnlichen mit hereinspielenden Beziehungen zu einer Unzahl anderer Körper.
[131] Das gleiche gilt, wenn zwei Körper in Wärmeaustausch durch Leitung
stehen[132] oder im Falle gegeneinander gravitierender Massen.[133] Auch hier
ist, wenn man nur zwei gravitierende Massen oder zwei wärmeaustauschende
Körper für sich betrachtet, die Geschwindigkeitsänderung der einen die Ursache
der Geschwindigkeitsänderung der anderen und umgekehrt, die
Temperaturänderung des einen Ursache der Temperaturänderung des anderen
und umgekehrt. Sowie man aber den stets vorhandenen Einfluß anderer Massen
und Körper berücksichtigt, hört zwar die Umkehrbarkeit auf, aber auch die
Einfachheit der Beziehung. Selbst in den einfachsten Fällen erhält man dann ein
System simultaner Differentialgleichungen.[134]
4. Die Beziehungen, auf die man durch solche exakte Behandlung geführt
wird, sind im Gegensatz zu den Charakteristiken der kausalen Relation
umkehrbar und drücken keine Succession aus. So in dem eben erwähnten
Beispiele, wenn man nur die unmittelbare Beziehung zweier Massen oder
Körper berücksichtigt; sie wird durch eine Gleichung ausgedrückt und jedes
Element ergibt sich als Funktion des anderen. Ursache und Wirkung wären in
solchem Falle vertauschbar, also gar nicht als Ursache und Wirkung
charakterisiert.[135] Wohl sagt man, tritt einer Masse A eine Masse B gegenüber,
so folgt hierauf eine Bewegung von A gegen B hin, dies ist aber ungenau, und
genauer betrachtet zeigt sich, daß Massen A B C D aneinander gegenseitig
Beschleunigungen bestimmen, welche also mit der Setzung der Massen zugleich
gegeben sind.[136] Ebenso wären in dem Beispiel der Bestrahlung eines Körpers
durch die Sonne die Aenderungen simultan und einander gegenseitig
bestimmend, wenn die beiden in unmittelbarer Wechselwirkung stünden, die
Temperaturänderung des Körpers könnte dann auch umgekehrt als Ursache der
Temperaturänderung der Sonne angesehen werden.[137] Ebenso läßt sich
scheinbar die einem Gase zugeführte Wärme als die Ursache seiner Spannkraft
ansehen, in exakter Beleuchtung sind aber beide Variablen einer
Zustandsgleichung und die Aenderung der einen Variablen bedingt so gut die
Aenderung der anderen wie umgekehrt.[138] Mach faßt dies in den Worten
zusammen: „Betrachtet man die physikalischen Vorgänge genau und im
Einzelnen, so scheint es, daß man alle unmittelbaren Abhängigkeiten als
gegenseitige und simultane ansehen kann. Für die vulgären Begriffe Ursache und
Wirkung gilt das gerade Gegenteil, weil sie eben in ganz unanalysierten Fällen
vielfach vermittelter Abhängigkeit Anwendung finden“.[139] Und er illustriert dies im Anschluß daran noch an den Beispielen eines Schusses und der
Wahrnehmung eines leuchtenden Objektes. Zwischen Explosion und
Einschlagen des Projektils, zwischen Leuchten und Lichtempfindung liegen in
beiden Fällen Zwischenglieder, Ketten von vermittelter Abhängigkeit. „Der
getroffene Körper restituiert nicht die Arbeit des Pulvers, die empfindende
Netzhaut nicht das Licht; beide sind nur Glieder der Kette der Abhängigkeiten,
die sich auf anderen Wegen fortsetzen, als sie eingeführt worden sind. Der
Körper liefert etwa fliegende Sprengstücke, der Wahrnehmende greift vielleicht
nach dem leuchtenden Objekt. Der ganze Vorgang braucht nicht deshalb
momentan und umkehrbar zu sein, weil er sich auf eine vielfache Kette
simultaner und umkehrbarer Abhängigkeiten gründet.“
Sieht man von der vollen Tragweite des an erster Stelle erhobenen Einwandes
vorläufig ab, so fällt das Bleibende unter das Schlagwort: Ersatz der kausalen
Darstellung durch eine funktionale.
„In den höher entwickelten Naturwissenschaften wird der Gebrauch der
Begriffe Ursache und Wirkung immer mehr eingeschränkt, immer seltener. Es
hat dies seinen guten Grund darin, daß diese Begriffe nur sehr vorläufig und
unvollständig einen Sachverhalt bezeichnen, daß ihnen die Schärfe mangelt...
