Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Adolf Knoblauch · Kapitel 10 von 17

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Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Kaukasus.

 

Brücken, Stahlschienen, Wagen tragen den Leib des glücklich dem

wolhynischen Gemetzel Entronnenen. Bäche, Ströme, Hügel beugen ihre breiten

Rücken, Wälder setzen ihren schwarzen Fuß zögernd in die endlose Steppe und

nehmen endlich Abschied von Dada. Russische Dome heben ihre Türme mit

Zimbeln der goldenen Kuppeln und zärtlichen Kreuzen. Rosa-Lämmer mit

Glöckchen um den Hals springen auf zum Silbermond in grüner Abendaue, und

ein Lächeln betaut Dadas Angesicht. Eines der Rosalämmer hüpft auf die

gewölbte Mondsichel, und Dada faßt hinauf in dem zärtlichen Bedürfnis, als der

gute Hirte das Tier auf den Arm und an seine Brust zu nehmen. Da schwillt die

zarte Rosagestalt ungeheuer an zum blutroten Mastodon, dessen Wanst langsam

über den kleinen Mond sinkt und ihn mit blauen Riesenschatten verhüllt.

Die himmlischen Eisdiamanten des Kaukasus erscheinen am

Himmelsgewölbe, königlich über den Reichen des Lebens. Keine Absolution

durch Handauflegen, keine Gnade durch Messe und Rosenkranz —

erdwurzelnder Glaube, strenge Ordnung, Riesenkreis säulenstarker Offenbarung.

Die feierlichen Stimmen der Berge dulden keine versteckten Winkel voller

Trägheit und keine Schlammfelder voll anarchischer Mordtaten.

Die Berge wandeln erhaben, senken sich, ruhen, steigen an und neigen

schwarze Riesentafeln über Dada. Eisige Windströme stoßen von nächtlichen

Hängen, reißen und kälten ins Mark. Düster geduckt harrt Dada zwischen

Bauern gekauert, auf den Ausbruch des roten Wahnsinns, wenn vom Riegel des

Orients die Trompete schallt und die Nie-Entsühnten zum Weltgerichte ladet.

 

* * *

 

Durch die Städte des Hafis gelangt Dada zum Indischen Ozean. Mit

englischen Khakis, die zur Front nach Görz eingeschifft werden, geht Dada an

Bord eines mit Rauten und Rechtecken übermalten Kreuzers. Anders als er in

Pola über die Adria emporflog zur Eroberung des Poles, belastet, verdumpft,

zugeschüttet, kehrt er endlich heim von seiner Europareise zu Italia: zu ihr, die ihn als ihren Marschall aussandte, kehrt er müde und ohne sein schimmerndes

Schild heroischer Taten zurück und keine Hymne Emanueles rauscht

heimatskündend dem vielbewanderten Dada.

Krank, zerrüttet verbringt der Flüchtling die Reise im Bette. Im Fiebertraum

steigt der Kaukasus immer drohender, in schrecklicher Schönheit empor. Dada

klimmt an düstren Hängen auf und hämmert hilflos einsam riesige kubische

Glastafeln an die Felswände. Aber sie lockern sich schnell und stürzen in die

Tiefe, aus der furchtbare Windströme die Kräfte seiner Arme saugen.

Qualgeblendet steigt Dada zu den prometheischen Firnen auf, um ihnen seine

antiseptischen Glastafeln aufzuhämmern, aber die mächtigen Berge spotten

seiner kindischen Anstrengungen.

Als das Fieber von Dada weicht, bemächtigt sich des Dichters ein

dämonischer Glaswahn: mit riesigen Glastafeln will er Berge, Küsten und

Hochflächen bedecken und sie schützen vor der Fäulnis und Verderbnis des

kriegführenden Europas durch eine Erdarchitektur des Glases.

 

* * *

 

In Brindisi betritt Dada das gelobte Land unter den Huldigungen der

weiblichen Bevölkerung, die einen Helden vermutet. Die gewaltige Gestalt,

gehüllt in einen schweren Mantel von Kardinalsrot, zieht aller Blicke an.

Während Dada die Terrassen vom Meere heraufschreitet, wird er mit Blumen

überschüttet, Körbe mit Früchten Siziliens werden ihm nachgetragen.

Dada wölbt die athletische Brust und spricht zu den italienischen Frauen: „Der

Held träumte unter den Blumen des Orients vom armen Karst im Norden, den

die lateinische Flagge seit Jahrhunderten nicht mehr küßte. Der Held fährt zu der

schaurigen Hölle zu Füßen der Alpen, die eure lebendigen Söhne frißt.“

Dadas Ruhm beginnt. In Neapel und Rom wird er interviewt und gefilmt,

Barzini schildert seine antarktische Reise. Jenes dunkle Attentat auf die

ukrainische Eisenbahnlinie, das vielen Tschakos den Garaus gemacht, und das

der Dichter der Urlaute in einem molligen Interview zum besten gegeben hat,

wird in der ganzen Kriegspresse abgedruckt zur Förderung einer gesunden

Akzentuierung der Heeresberichte. Seine Hymnen werden als patriotische

Kundgebung für den Sieg Italiens über den Nordpol verherrlicht, und die um

Bissolati träumen von seinem Denkmal auf dem Karst. Nur der Avanti erklärt

sich gegen eine öffentliche Geldsammlung für die Statue Dadas.

Der Gefeierte im roten Kardinalsmantel aber träumt von höheren Ehren und

von einem andern Ruhm, der ihm nicht von seinem Nebenbuhler d’Annunzio

und der Rache der Anarchisten streitig gemacht werden kann.