Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs
5. Ergänzung der Bedeutung des Begriffs „funktionale Verknüpfung“ durch Leugnung der Naturnotwendigkeit. Die Elemententheorie. Endgültige Widersprüche.
5. Ergänzung der Bedeutung des Begriffs „funktionale
Verknüpfung“ durch Leugnung der
Naturnotwendigkeit. Die Elemententheorie.
Endgültige Widersprüche.
Wir gelangten im vorigen Abschnitt zu der Ansicht, daß Mach die funktionale
Verknüpfung ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Erkenntnisgrund und -
Folge betrachtet und zudem übersieht, daß auch eine logische Verknüpfung nur
dann einen Erkenntnisgrund abgeben kann, wenn sie durch eine sachliche
Grundlage gerechtfertigt ist.
Wir werden diese Interpretation, die uns zum Verständnis der Machschen
Haltung notwendig schien, nun weiter untersuchen und werden sehen, daß sie
tatsächlich zutrifft.
Man höre zunächst folgende Ausführungen, die die im vorigen Abschnitt
bereits wiedergegebenen über Kausalität ergänzen: Mach knüpft dabei an Humes
Satz an, daß der Grund aller kausalen Urteile nur in einer gewohnheitsmäßigen
Erwartung liege. Er fügt dem hinzu, daß wir daher auch je nach den Umständen
über die Verknüpfung zweier Tatsachen sehr verschieden urteilen: manchmal
denken wir kaum an ihre Möglichkeit, manchmal stehen wir geradezu unter
einem psychischen Zwang, erscheint sie uns notwendig. Und er interpretiert dies
so: es erscheint z. B. eine bestimmte Wurfbahn mit Notwendigkeit an die
Anfangsgeschwindigkeit und -Richtung geknüpft. In der Tat nun ist der Vorgang
damit gegeben, wenn er den bekannten phoronomischen Gesetzen entspricht;
dann wird die gerichtete Anfangsgeschwindigkeit zum Erkenntnisgrund, aus
dem sich die Bahnelemente als logisch notwendige Folge ergeben. Diese
logische Notwendigkeit fühlt man nun freilich, man muß aber auch daran
denken, daß sie nur unter der angegebenen Bedingung besteht und daß deren
Erfülltsein einfach durch die Erfahrung gegeben ist, ohne im geringsten auf einer
Notwendigkeit zu beruhen.[186]
Man kann schon hieraus entnehmen, wie ausschließlich Mach bloß die
Notwendigkeit der logischen Abfolge hervorhebt und eine andere gar nicht
gelten läßt. Und ebenso heißt es an anderen Stellen: „Wenn ich finde, daß eine
physikalische Tatsache sich so verhält wie meine Rechnung oder meine
Konstruktion, so kann ich nicht zugleich das Gegenteil annehmen. Ich muß also
den physikalischen Erfolg mit derselben Sicherheit erwarten, mit welcher ich das
Ergebnis der Rechnung oder Konstruktion als richtig ansehe. Diese logische
Notwendigkeit ist aber selbstredend wohl zu unterscheiden von der
Notwendigkeit der Voraussetzung des Parallelismus zwischen der physikalischen
Tatsache und der Rechnung, welche letztere stets auf einer gewöhnlichen
sinnlichen Erfahrung beruht. Auf der Uebung die Vorstellung der Tatsachen mit
jener ihres allseitigen Verhaltens fest zu verbinden, beruht die starke Erwartung
eines bekannten Erfolges, der dem Naturforscher wie eine Notwendigkeit
erscheint. So bildet sich das heraus, was man gewöhnlich als Gefühl für die
Kausalität bezeichnet.“[187] Ferner: „Der physikalische Tatsachenkomplex ist
einfach oder läßt sich wenigstens in vielen Fällen durch das Experiment so
einfach gestalten, daß die unmittelbaren Zusammenhänge sichtbar werden.
Haben wir uns nun durch genügende Beschäftigung mit diesem Gebiete Begriffe
von der Art dieser Zusammenhänge erworben, die wir für den Tatsachen
allgemein entsprechend halten, so müssen wir mit logischer Notwendigkeit
erwarten, daß auch jede vorkommende Einzeltatsache diesen Begriffen
entspricht. Hierin liegt aber keine Naturnotwendigkeit. Das ist das „kausale“
Verständnis.“[188] Endlich wird aber direkt gesagt: „Es gibt nur die logische
Notwendigkeit: wenn der Tatsache A gewisse Eigenschaften zukommen, so kann
ich nicht zugleich davon absehen. Daß sie ihr aber zukommen, ist einfach eine
Erfahrungstatsache. Eine physikalische Notwendigkeit existiert nicht.“[189]
Sucht man die Bedeutung dieser Aussprüche zu fassen, so kann daher gar kein
Zweifel herrschen, daß Mach – wie schon erwähnt – für eine Notwendigkeit nur
die logische hält und daß er in dieser überdies anscheinend nur eine
psychologische sieht, denn, heißt es, wenn man finde, daß A das Verhalten B
zeige, daß A B sei usw., so könne man nicht zugleich davon absehen, müsse man
mit Notwendigkeit erwarten u. dgl.[190] Weniger klar ist es, was Mach eigentlich
zu dieser Einschränkung und zu dieser Verwechslung bewegt und welchen Sinn
er selbst damit verbindet.
Wir betrachten daher zunächst einen ergänzenden Gedankengang, dessen Kern etwa folgender ist: „Erklären heißt Zurückführen komplizierter Tatsachen
auf möglichst wenige und einfache. Diese einfachsten Tatsachen sind an sich
immer unverständlich, d. h. nicht weiter zerlegbar, z. B. die, daß eine Masse
einer anderen eine Acceleration erteilt. Es ist nun nur eine ökonomische Frage
und eine Frage des Geschmacks, bei welchen Unverständlichkeiten man stehen
bleiben will. Man täuscht sich gewöhnlich darin, daß man meint,
Unverständliches auf Verständliches zurückzuführen. Allein das Verstehen
besteht eben im Zerlegen. Man führt ungewöhnliche Unverständlichkeiten auf
gewöhnliche Unverständlichkeiten zurück. Man gelangt schließlich immer zu
Sätzen von der Form, wenn A ist, ist B, also Sätzen, die aus der Anschauung
folgen müssen, die also nicht weiter verständlich sind.“[191] Das heißt also, eine
Erklärung, ein Verstehen, ist nichts als ein Zurückführen auf Bekanntes, ein
Zerlegen in Einfaches. „Es handelt sich immer nur darum, in allen Tatsachen
dieselben Elemente zu erkennen, oder, wenn man will, in einer Tatsache die
Elemente einer anderen, schon bekannten wiederzufinden,“[192] sagt Mach, denn,
„wenn wir ein Gebiet von Tatsachen zum erstenmal überschauen, erscheint es
uns mannigfaltig, ungleichförmig, verworren und widerspruchsvoll. Es gelingt
zunächst nur, jede einzelne Tatsache ohne Zusammenhang mit den übrigen
festzuhalten. Das Gebiet ist uns, wie wir sagen, unklar. Nach und nach finden
wir die einfachen, sich gleich bleibenden Elemente der Mosaike, aus welchen
sich das ganze Gebiet in Gedanken zusammensetzen läßt. Sind wir nun soweit
gelangt, überall in der Mannigfaltigkeit dieselben Tatsachen wieder zu erkennen,
so fühlen wir uns in diesem Gebiete nicht mehr fremd, wir überschauen es ohne
Anstrengung, es ist für uns erklärt.“[193] Denn in der Tat halten wir einen
„Vorgang für erklärt, wenn es uns gelingt, in demselben bekannte einfache
Vorgänge zu erblicken;“[194] „wird einmal die Erfahrung“ die „Tatsachen
klargelegt und die Wissenschaft sie ökonomisch übersichtlich geordnet haben,
dann ist nicht zu zweifeln, daß wir sie auch verstehen werden; denn ein anderes
Verstehen als Beherrschung des Tatsächlichen in Gedanken hat es nie gegeben.
Die Wissenschaft schafft nicht eine Tatsache aus der anderen, sie ordnet aber die
bekannten.“[195] Mach stützt sich dabei auf naturwissenschaftliche Beispiele,
deren einige wir nun wiedergeben, um zu sehen, in welcher Hinsicht er dies tun
kann: Archimedes leitete seinen allgemeinen Hebelsatz (Gleichheit des
Produktes von Last und Hebelarm beiderseits des Aufhängepunktes als
charakteristisch für den Gleichgewichtsfall) aus dem von ihm als
selbstverständlich hingestellten Satze ab, daß gleich schwere Größen in gleicher
Entfernung vom Unterstützungspunkte wirkend im Gleichgewicht sein müssen.