Sobald es gelingt, die Elemente der Ereignisse durch meßbare Größen zu
charakterisieren, was bei Räumlichem und Zeitlichem sich unmittelbar, bei
anderen sinnlichen Elementen[140] aber doch auf Umwegen ergibt, läßt sich die
Abhängigkeit der Elemente von einander durch den Funktionsbegriff viel
vollständiger und präziser darstellen, als durch so wenig bestimmte Begriffe wie
Ursache und Wirkung.[141] Dies gilt nicht nur dann, wenn mehr als zwei
Elemente in unmittelbarer Abhängigkeit,[142] sondern noch viel mehr, wenn die
betrachteten Elemente nicht in unmittelbarer sondern in mittelbarer, durch
mehrfache Ketten von Elementen vermittelter Abhängigkeit stehen. Die Physik
mit ihren Gleichungen macht dieses Verhältnis deutlicher, als es Worte tun
können.“[143] In diesen Worten Machs drückt sich das Ergebnis der erhobenen
Einwände aus; kausale sind unvollständig analysierte, vollständig analysierte
sind funktionale Beziehungen.
Fragt man weiter, was eigentlich funktionale Beziehungen seien, so ist die
Antwort, wie wir gehört haben: solche, welche die quantitative gegenseitige
Abhängigkeit der meßbaren Bestimmungsstücke der Erscheinungen voneinander
ausdrücken, und zur Erläuterung wird auf die Gleichungen der Physik
verwiesen. Betrachten wir nun eine solche, etwa die zwischen Druck und Volumen bei einem vollkommenen Gase konstanter Temperatur bestehende, so
enthält sie in der Tat nichts von Succession, also auch nichts von Kausalität. Statt
zu sagen: Die Tatsache B folgt auf die Tatsache A und aus der Tatsache A,
ermöglicht eine solche Gleichung nur, die Tatsache B aus der Tatsache A zu
berechnen, d. h. aus der funktionalen Beziehung und der metrischen
Charakteristik der einen Tatsache folgt die Charakteristik der anderen und
umgekehrt, denn im allgemeinen ist dann ebenso B mögliche Prämisse für die
Berechnung von A. In diesem Sinne sind dann funktionale Beziehungen, wie wir
gehört haben, gegenseitig und simultan und drücken nichts als die Abhängigkeit
„der begrifflichen Bestimmungselemente einer Tatsache einfach in dem rein
logischen Sinne“ aus, „wie dies der Mathematiker, etwa Geometer tut“.[144]
Ohne hier noch auf sein Verhältnis zur Kausalität einzugehen, ist nun die
weite Geltung ohne weiteres zuzugestehen, die dem von Mach dergestalt
hervorgehobenen Funktionsbegriff zukommt. In der Tat zeigt sie jede
physikalische Gleichung. Dem vorhin als Beispiel herangezogenen Boyle'schen
Gesetz könnte noch der Vorwurf gemacht werden, daß es überhaupt keine
kausale Verknüpfung ausdrücke, sondern auch nach der gewöhnlichen
Auffassung eine simultane der Koexistenz, aber auch Gesetze wie die
Richmann'sche Mischungsregel, wie das Galilei'sche Fall- oder das Kepler'sche
Brechungsgesetz, ja selbst so spezifisch kausal interpretierte Gleichungen, wie
die von Newton zur Erklärung der Planetenbahnen für die Gravitation
aufgestellte,[145] lassen sich in funktionalem Sinne auffassen. Zumal aber scheint
die in der Physik immer mehr in den Vordergrund tretende Darstellung durch
Differentialgleichungen in diese Richtung zu drängen. Denn wie immer man im
übrigen über den Sinn dieser Darstellungsweise denke, eines ist nicht zu
übersehen: ihre große Abstraktheit und ihre – doch sei dies durchaus nicht
absprechend gesagt – metaphysische Unbekümmertheit. Wenn in früheren
Darstellungen etwa Kraftgesetze eine beherrschende Stellung einnahmen, die
sich durch individuelle Konstanten der beteiligten Körper zu den jeweiligen
Wirkungen spezialisierten und so die einzelnen Erscheinungen erklären ließen,
so schien dies eine sehr direkte Beziehung auf die Wirklichkeit zu haben und
metaphysische Folgerungen unmittelbar nahe zu legen. Diese Distanz hat sich
heute entschieden vergrößert. Die alten Kraftgesetze u. dgl. erscheinen heute
meist nur als sehr spezielle Fälle allgemeinerer Gesetze und diese allgemeinen,
vielfach durch Systeme von Differentialgleichungen ausgedrückten Gesetze
