Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Adolf Knoblauch · Kapitel 7 von 17

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Dada, mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Dresden.

 

Dada wendet sich sogleich nach Dresden, um Derobeas Aufenthalt zu

erkunden. Siehe da: auch sie ist nach einjähriger Abwesenheit in den

Polarländern zurückgekehrt, um von Dresden aus zum Gemahl nach Rom

weiterzureisen. Sie hat die Expedition des Herzogs auf der Heimreise in

Hamburg verlassen. Es ist ein köstliches Wiedersehen von Taubenzärtlichkeit,

und sie beschließen, ganz der Kunst und der intimsten Gesellschaft geweihte

Wochen gemeinsam zu verleben. Die reiche, in Künstlerkreisen sehr wohltätige

Dame veranstaltet eine Reihe großer Empfangsabende und Feste, um die

Künstler Dresdens und Berlins einzuladen. Die glückliche Derobea versammelt

Sänger, Komponisten, Dichter, Rezitatoren, Maler, sie ruft Kunstausstellungen

hervor, wirbt Zeitungen für den Dienst der neuen Kunst, der sie ihre Salons zur

Verfügung stellt. Zusammen sind Derobea mit Dada die berühmten Protektoren.

Derobea und ihr Kreis bewundern die Hymnen des großen Istrianers aus

Lappland und dem Reiche der Sarmaten und Tartaren: „Das Nordlicht“ sowie die

Hymnen und die Philosophie von den Urlauten der kindlichen Rassen. Sämtliche

Werke Dadas erscheinen im Druck, an ihrer Spitze die Hymnen an Derobea, der

das Ganze in kindlicher Dankbarkeit zu Füßen gelegt wird. Derobea ist

glücklich. Dadas Genie ist in Deutschland entdeckt, er wird gemalt, wertvolle

Liebhaberausgaben seiner Dichtungen werden subskribiert, seine Philosophie

wird die Grundlage einer neuen Richtung der Ausdruckskunst. In kühnen

Vorträgen bemächtigen sich Doktoren der Kunstwissenschaft der Dadaschen

Dichtung. Gestammelte, gelallte, gestöhnte, gestaunte und geseufzte

Empfindungsurlaute des Eskimos in Dadas Rhythmik haben die bisherigen

Sprachgrenzen des Kulturmenschen überwunden, kein Verbum, kein Objekt

fesselt den Strom der Dichtung, die wohlanständig logische Frisur des Satzbaus

ist zerstört, das Subjekt allein bleibt im ewigen Einerlei seiner Abwandlungen

bestehen: wunderbar entfesselt, ausgebreitet in einer Welt freier Leidenschaften,

freien Liebens, Tötens und Getötetwerdens. Aus den Greueln Europas schreitet

Dadas neues Subjekt hervor, um durch die Eisstürze des Polarkreises und die

kalte Herrlichkeit des Nordlichts das Absolutum der Kunst zu finden, die letzte demantharte Kristallisierung, die Reinigung der kulturbefleckten Menschheit.

 

* * *

 

In ihren Salons hat Derobea eine Reihe Spielzeuge für Kinder aufgestellt:

einen Garten mit Arche Noah aus Pappe und bemalten Hölzchen, Postkutschen,

Lokomotiven, Müllerwagen, Puppen und Dreiertieren mit mechanischem

Antrieb. Alle Spielzeuge sind mit den Urlauten Dadas versehen. Man drückt auf

einen rosa Gummipfropfen und die Figur stößt den ihrem Charakter angepaßten

Urlaut aus, den Dada einem Lappländer, Samojeden oder Tartaren abgelauscht

hat. Mit diesen Spielzeugen erheitert Derobea ihren Kreis, nachdem Dada eine

seiner leiernden Hymnen vorgetragen hat. Da erschallen die Säle Derobeas von

wunderlichem Geplärr und Geschrei, die Gäste versuchen selbst die Urlaute

nachzuahmen, es ist, als ob eine ganze Mädchenschule eingesperrt ist und in

allen Stimmlagen ihre Lehrer äfft. Durch Passanten aufmerksam gemacht,

erscheint eines Tages die Polizei in Derobeas Hause, um dem revolutionären

Lärm nachzuforschen. Alles lacht und der errötende Dada verschwindet hinter

Derobeas mütterlicher Statue. Denn ein Plastiker hat Derobea und Dada in

Jordaenscher Fülle aus Marmor gehauen.

 

* * *

 

Eine neue furchtbare Stimme hat sich aus Berlin erhoben und droht wie einer

der sagenhaften Gaskogner der Iliade dem Istrianer mit Herausforderung auf

Urlaute. Ein Kreis von tyrtäischen Künstlern hat sich unter Führung von drei

auserwählten Männern auf den Marsch begeben: mit dem Programm eines

organisierten Orkans der erneuerten Künste und einer löffelartigen Fortbildung

ihrer Sprechwerkzeuge. Vor ihnen her geht die neue furchtbare Dichterstimme

Hackhacks aus dem Schall einer verstärkten Kindertrompete, neben ihm „denkt“

der Philosoph mit Augen von Tetraëdern, geschliffen aus gewöhnlichem Kiesel

und lacht erotisch über den eigenen und Hackhacks Bombast. Der Direktor des

Ganzen springt über sie, rührt besessen die Hacken und tanzt in dünnster Luft.