Er hält also tatsächlich den Fall für erklärt, „wenn es gelingt, in demselben
bekannte einfachere Vorgänge zu erblicken“.[196] In Wirklichkeit ist aber auch der einfache Satz nicht selbstverständlich, denn um ihn anzunehmen, muß man
schon eine Menge von Voraussetzungen machen, wie daß die Stellung des
Beschauers, Vorgänge in der Nachbarschaft u. dgl. keinen Einfluß üben.[197] Er
ist also tatsächlich nur der Ausdruck einer Erfahrung, und die Erklärung mit
seiner Hilfe erscheint als eine Reduktion auf eine bekannte, aber an sich ebenso
uneinsichtige Tatsache, wie es die abgeleitete ist. Ebenso steht es aber auch
selbst mit den umfassendsten Gesetzen, die die Deduktion ganzer
Erfahrungsgebiete gestatten, wie etwa dem Prinzip der virtuellen
Verschiebungen. Es läßt sich nachweisen, daß auch diese nicht mehr enthalten
als die Anerkennung irgend einer fundamentalen Tatsache, hier z. B. der, daß
bestimmte Naturvorgänge von selbst nur in einem und nicht im
entgegengesetzten Sinn ablaufen[198], speziell daß schwere Körper sich von
selbst nur abwärts bewegen.[199] Des Beispiels der Erklärung der
Planetenbewegungen durch das Gravitationsgesetz gedachten wir schon früher,
es gehört aber auch hieher. Zu erklären sind die durch Kepler beschriebenen
Bahnen der Planeten. Newton denkt sich ihre Bewegung so, wie wenn sie an
einem Faden kreisen würden; da die Rechnung dann die dazu nötige
Fadenspannung ergibt, kann er konstatieren, daß sich die Planeten so bewegen
wie schwere Körper, die man an einem Faden von bestimmter Spannung
umschwingt, daß also die irdische Schwere auch auf sie Anwendung findet.[200]
Ersetzt man nun die Fadenspannung durch die Voraussetzung der bloßen
Spannung bezw. Anziehung zwischen den einzelnen Massenteilchen, wie sie
durch die bekannte Formel für die Größe der Gravitation ausgedrückt wird, so
ändert sich dadurch nichts an dem Charakter des ganzen Zusammenhanges als
der Konstatierung einer Tatsache, genauer als der generellen Beschreibung einer
Tatsache in den Elementen.[201]
Mach bemerkt ferner zu solchen Beispielen: „Der Beweis der Richtigkeit
einer neuen Regel kann dadurch erbracht werden, daß diese Regel oft
angewandt, mit der Erfahrung verglichen und unter den verschiedensten
Umständen erprobt wird. Dieser Prozeß vollzieht sich im Lauf der Zeit von
selbst. Der Entdecker wünscht aber rascher zum Ziel zu kommen. Er vergleicht
das Ergebnis seiner Regel mit allen ihm geläufigen Erfahrungen, mit allen
älteren bereits vielfach erprobten Regeln, und sieht nach, ob er auf keinen
Widerspruch stößt. Archimedes beweist in der angedeuteten Art sein
Hebelgesetz, Stevin sein Gesetz des schiefen Druckes, Daniel Bernoulli das
Kräfteparallelogramm, Lagrange das Prinzip der virtuellen Verschiebungen. Nur
Galilei ist sich bei letzterem Satz vollkommen klar darüber, daß seine neue
Beobachtung und Bemerkung jeder anderen älteren ebenbürtig sei, daß sie aus derselben Erfahrungsquelle stamme. Er versucht gar keinen Beweis. Es ist ganz
in der Ordnung, daß bei Gelegenheit einer neuen Entdeckung alle Mittel
herangezogen werden, welche zur Prüfung einer neuen Regel dienen können.
Wenn aber die Regel nach Verlauf einer entsprechenden Zeit genügend oft direkt
erprobt worden ist, geziemt es der Wissenschaft zu erkennen, daß ein anderer
Beweis ganz unnötig geworden ist, daß es keinen Sinn hat, eine Regel für mehr
gesichert zu halten, indem man sie auf andere stützt, welche (nur etwas früher)
auf ganz demselben Wege der Beobachtung gewonnen worden sind, daß eine
besonnene und erprobte Beobachtung so gut ist als eine andere.... In der Tat führt
diese Sucht, zu beweisen, in der Wissenschaft zu einer falschen und verkehrten
Strenge. Einige Sätze werden für sicherer gehalten und als die notwendige und
unanfechtbare Grundlage anderer angesehen, während ihnen nur der gleiche oder
zuweilen sogar nur ein geringerer Grad der Sicherheit zukommt. Eben die
Klarlegung des Grades der Sicherheit, welchen die strenge Wissenschaft
anstrebt, wird hierbei nicht erreicht.“[202] „Wie kann nun,“ fragt sich Mach
weiter, „der Eindruck entstehen, daß eine Erklärung mehr leistet als eine
Beschreibung? Wenn ich zeige, daß ein Vorgang A sich so verhält wie ein
anderer mir besser vertrauter B, so wird mir A hiermit noch vertrauter, ebenso
wenn ich zeige, daß A aus der Folge oder dem Nebeneinander der mir bereits
bekannten B C D besteht.[203] Hiermit ist aber nur ein Tatsächliches durch ein
anderes Tatsächliches, eine Beschreibung durch andere und vielleicht schon
besser bekannte Beschreibungen ersetzt. Die Sache kann mir dadurch geläufiger
werden, es kann sich dadurch eine Vereinfachung ergeben, im Wesen derselben
tritt aber keine Aenderung ein. Fragen wir, wann uns eine Tatsache klar ist, so
müssen wir sagen, dann, wenn wir dieselbe durch recht einfache, uns geläufige
Gedankenoperationen nachbilden können.“[204]
Wir wollen nun gleich ohne Unterbrechung einen dritten Gedankengang
anreihen, der mit den bisherigen zusammengehört; Mach betrachtet die
Naturgesetze als bloße Tabellen einzelner Tatsachen, Ableitungsregeln,
Herstellungsregeln, kompendiöse Anweisungen für das Gedächtnis. Eine Reihe
markanter Aeußerungen möge dies deutlich machen:
„Wenn uns alle Tatsachen unmittelbar zugänglich wären, so wie wir nach
Kenntnis derselben verlangen, so wäre nie eine Wissenschaft entstanden. Weil
das Gedächtnis des Einzelnen ein beschränktes ist, muß das Material geordnet
werden. Dies geschieht durch eine Ableitungsregel. Diese ersetzt die riesige
Tabelle. Sie („diese Ableitungsregel, diese Formel, dieses Gesetz“) hat nun nicht
im mindesten mehr sachlichen Wert als die einzelnen Tatsachen zusammen. Ihr
Wert liegt bloß in der Bequemlichkeit des Gebrauchs, ist ein ökonomischer.“[205]
Und ganz ähnlich sind die folgenden Ausführungen: „Wenn ein Anatom, die
übereinstimmenden und unterscheidenden Merkmale der Tiere aufsuchend, zu
einer immer feineren Klassifikation gelangt, so sind die einzelnen Tatsachen,
welche die letzten Glieder des Systems darstellen, doch so verschieden, daß
dieselben einzeln gemerkt werden müssen. Die Physik hingegen zeigt uns ganze
große Gebiete qualitativ gleichartiger Tatsachen, die sich nur durch die Zahl der
gleichen Teile, in welche deren Merkmale zerlegbar sind, also nur quantitativ
unterscheiden. Hier ist die Klassifikation eine so einfache Aufgabe, daß sie als
solche meist gar nicht zum Bewußtsein kommt und selbst bei unendlich feinen
Abstufungen, bei einem Kontinuum von Tatsachen, liegt das Zahlensystem im
voraus bereit, beliebig zu folgen. Die koordinierten Tatsachen sind hier sehr
ähnlich und verwandt, ebenso deren Beschreibungen, welche in einer
Bestimmung der Maßzahlen gewisser Merkmale mittels geläufiger
Rechnungsoperationen, d. i. Ableitungsprozessen bestehen. Hier kann also das
Gemeinsame aller Beschreibungen gefunden, damit eine zusammenfassende
Beschreibung oder eine Herstellungsregel für alle Einzelbeschreibungen
angegeben werden, die wir eben das Gesetz nennen.“[206] „Isolierten Tatsachen
gegenüber bleibt nichts übrig, als dieselben einfach im Gedächtnis zu behalten.
Kennt man jedoch ganze Gruppen von untereinander verwandten Tatsachen von
der Art, daß die beiden zusammengehörigen Merkmale A und B derselben je
eine Reihe bilden, deren Glieder sich nur durch die Zahl der gleichen Teile
unterscheiden, in welche sich dieselben zerlegen lassen, so kann man eine
bequemere Uebersicht und gedankliche Darstellung gewinnen. Sowohl die
Einfallswinkel (A) als auch die Brechungswinkel (B) einer Reihe von
einfallenden Strahlen, sowohl die Temperaturüberschüsse (A) als die
Temperaturverluste per Minute (B) abkühlender Körper lassen sich in gleiche
Teile zerlegen, und jedem Glied der Reihe A ist ein Glied der Reihe B
zugeordnet. Eine systematisch geordnete Tabelle kann nun die Uebersicht
erleichtern, das Gedächtnis unterstützen oder vertreten. Hier beginnt die
quantitative Forschung, welche, wie man sieht, ein Spezialfall der qualitativen
Untersuchung ist, der nur auf Tatsachenreihen von einer besonderen Art der
Verwandtschaft anwendbar ist. Eine neue Erleichterung tritt ein, wenn die ganze
Tabelle durch eine kompendiöse Herstellungsregel ersetzt werden kann, wenn
man z. B. sagen kann: Multipliziere den Temperaturüberschuß des abkühlenden
Körpers mit dem Koeffizienten µ, so erhältst du den Temperaturverlust µ.µ per
Minute.“[207] „Es ist schon bemerkt worden, daß quantitative wissenschaftliche
Aufstellungen als einfachere und zugleich umfassendere Spezialfälle qualitativer
Aufstellungen anzusehen sind. Zink gibt in verdünnter Schwefelsäure eine farblose, Eisen eine blaßblaugrüne, Kupfer eine blaue Lösung, Platin gar keine.
Ist ein Glas in einem mit Manometer und Thermometer versehenen Gefäß
eingeschlossen, so finde ich für verschiedene Thermometeranzeigen
verschiedene Manometerstände. Auch hier habe ich zunächst eine Reihe
verschiedener Fälle, die jedoch untereinander große Aehnlichkeit haben und sich
nur durch die Zahl der Längeneinheiten der Manometersäule unterscheiden.
Trage ich in einer Tabelle zu jedem Thermometerstand den Manometerstand ein,
so folge ich eigentlich nur dem Schema bei obiger chemischer Aufstellung.
Allein ich habe schon den Vorteil, daß die Thermometer- und Manometerstände
je eine Reihe bilden, deren Glieder ich durch Anwendung des Zahlensystems
ohne neue Erfindung in beliebig feiner Weise unterscheiden kann. Ein weiterer
Blick lehrt mich, daß die einzelnen in der Tabelle dargestellten Fälle
untereinander die große Aehnlichkeit zeigen, daß jeder Manometerstand aus dem
Thermometerstand durch eine einfache Zähloperation gewonnen werden kann,
daß diese Operation für alle Fälle in der Art übereinstimmt, daß demnach die
ganze Tabelle durch eine zusammenfassende Herstellungsregel derselben:
p = p0 (1+t)
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ersetzt und überflüssig gemacht werden kann. U. s. w.“[208] „Bei höher
entwickelten Wissenschaften gelingt es, die Nachbildungsanweisungen für sehr
viele Tatsachen in einen einzigen Ausdruck zu fassen. Statt z. B. die
verschiedenen vorkommenden Fälle der Lichtbrechung uns einzeln zu merken,
können wir alle vorkommenden sofort nachbilden oder vorbilden, wenn wir
wissen, daß der einfallende, der gebrochene Strahl und das Loth in einer Ebene
liegen und sin α /sin β = n ist. Wir haben dann statt der unzähligen
Brechungsfälle bei verschiedenen Stoffkombinationen und Einfallswinkeln nur
diese Anweisung und die Werte derselben zu merken, was viel leichter angeht.