haben wieder gewissermaßen eine viel geringere metaphysische
Berührungsfläche. Denn sie hängen in unmittelbarer Sichtlichkeit eigentlich nur
an einem Punkte mit der Wirklichkeit zusammen, nämlich dadurch, daß ihre Konsequenzen mit ihr übereinstimmen; so bedeutende Physiker wie Kirchhoff
und Hertz gestanden ihnen keine andere Bedeutung zu, und jedenfalls ist die
Versuchung, ihren eigenen begrifflichen Inhalt außer in diese indirekte auch
noch darüber hinaus in direkte Beziehung zur Wirklichkeit zu setzen, geringer
als bei älteren Theorien, denn sie bieten weit weniger Anhaltspunkte dazu, –
man denke beispielsweise an das Strömen jenes Vektors, der als das Produkt
einer Kraft mit einer stofflichen Konstante charakterisiert wird und eine der
fundamentalsten Vorstellungen der Elektrizitätslehre bildet. Was z u n ä c h s t
übrig bleibt, ist dann aber wirklich nichts als ihre Eignung zur Darstellung der
Erscheinungen, die sie in weitem Umfange miteinander verknüpfen, und zwar
wieder nur so, daß sie ohne etwas von Succession u. dgl. zu enthalten, lediglich
die Berechnung ermöglichen, also gleichfalls unter den erörterten Begriff des
funktionalen Zusammenhanges fallen. Die Berufung auf sie fehlt denn auch
nicht bei Mach.[146]
Für ihn und für das Verständnis seiner Darlegungen ist diese Sachlage aber
von größter Bedeutung, ich möchte sogar behaupten, daß ihr in dem Gefüge
seiner Gedanken eine ganz zentrale Stellung zukommt. Denn in ihr findet
zunächst der erörterte Gesichtspunkt der Oekonomie seinen stärksten und
eigentlichen Halt: Hertz hatte, entgegen der früheren Gepflogenheit, einzelne
Sätze (z. B. Kraftgesetze, Erhaltungsgesetze u. dgl.) teils axiomatisch, teils als
Ausdruck fundamentaler Erfahrungen voranzustellen und das Uebrige aus ihnen
abzuleiten, – die Aufmerksamkeit auf den darin liegenden Selbstbetrug gelenkt,
der dann entsteht, wenn man glaubt, den an sich nur durch ein paar
Fundamentalversuche gestützten Grundgleichungen komme eine andere Dignität
zu als die durch die Richtigkeit der aus ihnen deduktiblen speziellen
Erfahrungssätze gewährleistete; er empfahl, die grundlegenden Gleichungen
(und heute sind es die erwähnten differentiellen Ausdrücke), wenn man sie
einmal besitze, nicht weiter abzuleiten, sondern einfach hinzunehmen und bloß
in ihrer Fähigkeit zur Darstellung der Tatsachen ihre Berechtigung zu sehen: hält
man dies mit ihrem vorhin erwähnten abstrakten, nicht unmittelbar auf die
Wirklichkeit bezogenen begrifflichen Gehalte zusammen, so hat man hierin den
gesuchten Kern des Oekonomieprinzips. Denn konstatierten wir früher bloß, daß
die ökonomische Betrachtung neben anderen auch ins Spiel komme und daß es
auch eine Aufgabe der Wissenschaft sei, „Erfahrungen zu ersetzen oder zu
ersparen durch Nachbildung und Vorbildung der Tatsachen in Gedanken“,[147] so
ist durch das zuletzt Gehörte ein „nur“ an die Stelle des „auch“ gerückt;
funktionale Beziehungen gestatten nur die logische Bestimmung „der
Abhängigkeit der Merkmale der Tatsachen voneinander“,[148] und die sie einschließenden allgemeinsten Gleichungen sind nichts als „gekürzte
Anweisungen auf ökonomisch geordnete Erfahrungen“;[149] „die Nachbildung ist
Ziel und Zweck der Physik, die Atome, Kräfte, Gesetze hingegen sind nur die
Mittel, welche uns jene Nachbildung erleichtern, ihr Wert reicht nur so weit als
ihre Hilfe“.[150] Das heißt: jede andere Rolle ist mit ihrer heutigen subtilen
Durchbildung unverträglich.[151]
Denn auch die im vorigen Abschnitt dargestellte Begriffskritik (und durch sie
wiederum die Oekonomie) verschärft sich durch diese Situation. –
Naturwissenschaftliche Begriffe schöpfen ihren Gehalt aus der Erfahrung, aus
den durch die Erfahrung gegebenen Gesetzlichkeiten. Man spricht zwar von
Masse, Kraft, von Wärmezustand u. dgl., „darunter ist aber nichts anderes zu
verstehen, als die Gesamtheit des erfahrungsgemäß zu erwartenden Verhaltens.