An jedes seiner langen langen Haare ist ein Heft des tyrtäischen „Orkans“

geknüpft und fliegt rund mit solchem Babygrinsen, solcher Dummdreistigkeit,

als wäre sein Dasein wichtiger als das der restlichen Schöpfungswerke.

Diese drei starken Männer haben die Kunst ethisch gedrillt und unter

Polizeiaufsicht genommen. Gelenkt von einer Mänade von internationalem

Blondschein, genügt Berlin keineswegs ihrem teutonischen Eroberungsdrange.

Sie ziehen eines Abends in Dresden ein und Hackhack veranstaltet eine Orgie seiner Dichtungen in Derobeas Salon. Unter Chagalls „Bild des Gehörnten“ lernt

Dada Hackhack kennen. Der Vortragende, ein Märtyrer der Kunst Hackhacks,

donnert in ununterbrochener Ekstase die Berliner Dichtungen, mit der Eintönung

der heraufgestemmten Urlaute, die seltsam von fern an die Leier Dadas erinnert.

Es sind Dichtungen in mediumistischem Trance und spiegeln den zerwühlten

Zustand hindämmernden Weltlebens, zersetzter, geschwächter und zur

schöpferischen Ohnmacht verdammter Völker.

Gleich Dada hat Hackhack das Objekt und Prädikat ausgerodet. Das Subjekt

strömt hartnäckig seine unaufhörlichen Interjektionen in einem Niagara von

Verben, die weder Logik noch Satzgefüge hemmen, und sich in eine furchtbare

Öde stürzen, die nur einige trübe Berlinismen erquicken. Dada würde gern den

neuen Mann aus Preußen als seinen Doppelgänger von der nördlichen Hälfte

Europas begrüßt haben, wenn ihn nicht eine furchtbare Anomalie gegen

Hackhack eingenommen hätte: das sind die seltsam zerhackten Wortreste der

deutschen Sprache zum höheren Ruhme des neuen Gottes, der Kunst!

Ausgerodeten, bleichenden Wurzelknorren oder Brocken von großen

Stämmen gleichen diese armseligen sinnberaubten Wortreste, die in einer

unermüdlich quellenden, gurgelnden, schubbsenden, zappelnden Flutung eines

furchtbar stöhnenden, schwer Atem ringenden Subjekts kreisen, dem Gesetz der

Beharrung unterworfen gleich ihrem Schöpfer. Dada ergreift eines dieser

vergewaltigten Worte, die aktivische Vorsilbe ist ihm abgesägt, und der bloße

Schwanz als leidenschaftslose Urerscheinung aus der Kindheit germanischer

Rasse zeigt die Hoheit des Dichters. Der in den Urlauten völkischer

Säuglingstage tiefbohrende Dada steht entsetzt vor diesen Urformen berliner

Hackhacks.

Wird Dada auf seine sinnlichen Urlaute verzichten, und jene

Lautempfindungen aus ihnen hacken, die Dadas teuerstes Gut sind? Wird er dies

Verbrechen seinen Wörtlein antun, damit sie schnell an der Oberfläche

mitschwimmen können?

Oder wird Hackhack sich seiner Dichtersiege und seiner unzähligen Krüppel

von Worten freiwillig begeben, die seinen fürchterlichen Berserkeranfällen von

pedantischer Wortschrauberei und Klügelei entsprossen sind? Die Hexerei,

Taschenspiegelei aus Berlin und ihre dekadente Wüstheit betrübt Dadas

katholische Seele und italienisch formgebildeten Kunstgeist. Auch er ist

begehrlich nach den wildesten Urgenüssen, dafür ist er moderner Silen. Aber

Hackhack ist auch Hackhack in der Seele und das taugt Dada nicht.

Am Morgen nach dieser Berliner Gassenjugend begibt er sich mit Derobea

zum ersten Male seit Jahren zu einer Messe in die Liebfrauenkirche. Er

besprengt sich mit geweihtem Wasser, beugt das Knie und betet aufrichtig für die Reinheit seiner Seele und seiner der menschlichen Befreiung geweihten Kunst.

 

* * *

 

Im selben Sommer, der Derobeas und Dadas Märchenglück sieht, bricht der

Krieg aus, der allen Aspirationen des Istrianers ein Ziel setzt und den Konsul aus

Rom in die Arme seiner Gattin zurückführt.

Dada wird nach Österreich zum Heere eingezogen, macht einige Märsche mit

und bleibt dann als Badewärter in einem Lausoleum Galiziens hängen.