Die ökonomische Tendenz ist hier unverkennbar. In der Natur gibt es auch kein
Brechungsgesetz, sondern nur verschiedene Fälle der Brechung. Das
Brechungsgesetz ist eine zusammenfassende konzentrierte
Nachbildungsanweisung für uns, und zwar nur bezüglich der geometrischen
Seite der Tatsache.“[209] Von der Herstellungsregel oder Anweisung wird aber
überdies noch bemerkt: „Das praktische Bedürfnis erfordert eine geläufige und
sichere Anwendung der wissenschaftlichen Aufstellungen. Diese wird gefördert,
indem man neue Beziehungen auf bereits bekannte zurückführt. Weist man aus
praktischen Gründen darauf hin, daß eine Tatsache A sich so verhält wie eine uns
geläufigere B, so kann letztere auch eine persönliche Tätigkeit, eine Rechnungsoperation oder geometrische Konstruktion sein. Die Fallräume
verhalten sich wie die Zahlen, die wir durch Quadrieren der Zeitmaßzahlen
erhalten, die Temperaturen von Mischungen wie arithmetische Mittel usw. Je
geläufiger uns solche Operationen und je einfacher sie sind, desto mehr sind wir
befriedigt, desto geringer ist das Bedürfnis nach weiterer Aufklärung, desto
besser verstehen wir die Aufstellung. Die ganze Eigenart, Sicherheit und
Geläufigkeit arithmetischer Operationen überträgt sich auf die Kenntnis der
durch dieselben dargestellten Tatsachen.“[210]
Ueberblicken wir nun diese drei zueinander gehörigen Gruppen von
Gedanken; wir haben sie mit Absicht ausführlich wiedergegeben, denn erstens
sind sie von größter Bedeutung für das ganze System, dessen
erkenntnistheoretische Grundlagen durch sie vollendet werden müssen. Zweitens
lag uns daran, einfach durch sie selbst zu zeigen, daß es ihnen dazu an Klarheit
und Geschlossenheit gebricht.
Klar ist eigentlich nur das eine, was wir schon längst gesehen haben, daß sich
überall die psychologische Betrachtungsweise vordrängt. Es wird von dem
„Fühlen“ einer Notwendigkeit gesprochen, von gewohnheitsmäßigen, starken
„Erwartungen“, von denen man „nicht absehen“ könne, als Erklärung wird ein
Zerlegen in Bekanntes betrachtet, weil wir dann nicht mehr „überrascht“,
„erstaunt“ seien, weil wir dann mit herabgeminderter Anstrengung das betr.
Gebiet „überschauen“ können, klar wird eine Tatsache genannt, die durch recht
einfache und geläufige Gedankenoperationen nachgebildet werden kann, ein
Beweis wird nur als ein Aequivalent für wiederholte Akte direkter Erprobung
betrachtet u. dgl. Und vom Naturgesetz wird eigentlich nur das algebraische
Symbol, die Ableitungsregel, die Nachbildungsanweisung, „die wir eben das
Gesetz nennen“, betrachtet.
Nun ist die psychologische Betrachtung all dieser Gegenstände ja sicher
statthaft, und was Mach darüber sagt, daß man eben auch von dieser Seite mit
einer Untersuchung einsetzen könne[211], ist ohne weiteres zuzugeben. Es fragt
sich aber, ob dies auch hier der Sinn ist? Und keinesfalls ist er dies, wenigstens
nicht der, den der Zusammenhang erfordert. Denn wir wollen und müssen ja
erfahren, warum es n u r logische (= psychologischer) Notwendigkeit, n u r
Ordnen statt Erklären, n u r Tabellen für uns statt Gesetzen für die Sache geben
kann; einzig und allein der Nachweis solcher Ausschließlichkeit kann für uns
von Bedeutung sein, während es ganz irrelevant bleibt, ob neben dem sachlich
notwendigen Zusammenhange auch noch eine subjektive Seite und Funktion der Naturwissenschaft ins Spiel kommt. Ueberlegt man sich dies, so ist aus den
gehörten Ausführungen zwar auch nicht ohne weiteres ein bestimmter Sinn zu
entnehmen, wohl aber kommen nur folgende Bedeutungen in Betracht:
1. Können sie sagen wollen, daß es in der Natur nichts unserem Begriffe von
Notwendigkeit (zu ergänzen: der nur der inneren Wahrnehmung eigen und daher
ein logischer, bezw. psychologischer ist) Adäquates gibt. Das würde heißen, wir
sehen zwar in der Natur Verknüpfungen, die so regelmäßig sind, als ob sie
notwendig wären, aber eine weitere Einsicht in diese Naturnotwendigkeit fehlt
uns, jedes Verstehenwollen ist sinnlos, zumal jedes durch Uebertragung des aus
dem Innenleben gewonnenen Begriffs der Notwendigkeit. Steht man einmal auf
dem Standpunkt, nur diesen als Notwendigkeit zu bezeichnen, so läßt sich wohl
sagen, daß es in der Natur etwas gibt, das in gewisser Hinsicht wie
Notwendigkeit aussieht, aber nicht, daß es Notwendigkeit ist. – Verträglich mit
dieser Interpretation wäre die Auflösung der kausalen Beziehungen in
funktionale, wodurch die Kausalrelation gewissermaßen veräußerlicht wird, weil
wiederum die funktionale Verknüpfung nichts ist als unser mathematisches in
Beziehung Setzen, dem in der Natur zwar etwas, aber nichts Adäquates
entsprechen muß. Ebenso würde vom Gesetz die Auffassung hieher gehören, daß
es nicht mehr besagt als die Tatsachen „zusammengenommen“, daß es nur die
Tatsachen wiedergibt, in dem Sinne etwa gemeint, daß es nichts jenseits, über
den Tatsachen Stehendes ist, das diese lenkt, aus dem ihnen Notwendigkeit
zufließt,[212] oder daß auch nur irgendwie unserem Verständnis näher stünde als
diese. Worauf es dann auch zurückkäme, daß das Erklären von Tatsachen durch
Gesetze und das Ableiten von Gesetzen aus allgemeineren lediglich Erfahrungen
zu einander in Beziehung setzt, die an sich gleich unverständlich sind.
2. Kann sich die Behauptung, daß es Notwendigkeit nur im Gebiet des
Logischen gebe, bloß auf den Grad der Sicherheit beziehen und besagen, daß wir
einer wirklichen Notwendigkeit in der Natur nicht g e w i ß sind, weil unsere
Annahmen dort, als durch Induktion gewonnene, Irrtümern unterworfen sind. So
heißt es: „Die Uebereinstimmung der Begriffe untereinander ist eine logisch
notwendige Forderung, und diese logische Notwendigkeit ist auch die einzige,
die wir kennen. Der Glaube an eine Naturnotwendigkeit entsteht nur, wo unsere
Begriffe der Natur hinreichend angepaßt sind, um Folgerung und Tatsache in
Uebereinstimmung zu halten. Die Annahme einer genügenden Anpassung
unserer Begriffe kann aber jeden Augenblick durch die Erfahrung widerlegt
werden.“[213]
3. Es könnte der Sinn auch dahin zielen, daß die Naturvorgänge, genau
betrachtet, gesetzlos und regellos seien und nur bis zu einem gewissen (für
praktische Bedürfnisse eben hinreichenden) Grade den Anschein des Gegenteils
haben.
Der nächste Schritt muß nun der sein, unter diesen möglichen
Interpretationen, jene auszulesen, die auch in Hinsicht auf den systematischen
Zusammenhang des Ganzen in Betracht kommen, während die anderen als
gleichgültig ausscheiden. Diese Charakteristik bietet auf Grund des reichlichen
Materials, das wir kennen gelernt haben, keine großen Schwierigkeiten.
Zunächst läßt sich von 1) und 2) ohne weiteres feststellen, daß sie für sich
allein keine Bedeutung für das Ganze haben. Denn daß man der
Naturnotwendigkeit gewissermaßen nicht von innen beikommen kann, sondern
nur von außen, daß man nicht die Notwendigkeit sondern nur die
Regelmäßigkeit wahrnimmt und auch diese nicht mit Evidenz sondern nur mit
einer steigerbaren Wahrscheinlichkeit, das ist natürlich eine Eigentümlichkeit
jeder empirischen Wissenschaft, die nicht wegzuleugnen ist, aber auch nie
geleugnet wird. Würde Mach aber nur dieses meinen, so müßten wir als
folgenschwere Irrtümer alle jene gehörten Aeußerungen bezeichnen, die mit
direkten Worten sagen, daß es eine Naturnotwendigkeit überhaupt nicht gebe;
Mach würde da aus dem Umstande, daß im zweiten Fall die Notwendigkeit
anders erfaßt wird, schließen, daß sie überhaupt keine Notwendigkeit sei.
(Davon ganz abgesehen, daß er eine in diesen Gegensatz zur Naturnotwendigkeit
gesetzte logische nicht als psychologische interpretieren dürfte, ohne einen
Zirkel zu begehen, weil eine psychologische Notwendigkeit eben doch nur
wieder als eine Naturnotwendigkeit gedacht werden kann.) Wollen wir diese
schärferen Aeußerungen daher nicht als mißverständlich betrachten, so kommen
eben auch nur die schärferen Interpretationen ins Spiel. Wir haben also nur die
Wahl: entweder sind die Ausführungen Machs unklar, in ihrem Kern aber ganz
zahm, ganz einig mit der gewöhnlichen Meinung oder es kommen nur die
schärferen Interpretationen in Betracht. Die Entscheidung kann aber in Hinsicht
auf die ganze bisherige Haltung nicht zweifelhaft sein, wenn man deren
Abweichungen von der Norm zusammenfaßt.