Man gibt dem einen Namen oder verknüpft ein Bild damit, aber mehr als eine
Repräsentation der bekannten Vorgänge leistet das nicht. Man kann daraus nichts
ableiten oder folgern, was die Erfahrung nicht gelehrt hätte“.[152] So sagt Mach,
und ohne weiteres war ihm zuzugeben, daß in einer Erfahrungswissenschaft die
Orientierung der Begriffe in erster Linie sich nach diesen Grundlagen zu richten
habe; nicht bewiesen fanden wir aber, daß damit alles zu Ende sein müsse, daß
die Bedeutung der Begriffe nur in einem schlichten Hinweis auf die
repräsentierten Erfahrungen bestände, ja im Gegenteil, wir fanden diese
Forderung unhaltbar, wenn sie nicht noch anderweitig gestützt werde. Nun aber
erwächst ihr aus dem zuletzt Gehörten tatsächlich eine solche Stütze:
Von seiner Definition der Masse sagt Mach[153], sie soll „die Abhängigkeit der
Erscheinungen voneinander ermitteln und alle metaphysischen Unklarheiten
beseitigen, ohne darum weniger zu leisten als irgend eine andere bisher übliche
Definition“, und ganz dasselbe gilt von denen der anderen Begriffe. Diese
Abhängigkeit der Erscheinungen voneinander ist nun aber die funktionale. Und
ihr fehlt, nach Mach, überhaupt jene Tendenz, über die bloße Beschreibung der
Erscheinungen hinauszugehen, die wir am Ende des vorigen Abschnitts gegen
ihn anführen konnten. Denn drücken die Gleichungen nichts als eine
Verknüpfung aus, die die Berechnung gewisser Merkmale der Erscheinungen aus
anderen gestattet, und liegen die Definitionen der Begriffe in diesen
Gleichungen, so ist scheinbar auch ihre Bedeutung damit abgeschlossen, daß sie
eine solche Verknüpfung der Erscheinungen ausdrücken oder ihr dienen.
Besonders hervorzuheben ist dies für die Begriffe der Kraft und des Dings,
denn auf den zu Kraftbegriffen verfeinerten Eigenschaften der Dinge beruht ja deren kausales Wirken; fallen diese dahin, lösen sie sich in die Repräsentation
funktionaler Beziehungen auf, die zudem mehr enthalten, schärfer Gefaßtes
enthalten als sie, die dieses nur unvollständig zusammenfassen und auf einer
primitiveren Stufe des Wissens gebildet wurden, so ist der Bildung von kausalen
Relationen gleichzeitig der Boden entzogen und der Zweck genommen. – Und
Mach zögert natürlich durchaus nicht, seine Anschauung auch auf diese Begriffe
zu übertragen.
Schon im ursprünglichen (mechanischen) Sinne ist die Kraft einfach als
beschleunigungsbestimmender Umstand zu definieren[154], mit den unbekannten
Ursachen der Naturvorgänge hat dieser Begriff nichts zu schaffen, er bedeutet
nichts in den Vorgängen Verborgenes, sondern einen meßbaren tatsächlichen
Bewegungsumstand, das Produkt aus Masse und Beschleunigung.[155] Ein
Körper übt auf einen anderen eine Kraft aus, heißt nichts anderes als daß der
zweite Körper sofort eine gewisse Beschleunigung gegen den ersten zeigt,
sobald er diesem gegenübertritt; der Begriff der Kraft drückt also nichts als eine
gewisse Beständigkeit der Verbindung aus.[156] (Und die übrigen Kraftbegriffe
sind nur Uebertragungen des ursprünglichen.)
Eine solche Beständigkeit der Verbindung macht aber auch den ganzen Kern
des Substanzbegriffes aus; das bedingungslos Beständige nennen wir Substanz.
[157] Nun gibt es aber eine wirklich bedingungslose Beständigkeit nicht, sondern
alle vorkommenden Fälle von Beständigkeit sind Beständigkeiten der
Verbindung oder Beziehung.[158] Wenn es beispielsweise heißt, derselbe Körper,
welcher mit Chlor Kochsalz erzeugt, bildet mit Schwefelsäure Glaubersalz, so
bedeutet dies eine Beständigkeit des Zusammenhanges oder der Abhängigkeit
gewisser Reaktionen voneinander; eine Klasse von Objekten A gibt die
Reaktionen a b c, weitere Beobachtung lehrt etwa noch die Reaktionen d e f
kennen; wenn es sich nun zeigt, daß a b c das Objekt A für sich allein eindeutig
charakterisieren und ebenso d e f dasselbe Objekt eindeutig charakterisieren, so
ist damit die Verbindung der Reaktionen a b c mit den Reaktionen d e f an dem
Objekt festgestellt.[159] Diese „Beständigkeiten der Verbindung der Reaktionen
aber, welche die physikalischen Sätze darlegen, sind die höchste Substanzialität,
welche die Forschung bisher enthüllen konnte“;[160] „wenn eine Gleichung
erfüllt ist, so liegt hierin eine erweiterte, verallgemeinerte substanzielle
Auffassung. Es kommt im allgemeinen wenig darauf an, ob wir die Gleichungen
der Physik als den Ausdruck von Substanzen (Gesetzen oder Kräften) ansehen,
jedenfalls drücken sie funktionale Abhängigkeiten aus“.[161]
Dies ist also der naturwissenschaftlich verfeinerte Substanzbegriff; in ihm
findet der gewöhnliche Dingbegriff erst seine gedankliche Durchbildung, und
das Resultat gilt daher rückwirkend auch für diesen. Drückt also schon der
wissenschaftliche Substanzbegriff keine wirkliche Beständigkeit aus, keine
eigentlich substantielle, – d. h. ist die von ihm ausgedrückte nur die
Beständigkeit einer Gruppe von funktionellen Abhängigkeiten, von Reaktionen,
die da und dann auftreten, und keine Beständigkeit einer räumlich-zeitlich
individuierten Einheit[162], so gilt dies selbstverständlich noch viel mehr von
dem vulgären Dingbegriff. Auch er drückt nur eine relative Beständigkeit aus. Es
gibt in der Natur kein unveränderliches Ding; das Ding ist eine Abstraktion, ein
Symbol für einen relativ stabilen Komplex, von dessen dennoch bestehender
Veränderlichkeit abstrahiert wird[163]; in Wahrheit verschwindet bald dieses, bald
jenes Glied, erscheint verändert und kehrt eigentlich in voller Gleichheit niemals
wieder, und nur weil der Uebergang stetig erfolgt, weil die Summe der
beständigen Glieder in jedem Augenblick die der veränderlichen überwiegt,
kann man glauben, daß auch bei Ausscheidung aller noch etwas übrig bliebe,
und so zu dem Gedanken einer von ihren Merkmalen verschiedenen Substanz,
eines Dinges an sich kommen.[164]
So gilt also, was wir im vorigen Abschnitt hörten, „alle physikalischen
Begriffe sind gekürzte Anweisungen, die oft selbst wieder andere Anweisungen
eingeschlossen enthalten, auf ökonomisch geordnete, zum Gebrauch bereit
liegende Erfahrungen“,[165] auch hier, und wenn es einmal hier im Sinne von
„bloßer Oekonomie“ gilt, so infolge der gekennzeichneten Bedeutung dieser
Angriffsstelle überhaupt.[166]
Verstärkt wird dies noch dadurch, daß auch die Gleichungen, auf denen die
Begriffsbildung ruht, nur etwas relativ Abgeschlossenes darstellen, wie sich
zeigt, wenn man ihre Bedeutung auflöst. Zunächst indem man dies für die in
ihnen auftretenden substanziellen Konstanten tut. „Die Gleichung pv/T =
konst.“, sagt Mach, „gilt für einen gasförmigen Körper von unveränderlicher
Masse, für welchen Druck, Volumen und Temperatur für alle Teile denselben
Wert haben, und nur bei hinreichender Entfernung von den Bedingungen der
Verflüssigung. Die Beschränkung, welche im Berechnungsgesetz sin α/sin β = n
liegt, wird weiter eingeengt durch die Beziehung auf ein bestimmtes Paar von
homogenen Stoffen, auf eine bestimmte Temperatur, auf eine bestimmte Dichte
oder einen gewissen Druck, auf das Fehlen jeder magnetischen und elektrischen
Potentialdifferenz innerhalb dieser Stoffe. Wenn wir ein physikalisches Gesetz
auf einen bestimmten Stoff beziehen, so bedeutet dies, daß das Gesetz für einen Raum gelten soll, in welchem noch die bekannten Reaktionen dieses Stoffes
nachweisbar sind. Diese ergänzenden Bestimmungen werden gewöhnlich durch
den bloßen Namen des Stoffes gedeckt und verdeckt. Die physikalischen
Gesetze, welche für den leeren Raum gelten, beziehen sich eben auch nur auf
bestimmte Werte der elektrischen und magnetischen Konstanten usw.; durch
Anwendung eines Satzes auf einen Stoff führen wir weitere Bestimmungen
(Bedingungsgleichungen) ein, gerade so, als wenn wir von einem geometrischen
Satz sagen, daß derselbe für ein Dreieck, für ein Parallelogramm oder für einen
Rhombus gilt.“[167]
Sodann – in gleichfalls schon erörtertem Sinne – für die Kräfte. „Es liegt im
Sinne der Galilei-Newtonschen Mechanik“, heißt es, die früheren Ausführungen
ergänzend, „alle Verbindungen durch Kräfte ersetzt zu denken, welche die von
den Verbindungen geforderten Bewegungen bestimmen. Man kann sich also
auch umgekehrt vorstellen[168], daß alles, was uns als Kraft erscheint, von einer
Verbindung herrührt. Bedenkt man nun, daß in beiden Fällen, ob Kräfte oder
Verbindungen vorausgesetzt werden, die tatsächliche Abhängigkeit der
Massenbewegungen voneinander für jede augenblickliche Konformation des
Systems durch lineare Differentialgleichungen zwischen den Coordinaten der
Massen gegeben ist, so kann man das Bestehen letzterer Gleichungen als das
Wesentliche ansehen.“[169]
Die heutige Physik strebt also danach, jede Erscheinung als Funktion anderer
Erscheinungen und gewisser Raum- und Zeitlagen darzustellen.[170] Nun haben
wir aber gehört, daß Raum und Zeit selbst wieder nur Begriffe für einen
gewissen Zusammenhang von Erscheinungen sind; die Schwingungen eines