Denn was war das Ergebnis des dritten Abschnitts? Wir erwogen zwei
Möglichkeiten für die Bedeutung der in ihm wiedergebenen Begriffskritik. Eine
vorsichtig abmahnende, die von der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung nur
einen möglichst engen und naiven Anschluß an die erfahrbaren Tatsachen fordert, und eine radikalere, die es überhaupt für unmöglich erklärt, sich über die
sinnfälligen Erfahrungen zu erheben, etwas zu erschließen, das nicht selbst
unmittelbar sinnlich erfahrbar wäre. Mit Rücksicht auf den ganzen
Zusammenhang, besonders wegen des noch zu besprechenden Sensualismus,
sagten wir damals, sei nur die zweite Bedeutung als Machs Meinung in
Anspruch zu nehmen. Wir hoben aber gleichzeitig hervor, daß ihr von dieser
Seite her auch erst die hinreichende Begründung kommen müsse, zumal blieb
der Nachweis einzufordern, daß die Erfahrung zwar in wissenschaftlich
vollkommen befriedigender Form aber dennoch so gefaßt werden könne, daß das
von Mach bekämpfte begriffliche Transcendieren des Wahrnehmbaren
vermieden wird. – Im vierten Abschnitt lernten wir dann die Bedeutung des
funktionalen Zusammenhangs kennen. Wir sahen, daß die funktionale
Verknüpfung in erster Linie als eine rechnerische, d. h. als eine der Berechnung
quantitativer Merkmale dienende gilt, daß es also nahe liegt, (wenn auch noch
nicht berechtigt ist), sie nur als eine ökonomische zu betrachten. Man muß
letzteres aber tun, wenn sie Beziehung zu dem Vorherigen haben und dieses
stützen soll. Denn nur dann läßt sich mit einigem Anschein von Recht
behaupten, daß weil die Begriffe auf funktionalen Gleichungen ruhen und ihr
Inhalt durch die Erfahrungen erschöpft wird, die sich in diesen Gleichungen
ausdrücken, dieser Inhalt nichts sei als ein ökonomisches, zusammenfassendes
Symbol für die Berechenbarkeit bestimmter Erfahrungen auseinander;
nachweislich dürfte in der exakten Wissenschaft nur diese rechnerische Seite der
Verknüpfung vorhanden sein, damit in den wissenschaftlichen Begriffen nichts
liege, daß noch nach einer anderen Seite suchen hieße, nur unter dieser
Voraussetzung könnte die Berufung auf die exakte Forschung teilweise
wenigstens dem Vorangegangenen ein Fundament liefern.
Aber natürlich ist dem nicht schon dadurch genug geschehen, daß der alte
zweigliedrige Kausalbegriff „einer Dosis Ursache folgt eine Dosis Wirkung“[214]
fällt oder daß das Rechnerische in den Vordergrund tritt, sondern nur dadurch,
daß den in den Gleichungen ausgesprochenen Beziehungen überhaupt keine
Naturnotwendigkeit zugrunde liegt. Denn solange die Gleichungen tatsächliche
gesetzliche Beziehungen ausdrücken (allerdings würde man normalerweise
voraussetzen, daß sie auch nur dann die Berechenbarkeit gewährleisten), weisen
sie auf reale notwendige Verknüpfungen, und den Begriffen, die in dem von
ihnen beschriebenen Verhalten wurzeln, bleibt die Möglichkeit realer Bedeutung.
Es würde hier also in der ganzen Argumentation ein Loch klaffen, wenn die
Naturnotwendigkeit nicht geleugnet würde.
Und in der Tat stießen wir dann ja auf eine Polemik gegen die Notwendigkeit,
und mehr noch als bestimmte darauf bezügliche Stellen nötigt uns also der ganze
Zusammenhang, sie in diesem Sinne aufzufassen. Denn auch das Interesse an
der Zersetzung des Kraft- und Substanzbegriffes wird dann verständlich, weil
der Gedanke an eine Naturnotwendigkeit nicht zu umgehen ist, solange man an
Substanzen mit fest zugeeigneten Kräften glaubt, da dies ohne die Annahme
realer Notwendigkeit keinen Sinn hätte. Und endlich ordnet sich nun erst auch
jener erste Einwand gegen die Kausalität, die Natur sei nur einmal da,
Wiederholungen gleicher Fälle kenne sie nicht, in das Uebrige ein, den wir im
vorigen Abschnitt unerörtert ließen, weil wir erkannten, daß sich sein Sinn nicht
nur gegen die Kausalität richtet, sondern schlechtweg alles Naturgesetzliche und
Naturnotwendige untergräbt.[215] Wir sehen also tatsächlich, daß sich das Ganze
auf die dritte der von uns zur Erwägung gestellten Interpretationen zuspitzt.
Diese ist daher nicht nur notwendig um gewisse Aeusserungen nicht als
Uebertreibungen erscheinen zu lassen, wie wir dies vordem zeigten, sondern
auch um das ganze Gefüge der Machschen Gedanken nicht in belanglose und,
wie man dann wohl sagen dürfte, unvorsichtige Aeußerungen zerfallen zu lassen.
Umgekehrt werden wir nun aber auch mit Recht alles darauf ankommen lassen
dürfen, ob sie die Probe besteht oder nicht.
Nun gibt es doch aber offenbar in der Natur wenigstens den Anschein von
Notwendigkeit und Gesetz, nämlich unverbrüchliche Regelmäßigkeiten; sie sind
das, aus dem man das Vorhandensein einer Naturgesetzlichkeit ableitet, auch
dann wenn man über diese außer der Wahrscheinlichkeit ihres Daseins nichts
aussagen zu können glaubt. Wie Mach sich dazu verhält, ist daher von größter
Bedeutung.
Er sagt: „Unsere Naturwissenschaft besteht in dem begrifflichen quantitativen
Ausdruck der Tatsachen“.[216] Es ist aber „jeder naturwissenschaftliche Satz ein
A b s t r a k t u m, welches die Wiederholung gleichartiger Fälle zur
Voraussetzung hat“,[217] denn „wenn wir die Tatsachen in Gedanken nachbilden,
so bilden wir niemals die Tatsachen überhaupt nach, sondern nur nach jener
Seite, welche für uns wichtig ist; unsere Nachbildungen sind immer
Abstraktionen[218] „weil eine Regel, welche aus der Beobachtung von Tatsachen
gewonnen wird, nicht die ganze Tatsache in ihrer unerschöpflichen
Mannigfaltigkeit fassen, sondern nur eine Skizze der Tatsache geben kann,
einseitig dasjenige hervorhebend, was für den technischen oder
wissenschaftlichen Zweck wichtig ist. So hat man z. B. am Hebel zuerst die
Gewichte und Arme, dann die statischen Momente usw., endlich die Gewichte und die Zugrichtungen in Bezug auf die Axe als gleichgewichtsbestimmende
Umstände ins Auge gefaßt, und demnach die Gleichgewichtsregeln
gebildet.“[219] Mit anderen Worten: „Die fortschreitende Verschärfung der
Naturgesetze, die zunehmende Einschränkung der Erwartung entspricht einer
genaueren Anpassung der Gedanken an die Tatsachen. Eine vollkommene
Anpassung an jede individuelle, künftig auftretende, unberechenbare Tatsache ist
natürlich unmöglich. Die vielfache, möglichst allgemeine Anwendbarkeit der
Naturgesetze auf konkrete tatsächliche Fälle wird nur möglich durch
Abstraktion,[220] durch Vereinfachung, Schematisierung, Idealisierung der
Tatsachen, [Seite 100] durch gedankliche Zerlegung derselben in solche einfache
Elemente, daß aus diesen die gegebenen Tatsachen mit zureichender Genauigkeit
sich wieder gedanklich aufbauen und zusammensetzen lassen. Solche elementare
idealisierte Tatsachenelemente, wie sie in Wirklichkeit nie in Vollkommenheit
angetroffen werden, sind die gleichförmige und die gleichförmig beschleunigte
Massenbewegung, die stationäre (unveränderliche) thermische und elektrische
Strömung und die Strömung von gleichmäßig wachsender und abnehmender
Stärke usw. Aus solchen Elementen läßt sich aber jede beliebig variable
Bewegung und Strömung beliebig genau zusammengesetzt denken, und der
Anwendung der Naturgesetze zugänglich machen. Dies geschieht in den
Differentialgleichungen der Physik. Unsere Naturgesetze bestehen also aus einer
Reihe für die Anwendung bereit liegender für diesen Gebrauch zweckmäßig
gewählter Lehrsätze. Die Naturwissenschaft kann aufgefaßt werden als eine Art
Instrumentensammlung zur gedanklichen Ergänzung irgend welcher teilweise
vorliegender Tatsachen oder zur möglichsten Einschränkung unserer Erwartung
in künftig sich darbietenden Fällen.“[221]
Der wichtige, in diesen Ausführungen neu hinzukommende Gedanke, ist der,
daß das idealisierende und daher fiktive Moment an den Naturgesetzen betont
wird. Unsere Naturgesetze werden durch Abstraktion gewonnen, sagt Mach,
durch Absehen von der vollen Mannigfaltigkeit der Tatsachen, nur durch
Idealisierung der Tatsachen gelingt es uns, Gesetzlichkeit zu finden. „Alle
allgemeinen physikalischen Begriffe und Gesetze, der Begriff des Strahls, die
dioptrischen Gesetze, das Mariotte'sche Gesetz usw. werden durch Idealisierung
gewonnen. Sie nehmen dadurch jene einfache und zugleich allgemeine, wenig
bestimmte Gestalt an, welche es ermöglicht, eine beliebige auch komplizierte
Tatsache durch synthetische Kombination dieser Begriffe und Gesetze zu
rekonstruieren, d. h. [Seite 101] sie zu verstehen. Solche Idealisierungen sind bei
den Carnot'schen Betrachtungen der absolut nichtleitende Körper, die volle
Temperaturgleichheit der sich berührenden Körper, die nicht umkehrbaren
Prozesse, bei Kirchhoff der absolut schwarze Körper usw.“[222]
Ist dem aber so, wird das Gesetz nur durch idealisierende Fiktion gefunden, so
hat es, folgert Mach weiter, zwar die Wiederholung gleicher Ereignisse unter
gleichen Umständen zur Voraussetzung, weil es aber ein bloßes Abstraktum ist,
existiert auch diese vorausgesetzte Regelmäßigkeit nicht in der Natur sondern
nur in der Abstraktion, im idealisierten Schema.