Pendels beispielsweise gehen dann in der Zeit vor sich, wenn dessen Exkursion
von der Lage der Erde abhängt[171], die Zeitmessung läuft also hier auf eine
Winkel- oder Bogenmessung hinaus.[172] Denkt man sich nun den Verlauf
verschiedener Tatsachen durch Gleichungen dargestellt, welche die Zeit
enthalten, so kann aus ihnen die Zeit eliminiert (und etwa ein
Temperaturüberschuß bei solcher Elimination durch den Fallraum bestimmt)
werden; die Erscheinungen stellen sich dann einfach als abhängig voneinander
dar[173]; die besondere Betonung von Raum und Zeit ist also überhaupt
überflüssig, da Raum und Zeitbeziehungen wieder nur auf Abhängigkeiten der
Erscheinungen hinauslaufen.[174]
Dadurch verweisen die Gleichungen der Physik aber auf einen ganz
allgemeinen Zusammenhang. Denn eine Funktion der Zeit sein, heißt dann nur, von bestimmten Raumlagen abhängen, und alle Raumlagen sind Funktionen der
Zeit, heißt: für das Weltall hängen alle Raumlagen voneinander ab; da aber die
Raumlagen nur an den Zuständen erkannt werden können, können wir auch
sagen, alle Zustände hängen voneinander ab.[175] In unseren Zeitvorstellungen
drückt sich also der tiefgehendste und allgemeinste Zusammenhang der Dinge
aus[176], ebenso aber auch in den räumlichen Vorstellungen, denn jede Bewegung
eines Körpers K ist eine Beziehung zu anderen Körpern A B C ...[177] und schon,
wenn man sagt, ein Körper behalte seine Richtung und Geschwindigkeit im
Raume bei, liegt darin eine Anweisung auf Beachtung der ganzen Welt.[178]
Fassen wir zusammen: Wir haben bereits zugegeben, daß der Funktionsbegriff
das eigentliche Vehikel der modernen Physik ist; wir gestanden zu, daß das
Fundament der Begriffe in der Erfahrung gesucht werden müsse, daß die
Gleichungen, die diese Erfahrungen beschreiben, in erster Linie funktional sind,
und wir können uns nicht dagegen verschließen, daß Kraft, Ding, Kausalität in
der wissenschaftlichen Darstellung stark in den Hintergrund treten oder,
wenigstens ihrer ursprünglichen Form nach, aus ihr verschwinden.
Allein was bedeutet dies? – Man kann solche Begriffe nicht gut vermeiden,
zumindest verhindert dies die Umständlichkeit einer anderen Ausdrucksweise;
auch Mach bedient sich ihrer für den „Hand- und Hausgebrauch“.[179]
Andererseits liegen diese Begriffe nicht nur in der physikalischen, sondern auch
in der philosophischen Interessensphäre. Von den ungleichen Erfolgen beider
Wissenschaften ganz abgesehen, drängt daher schon das methodische Interesse
nach einer Scheidung der Anteile. Es ist also ganz natürlich, daß der Physiker
strebt, das von ihm Erreichte vor philosophischen Ueberraschungen zu sichern,
seine Gesetze, Kräfte, stofflichen Konstanten usw. von ihrer weiteren
philosophischen Verarbeitung und Fundierung unabhängig zu machen. Das
natürliche Mittel dazu ist eine scharfe Abgrenzung. Etwa so, daß man sagt: Mag
dieses X zuletzt sein, was es wolle, für mich, den Physiker, ist es nur das, als was
es in meinen Gleichungen fungiert. –
Dieses Streben ist alt. Schon Newton gebraucht in seinem Sinne das Wort
Kraft nur für die unbekannte Ursache bekannter Vorgänge; weiter geht er nicht;
er will mit dieser Begriffsbildung jedoch nicht der Diskussion vorgreifen,
sondern nur die bisher erhaltenen Resultate so fixieren, daß sie für sich bestehen
bleiben, gleichgültig, welche Fundamente ihnen späterhin noch unterlegt
werden. Ebenso schreibt Fechner: Kraft ist der Physik überhaupt weiter nichts
als ein Hilfsausdruck zur Darstellung der Gesetze des Gleichgewichts und der
Bewegung, welche beim Gegenüber von Materie und Materie gelten; nichts als
das Gesetz kennt der Physiker von der Kraft, durch nichts sonst weiß er sie zu
charakterisieren. Und aus der letzten Zeit ist Kirchhoff zu nennen, der, ermüdet
von dem unfruchtbaren Streit über Kraft und Materie, ihre Natur, ihr
gegenseitiges Verhältnis u. dgl., diese Fragen von der Mechanik (ihrem
Mutterboden) dadurch ausschloß, daß er als die Aufgabe dieser Wissenschaft die
einfachste unzweideutigste Beschreibung der Bewegungen der Körper hinstellte
und das Wort Kraft statt für eine metaphysische Bewegungsursache lediglich als
Namen für gewisse algebraische Ausdrücke gebrauchte, die bei der
Beschreibung der Bewegungen ständig vorkommen. In dieselbe Richtung fällt
dann die Hertzsche Darstellung der Mechanik, z. T. die energetische
Behandlungsweise der Physik, die Maxwellsche Elektrizitätstheorie u. a.
Allein so sehr dies für Mach zu sprechen scheint und obwohl er sich nicht nur
auf die modernen Darstellungsweisen beruft, sondern sogar auf direkte
Aussprüche von Kirchhoff und anderen Physikern[180], so ist dies alles
tatsächlich doch noch sehr von seinen Bestrebungen zu unterscheiden. Denn
wenn man sagt: ich als Physiker kann mich mit diesem Gegenstande nur in
dieser Bedeutung befassen, so ist das bloß eine Wandlung der Aufgabe, aber
noch keine der Sache, es schließt andere Interessen keineswegs aus, das Betonen
des spezifisch physikalischen Standpunkts enthält durchaus noch keine
„antimetaphysische“ Tendenz.
Damit kommen wir aber auf das eigentlich Entscheidende, auf das Spezifische
der Machschen Position, auf das, was nicht mehr der modernen Physik
schlechtweg, sondern speziell nur ihm eigentümlich ist. Er sagt, die
besprochenen Begriffe verschwinden nicht nur von der Oberfläche, sondern sie
fallen überhaupt aus; sie sind auf Grund der Sachlage sowohl unmöglich als
auch überflüssig, denn das wissenschaftliche Weltbild ist auch ohne sie
vollständig in sich geschlossen.
Das alles soll in den funktionalen Gleichungen liegen. Aber, fragen wir uns,
was ist ihnen denn eigentlich zu entnehmen? Sie zielen auf die Berechnung
gewisser Merkmale auseinander; Mach wendet dies so, daß diese Abhängigkeit
nur als logische erscheint, daß statt der Ursache nur die Rolle des
Erkenntnisgrundes bleibt. Aber dies ist eine unvollständige Betrachtungsweise.
Denn selbstverständlich entspricht auch der in einer funktionalen Gleichung
ausgedrückten Verknüpfung eine reale Abhängigkeit in der Natur, und wenn es
gelingt, die Begriffe Kraft, Substanz, Kausalität u. dgl. auf Grund solcher
funktionaler Gleichungen auszugestalten, so wird für diese Begriffe das gleiche
gelten. Dabei tut es gar nichts zur Sache, ob diese Begriffe in den speziellen
historischen Formen, die Mach angreift, unhaltbar sind oder nicht, denn wir
haben es hier nicht mit den Resultaten spezieller Bemühungen zu tun, sondern
mit deren Existenzberechtigung überhaupt, und man muß zudem bedenken, daß
diese Begriffe sehr wandlungsfähig sind und ihre Ausbildung noch nicht
abgeschlossen ist.
Aus diesem Grunde ist auch der Gedanke, dem wir bei Besprechung des
Substanzbegriffes begegneten, daß diesem in der Natur keine wirkliche
Beständigkeit entspreche, nicht entscheidend. Denn wenn wir den Inhalt dieses
Einwandes prüfen, so kommt er darauf hinaus, daß das vom Substanzbegriff mit
den modernen Mitteln Festgestellte nicht das Verharren einer zeitlich-räumlich
individuierten Einheit, sondern das einer „Gruppe“ funktioneller Abhängigkeiten
sei, die als Reaktionen „da und dann“ auftreten; es besteht aber gar keine
Nötigung (zumindest weist Mach keine nach), den philosophischen
Substanzbegriff gerade auf die von ihm angegriffene Form festzulegen. Ist
dadurch allein schon dem Angriff die Spitze genommen, so schwindet seine
Berechtigung noch weiter durch die Ueberlegung, daß ja schon in jener
Beständigkeit der Reaktionen, von der Mach selbst spricht, ein Hinweis auf ein
Beharrendes und in der ständigen Zusammengehörigkeit und Wechselbeziehung
einer Gruppe von Gleichungen ein Hinweis auf ein die durch sie ausgedrückten
Beziehungen einigendes reales Moment liegt, um so mehr, wenn man, wie
Mach, das Wesen der Gleichungen in einer Nachbildung der Tatsachen erblickt.
Gleichgültig, wie dieses korrespondierende Reale bei genauerer
erkenntnistheoretischer Analyse der ganzen Beziehung zu denken sein wird, darf
man es also auch schon jetzt nicht vernachlässigen, ohne einfach eine Frage
unberücksichtigt zu lassen, deren Stellung durch die Tatsachen gefordert ist.