Und damit sind wir nun tatsächlich bei dem Mißverständnis angelangt, auf das
sich die ganze Leugnung der Naturnotwendigkeit gründet; Notwendigkeit,
schließt Mach, findet sich nur in der Abhängigkeit unserer Begriffe von
einander, in unseren Vorstellungen von Gesetz u. dgl., diese sind aber durch
Idealisierung gewonnen, also [Seite 102] wird in die Natur die Notwendigkeit
auch nur fiktiv hineingetragen. „Für den wissenschaftlichen Gebrauch“, sagt
Mach, „muß die gedankliche Nachbildung der sinnlichen Erlebnisse noch
begrifflich geformt werden. N u r s o können sie benützt werden, um zu einer
durch eine begriffliche Maßreaktion charakterisierten Eigenschaft durch eine
begriffliche Rechenkonstruktion die davon abhängige Eigenschaft der Tatsache
zu finden, die teilweise gegebene zu ergänzen. Dieses Formen geschieht durch
Idealisierung“,[223] denn „nur unser schematisches Nachbilden erzeugt gleiche
Fälle, nur in diesem existiert also die Abhängigkeit gewisser Merkmale
voneinander“.[224] Dieser eindeutig bestimmten Abhängigkeit, heißt es weiter,
entspricht „nur eine Theorie, welche die immer komplizierten und durch
mannigfache Nebenumstände beeinflußten Tatsachen der Beobachtung
e i n f a c h e r und g e n a u e r darstellt, als dies durch die Beobachtung
eigentlich verbürgt werden kann“.[225] Nur dadurch „wird die mathematische
Physik zu einer deduktiven exakten Wissenschaft, daß sie die Erfahrungsobjekte
durch schematisierende, idealisierende Begriffe darstellt“.[226] Denn das genaue
Verhältnis ergibt sich nur durch Idealisierung und „erscheint nur als eine
Hypothese, durch deren Aufgeben die einzelnen Tatsachen der Erfahrung sofort
in logischen Widerspruch geraten würden. Nun erst können wir die Tatsachen
mit exakten Begriffen operierend selbsttätig rekonstruieren, wissenschaftlich,
logisch beherrschen. Der Hebel und die schiefe Ebene sind gerade so
selbstgeschaffene Idealobjekte der Mechanik, wie die Dreiecke Idealobjekte der
Geometrie sind. Diese Objekte allein können den logischen Forderungen
vollkommen genügen, welche wir ihnen aufgelegt haben. Der physische Hebel
[Seite 103] genügt ihnen nur so weit als er sich dem idealen nähert“.[227] Mit
anderen Worten: „die logischen Deduktionen aus unseren Begriffen bleiben
aufrecht, solange wir diese Begriffe festhalten“,[228] aber „die Tatsachen sind
nicht genötigt, sich nach unseren Gedanken zu richten“;[229] es richten sich bloß
„unsere Gedanken, unsere Erwartungen nach anderen Gedanken, nach den
Begriffen nämlich, welche wir uns von den Tatsachen gebildet haben. Nehmen
wir an, daß eine Tatsache genau unseren einfachen, idealen Begriffen entspricht,
so wird in Uebereinstimmung hiermit unsere Erwartung auch genau bestimmt
sein. Ein naturwissenschaftlicher Satz hat immer nur den hypothetischen Sinn:
Wenn die Tatsache A genau den Begriffen M entspricht, so entspricht die Folge
B genau den Begriffen N, so genau als A den M, so genau entspricht B den N.
Die absolute Exaktheit, die vollkommen genaue, eindeutige Bestimmung der
Folgen einer Voraussetzung besteht in der Naturwissenschaft nicht in der
sinnlichen Wirklichkeit, sondern nur in der Theorie“.[230]
Dies sind die Ausführungen, auf denen die Leugnung der Naturnotwendigkeit
ruht und auf die sich alles Uebrige [Seite 104] zuspitzt. Wir nannten sie
mißverständlich. Bevor wir jedoch daraus die Konsequenzen ziehen und von
neuem in die Kritik eintreten, ist es notwendig noch einen letzten Gedanken zu
berücksichtigen: den Machschen Sensualismus, die Elemententheorie.
Diese Analyse der Empfindungen (nach Machs Benennung) oder
Elemententheorie (wie wir mit Bezug auf einen ihrer wichtigsten Begriffe kurz
sagen können) würde ein Kapitel für sich erfordern, wollte man auf alle
Zweifelhaftigkeiten eingehen, die ihr anhaften. Wir haben jedoch schon in der
Einleitung unsere Aufgabe beschränkt und auf den wichtigsten Punkt
konzentriert, auf den Zusammenhang nämlich, der, nach Machs Behauptung,
seine Anschauungen als Konsequenzen der exakten Forschung rechtfertigen soll.
Diesen Zusammenhang haben wir in seinen wichtigsten Teilen bereits kennen
gelernt, er ergibt eine eigentümliche erkenntnistheoretische Haltung und Mach
sagt selbst im Vorwort zur Analyse der Empfindungen ganz dem entsprechend:
„Nicht eine Lösung aller Fragen, sondern eine erkenntnistheoretische Wendung
wird hier versucht“.
Diese erkenntnistheoretische Wendung, mit der wir es, als vermeintlichem
Ergebnis der bisherigen Untersuchungen, bei der Elemententheorie zu tun haben,
ist aber die, daß in Konsequenz des Idealisierenden, Fiktiven in der
Naturwissenschaft die den Gesetzen zugrundeliegende reale Notwendigkeit
geleugnet und Gesetz wie Theorie bloß als ein Instrumentarium[231] betrachtet
wird, dessem fiktiven Gehalt keine Eigenbedeutung zukommt, sondern nur die
eines Hilfsmittels zur Herstellung eines übersichtlichen Tatsacheninventars.[232]
Dies also, obwohl wir näher darüber erst später reden wollen, muß jetzt schon festgelegt werden, und wir werden sehen, daß sich das Wichtigste aus der
Analyse der Empfindungen tatsächlich [Seite 105] darauf zurückführen läßt.
Andererseits ist jedoch auch darauf zu verweisen, daß die Auflösung in
Elemente selbst wieder ein weiterer Schritt zu diesem erkenntnistheoretischen
Endbilde ist, denn bisher haben wir zwar gesehen, daß die Substanzbegriffe aus
der wissenschaftlichen Behandlung ausgeschieden werden, solange man aber an
Psychisches und Physisches, an eine Innenwelt und eine Außenwelt glaubt, kann
diese Operation kein definitives Resultat ergeben, weil dabei ja sozusagen der
Krankheitserreger im wissenschaftlichen Organismus zurückgeblieben ist.
Wenn man nun unter dem Gesichtspunkt dieser Vorbemerkung die Analyse
der Empfindungen betrachtet, so findet man, von Nebensächlichem[233]
abgesehen, drei Hauptgruppen zusammengehörender Gedanken:
[Seite 106] Erstens sprechen die Ergebnisse der Naturwissenschaft ohnedies
nur von Zusammenhängen von Empfindungen, die Welt ist also eine Welt der
Empfindungen.
Was diesen Gedanken betrifft, genügt Folgendes, um ihn zu illustrieren: Wir
wissen, daß die Physik eine Erfahrungs-, eine Tatsachenwissenschaft ist, oder
wie Mach sagt: „die einzig unmittelbare Quelle naturwissenschaftlicher
Erkenntnis ist die sinnliche Wahrnehmung“;[234] die Interpretation selbst der
abstraktesten Gleichung führt gleichfalls auf solche Wahrnehmungen, auf
Sinnlich-Anschauliches als ihre Grundlage, oder wie Mach sagt: „alle
Rechnungen, Konstruktionen usw. sind nur Zwischenmittel diese
Anschaulichkeit zu erreichen“.[235] Nun ist zwischen einer
Erfahrungswissenschaft und einer Wissenschaft von Empfindungen allerdings
noch ein gewaltiger Unterschied, aber Mach glaubt ihn dadurch überbrücken zu
können, daß er schließt: Gleichungen beruhen auf Messungen, Messungen
reduziert man auf Grundmaße, gewöhnlich Länge, Masse und Zeit, Masse und
Zeit kommen aber, wie wir gehört haben, auf Längemessungen hinaus.
„Demnach ist die Längemessung die Grundlage für alle Messungen. Allein den
bloßen Raum messen wir nicht, wir brauchen einen körperlichen Maßstab,
womit das ganze System mannigfaltiger Empfindungen eingeführt ist. Obschon
also die Gleichungen nur räumliche Maßzahlen enthalten, sind dieselben auch
nur das ordnende Prinzip, das uns anweist, aus welchen Gliedern in der Reihe
der sinnlichen Elemente wir unser Weltbild zusammenzusetzen [Seite 107]
haben“.[236] M. a. W.: „Die Naturgesetze sind Gleichungen zwischen den
meßbaren Elementen der Erscheinungen“[237], ein „quantitatives Regulativ“ der
sinnlichen Vorstellung.[238]
In erster Linie, denke ich, wird man dem einwenden, daß dieses „quantitative
Regulativ“ sich nur in höchst indirekter Weise auf sinnliche Vorstellungen
bezieht. Denn das eine ist klar, daß die Elemente, von denen in den Gleichungen
der Physik die Rede ist, zunächst keine sinnlichen sondern begriffliche Elemente
sind. Von keinen anderen als solchen war bisher die Rede, mit keinen anderen
würde sich auch das Bisherige vertragen, – man denke bloß daran, daß einzelne
Bestimmungsstücke der Gleichungen ja idealisiert und fiktiv gefunden wurden,
also in der sinnlichen Wirklichkeit gar nicht angetroffen werden können, – und
endlich spricht ja Mach selbst ausdrücklich von Begriffen. „Für den
wissenschaftlichen Gebrauch muß die gedankliche Nachbildung der sinnlichen
Erlebnisse noch begrifflich geformt werden“,[239] heißt es und „für den Physiker
sind Begriffe die Bauanweisung“.[240]
Sollen danach also die ursprünglichen Aeußerungen noch aufrecht erhalten
bleiben, so muß den Begriffen selbst eine Vermittlerrolle zugedacht sein. Und in
der Tat meint Mach: Der Physiker operiert immer mit Empfindungen, denn diese
liegen seinen Begriffen zu Grunde. Jede experimentelle Anordnung durch die
wir zu einem Gesetz gelangen oder auf deren Beschreibung die Definition eines
Begriffes ruht,[241] „gründet sich auf eine fast unabsehbare [Seite 108] Reihe von
Sinnesempfindungen, insbesondere, wenn noch die Justierung der Apparate in
Betracht gezogen wird, welche der Bestimmung vorausgehen muß. Also
bedeutet ein physikalischer Begriff nur eine bestimmte Art des
Zusammenhanges sinnlicher Elemente.“[242] Daß dennoch nicht direkt davon die
Rede ist, erklärt Mach so: „die Naturwissenschaft lehrt uns die stärksten
Zusammenhänge von Gruppen von Elementen kennen. Auf die einzelnen
Bestandteile dieser Gruppen dürfen wir vorerst nicht zu viel achten, wenn wir
ein faßbares Ganzes behalten wollen. Die Physik gibt, weil ihr dies leichter wird,
statt der Gleichungen zwischen den Urvariablen, Gleichungen zwischen
Funktionen derselben. Die psychologische Physiologie lehrt von dem Körper das
Sichtbare, Hörbare, Tastbare absondern, das Sichtbare löst die Physiologie
weiter in Licht- und Raumempfindungen, erstere wieder in die Farben, letztere
ebenfalls in ihre Bestandteile; die Geräusche löst sie in Klänge, diese in Töne auf
usw. Ohne Zweifel kann diese Analyse noch sehr viel weiter geführt werden, als
es schon geschehen ist. Es wird schließlich sogar möglich sein, das
Gemeinsame, welches sehr abstrakten und doch bestimmten logischen
Handlungen von gleicher Form zugrunde liegt, ebenfalls aufzuweisen. Die
Physiologie wird uns mit einem Worte die eigentlichen realen Elemente der Welt
aufschließen.“[243] Natürlich muß man dem hinzufügen, daß diese „Ueberlegung
nur ein Ideal weisen“ kann, „dessen annähernde allmähliche Verwirklichung der
Forschung der Zukunft vorbehalten bleibt. Die Ermittlung der direkten
Abhängigkeit der Elemente voneinander,“ sagt Mach, „ist eine Aufgabe von
solcher Komplikation, daß sie nicht auf einmal gelöst werden kann;“[244] die
[Seite 109] Richtung, in welcher die Aufklärung durch eine lange und mühevolle
Untersuchung zu erwarten ist, kann natürlich nur vermutet werden. Das Resultat
antizipieren, oder es gar in die gegenwärtigen wissenschaftlichen
Untersuchungen einmischen zu wollen, hieße „Mythologie statt Wissenschaft
treiben.“[245]
Auf diese Gedanken reduziert sich dann auch die zweite Gruppe von
Einwänden, die wir daher gleich anschließen wollen. Was uns von den Körpern
gegeben ist, sagt Mach, sind (nach gewöhnlicher Redeweise) die Empfindungen,
die sie in uns auslösen, also Sinnesinhalte, „Farben, Töne, Wärme, Drücke,
Räume, Zeiten usw., in mannigfaltiger Weise miteinander verknüpft.“[246] Wie
kommen wir nun von da zur Annahme von Dingen? Die Antwort ist: weil wir
ein Bedürfnis nach einheitlicher Zusammenfassung haben[247] und weil diesem
der Umstand entgegenkommt, daß „in dem Gewoge der Empfindungen die
Summe der bleibenden Glieder gegenüber den veränderlichen, namentlich wenn
wir auf die Stetigkeit des Ueberganges achten, immer so groß ist, daß sie uns zur
Anerkennung des Körpers als desselben genügend erscheint,“[248] „das relativ
Feste und Beständige tritt hervor, prägt sich ein, drückt sich in der Sprache
aus.“[249] Glaubt man aber deswegen, daß hinter den Erscheinungen wirklich ein
„bleibender Kern“, ein Ding liege, von dem die Erscheinungen „bewirkt“[250]
werden, so begeht man den Fehler, die subjektive Willkürlichkeit der
Repräsentation zu übersehen und letztere objektiv zu hypostasieren,[251] m. a. W.
die Beständigkeit für absolut zu erklären, während sie in Wirklichkeit doch bloß
relativ ist und eben nur hinreichend, um eine subjektive Vereinheitlichung, [Seite
110] nicht aber auch eine objektive Einheit zu begründen. Die Beständigkeit des
betreffenden Empfindungskomplexes ist ferner an gewisse Bedingungen
gebunden (an unser Verhalten und an Beziehungen zur Umgebung) und auch
deswegen nur eine relative; weil man aber diese Bedingungen stets in der Hand
hat, weil sie leicht realisierbar sind, beachtet man sie nicht immer und hält den
Körper als Repräsentanten des Elementenkomplexes für stets vorhanden;[252] ja
man tut dies sogar in Fällen, wo der Wille zur Realisierung der Bedingungen
nicht mehr allein genügt oder wo die volle Realisierung der Sinnfälligkeit
überhaupt unmöglich ist.[253] Vermeidet man aber diesen Fehler, so kann man
nur umgekehrt sagen, daß Körper oder Dinge abkürzende Gedankensymbole für Gruppen von Empfindungen sind, Symbole, die außerhalb unseres Denkens
nicht existieren[254], denn mit dem Wegfall der Empfindungen verlieren überdies
die hinzugedachten Kerne allen Inhalt[255]; „nicht die Dinge, sondern was wir
gewöhnlich Empfindungen nennen, sind eigentliche Elemente der Welt“[256],
„nicht die Körper erzeugen Empfindungen, sondern Elementenkomplexe bilden
die Körper“[257] und als letztes Ergebnis: „Die Empfindungen verschiedener
Sinne eines Menschen, sowie die Sinnesempfindungen verschiedener Menschen
sind gesetzlich voneinander abhängig. Darin besteht die Materie.“[258]
Es ist nicht nötig, viel über diese Argumentation zu sagen; der Schein von
Berechtigung, der ihr – allerdings weniger in dieser nüchternen
Zusammenstellung als in der fließend und wie selbstverständlich erzählenden
Darstellung Machs – anhaftet, rührt nur daher, daß diese Ausführungen sich auf
einer primitiven, vorläufigen, [Seite 111] durchaus ungeklärten Basis bewegen.
Was heißt ein Bündel, ein Komplex, ein gesetzlicher Zusammenhang von
Empfindungen? Das sind Vorstellungen, die, bevor sie erwogen werden können,
erst wissenschaftlich präzisiert werden müssen. Doch dies eben weist uns auch
auf den Zusammenhang: das wissenschaftlich genau gefaßte Verhalten der Dinge
liegt in den Gesetzen, und wir fanden dies ja gerade durch Mach hervorgehoben;
dadurch reduziert sich dann die ganze Frage auf die frühere, inwiefern die
Naturgesetze Gesetze zwischen Empfindungen seien; nur dort, wo man schärfer
zupacken kann, kann auch sie ihre Erledigung finden. Und nur der indirekte Weg
über die Vermittlerstellung des Begriffs kann dafür in Betracht kommen, denn
sollte Mach das Wesen der Substanz in einem anderen gesetzlichen
Zusammenhange der Empfindungen verschiedener Sinne und verschiedener
Menschen sehen als in diesem, so blieben wohl erst die Gesetze der äußeren
Natur zu zeigen, die direkt sich auf Empfindungen beziehen; die gewöhnlichen
physikalischen Gesetze sind es nicht und können auch nicht von Mach dafür
ausgegeben werden, ohne daß er in den unlösbarsten Widerspruch mit den Seite
107 erwähnten sonstigen Konsequenzen seiner Haltung geriete.
Es bleibt uns dann noch eine dritte Gruppe von Einwänden, dahin zielend, daß
die Trennung zwischen eigenen und fremden Empfindungen wie die zwischen
Empfindung und Empfundenem als irreführend beseitigt wird, wonach es nur
mehr einerlei „Elemente“ gibt, die an sich weder der Innenwelt noch der
Außenwelt angehören.
Nehmen wir an, die Naturgesetze seien nur ein quantitatives Regulativ der
sinnlichen Vorstellungen, sie wiesen uns an, aus welchen dieser und in welcher
Kombination wir bestimmte Tatsachen nachzubilden hätten. Dann sind Rot,
Grün, Ausdehnung, Druck usw. die Elemente der Außenwelt, sofern sie
wahrgenommen wird. Immerhin scheidet die gewöhnliche Auffassung auch dann
noch [Seite 112] zwischen dieser sinnlichen Gelegenheit der Elemente und ihrer
(ev. unerkennbaren) von den subjektiven Bedingungen der Wahrnehmung
unabhängigen Natur. Diese Scheidung bekämpft Mach, nach ihm sind Rot,
Ausgedehnt u. dgl. sozusagen schon die Elemente an sich, und ihre
vermeintliche Doppelstellung zwischen Physischem und Psychischem beruht nur auf einem Wechsel und einer Verwechslung der Perspektive.