Und das gleiche gilt für den zweiten angegriffenen Fundamentalbegriff, den
der Kausalität; auch auf ihn wird man schon durch die Tatsachen selbst verwiesen. Beispielsweise ist durch die betreffende Gleichung rein funktional
ein gewisser Arbeitsbetrag an einen bestimmten Wärmebetrag geknüpft;
daneben gilt aber auch, was sich allerdings nicht in der Gleichung ausdrückt,
wohl aber zu ihrer Diskussion gehört, daß etwa Reibung Wärme erzeugt, Wärme
aber nicht – bezw. nur auf einem ganz anderen, indirekten Wege – Reibung. Die
Voraussetzung, daß sich alle solchen einsinnigen, gerichteten Zusammenhänge
in simultane, invertible auflösen lassen, ist vorläufig Zukunftsmusik, aber auch
wenn der genau erforschte Zusammenhang so sein sollte, wie es Mach in dem
Beispiel des Schusses voraussetzt, so würde dies noch nicht ausschließen, daß
kausale Relationen zwischen Gliedern solcher Prozesse bestehen, die eben nicht
unmittelbar benachbart sind. Das ist Sache der Durchbildung der Kausalität.
Mach selbst erwähnt die Tatsache, daß, wenn zwei physikalische Größen
zusammenhängen, wohl der Aenderung der einen eine der anderen entsprechen
könne, daß dies aber nicht immer auch umgekehrt der Fall sein müsse.[181]
Wertänderungen physikalischer Größen finden unter Umständen nur in einem
bestimmten Sinne statt. „Von den beiden analytischen Möglichkeiten ist nur die
eine wirklich. Ein metaphysisches Problem brauchen wir hierin nicht zu sehen,“
sagt Mach.[182] Aber zweifellos liegt in der Tatsache, daß hier nur die eine
analytische Möglichkeit wirklich ist, in anderen Fällen aber beide einen
physikalischen Sinn haben, etwas, das über die bloß funktionale Abhängigkeit
hinausweist.[183] Eine tatsächliche Grundlage der so einfach ausgemerzten
Begriffe ist also jedenfalls doch vorhanden. Und diese tatsächliche Grundlage ist
es, die Mach nirgends genügend in Rechnung stellt. Er behandelt die
Gleichungen lediglich als rechnerische Hilfen, als denkökonomische Mittel, die
„nur logische“ Abhängigkeit behandelt er, wie wir im nächsten Abschnitt noch
deutlicher sehen werden, wie eine willkürliche. Dann freilich erscheinen auch
die auf solchen Gleichungen ruhenden Begriffe ohne sachliche Unterlage,
gleichsam nur als fliegende Stützen, die man aufstellt und abbricht, wo es einem
gut erscheint. Aber das ist eine Ueberspannung der Sachlage.
Oder sollte der Hinweis auf den allgemeinen Zusammenhang sie retten? Alle
Zustände hängen voneinander ab, haben wir gehört. Ohnedies setzen die
Begriffe die Gleichungen, die Gleichungen aber die Begriffe voraus. Liegt es da
nicht nahe, daß beides nur Provisorien sind, daß wir mit beiden nichts tun, als
gewisse dennoch nicht völlig loslösbare Momente aus dem allgemeinen
Zusammenhang herauszugreifen?[184] In der Tat ist dies der Sinn; eine Art
πὰνταῥεῖ. Er spielte schon in den vorigen Abschnitt hinein, wir haben aber dort
schon und in der Folge hervorgehoben, daß in dem allgemeinen Flusse der
Erscheinungen gleichfalls sehr bestimmte Anhaltspunkte zur Bildung gewisser –
sehr wohl „durch die Erfahrungen kontrollierbarer“[185], weil auf ihnen als
Grundlage aufgebauter – Begriffe liegen. Um im Herakliteischen Gleichnis zu
bleiben: der Fluß der Erscheinungen zeigt gewisse Eigentümlichkeiten der
Strömung, die die Annahme fester, richtunggebender Gefüge erschließen lassen,
auch wenn diese nicht unmittelbar sichtbar sind. Dem entgegen betont Mach
Anhaltspunkte, die auf eine immer weitere Auflösung hinweisen. Aber man kann
es wenden, wie man will, berücksichtigt man die Schwierigkeiten, auf die wir
bei jedem Schritt dieses Weges Machs verweisen konnten, und die stets übrig
gebliebenen Möglichkeiten des Andersseins, so ergeben sich aus seinen
Ausführungen wohl Einwände, Direktiven, Anhaltspunkte, aber keine
stringenten Nachweise.
Andrerseits mußten auch wir uns in dem gegebenen Rahmen mit Hinweisen
und Andeutungen begnügen. Alles in Allem stehen sich daher hier zwei
Ansichten gegenüber. Beide glauben sich nach den Erfahrungen zu richten, aber
die eine weist nach links, die andere nach rechts. Auf eine Widerlegung Machs
durch Ausbau der entgegenstehenden Ansicht müssen wir verzichten, denn wir
wollen hier weder mit eigenen Untersuchungen einsetzen, noch auch uns bloß
auf fremde berufen, die Mach vielleicht gar nicht anerkennt. Also bleibt uns nur
übrig nachzuprüfen, ob die Machsche Anschauungsweise zumindest in sich
selbst genügend gefestigt und in wenigstens widerspruchsfreier Weise ausgebaut
sei.
Daß dem nicht so ist, werden wir durch noch eingehendere Betrachtung im
nächsten Abschnitt feststellen können.