Er sagt: Nennen wir diese Elemente A B C ...; ein besonderer Teil davon bildet
unseren Leib und wird mit K L M ... bezeichnet; endlich sind noch als α β γ .. die
eigentlichen psychischen Elemente, Stimmungen, Erinnerungsbilder, Gefühle,
Willen[259] u. dgl. zu bezeichnen. Von ihnen wird nun zunächst vorausgesetzt,
daß sie von Vorstellungen nicht wesentlich verschieden seien[260]. Dann sind
also die α β γ ... dasselbe wie die K L M.. und A B C ... Nun hängt K L M
sowohl mit α β γ ... wie mit A B C ... enger zusammen als diese untereinander,
denn unsere psychischen Vorgänge beeinflussen die Vorgänge in der Außenwelt
nicht direkt, wohl aber sind sie von Nervenprozessen, also Veränderungen in K L
M ... abhängig; und ebenso hängt A B C ... mit K L M ... zusammen, denn es
zeigt sich, „daß verschiedene A B C ... an verschiedene K L M ... gebunden
sind“; z. B. erscheint ein Körper dem rechten Auge anders als dem linken, bei
geschlossenen Augen gar nicht u. dgl.[261] Was gegeben ist, sind also einerlei
Elemente in verschiedenen Verhältnissen der Abhängigkeit. Auf deren
Verschiedenheit beruht aber einzig und allein der ganze Dualismus. Achtet man
auf K L M ... nicht und betrachtet nur den Zusammenhang [Seite 113] der A B C
..., so treibt man Physik, achtet man auf den Zusammenhang mit K L M ... so
treibt man Psychologie und darf A B C ... als Empfindungen bezeichnen.[262]
Sofern man alle A B C .. in diesen Zusammenhang bringen kann, können alle
Elemente als Empfindungen gelten und das Ich, das sich aus den Empfindungen
aufbaut[263], kann die ganze Welt umfassen.[264] „Jedenfalls aber ist für uns
wichtig, zu erkennen, daß es bei allen Fragen, die hier vernünftigerweise gestellt
werden können, auf die Berücksichtigung verschiedener Grundvariablen und
verschiedener Abhängigkeitsverhältnisse ankommt. An dem Tatsächlichen, an
den Funktionalbeziehungen wird nichts geändert, ob wir alles Gegebene als
Bewußtseinsinhalt oder aber teilweise oder ganz als physikalisch ansehen.“[265]
Wie steht es nun aber mit den Empfindungen, die wir doch [Seite 114] auch bei
anderen Menschen voraussetzen? Sie sind, meint Mach, von uns nach Analogie
hinzugedacht[266], sind funktional [Seite 115] hinzugedacht[267], weil uns das
Verhalten der anderen Menschen erst dadurch vertraut wird[268]. „Die
Vorstellungen von dem Bewußtseinsinhalt unserer Mitmenschen spielen für uns
die Rolle von Zwischensubstitutionen, durch welche uns das Verhalten der
Mitmenschen, die Funktionalbeziehung von K L M ... zu A B C ..., soweit
dasselbe für sich allein (physikalisch) unaufgeklärt bliebe, verständlich
wird.“[269]
Wir haben jetzt in ziemlicher Vollständigkeit das Material beisammen und können nun auch unsere Bemühungen, die in ihm liegenden Widersprüche und
Irrtümer aufzuzeigen, zu Ende führen. Bisher hatte uns unser Weg von der
Forderung des Nachweises, daß die Erfahrung in wissenschaftlich befriedigender
Weise und dennoch ohne Transcendieren des Wahrnehmbaren gefaßt werden
könne, zu der Interpretation der funktionalen Verknüpfung als einer nur
ökonomisch-rechnerischen geführt, von dieser Interpretation zur Leugnung einer
Naturnotwendigkeit, von dort einerseits zur Rolle der Idealisierung und der
Abstraktion, die ihr – wie wir dort vorweg sagten – mißverständlich zugrunde
gelegt wird, andererseits zur Auffassung der Wissenschaft als eines bloß
ökonomischen Instrumentariums und Inventars, die aus der Leugnung der
Naturnotwendigkeit erfolgt.
An dieser Stelle schalteten wir die Elemententheorie ein; was ist nun ihr
Ergebnis? – Es blieben uns zwei Gedankengänge. In dem einen glaubte Mach
den Unterschied zwischen einer auf Grund von Wahrnehmungen aufgebauten
[Seite 116] Wissenschaft und einer Wissenschaft von Wahrnehmungsinhalten
dadurch überbrückt, daß die Naturgesetze in ihren letzten Konsequenzen
ordnende Prinzipien sind, die uns anweisen, aus welchen sinnlichen
Vorstellungen wir unser Weltbild zusammensetzen sollen, Gleichungen zwischen
den meßbaren Elementen der Erscheinungen, quantitative Regulative der
sinnlichen Vorstellung. Ist dies der Fall, dann wäre die ganze Wissenschaft nur
zu einer Vermittlung zwischen den Erscheinungen berufen, würde in dieser
Aufgabe wurzeln und wäre in ihr abgeschlossen; sollte sich vielleicht auch da
und dort auf diesem Wege ein Hinausgehen der Bedeutung über das
Wahrnehmbare nicht vermeiden lassen, so würde es doch gewissermaßen nicht
zur Sache gehören, sondern nur eine dem algorithmischen Symbol anhaftende
Mitbedeutung sein. Wir zeigten aber, daß diese Behauptung nur indirekt
genommen werden dürfe, weil die in den Gesetzen auftretenden Elemente nicht
sinnliche, sondern begriffliche sind, was auch von Mach zugegeben wird. Die
Vermittlerrolle suchten wir daher bei der Auffassung des Begriffs und stießen
dabei auf Machs Erklärung, daß zwar die heutige Physik, weil ihr dies leichter
falle, nicht Gleichungen zwischen den Urvariablen, sondern solche zwischen
Größen gebe, die bereits deren Funktionen sind, die Begriffe aber dennoch nur
eine bestimmte Art des Zusammenhanges sinnlicher Elemente bedeuten.
Ganz abgesehen davon, daß Mach (vgl. S. 108) den strengen Beweis dieser
Behauptungen einer zukünftigen Wissenschaft vorbehält und selbst nur jene
nicht eigentlich diskutablen Aphorismen vorbringt, die wiederum wir bis zur
wissenschaftlichen Präzisierung zurückstellen mußten, ergeben sich gegen seine Behauptung aber auch sofort prinzipielle Bedenken. Denn daß jeder empirische
Begriff auf Wahrnehmung beruht, haben wir zwar zugegeben, daß dies nun aber
auf einmal gleichbedeutend mit [Seite 117] einem Zusammenhang von
Sinnesinhalten sein soll, ist eine Unterschiebung. Denn obzwar natürlich die
Wahrnehmungen in Sinnesinhalten bestehen und Wahrnehmungen zu den
Begriffen führen, sozusagen also auch zu einem Begriffe zusammengefaßt
werden, so bedeutet der Begriff doch etwas anderes als eine Zusammenfassung
von Wahrnehmungen, wie man erkennt, wenn man seine Bedeutung entfaltet.
Schreibe ich einem Körper die Eigenschaft α, beispielsweise Masse, zu, wenn er
das wissenschaftlich fixierte Verhalten α zeigt, so kann ich dies natürlich nur tun,
weil α da und dort wahrgenommen wurde, aber ich kann es nicht minder auch
nur deswegen tun, weil α selbst von seinem Wahrgenommenwerden unabhängig
ist, weil der Wechsel der wahrnehmenden Person gar nichts an ihm ändert u. dgl.
So wenigstens nach der herrschenden Ansicht, davon ganz abgesehen, daß
Wahrnehmungen, die auf den gleichen Gegenstand bezogen werden, immer noch
nicht gleiche Inhalte voraussetzen.
Doch soll eben diese Auffassung durch die letzte Gruppe von Argumenten als
irrtümlich hingestellt werden. Die Unterscheidung zwischen der sinnlichen
Gegebenheit der Elemente (den Elementen sofern und wie sie wahrgenommen
werden) und der Natur dieser Elemente als Gegenstände, unabhängig von den
subjektiven Bedingungen der Wahrnehmung, ist falsch; warum? Weil sie nur auf
einem Wechsel der Untersuchungsrichtung beruht, hieß es, und auf
Unterschieden der funktionalen In-Verbindung-Setzung. Die Elemente sind nur
einmal da und sind weder physisch noch psychisch, nur in Bezug auf andere
Elemente sind sie bald das eine, bald das andere. Daß man sie dann aber in
Relation zu Teilen des eigenen Körpers psychisch, in Relationen zu fremden
Körpern physisch nennt, ist ganz gleichgültig, unter Umständen sogar
irreführend, jedenfalls aber unnötig, denn das berechtigte wissenschaftliche
Interesse ist damit erschöpft, daß man [Seite 118] erfährt, wie sie sich in beiden
Fällen verhalten, welche Art funktionaler Abhängigkeit bestehe u. dgl.
Es fragt sich nun, ob der phänomenale Dualismus wirklich, wie Mach meint,
dem positiv Gegebenen nur so äußerlich angeheftet sei, oder ob er nicht doch
notwendig darin liegt? Eines ist sicher, ist eine Erfahrungstatsache: die Elemente
A B .., von denen Mach spricht, sind immer an das Vorhandensein von K L M
gebunden, denn wo es beispielsweise keine Netzhaut gibt, dort gibt es auch
keine Farbe, oder diese Farbe dürfte kein Mach'sches Element, müßte etwas
hinter dem Inhalt sein. Würde man dann Elemente A B .. in Abhängigkeit von Elementen D E .. untersuchen, so dürfte man also nicht von K L M ..
abstrahieren, jede physikalische Untersuchung bliebe eine psychologische. Mach
selbst gibt an, daß die ursprünglichen Gleichungen die Form F (A B .. K L ..) = 0
haben.[270] Welche Möglichkeiten gibt es nun, von K L .. abzusehen? Es wäre
verständlich von irgend einem skeptischen Gesichtspunkte aus, hier käme der
der Oekonomie in Betracht, der die Tatsachen nach seinem Gutdünken ordnet,
statt die ihnen immanente Ordnung abzulesen, oder zweitens wäre es erlaubt,
wenn man die Unabhängigkeit der A B C .., bezw. die Einflußlosigkeit der K L
M .. nach den Forderungen der Gesetzesinduktion beweisen könnte. Im ersten
Falle käme es, wie erwähnt, auf die Oekonomie hinaus und weiter den ganzen
Ableitungsgang durch bis zu jener Leugnung realer Notwendigkeit, bei der wir
stehen blieben. Der zweite Teil aber wäre einfach der Beweis dafür, daß die A B
.., die physikalischen Elemente, untereinander in gesetzlichen Beziehungen
stehen, notwendig miteinander verknüpft sind, unabhängig von ihrem Charakter
als Inhalte, der ja mit dem ausgeschalteten K L .. wegfällt.
[Seite 119] Ganz genau so liegt es aber auch mit dem Hinzudenken von
Sinnesempfindungen bei anderen Menschen; denn Mach sagt, wie wir gehört
haben, daß man sie nach Analogie hinzudenke, so wie man zur eigenen
Empfindung den neurologischen Prozeß hinzudenkt, an einer anderen Stelle[271]
vergleicht er es sogar mit dem Schlusse auf eine derzeit nicht beobachtete
Eigenschaft eines stromdurchflossenen Leiters, wenn man an diesem sonst alle
zugehörigen Eigenschaften beobachtet hat. – Liegen diese Fälle aber parallel,
dann besteht kein Zweifel, daß man entweder ein psychisches Leben der anderen
Menschen mit wissenschaftlicher Bestimmtheit annehmen muß oder daß man
diese Bestimmtheit auch in ganz einwandfrei anerkannten Fällen der
Gesetzesinduktion leugnet. Wir haben also hier tatsächlich wieder die gleiche
Alternative: entweder führt sich Mach selbst ad absurdum oder das Argument
fließt in die bisherigen ein.
Was aber endlich die Rede von dem verschiedenen Feld anlangt, auf dem der
Unterschied zwischen Wahrnehmung und Vorstellung beruhen soll, so sagt
Mach, daß dies im Grunde nichts anderes heiße, als daß das betreffende Element
mit verschiedenen anderen verknüpft sei; nun muß man entweder ausgesprochen
nur-psychische Elemente α β γ darunter annehmen (wie etwa die Funktionen der
modernen Psychologie), durch die sich das eine Feld von andern unterscheidet,
da in den A B .., so zahlreich sie auch miteinander verknüpft sein mögen, dieser
Unterschied nicht liegt, oder man darf den Unterschied nicht in dem
Verknüpften, sondern muß ihn in der Art der Verknüpfung suchen. Im ersten Fall ist natürlich weiteher dem Dualismus eine Grundlage geschaffen als dem
Mach'schen Monismus; Unterschiede in der Art der Verknüpfung aber führen, da
sie ja doch nur so weit in Betracht kommen als sie gesetzlich sind, auf eine
verschiedene gesetzliche Struktur der Gebiete des Psychischen [Seite 120] und
des Physischen und damit abermals zu einer Trennung beider, oder aber sie
werden ignoriert und dann haben wir es wieder mit dem alten Standpunkt zu tun.
So führen also auch die Grundgedanken der Analyse der Empfindungen
entweder auf Widersprüche oder zu jenem Punkt, zu dem wir auch alles andere
zurückführen konnten und mit dessen Besprechung wir unsere Aufgabe
beschließen dürfen.
Wir kamen zu der Annahme, daß Mach eine Notwendigkeit in der Natur
leugne und sich über sie hinwegsetze. Ausdrückliche Worte sprechen dafür und
der Sinn des Ganzen, der gliedweise Aufbau verlangte es so, in dem Maße, daß
das System überhaupt in eine Reihe von Widersprüchen zerfiele, wenn man den
verschiedenen Gedanken diese einheitliche Orientierung entzöge.
Und nun genügt es, darauf zu verweisen, daß gerade dieser zusammenhaltende
Gedanke Mach in den schärfsten Widerspruch gegen sich selbst versetzt, in den
Widerspruch gegen sich als Forscher. „In der Tat ist die Absicht ein Gebiet zu
erforschen nur mit der Annahme der Erforschbarkeit desselben vereinbar. Diese
setzt aber Beständigkeiten voraus, denn was sonst sollte durch die Forschung
ermittelt werden“.[272] Dies sind Worte Machs und wir lassen ihnen, wegen der
Wichtigkeit dieses Punktes eine Reihe ähnlicher folgen: „Daß die Abhängigkeit
eine feste sei, setzen wir vernünftigerweise voraus, wenn wir an die Erforschung
gehen. Die bisherige Erfahrung hat uns diese Voraussetzung an die Hand
gegeben, und jeder neue Forschungserfolg bestärkt uns in derselben“.[273]
„Beschrieben, begrifflich in Gedanken nachgebildet kann nur werden, was
gleichförmig, gesetzmäßig ist“.[274] „Wir haben mit dem Postulat der
Gleichförmigkeit der Natur keinen Fehlgriff getan, wenn auch bei der
Unerschöpflichkeit der [Seite 121] Erfahrung die absolute Anwendbarkeit sich
nie wird dartun lassen und wie jedes wissenschaftliche Hilfsmittel immer ein
Ideal bleiben wird“.[275] „Daß wir mit Hilfe eines Gesetzes prophezeien können,
beweist die hinreichende Gleichförmigkeit unserer Umgebung“.[276] „Ich bin
überzeugt, daß in der Natur nur das und soviel geschieht, als geschehen kann,
und daß dies nur auf eine Weise geschehen kann.“[277] „Die genauere
quantitative Forschung zielt auf möglichst vollständige Bestimmtheit, auf
eindeutige Bestimmtheit“.[278] „Die eindeutige Bestimmtheit gewisser uns wichtiger Eigenschaften von Tatsachen durch andere leichter zugängliche wird
in den wissenschaftlichen Aufstellungen angestrebt“.[279] „Während der
Forschung ist jeder Forscher notwendig Determinist. Dies ist auch dann der Fall,
wenn er mit bloßen Wahrscheinlichkeiten zu tun hat. Die Sätze der
Wahrscheinlichkeitsrechnung gelten nur dann, wenn Zufälligkeiten durch
Komplikation verdeckte Regelmäßigkeiten sind.“[280]
Dies alles sind Aussprüche Machs und sie sagen deutlich, daß Mach,
wenigstens an diesen Stellen, feste, gesetzliche, das sind aber notwendige,
Beziehungen in der Natur voraussetzt und in wünschenswertem Maße für
erforschbar hält. Nun ist es möglich, daß in diesen Stellen eine Entgleisung liegt,
dann trifft der Vorwurf aber auch zahlreiche andere, die wir hier nicht
ausdrücklich anführten, wo Mach eine Gleichförmigkeit, Regelmäßigkeit,
Erforschbarkeit, eindeutige Bestimmbarkeit und Vorhersage der Tatsachen mit
gleicher Deutlichkeit anerkennt. Und abgesehen von der Größe dieser
Widersprüche würde außerdem dem ganzen Gebäude der Schlußstein fehlen.
Denn wir [Seite 122] konnten wohl die Leugnung der Notwendigkeit mit der
Tatsache in Zusammenhang bringen, daß die Naturgesetze in einer
idealisierenden Weise begrifflich gefaßt werden, der Nachweis aber, daß wegen
dieses Umstandes hinter den Gesetzen keine Notwendigkeit stehen k ö n n e,
wurde uns nicht gegeben. Und ebensowenig jener zweite, gleich dringend
erforderliche, daß man auch dann noch zu einer erkenntnistheoretischen Haltung
gelangen könnte, die mit den Ergebnissen und Forderungen der exakten
Forschung im Einklang bleibt, wenn man wirklich (was im Gegebenen ja nicht
der Fall ist) die Leugnung der Naturnotwendigkeit in allen ihren Konsequenzen
durchführen würde.
Die zweite Möglichkeit ist aber die, daß man gerade die zuletzt gehörten
Aussprüche und die ihnen verwandten für die Machs wahrer Meinung
entsprechenden hält, wonach also die Leugnung der Naturnotwendigkeit nur auf
einem Mißverständnis beruhen könnte.
Und tatsächlich scheint hierbei ein solches unterlaufen zu sein. Denn was
Mach zur Unterstützung hervorhob, war der Umstand, daß die genaue von den
Gesetzen a u s g e s p r o c h e n e Abhängigkeit nur zwischen den begrifflich
intendierten Gegenständen besteht und daß diese Gegenstände idealisierte sind,
die so nicht in der Wahrnehmungswelt existieren. Aber man mag dies daher auch
eine Fiktion nennen, so darf man diese doch nicht für willkürlich ansehen. Denn
sie ist in der Erfahrung fundiert. „Die Erfahrung muß zunächst lehren, welche Abhängigkeit der Erscheinungen von einander besteht, und nur die Erfahrung
kann das lehren“,[281] und „unsere Begriffe sind in der Tat selbstgemachte,
jedoch darum noch nicht ganz willkürlich gemachte“,[282] sagt Mach selbst. Die
Erfahrung nun lehrt das Bestehen ungeheurer Regelmäßigkeiten mit Deutlichkeit
erkennen. Diese Regelmäßigkeit, die uns zu allererst auf eine Notwendigkeit
[Seite 123] schließen läßt, liegt also in den Tatsachen. Und sie wird natürlich
nicht durch eine Idealisierung aus diesen weggeschafft, ja wenn man, was hier
nicht geschehen kann, den Induktionsvorgang genau analysiert, sieht man, daß
sie sogar jedem Schritte dieser Idealisierung zugrundeliegt; die Idealisierung ist
in den Tatsachen motiviert. Daher ist es aber auch irrtümlich, zu sagen, die
Notwendigkeit werde erst durch die Idealisierung in die Tatsachen
hineingetragen. Denn die Notwendigkeit, von der man das sagen könnte, diese
nur zwischen den idealisierten Begriffen bestehende, die Mach daher eine bloß
logische nennt, diese hypothetische, mit den unerfüllbaren Vordersätzen: wenn
es ein vollkommenes Gas gibt, eine reibungslose Flüssigkeit u. dgl. – die setzt
freilich vorerst eine Idealisierung voraus, die ist aber auch nicht die eigentliche
Notwendigkeit, ja sie ist überhaupt nur Notwendigkeit, wenn es zuerst jene
andere gibt, die in den Tatsachen liegt, selbst wenn wir mit unseren Mitteln an
deren wahre Struktur nie ganz herankommen sollten.
Woher immer die Leugnung der Naturnotwendigkeit aber gekommen sein
möge, wird sie, wie wir hier als zweite Möglichkeit annahmen, von Mach fallen
gelassen, so verlieren wieder alle früher dargestellten Anschauungen die
Berechtigung ihres spezifischen Charakters; das Gesetz ist dann nicht bloß eine
Tabelle, die rechnerische Abhängigkeit kann gegen die sie fundierende reale
zurücktreten, die ökonomische Erfahrung gegen die Erforschung, der
theoretische Zusammenhang kann mehr sein als eine bloße Ordnungsbeziehung,
auf Grund der voneinander verschiedenen Typen physikalischer und
psychologischer Gesetze treten Empfindung und Gesetz wieder auseinander, mit
dieser Abtrennung von Dingen, die untereinander in gesetzlicher Abhängigkeit
stehen, ist wieder eine Möglichkeit für die Kausalität geschaffen usw. und Machs
darauf bezügliche Ausführungen wären mißverständlich und irreführend.
[Seite 124] Ob aber so oder so, ob man sich an die Anerkennung der
Notwendigkeit halte oder an die Anschauungen, die zu ihrer Leugnung führen
müssen, beide Male kommt man auf einen Widerstreit in Machs eigenen
Anschauungen. Welche Wendungen immer die berührten Probleme daher noch
nehmen mögen, eine eindeutige Lösung, einen voll befriedigenden Standpunkt
für künftige Lösungen hat Mach nicht aufgezeigt. Freilich gilt dies nur bezüglich der letzten metaphysischen und erkenntnistheoretischen Resultate, wie sie hier
erwogen wurden. Im Einzelnen sind die Schriften Machs, wie ja allgemein
anerkannt ist, voll der glänzendsten Ausführungen und fruchtbarsten
Anregungen, deren Betrachtung aber nicht mehr in den Rahmen unserer
Aufgabe fällt.